Skip to main content

Full text of "Geschichte der Augenheilkunde"

See other formats



THE LIBRARY 
OF 

THE UNIVERSITY 

OF CALIFORNIA 

LOS ANGELES 



// 

Kapitel XXIII. Pf\ilf 

(Fortsetzung.) 

Die Allgenheilkunde in der Neuzeit, 

Von 

J. Hirschberg, 

Professor in Berlin. 
Mit zahlreichen Figuren im Text und mehreren Tafeln. 



Eingegangen im Oktober 1908. 



Drittes Bucli. 

Vierter Abschnitt. 

Die vornelimliciisten Augenärzte und Pfleger der Augenlieilkunde 
Im 18. Jahrhundert und ihre Schriften. 

§ 356. Vorbemerkinigen. Weder eine dürre Liste der Augenärzte 
noch eine kurze Aufzählung der Fortschritte in den einzelnen Kapiteln der 
Augenheilkunde kann uns ein klares Bild von der großartigen Entwicklung 
unsres Faches im 18. Jahrhundert gewähren. Wir müssen uns bemühen, 
den Persönlichkeiten näher zu treten \',. Wir müssen aber auch 
durch eingehendes Studium ihrer Schriften ein volles Verständnis ihrer 
Leistungen zu gewinnen suchen. 

Da in dem aufgeklärten 18. Jahrhundert die Augenheilkunde weder, 
in der Wissenschaft, noch in der Lehre, noch in der Kunstübung von der 
Wundarzneikunst geschieden war; so müssen wir natürlich außer denen, 
welche den Namen Augenarzt führten und verdienten, auch diejenigen 
hier erwähnen, welche als Aerzte, Wundärzte, Gelehrte der Augenheilkunde 
oder einigen Zweigen derselben eine besondre Pflege angedeihen heßen. 
Von dem Inhalt ihrer Schriften werde ich so genaue Nachricht zu geben 
suchen, dass dem Leser die ihm doch fehlende Bibliothek ersetzt und ein 



1) »Der Mensch wirkt alles, was er vermag, auf den Menschen, durch seme 
Persönlichkeit.« Goethe, Bd. 3, S. 279, Z. 29. (Jubil.-Ausg. in 40 B.) 

Hanflbucli der Augenlieilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII Kap. 1 



2 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

möglichst klares Bild von dem Aufbau der neuen Augenheilkunde, nämlich 
Zeit und Ort, wo jeder einzelne Baustein eingefügt wurde, vermittelt wird. 

Somit gewinnen wir eine vollständige und geordnete Bibliographie 
unsres Faches aus dem 18. Jahrhundert. 

Beginnen wollen wir mit Frankreich, das vom Anfang des 18. Jahr- 
hunderts bis über seine Mitte hinaus an der Spitze marschierte. 

Ganz mit Recht sagt TfiNON (§ 365): »Die Wundarzneikunst hat in 
Frankreich während der 50 Jahre, welche der Revolution voraufgingen, 
den Schritt eines Riesen gemacht und mehr geleistet, als in der Reihe der 
Jahrhunderte seit Hippokrates.« 

Den reisenden Pfuschern erwächst in Frankreich ein Wettbewerb 
durch tüchtige Wund- und Augenärzte, die der Augen-Operationen sich 
bemächtigen. 

Die Professoren der medizinischen Facultäten beschäftigen sich aller- 
dings noch nicht praktisch mit der Augenheilkunde und müssen sie doch 
lehren! Ihre Schriften sind werthlos, weil nicht auf Erfahrung begründet. 
(Vgl. § 385.) 

Als der berühmte Doctor Antoine Deidier, Professor zu Montpellier, 
1 722 den Pförtner des Krankenhauses am Star operiren lassen wollte, 
ließ er dazu den Augenarzt vmd Steinschneider Dubois aus Nimes kommen; 
1726 bezeugte er dem letzteren, dass er die Operation auf beiden Augen 
sehr geschickt ausgeführt, dass der Operirte bis zu seinem Tode (1725) 
vorzüglich gesehen; und dass er darauf die Augen untersucht, ganz durch- 
sichtig und die Linsen aufgelöst, wie schon früher in einem Fall, gefunden 
habe. Sowie übrigens die der Augenheilkunde beflissenen Meister der 
Wundarzneikunst auf das Gebiet der arzneilichen Behandlung von 
Augenkrankheiten sich begeben, verfallen sie der Eifersucht der mit dem 
Doctor-Titel geschmückten Aerzte'). 

1765 wurde zu Paris, aber nicht von der Fakultät der Medizin, 
sondern von La Martini£re, dem Vorsteher der Wundarztschulen des 
Königreiches, die Stelle eines Professors und Demonstrators der 
Augenheilkunde begründet, und Louis Florentin Dehais Gendron damit 
betraut. Seine Nachfolger waren Becquet und Arrachart^]. Die Einrich- 
tung dauerte aber nicht lange. Am 19. August 1792 unterdrückte der 
Convent alle Universitäten 3] und CoUegien, somit auch die Professur der 



1) Trug u. Pansier, Opht. ä Montpellier 1907, S. -190 fgd. 

2) Terson, Archiv, d'üpht., XIX, S. 352. 

3) Erst nach der Drucklegung dieses Abschnittes erhielt ich von Hrn. G. Stein- 
heil, dem ich auch an dieser Stelle meinen besten Dank ausspreche, das Pracht- 
werk: »Commentaires de la faculte de Paris, 1777 k 1786«, Paris 1903 (40, 
412 + 1488 S.), das ich noch für einige Anmerkungen benutzen konnte; ebenso 
auch »Notice historique sur l'ancienne Facultö et le College des Chi- 
rurgiens jurös de Paris«, Paris 1905. (4^^, 79 S.) 



Frankreich: Brisseau, Maitre-Jan. 3 

Augenheilkunde zu Paris, sowie diejenige zu Montpellier, welche Jean 
Seneaux seit 1788 bekleidet hatte. 

Diese Zerstörung brauchbarer Einrichtungen, welche der Con- 
vent beliebte, hat mit dazu beigetragen, dass in Frankreich während des 
ersten Drittels vom 1 9. Jahrhundert ein solcher Still- und Tiefstand in der 
Augenheilkunde vorherrschte. . 

Wie schädlich sofort die Aufhebung der Fakultäten gewirkt, erhellt 
am deutlichsten aus einer Rede des Staalsrathes und Professors der Chemie 
FoüRCROY (1801) im gesetzgebenden Kürper: »Seit dem Dekret vom iS. Au- 
gust 1792, welches die Universitäten, Fakultäten und gelehrten Korporationen 
in Frankreich aufhebt, giebt es keine regelmäßige Aufnahme von Aerzten 
und Wundärzten mehr. Die vollständigste Anarchie ist an Stelle der ehe- 
maligen Organisation getreten. Diejenigen, welche ihre Kunst gelernt haben, 
finden sich vermengt mit jenen, die nicht den mindesten Begriff davon 
haben. Fast überall ertheilt man Patente, den einen wie den andern. 
Das Leben der Bürger ist in den Händen ebenso habsüchtiger wie un- 
wissender Menschen.« Noch im Anfang des 1 9. Jahrhunderts trieben die 
»Oculisten« in Frankreich ungeheure Gharlatanerie. Ueberall fand man 
die Ankündigung eines »Medecin oculiste«, und an allen Straßen-Ecken die 
pommades antiophtalmiques, coUyres u. s. w. ^). 

§ 357. Brisseau (1). 
Zuerst wäre Brisseau zu nennen, obwohl er nicht Augenarzt gewesen 
und — auch nicht geworden; er, der uns den Besitz der richtigen Star- 
Lehre erobert hat. Aber von ihm haben wir (in § 325 und 326) schon 
genügend gehandelt. 

§ 358. Maitre-Jan (2). 

Der zweite ist Meister Antoine Maitre-Jan, vereidigter Wundarzt des 
Königs, zu Mery-sur-Seine. 

Nur wenig wissen wir von dem Leben dieses ausgezeichneten Wund- 
arztes, der zwar auch über Nasen-Polypen, über Missbildungen, über die 
Entwicklung des Hühnchens geschrieben, aber doch der Augenheilkunde 
seine besondre Neigung zuwandte, die richtige Star-Lehre mit begründen 
half und im Jahre 1707 das erste moderne Lehrbuch über Augen- 
heilkunde verfasst hat. (Vgl. § 327 und § 339 No. 22.) 

A. V. Haller (bibl. chir. I, 577) urtheilt über dieses Werk: Bonus 
über et qui gradum suum, etiam inter nuperos tenet. J. Beer (1799, 
Repert. I, S. 13) wiederholt dies wörtlich. In der Chir. von Bertrandi 
(1796, X, 7) wird es als klassisch und noch immer brauchbar hingestellt. 



1) G. Fischer, Chir.- vor 100 Jahren, 1876, S. 66. 



4 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Ich meine, es ist das erste vollständigere, einigermaßen syste- 
matische, von eigner Erfahrung durchsetzte Lehrbuch der Augenheil- 
kunde seit den Zeilen der besseren Araber ('isÄ b. *^ÄLi und "^Ammär), d. h. 
seit dem Jahre 1000 u. Z. 

Wenn man den stattlichen Quartband von 570 Seiten in die Hand 
nimmt und mit seinem Vorgänger »Des maladies des yeux« von Güillemeau 
(§ 319) vergleicht; so findet man nicht bloß den Inhalt grüßer, sondern 
namentlich auch den Gehalt viel reicher. Bei dem ersteren ist noch das 
ganze Gewebe antik, darauf hie und da eine moderne, eigne Verzierung 
angebracht. Bei dem letzteren mag die Kette noch antik sein, aber der 
Einschlag ist neu und eigenartig. 

Die ersten 100 Seiten handeln von der Anatomie und Physiologie des 
Auges. Die Definition des Auges — l'oeil est l'instrument de la vue, une 
partie organique, composee de membranes u. s. w. — stammt übrigens aus 
dem Araber '\sK b. 'Ali, bezw. aus der lat. Uebersetzung, Jesu hali, I c. 1 : 
Oculus est membrum sensibile instrumentale videns et est compositus ex tuni- 
cis, membranis etc. 

Diese Anatomie ist nun nicht mehr, wie bei Güillemeau, nach den 
Alten, sondern nach den Neuen beschrieben und auch durch eigne For- 
schungen bereichert. Durch Versuche hat Meister Antoine festgestellt, dass 
der Glaskörper aus einem Maschenwerk von Häuten und Fasern besteht, 
welches von Flüssigkeit erfüllt ist. Die Linse studiert er durch Kochen 
und Eintauchen in verdünntes Scheidewasser und findet, dass sie an der 
Kapsel nicht haftet, was ja vollkommen richtig und durch die neuesten 
Versuche (von C. Hess) bestätigt ist; dass sie aus schalenähnlichen Häuten 
und einem härteren Mittelstück (Centrum) besteht, und dass die Häute aus 
Fasern zusammengesetzt sind. Er injicirt auch durch den Sehnerven eine 
Mischung von einem Theil Scheidewasser und zwei Theilen V^'asser, unter- 
bindet den Sehnerven und schneidet das Auge nach 4 Tagen auf. Der 
Glaskörper schwimmt im Wasser; die Linse taucht sofort unter, sie hat 
ein größeres specifisches Gewicht. (Galbn hatte irriger Weise die ent- 
gegengesetzte Ansicht. Vgl. B. XII, S. 334, § 215.) Linse und Glaskörper 
sind keine »Feuchtigkeiten«. 

Den Ciliarkörper bält er für ein Filter, um aus den Arterien den Glas- 
körper zu ernähren; die Linse ernährt sich durch Imbibition. Der Ueber- 
schuss der Augen-Flüssigkeiten muss in die Venen zurückkehren. Dies ist, 
in einem Lehrbuch der Augenheilkunde, der erste Versuch über die 
Circulation der Augenflüssigkeiten. (Woolhouse schreibt hier an 
den Rand meines Exemplars: Tout cela est tire de la these de Jacob 
Hovius HoUandois. — Die Dissertation von Hovius Ist vom Jahre 1702.) 

Jetzt folgt eine Abhandlung über das Sehen, die wir auch seit den 
arabischen Werken (von IIunain und Saläh ad-din u. a., XIII, § 267, 



Maitre-Jan. 5 

§ 272) in keinem Lehrbuch der Augenheilkunde angetroffen haben, — aber 
hier mit Versuchen! 

Mit Versuchen über die Dunkelkammer, über Spieglung und Brechung 
des Lichts und mit schließlicher Anwendung auf das Auge und das auf 
der Netzhaut entworfene Bild. »Der Krystall ist nicht absolut nothwendig 
zum Sehen, wohl aber zum Scharfsehen.« 

In der eigentlichen Krankheitslehre packt er kühn das Haupt-Problem 
an und beweist den Sitz des Stars in der getrübten Linse. (Vgl. § 327.) 
Die Ursache des Stars findet er entsprechend seinen vorher erwähnten 
Versuchen in einer sauren und beißenden Flüssigkeit, die entweder durch 
Fluxion eindringt oder durch Congestion sich anhäuft zwischen Linse und 
Kapsel, — ein Satz, gegen den Brisseau sich sogleich erhoben, ebenso wie 
gegen Antoine's Irrlehre von den Anhängseln (Accompagnements) des Stars. 
Der reife Star ist weiß in der oberen Schicht und braun näher zum Mittel- 
punkt. Den milchigen und käsigen Star hält Antoine für eine Vorstufe 
des festen. 

Das Mückensehen geht wohl der Star-Bildung vorauf, aber nicht in 
jedem Fall; kommt auch vor, ohne dass Starbildung folgt, und bleibt 
ohne Schaden für das ganze Leben. (Imagination perpetuelle.) Dies ist, viel- 
leicht zum ersten Male, eine neue und richtige Darstellung dieser wich- 
tigen subjektiven Zeichen. Bezüglich der Prognose des Star-Stichs kommt 
A. nicht viel weiter, als seine Vorgänger. Bei Kindern muss der Star-Stich 
aufgeschoben werden, bis sie vernünftig geworden. Durch Arzneien 
kann man den Star nicht heilen. 3Ian muss die Kranken in Ruhe 
lassen, sie trüsten und geduldig die Reife abwarten. Ist die Zeit der Ope- 
ration gekommen und der Kranke sonst gesund, so lässt man ihn vor- 
bereiten durch seinen Herrn Hausarzt^); wenn ein solcher nicht vor- 
handen, muss man selber ihn vorbereiten — mit Diät, Aderlass, Abführung 
(Senna, Rhabarber, Kassia, Manna u. a. mehr, — alles in demselben Recept!). 

Operiren kann man zu jeder Jahreszeit, nur soll man die grüßte 
Kälte und Hitze meiden. Mai und September sind die besten Monate. 
Ein klarer Tag ist erwünscht. Die Star-Nadel muss von mittlerer Größe,. 
ein wenig platt, an beiden Seiten schneidend sein. Man braucht zwei für 
die beiden Augen. Nach dem Gebrauch muss man sie waschen. 

Die Beschreibung der Operation ist ganz ausgezeichnet, so klar und 
anschaulich, dass jeder, der überhaupt operiren kann, sie nachzumachen 
im Stande ist. Der Einstich geschieht 2'" schläfenwärts vom Hornhaut- 
Rande in derjenigen Graden, welche die beiden Augenwinkel verbindet. Bei 
der Nachbehandlung des Star-Stichs erscheint noch zum Verband das Weiße 
des Eies, aber nicht mit Rosen-Oel, wie bei den Alten, sondern mit destil- 



1) par Monsieur son Medecin ordinaire. 



ß XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

lirtem Rosen -Wasser; es erscheint sogar noch der weiße Trochiscus des 
Rhazes. — 'Die Entzündung nach der Slar-Operation wird bekämpft 
durch den bei Meister Antoine unvermeidlichen Aderlass; aber auch 
Blutegel an den Schläfen tauchen auf und Blasenpflaster hinter 
den Ohren. 

Hierauf folgt eine Erläuterung der Schwierigkeiten und eine genaue 
Beschreibung ungewöhnlicher Operationen, des milchigen, des käsigen Stars 
u. a. Seit den Zeiten von "^Ammär, d. h. seit 700 Jahren, haben wir in 
der augenärztlichen Literatur keine genauen Star-Operations-Geschichten an- 
getroffen! 

Der Star gehurt zu den erblichen Krankheiten, zwei Brüder und eine 
Schwester derselben Familie wurden von Meister A. am Star operirt. Die 
Anlage dazu war angeboren. Auch ihre Mutter hatte an Star gelitten und 
war operirt worden. Schließlich kommt auch die Operation eines Stares 
von 30 jähriger Dauer. »Die günstigen Fälle sind nicht aus Prahlsucht 
berichtet. Das ist nicht meine Art. Ich gestehe offen, dass ich öfters 
unübersteigliche Schwierigkeiten getroffen, und dass ich mich mehr- 
mals in der Beurtheilung eines Stares getäuscht habe.« 

Zu den falschen Staren rechnet A. das Glaukom, das er, mit den 
Alten, von Vertrocknung der Linse ableitet und für unheilbar erklärt. Als 
neue Krankheit (Hervorragung und Vergrößerung der Linse mit Erweiterung 
der Pupille) beschreibt er einige Fälle, die wir wohl für chronisches Glau- 
kom halten können. 

Der Wackel-Star, schon von Celsus angedeutet, ist unheilbar. Er 
wird durch Verflüssigung des Glaskörpers verursacht. Bei einer Kuh sah 
A. dies Leiden, untersuchte das Auge und fand Verflüssigung des Glas- 
körpers und kegelförmige Abhebung der ganzen Netzhaut; der 
Glaskörper bestand nur aus wenigen Fasern, die Linse hing an den ver- 
längerten Ciliar-Fasern und war verkleinert. 

Was er vom akuten Abscess der Linse sagt, will uns nicht recht 
einleuchten; noch weniger der chronische, bei dem Wooldouse (B. XIII, S. 432, 
22a) mit Recht an den Rand geschrieben: Veritable Gataracte. Bei Kalbs- 
und Hammel-Augen konnte A. die Linse nicht durch den Star-Stich nieder- 
legen, weil die Kapsel nur wenig zerrissen wurde, und ist überzeugt, dass 
in dem reifen Star die Kapsel sich leicht abtrennt. 

Die gewaltsame Verschiebung der Linse') mit den Erscheinungen 
von Glaukom wird richtig geschildert, und auch der einfache Star nach 
leichter Erschütterung des Augapfels erwähnt. 



i) Le döplacement forc^ du Crystallin. Ist der Name nicht geschmackvoller, 
bezeichnender und richtiger, als >traumatische Luxation <? A. erklärt in seinem 
Nachwort, dass er gern die nächstliegenden Bezeichnungen aus der Mutter- 
sprache gewählt habe. 



Maitre-Jan. 7 

Von den Leiden des Glaskörpers ^) werden genannt: I.Verflüssigung, 
2. Ausdehnung. 3. Schwund, 4. Zusammenhangs-Trennung. 

Das Kammerwasser erleidet Vermehrung durch äußere Entzün- 
dungen des Augapfels; und auch Verminderung. Nach dem Ausfluss 
ersetzt es sich rasch wieder. 

Unter den Leiden der Netzhaut steht zuerst die Nachtblindheit 
(Aveuglement de nuit). Dass sie auf Verdickung des Sehgeistes beruhe, (wie 
Griechen und Araber behauptet hatten.) will Verf. gar nicht erst widerlegen : 
vielleicht könne die Netzhaut hierbei nicht von schwachem, sondern erst 
von starkem Licht erschüttert werden. Die eingewurzelte ist unheilbar, 
zumal bei Alten ; die frische heilt mitunter von selber. Kollyrien sind dabei 
unnütz. Die Tagblindheit hängt ab von Reizbarkeit der Netzhaut. 

Die Amaurose (goute sereine) ist für gewöhnlich eine Lähmung des 
Sehnerven. Bei einseitiger Erkrankung ist, nach Verschluss des gesunden 
Auges, die Pupille des Kranken unbeweglich; sie bewegt sich mit, wenn 
das gesunde Auge offen steht, solange die Bewegungsnerven, die zur Uvea 
des kranken Auges gehen, gesund geblieben. Heilmittel gegen Amau- 
rose, — d. h. den Stein der Weisen suchen. 

Die Uvea ist als gefäßhaltiger Theil der Entzündung unterworfen 
Beschränkt sich dieselbe auf den vorderen Theil, die Iris; so sieht man 
durch die Hornhaut hindurch einen rothen Fleck. Die des hinteren Theils 
kann man nur vermuthen aus Schmerz und Sehstörung. Der Vorfall ist 
eine Folge der Ilornhautgeschwüre. Die erworbene bleibende Erweiterung 
der Pupille galt für eine Krankheit der Uvea und die Sehstörung für ihre 
Folge; aber diese Mydriasis ist nur ein Symptom, und zwar von ver- 
schiedenen Krankheiten. Hingegen ist die erworbene, bleibende Verenge- 
rung der Pupille zuweilen eine Krankheit der Uvea selber, z. B. eines 
Abscesses der Iris. (Zur Erklärung der Pupillenbewegung nimmt A. strahlen- 
und kreisförmige Fasern in der Iris an.) 

Zu den Leiden des ganzen Augen-Innern gehört die Vergröße- 
rung und Hervorragung. Hierunter versteht .\ntoine sowohl die eitrige 
Entzündung des Innern, als auch die nicht eitrige, die gleichfalls mit 
heftigsten Schmerzen und Erblindung verbunden ist. Nicht bloß bei der 
ersten Form, sondern auch bei der zweiten muss man öfters den Ein- 
stich mit der Lanzette vollführen. Der entgegengesetzte Zustand ist die 
Schrumpfung des Augapfels, sie ist unheilbar. Kollyrien sind nutzlos. 

Bei der inneren Zerreißung (Confusion) wird zur Milderung der 
Entzündung, nach dem Aderlass, noch die Einträuflung von Taubenblut, 
von Frauen-Milch u. dgl. empfohlen. Bei der totalen Zerreißung wird 



i) Corps vitre! Der Vf. hat ja schon die Unrichtigkeit des Namens >humeur v.« 
nachgewiesen. 



8 XXIII. Ilirschberg. Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

gleichfalls der Aderlass u. dgl. zur Linderung verordnet. Bei mäßiger 
Schrumpfung des Augapfels kann ein künstliches Auge getragen werden. 

Durch heftige Gewalt kommt es auch zum Vortreten des Augapfels 
aus der Augenhöhle, mit welcher er nur durch einzelne Fasern zusammen- 
hängt. 

CoviLLARD (1633, Lyon) behauptet einen Fall der Art mit Erhaltung 
voller Sehkraft geheilt zu haben. A. wendet sich gegen die übertreibende 
Darstellung desselben. 

Die Wunden des Auges sind gefährlich, nicht für das Leben, aber 
für die Sehkraft. Bei durchbohrender Verwundung der Hörn- und Leder- 
haut muss man das Auge sorgsam verbinden; ja auch das zweite, damit 
das kranke ruhiger bleibe. Stichwunden der Hornhaut heilen schnell, so 
dass das Kammerwasser sich wieder bildet; auch Schnittwunden, doch 
können diese auch eitern. Bei kleiner Stichwunde ergießt sich öfters Blut 
zwischen Augapfel und Orbita. Bluterguss in die Bindehaut, den »die 
Griechen Hyposphagma, die Araber Tarfen nennen«, erheischt Aderlass, 
Einträufeln von Taubenblut, Frauenmilch u. s. w. Man sieht, da wandelt 
A. auf ausgetretenem Pfade. 

Ebenso bei der Ophthalmie. Aber hier tauchen schon solche Recepte 
auf wie 5 Gran Bleisalz in 3 Unzen Rosenwasser. (0,25:90.) 

Die oberflächlichen Phlyktänen und die tieferen Pusteln werden 
ebenso behandelt, wie die Ophthalmie; mitunter aber mittelst der um- 
wickelten Lanzette eröffnet. 

Hypopyon ist Eiter zwischen den Schichten der Hornhaut oder hinter 
der letzteren. Zur Entleerung legt man den Kranken in sein Bett, den 
Kopf gut gestützt, hält mit Daumen und Zeigefinger einer Hand das Auge 
offen und fest, mit der andern sticht man die Lanzette in den tiefsten 
Theil des Abscesses. Der Eiter ist mitunter so zähe, dass er nicht gleich 
ausfließt. 

Bei den Geschwüren der Hornhaut und den Staphylomen folgt 
Antoine den Alten bis zu den griechischen Namen. Staphylom- Operation 
verwirft er. Hornhautflecke vermag man weder zu tilgen noch zu färben. 
Auch bei der Operation des Flügel felis finde ich nichts besonderes. 
Hier werden einmal alle Alten citirt, Celsus, Paulus, Abulcasis, Avicenna, 
Guido. 

Das Schielen leitet er ab von falscher Richtung der Hornhaut-(Achse) 
und zu starker Wölbung, daher die Kurzsichtigkeit mit ihr verbunden sei ! 
(Hier müssen wir leider einen Rückschritt gegen die griechische und 
arabische Lehre feststellen. Wir werden das später noch genauer ausführen.) 

Bei den Krankheiten der Augenwinkel und der Lider schließt A. 
sich enger an die Alten (oder Guillemeau) an, obwohl er immerhin bei den 
Operationen eignes Urtheil beweist und hie und da eigne Fälle mittheilt. 



St. Yves. 9 

So hat denn auch Meister Antoine, nachdem er zuerst kühn einen 
neuen Pfad durch das Dickicht geschlagen, nachher sich wieder auf die 
gewöhnliche Heerstraße zurückbegeben. Er erzählt uns in einem Nach- 
wort, an Stelle des Vorworts, dass er seine Entdeckungen zu veröffentlichen 
die Verpflichtung gefühlt; dass er zuerst nur eine Abhandlung über den 
Star schreiben wollte, dann aber von seinen Freunden sich bestimmen ließ, 
auch die andren Augenkrankheiten alle hinzuzufügen. »Die meisten Wund- 
ärzte vernachlässigten die Augenkrankheiten, weil sie zahlreich seien, die 
vollständige Hingabe eines Menschen und eine besondre Geschicklichkeit 
für ihre Operationen erheischen. Dem ist nicht so. Sie sind zahlreich, 
aber zu erlernen; sie erfordern keine andren Regeln, als sonst in der 
Heilkunde, nur muss man die Natur des Auges kennen; und zu der Augen- 
operation braucht man die gewöhnliche Geschicklichkeit und ein wenig 
Urtheil. « 

§ 359. Charles St. Yves (3). 

Ueber das Leben dieses ausgezeichneten Augenarztes und über sein 
Werk haben wir uns schon ausgesprochen. (Vgl. § 336, 10 und § 339 
No. 39.) Er nennt es »neue Abhandlung«, offenbar mit Rücksicht auf Meister 
Antoine's »Abhandlung«, dessen S.Ausgabe übrigens in dem nämlichen 
Jahre (1722) gedruckt ist, wie die erste von St. Yves. Lobeserhebungen 
des Werkes finden wir in alter und in neuer Zeit. Bei Haller (bibl. chir. H, 
S. 74, 1775): »Inter optima compendia numeratur.« Bei J. Beer (Repert. I, 
S. 14, 1799): »Ein Werk, das seinen Werth auch jetzt noch behauptet, da 
der Vf. überall sehr viele wichtige Krankengeschichten aus seiner Praxis 
eingeschaltet hat.« A. Hirsch (G. d. Ophth. 1877, S. 322) hat dies wieder- 
holt: »Sein hochgeschätztes Lehrbuch verdient wegen der zahlreichen, treff- 
lichen Beobachtungen noch heute alle Beachtung.« 

Aber wichtiger ist es, den Inhalt des Werkes zu studiren, das 
erstlich lesbarer ist, als das von. Meister Antoi.ne, und zweitens einen 
erheblichen Fortschritt gegen dasselbe darstellt. 

In der Vorrede erklärt der Vf., dass er sich der Augenheilkunde, 
diesem wichtigen, aber bisher nur wenig ergründeten Zweige der Wund- 
arzneikunst, besonders gewidmet und durch Beobachtung und Erfahrung 
neue Ansichten über das unmittelbare Seh-Organ und über die Natur der 
Stare gewonnen. Es sei ganz verkehrt, diejenigen als Charlatane zu be- 
handeln, welche sich wesentlich der Augenheilkunde ergeben, da Niemand 
in jedem Gebiet der so ausgedehnten Chirurgie in gleicher Weise sich 
auszuzeichnen vermöge. 

Im ersten Theil beschreibt er die Anatomie des Auges und seine 
Thätigkeit, sowie die Krankheiten der umgebenden Theile, und legt be- 
sondren Werth auf sein Verfahren gegen die Thränenfistel und auf die 



10 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Anwendung des Höllensteins, die vor ihm so nicht geübt worden. (Aber 
er beschränkt den letzteren auf Geschwüre, Abscesse u. dgl. ; gegen den 
Eiterfluss der Bindehaut wendet er ihn noch nicht an.) 

Im zweiten Theil spricht er von den Krankheiten des Augapfels selber, 
von den verschiedenen Arten der Ophthalmie, von der Bildung des Stars, 
von seinem Verfahren, den in die Vorderkammer vorgefallenen Star zu 
operiren, von zwei bisher noch nicht beschriebenen Krankheiten der Netz- 
haut. Er spricht nur von denjenigen Krankheiten, die er selber gesehen 
und behandelt, übergeht aber die ganz unbedeutenden, schreibt methodisch 
und einfach und giebt auch nur die einfachsten Heilmittel i). 

Seine Beschreibung des Auges geht, ohne scholastische Erklärung, so- 
gleich auf die Sache los. Im ganzen ist sie noch heute lesbar. Er wendet 
sich gegen Hovius' Behauptung einer freien Oeffnung der zu- und abführen- 
den Blutgefäße des Augen-Innern und glaubt, dass das Kammerwasser durch 
»Transsudation« gebildet werde. Für das unmittelbare Werkzeug des Sehens 
erklärt er, mit Mariotte, die Aderhaut. (Vgl. § 311.) Die entgegen- 
gesetzte Meinung, dass das Bild auf der Netzhaut sich zeichne, schreibt 
er Herrn Descartes imd seinen Anhängern zu. Kepler und Scheiner exi- 
stiren für ihn nicht 2). 

Es giebt drei Arten der Sehkraft, die gute, die kurzsichtige, die 
presbyopische. Bei der zweiten sei die Linse zu stark, bei der dritten zu 
schwach gewölbt. Die zweite und die dritte haben je 3 Grade; die zweite 
reicht bis zu 1/2' Lese- Abstand; die dritte hat einen solchen von 1 72'? 2Y2' 
und noch mehr. Von diesen 3 Seh-Arten sind zwei der Veränderung unter- 
worfen. Die gute kann in Kurzsichtigkeit übergehen, durch zu viel Lesen; 
und in Presbyopie während des vorgerückten Lebensalters. Die kurzsichtige 
geht nicht in die anderen über. (Natürlich, er betrachtet nur die starken 
Grade der Kurzsichtigkeit, die nicht der Presbyopie unterliegen.) Die Pres- 
byopie ändert sich zuweilen um, in gute Sehkraft 3). 

Von den Augenkrankheiten wird zuerst der Abscess im großen 
Augenwinkel (Anchylops) betrachtet. Es giebt Fälle mit Schmerz und solche 

1) Er zeichnet mit seiner Namens-Unterschrift jedes Exemplar, um — »Nach- 
druck und Aenderung der Arznei-Gaben zu verhüten<! So haben wir das Ver- 
gnügen, seinen Namenszng zu kennen. Diese Sitte finden wir noch weiter bei 
manchen Franzosen. 




2) Vgl. § 309, 310. 

3) Das ist (für uns entweder Accommodations-Lähmung oder Schwäche, die 
sich zurückbildet; oder H, die in E übergeht. 



St. Yves. 11 

ohne Schmerz. Die An Füllung des Sacks, mag bei Druck die Flüssigkeit 
nach der Nase oder nach dem Auge hin sich entleeren, wird Hydrops ge- 
nannt; aber mit Unrecht. Mitunter entweicht die Flüssigkeit bei Druck 
weder durch die Thränenpunkte noch durch den Thränen- Kanal. Der 
Abscess entartet in Fistel oder selbst in Krebs. Die Behandlung besteht 
in Aderlass, in der Abführung, im Baden und in Einspritzung durch die 
Thränenkanälchen, bei gleichzeitigem Druck auf den Sack. Ist dies 6 Tage 
lang gemacht, ohne dass die Flüssigkeit in die Nase dringt, so geht man 
über zur Compression, zu Umschlägen u. dgl. Wenn Eiter sich bildet, so 
eröffnet man den Abscess mit der Lanzette. 

Von der Thränen-Fistel giebt es zwei Arten. Die eine ist offen, 
mit Verschwärung der Haut; die andre ist blind. Gomplicirt ist die Fistel, 
wenn bei längerem Bestand Caries des Nagel- und des Wangenbeins sich 
hinzugesellt. Drückt man auf die Gegend des großen Winkels, so kommt 
Eiter aus den Thränenpunkten. Ist letzterer grün oder dunkel, so sind 
die Knochen erheblich mit betheiligt. Ist die Oeffnung der Fistel zu schmal, 
so muss man sie erweitern. Ist keine vorhanden, so macht man einen 
gegen die Nase zu convexen Einschnitt, indem man oberhalb der Sehne des 
Schließ-Muskels der Lider beginnt. Man legt einen zubereiteten Schwamm 
ein bis zum nächsten Tag, führt dann eine Sonde ein bis zum veränderten 
Nagelbein, stülpt darüber ein Röhrchen recht genau, zieht die Sonde zurück 
und führt durch das Röhrchen so rasch als möglich das Glüheisen ein. 
Kommt Luft aus der Wunde oder Blut in die Nase, so ist die Durch- 
bohrung gelungen. Eine Wieke wird eingeführt, ein Pflaster darüber gelegt. 
Obschon St. Y. auf diese Operation einiges sich zu Gute hält, — es ist doch 
das antike griechisch- arabische Verfahren! (§ 175, 258; § 277, S. 128.) 

(Die Durchbohrung mit dem Troicart, Einlegen von kleinen Holzkeilen 
und von Wieken bis zu der binnen 6 — 8 Wochen erfolgenden Heilung, hat 
Casp. ScaoBiNGEn 1730 als Kunstübung seines Lehrers St. Yves beschrieben. 
De fist. lacr. Basil. 1730.) 

Unter den Fisteln der Lider werden die in Folge von scrofulöser 
Caries des unteren Augenhöhlenrandes ganz richtig beschrieben. Die Hei- 
lung erfolgt durch Erweiterung und Anwendung des Glüheisens. Die kleinen 
Fisteln am Wimpern-Rand, in Folge von aufgebrochenen Gerstenkörnern, 
heilt man, indem man einen Zahnstocher aus Federpose in ein flüssiges 
Aetzmittel taucht und in die Fistel einführt. Eine größere eröffnete St. Yves 
und ätzte den Grund mit Höllenstein. Bei einer Fistel, die sich in der 
Mitte des Unterlids eröffnete, erkannte er den Ursprung in der Höhle unter 
der Orbital), ließ einen Backzahn ausziehen und spritzte Morgens und 

1) Nathanael HiGHMORE (1613 — 1683), Arzt in Sherburn (Dorsetshire), ihr Ent- 
decker, nach dem wir sie noch jetzt benennen, hat sie 1651 in seiner Disquis. 
corp. hum. anatomica beschrieben. 



12 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Abends durch die Oeffnung im Lid eine Myrrhen-Lüsung ein, die sich in den 
Mund entleerte; und führte so binnen 2 Monaten die Heilung herbei. 

Bei den Hagel- und Gersten-Körnern wendet er neben dem Schnitt 
auch gelegentlich den Hüllen st ein an. Die Warzen der Lider werden 
abgebunden oder geätzt, mit einem Strohhalm, der in flüssiges Aetzmittel 
getaucht ward. 

Der Lidkrebs heißt noli me tangere, weil die Operation nur selten 
erfolgreich. (Auf diesem Gebiet hat unser Bartisch größere Kühnheit be- 
wiesen, als St. Yves und als Meister Antoinb. Vgl. § 320.) Fünf Arten 
werden unterschieden. Die Flüssigkeit, von welcher er am meisten 
Nutzen gesehen, giebt St. Y. nicht bekannt. Hingegen veröffentlicht er 
ein Mittel aus Froschlaich und Nachtschatten, mit Bleisalz! Gegen die Ge- 
schwüre der Lidränder empfiehlt er den Höllenstein, gegen die Körner 
an der Innenfläche des Lids, die von ersteren abhängen, Bleisalz-Lösungen. 
Von der Haarkrankheit giebt es zwei Arten: bei der ersten sind nur die 
Härchen nach innen gewendet, in Folge von Lidrand-Geschwüren; bei der 
zweiten ist auch der (untere) Lidknorpel nach innen gekehrt. 

Bei der ersten Art zieht man die schiefen Wimpern aus und verhütet 
ihr Wiederwachsen durch Höllenstein. (Dies Mittel ist ja besser, als 
die der Aegypter, der Griechen, der Araber, nämlich das Blut der Eidechse, 
der Fledermaus, des Frosches, der Wanze u. dgl. Vgl. § 7 No. 28, § 239 
No. 21, § 277 S. 125.) Bei der zweiten hilft Ausschneidung eines Lid- 
streifens mit 3 convergirenden Nähten. 

Die Lähmung des Lidhebers macht Verschluss, die des Schließmuskels 
Offenstehen des oberen Lids, d. h. Hasen-Auge. Ursache und Behandlung 
wie bei andren Lähmungen. Gegen dauernden Lidschluss hilft Ausschneiden 
einer Hautfalte. Von der Ausstülpung, der Zusammenwachsung, der Wasser- 
sucht, den Atheromen, Wasserblasen und Fleisch-Auswüchsen der Lider 
mögen die Namen genügen. DerAbscess hinter oder neben dem Augapfel 
stößt den letzteren nach der entgegengesetzten Seite und erheischt die Er- 
öffnung. Die Ausrottung einiger Geschwülste, z. Th. mit der des Augapfels, 
wird beschrieben. Das Flügelfell, im Beginn, wird mit der wässrigen 
Lösung des Lapis divinus^) behandelt; wenn das nicht hilft, mit der Aus- 
schneidung. Wenn die Gefäßbildung die ganze Oberfläche des Augapfels 
bedeckt, so nimmt man jedesmal nur Y4 auf die Nadel, bis alle Gefäße 
zertheilt sind. 

Den Schluss des ersten Theiles macht das Schielen. »Die einen be- 
haupten, es sei ein Fehler der durchsichtigen Hornhaut, die andern der Linse: 
beide täuschen sich; es ist ein Muskel-Leiden.« (Das erste hat Antoine, das 
zweite Galen behauptet; das dritte wussten aber schon Griechen und Araber.) 



1) Kupfer-Alaun. Vgl. m. Einführung I, S. id. 



St. Yves. 13 

»Man nennt denjenigen schielend, dessen eines Auge nicht auf den 
hetrachteten Gegenstand gerichtet ist. Sie schielen bald mit dem einen, 
bald mit dem andren Auge, — mitunter scheinbar mit beiden zugleich. . . 
Schheijt man das nicht schielende Auge, so richtet sich das schielende 
grade; öftnet man jetzt das verschlossene Auge, so findet man dasselbe 
schielend, das vorher grade gestanden hatte. Alle diese Prüfungen zeigen, 
dass es sich um Nichtübereinstimmung der Bewegung in einem der 
graden Muskel handelt; die Ursache kommt daher, dass die Geister (Inner- 
vationen) nicht gleich in allen laufen. Das Gesagte bezieht sich auf das- 
jenige Schielen, das seit der Kindheit herrührt. 

Abgesehen davon kann die Krankheit auch noch in jedem Alter ein- 
treten; aber dann kommt sie gewöhnlich von der Lähmung eines der 
graden Augenmuskeln und ist mit Doppelt-Sehen i) verbunden, weil die von 
einem Gegenstand ausgehenden Strahlen in dem zweiten Auge nicht auf 
die correspondirende Faser fallen. . . . Sowie man das eine seiner Augen 
nach unten drückt, entsteht Doppeltsehen. Die seit Kindheit schielenden 
sehen nicht doppelt. Bei ihnen bewegt sich das schielende Auge, wenn 
das gesunde geschlossen wird, nach allen Seiten. Bei den andren kann, 
wenn das gesunde geschlossen wird, das kranke nicht nach der der Ab- 
weichung entgegengesetzten Richtung sich drehen, sondern verbleibt un- 
beweglich nach einer Seite gerichtet, in Folge der Contraction des Anta- 
gonisten. 

Für die Kinder sind Schielbrillen mit 2 Lüchern nutzlos. Besser ist 
es, sie zwei Mal täglich ^j^ Stunde in einen Spiegel blicken zu lassen. 
Mitunter muss man das gesunde Auge ganz verdecken, damit 
das schielende sich grade richte.« (Also für diese Sonder-Uebungen 
des schielenden Auges hat St. Yves die Vorhand vor Buffon [1743], dem 
diese gewöhnlich, auch noch bei Schriftstellern unsrer Tage, zugeschrieben 
wird. — Uebungen zur Gradrichtung der Sehachse hatten schon Griechen 
und Araber empfohlen.) 

>Die andre Art erfordert die Mittel gegen Lähmung: Aderlass, Ab- 
führung, Brechmittel, Bähung mit KafTee-Dampf . . . heiße Mineral-Bäder, 
wobei man sich am besten nach dem Rath der Herren Aerzte richtet.« 

Der zweite Theil beginnt mit der Vergrößerung des Auges. Dieselbe 
beruht entweder auf Vermehrung der Flüssigkeit (Wassersucht) oder auf 
Verdickung der Häute (Krebs). Der erste Fall tritt ein, wenn die ableiten- 
den Kanäle sich verstopfen, die zuleitenden offen bleiben. Die erstere 
Krankheit ist gewöhnlich doppelseitig, die zweite einseitig. Die zweite ist 
nicht nur für das befallene Auge gefährlich, sondern sogar für das Leben. 



1) >Oder drei- und mehrfach« sagt er leider. Sonst ist die Darstellung die 
beste, die ich in der bisherigen Literatur gefunden. 



14 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Bei der ersten Krankheit passt Abführen, Schwitzen u. dgl. Bei der 
letzten passt die richtige Diät, Auflegen von schmerzstillenden und auf- 
lösenden Mitteln auf das Auge und die Exstirpation des Augapfels, 
soweit als möglich nach hinten. Rückfälle in Form des Schwammes, 
der aus der Augenhöhle hervordringt, erheischen die Wiederholung der 
Operation. 

Bei Contusion des Augapfels passt Aderlass, Einträufeln von Tauben- 
Blut, eine Compresse getaucht in eine Mischung von 2 Löffeln Wein mit 
4 Tropfen Balsam des Kommandanten. (Solcher Recepte hat unser Herr 
St. Yves eine große Anzahl. Es entzieht sich unsrer Beurtheilung, ob die 
damaligen Leser besser w^issten, als wir, was damit gemeint ist. C. Graefe 
citirt in s. Repert. v. J. 1817 diesen Balsam, giebt aber seine Zusammen- 
setzung nicht an. Es ist eine gesättigte Tinctur aus Olibanum, Myrrhe, 
Styrax u. Benzoe.) 

Ganz neue Gesichtspunkte finden wir in der Lehre von der 
Augen -Entzündung. 

Ophthalmie ist eine Entzündung oder Röthung der Bindehaut; bis- 
weilen mit heißer Anschwellung und Thränenfluss, bisweilen ohne das eine 
oder das andre. Diese Entzündung kann auf alle Theile des Augapfels 
und auch auf die seiner Umgebung übergehen. Es giebt verschiedene 
Arten der 0.; die einen sind ohne Gefahr, die andren sehr gefährlich. 

Die Ursachen kommen von innen oder von außen. Für die inneren 
ist das Blut die Ursache, sei es durch seine Menge, oder durch seine 
Dicke, Schärfe^), Dünne. 

Eintheilung: i. Die trockne 0. bewirkt nur Röthung in einem Theil 
des Weißen. 2. Die feuchte ist auch mit Schmerz, Lichtscheu und Horn- 
hautgeschwür verbunden, befällt die Kinder und die Greise. Die ersteren 
zeigen auch Schwellung der Nase und der Lippen und Pusteln im Gesicht. 
3. Die 0. nach Schnupfen, mit Verklebung der Lider; es ist die leichteste 
Form von allen. 4. Die 0. mit trockner Absondrung, die Lider sind voll, 
wie von Kleie. 5. Die 0. mit Röthung des Augapfels nur in den beiden 
Winkeln. 6. Die 0. mit Knötchen auf dem Augapfel. Kleine Bündel ge- 
schwollener Venen gehen aus von der Innenfläche der Lider und dringen 
vor bis zum Rand der Hornhaut, wo ein Knötchen von der Größe einer 
Linse erscheint. Bisweilen setzt sich die Röthung auf die Hornhaut fort 
und zeigt an ihrem Ende eine weißliche Eiter-Bildung. Man sieht deut- 
lich, dass von der Endigung der Gefäße die den Knoten verursachende 



1) Die Lehre von der Schärfe (acrimoniaj der Säfte, durch Sylvius (•}• 1678) 
und durch Boerhaave (f 1738) begründet, beherrschte im Anfang des 18. Jahrh. die 
ganze Heilkunde. Freilich sind diese Gedanken uralt. Sie finden sich, mit An- 
wendung auf das Auge, bereits in der hippokratischen Sammlung. Vgl. unsren 
§ 35, A. 



» St. Yves. 15 

Materie sich ergießt. Die Krankheit kann man nicht heilen, ehe nicht der 
Knoten aufbricht oder sein Inhalt durch passende Mittel aufgelöst worden. 

(A. Hirsch [S. 331, Anni. 1] erklärt, dass die phlyktänuläre Entzün- 
dung zuerst von St. Yves erwähnt sei. Das ist natürlich nicht richtig. 
Erwähnt sind die Phlyktänen schon von den Griechen, etwas genauer 
beschrieben, mit einer Behandlung, die unsrer heutigen ähnelt, bei den 
Arabern. — Vgl. unsern Band XII, S. 381, B. XIII, S. 132; ferner Aet., 
S. 53 und ^\lI b. 'isÄ, S. 167. — Aber S. Yves wird ebenso wenig, wie 
A. Hirsch, diese Quellen gekannt haben.) 

7. Die 0. mit kleinen Abscessen auf Binde- und Hornhaut. 8. Die 
erysipelatöse 0. Das Erysipel rüthet die Bindehaut, bewirkt Anschwellung 
der Lider und heftige Schmerzen mit unerträglicher Hitze im Auge und 
im Kopfe. Krusten bilden sich in der Nachbarschaft des Auges, auf der 
Stirn, den Schläfen, der Nase, welche nach ihrem Abfall Marken für 
das ganze Leben hinterlassen, ähnlich denen, welche nach den Pocken 
zurückbleiben. 

(Hier haben wir etwas ganz Neues, die erste Beschreibung der 
Gürtelrose am Auge, des Herpes zoster ophthalmicus. Freilich fehlen 
noch zwei wichtige Thatsachen, die [fast ausnahmslose] Einseitig- 
keit, die ich übrigens sogar in neuen, gelahrten Handbüchern nicht ge- 
nügend betont finde; und der Sitz der Bläschen längs des Verlaufes der 
Verzweigungen des ersten und zweiten Trigeminus-Astes, da ja das 
Leiden auf Entzündung des GASsER'schen Ganglion, bezw. einzelner Tri- 
geminus-Aeste beruht. Dies ist erst von Bärensprung i) (1861 — 1863) und 
von Jonathan Hutchinson (1866 2') festgestellt worden. Letzterer giebt aus- 
drücklich an, dass die -Krankheit oft als Erysipelas angesehen wird« ; 
und kommt so^ ganz unbewusst, auf die ursprüngliche Beschreibung und 
Benennung von St. Yves zurück.) 

9. Die heftigste 0., Chemosis. Die Bindehaut schwillt auf bis zu 
Fingerdicke, die Hornhaut erscheint wie in einer Vertiefung. Dabei heftige 
Schmerzen im Kopf und im Auge, Schlaflosigkeit, Fieber. Die Hornhaut 
verfällt häufig der Vereiterung. Die Ursache ist entweder Verletzung, oder 
eine innere, oder eine Ablagerung in Folge eines bösartigen Fiebers. (Also 
uns rem Vf. ist Chemosis hauptsächlich nur die innere Vereiterung 
des Augapfels, nicht der stärkste Grad der äußeren Bindehaut-Eiterung.) 

10. »Die venerische 0. Diese ist der vorigen ähnlich, nur ist die 
geschwollene Bindehaut hart und fleischig; die Krankheit beginnt mit 
stetiger Absonderung von gelbweißer Materie. Sie ist selten und hat eine 
venerische Ursache. Ich habe mehrere Fälle gesehen. 



1) Annalen des Charite-Krankenhauses, Bd. IX, X, XI, \i>G\ — 1863. 

2) Ophth. Hosp. Rep. V, S. 199 fgd. 



16 XXllI. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Gewöhnlich erschien die Augenkrankheit 2 Tage nach dem Beginn 
eines venerischen Ausflusses. Indem die Materie nachheß, aus den ge- 
wöhnlichen Wegen sich zu entleeren, verursachte sie eine Versetzung 
oder Uebertragung nach dem Auge, aus dem eine ähnUche Materie 
sich entleerte, welche auch die Wäsche ebenso färbte, wie diejenige, 
welche aus den gewöhnlichen Wegen abfloss. « 

(Der Geschicht-Schreiber der Heilkunde muss allerdings sich hüten, 
bei den Alten zu viel zu finden: transport bedeutet hier nicht 
»Uebertragung an die Oberfläche des Auges, Besudelung derselben«, son- 
dern ist nur ein zweiter Ausdruck für Metastase.) 

1 1 . Ophthalmie der Aderhaut (der Iris) : Röthung, Thränen, Licht- 
scheu, Schmerz, Pupillen- Verengerung. (Eine sehr kurze, aber rich- 
tige Schilderung der Iritis.) 12. 0. durch Schmutz. 13. 0. durch 
Verletzung. 14. 0. durch Platzen von Blutgefäßen, — ohne Schmerz und 
Lichtscheu. (Das ist unser Blutfleck der Augapfelbindehaut.) 

Die venerische 0. ist ebenso gefährlich wie die Chemosis. Die der 
Aderhaut (Iris) verursacht häufig Verlust der Sehkraft oder meistens einen 
häutigen Star. 

Die 0. , welche nach traumatischer Hirnhaut-Entzündung folgt, be- 
deutet den Tod. 

Die gewöhnliche Eintheilung der 0. in trockne und feuchte ( — wie 
sie z. B. auch bei Meister Antoink sich findet! — ) genügt nicht zur Wahl 
der passenden Heilmittel. Die Blut-Entleerung vom Auge selber geschieht 
entweder durch einen Bart von Hafer-Aehren (XIII, S. 388), oder besser 
mit einer gedeckten Lanzette oder durch Emporheben der erweiterten Ge- 
fäße mittelst einer krummen Nadel und Zerschneiden derselben. Bei der 
feuchten 0. passt Aderlass und ein Augenwasser von 2 Gran Bleisalz auf 
6 Unzen Pflanzen-Wasser, — Eaux distilees d'Eufraise, de Fenoüil et de 
Plantin, also Augentrost, Fenchel, Wegerich (Plantain); — oder statt des 
Bleisalzes Y2 Drachme von dem weißen Kügelchen des Rhasis. (Also hat 
der moderne Franzose immer noch nicht den alten arabischen Sauerteig 
verdaut. RÄzi's Mittel besteht aus Blei weiß, Opium, Gummi, Eiweiß.) Zum 
Schluss wird gegen Hornhautgeschwür wässrige Lösung vom götthchen 
Stein, gegen die Narben der Hornhaut Pulver aus Tintenfisch-Knochen 
und Zuckerkant empfohlen. Die begleitenden Scrofeln (Halsdrüsen) müssen 
mit behandelt werden durch Schwefel-Quecksilber (-Oxydul). 

Gegen Chemosis führt der Vf. die ganze Macht der Aderlässe, Ab- 
führungen, Blasenpflaster in's Feld. Gegen die venerische 0. verordnet er 
Aderlass am Fuß, Bäder, innerlich Hg; die Augen werden immerfort mit einer 
Mischung aus Wasser und Branntwein gewaschen und dauernd Compressen 
mit einer Aufkochung von Rosen in Wein aufgelegt. So heilt man die Krank- 
heit, wenn man frühzeitig daran kommt: sonst gehen die Augen verloren. 



St. Yves. 17 

Die Pocken verursachen in den Augen vier verschiedene Krankheiten:' 
Bindehaut-Entzündung, Thränen-Fistel, Hornhaut-Abscess , Lid-Geschwüre. 
Vf. hebt richtig hervor, dass die Geschwüre am Lidrand spät oder gar 
nicht vernarben, dass die Hornhaut-Abscesse gewöhnUch erst 20 Tage 
nach dem Ausbruch der Pocken entstehen. Die ersteren muss man vor- 
sichtig mit Höllenstein berühren. Wenn bei den letzteren das Hypopyon 
ansteigt, soll man die Hornhaut durch einen nicht zu kleinen Schnitt er- 
öffnen und, da der Eiter selten von selber eintritt, laues Wasser mit 
einer kleinen Spritze einspritzen; wenn nöthig, nach einigen Tagen die 
Wunde wieder öffnen. (Also drei Neuigkeiten, die durch Pocken be- 
dingten Augen- Veränderungen , die Einspritzung von lauem Wasser in's 
Auge, die Wiedereröffnung des Abscess-Schnittes. Die beiden letzt- 
genannten Maßnahmen sind noch heute in Gebrauch.) 

Bei den Hornhautgeschwüren hat St. Yves endlich die griechi- 
schen Namen fortgelassen; er betont Lichtscheu und örtliche Vertiefung; 
vernarbt mit Spirituosen Mitteln und streut auf die zurückbleibenden Narben 
ein feines Pulver aus Alaun, Zuckerkant und Eierschalen ij. Sta- 
phylom ist entweder Vorfall der hinteren Hornhautschichten nach Zer- 
störung der vorderen : oder Vorfall der Uvea nach Durchbohrung der 
Hornhaut oder des angrenzenden Gürtels der Lederhaut. AT. macht nicht 
die Unterbindung, wie die Alten, sondern hebt das Staphylom mittelst 
eines Fadens empor und schneidet es aus. 

Die vernünftigen Ansichten von St. Yves über den Star haben wir 
schon (§ 336, 10) kennen gelernt. Spontan-Senkung des Stars mit Wieder- 
herstellung der Sehkraft hat er bei einem 70 jähr. Manne und bei einer 
alten Hündin beobachtet. 

Es giebt drei Arten von Veränderung des wahren Stars, Erweichung, 
.Verhärtung, Verflüssigung. Der Verletzungs-Star ist nicht unheilbar. Zu 
den falschen Staren gehört das Glaukom. Die Kranken sehen zuerst 
Rauch und Nebel; dann verlieren sie, unter Erweiterung der Pupille, die 
Sehkraft; zuletzt bleibt noch ein Rest nach der Schläfe hin; danach fängt 
die Linse an, sich zu trüben, erst meerfarben, dann star-ähnlich: aber es 
ist Amaurose dabei. Mitunter beginnt die Krankheit mit einem Anfall und 
mit heftigen Schmerzen. Die Prognose ist sehr schlimm. Man hat stets 
für das zweite Auge zu fürchten. 

Der Star gleicht einer Frucht, die man auf dem Baume reifen lassen 
soll. Man kann den Star zu jeder Zeit operiren, aber am besten ist es 
im Frühling. Man wähle einen schönen Tag. Gewitter in den ersten 
Tagen nach der Operation sind nachtheilig 2j. Den Einstich zur Nieder- 



1 ) Dies Mittel findet sich schon bei den Arabern. Vgl. unsern 'Ali b. 'Isa, S. 1 89. 

2) Vgl. meine Beob., C. Bl. f. A. 1886, S. 268. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXUI Kap. 2 



18 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

legung des Stars macht St. Yves mit einer platten, scharfen Nadel, V2 l^i* 
1'" schläfenwärts von dem Hornhautrand, und drückt den Star dicht hinter 
der Regenbogenhaut nach unten. Zur Befeuchtung der Verband-Compresse 
benutzt er einen Theil Weingeist auf 1 Theile lauen Wassers. 

Dass St. Yves zuerst, und zwar 1707, die Ausziehung des in die 
Vorderkamm er vorgefallenen Stares ausgeführt, haben wir bereits (Xllf, 
S. 468) besprochen. (Billi, § 406, berichtet, St. Yves habe ihm mitgetheilt, 
einmal bei der Niederdrückung des Stars Vorfall desselben in die Vorder- 
kammer beobachtet und sofort die Ausziehung angeschlossen zu haben, 
mit glücklichem Erfolge! Betr.v>'D[, § 405, II, S. 126.) Ebenso hat St. Y. zu- 
erst die Operation eines MoRGA.GNi'schen Stares beschrieben. (XIII, S. 409.) 
Endlich geht er bereits auf die Nachstar- Operation los. Wenn nach 
dem Star-Stich, zumal bei dem Star mit vorderen Streifen, Massen zurück- 
bleiben und nicht von selbst sich senken; so muss man nach 6 Wochen 
von Neuem die Nadel an diese »neue Art des Stars« heranbringen. Die 
Kapitel von den Schwierigkeiten beim Star-Stich und von den Zufällen 
nach der Operation waren für ihre Zeit gewiss sehr lehrreich; wir können 
aber heute darüber hinweggehen. 

Von Krankheiten der Netzhaut beschreibt St. Y. die Ablösung^), aber 
als gutartige Krankheit, kenntlich durch fliegende Mücken, ohne hinzutre- 
tende Star-Bildung; und als Netzhaut-Atrophie die Ermüdbarkeit bei fei- 
nerer Arbeit: das sind die beiden grüßten Irrthümer, die ich bei ihm 
gefunden. Nach der Amblyopie und Amaurose (goutte sereine) und kurzen 
Bemerkung über die Brille schheßt die Abhandlung mit der Abtragung des 
vorderen Abschnittes eines vergrößerten, entarteten Augapfels, um das 
Tragen eines künstlichen Auges zu ermöglichen. 

Zu den Vorzügen des Buches gehört der frische Ton, die kurze und 
einfache Beschreibung der eignen Erfahrungen, und nur dieser, ohne 
Haschen nach Gelehrsamkeit, mit nur sparsamem Gebrauch griechischer 
Namen, die Fülle neuer und wichtiger eigner Beobachtungen und Ver- 
fahren. Zu den Mängeln gehört erstUch das Fehlen fast aller Gitate: 
Hovius, einmal Antoine, Wooldouse erwähnt er, um sie zu bekämpfen, 
und nennt einmal Descartes. Ferner die Vernachlässigung der fremden 
Leistungen, z. B. der Thränenfistel-Behandlung Anel's aus dem Jahre 
1716, die Auslassung wichtiger Operationen, wie der Ausrottung des Aug- 
apfels, die flüchtige Beschreibung mancher andren. Woolhouse, allerdings 
ein parteiischer Richter, wirft ihm vor, dass er nur von 45 Augen- 
Krankheiten und von 30 Operationen gesprochen, während es 300 Augen- 
Krankheiten und 80 Operationen gebe. (Journ. d. Trevoux 1728, S. 1910.) 



1) Dötachement de la retiiie d'avec la Choroi'de. (S. 2-22.) Meister Antoine 
halte bei anatomischer Untersuchung eines Kuh- Auges mit Wackelstar gefunden, 
que la r^tine etait entierement separee de l'uvöe. 



Der Höllenstein. 19 

Das schlimmste ist, dass St. Y. ein Mittel zur Vernarbung des Krebs- 
geschwürs am Lid zu besitzen vorgiebt, ohne es anzugeben^); dass er 
mehrere Kinder mit angeborener Blindheit mittelst seines Augenwassers 
geheilt zu haben sich rühmt, aber das letztere uns nicht kundthut^); und 
in der Einleitung sich damit entschuldigt, dass, wenn er sich ein Mittel 
reservirt habe, dies zu Gunsten seines Schülers geschehen sei: was schon 
DuDDEL 1729 (in der Vorrede seines Hauptwerkes, § 391) herb getadelt hat. 

Anm. 1. Das salpetersaure Silber soll zuerst vom Araber Geber3] 
■ — also im 8. Jahrb. u. Z. — dargestellt worden sein. In der allerdings 
apokryphen und viel später verfassten Schrift »de inventione veri- 
tatis« heißt es: »Dissolve lunam caicinatam in aqua dissolutiva (Salpeter- 
säure), quo facto, coque eam in phyala cum longo collo, non obturato ori 
per diem solum , usque quo consumetur ad ejus tertiam partem aquae, 
ijuo peracto pone in loco frigido, et devenient lapilli ad modum cristalli 
fusibiles.« — Albertus Magnus (1193 — 1280) erwähnt in seiner Schrift 
»Compositum de compositis <, dass die Lösung des Silbers in Salpetersäure 
die Haut schwarz färbt. (Tingit cutem hominis nigro colore et difßculter 
mobili.) Von ihm soll der Name »Lapis infernalis« stammen. Die 
medizinische Verwendung des »Hüllensteins« ging von den sogenannten 
Jatrochemikern , also der Schule des Paracelsus, aus; und zwar ist nach 
Kopp (Gesch. d. Chemie) Angelus Sala der erste, der die Verwendung 
empfahl. Die betreffende Schrift heißt: »Septem planetarum terrestrium 
spagyrica recensio.« Das Silbernitrat heißt bei ihm CristaUi Dianae oder 
Magisterium argenti; er lehrte daraus durch Schmelzen den sogenannten 
Höllenstein zu bereiten. Sala war in Vincenza geboren, wurde Dr. med., 
wirkte im Haag (1613 — 1617), in Oldenburg, in Hamburg, dann seit 1625 
als Leibarzt des Herzogs von Mecklenburg . und starb zu Bützow am 
2. Oct, 1637. Haller nennt ihn ;>primus chemicorum, qui desiit ineptire«. 
Seine Schriften sind gesammelt als: »Opera medico-chymica, quae extant 
omnia«, gedruckt Francoforti 1647 und 1682. 

Anm. 2. St. Yves ist jedenfalls der erste, der die gonorrhoische 
Ophthalmie etwas genauer beschrieben. Dies wurde schon früh anerkannt, 
z. ß. in Bertrandi's Chirurgie [1763 und Opere, VI, S. 260, 1788J, ferner 
bei AsTRuc de morb. vener. Paris 1740, I, S. 290. A. führt die erste Be- 
obachtung einer Ansteckung durch Besudlung an: ein junger Mann pflegte 
jeden Morgen seine Augen mit seinem Urin zu waschen; setzte dies fort, 
als er einen Tripper erworben, und zog sich dadurch einen heftigen Eiter- 
fluss der Ausen zu. 



») S. 88, 91. 

2) S. 345. 

3) Abu Musa Gäbir zu Kufa, Schüler des Gä'fer el-Sädik, der 765 u. Z. zu 
Medina gestorben ist. (Wüstenfeld, G. d. arab. Ärzte u. Naturforscher, 1843. S. 12.) 



20 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Danach hat van Swieten in s. Comment. ad Boerhaav. ap.h. 1447 . . . 
folgendermaßen sich geäußert: videtur non improbabile ophthalmiam vene- 
ream quandoque nasci non per metastasin, sed a contagio immediate oculis 
applicato . . . gonorrhoea laborantes saepius de die solent ex pene exprimerc 
collectam in Urethra materiam . . , postea minus soUiciti sunt, ut digilos 
lavent et abstergant. Si ergo oculos digitis fricant illi, vel nares fodiunt, 
periculum et ozaenae venereae et talis ophthalmiae incurrunt . . . 

Aber die Irrlehre vom gestopften Tripper und der metasta- 
tischen Entstehung des schweren Augentrippers rettete sich ])is in das 
1 9. Jahrhundert hinüber. Georg Spangenberg, Privatdocent in Güttingen, 
hat zuerst 1812 (Horn's Arch., S. 270 — 278) erklärt, dass »die Annahme 
der metastatischen Entstehung des Augentrippers ein Irrthum sei, 
dass der Augentripper nur aus örtlicher Infection des Sehorgans durch 
den Schleim des Plarnrührentrippers hervorgehe« ; und hat dafür die er- 
fahrungsmäßigen Beweise geliefert. 

Allerdings giebt es ja auch eine milde Bindehaut-Entzündung 
welche wirklich als Metastase des Trippers anzusehen ist. (Swediaur, 
1819, AbernethyI), 1825, vor Allen Fournier, 1866.) — Vgl. Tqeodor 
Saemisco, in diesem Handbuch, V, 1, S. 276, 1904; Encycl. franc. d'opht. 
V, S. 670, 1906. 

Bezüglich der »venerischen« Ophthalmie ist natürlich zu be- 
achten, dass zur Zeit von St. Yves Lues und Gonorrhoe noch nicht von 
einander geschieden waren und eigentlich erst 1831 — 1837 durch Ricord's 
berühmte Versuche getrennt worden sind. 

In der aus dem Jahre 1734 stammenden, während der Folgezeit oft 
citirten Tübinger Dissertation Al. Camerarii et Julii Friedr. Breyer de Oph- 
thalmia venerea (Haller, disput. ad morbos f., I, 280) wird diese Krank- 
heit in eine symptomatische und in eine metastatische unterschieden: die er- 
stere dürfen wir auf Iritis, die letztere auf Blenorrhoe beziehen. (Vgl. § 415, c.) 
In der Dissertation sind aus dem Aphrodisiacus (de morbo gallico 
omnia quae exstant apud omnes medicos cujuscunque nationis, Venet. 
1566 — 1567) von Alois. Luisinus (A. Luvigini aus Udine, der zu Venedig 
prakticirte,) die auf Ophthalmie bezüglichen Stellen gesammelt; es sind 
undeutliche Hinweise theils auf syphilitische Iritis u. dgl., theils auf 
zerstörende gonorrhoische Augen-Entzündung. 

Ich selber habe vor Kurzem (D. med. W. 1906, No. 19, C.Bl. f. A. 
1906, S. 390) die beiden Hauptstellen aus den älteren Schriftstellern wieder 
abgedruckt: 



1) Diseases of the eye by W. Mackenzie, 1830, S. 410, 18.'i4, S. 479, Das 
Citat >Abernethy, Lancet, VII, S. 5, 1825« ist falsch, aber in alle neueren Hand- 
bücher übergegangen. 



Die venerische Ophthalmie. 21 

Die erste findet sich in der Abhandlung »de morbo Gallico« von 
Johannes de Vigo, aus dem Anfang des 16. Jahrb.; sie ist in das 1567 
gedruckte Sammelwerk »Aphrodisiacus« aufgenommen und lautet folgender- 
maßen: »Verschiedene Augenkrankheiten, welche von der Lues hervorge- 
rufen werden, habe ich öfters geheilt, namentlich die Augen-Entzündung 
in Folge von kalter Materie mit Verdunklung des Gesichts« i). 

Zweitens hat Zacutus Lusitanüs, der, im Jahre 1625 wegen seiner 
Religion aus Portugal vertrieben^ in Amsterdam prakticirte, in seinen »Wun- 
dern der Heilkunst« 2j einen Fall von »Ophthalmia Gallica Mercurii ope 
curata« beschrieben. 

Aber genauere Darstellungen kann man bei diesen alten Schrift- 
stellern noch nicht erwarten, da ja überhaupt die Augenheilkunde 
noch nicht genügend ausgebildet war. Wir müssen schon bis zum 
.Anfang des 19. Jahrhunderts herabsteigen, um in Joseph Beer's klas- 
sischem Lehrbuch der Augenheilkunde 3) eine naturgetreue Beschrei- 
bung der syphilitischen Regenbogenhaut-Entzündung anzutreffen und auch 
befriedigende Grundsätze der Behandlung, wenigstens der allgemeinen mit 
Quecksilber, während die örtliche, mit pupillen-erweiternden Mitteln, noch 
gänzlich fehlt, da ja das Atropin erst 1831 (von Mein) entdeckt worden ist. 
Die erste Sonderschrift über venerische Augen-Krankheiten von William 
Lawrence erschien englisch in London 1830, deutsch in Weimar 1831; 
die nosologisch-therapeutische Darstellung der gonorrhoischen Augen- 
entzündung von Dr. M. .J. A. Schön, Augenarzt in Hamburg, H. 1834. 

Anm. 3. Herr College Sülzer hat 1895 in seinen ^Zeugnissen über 
die Star- Ausziehung« (Annales d'Oculistique , Nov. et Dec.) mit Nachdruck 
hervorgehoben, dass laut der Pariser Dissertation von Maunoir aus dem 
Jahre 1833 schon Forlenze (1769 — 1833) Einspritzungen in das 
Augen-Innere gemacht. 

Nun, da S. das Buch von St.. Yves selber wohl nicht nachgelesen, 
konnte er dessen Verdienste doch schon von L. de Wecker (Annal. d'OcuI., 
Mars-Avril 1886) und von H. Magnus erfahren. Der letztgenannte Forscher 
hat 1888 (im Arch. f. Ophth. XXXIV, 2, S. 167—180) eine sehr gründ- 
liche Abhandlung »zur historischen Kenntniss der Vorderkammer- Aus- 
waschungen« veröffentlicht. 

Einen früheren Autor als St. Yves hat Magnus nicht aufgefunden. 
1. St. Yves machte die Ausspülung der Vorderkammer, um zähen Eiter 
herauszubefördern. 2, Gu£rin übte sie nach dem Star-Schnitt zur Ent- 



1) Boerhaave's Ausgabe des Aphrodis. Leid. 1728, I, 449, C. Andre Stellen 
aus dem Aphrodisiacus hat Ole Bull gesammelt. (The ophthalmoscope and Lues, 
Christiania, 1884, S. 6 fgd.) Einige derselben müssen zweifelhaft -bleiben. 

2) De praxi medica admiranda, Obs. LIV. p. 43. Amstelodami 1634. 

3) Wien 1813, I § 546 bis 552, S. 555 fgd. 



22 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

leerung von Rinden-Resten. (Traitö sür les maladies des yeux, Lyon 
1769.) Ebenso Sommer. Er verwendet 2/3 Wasser, Y3 Weingeist und die 
ÄNEL'sche Spritze. (Sammlung der auserlesensten und neuesten Abh. für 
Wundärzte, Leipzig 1779, S. 204: Von dem Nutzen der Einspritzung in 
das Auge, um die dunklen Körper heraus zu schafTen. Vgl. auch Rich- 
ter's chir. Bibl. V, S. 199, 1780.) — Mohrenheim (chir. Beob. II, 1783) ist 
gegen diese Einspritzungen, weil der Star-Schleim zu zähe ist, der Ein- 
griff und vorzüglich der Weingeist die inneren Theile des Auges reizen. 
Richter billigt diese Ansicht. (Chir. Bibl. VI, 577, 1783.) 3. Maunoir wollte 
nach dem Star-Schnitt durch Einspritzung in die Vorderkammer die zurück- 
gesunkene Hornhaut wieder emporwölben. (Bibl. univ. 1829, Oktober.) 

Die Verbesserung der Technik verdanken wir allerdings Hrn. Forlenze, 
der eine graduirte Spritze empfahl, um nicht mehr, als dem Inhalt der 
gesamten Vorderkammer entsprach, nämlich bis 4 Gran, einzuspritzen; die 
Spitze platt und abgerundet machte, laues Wasser von Blut-Tempe- 
ratur verwendete. (Actes de la Societe de Med., Chir. et Pharmacie, 
Bruxelles, 1799, I, 2, S. 11.) 

Viel Beifall hat das Verfahren nicht gefunden. Schon Dr. Petit 
erklärte sich 1729 gegen St. Yves, also gegen die erste Anzeige der Ope- 
ration (Lettre, bei Haller, disput. chir. V, S. 592). Gänzlich verworfen 
wurde sie von Janin (1772). 

Gü£rin"s zweite Anzeige fand zwar Nachahmung durch den reisenden 
Star-Stecher Casaamata ^) und Empfehlung durch Arnemann (Chirurgie, Güt- 
tingen 1801, II, S. 172); aber keine Erwähnung bei J. Beer und heftige 
Gegnerschaft bei Benedict (1824), Pauli (1838), Himl^ (1843). Bei der 
neuesten Wiederbelebung des Verfahrens hat auch die dritte Anzeige 
Beachtung gefunden. H. Knapp hat bei sehr starkem Marasmus des hoch- 
betagten Kranken nach dem Star-Schnitt durch Einspritzung von lauer 
physiologischer Kochsalz-Lösung die eingesunkene Hornhaut gehoben. 

Ferner hat Phot. Panas nach dem Star-Schnitt zur Asepsie eine 
Auswaschung der Vorderkammer angerathen. (Maladies des yeux, 1895, 
I, S. 580.) Das ist eine vierte Anzeige. — Zuerst nahm er eine Lösung 
von 5 Gramm Bijodür des Quecksilbers und 20 Gramm Alkohol auf 1 Liter 
destillirten und sterilisirten Wassers. Später ging er zu der 4 procentigen 
Borsäure-Lösung über. Er bediente sich einer Spritze, die ähnlich der von 
Forlenze ist und die er abgebildet hat. H. Knapp und H. Noves zu New 
York und Van Düyse zu Gent haben seine Ergebnisse geprüft. F. Terrien 
zu Paris (Chirurgie oculaire, 1902, S. 144) erklärte das Verfahren für 
unnütz und für gefährlich. 

I) Feller, de methodis suffusionem oculorum curandi a Casaamata et Simone 
cultis, Lipsiae 1782. 



Die Einspritzung in's Augen-Innere. 23 

Die zweite Anzeige fand neuerdings einen beredten Vertheidiger in Mac 
Keowx zu Belfast. Im Jahre 1884 hat er zuerst sein neues Verfahren 
(novel procedure) mitgetheilt. (Brit. med. .J. 2. Aug. 1884, S. 238 und 
Ophth. Review 1884, S. 277.) Im Jahre 1887 hat er dann in der augen- 
ärzthchen Abtheilung der britischen Aerzte-Gesellschaft die nach seinen 
Angaben von ihm zuerst empfohlenen intrakapsulären Einspritzungen 
lauer physiologischer Kochsalz-Lösung nach Ausziehung des Stars, beson- 
ders des unreifen, vertheidigt. Aber die meisten Redner verurtheilten das 
Verfahren. (Klin. M.-Bl. 1887, S. 356.) Mac Keown selber und Lippix- 
coTT haben passende Irrigatoren angegeben. In der Sitzung der Franzö- 
sischen Gesellsch. für Augenheilk. vom Jahre 1887 (Annal. d'Oculist. 1887, 
B. 97, S. 243) nimmt Vacaer aus Orleans die Priorität der Auswaschung 
der Vorderkammer für sich in Anspruch, da er sie in der Gazette hebd. 
am 4. Sept. 1884, und Panas erst am 5. Jan. 1886 in der Academie de 
medecine veröiTentlicht habel 

V. übt sie regelmäßig und hält sie für wichtig, da sie die kleinsten 
Trümmer der Iris, des Blutes, die Luftblasen austreibt und die Iris in 
antiseptischer Flüssigkeit badet. Ueber denselben Gegenstand, der rasch 
populär wurde, handeln in dem Jahre 1887 Terson in Toulouse, Fano 
(J. d'oc. et de chir. Juni 1887), Chodix auf dem 2. Congress der russi- 
schen Aerzte, Moskau 1887. Lee extrahirt den Weichstar durch intra- 
capsuläre Einspritzung mit dem Irrigator (Brit. med. J. , 15. Jan. 1887). 
Uebrigens haben doch nicht alle, die neuerdings (nach Czermak) das Ver- 
fahren wieder erfanden, sich als Erfinder bezeichnet. Jedenfalls nicht 
Heymann, nicht Wicherkiewicz. Das verdient doch, in unsrer geschicht- 
lichen Erörterung betont zu werden. 

Heymann hat w'arme Kochsalz-Lösung eingespritzt, um das (nach Iri- 
dektomie wiegen schwerer Iritis) ergossene, sogleich gerinnende und äußerst 
langsam sich auflösende Blut auszuspülen. (Klin. Monatsbl. f. A. 1864, 
S. 365.) Wicherkiewicz bedient sich einer Undine mit silbernem Ansatz, 
um laue 1 ^ige Borsäure-Lösung in den Kapselsack einzuspritzen und 
Rindenreste, namentlich nach .\usziehung unreifer und weicher Stare, zu 
entleeren. (Klin. Monatsbl, f. A. 1885, S. 478; Bericht d. 7. internat. 
Ophth. -Congresses, Heidelberg 1888, S. 529.) In der neuesten Zeit ist 
wieder weniger von den Kammerspülungen die Rede. 

Die beste Spritze ist die von Chibret (1895, Annal d'Oc. Bd. 113, 
S. 125) mit doppelter Röhre, um Einspritzung mit Aussaugung zu ver- 
binden, die gründlichste Prüfung bezüglich der einzuspritzenden Flüssig- 
keiten von Mellinger (1891, A. f. 0. Bd. 37, 4, S. 159), die genaueste 
Darstellung und Würdigung dieser neueren Bestrebungen von Czermak. 
(Augen-Op. S. 1026— 1035, 1893—1904.) 



24 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

§ 360. Anel (4) und die Operation der Thränen-Fistel. 

Dominique A^EL wurde zu Toulouse, um 1679, geboren. Toulouse 
bezeichnet er selber als sein »geliebtes Vaterland« : es ist mir unerfindlich, 
weshalb P. Pansier (Hist. de l'opht. 1903, S. 40) ihn zum Italiener stem- 
peln will. 

Anel hat, zur Widerlegung des feindlichen Vorwurfs, »dass er von 
Stadt zu Stadt, von Provinz zu Provinz, von Königreich zu Königreich 
reise, um hervorragendes Kranken-Material für seine Befähigung zu er- 
betteln«, uns seinen allerdings merkwürdigen und abwechslungs- 
reichen Lebenslauf selber geschildert, und zwar in so reizvoller Dar- 
stellung, dass ich mir nicht versagen kann, dieselbe hier in Kürze zu 
wiederholen, da wir dadurch unsren Helden so sehr viel besser kennen 
lernen, als durch den trocknen Bericht im biographischen Lexikon der 
Aerzte^). 

»Zuerst diente ich (als Wundarzt- Zögling 2] in dem Krankenhaus 
S. Jacques zu Toulouse. Hierselbst hatte ich das Glück eine neue Ent- 
deckung zu machen, betreft's der allgemeinen Knochen-Erweichung; 
meine Beobachtung wurde im Mercure galant, Januar 1700, abgedruckt. 
Dann zog mich der Ruhm der Wundarzneikunst von Montpellier in 
diese Stadt; ich wurde in die Liste der Chirurgie-Studirenden aufgenommen. 
Als kurz darauf das Gerücht von einer Indienststellung der königlichen 
Flotte in Toulon sich verbreitete, begab ich mich nach diesem berühmten 
Kriegshafen, um in der Marine zu dienen, und wurde als Wundarzt eines 
Kriegschiffes angestellt. Das gewährte mir Gelegenheit, einen guten Theil 
von Spanien zu sehen. Von unsrem glücklichen Kriegszug heimgekehrt, 
und in der Ueberzeugung, dass der Seedienst mich nicht genügend in der 
Wundarzneikunst fördere, begab ich mich nach Paris, um mit Hilfe eines 
Verwandten, der bei dem Minister de Barbesieux einen einflussreichen 
Posten bekleidete, vorwärts zu kommen. Aber der Tod des Ministers ver- 
eitelte meine Hoffnungen; abgeschreckt von den Schwierigkeiten, die man 
damals fand, in den Dienst der Militär- Krankenhäuser aufgenommen zu 
werden, wenn man der Stütze eines einflussreichen Beschützers sich nicht 
zu erfreuen hatte, dachte ich nur daran, meinen Aufenthalt in Paris für 
meine Ausbildung zu benutzen und betheiligte mich aufs eifrigste 31/2 Jahre 



1) I, S. UG— US. Vgl. Haller Bibl. chir. I, 578. 

G. Albertotti (Leilere inedite di Domenico Anel. Modena 1890, 10 S.) giebt 
weitere Nachweise zur Literatur von Anel's Biographie: 

Portal, Hist. de l'anat. et de la chir. IV, 1770, S. 796. 

BoNiNO, Biogr. med. piemontese II, p. 10. Torino, 1825. 

Die italienische Ausgabe von K. Sprengel, Firenze 1843, VI, S. 83. 

A. Chereau bei Dechambre, IV, S. 325. 

2; Garcon Chirurgien. 



Anel. 25 

lang an den Uebungen im Jardin Royal, in der Medizin-Schule, im Amphi- 
theater von S. Cosme und in den Hospitälern des Hutel-Dieu und der 
Charite zu Paris. 

Ich nahm auch einige Privat- Kurse an, um mich besser in der Ana- 
tomie und in der Chirurgie zu unterrichten. Weder Zeit noch Geld sparte 
ich, um neue Kenntnisse zu erwerben, die mich dem Publikum nützlich 
machen konnten. Endlich that ich mein Möglichstes, um auch zu ernten 
auf einem so fruchtbaren und gut angebauten Felde. Bevor ich Paris 
verließ, wurde ich Regiments-Wundarzt (Chirurgien Major) bei einem In- 
fanterie-Regiment, das im Elsass diente. Graf Gronsfeld, Marschall des 
Kaisers, wünschte mich in seiner Umgebung zu haben. Er machte mich 
zu seinem Wundarzt und dem seines Kürassier-Regiments. Als ich noch 
in dieser Stellung war, wurde ich von einem hohen Herrn des Wiener 
Hofes verlangt, um mit dem berühmten Herrn de Tondeur, Wundarzt des 
Kaisers, zu consultiren. Das gab mir Gelegenheit, zwei Jahre in der Haupt- 
stadt von Oesterreich zu verweilen. Diese verließ ich nur deshalb, weil 
ich von einem vornehmen Deutschen zu der Armee in Italien berufen 
wurde. Er behandelte mich wie einen Bruder. Seine Hochherzigkeit ver- 
anlasste mich, drei Feldzüge in der kaiserlichen Armee mitzumachen, wobei 
ich die Chirurgie mit Glück und Auszeichnung ausübte. Da ich mich so in 
Italien befand, suchte ich davon Vortheil zu ziehen. Während des Winter- 
quartiers reiste ich, um die hauptsächlichen Städte zu sehen und die Neu- 
gier zu befriedigen, welche der Ruhm dieses herrlichen Landes allen 
Fremden einflößt; ferner aber, um die Krankenhäuser der hauptsächlichen 
Städte zu besuchen und mit den berühmtesten und gelehrtesten Professoren 
zu verkehren. 

So erwarb ich mir einige Freunde in Rom, Bologna, Florenz. Sieben 
Monate verweilte ich in Rom; keinen Tag ließ ich verstreichen, ohne einige 
Beobachtungen in der Chirurgie zu machen, im Hospital zum heiligen Geist, 
dem der Tröstung, des Erlösers, des heiligen Johannes vom Lateran, des 
heiligen Jakob für die Unheilbaren oder in dem der Spanier u. a. Ich 
verrichtete auch die Aneurysmen-Operation i) an einem Franziskaner. 

Ich zeigte und lehrte die wundärztlichen Operationen den jungen 
Chirurgen; gegen die gewöhnliche Ansicht bewies ich, dass die Quecksilber- 
behandlung der Syphilis zu Rom ebenso glückt, wie zu Montpellier, zu 
Paris und sonstwo; man muss sie nur recht verstehen. 

Darauf reiste ich nach Genua in der Absicht mich einzuschiffen und 
nach meiner geliebten Heimath Toulouse zurückzukehren. Aber ganz 



1) Es war die Unterbindung der Arteria brachialis wegen eines falschen 
traumatischen Aneurysma in der Ellenbogenbeuge. Die Operation ist in der 
3. Schrift Anel's (Suite,, 1 7U, S. 249—260) genau beschrieben und führt noch 
heute seinen Namen. 



26 XXill. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

unmerklich wurde ich durch Kranke festgehalten. Drei Jahre verweilte ich 
in Genua. Nur einmal habe ich es verlassen, um eine Kur zu unter- 
nehmen i). 

Das sind die Reisen, die ich unternommen habe, und die meinen 
Gegner zu dem Tadel veranlasst haben, dass ich von Stadt zu Stadt reise! ^; 

Nur weniges ist noch hinzuzufügen. Während seiner Reisen in Kalien 
wurde Anel zu Mantua Doctor der Chirurgie. 

Im Jahre 1712 machte er seine erste Thränenfistel-Operation: er 
heilte den Neffen des Erzbischofs von Genua, den Abbe Fieschi, von einer 
doppelseitigen (blinden) Thränenfistel, die auf der einen Seite seit 3 Jahren, 
auf der andren seit einem .Jahre bestand; die Heilung der einen erfolgte 
in 15 Tagen, die der andren in 6 Wochen. Daraufhin wurde er 1713 
nach Turin zu der verwittweten Herzogin von Savoyen berufen, die an 
einer Thränenfistel durch Erweiterung des unteren Kanälchens litt und 
binnen 10 Tagen von ihrem alten, langwierigen Leiden befreit war. 
Anel wurde ihr Leibwundarzt und erhielt ein Gehalt von 100 Louisd'or. 
Seit 1716 prakticirte er mit Erfolg als Augenarzt in Paris, erlangte auch 
dort eine gewisse Berühmtheit, wie aus einer Bemerkung- bei Mauchart 2) 
und aus der Angabe bei Heister 3), dass vornehme Deutsche ihn wegen 
schwerer Augenleiden consultirten, wohl zu schließen sein dürfte. Er ist 
etwa um 1730, also ziemlich jung, verstorben. Obwohl die königliche Aka- 
demie der Wissenschaften durch ihren Schriftwart Fontenelle (am 1 . Sept. 
1713) Herrn Anel mitgetheilt, dass sie seine Operationen für »neu und 
geistreich« (nouvelles et ingenieuses) halte; so dürften doch die meisten 
Pariser Wundärzte nicht sonderlich von ihm entzückt gewesen zu sein, sei 
es aus Handwerksneid gegen den neuen Eindringling; sei es, weil ihnen 
sein drittes Buch (Suite de la nouvelle methode, 1713} zu stark mit Per- 
sönlichkeiten und Anpreisungen durchsetzt zu sein schien. 

Gewiss, dieser Fehler springt in die Augen und ist auch schon wieder- 
holt getadelt worden. Bereits 1724 schrieb Platner in seiner berühmten 
Diss. de fist. lacr., § XVII: »Mit Eifer betrieb er es, von den berühmtesten 
Männern wegen seiner Erfindung Briefe und Lobeserhebungen zu erlangen, 
die er in einem Buch vereinigte und durch ihre Menge und das Selbstlob 
Jedem Ueberdruss verursachte.« 

Albertotti, der 1890 Anel's Brief an Valisneri veröffentlicht, in 
welchem A. den Y. bittet, von seiner Erfindung Kenntniss zu nehmen, und 
ferner den zweiten Brief voll überschwänglicher Danksagungen, fügt in 
seiner milden Weise hinzu, Anel zeige sich hier und in andren Briefen 

1) In Alexandrien, bei einer Nonne mit Thränenfistel. Er verweilte nur 
einen Tag! 

2) Ophthalmoxysis, Einleitung, 4 726. 

3) Med. chir.-anat. Wahrnehmungen. 



Anel. 27 

und Schriften so lobgierig, dass man ihn nur durch die Annahme ent- 
schuldigen kann, er habe mit allen Mitteln sein neues Verfahren verbreiten 
wollen. 

Nichtsdestoweniger war Anel ein fähiger, geschickter und geistreicher 
Wundarzt. Unter seinen Schriften sind, — abgesehen von der über die 
Aspiration (1707), über die Aneurysma-Operalion und über die Extrauterin- 
Schwangerschaft (1713), über die Gicht (1713), über einen merkwürdigen, 
allerdings von ihm noch nicht richtig gedeuteten Fall von Echinococcus 
des Unterleibes (1722), — die folgenden über die Krankheiten der 
Thränenwerkzeuge und ihre Behandlung zu erwähnen: 

1 . Observation singulic're sur la fistule lacrimale, dans laquelle Ton verra, 
qua la mauere des listules lacrimales s'evacue tres souvent par les points lacri- 
maux; en meme temps l'on aprendra la methode de les guei'ir radicalement, 
sans ctre obligö d'avoir recours au bandage compressif, au caustique, au fer 
ny au feu, par le moyen de deux Operations nouvellemeut inventees, et mises 
en pratique le 20 fevrier 1713. Turin 1713, 4*^. 

2. Nouvelle methode de guerir les listules lacrimales ou recueil de diffe- 
rentes pieces pour et eontre, et en faveur de la meme methode nouvellemeut 
inventee. Turin 1713, 4*^. Darin 

Nouvelle et tres exacte description anatomique du conduit lacrimal depuis 
les paupieres jusqu'a la membrane qui tapisse interieurement le nez. 

3. Suite de la nouvelle methode de guerir les fistules lacrimales ou dis- 
cours apologetique dans lequel on a insere differentes pieces en faveur de la 
möme methode, inventee l'an 1713 par Dominique Anel, Docteur en Chirurgie, 

Chirurgien de Madame Royale Duchesse de Savoye ci-devant Chir. Major 

dans les Armees de S. M. T. C. et ensuite dans Celles de S. M. J. (Gewidmet 
ä Mr. 1'Abbe Bignon, President et Chef perpetuel de l'Ac. Roiale des Sciences 
de Paris.) Turin, 17 14, 4 '\ (316 S.) 

4. Dissertation sur la nouvelle decouverte de l'hydropisie du conduit lacri- 
mal . . . ; de la eure des fistules 1. et la maniere de donner ä boire par l'oeil, 
Paris 1716. 

Anels Schriften sind heutzutage bei uns recht selten. No. 1 und No. 2 
erhielt ich aus der Kais. Univ. Bibl. zu Straßburg, No. 3 findet sich in der zu 
Göttingen und in meiner Bücher-Sammlung. 

No. 1 ist in No. 2 vollständig wieder abgedruckt; beide sind in No. 3 wieder 
verarbeitet. Alle drei sind übrigens auf Kosten des Vf.'s gedruckt und von 
ihm verschenkt worden, wie aus No. 3, S. 9 0, hervorgeht. No. 3 ist eine echte 
Streitschrift, etwa wie Heister's Vindiciae , noch dazu aber ganz angefüllt 
mit Selbst-Lob und Anpreisung. 

Die irrige Meinung, dass die Thränenwege erst jetzt neu entdeckt worden, 
hat schon Morgagni (advers. anat. I, S. 28 u. VI, S. 44) gründlich widerlegt und 
dargethan, dass sie dem Galen und Vegetius im Alterthum, dem Berengar im 
Mittelalter und dem Falloppia und Stenon im Beginn der Neuzeit wohl bekannt 
gewesen. — Dass auch die Araber Kenntniss davon gehabt, ist ja bereits erörtert 
worden. 

Sehr fein bemerkt Morgagni in seinem Briefe an Anel: »Deine Beschreibung 
der Thränenweee würde ich loben, wenn ich nicht dabei mich selbst zu loben 



28 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

den Anschein erweckte.* Wichtig ist aber, dass erst seit Anel die Abhandlungen 
über Thränenlisteln den Thränensack mit den beiden »Schneckenhörnern« der 
Thränen-Kanälchen abzubilden beginnen! 



§ 361. Geschichte der Thränenfistel und ihrer Behandlung. 

Anel's Name ist für immer mit der wissenschaftlichen Behandlung der 
Thränensacklei den verknüpft: die AwEL'sche Sonde, die ANEL'sche Spritze 
ist noch heute, nach fast 200 Jahren, im Munde und in der Hand aller 
Fachgenossen. 

Da dürfte es sich denn doch empfehlen, eine Geschichte der Ent- 
wicklung unsrer Kenntnisse von den Thränen-Leiden, ihrer Behand- 
lung und Operation hier einzufügen, zumal eine solche in der Literatur 
noch nicht vorhanden ist. 

Die neuesten Bearbeiter der Augen -Chirurgie (Terriex 1902, Czermak 
•1893 — 1904, II. Aufl., 1908) haben uns diese Geschichte nicht geliefert; von 
den älteren Darstellungen könnte die von K. Sprengel (Gesch. d. Chir. 1805, 
I, S. 107 — 157 und Gesch. d. Arzneik. 1821, S. 792 — 796) eher als eine Chronik 
bezeichnet werden und ist übrigens nicht fehlerfrei, so geti^eu sie auch durch 
JüNGKEN (Augen-Op. 182 9) abgeschrieben worden; und die so vollständige Auf- 
zählung aller Verfahren bei Himly (I, .312 — 361) muss uns, die wir nicht mehr 
gutgläubig die zahlreichen Verirrungen des menschlichen Verslandes hinnehmen, 
heutzutage fast mehr verwirren, als aufklären. Besser sind einige kleine ge- 
schichtliche Bemerkungen in Deval's Chir. oculaire (Paris 1844, S. 375, 607). 
Dagegen wird die soeben erschienene Darstellung von Lagrange und Aubaret 
(Bull, et Mem. de la soc. fr. d'opht. XXIV, 1907, S. 639 — 648) weder den 
Alten gerecht noch den Neuen i). Am nützlichsten ist noch die kurze Dar- 
stellung von Arlt, in der ersten Aufl. dieses Handbuchs. (III, II, XXIV, 1874.) 
Die Einzelheiten der Technik, die zur Ausführung der Operationen nothwendig 
sind, habe ich natürlich, wie alles weniger wichtige, hier übergangen. 

Die Thränensackleiden sind ja so auffällig und dabei so häufig, so lästig 
und hartnäckig, dass sie schon in den ältesten Zeiten die Aufmerksamkeit 
auf sich gezogen und die Behandlung der Wundärzte herausgefordert haben. 

Schon vor 4500 Jahren, in den Gesetzen des Hammurabi, scheint 
die Operation der Thränen-Fistel erwähnt zu sein. 

Die Gesetze Hammurabi's, Königs von Babylon, um 2 2 30 v. Chr. Das älteste 
Gesetzbuch der Welt. Uebersetzt von Dr. Hugo Winckler (Berlin). Leipzig 1903. 
J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung. Ȥ 218. Wenn ein Arzt jemand eine schwere 
Wunde mit dem Operationsmesser macht und ihn tödtet, oder jemand eine 
nagabti* mit dem Operationsmesser öffnel , und das Auge wird zerstört, so 
soll man ihm die Hände abhauen.« 

1) Namentlich nicht dem J. Z. Platner, der in seiner Chirurgie (1745) bei der 
Thränenfistel- Operation den Namen des Urhebers Woolhouse unterdrückt habe! 
Aber in P.'s Institut, chir. rat. in usum discentium werden die Urheber der 
Operationen überhaupt nicht angeführt. 



Geschichte der Thränenfistel und ihrer Behandlung. 29 

* »Das Wort nagabti könnte Höhlung oder Spalte bedeuten. Es handelt 
sich dabei stets um das Auge (§ 220); der Gedanke an die Star-Operation liegt 
also nahe.« 

Ich glaube 1), dass die Thränensack-Fistel bezw. Geschwulst gemeint 
ist, ah{ika>^li und a'iyiXw'j der Griechen (aupiy^ = fistula), garb der Araber 
(nästir = Fistel), und zwar die hervorragenden und hai'tnäckigen Fälle, über deren 
für sie recht schwierige Behandlung die Alten so viel geschrieben haben. Durch 
diese Annahme wird das Gesetz vernünftiger. Bei diesem Leiden sieht das 
Auge; wird letzteres durch die Operation zerstört, so soll der Arzt streng bestraft 
werden. Bei dem Star ist das Auge blind; würde bei der Star-Operation das 
Auge zerstört, so könnte der Arzt, nach dem genauen Wiedervergeltungs-Grund- 
satz Hammurabi's, nicht so streng bestraft werden. — Herr Winckler findet 
meine Deutung nagabti = listula zulässig. Vor allem würde die etymologische 
Bedeutung des Wortes sehr gut passen; denn dieses ist eine Feminin-Bildung 
von nagb = Erdspalte, Erdröhre, aus welcher Wasser kommt, Quelle. 

Aber durchschlagend ist die folgende ärztliche Erwägung: Mit demselben 
Operationsmesser, mit dem der Arzt einem Manne eine schwere, unter Umständen 
tödtliche Verletzung beibringt, kann er nicht den Star-Stich ausführen; wohl aber 
kann er damit die Thränensack-Vereiterung aufschneiden: noch heute bedienen 
wir uns für die letztgenannte Operation eines gewöhnlichen Scalpells. Also aus 
sprachlichen, juristischen und ärztlichen Gründen ist die Deutung nagabti = 
Fistel, wie mir scheint, ganz annehmbar. 

Mittel gegen die Geschwulst an der Nase bringt, im Abschnitt von den Augen- 
leiden, der Papyrus Ebers, das älteste Buch der Heilkunde, um 1500 v. u. Z. 
(§-i, § 6, 25). 

Wissenschaftliche Erörterungen finden wir zuerst bei den Griechen, 
— in der hippokratischen Sammlung allerdings nur unbestimmte An- 
deutungen. (§ 44.) 

Aber die Alexandriner, deren Weisheit A. C. Celsus zu überliefern 
versucht, kannten die Th ränen-Fistel [al'(il(ü<b) und operirten sie durch 
Ausschneiden, Aetzen und Brennen. (§ 1 75.) Sie hatten auch schon die 
seltsame Lehre vom Thränenfluss (puct:) durch Schwund des Thränen- 
wärzchens (Caruncula) ausgebildet. (§ 174.) 

In unsrem griechischen Kanon der Augenheilkunde (§ 238, 12) 
haben wir die Erklärung des Thränensack-Abscesses [ahilXi»^) und der 
Thränensack-Anschoppung [ay/jXoi'l)) kennen gelernt. »Gais-Auge (Aegi- 
lops) ist ein Abscess zwischen dem großen Augenwinkel und der Nase, 
welcher aufbricht und, wenn vernachlässigt, eine Fistel bildet bis zu dem 
Knochen hin. Bevor aber der Abscess zu einem Geschwür durchbricht, 
wird er Augen-Nah (Anchilops) genannt.« Eine ungeheure Zahl von ört- 
lichen Heilmitteln gegen Aegilops, nach Severus^), sind uns bei Aetios^) 



^) C.-Bl. f. A. 1903, S. 93. 

2) Vgl. über diesen § 224, 9 (S. 354). — S. hat wiederum die Mittel des As- 
klepiades. (S. 352, 3.) 

3) Vn, c. 87, meine Ausg. S. 192-198. 



30 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

aufbewahrt und die von Archigenks *) empfohlenen Mittel und Opera- 
tionen bei Galenos^] überliefert. 

Die letzteren sind drei an der Zahl: 1. Einschneiden des Winkels, 
Anlegen von mehreren dicht bei einander befindlichen Bohrlöchern in 
dem Knochen nach der Nase hinein, Einlegen von Aetzmitteln. 

(Ich will doch nicht unerwähnt lassen, dass wiederum im Jahre 1907 auf 
dem Congress der französischen Gesellschaft für Augenheilkunde Laghanüe und 
AuBARET aus Bordeaux einen Vortrag gehalten haben »Ueber Heilung der Thränen- 
sack-Entzündung durch Herstellung einer OefTnung des Sacks nach dem mittleren 
Nasengang hin«'. Vgl. auch Kyle 19 02, J. B. d. Ophth. , S. 386, und Hess, 
B. d. Heidelberger G. 1901, S. 232; Turn, clinica moderna, Firenze, 1904.) 

2. Entblößung des Knochens und Anwendung des Glüheisens auf den- 
selben. 3. Einschneiden, Einführen eines kleinen Metall-Trichters bis auf 
den Knochen und Eingießen von geschmolzenem Blei. 

Paulus (VI, c. 22) erwähnt die drei Verfahrungs weisen, hat aber die 
Durchbohrung (Trepanation) des Knochens nicht für nöthig erachtet. Aetios 
(VII, 89) räth die grützbeutelähnlichen Ansammlungen genau wie Grütz- 
beutel mitsamt der Umhüllungshaut herauszuschneiden und zu größerer 
Sicherheit die Stelle mit dem glühenden Eisen zu verschorfen. 

Die theoretische Begründung dieser griechischen Operationen war 
mangelhaft. Freilich müssen wir heutzutage zugestehen, dass praktisch 
die Ausschneidung des Thränensacks^), die Verätzung oder Ausbrennung seiner 
Schleimhaut durch jene Verfahren so ziemlich geleistet werden konnte; dass 
die Raspelung des Knochens nach dem Ausschneiden, ferner das Brennen 
bis auf den Knochen wegen der Anheftung der hinteren Thränensackwand 
an die Knochenhaut nicht ganz unbegründet war, — obwohl die Annahme 
der häufigen Caries nicht mit der Erfahrung stimmt, und diese Durchbohrung 
nach der Nase hinein nicht ihren Zweck erfüllt. Zweifellos aber haben 
die Alten zu heftig mit Eisen und Feuer auf diesem Gebiet ge- 
wüthet. 

Allerdings, neben der thü richten Lehre vom Thränen durch 
Schwund der Karunkel, haben wir noch eine bessere, die Lykos, 
Galen's Vorgänger, »lang und breit erörtert« und Galen •) selber uns über- 



1) Vgl. über diesen § 224, 7 (S. 353). 

2) Von d. örtl. Heilmitteln, V, c. 2 (G.'s Werke, B. XH, S. 821—822). 

3) Wenige haben dies eingesehen, jedenfalls aber der viel geschmähte Duddel 
(London 1729, the dis. of the horny coat, S. 77: The Ancients were mistaken in that, 
not knowing well the Structure of said Parts; but we are very much oblig'd to 
them, because they shew'd us the indirect way of making the Exstirpation of the 
Lacrimal Bag). 

4) Band XVIIa, S. 966; Galen's zweiter Comment. z. G. Buch der Volkskr. 
des HippoKR. Dieser Text zeigt greuliche Fehler: a) [j'jfyo'j ist unhaltbar, vielleicht 
steckt [j.'jö; darin; b) statt r^ 7.7.'t as-d lies r;; ■/. u.; c) statt c<7.avDioujv lies =Y/av8(o(uv, 



Geschichte der Thränenfistel und ihrer Behandlung. 3]^ 

liefert hat, die aber eigentlich nicht in die griechischen Darstellungen der 
Augenheilkunde, welche wir besitzen, übergegangen ist, und folgender- 
maßen lautet: »Von den Augen geht ein Kanal (Tropoc) zum Gaumen durch 
und entleert dorthin die an den ersteren sich bildende Absonderung. Der 
Kanal liegt am inneren Augenwinkel. Der Thränenfluss (poiac) entsteht auf 
drei Arten: entweder wenn dieser Kanal sich verschließt oder verstopft; 
oder wenn die Absonderung am Auge übergroß wird; oder wenn eine Narbe 
im inneren Augenwinkel den Kanal vollkommen verödet. Die letzte Art ist 
unheilbar, die ersteren beide heilbar.« 

(Eine Ahnung der Thränenwege finden wir übrigens schon weit früher, 
nämlich bei Aristoteles [Von der Zeugung der Thiere II, c. 5], — bei der 
Prüfung der schwangeren Frauen, ob Farbstoffe, die man auf die Augen 
bringt^ den Speichel färben. Arist. 747'^ 7: tote os YovaTxa: ßaactviCo-jat, . . . 
ToT? £Y/[>i3ro'.; si; tou; o'^f^aXfiou; ypcuixa-iv, av /ptujxaTiCwo'. to sv rto 
cTotjLaTi ■üTusXov. — G.\LE.\ berichtet gleichfalls [vom Nutzen der Theile, 
X, c. II], dass oft Arzneien, die in"s Auge gestrichen worden, nicht lange 
danach ausgespuckt und ausgeschnaubt werden. Z'jppsT oia täv Tpr^tiazcov 
-ouT(j)v a~avTa ra twv öcpöaXjxwv ra -cpixTcuaaTa , -/.ai T7. (pap|xa/.a ys xa 

a7r3jxu;avTO.) 

Galen bezeichnet die Karunkel als Decke der Thränenpunkte und 
nimmt an, dass die letzteren Flüssigkeit abwechselnd in die Nase ab- 
und dem Auge zuführen. (Vom Nutzen der Theile, X, c. 11.) Seine anato- 
mischen Anschauungen über die Thränenwerkzeuge haben wir im § 120 
und im § 305 (S. 291, Anm. 2) mitgetheilt. Die verlorene Anatomie des 
Galen, die 1906 von Max Simon aus der arabischen Uebersetzung ins Deutsche 
übertragen worden, enthält [S. 46j nur eine kurze Erwähnung der Thränen- 
punkte und des Thränen-Nasengangs. 

Der arabische Kanon der Thränen-Leiden (§ 277, S. 127) entstammt 
dem griechischen und stimmt mit ihm überein. Die Darstellungen des 
Gegenstandes bei den besten arabischen Augenärzten ("^Ali b.*^Isä und 
'Ammar) sind den uns erhaltenen griechischen sogar überlegen i). 

Hinzugefügt haben die Araber nur weniges. Nicht aufhalten will 
ich mich bei neuen Arzneimitteln, z. B. der gekauten Mongo-Bohne, die 
Ibn-Sina als Mittel der Inder anführt. Aber er räth auch eine Wieke mit 
dem Aetzmiitel zu bereiten und damit die Fistel anzufüllen; oder Baum- 
wolle mit zusammenziehenden Mitteln, festen und flüssigen, zu versetzen, 
die erstere um eine Sonde zu wickeln und diese bis in die vorher ge- 
messene Tiefe des Abscesses einzuführen. K. Sprengel (Gesch. d. Chir. 
I, 109, 1805) hat diese letztgenannte Behandlungsweise so arg missver- 



\) Vgl. auch unsre arab. Augenärzte I, S. lä-2 u. II, S. 67. 



32 XXllI. llirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

standen, dass er behauptet, »Avicenna habe einen Faden durch den ver- 
stopften Nasengang eingebracht und täglich durchgezogen, bis die Wege 
gehörig frei geworden«. Und Jüngken hat dies getreulich abgeschrieben 
(Augen-Üp. 18219, S. 409). Der letztere behauptet auch, dass »Rhazes 
Einspritzungen in den Thränensack mittelst kleiner Rührchen gemacht«. 
Nun, Spritzen hatten die Alten, auch die Araber. Aber im Conti nens 
ist nur davon die Rede, dass man die Fistel erst ausspritze, dann 
ausfülle mit einem ätzenden Mittel. 

Bei der Durchbohrung bis in die Nase hinein achteten die Araber darauf, 
dass Blut aus der Nase herausfließt, oder dass bei Verschluss der Nasen- 
löcher Luft aus der Oeffnung herauskommt. Sie empfahlen auch den Ver- 
band zur Diagnose und die Compression zur Heilung. (Alle diese Ver- 
fahren finden wir noch bei Schriftstellern des 18. Jahrhunderts getreulich 
wiederholt. Fabricius ab Aquapendente brüstet sich ob seines zur Com- 
pression erfundenen Apparates, Platner, J. L. Petit, Verduc, Dionis, Heister 
haben ihn »verbessert«.) 

Das Mittelalter und die Renaissance vermochten auf diesem Gebiet 
nichts neues zu schaffen. Guy de Chauliag^) wiederholt das Einschneiden, 
Brennen, Aetzen, während er die Trepanation nicht lobt. Ambroise Par£2) 
verlässt sich hauptsächlich auf das Brennen und hat ein durchbohrtes 
Schutzblech für das Auge angegeben; Fabricius ab Aquapendente^) berühmt 
sich einer Schutzröhre für diesen Zweck. Die Schnitt-Oeffnung vor dem 
Brennen wurde mittelst einer Erbse (von Benevutus^^) oder mittelst der 
Wurzel des Osterluzei (von Wilhelm von Saliceto) oder mittelst eines 
Schwämmchens (von Guillemeau^') oder mit Enzian-AVurzel (von Bartisch 6' 
und Fabry''^ aus Hilden erweitert. — Das ist vielleicht das einzige, was in 
den nahezu zweitausend Jahren von den Alexandrinern bis zum Beginn 
des fruchtbaren 18. Jahrhunderts hinzugekommen. 

Es ist überaus merkwürdig, dass die genauere anatomische 
Erforschung der Thränenwege (durch Vesal*' und Falloppia^') der 
Praxis zunächst gar nichts genützt hat. 

Dies beklagt schon derjenige, den ich als Vorläufer von Anel, als 
Pfadfinder auf diesem Gebiet betrachten möchte, G. E. Stahl. Die erste 
ganz genaue Beschreibung der Thränen Werkzeuge mit Abbildung des 
Thränen-Nasengangs hat Morgagni, Advers. anat. VI., geliefert und für die 
Behandlung besonders betont, dass in den ganzen Thränenwegen keine 
Klappe sich befindet, so dass Flüssigkeiten ungehindert von oben nach unten 
und von unten nach oben bewegt werden können. (Ausg. Lugd. Bat. 



1) II, II, S. 327. 2) XV, C. 16, Bd. 11, S. 431. 3) § 316, 4) § 291, S. 204. 

5) § 319, S. 330. 6) § 320, S. 340. 7) § 321, S. 355. 

8) Exam. observ. Fallop., Vesal. op. ed. Boerhaave et Albin., II, p. 826. 

9) Observ. anat. p. 478 (Francof. 1600). 



Geschichte der Thränenfistel und ihrer Behandlung. 33 

1718, I, S. 2ofgd., VI, S. 40fgd., I, Taf. IV; VI, Taf. II. Der erste Theil der 
Advers. anat. ist bereits 1706 erschienen.) 

Durch II. A. Zinn (descript. anat. oc. humani, Gott. 1755) und Rosen- 
wüLLER (Org. lacrim. partiumque extern, oc. hum. descr. anat., Lips. 1797) 
ist dann die Anatomie der Thränen-Organe zu einem vorläufigen Abschluss 
gebracht worden. 

Also unser Landsmann Georg Ernst Stahl i), der dritte in dem be- 
rühmten Dreigestirn der großen Systematiker des 1 8. Jahrhunderts (neben 
BoERHAAVE uud Hofmann), uud der Vorkämpfer des Animismus, von 1694 
bis 1716 Prof. der Medizin zu Halle, Verfasser der Theoria medica vera, 
Urheber der chemischen Phlogiston-Lehre, hat im Juni 1702 ein kleines 
Programm de fistula lacrimali veröffentlicht, das uns in Haller's Disput, 
ad morborum bist, et curat, facientes (I, S. 278 — 281, 1757) aufbewahrt 
worden. 

Es ist unwürdig, sagt er, mit den anatomischen Kenntnissen der Neu- 
zeit sich blos zu ergötzen; aber die alten, irrigen Anschauungen und falschen 
Behandlungsweisen beizubehalten. Bei der Thränenfistel wird der Kranke 
durch die Behandlung gradezu in Verschlimmerung gestürzt. Diese Krank- 
heit beginnt mit Schnupfen; dann folgt Thränen auf der nämlichen Seite, 
Anschwellung zwischen der Nase und dem Augenwinkel, die auf Druck 
Eiter durch den oberen Thränenpunkt entleert. Die Folge ist 
Entzündung der Augenhüute, auch der Hornhaut. Bei einer 40jährigen, 
die schon lange von einem Bader, und zwar vergeblich, gequält worden, 
führte Stahl durch jenen oberen Thränenpunkt eine Darm-Saite 
ein bis in den Thränensack, machte einen Schnitt in den letzteren hinein, 
schräg vom Auge bis auf den Knochen, führte balsamgetränkte Wieken 
ein, 2 Wochen lang, bis kein Eiter mehr aus den Thränenpunkten heraus- 
gedrückt werden konnte, und beendigte die Heilung mittelst der Gom- 
pression2). Seit 7 Jahren ist die Kranke vollkommen von allen Leiden 
befreit. 

Anm. 1. Stahl war dadurch berühmt, dass er seinen Schülern gänz- 
lich unklar blieb. Auch dieses Schriftchen zeichnet sich nicht durch Les- 
barkeit aus. Chorda chelyos könnte ja auch eine Schildkröten- Sehne 
bedeuten. Aber Stahl meinte eine Violin-Saite. (/iXuc, Schildkröte, 
Leier.) Allerdings haben bei der Behandlung der Thränenschlauch-Leiden 
die Violin-Saiten später im 18. und 19. Jahrhundert eine große Rolle 
gespielt. Pallucci führte (1762) ein goldenes Röhrchen, statt der Sonde, 
in die Nase und schob durch dieses eine Darmsaite (chordam pro fidibus) 



1) Vgl. das biogr. Lexikon d. Aerzte V, S. 502—30 3, 1887 (Pagel). 

2) Trochlea compressoria, wohl ähnlich, nur kleiner, wie der Druck-Knopf 
(pelote) eines Bruchbandes. — Uebrigens sagt er: incisionem fieri curavi. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. 3 



34 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

abwärts. G. A. Richter in Güllingen (Wundarzneikunst, 1784) hat die 
Saiten empfohlen und Wilhelm Rau in Bern (Der. über die 23. Vers, 
deutscher Naturforscher und Aerzte, Nürnberg 1845 sowie Arch. f. 0. 
1,2, 1GI — I6G, I85Ö) hat sie in gesättigter HOllenslein-Lüsung ge- 
tränkt und von der OefTnung der Thränensack-Fistel aus in den Thränen- 
kanal eingeführt, um Aetzwirkung mit mechanischer Erweiterung zu ver- 
binden. Rau hat sicher die Priorität vor Dcbois (Annales d'Oculist, März 
1853, B. 29, S. 136 . Ich sah A. v. Graefe noch oft dies Verfahren üben. 
(Uebrigens werden zu diesem Behuf noch heutziutage mit Höllenstein 
imprägnirte biegsame Spiraldrähte, wie auch lösliche Bougies [mit Protargol 
5;-^, Argent. colloidale 1 X] empfohlen. Die letzteren von Steinitz in Köslin, 
Klin. M. Bl. f. A., Mai 1900. Auch mit Längs-Rinnen versehene Sonden. 
Fischer C. Bl. f. A. 1890, S. 203; Gelpke, Petersb. med. W. 1891, No. 1 .) 

Anm. 2. Die Thatsache, dass bei der sogenannten Thränen-Fistel durch 
Druck auf den Sack der Eiler aus den Thränen-Punkten entleert 
wird, ist bereits von Gabr. Falloppia genau beschrieben. (Um 1561, 
Anal, observ., in cap. de fisl. lacr. II, p. 224: Haec sanies, " si, dum 
collecta est, exprimilur sinus, manifeste excernitur per mealus dictos in 
internum oculi angulum.) Kein Wunder, dass sein Schüler G. Carcano (1593, 
in der Schrift sui muscoli del occhio e delle palpebre) dasselbe 
miltheilt, indem er zugleich die Wichtigkeit für die Behandlung betont. 
(Vgl. Morgagni, advers. anal. VI, LXIV.) Aber die Kenntniss dieser That- 
sache ist älter. In den Resten der griechischen Aerzte habe ich zwar 
keinen deutlichen Hinweis gefunden, wohl aber bei dem Araber 'Ali b. 
IsÄ. (II, c. 24.) 

Nach Stahl kam Axel (1713). Sein neues Verfahren bestand darin, 
eine ganz feine, vorn geknöpfte, silberne Sonde durch den oberen Thränen- 
punkt bis in den Thränensack und von da weiter bis zum unteren Ende 
des Thränen-Nasengangs einzuführen, auch durch eine Spritze mit sehr 
feinem Endstück eine zusammenziehende Flüssigkeit in den unteren Thränen- 
punkt einzuspritzen, und dies täglich so lange fortzusetzen, bis die einge- 
spritzte Flüssigkeit bequem durch die Nase abfließt, und die Beschwerden 
gehoben sind. (Mineral-Wasser wurde vielfach, auch von Anel, hierzu 
verwendet; von Platner 1 .5 Sedlitzer auf ,3 iii destillirte Wässer. Darunter 
versteht er wohl nicht deslillirtes Wasser, sondern Pflanzen- Destillate. 
Auch von Heister wurde Emser Mineral-Brunnen empfohlen.) — So werden 
die Thränenfisteln geheilt, allerdings nicht alle, namentlich diejenigen nicht, 
welche mit dicken Narben und stärkerem Knochenfraß (Callus und Caries) 
verbunden sind. 

Dieses neue Verfahren, das auf richtiger Erkenntniss der Anord- 
nung und der Verrichtung der Thränenwege aufgebaut war, fand bei dem 



Geschichte der Thränenfistel und ihrer Behandlung. 35 

einen Theil der Wundärzte die grüßte Bewunderung und freudigste 
Nachahmung, bei dem andren die heftigste Anfeindung und Verwerfung; 
1714 rühmte der Anatomie-Professor Terreano zu Turin Anel's neue Er- 
findung als »ampiamente applaudita da Savi di Francia e d'Italia«; und 
16 Jahre später urlheilt Schobinger, dass es »heute« fast der Vergessen- 
heit überliefert sei. (Dissert. de fist. lacr., Basil. 1730, in Halleri disput. 
chir. I, XII; S. 230 — 259, wiederabgedruckt, worüber Beer, Repert. 11,35 
seine Verwunderung ausspricht.) 

Gelobt wird zuerst das Verfahren Anel's auch von Woolhouse, der aber 
später für die Sondirung der Thränenröhrchen dem Prof. Stahl, für die Ein- 
spritzung d,em alten Thierarzt Vegetius die Priorität zuspricht. (Dissert. ophth. 
1719, S. 217.) 

In diesem »Kriege« (das Wort wird öfters gebraucht,) gab es mithin auch 
Ueherläufer. Prof. Bianchi, der 17 14 die Entdeckung Anel's bewundert und 
vertheidigt, hat 1715 in seiner Schrift de ductibus lacrimalibus novis das 
Verfahren verworfen und den Namen Anel's nicht einmal erwähnt. Das wird 
bereits in den Act. Erudit., Jan. 170 8, und von Morgagni (Advers. a. VI, S. 79) 
herb getadelt. Auf Morgagni's Würdigung werde ich noch zurückkommen. 

Das Verfahren entfachte also einen leidenschaftlichen Streit, der fast 
-0 heftig war, wie der um den Star-Sitz oder um die beste Star-Operation. 

Jedenfalls aber wirkte er befruchtend, und neue Arbeiten über die 
Krankheiten der Thränenwege sind in Fülle aufgekeimt. 

Unser L. Heister war von den Funden Anel's sogleich begeistert, 
verglich die neue Lehre von der Thränenfistel mit der vom Star und 
hat in einer Dissertation vom Jahre 1716 — De nova methodo curandi 
fistulas lacrymales, 4°, Altorfii 1716, cum figuris, respondente Henrico 
Christophoro Rodberg, Essendia Westphalo — das Verfahren beschrieben, 
durch eigene Beobachtungen vervollständigt und seine Grundsätze er- 
läutert. In den zahlreichen Ausgaben seiner Chirurgie (11, c. 54), auch 
in seinen chirurgischen Wahrnehmungen (1753)^ hat er eine genauere Ein- 
theilung der Thränen-Leiden gegeben: 

1. Thränen-Auge, 

2. Thränen-Geschwulst, 

3. Thränen-Geschwür, 

4. Thränen-Fistel. 

(Es lässt sich nicht leugnen, dass die Alten diese Formen kannten, 
Heister selber giebt es gewissermaßen zu, und folgendermaßen benannten: 
[yjac, a-'/i'Äoj'!;, oti-iXco^l/, 3U017; ; aber die Entwicklun g dieser Krankheiten 
war ihnen nicht so ganz deutUch.) 

Heister verwendet also das Verfahren von Anel. Wenn" wirklich 
Fistel besteht, sondirt. er von der Oeffnung aus mit dickeren Sonden. 
Er verwendet auch den Schnitt, die Aetzmittel, die Durchbohrung nach 



36 XXIII. llirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

der Nase zu mit Einlegen von Wieken, Röhrchen, Wachsstückchen; wäh- 
rend er das Brennen mit dem Glüh-Eisen fast vollständig verwirft. Heister's 
Darstellung wurde von seinen Zeitgenossen, nicht blos von seinen Lands- 
leuten, wie Platner, sondern auch von den Franzosen, sehr gerühmt und 
für die beste erklärt. 

Unser Jo. Zach. Platner empfiehlt gleichfalls das »von den Meisten 
verschmähte Verfahren Anels« zuerst zu versuchen, in der berühmten 
Dissertatio de fistula lacrumali, die XI. Aug. MDCCXXIIII publice pro- 
posita respondente M. Plenrico Godofredo Heyland. 4". (Erschien auch 
deutsch von Winkler, Berlin 1735, 8", und ist lateinisch wieder abgedruckt 
in JoH. Zach. Platneri opusc. T. I, Lipsiae, in o. Weidmanniana, 1748, 
S. 1 — 38, mit einer Tafel, welche 1 4 Instrumente enthält.) Für die Fälle, 
welche Herstellung der Durchgängigkeit der Thränenwege zulassen, will 
er Anel's Verfahren, für die mit vollständiger und unheilbarer Undurch- 
gängigkeit das von Woolhouse besonders empfehlen. Das letztere besteht 
in der Exstirpation des Sacks und Durchbohrung des Thränenbeins. 

Wenn somit auch Anel in Deutschland überzeugte Anhänger fand, 
— in Italien, wo er seine Erfindung gemacht und veröffentlicht, stieß er 
auf heftige Gegner, wie Seb. Melli (Della fistola lacrimale, Venet. 1713) und 
namentlich der Wundarzt Franc. Signorotti, welcher erklärte, nicht die 
Thränenfistel, sondern nur ein Thränenfluss sei so geheilt worden, die 
Sonde könne schwerlich den gekrümmten Gang bis nach unten verfolgen. 

Informazioni falte dal chii'urgo Fr. Signorotti ad uno degli accademici 
di Parigi contro Mons. Dom. Axel, Qual pretese esser egli l'unico Inventore, ed 
il primo ti'ovatore di Stromento atto alla guariggione delle Fistole Lacrimali. 
Genova e Torino, 1713, 4°. 

S. muss es arg getrieben haben, wenn nur der zehnte Theil von dem 
richtig ist, was Anel ihm vorwirft: dass er seine Streitschrift sofort zum Minister, 
zum Leibarzte Ihrer Kgl. Hoheit getragen, in allen Kneipen, auf allen öffentlichen 
Plätzen, an alle Reisende dieselbe vertheilt habe, u. dgl. mehr. Anel meint 
milde geantwortet zu haben; jedenfalls war er sehr ausführlich: auf 12 Seiten 
erwidert er mit 158 + 3 16 in Quart! 

Auch in Frankreich, wohin Anel bald zurückkehrte, wurde er von 
einigen, wie von dem Wundarzt Garengot i) und von dem Augenarzt St. Yves 
(1722) gar nicht erwähnt; von Andren wurde sein Verfahren als schwierig 
oder gar als unmöglich hingestellt, wie von dem berühmten Mery^), oder 
als wenig wirksam, wie von dem Wundarzt de la Foreste 3), welcher, wie 



<) Operat. de chir. Paris -1720, 1739, 1741. 

2) In dem Dankbrief für Uebersendung des Buches von A. schreibt M.: il 
ne se trouvera aucun Chirurgien, qui puisse vous imiter. (Suite, S. 92.) Das 
ist höflich, aber doppelsinnig. 

3) Memoires de l'Ac. R. de Chir. II, ■1753, S. -170. 



Geschichte der Thränenfistel und ihrer Behandlung. 37 

bereits früher (1715) Bianchi i) zu Turin und dann la Faye^) in Paris 
empfohlen, die Sondirung und Einspritzung des Thränen-Nasengangs vom 
unteren Ende, also von der Nase her, mit krummen Hohlsonden bewerk- 
stelligte, — ein Verfahren, das trotz seiner bedeutenden Schwierigkeit ja 
noch im 19. Jahrhundert, von Gensoul in Lyon 1826, von Rau in Bern 1854, 
angewendet und verbessert worden ist. (Vgl. Deval's Chir. oculaire, Paris 
1846, S. 552 u. A. f. 0. I, 2, 166 fgd., 1855.) 

Aber die Hauptsache war, dass bald in dem Verfahren des berühmten 
Chirurgen J. L. Petit dem ANEL'schen ein dauernd siegreicher Nebenbuhler 
entstanden ist. 

J. L. PetitS), welcher den Abfluss der Thränen von den Augen zur 
Nase auf zwei Ursachen zurückführt, auf den heber-artigen Bau der Thränen- 
Wege und auf die Zusammenziehung des Schließmuskels der Lider, schneidet 
von außen den Thränensack auf und bringt langsam eine gerinnte 
Sonde durch den Nasengang bis in die Nase; die Rinne dient dazu, 
eine Kerze einzulegen, um den Nasengang offen zu halten. Jeden Tag wird 
eine frische Kerze eingelegt, bis der Nasengang heil ist; dann kann man 
die äußere V^'^unde des Thränensacks schließen. 

Der berühmte Chirurg Louis*), der amtliche Berichterstatter der Aka- 
demie der Chirurgie, war von dieser beauftragt, über die Verfahren von 
MfijAN, Wundarzt zu Montpellier, und von Cabanis, Wundarzt zu Genf, zu 
berichten. 

MfijAN zieht einen Faden durch den Thränen-Nasengang und mit Hilfe 
desselben Dochte, die mit Basilicum, Süßmandelül, grünem Balsam s) getränkt 
sind, in den Thränenkanal hinein, bis zur Heilung. Er führte eine goldne 
Sonde, die oben in einem Öhr einen Faden trug, bis in die Nase, zog das 
untere Ende der Sonde mit einem Sondenfänger heraus, löste den Faden, 
der nun in dem ganzen Thränengang lag, unten von der Sonde, befestigte 
eine Wieke unten daran und zog dieselbe in den Nasenkanal hinauf; täglich 
wurde die Wieke erneuert. — Das Verfahren blieb lange beliebt. (In 
unsren Tagen hat W. Koster Gzn. in Leiden ein ähnliches wieder em- 
pfohlen. Arch. f. Ophth. LXVH, 1, 1908.) — Cabanis hatte denselben Ge- 
danken. 



1) De ductibus lacrimalibus novis, Taurini ]1\5, 4". Gegen diesen prahle- 
rischen Titel richtet Morgagni (Adv. anat. VI, 36) seinen Spott. 

2) In seinen Anmerkungen zu Dionis' Operations-Lehre. Somit hat Allouel, 
Prof. in Genf, seine Priorität vor der Acad. de Chir. vergeblich verfochten. Vgl. 
Louis, Mem. de l'Ac. R. de Chir. II, S. 208, 1753. 

3) De la fistule lacrimale. Mem. de I'Acad. R. des sciences, A.1734, S. 135 fgd. 
Second Memoire sur la fistule lacr. Mem. de TAcad. R. des sc, A. 1740, S. 155 fgd. 

4) Memoires de TAc. R. de Chir. II, S. 193, 1753. 

5) Bei diesem macht der gute Beer, Repert. II, S. 55, ein Fragezeichen. Nun, 
es war ein Geheim-Mittel, das der Familie Ledran Schätze einbrachte und Henri 
Franqois Le Dran (1685 — 1770) zum Studium der Chirurgie bestimmte. 



38 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Louis erörtert alle Verfahren und meint, dass die Alten irrten, 
wenn sie den Knochen immer durchbohrten; die Neuen, wenn sie ihn 
nie durchbohren wollen; rühmt WooLnousE's') Operation, das Nagelbein 
zu durchbohren und ein ganz kleines goldenes Röhrchen in die Nase 
einzuführen; lobt auch, wenn gleich nicht für alle Fälle, das PETiT'sche 
Verfahren und macht darauf aufmerksam, dass viele Fälle ohne Operation 
geheilt werden. 

Jaxin (1772) hat die Irrlehre vom Beinfraß gründlich widerlegt. Dass 
der berühmte William Blizaud (1743 — 1835) 1780 lebendiges Queck- 
silber durch eine feine Rühre in die Thränenpunkte eingoss, um die Ver- 
stopfung des Thränennasengangs zu heben, soll nur erwähnt werden. 

Im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts befreite sich die 
Augenheilkunde zunächst von der Bildung einer künstlichen Oeffnung nach 
der Nasenhöhle, die eine Täuschung darstellt; verfiel aber sogleich in die 
nicht geringere Verirrung, nach Spaltung der vorderen Thränensackwand 
das goldene Röhrchen Dupuytrens'-) oder den Bleinagel Scarpa's^) in den 
Thränen-Nasengang einzubringen und einheilen zu lassen. Nie leisteten diese 
Verfahren, was sie sollten; sie zeigten nur, was die kranken Menschen sich 
gefallen lassen, und was der kranke Körper an Misshandlung verträgt. 
Uebrigens nicht immer! Am 8. Tage nach der Einführung des ScARPA'schen 
Nagels bei einer 50 jährigen entstand Tetanos, der, trotzdem am folgenden 
Tage der Nagel wieder ausgezogen wurde, binnen 4 Tagen tödtlich endigte. 
(Anal. d'Ocul. XII, S. 94, 1844.) — Das DupuvTREN'sche Röhrchen ver- 
ursachte, in einzelnen Fällen, Coryza, Caries, Durchbohrung des Gaumens, 
ja Erstickungszufälle, indem während des Schlafes Reste in die Kehle fielen. 
(Carron du Villards, mal. des yeux, 1838, I, S. 447, 448; Himly I, 349.) 

Dupüytren's Verfahren war übrigens schon von Jonathan Wathen in 
London ^781 regelmäßig angewendet worden. (A new and easy method of 
applying a tube for the eure of the fislula lacrimalis. London 1781, 4'^.) — 
Und Louis berichtet bereits 1753, dass Herr Foubert ein goldenes Röhrchen 
mit Erfolg in den Thränen-Nasengang eingeführt. (Mem. de l'Ac. R. de chir. II, 
S. 205.) " 

?a, es ist wie bei Aristoi'hanes: es kommt immer eine ältere — Methode 
zum Vorschein. Le Cat hat auch 175ö das Röhrchen bereits eingeführt. 
(§ 362.) 1729 rühmt sich B. Diddel in London, der ja allerdings Woolhousk's 
Schüler gewesen, durch Einführung einer kleinen ßleiröhre in den neuen Weg, 
der durch Zei"brechen des Nagelbeins gemacht ist, »zuerst die Thränenfistel 



1) W. selber hat sein Verfahren nicht veröffentlicht, vielmehr die Veröffent- 
lichung seinem ehemaligen Schüler, dem Prof. Platner, überlassen. (Dissert, de 
üstula lacrimali, 1724.) 

2) Sabatier, Med. operatoire. Nouv. Ed. Paris 18-22, u. a. 

3) Sagirio di osservazioni ed esperienze sulle principali mallattie degli Occhi 
di Ant. Scarpa. P. Prof. di notomia e chir. prat. nella Univ. di Pavia, 8", 1801, 
512 fgd. 



Geschichte der Thränenfistel und ihrer Behandlung. 39 

radikal geheilt 7ai haben, die seit zwei Jahrtausenden die Wundarzte so beun- 
ruhigt hat«. (Dis. of the horny coat, S. 9 9.) Die Priorität hat Woolhouse 
(Platner, de fist. 173 4-j. 

(Nur beiläufig will ich erwähnen, dass in unsren Tagen die Einführung des 
Röhrchens wieder der Vergessenheit entrissen worden. Güaita nimmt [|902, 
J. B. d. Ophth. S. 358] ein Rölirchen aus entkalktem Knochen, Zimmermann 
[ophth. Klinik 1907, N. 24] ein solches aus Metall.) 

In Deutschland wurden gleichzeitig mildere und vorsichtigere Ver- 
fahren vorgezogen, die Einführung von Darmsaiten (Richter, Beer), von 
seidenen Fäden (A. Schmidt, Schmalz, .1. >.'. Fischer) i). 

Drei neue Gedanken brachte uns die zweite Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts: 

I. Die Sondirung des Thränen-Nasenkanals mittelst dickerer Sonden 
nach Schlitzung des Thränenrührchens. Diese Verbindung des Anel- 
schen Verfahrens mit dem PETiT'schen hat W. Bowman^) 1857 uns 
geschenkt und A, Weber-') verbessert, der zu großem Vortheil für die 
Kranken das obere Kanälchen schlitzt und zwar mit einem geknüpften 
Messerchen. 

In unsren Tagen hat dann 0. Becker in Heidelberg wiederum em- 
pfohlen, das Thränenrührchen durch eine kegelförmige Sonde stumpf zu 
erweitern und dickere Sonden in den Thränen- Nasengang einzuführen. 
Dies Verfahren hat in den augenärztlichen Operationen von W. Czerstak 
(I. Aufl. S. 313, 1893 — 1904, II. Aufi. von A. Elschmg, I, S. 334, 1908,) 
keine Billigung erfahren. 

L. V. Wecker's Ilohisonde mit Schlauch und Gummi-Ballon erleichtert 
das Einspritzen zusammenzieliender Flüssigkeiten. 

2. Die Ausrottung der Thränendrüse, um dauerndes Thränenträufeln 
zu verhindern. Schon von Velpeau-*) 1839 und von P. Bernard ^) 1845 
vorgeschlagen, wurde sie von L. Wecker 1888 wenigstens auf den Lid- 
Theil der Drüse beschränkt, hat aber auch so außerhalb Frankreichs wenig 
.Anwendung gewonnen, üebrigens finde ich, dass schon um das Jahr 1780 
einem Herrn, dem beide Lider verbrannt waren, so dass er an unerträg- 
lichem Thränen ült, von einigen Fachleuten (gens de l'art) die Ausrottung 
der Thränendrüse angerathen worden. (Pellier de (Juexgsy, recueil, 
1783, S. 14.) 



i) A. G. Richter, Wundarzneik., Göttingen, II, c. 11, 1798. J. Beer, Lehre v. 
d. Augenkr., Wien 1817, II, 170. Martini, de fili serici usu in viar. lacr. morb., 
Lips. 1822. (Radius, scr. ophth. minor. li, 133— I73.j J.N.Fischer, Klin. Unter- 
richt in der Augenheilkunde, Prag 1832. S. H38. 

2) Ophth. Hosp. Rep. 1837, Oct. (Und Annal. dOculist. XXXIX, S. 78—83.) 

3) A. f. 0. VIII, 1, S. 94— 113. 1863. 

4) Traite de med. operat., äe ed., 1839, t. III. 

5) Cauterisat. avec ablation de la glande lacrimale. Paris in 8", 1843, S. U. 



40 XXIII. Ilirschberg^ Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

3. Die Ausrottung des Thränensacks, die man unbewusst (und 
darum unvollkommen) schon seit den ältesten Zeiten, wenigstens seit den 
Alexandrinern, geübt hatte, wurde im 18. Jahrhundert schon bewusster, 
wenngleich nur zusammen mit der Durchbohrung des Thränenbeins, em- 
pfohlen. Vgl. Platneri, Diss. de fist. lacr. 1724. (Es ist das Verfahren 
von WooLHOusE.) § XXIII. In eo vero omnes hactenus autores, qui de 
fistula lacrymali egerunt, lapsos esse observamus, quod quidem perforationem 
ossis lacrimalis commendaverint, sacci autem lacrymalis exstirpa- 
tionem plane neglexerint. Haec vero ideo necessaria omnino existit, 
quod, si chirurgo minus pensi est, lacrymae . . . novam saepe fistulam 
generant. Er spricht auch von der Ausschneidung der Thränensack- 
Kuppe. — Auch Duddel in London, gleichfalls ein Schüler von Wool- 
HousE, spricht 1729 von Exstirpation des stark erweiterten Thränensacks, 
erwähnt die bedeutende Blutung und empfiehlt gegen letztere das Glüh- 
Eisen. (Diseas. of the horny coat, S. 71.) 

Neuerdings ist dann (zumal in den Fällen stärkerer, balg-artiger 
Anschwellung des Thränensacks), mit genauer Berücksichtigung der ana- 
tomischen Verhältnisse, die Exstirpation des Thränensacks von R, Berlin i) 
(1868) eingeführt und von Alfred Gr.\efe, Kuhnt^ Czermak, Axenfeld, Melier 
u. A. erheblich verbessert worden. Die neueste französische Augen-Opera- 
tionslehre von Terrien (1902) steht der Ausrottung des Thränensacks wohl 
zu skeptisch gegenüber: während die von Czermak ihr volle Gerechtigkeit 
angedeihen lässt. 

Diese Exstirpation ist das Hauptverfahren bei unheilbarer Thränen- 
sack-Eiterung, der Hauptschutz gegen den gefährlichen Hornhaut-Abscess, 
sowie gegen Vereiterung des Star-operirten Auges, wenn nicht in leichteren 
Fällen der galvano-kaustische A^erschluss des Thränenrührchen 
genügt. Der kaustische Verschluss rührt schon von Andre Boscbe her: 
An in fistulis lacrymalibus complicatis debet adhiberi punctorum lacrymalium 
cauterisatio? (Diss. zu Montpellier, 1783, 4", 8 S.) 

Der galvano-kaustische Verschluss des Thränenrührchen ist von Haab 
(Deutscomann's Beitr. III, S. 57, 1891) und von mir empfohlen. 

Die Ersatz-Verfahren für die Ausrottung bestehen im Auskratzen, 
Ausbrennen, Fort-ätzen der Schleimhaut des geöffneten Sackes. (Vgl. Czermak- 
Elschnig I, S. 341, 1908.) 

Zusatz. 

Es dürfte von Interesse sein, für diejenigen Vei'fahren, welche den Um- 
schwung eingeleitet und unsre heutige Praxis begründet haben, in den 



1) Verhandl. d. Heidelberg. Ophth. G. 1868, S. 335. (Dort soll, nach Czermak, 
Augen-Op., I, 347, die »ältere Literatur« zu finden sein. Man wird sie vergebens 
suchen und nur ungereimte Behauptungen über die Geschichte dieser Operation 
antrefTen.) 



Geschichte der Thränenfistel und ihrer Behandlung. 41 

Worten der Vf. selber oder wenigstens in denen von Augenzeugen gewisser- 
maßen Beweis-Stücke zu liefern. 

i . Axel führte zuerst eine Eber-Borste in den oberen Thränenkanal ein, 
dann ließ er nach der Dicke derselben silberne Sonden anfertigen, die in den 
Löchern einer Draht-Leere (filiere) geprüft wurden. ( 1 , S. 19.) In seiner Suite 
de la nouvelle Methode, 1714, S. H, heißt es folgendermaßen: »Qui est-ce qui 
a Jamals invente ? Qui est-ce qui a jamais pratique ni enseigne avant moi la 
maniöre d'introduire par les points lacrimaux dans toute l'etendue du conduit 
lacrimal jusques dans l'interieur du nez une sonde perfectionnee, de meme 
que Celle, que j'ai rapporte dans ma nouvelle Methode? de donner une cour- 
bure convenable a cette meme sonde? de reconnoitre par son moien ce qui 
se passe dans le sac lacrimal? de deboucher ensuite avec cette meme sonde, 
l'orifice inferieur du conduit lacrimal, que j'appelle POINT EXCBETOIRE, de ce 
meme conduit lacrimal, qui s'ouvre dans l'interieur du nez? de faire de petits 
tuvaux si sublils^ et si delicats, et capables detre introduils par l'une de leurs 
extremitez dans les points lacrimaux, et les adapter par l'autre, au bout des 
petits et tresdelicates Seringues 1)? et de porter dans le conduit lacrimal dilatr, 
ulcere, et en quelque maniere caleux, par le moien de ces deux derniers In- 
struments, des medicaments assez efficaces pour tarir la matiere en guerissant 
les ulcerations, resolvant les calositez, et fortifiant ce sac dilate?« 

Man wird dem Vf. i. A. wohl Recht geben. Schon der berühmte Jo. Bapt. 
Morgagni hat durch seine glänzenden Adver saria anat. sexta (Lugd. Bat. 
1723, S. 40 — 86) die Vertheidigung Axel's gegen seine Widersacher unter- 
nommen. Zunächst hat er darauf aufmerksam gemacht, dass für die Sondirung 
der Thränenwege des Menschen dem Stenon die Priorität nicht gebühre, da 
derselbe nur bei der Sektion, imd zwar von Thieren, Borsten in die Thränen- 
punkte eingeführt. (Diese Priorität müssen wir aber dem Stenon auch entziehen. 
Denn Galen sagt im X. Buch seiner Anatomie"-': »Du siehst die Thränenpunkte 
beim Menschen ohne Präparation ganz deutlich. Du siehst sie bei der Präpa- 
ration der Thiere, dadurch, dass du einen Haarfaden darin einführst.«) 

Sodann hat Morgagni mit der ihm eigenthümlichen Gelehrsamkeit dai'auf 
hingewiesen, dass die alten (spälrömischen) Thierärzte schon Einspritzungen 
in die Thränenröhrcheu mittelst einer kleinen Röhre vorgenommen. Es heißt 
in Vegetii Renate digestorum artis mulömedicinae libri (11, c. 2 1 ) '^^ : 

De suffusione curanda per nares. Aliqui auctores dixerunt, si dexter 
oculus suffusionem susceperit vel album incurrerit, dextram partem naris, si 
sinister, sinistram diligenter inspicies et in ipsa callositate narium foramina 
subtilissima invenies, quibus tenuis inserenda est fistula; per quam 
ille, qui curare debet, os plenum vino insufflet; quo facto oculus incipiet lacri- 
mare. Velocius autem proficiet^ quia per inferiores venas meri virtus ad oculum 
penetrat. 



1) Dem französischen Goldschmidt Jean Baptiste Dieulafes gelang die Her- 
stellung des so zarten Ansatz-Stückes, das an eine kleine englische Spritze gefügt 
wurde. (1, S. 21.) 

2) Sieben Bücher Anatomie des Galen, aus einer arab. Uebersetzung v. u. 
in's Deutsche übertragen v. Dr. M. Simon, II, -1906, S. 46. 

3) Ed. Ern. LoMMATzsCH, Lips. 1903, S. 117— 118. Uebrigens stimmt dies 
Kapitel mit der älteren Ausgabe, nach der Recension von Jo. Mattii. Gesner, 
wörtlich überein. 



42 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

In »Claidh IIkrmeri mulomedicina Chironis«, die etwa um 400 u. Z. ver- 
l'assL wurden, und dem Vegkt. als Quelle diente, steht ungefähr dasselbe (c. 8 4)^' 
und noch dazu der Satz: ex eo intelliges eum (!) foramen ad oculum pertinere. 

Immerhin verlheidigt Morgac.ni in s. Advers. anat. (VI, lxiv, lxv) Anel's 
Priorität in der Sondirung und in der Einspritzung höchst thatkräftig gegen 
seine Widersacher. Später hat er allerdings hervorgehoben, dass Valsalva in 
seinen (handschriftlichen) Rathschlägen versichert, die Sondirung der 
Thränenwege von einem Thränenpunkt aus bis in die Nase hinein mittelst einer 
dünnen Sonde ausgeführt zu haben. (De sedibus et causis morborum, XIII, 28: 
IIujus tarnen illam partem quae in tenuis specilli per alterum lacrymale Punctum 
in nares usque immissione consistit, se ante Anellium administrasse et sie reserasse 
nasalem ductum, Valsalva in Consiliis a me perlectis affirmabat.) 

Den Werth von Anel's Leistung heurtheilt Morgagni mit den folgenden 
Worten: Nam quis eum non probet, qui instituit, non viam Naturae ignotam, 
ut solent, et novam parare, sed ab ipsa natura apertam, ä morbo autem 
obstructam reserare? (Brief an Anel vom 1 4. Febr. 1714, vgl. Suite, S. 6 I — 64.) 

Halleu urtheilt folgendermaßen (bibl. chir. I, 578): »Nach einigen Angaben 
der Alten und Gedanken Stahl's erfand A. dünne Silber-Sonden und feine 
Spritzen, mit denen er die natürlichen Thränenwege eröffnen und die eitrige 
Materie ausspritzen konnte und hoffte, ohne Eisen und Feuer die ganze Thränen- 
fistel zu heilen.« 

2. Von Petit's Verfahren giebt Bordenave (Mem. de l'Acad R. de chir. 
II, 165 fgd., 1753)"'^^ »mit kurzen Worten« die folgende Beschreibung: 

»On incise le sac lacrymal, on introduit ensuite, ä la faveur de l'incision, 
une sonde cannelee que l'on pousse par le conduit nazal jusques dans la cavite 
des narines, pour deboucher par ce mojen la longue brauche du siphon la- 
crimal. On porte sur la cannelure de la sonde une bougie que l'on foit passer 
dans le ncz, et on la change tous les jours, jusqu'ä ce que la surface interne 
du canal nazal seit entiercment deterge et consolide. « 

3. ScARPA beschreibt sein Verfahren mit folgenden Worten: »che la superficie 
interna del sacco e cicatrizzata, il Chirurgo ritirera del tutto la candeletta . . . 
giä collocata sin dal principio della cura nel canale nasale, e sostituirä ä questa 
una tasta (Sonde) di piombo, conformata in maniera che l'estremitä superiore di 
essa porti una laminelta pure di «piombo, della lunghezza di circa quatro linee 
e d'una linea poco piu in larghezza. 11 cilindro di questa tasta tutto solido 
continuarä a mantenere dilatato il canale nasale ancora per qualche tempo . . . 
Dopo alcun tempo, e dappoiche il Chii'urgo vedrä che, mediante l'anzidetta 
laminetla, il sacco lacrimale lungi da fai'si prominente all' infuori, si infossa 
anzi nel solco dell' unguis, ritirera per semprc la tenta di piombo e permettera 
alla esterna apertura del sacco lagrimale . . . di chiudersi.« 

4. Das Verfahren von Dupuytren ist von J. B. Bousquet et N. Bellangeu 
(Traitc des maladies des yeux par A. Scarpa, traduit sur la 5" et derniere ('-d. 
Paris 1821, I, S. 32) folgendermaßen geschildert: 

»Mr. le prof. D. . . se contente de plonger un bistouri dans le sac lacrymal 
et de placer ä demeure dans le canal nasale une petite canule cylindrique 
taillee en biseau h son extremitr inferieure et garnie ä son extremitö opposee 

1) Vgl. die Ausgabe von Eug. Oder, Lips. -1901, S. 28. 

2) Vgl. auch Petit's Traite des maladies chirurgicales et des Operations qui 
lui conviennent, ouvrage posthume, public par de Lesnes, Paris 1774, I, S. 307. 



Die großen Petit's. 43 

d'un petit rebord qiii prcvient sa cbute dans la narine; quelques secondes suffi- 
sent pour l'execution de cette Operation et trois ou quatre jours pour la gue- 
rison du malade.« 

Etwas ausführlicher beschreibt dies Verfahren A. P. Demouks (Precis, 182 4, 
S. 219) nach Fromext, Diss. inaug. sur la tumeur la fistule des voies lacrv- 
males, prös. ü la fac. de med. de Paris, le 12 fev. 1820. 

§ 362. Die großen Petit's. 

Drei große Aerzte des 18. Jahrhunderts zu Paris führen den Namen 
Petit. 

Der letzte von ihnen, Antoine Petit (171 8 — 1794), Vf. einer Anatomie 
chirurgicale und eines Traite des maladies de femmes, Prof. der Anatomie 
am Jardin du roi, kommt für uns nicht in Betracht. 

5. Der erste, Fran(;ois Pourfour du Psrrr (1664 — 1741, vgl. § 336), 
in den Abhandlungen der Academie R. des Sciences immer als M. Petit 
le Medecin bezeichnet, hat die größten Verdienste um die genauere und 
die topographische Anatomie des Auges, um die richtige Star-Lehre und 
auch um die Verbesserung der Star-Operation, indem er für die Nieder- 
drückung die Spaltung des hinteren unteren Theils der Linsenkapsel und 
für die weichen Stare, welche nicht niedergedrückt werden können, die 
Zerstücklung einführte. 

Von seinen anatomischen Untersuchungen über das Auge war er ganz 
allmählich zur Operation des Auges übergegangen, was damals in Frank- 
reich für einen Doctor der Heilkunde noch eine Seltenheit war. 

Sein Sohn, Etienxe Pourfour du Petit, der 17 46 zu Paris promovirte, 
hat sich die ganz vergebliche Mühe gegeben, die Priorität der Star-Ausziehung 
dem großen Daviel zu entreißen — durch die Abhandlung »Remarques adressees 
ä l'auteur du Mercure de France sur l'exlrait du memoii'e de Daviel«, worin er 
den Nachweis zu führen sucht, dass . Daviel's Methode der Star -Ausziehung 
bereits bei Rhazes und Avicexna sich beschrieben findet^'. 

6. Der mittlere ist Jean Louis Petit (1674 — 1750), der berühmteste 
Wundarzt seiner Zeit, in den Abhandlungen der Academie R. des sciences 
immer als M. Petit le Chirurgien von dem Medecin unterschieden. Wir 
haben ihn bereits als Förderer der neuen Star-Lehre kennen gelernt, als 
den zweiten nach St. Yves, der (1708) einen in die Vorderkammer vor- 
gefallenen Star durch Hornhaut-Schnitt herausgezogen, als Begründer einer 
neuen Operation gegen die Thränenfisteln. Von seinen sonstigen großen Ver- 
diensten um die Chirurgie zu sprechen ist hier nicht der Ort. Was seine 
Zeit über ihn urtheilte, findet man im Eloge de J. L. Petit par A. Louis 
(Eloges ... par A. Louis, Paris 1859, S. 1—18). 



1) Biogr. Lexikon der Aerzte IV, 1886, S. 342. 



44 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

§ 363. Die andren französischen Chirurgen^) aus dem 18. Jahr- 
hundert, welche hier berücksichtigt werden müssen, haben z. Th. schon 
Erwähnung gefunden. 

7. Jean Mery^), als Sohn eines Wundarztes in Vatan (Berry) 1645 geb., 
kam im Alter von 18 Jahren zur Erlernung der Wundarzneikunst nach 
Paris und trat in das Hotel Dieu ein, zu dessen erstem Wundarzt er im 
Jahr 1700 ernannt wurde. Er lebte der Chirurgie und Anatomie und war 
ein sehr thätiges und angesehenes Mitglied der Akademie der Wissenschaften. 
Drei wichtige Leistungen auf unsrem Gebiete sollen ihm unvergessen bleiben: 

I. Durch unverdrossene Arbeit — erst als Gegner, dann, nachdem er 
durch Thatsachen sich überzeugt s), als Förderer — hat er die neue Lehre 
vom Star-Sitz im Schöße der Akademie mitbegründet. (§ 328.) 

IL Er ist eigentlich der erste, welcher klar und unzweideutig ausge- 
sprochen, dass neben der Niederdrückung des Stars auch die Ausziehung 
als besondres Verfahren möglich sei. (§ 345.) 

in. Er gehört zu den Vorläufern des Erfinders der Augenspiegelung. 
Am 12. Nov. 1704 4) las er in der Akademie der Wissenschaften eine Ab- 
handlung »über die Bewegungen der Iris und gelegentlich über den wich- 
tigsten Theil des Seh -Werkzeuges« und erwähnt hierin die Thatsache, dass, 
wenn man eine Katze unter Wasser taucht, die Pupille sich erweitert 5) und 
die in der Tiefe des Auges gelegenen Theile, der Sehnerven-Eintritt und 
die Aderhaut mit allen ihren Farben und Gefäßen ß) w^ahrnehmbar werden, 
die man bei der Betrachtung der Katze in Luft nicht zu sehen vermöge. 

Bei der Erklärung dieser Thatsachen irrt er, wie meistens in der 
Optik'), die nicht seine Stärke war. Darin war sein Akademie-Genosse 
DE LA HiRE besser beschlagen; derselbe gab 5 Jahre später s) in einer am 

4) Eine brauchbare und kritische Uebersicht über die französische Chirurgie 
des 18. Jahrhunderts bringt das treffliche Werk Ch. Daremberg's, Histoire des 
sciences medicales, Paris 1870, II, S. -1263— i297. Haller's bibl. chir. (II. B., iTT^/g) 
und das biographische Lexikon der Aerzte liefern werthvolle Ergänzungen. 

2) Vgl. § 328 und Biogr. Lexikon IV, S. 215, 1886. 

3) Ut honoratum virum decet, priora sua revocat. (Haller, bibl. chir. I, 
S. 474, 1774.) 

4) Des mouvemens de l'Iris et par occasion de la partie principale de 
rOrgane de la vue. (Er hält die Aderhaut dafür, mit Mariotte.) Hist. de TAc. 
R. des sc. 1704, S. 261— 271. 

3) Er bezieht diese Erweiterung ganz richtig auf das Aufhören der Respira- 
tion; da, wenn die Katze noch lebend aus dem Wasser gezogen wird, das Licht 
alsbald wieder die Pupille verengt. 

6) Ueber den Augengrund des Kätzchens vgl. m. Mitth. im C. Bl. f. A. 1891, 
S. 385, und m. Einführung, 11,1, S. 192, 1902. 

7) § 327. M. meint, dass die feinen Unebenheiten der Hornhaut durch das 
Wasser ausgeglichen werden. 

8) Hist. de l'Ac. R. des .sc. 1709, S. 93. 



Mery, Garengot, Ferrein. 45 

30. März 1709 vor derselben Akademie gelesenen Abhandlung »über einige 
optische Erscheinungen und die Art und Weise, wie das Sehen bewirkt 
wird«, die richtige Erklärung, dass durch das Eintauchen unter Wasser 
die Lichtbrechung an der Hornhaut ausgeschaltet werde, also das von einem 
Punkt des Augengrundes der Katze ausfahrende Strahlenbündel nicht mehr 
als paralleles, sondern als stark divergirendes Bündel austrete und somit 
das Sehen des Katzen-Augengrundes uns erleichtert werde, zumal gleich- 
zeitig der störende Hornhaut-Reflex fortgefallen sei. 

Ueber einen fleischigen Auswuchs der Hornhaut, den er vom Auge 
eines Kranken abgetragen, berichtet Merv in der Gesch. der Akademie vom 
Jahre i703, S. 36. 

8. Der berühmte Chirurg R. J. Ghoissant de Gauengot zu Paris (1688 
■ — 1759) tadelt in seiner Abh. von den Instrumenten (1723, 1725) die 
Wundärzte, dass sie die vornehmlichsten Augen-Operationen den 
Landstreichern und Quacksalbern überließen; dennoch hat er in 
seiner Chirurgie (1720, 1731, 1738 — 1741) unter allen Augen-Operationen 
nur die der Thränen-Fistel abgehandelt. 

Garengot war Sohn eines Wundarztes, Mitglied der Akademie der 
Chirurgie, seit 1742 auch Regiments-Chirurg, und ist im Feldzug 1752 
zu Köln gestorben. Er war einer der ersten, der Daviel's Star-Ausziehung 
nachmachte, und mit Erfolg. (§ 349, A.) (Nach Daremberg »homme de 
plus de savoir-faire que de savoir, a ete plutut, par sa jactance, sa mau- 
vaise fois, une honte qu'une gloire de la Chirurgie frangaise; il a audacieuse- 
ment pille une grande partie de ce qu'il rapporte d'important en ses Ope- 
rations de Chirurgie.«) 

9. AntoiiNe Ferrein (1693 — 1769). 

Vgl. Haller, bibl. chir. II, S. 150 u. disp. chir. select. V, S. 567—569. 
Trug & Pansier, Hist. de l'Ophth, ä -Montpellier, 1907, S. 214. (Sie tadeln 
Haller ganz mit Unrecht u. haben wohl die Disp. chir. nicht zur Hand gehabt.) 

F. studirte in Montpellier, prakticirte in Marseille um 1720, erwarb 
den Doctor zu Montpellier, bewarb sich daselbst um die Professur vergeblich, 
erlangte sie aber 1742 zu Paris, für Chirurgie. Wir haben von ihm Quae- 
stiones medicae duodecim . . . pro cathedra vacante . . . quas propugnabit 
diebus 3, 4, 5 aprilis 1732 Antonius Ferren, Montpellier 1732, 4^ (40 S.). 
Die zwölfte Frage ist uns in Haller's Diss. chir. sei. aufbewahrt: »Quinam 
sint praecipui, quomodo explicentur et curentur lentis crystallinae 
morbi.« Ferrein erklärt darin, dass er schon vor 12 Jahren in Marseille 
den Star -Stich so geübt, dass er erst die Linsenkapsel hinten- unten mit 
der Nadel eröffnete und dann durch diese Oeffnung in der gewöhnlichen 
Weise den Star niederlegte. »Der ganze Widerstand bei der Niederlegung 
des Stars hängt ab von der Kraft, mit welcher die Kapsel ihrer Zerreißung 



46 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

und dem Linsen-Austritt widerstrebt, wie ich durch den an künslHchem 
Star hundertfach angestellten Versuch festzustellen vermochte.« Dass F. 
das Verfahren als Knopfloch (boutonniere) bezeichnete, erfahren wir von 
seinem Hörer, dem preußischen Militär -Wundarzt Henckel. (Die Priorität 
der Veröffentlichung hat Doctor Petit, § 362, 5.) 

Von Ferreix haben wir ferner eine Pariser Dissertation vom Jahre 
1738: »Non ergo fistulae lacrymali cauterium actuale.«- Aber die Durch- 
bohrung des Nagelbeins hat er geübt. — Eine > Abhandlung von den 
Augenkrankheiten« von F. ist handschriftlich erhalten. 

10. Louis Lamorier (1696 — 1777), Meister der Wundarzneikunst zu 
Montpellier, 1742 Prof. am College Saint-Cosme daselbst, veröffentlicht 1729 
in den Abb. der Akademie der Wissensch. zu Paris: Nouvelle methode 
d'operer la fistule lacrymale. Er durchbohrt das Nagelbein mit einem be- 
sonderen Instrument. 

11. Sauveur Fran^-ois Morand (1697 — 1773), Sohn des Oberwundarztes 
Jean Morand (f 1726), einer der Mitbegründer der Acadcmie de Chirurgie 
und ihr Secretär zur Zeit von Daviel's Wirken, auch Mitglied der Akademie 
der Wissenschaften, Generalwundarzt der Garden und des Hotel der Inva- 
hden, sehr verdient um den Steinschnitt, die Blutstillung und um den 
wissenschaftlichen Unterricht der Chirurgie, ist uns besonders wichtig durch 
die beiden von ihm verfassten »Eloge de Cheselden« (§ 344, 5) und »Eloge de 
Daviel«. (§ 355, 2.) In dem Schau-Starstechen zur Prüfung von Daviel's 
Verfahren (§ 349) hatte er bei 6 Niederdrückungen 3 Erfolge zu ver- 
zeichnen, was auch für die damalige Zeit nicht sehr glänzend gewesen. 

Er war einer der ersten, der nachwies, dass häutige Stare nur durch 
Trübung der Krystallhaut sich bilden. (§ 336.) In den Zusätzen zu dem 
Eloge de Morand par Louis (Paris 1859, S. 214) heißt es, dass »niemals 
eine größere Mittelmäßigkeit auf einem akademischen Thron gesessen«. 
Daremberg nennt Morand »un des membres les plus renommes de l'Acad. 
de Chirurgie, quoique son bagage scientifique ne soit ni considerable ni tres- 
important et qu'il ait compromis son mörite par sa vanite«. 

12. George de la Faye (1699 — 1781), Sohn eines Wundarztes, 1731 
Magister der Wundarzneikunst, Aide-Major in der Armee, wo er sich bei 
der Belagerung von Kehl auszeichnete, danach Vertreter und schließlich 
Nachfolger von Garengot als Königlicher Demonstrator für Operationen, 
stellvertretender Vorsitzender der Akademie der Chirurgie, verfasste zwei 
Hauptwerke: »Cours d'operations de Chirurgie de Dionis« (1736 u. später) 
sowie »Principes de Chirurgie« (Paris 1739 u. später, bis 1811). Daremberg 
nennt ihn: »une des gloires de la Chirurgie frangaise«. 

Uns wird de la Faye unvergesslich bleiben, da er das erste Star-Messer 
und Kystitom erfand und Daviel's Operation so vei'bessert hat, dass sie 



Lamorier, Morand, de la Faye, Daviel, Caque. 47 

binnen einer Minute ausgeführt werden konnte. Seine Abhandlung »über 
die Vervollkommnung der neuen Star -Ausziehung« (§ 349, A] muss als 
klassisch bezeichnet werden. 

§ 364. 13. J.vCQUES Daviel (IG96 — 1762) verdient einen besonderen 
Paragraphen in dieser Liste, wenn gleich wir hier nur auf unsre frühere 
Darstellung (§ 345 — 350) zu verweisen haben. 

Daviel war einer von den Wundärzten, die sich ganz und gar dem 
Sonder fach der Augenheilkunde hingegeben haben. 

Auch von seinem Sohn und Gehilfen (14) und dessen literarischen 
Leistungen zur Star-Ausziehung haben wir bereits (§ 346, B, C) ausführ- 
lich gehandelt. 

15. Ein Strahl des Ruhmes von Daviel fiel auf den Wundarzt Caqui^ 
zu Rheims, der von der Akademie der Chirurgie zu Paris beauftragt wurde, 
über die End-Ergebnisse der von Daviel im September und November 1751 
ausgeführten 43 Star-Ausziehungen zu berichten. (XIII, S. 499.) 

Jeax Baptiste CAQui;, 1720 in einem Flecken der Champagne geboren, 
1744 — 1748 A\'undarzt der Armee, 1751 am Hutel-Dieu zu Rheims, seit 
dem 15. Mai 1752 Correspondent, seit 1759 Mitglied der Akademie der 
Chirurgie zu Paris, war besonders berühmt als Steinschneider, hat aber 
auch der Star-Operation stets seine .\ufmerksamkeit zugewendet. Er starb 
am 16. September 1787. 

Haller hat ihn übergangen, das biogr. Lexikon rühmt ihn; am eingehend- 
sten bespricht ihn Delacroix, J. Daviel ä Rheims, 1890, S. 84 — 85. Vgl. auch 
Eloge de Caque, par Ant. Louis. (Eloges de l'Acad. de chir. publ. par Dubois 
d'Amiens 1859, S. 369 — 373.) 

Die Stadt-Bücherei zu Rheims besitzt noch vier Handschriften von 
Caqii£: 

1. Ueber Star. Fünfunddreißig ' Starblinde wurden von 1752 — 1767 
operirt, die meisten von C. nach dem Verfahren von Daviel, 1 2 durch Nieder- 
drückung, dann 8 durch den Engländer Taylor, der sich in Rheims aufhielt. 

2. Üeher die Stare von 1768: 10 Starblinde von Caqü£ operirt, 2 nach 
Pellier's, die übrigen nach Daviel's Verfahren, zu dem C. bald zurückkehrte. 

3. Uebersicht seiner Star-Operationen. 

4. Ueber Aegilops, Anchylops, Albugo, Ausziehung der Linse. Darin 
beschreibt und preist C. Daviel's Verfahren. 

§ 365. JACQUES-RE>ß T£non1) (16). 
Am 21. Febr. 1724 als ältestes von 1 1 Kindern eines Arztes zu Scepeaux 
bei Ivogny geboren, kam T. schon mit 17 Jahren nach Paris, widmete 



i] Biogr. Lexikon V, S. 629, 1SS7. 



48 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

sich unter WinslowI) anatomischen Untersuchungen, bestand die Prüfung 
als Magister arlium, wurde 1749 zum Feldwundarzt I. Klasse ernannt, 
machte den Feldzug in Flandern mit, erhielt nach seiner Rückkehr die 
Stellung als erster Wundarzt an der Salpetriere, wo er auch über Chirurgie 
las. Er gewann eine bedeutende Praxis, wurde Mitglied des College und 
der Acadomie de Chirurgie, erhielt 1757 die Professur der Pathologie und 
1759 die Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften; 1788 er- 
stattete er seinen berühmten Bericht »über den Zustand, d. h. über die 
Unzulänglichkeit, der Pariser Hospitäler«. Auf diesen Auftrag seitens der 
Regierung war T. sehr stolz. »Les ecrits exig^s par la patrie ont (§te 
publies; et mes manuscripts de choix sont restes dans mon portefeuille. 
(Vorrede zu 5.) 1793 zog er sich auf's Land zurück, wo er nur anato- 
mische Studien betrieb. Als 1815 die russischen Soldaten sein Haus und 
seine Sammlungen plünderten, floh er nach Paris, wo er am 16. Jan. 
1816 gestorben ist. 

Sein Name ist noch heute jedem Fachgenossen geläufig wegen der 
nach ihm benannten Augenkapsel. 

Für uns kommen die folgenden Schriften T]£non's in Betracht: 
t. Theses de Cataracta. Paris 1757. (Für die Aggregation au College de 
Chirurgie.) Auch in Memoires presentes ä l'Academie des sciences, vol. III, S. 20. 

2. Recherches sur les cataractes capsulaires. (Gelesen in der Academie des 
Sciences IlSS und veröffentlicht im Recueil des Memoires des Savans Elran- 
gers, t. III.) 

3. Sur quelques maladies des yeux. Ebendas. 1804. 

4. Faits pratiques sur quelques maladies des yeux. Ebendas. 

5. Memoires sur l'anatomie, la pathologie et la Chirurgie et principalement 
sur l'organe de l'oeil par M. T^non, Membre de l'lnstitut de France, de la Legion 
d'honneur, de la Societe de l'Ecole de Medecine de Paris, et de celle d'Agri- 
culture du Departement de la Seine. Paris 1816. (496 S., mit 7 Tafeln.) 

Diese wichtige Sammlung, Mfelche Himly unbekannt geblieben und von 
JüNGKEN nicht erwähnt wird, enthält (auf S. I — 216) die schon vorher gedruckten 
Arbeiten Tenox's zur Augenheilkunde und außerdem neue, vorher noch nicht 
veröffentlichte. »Nach 60 Jahren ununterbrochener Ai'beit in der Wundarznei- 
kunst, wozu auch 3;J Jahre des Unterrichts am wundärztlichen Colleg zu Paris 
einzubeziehen sind, möchte es der Feder des 80 jährigen gestattet sein, in einer 
Uebersicht die ganze Laufbahn zu umfassen. « 

1. Enthält die Beschreibung des Auges, des Stars und den Vorzug 
der Ausziehung. 

2. T. fand den Star im Auge perlfarben und den herausgezogenen 
gelbbraun und halb durchscheinend; er glaubt, dass die helle Farbe von 
der Kapsel abhing und dass die nach der Operation zurückbleibende oder 
später eintretende Sehstörung auf Kapsel-Resten beruhe. (Er beschreibt den 

1) B. XIII, S. 418. 



Tenon. 4g 

Pyramidal-Star als vorderen Kapsel-Star und als hinteren die Trübung der 
hinteren Rinde.) 

Die Operation des Stars ist zuweilen leichter und gefahrloser, als 
mancher Aderlass. Sie erfordert aber Uebung und Geschicklichkeit. Man 
darf nicht zu eilig sein, man niu§s die Kranken beobachten und vorbereiten. 
(Er erzählt von einem Oculisten, welcher den am Sonntag aus Amerika an- 
gekommenen Rentner am Montag operirt und — beide Augen verliert, 
da der Kranke an Scorbut gelitten!) 

T. beschreibt alles, was nüthig, mit der grüßten Genauigkeit. Der 
Schnitt mit seinem (schmalen) Messer i) bildet einen Halbkreis, Y*» '" vom 
unteren Hornhaut-Umfang; sein Durchmesser misst 4'", — wie der des 
Slars. Stellt der letztere sich nicht von selber ein, so spaltet man die 
Kapsel mit einem Kreuzschnitt. — Verband beider Augen, der an der Nacht- 
mütze befestigt wird. Wenn am Abend der Puls sich hebt, werden 12 Unzen 
Blut entzogen. Vom 4. bis 5. Tage wird nur noch eine Klappe vor das 
Auge gehängt. Nach 1 — 2 Monaten giebt man das Star-Glas, +3" (2J") 
zum Lesen, +4" (oder 5") zum Fernsehen. 

3. Sur quelques maladies des yeux. Lu a l'Institut le 16 fruc- 
tidor an 12 2). (Diese Abhandlung ist weder sehr Inhalt- noch gehalt-reich.) 
a) Spontane Auflösung fast der ganzen Linse in einem durch wiederholte 
Entzündungen leicht geschrumpften Augapfel, b) In dem durch Peitschen- 
schlag verletzten Auge eines Fuchses fand sich die Pupille verschlossen, 
die Linse getrübt. Glaskörper und Netzhaut bildeten eine quere Scheide- 
wand, zwischen dieser und dem Augengrund lag ein schwärzlicher Blut- 
klumpen, c) Eine 60jährige war in Folge von Krebs der Gallenblase gelb- 
süchtig gestorben. Die Galle hat zu einigen Theilen stärkere Verwandtschaft: 
im Auge sind es Lederhaut, Hornhaut, Glaskörper, während Netzhaut, Sehnerv 
und Linse wenig durchtränkt waren, d) Ein ohne Augen geborenes Kind. 
(Vgl. Tho. BARTiioLm, centur. tertia, bist. 47.) Eine Spalte stellte beide 
Augenhöhlen dar, darüber war ein Anhang, wie beim Truthahn, befestigt; 
die Nase fehlte. 

4. Suite, Faits de pratique. 

d) Wie eine längst verklungene Sage aus jener aderlass-frohen Zeit 
tönt zu uns das folgende herüber: »Ich kannte eine Frau, die von Er- 
blindung befallen wurde eine Stunde nach einem Aderlass am Fuß; eine 
zweite, welche die Sehkraft des rechten Auges verlor nach einem Aderlass 
am Arm; eine dritte, die plötzlich mit Erblindung beider Augen geschlagen 
wurde nach einem 6. Aderlass am Fuß. Eine vierte, welche dem Unglück 



1) B. Xm, S. 518, Taf. VIII, No. 10. 

2) Die Aera der französischen Revolution hob an mit dem 22. Sept. -1792 
und wurde zum 1. Jan. 1806 wieder abgeschafft. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. 4 



50 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

der Erblindung verfiel tags nach einem Aderlass, der gegen Kopfschmerz 
und Nasenbluten gerichtet war; einen Mann, der die Sehkraft beider Augen 
verlor Tags nach einem 3. Aderlass am Fuß; einen andren, der sie am Tag 
des Aderlasses selber verlor.« 

e) Auch das folgende dürfte von den heute Lebenden Niemand 
erfahren haben. »In Malta wütheten die Pocken 1798 epidemisch und 
rafften 2400 Personen hinweg von den 20 000 Einwohnern. Die meisten, 
welche dem Tode entgingen, behielten Schwäche der Sehkraft, 
andre verloren die Sehkraft vüllig. Herr Türgot, Maltheser Ritter, 
hatte gegen das Ende seiner Pocken eine schmerzhafte Entzündung des 
r. Auges, die \ Tage dauerte. Das Sehen war schwach, nahm im Laufe 
der nächsten 7 Monate weiter ab, blieb nur noch nach der Schläfen- 
seite zu, verschwand dann vüllig. Nach 5 Jahren fand ich rechts einen 
weißen Star ohne Lichtschein und verweigerte die Operation. Nach 12 
weiteren Jahren entstand, ohne Entzündung, Vorfall des Stars in die 
Vorderkammer, der dann wieder hinter die Pupille zurückkehrte und dort 
2 Jahre verblieb, dann 22 Monate wechselte, endlich 27 Monate in der 
Vorderkammer blieb, bis die zunehmenden Schmerzen zur Operation 
zwangen. (27. Nov. 1771.) Die Ausziehung war schwierig und langwierig, 
aber erfolgreich. 

Als nun dieser mein Freund Star auf dem einzigen linken Auge be- 
kam, bereitete ich ihn mehrere Monate lang vor, gewöhnte sein 
Auge mehrere Wochen lang täglich an die Berührung, bedeckte das Fenster 
bis auf ein Viereck und machte den Hornhautschnitt zufallsfrei. Aber dem 
Kranken wurde sogleich übel, wie auch bei der früheren Operation. Er 
wurde wagerecht hingelegt, das Auge verbunden. Dann wurde er aufgesetzt, 
die Kapsel gespalten, die Linse leicht entbunden. Ersah gut, die 12 Jahre, 
welche er noch gelebt hat.« 

f) Das Kamnierwasser ist verschieden an Menge bei den verschie- 
denen Säugethieren, nicht entsprechend ihrer Größe. Der Fuchs hat am 
meisten. Wenn man über Kammerwasser experimentiren will, sollte man 
den Fuchs wählen. Im Kammerwasser bleibt die Hornhaut klar, im reinen 
Wasser trübt sie sich und quillt. 

g) Die Bewegung der Pupille studirt T. bei Älensch und Thier und 
versucht vergeblich, den Zusammenhang zwischen Belichtung und Pupillen- 
zusammenziehung zu erklären. 

h) Versuche mit menschlichen Krystall-Linsen. Substanzen, 
welche dieselben trüben u. s. w. Darunter sind Zucker-Lösungen. 

i) Vergebliche Star-Operation am Pferde (11 Mal, 1752 u. 
1753). T. fand, dass es unmöglich sei, die Lider des geworfenen Pferdes 
mit den Fingern zu öffnen und erfand Lidheber, — wie ja schon die alten 
Thierärzte sie nöthig gefunden. (Vgl. B. XIII, S. 197.) Sowie das Messer 



Die Tenon'sche Kapsel. 51 

dem Auge angesetzt wurde, zog sich das letztere um einen halben Zoll in 
die Orbita zurück. Mit einer Lanzette wurde das Auge geöffnet, mit der 
Schere der Schnitt erweitert, die Kapsel geöffnet, die Linse ausgezogen. 
Die Vernarbung trat ein, doch blieb das Auge verkleinert. Aber die 
meisten Pferde-Stare kommen von Peitschen-Hieben i). Ferner entfalten sich 
die Häute nicht wieder nach dieser Operation. Die Niederdrückung scheint 
hier sicherer. (In dem neuesten Werk über Thier-Augenheilkunde [Prof. 
Bayer, Wien und Leipzig 1 906, 525 S.] finde ich nicht einmal den Namen 
Tenon's bei der Star-Operation der Pferde erwähnt. Viel Erfolge hat man 
damit auch bis heute nicht gehabt.) 

§ 366. Die Tenon'sche Kapsel 
ist noch heute im Älunde jedes Fachgenossen. Aber E. Brlckb, der sonst 
in geschichtlichen Fragen so genau ist, erwähnt T£non's Namen nicht in 
seiner anatomischen Beschreibung des menschlichen Augapfels. (1847, 
S. 4L) Die ausführlichste Darstellung hat ganz neuerdings Motais (d'Angers) 
geliefert. (La capsule de Ti-No.y. Encyclopedie franraise d'opht., I, 1903, 
S. 154—197.) 

Man muss durchaus zugestehen, dass diese Kapsel den älteren For- 
schern nicht ganz entgangen ist. Schon Galen erklärt: »An den Strahlen- 
kranz kommt von außen her eine sechste Haut ganz nahe heran und 
wächst in die harte Haut hinein, als Sehnen-Ausbreitung der den Augapfel 
bewegenden Muskeln.« -Alle (4 graden Augenmuskel) bilden da, wo sie 
in Sehnen auslaufen, einen Kreis, indem eine breite Sehne gegen den Horn- 
hautrand hin ausläuft.« (Vom Nutzen der Theile, X, c. 2: stti oi tov 
auröv y.'jy.Äov s/.to; tu ytröjv s'cojÖsv syT^^ "/)"/3i, si? tov a/.XYjpov yiTwva 
y.aTotcpuoasvo:, w; täv xivouvtujv tou? öcpi}aX[xouc jxuaiv aizovt'jpujo'.z. In dem 
Auszug aus Galen, bei Oreibas. [Ausg. v. Bussemaker u. Daremberg, 1858, 
III, S. 298] steht dafür d»; ai .... a-ovEupojjsu. Doch möchte ich diese 
Lesart nicht annehmen, mit Rücksicht auf jene zweite Stelle bei Galen, 
X, c. 8 : a-Qvsupoufisvoi Ss Travtc; £va y.uzXov y^vvöiai tsvovtoc Tzkazioc si; r/^v 
Ipiv TcAEOTÜivToc. In dcr arabischen Uebersetzung von Galen's Anatomie 
[Simon, II, S. 27, 1906] heißt es: »Die Hülle, welche die Muskulatur des 
Auges umkleidet imd sich mit ihr verbindet, heftet sich in der Gegend des 
Strahlenkranzes an die unter ihr liegende <Leder-)Haut an.«) 

Diese Kapsel wurde von Realdus Columbus (de re anat., Paris, 1572) 
neu entdeckt, (was schon Porterfield [on the eye 1759, I, S. 64 u. 83] 
gewusst hat,) und innominata genannt; später erhielt sie den Namen tendi- 
nosa oder adnata oder albuginea und wurde von vielen Anatomen (von 
PiccoLHOMiNi, 1586, und Adrian Spiegeliüs, 1627, von Plempiüs, 1632, und 

i; Auch ich kann die Häufigkeit dieser Ursache aus Erfahrung bestätigen. 

4* 



52 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Palfyn, 1753,) angenommen; von andren, wie Stenson, 1669, CHARRitRE 
und Valsalva, 1717, geleugnet und für ein Kunstprodukt erklärt. 

In seinen »Observalions anatomiques sur quelques parties de l'o'il et 
des paupieres, lues ä l'institut le 29 Fructidor an 13« (1805), wieder ab- 
gedruckt in »3Jemoires d'anat. etc. (11 Sur une nouvelle tunique de ToBil)': hat 
Tenon die folgende Beschreibung verüiTentlicht : »Es wäre nicht erstaunlich, 
wenn man die Haut, von der ich sprechen will, vergeblich suchte, — sie 
ist schwer zu finden. Das muss auch so sein, da sie den Bemühungen so 
vieler ausgezeichneter Anatomen, die sich mit Untersuchungen über das 
Auge beschäftigt haben, entgangen ist. Diese Haut ist gemeinsam dem 
Sehnerven, dem Augapfel und den Lidern. Sie liefert dem Augapfel eine 
Hülle; sie dient ferner dazu, ihn vor dem Eingang der Augenhöhle auf- 
zuhängen und ihn mit den Lidern zu verknüpfen. Sie geht vom Augapfel 
zur Bindehaut, begleitet die letztere bis zum Lidknorpel und geht über 
dessen Konvexität fort, während die Bindehaut an der concaven Seite des- 
selben hinzieht. Diese Haut ist der Bindehaut ähnlich an Gewebe und 
Farbe, nur ist sie nicht so dick. Sie haftet fest am Sehnerven bei seinem 
Eintritt ins Auge, 

Ziemlich fest haftet sie auch an der Lederhaut hinten; doch vorn ist 
sie mit der letzteren nur durch ein zartes Zellengewebe verbunden. Sie 
lässt die Sehnen der graden und schiefen Muskeln durchtreten. Sie liefert 
eine Scheide für die Sehne des oberen schiefen. Sowie sie zu den Ansätzen 
des äußeren und inneren graden Muskels angelangt ist, d. h. nahe vor der 
Bindehaut und bevor sie mit dieser Haut verschmilzt, bildet sie jederseits 
eine Art von bandförmigem Flügel, der den Augapfel an die Augenhöhle 
befestigt, im Nasen- und im Schläfen winkel. Diese bandförmigen Flügel 
sind gebildet von der Vereinigung derjenigen Theile dieser Haut, von denen 
der eine über, der andre unter dem Augapfel fortzieht . . . Man muss die 
neu beschriebene Haut nicht mit der Fascie der Lider verwechseln, welche 
vom Pericranium und Periost der Orbita gebildet werden, die sich am Rand 
der Orbita vereinigen, bevor sie sich in die Lider begeben.« 

Die Befunde von TEnon blieben unbeachtet, bis 1839/1840 Stromeyer 
und DiEFFENBACH die Schiel-Operation einführten, und 1842 Bonnet i), 
um die Verschiedenheit der Schieloperations-Ergebnisse zu erklären, selbst- 
ständig die anatomische Untersuchung aufnahm und die Kapsel beschrieb, 
in welcher der Augapfel, wie die Eichel in ihrer napfförmigen Höhle, liegt, 
so dass die Muskel, welche Scheiden besitzen, sämtlich diese Aponeurose 
durchbohren, also ein intra- und ein extra-capsuläres Stück aufweisen, wie 
sie auch eine doppelte Insertion, eine an der Sclera, eine an der Aponeu- 
rose besitzen und mit dieser und der Bindehaut so verbunden sind, dass 



4) Traitö des sections tendineuses et musculaires dans le strabisme, Paris 184-2. 



Die Tenon'sche Kapsel. Colombier. 53 

die Bewegung der Kapsel auf den Augapfel übertragen werden muss. Bonnet 
wurde von Malgaigne auf das Buch von TfiNON aus dem Jahre 1806 ver- 
wiesen; erklärte aber, dass dasselbe ihm unbekannt gewesen und übrigens in 
einem so dunklen Styl geschrieben sei, dass das Verständniss des Buches 
ihm mehr Zeit und Mühe gekostet habe, als die Untersuchung der Sache, 

Auch die 1842 von Bonnet empfohlene Ausschälung des Augapfels 
hat die Kenntniss der Kapsel in den Vordergrund geschoben. Die zur 
TfiNON'schen Kapsel gehörigen seitlichen Einscheidungen der Muskel- 
Sehnen spielen eine wichtige Rollet) bei der Schiel -Operation: Eine moderne 
Art derselben ist als Yornähung der Kapsel bezeichnet worden 2). 

In anatomischer Hinsicht zeigte dann Scbwalbe^j^ dass außer der 
eigentlichen Kapsel von Tenon, wie man sie nach der Ausschälung des 
Augapfels zurücklässt, d. h. außer dem äußeren (submusculären] Blatt, ein 
zartes inneres (oder episclerales) Blatt vorhanden ist, welches der Lederhaut 
innig anhaftet und einen Endothel-Belag zeigt, so dass wir also einen 
TENON'schen Hohlraum anzunehmen haben, der übrigens sowohl mit dem 
Suprachorioidal-Raum des Auges, wie mit dem Supravaginal-Raum (und also 
mit dem subduralen Raum des Gehirns) zusammenhängt. 

ÄIoTAis, der, wie erwähnt, 1903 eine ausführliche Studie über die 
TENON'sche Kapsel veröffentlicht hat, spricht als ersten Hauptsatz den 
folgenden aus: »La capsule de T£non est l'aponeurose du groupe musculaire 
de l'orbite.« Das ist also eine ihm zwar unbekannt gebliebene, aber doch 
recht erfreuliche Uebereinstimmung mit Galen's tb; rcüv xivouvtojv tou; 
6'-pilaX[i.oü? [jLUÄv a-ovsupoiotc. »Lass den Anfang mit dem Ende sich in Eins 
zusammenziehen. « 

§ 366 A. Jean C. Colombier 4) (17, 1736 — 1789), Sohn eines Chirurgien 
major, Militärarzt, der Gesundheitspflege und Militär-Medizin einerseits, so- 
wie der Augenheilkunde andrerseits eifrig beflissen, Vf. der Preceptes des 
gens de guerre, ou hygiene militaire (Paris 1775) und einer öfters er- 
wähnten »Dissertatio nova de sufTusione seu Cataracta, oculi anatome et 
mecanismo locupletata, Authore D. Colombier, Medicinae Doctore, Parisiis 
1765.« (4 0, 33S.) 

Zur Ausziehung bedient C. sich eines Augen-Speculum oder Lidhalters: 
an einem stählernen oder silbernen Handgriff, den der Assistent hält, sind 

1) A. V. Graefe, A. f. 0. 111,1, -igs, 1S57. fUeber Schielen und Schiel-Ope- 
ration.) 

2) L. DE Wecker: Sur l'operation du strabisme au moyen de ravancement 
capsulaire. Annal. d'Ocul. B. 90, S. 188 (1883). Eigentlich ist es ja Vornähung des 
Muskels und der Kapsel. 

3) Max Schultze's Arch. f. mikrosk. Anat. Band VI, S. 1 u. 261. Vgl. den 
ersten Band der ersten Aufl. unsres Handbuchs, S. 219 u. 230. 

4) Biogr. Lexikon II, .59. 



54 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

zwei metallische Bogen befestigt, einer für das obere, einer für das untere 
Lid, in passender Entfernung festzustellen. Der Schnitt ist ähnlich dem 
von SiGWART, den aber Garengot scbon vor diesem verrichtet hatte, wie 
aus Sabatier's^) 1759 in der Chirurgischen Schule zu Paris vertheidigten 
These de variis cataractam extrahendi methodis hervorgeht. In der 
Mitte des unteren Hornhautrandes macht er einen Lanzenschnitt und bildet 
mit Daviel's Scheren einen dreieckigen Hornhaut-Lappen, welcher der Grüße 
des Stares angepasst wird, da ein ausgedehnter Schnitt unnütz erscheint, 
wenn der Star durch Austrocknung den größten Theil seines Raum-Inhalts 
verloren. Die Ausziehung ist der Niederdrückung vorzuziehen. Nur, wenn 
der Star übergroß, so dass er schwer durch die Pupille tritt, und diese 
danach weiter bliebe, ist die letztere Operation angezeigt. Häutiger Star 
wird aus kleinem Schnitt mit dem Häkchen ausgezogen. 

Ist die Vorder-Kapsel getrübt, so muss sie kreuzweis mit dem Kystitom 
durchschnitten und die Linse jedenfalls, auch wenn sie nicht mit getrübt 
war, ausgezogen werden. 

Ist der Star weich oder flüssig, so bedarf es nur des Lanzen- 
Schnitts am unteren Hornhautrande; die Spitze der Lanze wird sofort 
gegen die Pupillen-Mitte zur Eröffnung der Kapsel gerichtet; ist dabei die 
Kapsel trüb, so wird sie, wie vorher erwähnt, ergriffen und ausgezogen. 
Dies Verfahren hat C. wenige Monate zuvor von Taylor zu Douai glück- 
lich ausführen gesehen. 



§ 367. P. F. B. Pamard (18). 

Die üblichen Quellen versagen. Beer hat gar nichts; Haller (bibl. chir. II, 
5 16) fast nichts; das biogr. Lexikon (IV, 1886, S. 472 — 473) lächerliche Fehler. 
So wird daselbst dem 1763 geborenen Sohn unsres P. F. B. Pamard eine im 
Jahre 1765 (Journ. de Boux XXIII) gedruckte Abhandlung über das Einwärts- 
schielen zugeeignet! Die Schrift des 2 jährigen ist ein Gegenstück zu der neuen 
Star-Theorie des 77jährigen — in demselben Lexikon I, S. 575. (Vgl. § 32 4.) 
Die Ilauptschrift über unsren Helden ist die folgende: 

Iln contemporain de Daviel. Les Oeuvres de Pierre-Fraxcois Benezet 
Pamard, Chirurgien et Oculiste 1728 — 1793. Editees pour la premiere fois 
d'apres ses manuscripts par son Arriere-petit-fils le Dr. Alfred Pamard, Associe 
National de l'Academie de Medecine, et le Dr. P. Pansier, Paris 1900, 414 S. 
Ein inhaltreiches und trefflich ausgestattetes Buch, wenngleich es von geschicht- 
lichen Irrthümern nicht frei geblieben. (Immerhin hätte man zu contem- 
porain noch cadet hinzufügen können. Denn Daviel lebte von 1696 — 1762.) 



1) Raphael-Bienvenu L. Sabatier, 1732 als Sohn eines hervorragenden ]\[it- 
gliedes des College de St. Cöme geboren, Prof. der Anatomie, Nachfolger Morand's, 
endlich Prof. der operativen Chirurgie, hat in seinem Hauptwerk de la Medecine 
operatoire (Paris 1796, 3 B. und 1810, 1821, 1824, deutsch Berlin 1799.) die 
Operationen am Auge, namentlich die Star-Operation, gründlich abgehandelt. (Vgl. 
auch biogr. Lexikon V, 136.) 



Pamard. 55 

Ein heller Stern überglänzt den benachbarten, der zwar weniger 
hell ist, aber, wenn er allein wäre, mit seinem Glanz unser Auge ent- 
zücken würde. 

Daviel hatte einen Nebenbuhler, aber er überstrahlte denselben, den 
Wund- und Augen-Arzt PiEURE-FRANgois-Bfixi-zET Pamard (1728—1793). 
Die Ursache, weshalb man so wenig von dem letzteren wusste, ist ein- 
leuchtend. Er hat, obwohl manches geschrieben und einiges gefunden, 
doch fast gar nichts veröffentlicht; und die dürftigen Nachrichten über 
seine Leistungen bei Guerin, Demours d. V., Pellier de Quengsy sind un- 
genau. Der Star-Operateur wird vergessen, wenn seine Operirten ge- 
storben sind. 

Wir verdanken es erst seinem Urenkel, Dr. Alfred Pamard, und dem 
Dr. P. Pansier, dass sie uns seine Leistungen nach den Handschriften und 
Zeichnungen wieder lebendig gemacht. 

Sowohl der väterliche Großvater Pierre (1669 — 1728) wie auch der Vater 
Nicolas Dominique (1702 — 17 83) unsres P. F. B. .Pamard waren Chirurgen in 
Avignon; ebenso aber wiederum sein Sohn Jean Baptiste-Antoine Benezet 
(1763 — 1827) und dessen Sohn Paul-Antoine Marie (geb. 1802), der sich be- 
sonders als Augenarzt (1827 — 1862) ausgezeichnet und in seiner Diss. (Paris 
1825) »De la cataracte et de son extraction par un procede particulier« die 
Statistik seines Vaters Jeax Baptiste Antgine veröffentlicht hat, die schon recht 
günstig wäre (302 gute, 38 mittelmäßige Erfolge, 19 Verluste auf 339 Aus- 
ziehungen), — wenn nicht der Vergleich mit den Handschriften seines Vaters 
zahlreiche Irrthümer enthüllt hätte. 

Jedenfalls ist die fortgesetzte Uebung der Chirurgie und Augenheil- 
kunde in sechs aufeinander folgenden Geschlechtern derselben Familie 
sehr beachteuswerth. 

(Wenn die Söhne von Wundärzten, namentlich in Frankreich, gern den 
Beruf des Vaters ergriffen, wie wir dies bereits mehrfach gefunden haben; so 
lag dies hauptsächlich daran, dass sie leichter, früher und mit geringeren Kosten, 
als jeder Fremde, in die Gilde aufgenommen wurden.) 

Unser P. F. B. Pamard wurde am 27. April 1728 geboren, studirte 
bei den Jesuiten »Philosophie« (bis 1745), obwohl er erst 1759 den Titel 
maitre es-arts erhielt; wurde frühzeitig Meister der Wundarzneikunst, stu- 
dirte weiter in MontpeUier, wirkte im Hospital zu Avignon als Chirurg, und 
studirte noch weiter in Paris von 1752 ab, wo er sich bereits mit Daviel's 
Star-Ausziehung beschäftigte. Endlich kehrte er 1755 dauernd nach Avignon 
zurück und erlangte bald großen Ruf. Im Jahre 1757 schreibt er: »Mein 
Ruf kreuzt das Meer, ich habe Kranke aus Tripohs und Sicilien.« Trotz- 
dem verschmähte er nicht, nach der Sitte seiner Zeit und seines Landes 
in andre Städte, z. B. Marseille, zur Praxis zu reisen und in den Zeitungen 
sich gehörig vorher ankündigen zu lassen. (Ein Theil einer solchen Re- 
klame lautet: »Le sieür Pamard, maitre Chirurgien d' Avignon, fait cette 
Operation par extraction, selon sa methode, dans tous les cas de cataractes ; 



56 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

la perfection dt'pend d'un pelit trefle pour l'oeil, qu'il inventa en 1758.«) 
Aber er war ein ehrlicher Arzt, der seine Ueberzeugungen nicht preisgab 
und die Star-Operation unterließ, wenn der Kranke die nothwendige Vor- 
bereitungs-Kur nicht machen wollte; außerdem weitherzig gegen die 
Armen. 

Seine Reisen erstreckten sich nach Lyon, Grenoble, Genf, Toulouse, 
Montpellier, Nimes, Marseille. Sein Sohn, der ihn später oft begleitete, 
giebt (im Kloge) die folgende Schilderung: »Kaum sind wir angekommen, 
so weiß es die ganze Stadt. Man eilt herbei, man drängt sich um uns. 
Es ist ein Kampf, der uns schmeichelt« ... P. wird Garnison-Arzt, 
Haupt der Hospitäler zu Avignon, erhält 1767 ein städtisches Gehalt von 
500 Livres jährlich, wird Mitglied der chirurgischen Gesellschaft von Mont- 
pellier, der Akademie von Rouen, Correspondent der Akademie der Chirurgie 
1761 und endlich Mitglied derselben 1784, was ihn mit Entzücken erfüllte; 
1783 auch ehrenhalber Doctor der Medizin bei der Facultät von Valence 
Stein-Schnitt und Star-Operation sind seine Haupt-Stücke. 1759 erfindet 
er sein Starmesser und seinen »Spieß« und sendet sie mit einer Abhand- 
lung der Akademie der Chirurgie, und 1760 eine zweite. Der Streit, wel- 
cher sich darüber erhob, veranlasste noch weitere Abhandlungen, die aber 
alle nicht gedruckt wurden, außer einem kurzen Brief im J. de Med. 1783. 
Er selbst nennt das Instrument Trefle (= Kleeblatt, Treff im Karten- 
spiel,) und wendet sich gegen den Missbrauch, es wie einen Spieß am 
unteren Ende des Stieles zu halten. Das Instrument hat sich bis zu unserer 
Zeit erhalten, nachdem Desmarres richtig hervorgehoben, dass man es im 
Weißen des Auges ansetzen solle. 

Pamard wurde Consul von Avignon 1776. Im Jahre 1784 wollte er 
nach Paris übersiedeln, wie 30 Jahre vorher Daviel; ließ sich aber von 
Louis abrathen: er starb am 2. Jan. 1793. Die letzte Zeit seines Lebens 
war getrübt durch Krankheit und durch die Unruhen der Revolution, die 
ihm vielfach Kummer bereiteten. Er war klerikal, wie er denn die Ope- 
rations-Geschichten vieler Priester und Ordensmitglieder seinen Abhandlungen 
eingefügt hat: das hatte ihn »verdächtig« gemacht. P. war überaus 
menschenfreundlich und mild, frei von Habsucht und unermüdlich thätig 
für seine Kranken, unerschütterlich in dem, was er für wahr und recht 
erkannt hatte. 

Pamard hat zuerst 1758, also im Alter von 30 Jahren, die Star-Aus- 
ziehung, genau nach Daviel, geübt, mit bald besserem, bald weniger gutem 
Erfolg; und wegen der Unruhe des Auges das Messer von la Faye ver- 
sucht, dann ein eignes verfertigt von 21/2" größter Breite (XIII, S. 518, 
Taf. VIII, 16], damit die Iris sich nicht vor die Schneide legen könne; und 
den Spieß hinzugefügt. Anfangs 1759 pflegte er, nach einer Vorbereitung 
des Kranken »durch allgemeine befeuchtende Heilmittel«, damit die Lymphe 



Pamard. 57 

flüssig sei und von der einen Wundlefze zur andren leicht übertrete, so 
dass in 24 Stunden die Wundheilung vollendet sei, folgendermaßen 
zu operiren: 

»Der Kranke wird auf ein schmales Bett gelagert, neben einem Fenster, 
dessen Licht auf seine linke Seite fällt. Diese Lagerung ist vortheilhaft 
für den Kranken und seine Ruhe, für meinen Gehilfen, der mir bequem 
die beiden Lider abziehen kann, und für mich selber, der ich mich stets 
der recht en^) Hand bediene, indem ich mich für das linke Auge vor den 
Kranken, für sein rechtes hinter seinen Kopf stelle. Zwei Drittel des 
Hornhaut-Umfangs^) oder mindestens die Hälfte ist abzutrennen, 1/2'" ent- 
fernt von der Lederhaut. (Die Zeichnung, welche P. hinzufügt, zeigt 
3 mm Abstand des Schnitts vom Hornhautrande.) In demselben Augen- 
blick steche ich beide Instrumente ein: den Spieß von der Nasenseite, 1'" 
entfernt von der Lederhaut, das Messer an der Schläfenseite, ^j^' von der 
Lederhaut. Hierdurch ist das Auge gut tixirt. Das Messer geht durch 
hinter dem Spieß, der nach Vollendung des Schnitts den Augapfel zu 
halten fortfährt. Ich hebe den Hornhaut-Lappen mit einer kleinen Pin- 
cette empor, trenne die Kapsel mit der Star-Nadel und der Star tritt aus.« 

Im Jahre 1784 versucht er den Hornhautschnitt nach oben (»par haut 
appareil«). Im Jahre 1765 hat er aus einem Hornhautschnitt einen Nach- 
star herausgezogen. Folgt der letztere nicht der Pincette, faltet sich die 
Iris dabei; so schneidet er ihn mit einer Schere ab. 

Interessant sind seine Studien über das Schielen, das er in conni- 
vent und recedant eintheilt, eine idiopathische und eine symptomatische 
Form annimmt und dessen Hauptsitz er in die entsprechenden Nerven ver- 
legt. Aber als der Chirurg P. die erfolgreiche Behandlung eines krampf- 
haften Einwärtsschielens mittelst innerer (tonischer) Mittel 1765 im J. de 
medecine veröffentlicht hatte ; zog er sich den eifersüchtigen Zorn des 
»Doctor« Paris zu Ades zu, der ihn so abkanzelte, dass er verdrießlich 
die Behandlung des Schielens aufgab. 

P. beschäftigte sich eifrigst auch mit der übrigen Chirurgie, von der 
für ihn die Augenheilkunde nur einen Theil ausmachte, und mit der Ana- 
tomie, und hat treffliche Nachbildungen des menschlichen Kopfes und des 
Auges modellirt und hinterlassen. 

Seine Hauptleistungen in der augenärztlichen Literatur sind seine 
drei Abhandlungen über Star-Operation, die er der Akademie der 
Chirurgie 1759, 1760, 1763 eingesendet. Seine Geschichtschreiber fragen 
sich, warum sie nicht gedruckt worden. Ich glaube, die ersten beiden sind 
von der Akademie nicht gedruckt, weil P. damals noch Anfänger in der 



1) Also war P. nicht ambidexter. 

2) Für circonference (circuit, Peripherie) setzt P. irrig diam^tre, was seinen 
Geschichtschreibern nicht aufgefallen ist. 



58 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Star-Operation war; die dritte, in der er den Wunsch nach Abdruck aus- 
drücklich äußert, wegen des leisen Anflugs von Reklame. 

»J'attends d'avoir bientut la satisfaction de la voir publier dans les fastes 
de l'Academie R. de Chir., ä qui j'ai envoye les details depuis quelque temps 
(1763).« (Im Jahre 1784 ersucht er noch einmal Hrn. Loris, Sekr. der Akad. 
der Chir., seine Abhiindlung vom J. 1759 zu drucken.) »Je serais Hatte de la 
faire connaitre en ItaHe, suppose que quelque grand out le malheur d'etre 
afflige de cette maladie. Dans Avignon, en Province, en Languedoc et dans le 
Dauphine, j'ai fait une quantite d'operations, selon cette methode, avec le plus 
grand succes. Les medecins, les chirurgiens et les amateurs des arts conviennent, 
qu'elle est portee au plus haut point de perfcction.« (Das ist der Schluss seiner 
dritten Abhandlung.) 

In seinen Betrachtungen über Star (aus einem größeren handschrift- 
lichen Werk, Dissertation physico-anatomique, physiologique et pathoiogique) 
bespricht er die Berücksichtigung des Allgemeinzustandes der Star-Kranken 
und seine eigne Vorbereitungs-Art und kämpft gegen die reisenden Star- 
Stecher, die sofort »während des Pferdewechsels ihrer Postkutschen« ope- 
riren und die schlechtesten Erfolge haben. 

Eine Abhandlung »Ueber Gicht, Blasenstein und Star« beginnt 
damit, dass diese drei echte Kusinen wären. Folgt noch die Beschreibung 
einer Fixir-Pincette, einer Springfeder-Sonde für das Haarseil durch den 
Thränen-Kanal, die Ausziehung eines goldnen Röhrchens (1774), das 10 Jahre 
zuvor in den Thränen-Kanal geschoben worden und jetzt den harten Gaumen 
durchbohrt hatte; endlich eine Beobachtung über die Wirksamkeit der 
Quecksilber-Einreibungen gegen die fürchterlichen Folgen einer Staphylom- 
Abtragung (Anschwellung des Augapfels bis zur Größe eines Truthennen- Eies). 

Den Schluss des ganzen Werkes macht eine Lobrede aufP., im Athe- 
naeum zu Vaucluse »am 5. des Weinmonds im Jahre XI« von seinem Sohn 
gehalten. 

Zwei Zusätze über Pamard's Prioritäten. 

1 . Die Herren A. Pamard und P. Pansier erklären mit Geuugthuung, dass 
unser P. F. B. Pamard die Lagerung zur Star-Operation erfunden habe. Ab- 
gesehen davon, dass gelegentlich schon von den Arabern der Star-Stich ge- 
übt worden, während die Kranke auf dem Rücken lag, (vgl. unsren § 2 83, 4, 
S. 216,) was weder unser Operateur noch seine Geschichtschreiber wissen konnten, 
hat doch schon Poyet 1753 ausdrücklich für den Star-Schnitt die Rückenlage 
als vortheilhaft bezeichnet. Memoires de l'Academie R, de chir. II, S. 583, 1753: 
»Quoique M. Puvet ait opere ses malades dans la Situation oü M. la FA'i'E avait 
mis les siens, il croit qu'il y auroit de l'avantage ä les faire coucher ä la 
renverse, la tete appuyee sur une table ou sur leur lit; tant parceque l'humeur 
vitree ne trouverait pas la meme facilite ä sortir dans le cas oü son enveloppe 
scrait dechiree , que parceque l'Operateur aurait la main appuyee pendant 
l'operation. « 

Ich glaube denn doch, dass unsrem Pamard diese Abhandlung, die er 
sogar citirt, viel geläufiger gewesen, nls seinen Geschichtschreibern. Ich 



Mejan, Bordenave, Pouteau. 59 

möchte aber bemerken, dass die Rückenlage bei der Star-Opei'alion noch mehr- 
mals neu erfunden worden ist, von Gendron 17 70, von Assalixi 1787 (ver- 
öffentlicht 1811,) von Arlt 1842. Letzterer hat übrigens die Versuche aus 
»längst verschollener Zeit, von Poyet, Pamard u. a.« wohl gekannt. 

2. Auch bezüglich des oberen Schnitts schreiben A. P. und P. P. : 
»Folglich hat P. und niclit Richter die Priorität.« Wenn aber Richter's 
Abhandlung vom grauen Star schon 1773 gedruckt ist, während Pamard erst 
1784- den »haut appareil« versucht hat? Und wenn Richter darin sagt, 1. er 
zweifle nicht an der glücklichen Ausführung des oberen Hornbautschnitts, 2. er 
wisse, dass Baron Wenzel einmal die Operation auf diese Art glücklich ver- 
richtet hat? Somit hat doch Wenzel d. V. die Priorität; sein Sohn hat 1786 
dr.3 folgende veröffentlicht (Traite de la cataracte, § 19): »Seclion de la coi-nee 
p&r en haute, necessaire dans quelques cas. « In seiner Dissertation de 
extractione cataractae, Parisiis 1779, deren Abschrift ich der Güte des Hi-n. 
Collegen de Lapersonne verdanke, steht nichts davon. Pellier de Quengsy 
schreibt sich die Priorität zu und behauptet, schon im Jahre 1776 so operirt 
zu haben. 

Regelmäßig nach oben übten den Lappenschnitt F. Jager 1825 zu Wien 
und Rosas in Wien 1830. (Handb. d. Augenheilk. III, S. 221.) 

§ 368. MfijAN, Bordenave, Pouteau. 

Unter den Gegnern, die Pamard in seiner engeren Heimath fand, 
war besonders BfiNOix MfiJAN(l9), Professor am Colleg der Chirurgie seit 
1747 und Hauptwundarzt im Hötel-Dieu zu Montpellier. Nachdem er für 
kurze Zeit von der Niederdrückung zur Ausziehung des Stars übergegangen, 
kehrte er dauernd zu der ersteren zurück. Seine Praxis und seine Grund- 
sätze sind im Jahre 1776 in einer langweiligen Doctor-Dissertation (De 
Cataracta, Dissert. medico-chirurg., 40 p., 4°) von seinem jüngeren Sohne 
Thomas, der danach in Älontpellier bis 1810 prakticirt hat, veröffentlicht 
worden und gipfeln in dem Schluss-Satz : »Die Niederdrückung entreißt 
der Ausziehung die Palme.« Pamard. schreibt darüber: »Ich wollte ant- 
worten , aber wozu die Wahrheit Leuten zeigen , die sie nicht erkennen 
wollen?« 

Benoit M. glänzte auch in der Behandlung der Thronen fistel; er 
soll 600 Fälle mit Erfolg behandelt haben. Er sandte im Jahre 1750 eine 
Abhandlung »Sur une nouvelle methode de traiter la fistule lacrimale« an 
die Akademie der Chirurgie; aber den Abhandlungen der letzteren wurde 
sie nicht einverleibt: wir kennen sie nur aus dem Bericht des Schrift- 
führers Louis über Behandlung der Thränenfisteln , der in den Mem. de 
l'Ac. R. de chir. II, S. 193 fgd., 1753 erschienen ist. (Vgl. § 361.) 

Gleichfalls auf dem Gebiet der T hr an en fistel- Behandlung war 

ToussAiNT Bordenave (20) (Paris, 1728 — 1782) 

thätig, Sohn eines Wundarztes, erst Militär- Wundarzt , dann Prof. der 

Physiologie am Colleg für Chirurgie zu Paris. In den Mem. de l'Ac. R. 



60 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

de chir. II, S. 161 fgd. 1T53, hat er gegen Molinelli's Kritik (in den Abh. 

des Instituts von Bologna) das Verfahren von J. L. Petit vertheidigt. 

(Vgl. §361.) 

Claude Pouteau (21), 

als Sohn eines Wundarztes 1725 zu Lyon geboren, von 1747 bis zu seinem 
1775 plötzlich erfolgten Tode Oberwundarzt am Hötel-Dieu seiner Vater- 
stadt, ein Operateur mit eignen Gedanken, hat in seinen Melanges de 
Chirurgie (Lyon 1760) von der unsichtbaren Eröffnung des Thränen- 
sacks zur Einführung von Ilaarseilen, Saiten, Kerzen gehandelt. Er stößt 
eine Lanzette zwischen Karunkel und Unterlid durch die innere Haut des 
Unterlids in den obersten Theil des Thränensacks. — (Diese Eröffnung des 
Thränensacks vom Bindehautsack her ist ja auch neuerdings wieder 
von DEL Monte, Rav.4., Gotti, Nicati empfohlen; aber von Arlt abgelehnt 
worden. Vgl. Czermak-Elscbnig I, S. 340, 1908.) 

Wer aber bei IIaller liest, dass P. durch Höllenstein eine Augen- 
Entzündung beseitigt hatte, könnte sich gewaltig täuschen, wenn er in ihm 
einen Vorläufer von Desmarres und A. v. Graefe erblickte. Es handelt sich 
(I, 3 der deutschen Ausgabe) um eine scrofulöse Augen-Entzündung, die bei 
einem 8 jähr. Mädchen seit 6 Monaten bestand und durch Auflegen des 
ätzenden Steins auf den Wirbel (d. h. die Vereinigung von Pfeil- und Stirn- 
Naht) binnen 4 Wochen geheilt wurde. 

Ueber PorxEAu's Leben und Schriften vgl. Biogr. Lexikon, IV, S. 619, 
1886, und Haller bibl. chir. II, 462. Seine Melanges de Chirurgie, Lvon 
1760, sind auch deutsch von G. L. Rumpelt, Dresden 1760, herausgegeben 
worden. Die Abhandlung über die Thränen-Operation ist auch in den Oeuvres 
posthuiiies de Mr. Pouteau wieder abgedruckt worden. Bei Carrox de Villards 
(Mal. des yeux, Brux. 18 38, I, S, 4) finde ich erwähnt: Claude Pouteau, traite 
des raaladies des yeux, Paris 1770. 

§ 369. A. Louis (22). Die Exstirpation des Augapfels. 

Endlich hat auch Antoine Louis auf unsrem Gebiet sich ausgezeichnet. 
Als Sohn eines Chirurgien-Major 1723 zu Metz geboren, wurde er 1749 
mit einer lateinischen Dissertation Meister der Chirurgie, dann Prof. der 
Physiologie, Wundarzt an der Charite, Bericht-Erstatter der Akademie der 
Chirurgie, — als solcher verfasste er den großen Bericht über die Behand- 
lung der Thränenfisteln, der im IL Bande der Mem. de l'Ac. R. de Chir. 
1753, S. 193 fgd. erschienen ist (vgl. §361), — dann Wundarzt an der 
Charite, 1760 consultirender Chirurgien-Major der Armee am Oberrhein, 
und endlich 1764, nach Mouand's Rücktritt, immerwährender Schriftwart 
der Akademie der Chirurgie. In diesem Amt hat der geistvolle Chirurg 
eine großartige Wirksamkeit entfaltet. 

Wenn wir auch auf sein Dictionnaire de chir. (II, 1772) und auf 
seine Oeuvres de chir. (II, 1788) hier nicht eingehen können; so müssen 



Louis. Die Exstirpation des Angapfels. 61 

wir doch noch einer Arbeit gedenken, die im V. Band der Abh. d. Akad. 
d. Chir., S. 161 — 224, 1774, erschienen ist: 3Iemoires sur plusieurs ma- 
ladies du globe de l'oeil, oü Ion examine particulierement les cas qui 
exigent TExstirpation de cet organe et la methode d'y proceder. 

Loüis hebt richtig hervor, dass die Exstirpation des Augapfels zu- 
erst von Bartiscb ausgeführt und von Fabry aus Hilden verbessert ist. 
(Vgl. unsren B. XlII, S. 348 und S. 354.) 

TüLPiüs (1641)^^ und Plempil's ließen ein Mädchen am Augenkrebs 
sterben, da sie die Exstirpation nicht wagten. Toomas Bartholin be- 
richtet 2) , dass einem Mann zu Leyden auf den Rath seines Lehrers Wa- 
LAEL's das krebsige Auge mit Zangen ausgerissen wurde; am 4. Tage 
starb er nach leichten Convulsionen. Der Wundarzt Jakob van Mebkren^) 
in Amsterdam hat noch 100 Jahre nach Bartisch mit dessen mangelhaftem 
schneidendem Löffel einen Fall operirt. Joh. Muirs^), Arzt zu Leyden und 
Arnheim, berichtet über eine Geschwulst der Orbita bei einem 15 jähr., 
welche den Augapfel zum Platzen gebracht und trotz der Aetzmittel immer 
weiter wucherte und den Kranken durch Blutungen erschöpfte, bis der 
Chirurg Seelen den Inhalt der Orbita mit Fabry's Messer rasch und glück- 
lich exslirpirle. Bidloo berichtet über 4 erfolgreiche Fälle, aber nur über 
zwei etwas eingehend. Van der Maas, Wundarzt zu Amsterdam, exstirpirte 
einem 38jährigen den vergrößerten, stinkende Jauche absondernden Aug- 
apfel mit einem Messer, dessen Klinge im Winkel zum Stiel stand, und mit 
Scheren. Einem Soldat wurde das durch einen Pikenstich zerstörte linke 
Auge 24 Tage nach der Verletzung zu Brüssel exstirpirt; er konnte ein künst- 
liches Auge tragen. C. F. Kaltschmied^), Dekan der medizinischen Facultät 
zu Jena, exstirpirte einem 40jährigen, bei dem nach der örtlichen Behand- 
lung und Operation eines Gharlatan eine haselnussgroße Geschwulst von 
schwärzlichem Roth sich erhoben hatte, stinkende Jauche absonderte, auch 
bereits Schmerzen am andern Auge bewirkte, das kranke linke Auge mit 
bestem Erfolge: das rechte Auge sah danach besser, als zuvor. La 
Vaugyon hat nur einige Worte, Verdug widerräth die Operation, Dionis er- 
wähnt sie nicht; Heister lässt sie zu, aber ist von befremdender Kürze. (Aber 
hier irrt sich Hr. Louis, wenn er 1774 die von Heister 1739 versprochene 
ausführliche Veröffentlichung seiner beiden 1721 gemachten Exstirpationen 
immer noch vermisst. Heister hatte die eine Operation schon lange ver- 
öffentlicht in Observ. raedicae miscellaneae respond. Moebio, Helmstädt 



1) Observ. med. libr. tres. 

2) »In der 2. Cent, seiner anat. Geschichten.« 

3) Collect, posthum. 

4) Prax. chir. rat., Leyd. 1683 — 1683, decad. XII, obs. I. 

ö; De oculo, ulcere cancroso laborante, fehciter exstirpato, 1748. (Haller, 
disp. chir. I, p. 541—544.) 



62 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

1730, beide dann ganz ausführlich 1753 in seinen med.-chir. und anat. 
Wahrnehm., B. I, S. 1032 und 1034; und hatte auch schon 1721, nach- 
dem er den Augapfel, bezw. die Geschwulst mit dem Messer umschnitten, 
hinten zum Abschneiden einer »guten Scheere« sich bedient: was Louis 
ja als seine wichtigste Eigenleistung besonders hervorsteht.) Maitre Jan, 
in seiner Augenheilkunde, spricht kein Wort davon, St. Yves ist oberfläch- 
lich, AVooLHOüSE hat in seinem Programm vom Jahre 1719 das einzige 
Wort »Exstirpation des krebsigen Auges«. 

lIoiN in Dijon, welcher nach der ersten') Lesung von Louis' Ab- 
handlung einen Auszug derselben im Mercure de France gefunden, theilte 
brieflich einen Fall mit, dass nämlich sein Vater 1737 einem 3jährigen, 
durch scrofulöse Entzündungen beider Augen erblindeten Knaben das linke, 
binnen 1 4 Tagen zu Hühner-Eigrüße angeschwollene Auge mit Glück ex- 
stirpirt hatte, während Louis die Ansicht aufrecht erhielt, dass hier ein 
durch Querschnitt heilbarer Fall von Ilydrophthalmie vorgelegen habe. 

lieber die Noth wendigkeit und Nützlichkeit der Operation kann 
kein Zweifel bestehen. Aber die Regeln zur methodischen Ausführung sind 
nicht aufgestellt. Fabrv aus Hilden ist der einzige, der sein Verfahren ge- 
nau beschrieben, aber er hatte keine Nachahmer. Das Stillschweigen, die 
Vernachlässigung, die Furchtsamkeit der neueren Autoren auf diesem Ge- 
biete sind schwer zu verstehen. Der sichere Tod der Kranken , denen 
man diese Hilfe nicht gewährt hat, die glücklichen Erfolge, die man dem 
Eingriff schuldet, sollten die heutigen Wundärzte begeistern, diese Operation 
zu vervollkommnen und sie ebenso einfach und leicht zu gestalten, wie 
sie nützlich ist. Zuerst trennt Louis, nach Fabry, die Verbindungen 
des Augapfels mit den Lidern, unten wie oben, mittelst des Messers, unten 
mit Durchschneidung des kleinen, oben mit der des großen schiefen Augen- 
muskels. Jetzt handelt es sich noch darum, hinten den Sehnerv und 
die vier graden Augenmuskeln zu zerschneiden: das geschieht mit einem 
Schlag einer passenden gekrümmten Schere. [Solche benutzen wir noch 
heute bei der Ausschälung des Augapfels. Noch heute wird eine gekrümmte 
Schere (die allerdings kleiner ist,) als die von Louis bezeichnet. Vgl. 
CzERMAK, augenärztl. Operat. 1893—1904, S. 17, Fig. 23; H. Aufl. 1908, 
I, S. 16, Fig. 24.] Gewöhnlich dringt man mit derselben von der Nasen- 
seite her ein. Nach dem Schnitt dient die geschlossene Schere dazu, den 
Augapfel nach vorn zu heben. Mit der linken ergreift man den letzteren, 
und trennt mit der Schere die letzten bindegewebigen Verbindungen. Sind 
die Lider vom Krebs mit ergriffen, so müssen sie zuerst abgeschnitten 
werden. Finden sich Härten im Zellgewebe der Orbita, so muss man 
diese nachträglich entfernen, auch die Thränendrüse, falls sie nur ein wenig 



1) Vgl. XIII, S. 483. 



Die Exstirpation des Augapfels. 63 

geschwollen sein sollte; ferner das glühende Eisen anwenden. Leider gieht 
es auch Fälle, welche durch Rückfälle die Heilbarkeit ausschließen. 

Man sieht deutlich, dass gegenüber der ungeordneten Umschnei- 
dung mittelst des Messers, die Fabky angewendet und Heister empfohlen, 
die Anwendung der Schere einen Fortschritt darstellt. Allerdings wird 
die Exstirpation des Augapfels nach Louis noch außerhalb des Muskel- 
trichters vollendet; sie innerhalb desselben auszuführen, die Ausrottung des 
Augapfels durch die Ausschälung zu ersetzen, ist erst im 19. Jahrh. ge- 
lungen. (BoNNKT 1842.) — - Der nächste Schnitt zur Verbesserung des Verfah- 
rens von Louis bestand in der Erweiterung der Lidspalte (Richter, Desault), 
der zweite in der Anwendung von Fass-Werkzeugen, Haken, Doppelhaken, 
Doppelzangen. (Weir 1795, Beer 1817, Richerand 180ö, Helling 1821.) 

Dass wir heutzutage immer, wo es uns möglich, die weniger eingrei- 
fende, weniger gefährliche, weniger entstellende Ausschälung des Aug- 
apfels (statt der Ausrottung) üben, verdanken wir nicht blos den Fort- 
schritten der Chirurgie i. A., sondern auch noch der Vervollkommnung der 
Diagnostik, da wir erst seit Helmholtz's Erfindung die Geschwülste in der 
Tiefe des Augapfels zu erkennen vermügen, ehe sie zur Vergrößerung und 
Vortreibung desselben geführt haben. 

Vgl. JüxGKEx, Augen-Op. 182 9, S. 871. — Czermak hat auf eine Dar- 
stellung der Geschichte dieser wichtigen Operation verzichtet. Ebenso Tekrien. 
Arlt hat einige wenige Worte. Es ist seltsam, wie den Neueren der geschicht- 
liche Sinn abhanden gekommen. 

Merkwürdig sind die folgenden Thatsachen: 1. Die Griechen sind trotz 
ihi'er Kühnheit in der Chirurgie nicht über die Abtragung des Vordertheiles vom 
Augapfel hinausgekommen. 2. hn Beginn der Neuzeit (1383) hat ein einfacher 
Wundarzt, G. Bartisch, voll Entschlossenheit die Ausrottung des entarteten Aug- 
apfels vorgenommen. 3. Fast dreihundert Jahre mussten verstreichen, ehe die 
Operation verbessert wurde und zu allgemeinerer Anwendung gelangte. Die 
tragischen Folgen dieser Vernachlässigung werden nicht verfehlen, auf den heutigen 
Wundarzt einen tiefen Eindruck zu machen. 4. Von da verstrichen noch 70 Jahre 
bis zur gefahrloseren und sicherern Ausgestaltung der Operation, 5. Heutzutage 
kann kein Praktiker sie entbehren. Als mir auf einer meiner Reisen ein schon 
älterer Augenarzt sagte, er habe sie nie gemacht, musste ich ihm erwidern, 
dass er dann keine ausgedehntere Praxis gehabt haben könne. 

§ 370. Thomas Goulard (23) und das Blei-Wasser. 

»Maitre en Chir. , Membre de la Soc. R. des Sciences, Prof. et De- 
monst, R. ä Montpellier« wurde G. 1740 Mitglied der Akademie der Chi- 
rurgie und hat etwa ein Menschen-Alter lang in Montpellier gewirkt; 1772 
wurde er blind und ist nach 1784 gestorben. 

Sein Name bleibt verknüpft mit der von ihm als Allheilmittel ge- 
priesenen eau vcgeto-minerale (Aqua vegeto-mineralis) , die er erst zu- 
erst 1746 als Geheimmittel gegen Krankheiten der Harnröhre empfahl, dann 



64 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

1751/2 bekannt gab, 1760 unbändig gegen alle möglichen Krankheiten 
rühmte und 1767 als ein unfehlbares Mittel gegen alle Augen-Entzündungen 
gepriesen hat. Die Beschreibung der Beweis-Fälle ist oberflächlich und 
mangelhaft, sein Styl ähnlich dem der alten Theriak-Händler. Das Mittel 
ist übrigens gut, wenn es in geeigneten Fällen richtig ange- 
wendet wird. 

Mem. sur las maladies de l'uretere, Montpellier I7i6. Traite sur las pre- 
parations de plomb, eband. 1760. Oeuvres de Chirurgie, Paris 1763, 17G7, 
Liege 1769. (Deutsch Leipzig 1767, Lübeck 1772.) 

Nach Trug & Pansier (Ophth. ä Montpellier 1907, S. 222) ist G. durch 
doppelseitigen glaucomatösen Star erblindet. Ich glaube eher, dass er an Nelz- 
hautablösung und GlaskörparLrübung gelitten. Pamard (las oeuvres de P. par 
P. & Pansier, 1900, S. 146) sagt, dass er die Operation G.'s. verweigert und 
nur auf Bitten das linke Auge mittelst Starschnitts operirt habe : le cristallin 
opaque sorti, il y avait un second rideau glaucomataux qui resta. — 3 Jahre 
später operirte Mejan das andre Auge durch Niaderdrückung, gleichfalls ohne 
Erfolg. — Außer dem erstgenannten Werk sind für GorLARo zu vergleichen 
Haller, bibl. chir. 11, 151; Biogr. Lexikon II, 610. 

Daremberg sagt (II, 1270): »G. denkt und schreibt nur von seinem 
Wasser.« 

Freilich, Blei-Salze werden schon von den A egy ptern als Augenheilmittel 
verwendet. (§ 11.) Ebenso bei den Griechen (§ 138, 14) und bei den 
Arabern (§ 277, XIII, S. 145). 

Blei-Zucker, essigsaui-es Blei, Blai-Acetat, Pb(C2H302)2, und Blei-Essig, 
Acetum Saturni, wässrige Lösung von basisch-essigsaurem Blei, war schon 
den Alchymisten des späteren Mittelalters bekannt gewesen. (Vgl. die 
G. d. Chemie von E. v. Meyer, 1895, S. 50 und S. 80.) Andreas Libanius 
aus Halle (1546 — 1616), Stadt-Physicus zu Rothanburg a. d. T., hat in seiner 
Alchymia (1595) Blei-Zucker und Blei-Essig untersucht und als Heilmittel ver- 
wendet. 

Goulard's Blaiwasser bestand aus 1 Theil Liquor Plumbi subacet., 
4 Spir. dilut., 45 Aq. commun, 

Liqu. Plumb. subacet. wird bereitet aus 3 Th. essigsaurem Bleioxyd , 1 Th. 
Blei- Oxyd und 1 Th. Wasser. 

Das Arzneibuch des deutschen Reiches (IV. Ausg. 1900, S. 49 und 231) 
hat die folgenden Mittel: 

1. Aqua Plumbi, Blaiwasser. 1 Th. Blei-Essig, 49 Th. Wasser. 

(Will man es zu Umschlägen auf das Auge anwenden, so thut man gut, 
es mit 2 — 4 Th. Wassers zu verdünnen.) 

2. Liquor Plumbi subacetici, Blei-Essig, aus 3 Th. Blei-Acetat, einem Theil 
Blei-Glätte (Blei-Oxyd, PbO), 1 Th. Wasser bereitet. 

(Zu Umschlägen auf das Auge benutze ich 5 Tropfen auf Y2 Liter Wasser. 
Es ist wundei'bar, wie viele Kranke mit Bindehaut-Katarrh durch dieses ein- 
fache Mittel befriedigt werden.) 

§ 371. Jean Jacques IIoin (24), 
geb. 1 722 zu Dijon als Sohn eines Wundarztes , wurde selber Wundarzt 
am Grand Höpital seiner Vaterstadt, Mitglied der dortigen Akademie der 



Goulard und das Blei-Wasser. 65- 

Wissenschaften sowie der chirurgischen zu Paris. (Im II. Band ihrer Me- 
moires [1753] steht unter den Associes regnicoles >M. IIoin, Maitre-es Arts 
et en Chirurgie, Pensionnaire de l'Acad. des Sciences de Dijon dans la 
Classe de Medecine & Chir. en chef du grand HOpital, ä Dijon.«) Hoin 
hat sich um die Lehre vom Nachstar verdient gemacht, der von ihm 
zuerst den Namen empfangen, ferner um den Bau der Linse und die 
ganze Star-Lehre. Er starb 1772. 

\. Sur une espece de Cataracte nouvellement obsS^rvee, Mem. de l'Acad. 
R. de Chir. I(, S. 423, 1753: 

Voilä done une cataracte produite par le moyen qui guerissoit d'une autie; 
cataivicle .que je nomme secondaire, parce qu'elle doit son origine ä l'operation 
que l'on fait pour en guerir une primitive. (Vgl. XIII, S. 426 und XIV, S. 127.) 

2. Lettre concernant quelques observations sur diverses especes de cata- 
ractes, Mercure de France, Aoüt 17 59. 

Die Linsenfasern beginnen im Centrum und gehen zur Peripherie, von der 
Vorderfläclic auf die Hinterflache. Rest einer niedergelegten Linse anatomiscli 
Kacbgewiesen. Ist für die Ausziehung, gegen die Niederdrückung. üeber den 
weichen Star, dessen Fragmente spontan aufgelöst werden. 

3. Lettre ä Mr. Daviel, Mercure de France, Aoüt 1758, S. 159. Bei der 
Untersuchung des Auges einer Frau, der man \0 Jahre vor ihrem Tode den 
Star-Stich gemacht, fand er den Glaskörper durchsichtig, vorn und hinten er- 
haben, und einen undurchsichtigen Bing, welcher den ganzen L'mfang des 
Kreises der Iris von hinten her einnahm. Hier haben wir die erste Beobach- 
tung des sogenannten Krystall -Wulstes.) 

4. Seconde lettre a M. Daviel sur la cataracte radiee, la convexite du 
chaton du crystallin apres l'exti-action de celui-ci, d'une cataracte fenetree. 
Mercure de France, Mars 1760. 

5. Mercure de France, Dec 1764. Essai hislorique sur les differentes 
opinions concernant la nature de la cataracte. (Vgl. oben § 33 3, B. XIII. S. 409.) 

6. Memoires de Dijon 1769. Ueber den radiären Star. (Ausgezogen im 
Mercure de France, Aug. 1769 und in Bichter's chir. Bibl. I, 2, S. 115, 1771.) 
Die Kranke konnte noch große Gegenstände unterscheiden. Nach ihrem Tode 
fand H. die Linse härter und nicht völlig undurchsichtig: eine Menge weißer Fasern 
entstanden im Mittelpunkt derselben, welcher weiß und undurchsichtig war, und 
erstreckten sich nach dem Rand der Linse, sowohl an der vorderen wie an der 
hinteren Oberfläche. 

7. Nach Haller (bibl. chir. II, 3C8) war eine Handschrift von Hoin vor- 
handen über alles, was seit Hippokrates bis zum Ende des XVII. Jahrb. über Star 
geschrieben worden. 

8. Janix (1772) sagt, es wäre zu wünschen, dass der gelehrte Akademiker 
alle die Schriften bekannt machte, welche die Bescheidenheit in seinem Pulte 
zurückhält, und überliefert uns den Inhalt einer Abb., die Hoix 176 8 in der 
Akademie zu Dijon gelesen, über die Iris- Ablösung. (Ein Auszug ist im Mer- 
cure de France Aug. 1769 gedruckt.) Die Iris lässt sich durch leichten Zangen- 
zug von der Aderhaut, bezw. vom Strahlenkörper, ablösen. Ein Dragoner er- 
hielt 1767 einen Bappierstoß gegen das 1. Auge. Die Pupille wurde oval, die 
Iris war oben abgelöst, und daselbst noch eine neue Pupille, größer als die na- 
türliche, gebildet. Der Wundarzt (]haussikh zu Dijon theilte ihm einen zweiten 

Handbuch der Augenlieilktmde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXJl!. Kap. 5 



66 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Fall mit, wo, bei guter Sehkraft, die Ablösung außen unten saß: bei hellem 
Tageslicht wurde die natürliche Pupille länglich, die Ablösung breiter und halb- 
mondförmig. 

§ 372. Claude Nicolas le Cat (25), 
1700 zu Blevancour (Oise) geb., stammte aus einer wundärztlichen Familie, 
studirte selber zu Paris Wundarznei kunst, wurde 1732 zu Rheims 
auch Doctor der Medizin^), 1734 Meister der Wundarzneikunst zu 
Rouen, 1736 königlicher Professor und Demonstrator, gründete 1744 die 
Akademie der Wissenschaften und Künste zu Rouen und wurde deren lebens- 
länglicher Schriftführer. Von seiner außerordentlichen Begabung zeugt ein 
merkwürdiger Beschluss der Akademie der Chirurgie zu Paris?): »Der 
Preis für 1738 ist der Abhandlung No. 14 zuerkannt, deren Wahlspruch 
lautet Usque quo? und deren Vf. Hr. le Cat ist, Meister der Wund- 
arzneikunst und Haupt- Wundarzt des Hotel Dieu zu Rouen ... Da der- 
selbe den Nebenpreis im Jahre 1733 und die Hauptpreise 1734, 1735 und 
1738 gewonnen hat; so sieht sich die Akademie genöthigt, ihm die Frage 
Usque quo? vorzulegen und ihn zu bitten, nicht mehr in die Bewer- 
bung einzutreten, um nicht diejenigen abzuschrecken, die einen solchen 
Mitbewerber fürchten.« Le Cat war ein geschickter Wundarzt, übrigens 
der Reklame nicht abhold, von einer wunderbaren Vielseitigkeit, indem er 
nicht blos über Anatomie , Physiologie 3) und Chirurgie, sondern auch über 
Mathematik, Philosophie und Kriegsbaukunst Werke und Abhandlungen 
verfasst hat. 1762 wurde er geadelt, 1768 ist er gestorben. Für uns 
kommen hauptsächlich die folgenden Werke und Abhandlungen in Betracht: 

i. Im Journal des Sravants, April 1755, handelt er von der Thränen- 
fistel: er schneidet den Thränensack auf und setzt in den Thränen-Nasengang 
eine goldne Kanüle ein. 

%. Journ. de med., B. X. Ueber die Einführung von Wieken in den Thränen- 
Nasengang. 

3. Im Mercure de France, April 1756, erklärt er sich für häutige 
Stare, die aus dem Kammerwasser sich bilden, und gegen die Star- Auszie- 
hung: beides war damals so reaktionär, wie möglich. 

4. Traite des sens, nouvelle Edit. Amsterdam 1744 (328 S.), worin der 
größte Theil (von S. 79 bis zum Ende) vom Sehen handelt. (Die erste Ausg., Rouen 
4 740, wird, in der A^orrede der zweiten, für fehlerhaft und unbrauchbar erklärt.) 



1) -1766 veröffentlichte er zu Paris »Lettre sur les avantages de la reunion 
du titre de Docteur en Medecine avec celui de maitre en Chirurgie«, worin er hervor- 
hebt, dass in Deutschland mit Recht die Aerzte der Ausübung der Wund- 
arzneikunst sich befleißigen. 

2) Recueil des pieces qui ont concouru pour le Prix de TAcad. R. de Chir. 
I, 1770, S. 201. Diese Ausgabe habe ich. (Aus Haller ersehe ich, dass die erste 
1753 gedruckt worden.) 

3) Seine »Dissert. sur Texistence et la nature des fluids des nerfs et son 
usage pour le mouvement musculaire« erschien 1753 zu Berlin und war von der 
Berliner Akademie preisgekrönt. 



Le Cat, Pierre Demours. 67 

In dieser merkwürdigen Schrift (4) beißt der Vf. auf Granit, indem er 
erstlich Newton's Farbenlehre bekämpft und zweitens Kepler's Seh-Theorie 
bestreitet, und mit Mariotte die Aderhaut für das Haupt-Organ des Sehens 
erklärt, — gerade wie St. Yves, wie Mery, wie der Ritter Taylor es ge- 
than. (Der Netzhaut giebt er die Rolle der Oberhaut [surpeau] , welche 
die last- Wärzchen bedeckt. Nun, die äußere Lage der Netzhaut [Stäb- 
chen und Zapfen mit ihren Körnern] wird heutzutage wirklich als Neuro- 
Epithel betrachtet.) Immerhin wollen wir leidliche Zeichnungen von 
der Gehirn-Basis mit allen Nerven und von den Thränen-Werkzeugen an- 
erkennen. 

Vgl. Haller, bibl. iliir. 11, 174 — 179 und biographisches Lexikon der Aerzte, 
III, S. 64L 

IIaller (1775) giebt folgende Kennzeichnung von Le Cat: »Ein scharf- 
sinniger Mann , der sich selbst vertraut , seine eignen Verdienste gehörig 
einschätzt, übrigens den Hypothesen und eignen Meinungen zugethan.« 
Hundert Jahre später urtheilt Daremberg ; »Sein Ruf ist angefochten und 
anfechtbar ... Er ist einer von den unruhigen Geistern, eifersüchtig, stets 
auf dem Anstand nach neuen Gedanken« . . . 

Durch Entlarvung von Taylor's Schwindel mit der Schiel-Operation 
hat LE Cat sich ein besonderes Verdienst erworben. (§ 438 und 439.) 

§373. Pierre Demours (26) (1702 — 1795) und die Basal-Membran 

der Hornhaut. 

P. Demours ist einer von den merkwürdigen Fachgenossen, welche 
damals, als die Augenheilkunde eben von der Chirurgie sich loszuringen 
begann, noch höchst selten waren; heutzutage allerdings, wo unser Fach 
mit der Optik so innig sich verbunden, weit häufiger angetroffen werden, 
— welche Augenheilkunde betreiben, aber Augen-Operationen nicht ver- 
richten, wahrscheinlich doch, weil ihnen die Anlage und Befähigung zu 
dieser Kunst nicht gegeben ist. 

Die genaueste Lebensbeschreibung P. D.'s findet sich in der Einlei- 
tung des großen vierbändigen Werkes seines Sohnes Antoine Pierre Demours: 
Traite des maladies des yeux, Paris 1818^). Geboren 1702 zu Marseille, als 
Sohn eines Apothekers, machte P. D. 1728 zu Avignon das Doctor-Examen, 
wurde 1730 zu Paris Aufseher des naturgeschichtlichen Kabinets bei dem 
königlichen Garten und von 1732 an Assistent von Antoine Petit (§362) 
bei dessen anatomischen Untersuchungen. Er machte eine Reihe von Ent- 
deckungen über den Bau des Auges und beschrieb namentlich (1767) die 
innere Basal-Membran der Hornhaut als lame cartiligineuse de la 



4) Vgl. auch Biogr. Lexikon II, 154, 



68 XXIII, Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

cor nee; doch wurde ihm diese Entdeckung von Jean Descemet in einem 
heftigen Kampf, der von 1769 — 1771 in den französischen wissenschaft- 
lichen Journalen tobte, streitig gemacht, und zwar mit Erfolg. Jean 
Descemet (1732 — 1810), Arzt und Botaniker, hatte in seiner Disser- 
tation : »An sola lens crystallina cataractae sedes? (Paris 
1758)« jenes Häutchen zuerst beschrieben, und zwar als Membrana 
humoris aquei. 

(.\och heutzutage bezeichnet man diese innere Grenzschicht der Horn- 
haut als DESGEMET'sche Haut. Ja, ihre Entzündung, als Descemetilis! 
Früher war auch der Name Membrana Demoursiana üblich, so noch 
bei Tamamscheff, C.-Bl. f. d. m. W. 1869 No. 23.) 

Die neueren Darstellungen, einerseits in den Handbüchern der Anatomie 
und Gewebelehre (Hexle, II. Aufl. II, S. 629, 1873, dem wir den Namen innere 
Basal-Membran verdanken; Stricker, bezw. Rollet, II, S. 1127, 1872; 
KöLLiKEU, Gewebelehre, 111, 773, 1902; Schwalbe, Anat. d. Sinnes-Organe 188-'), 
S. 148), andrerseits in den Encyklopädien der Augenheilkunde (Graefe-Saemisch, 
I. Ausg., Encyclopedie Irang. d'opht. I, S. 409, 1903), enthalten gar nichts 
über die Geschichte dieser wichtigen Entdeckung, nicht einmal die Biblio- 
graphie derselben. Hingegen hat E. Brlcke (in seiner klassischen Beschreibung 
des menschlichen Augapfels, Berlin 1847, S. 46 — 48) die vollständige Ge- 
schichte geliefert. Er weist zunächst die Priorität Duddel's (diseases on the hornj 
coat, London 1729) zurück. P. Demours beschrieb die Schicht in einem Brief 
an Petit, vom 20. März 1767, als ein Häutchen, ähnhch der Linsenkapsel, und 
meint, dass sie am Rande der Hornhaut auf die Iris sich umschlage, aber hier 
so dünn und zerreißüch werde, dass man sie nicht weiter verfolgen könne: es 
scheine aber, dass sie auch die Wände der hinteren Augenkammer auskleide 
und somit das Kammerwasser rings umschließe. Diese Entdeckung machte ihm 
Descemet (J, de med. Apr., 1769) streitig, da sie aus seiner Dissertation (Paris 
1758) entnommen sei. Hiergegen vertheidigt sich Demoürs (J. de med., Nov. 
1769), da seine Haut nur die vordere und hintere Augenkammer, die von 
Descemet aber das ganze innere Auge auskleiden solle. Aber Descemet kannte 
die Haut besser, als Demours; denn schon vor der Veröffentlichung von Demours' 
Brief an Petit sagt er (Mem. math. und phys. pres. ä l'Ac. des Sciences V, 
S. 177, Paris 1768), dass sie vom Annulus ciliaris ausgehe und gleichzeitig ein 
dünnes Plättchen von der Vorderfläche der Iris aufnehme. Portal (bist, de 
l'anat. et de chir. V, S. 228, Paris 1770) ist offenbar parteiisch zu Gunsten 
von Demours. Der Italiener Troja (Malattie degli occhi 1780, S. 36) giebt 
Descemet den Vortritt. Nach Deutschland verbreitete -sich frühzeitig eine 
richtige Kenntniss dieser Haut. (Jo. Klixi.er, diss. sistens structuram oculi, 
Wien 1777.) In England wurde sie 1807 noch einmal als neu, aber gut be- 
schrieben. (Sawrev, on a newly discovered membrane in the eye, London 
180 7.) ZiXN und Wrisberg kannten sie nicht. St. Yves soll, nach Demours' 
Behauptung, zuerst ein Stück derselben gesehen haben. (Ich finde aber, dass 
dieser nur die Ansicht der Alten von der Theilbarkeit der Hornhaut in mehrere 
Blätter wiederholt.) 

So kam D. zur Augenheilkunde, hat darin 50 Jahre praklicirt, 
auch Tausende von eignen Krankengeschichten gesammelt, von denen sehr 



P. Demours und die Basal-Membran. 69 

viele in das Lehrbuch seines Sohnes (vom Jahre 1818) übergegangen sind; 
aber Augen-Operationen hat er niemals ausgeführt. Das wussten alle, die 
ihn Gonsultirten ^j ; das wird auch in dem von seinem Sohn veröffent- 
lichten Lebenslauf ausdrücklich hervorgehoben. Deshalb hat denn auch 
das, was er über .A^ugen -Operationen geschrieben, nicht den 
Beifall der Augen-Operateure seiner Zeit gefunden. 

Pamard2) beklagt sich, dass Demgurs sein Verfahren nicht recht ver- 
standen und einen unbrauchbaren Ophthalmostaten erfunden habe; er 
spottet auch über das prunkvolle Wort — aus dem griechischen Wörter- 
buch von TutvEMN. — (Wir haben gesehen, dass bereits der alte Thier- 
arzt Hermeuus einen Lidsperrer zur Star-Operation kannte und Ophthal- 
mostatum benannte. [§282, S. 197.]) 

Daviel schüttelt den Kopf über Demgurs' Vorschlag, vor der Star- 
Operation einen Gyps-Abdruck des geschlossenen Auges anzufertigen und 
nach der Operation, mit Hilfe dieser Schale, einen Gyps-Verband anzu- 
legen. Richter '^j nennt es eine unnüthige und wirklich unbequeme Erfin- 
dung. 

D. wurde zum Augenarzt des Königs und zum Mitglied der Aka- 
demie der Wissenschaften ernannt und starb im Jahre 1795. Die folgenden 
Schriften D.'s kommen für uns in Betracht. 

\. Sui' la structure cellulaire du corps vitre. 2, (»bservalions sur la cornce. 
Beide in Histoire de l'Acad. R. des Sciences, annee 1741, S. GO — 71. In der 
2. Abh. trennt er die Hornbaut von der Lederhaut, die er nicht mehr undurch- 
sichtige Hornhaut nennen will, spricht aber noch nicht von der hinteren Grenz- 
schicht der ersteren. In der ersten erweist er den von Wixslow vermutbeten 
cellularen, d. h. aus einzelnen Maschen zusammengesetzten Bau des Glaskörpers 
am gefrorenen Auge. 

2. Dissert. sur la mecanique des mouvements de In piunelle, Mem. de 
l'Ac. des sciences <750, S. 586. (Die. Zusammcnziebung sei muskulär. Die 
Erweiterung elastisch.) 

3. Lettre ä M. Petit en reponse ä sa critique d'un rapport sur une niaJa- 
dic de l'oeil survenue apres l'inoculation de la petite veröle, contenant de nou- 
velles observations sur la structure de l'oeil et quelques remarques generales de 
pratique relative aux maladies de cet organe, Paris, 1767, 8". 

4. Nouvelles reflexions sur la lame cartilagineuse de la cornee, Paris 
1770, 8°. 

5. Reflexions sur une maladie des yeux oii l'on iudique les veritables 
causes des accidens qui sm-vieunent ä l'operation bien faile de la cataracte par 
exlraction et oü l'on propose un moyen pour y remedier, par M. Demours, 
med. de la faculte de Paris, oculiste et censeur royal. J. de Medecine, XVI, 
Janv. 1762, S. 49 — 60. 



i) Mr. D. n'opere point. (Act. Helv. 1762.) 

2) Les Oeuvres de P. F. B. Pamard, 190 0, 119—121. 

3; Star-Ausziehung, 1773, S. 166. 



70 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

§374. Antofne Demours (27)1). 

Pierre's Sohn, Antoine Pierre D., 1762 geboren, wandte sich früh 
der Augenheilkunde zu und erlangte, noch mehr durch kühne und ge- 
wandte Operationen, als durch wissenschaftliche Leistungen, sehr bald einen 
großen Ruf. l'> wurde Augenarzt Ludwig's des XVIII. und Karl's des X. 
Die von Himly, wenn auch nicht erfundene, so doch empfohlene Anwen- 
dung der Pupillen -erweiternden Mittel bei den Augen-Operationen hat er 
in Frankreich eingeführt. Seine Pupillenbildung bei dem unglücklichen 
Sauvage erregte das grüßte Aufsehen, nicht blos in Frankreich, sondern 
in ganz Europa. (B. XIII, S. 457.) 

Wir haben von ihm die folgenden Schriften zu berücksichtigen: 

\ . Memoire sur sa maniere d'operer la cataracte. Lü ü l'Assemblee, 
dite Prima mensis, le 1. Nov. 1784, Paris. Wörtlich ubgedr. in Pellier's 
Precis I, S. 419. 

■1 a. Ophtalmostat de Demours fils, J. de med., chir. , pharm., 1785, t. 
LXIII, p. 230, und Commentaires de la Faculte de Med. de Paris 1777 ä 1786, 
Paris 1903, p. 1231. (Es ist der von Pamard, an einer Stahl- Schiene, die auf 
den Finger geschoben wird.) 

2. Observations sur une pupillc artificielle, ouverte tout aupres de la 
sclcrotique, Paris 1800. 

3. Traite des maladies des yeux, avec des planches coloriees representant 
ces maladies d'apres nature, suivi de la description de l'oeil humain, traduit du 
Latin de S. T. Soemmering, par A. P. Demours, medecin^) oculiste du Roi . . . 
Docteur rt-gent de l'ancienne Faculte de Paris . . . Paris chez l'auteur, rue de 
l'universite No. 1 9 . . . 1818 (vier Bände). 

Das Buch ist dem König gewidmet und die Frucht der 50jährigen 
Erfahrung seines Vaters und seiner eignen 20jährigen. Zweitausend 
Krankengeschichten sind ihm zu Grunde gelegt; die Bilder beruhen auf 
Zeichnungen, die in Gegenwart der Kranken gemacht wurden. Der erste 
Theil bringt eine Darstellung der Augenheilkunde, der zweite und dritte 
die Krankengeschichten , der vierte die Abbildungen. Dieser letzte Theil 
ist in 4° und enthält 126 S. Text sowie 65 Tafeln. Davon sind 12 die 
von SöMMERiNG, 3 enthalten Instrumente, von den folgenden jede 3 colorirte 
Abbildungen von Augenkrankheiten. Die Bilder sind i. G. gut, aber nicht 
alle sind naturgetreu, bezw. erkennbar. Oefters sind an einem Auge zwei 
oder drei krankhafte Zustände dargestellt. Es ist ja nicht das erste 
illustrirte Werk der Augenheilkunde, das wir besitzen, wohl aber ein 
Prachtwerk, nicht nur für die damalige Zeit, sondern auch heute noch 
höchst beachtenswerth. (Der Maler Laguiche hat die schließlichen Zeich- 
nungen angefertigt, Langlois sie in Farben gedruckt, Didot war der Ver- 



1) Biogr. Lexikon II, S. 152. 

2) Daviel, der ja Wundarzt war, hatte den Titel »Chirurgien et oculiste du 
Roi«: Demours d. V. »Oculiste Royal«; Demours d. S. >M6decin Oculiste du Roi«. 



A. Demours. Die Abbildung in der Augenheilkunde. 71 

leger.) Das Motto, mit dem Demours dieses sein Werk geschmückt hat, 
lautet folgendermaßen: 

Segnius irritant animos demissa per aures, 

Quam quae sunt oculis subjecta fidelibus. 

(Ho rat. de arte poetica, 180.) 

4. Pröcis theorique et pratique sur les maladies des yeux, Paris 1821. 
(598 S.) Auf der Rückseite des Titels ist gedruckt: »Die nicht von der Hand 
des Vf.'s unterzeichneten Exemplare sind nachgedruckt.« Die Unterschrift sieht 



so aus: 



Fig. 2. 



(Auf den Inhalt der Lehrbücher 3 und 4 werden wir noch zurück- 
kommen , wenn wir den neuen Kanon der Augenheilkunde an der 
Wende des 19. Jahrhunderts aufstellen.) 

§ 375. lieber die Abbildung in den Schriften zur Augenheilkunde^). 

Um einen höheren Standpunkt zur üebersicht über das ganze Ge- 
biet zu gewinnen, müssen wir zuerst die allgemeine Frage über die 
Abbildung in ärztlichen Schriften wenigstens streifen 2). Hierüber herr- 
schen bei Aerzten und sogar bei Geschichtschreibern unsres Faches ganz 
falsche Ansichten. Einige von den letzteren haben uns Erzeugnisse ihrer 
eignen Einbildungskraft als geschichtliche Ueberlieferungen vorgelegt. (XHI, 
S. 197.) 

Mit den alten Griechen müssen wir naturgemäß auch hier beginnen. 
Diese besaßen ärztliche und naturwissenschaftliche Bücher mit Abbildungen, 
Doch nur spärliche Reste davon haben sich bis auf unsre Tage hinüber- 
gerettet, einige Bilder von Einrenliungen^), ferner von Arzneipflanzen, von 
der Gebärmutter, — nichts augenärztliches. Aber wir besitzen ja auch von 
ihrer ungeheuren Literatur so überaus wenig; wir haben kein griechisches 
Werk über Augenheilkunde, obwohl wir von fünfen den Titel kennen, die 
in den 800 Jahren von Herophilos bis auf Alexander aus Tralles ge- 
schaffen worden waren. 

Anders steht es mit den Nachfolgern der Griechen in der ärztlichen 
Literatur, den Arabern. Von ihrer gleichfalls gewaltigen und systema- 



1) Vgl. m. Mitth. in der Berl. ophth. G. vom 4 5. Nov. 1906, Verhandl. S. 20. 
(C.-Bl. f. A., Dez. 4 906.) 

2) Choulant, Graphische Inkunabeln f. Naturgesch. u. Medizin, Leipzig 1858, 
enthält in der Einleitung einige hierher gehörige Bemerkungen. 

3) Apollonius v; Kitium. Illustr. Komment, zu der Hippokr. Schrift von den 
Gelenken, herausgegeben von H. Schöne, Leipzig 4896. 



72 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

tischen Literatur besitzen wir weit mehr und verhällnissmäßig ältere 
Handschriften, solche aus der Lebenszeit der Verfasser, ja Urschriften. 
Die Araber haben in den 500 Jahren von 870—1370 u. Z. mindestens 
dreißig Lehrbücher der Augenheilkunde geschafVen, von denen 13 uns er- 
halten sind. 

Wir können uns sofort zur ältesten illustrirten Augenheilkunde der 
Araber wenden. Nachricht haben wir davon in der arabischen Aerzte- 
geschichte von Usaibi^'a aus Damaskus, der um 1269 gestorben ist. Der- 
selbe hat mitgetheilt, dass Hunain, der von 808 — 873 u. Z. zu Bagdad 
gelebt und das erste wissenschaftliche Werk über Augenheilkunde in ara- 
bischer Sprache geschaffen, — es ist in zwei lateinischen Uebersetzungen 
auf unsre Tage gekommen, — einen Neffen und Nachfolger Hubais besaß, 
der ein Werk »Bekanntmachung der Augenkrankheiten« verfasst und mit 
Abbildungen sowohl des Auges, als auch einiger Augenkrank- 
heiten, wie des großen Flügelfells und des Hornhautfells, geschmückt hat. 
Dieses letztgenannte Werk ist uns nicht erhalten. Es ist durch die Werke 
der Special-Augenärzte verdrängt worden, die etwa 100 Jahre später ver- 
fasst worden sind und die Oberhand gewonnen haben. 

Die Abbildungen des Auges sind sehr bemerkenswerlh. Es sind die 
ältesten aus ärztlichen Schriften, von denen wir Kunde haben. Es ist 
also ein Irrlhum von L. Leclerc, dem berühmten Verf. einer Geschichte 
der arabischen Heilkunde (aus dem Jahre 1876), dass Andalusien die Wiege 
der illustrirten Lehrbücher bei den Arabern gewesen. 

Allerdings pflegten die in Andalus, d. h, in Spanien, lebenden Araber 
ihre ärztlichen Schriften zu illustriren. Ich besitze die photographische 
Wiedergabe einer alten, in der Escorial-Bibliotbek aufbewahrten Handschrift, 
welche die Augenheilkunde eines ungenannten Verfassers enthält: und einem 
Arzt und Gelehrten (Abu 'Abdallah) aus Guadalajara i) in Kastilien, der bis 
1070 u. Z. lebte, gewidmet ist. (Vgl. § 271, 13.) Sie enthält ziemlich rohe 
Zeichnungen von Star-Nadeln und andren Instrumenten. Bekannter sind 
die Abbildungen der augenärztlichen Instrumente in der Chirurgie des 
Abulqäsim, der etwa um 1013 u. Z. hochbetagt zu Cordoba gestorben ist: 
die Figuren der arabischen Handschriften sind ziemlich roh und nicht 
genau übereinstimmend in den verschiedenen Exemplaren ; sie sind sowohl 
in die mittelalterlich-lateinische Uebersetzung des Gerard von Cremona, die 
1i97 gedruckt worden, als auch in die arabische Ausgabe (Ihanning's vom 
Jahre 1 778 und in die französische Uebersetzung von Leclerc aus dem 
Jahre 1861 übergegangen, von dem letzteren aber, wie mir scheint, ver- 
schönert worden. 



1) Die richtige Deutung dieses Namens verdanke ich Herrn Hartwig Deren- 
BOURG, Membre de llnstitut, zu Paris. (Vgl. XIII, S. 6j Anm. 2.) 



Die Abbildung in der Augenheilkunde. 73 

Saläh AD-DiN aus Hama in Syrien hat sein um 1296 u. Z. verfasstes 
umfangreiches Handbuch der Augenheilkunde, das er als »Licht der Augen« 
bezeichnet, mit der Abbildung eines Kreuzschnitts vom Augapfel, mit ver- 
schiedenen optischen Figuren und mit Darstellungen der Instrumente ge- 
schmückt, unter denen besonders die der IIohl-Nadel zum Aussaugen des 
weichen Stars unsre Aufmerksamkeit verdient. Um das Jahr 1256 u. Z. 
schrieb Halifa aus Aleppo in Syrien sein ausgezeichnetes Werk »vom 
Genügenden in der Augenheilkunde«. Dasselbe enthält eine große schema- 
tische Figur, welche den Durchschnitt des Gehirns, der Sehnerven-Kreuzung 
und der beiden Augäpfel darstellt; und eine zweite, welche nicht weniger 
als 36 Instrumente zur Augen-Operation umfasst. (Vgl. XIII, S. 151, 15i, 
198,205.) 

Eine Darstellung des Star-Stichs am Lebenden haben die Araber 
begreiflicherweise uns nicht hinterlassen. Aus religiösen Grundsätzen 
scheuten sie die Abbildung lebender AVesen. Die schiitischen Perser waren 
frei von diesen Bedenken. Aber das einzige neupersische Werk über 
Augenheilkunde, von Zaruix-dast, d. h. Goldhand, aus dem Jahre 1088 u. Z., 
enthält zwar ein besondres Buch über Augen-Chirurgie, jedoch keine Ab- 
bildungen. Auch der Christ Salomo aus Toledo (Alkoati, 1159), überliefert 
uns in seinem liber de oculis, der ursprünglich in arabischer^) Sprache 
verfasst, aber in der lateinischen Uebersetzung erhalten ist, nicht die Ab- 
bildung des Star-Stichs, sondern nur die einer Star-Nadel, noch dazu 
einer unbrauchbaren. Die Abbildung des Auges, die Alkoati uns prah- 
lerisch verheißt, fehlt in der einzigen vollständigen Handschrift der 
lateinischen Übersetzung, die auf unsere Tage gekommen. (Vielleicht ist 
sie in der flüchtigen Federzeichnung erhalten, die auf dem Rande 
von Blatt 217 des Leipziger Codex 1183 aus dem 15. Jahrhundert sich 
findet und die von K. Sudhoff in seinen vortrefflichen »Studien z. Gesch. 
d. Medizin«, 1, S. 23, 1907«, veröffentlicht ist, »als Beweis, dass auch un- 
abhängig von der arabischen Tradition ein Augapfel-Längsschnitt sich durch 
das abendländische Mittelalter fortgeerbt haben muss«. Mir scheint diese 
Figur zu dem Beweis dieser Annahm(^ nicht zu genügen. Denn ich finde, 
dass die Legende der Figur mit dem Text von Alkoati ganz ge- 
nau übereinstimmt. Vgl. m. Bemerkung im Arch. f. G. d. Med. I, 3 u. 4.) 

Das christliche europäische Mittelalter ist fast ganz unfruchtbar auf 
dem Gebiet der Augenheilkunde, auch das 16. und 17. Jahrhundert noch 
recht dürftig. 

»Eine Star-Operation vom Jahre 1352« (nach dem Manuscript 13076 
der Bibliothek zu Brüssel) hat P. Pansier 1908 (Collect, ophth. vet. 



1) Das 5. Buch habe ich im Urtext gefunden, Cod. Escor. N. S94, BI. 87 v. 
bis ö6 v. 



74 



XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 



autorum, fasc. VI) abgebildet: ein stehender Mann hält mit der rechten 
ein nadelfürmiges Werkzeug in der Nähe des linken Auges eines sitzen- 
den Mannes, dessen Kinn er mit der linken umfasst. Eine Star-Opera- 
tion ist also nicht dargestellt. Schon richtiger ist die Sachlage in der 
neuen Ausgabe des betreffenden Textes (Chronique et annales de Gilles Le 
MursiT, Paris 1905, par II. Lemaitre) beschrieben: »Die Miniatur stellt 
einerseits die Operation dar, andrerseits den Arzt, der die Heilung ver- 
kündigt.« (Brief von Prof. Pirenne aus Gent an Prof. van Duyse, von 
letzterem mir gütigst mitgetheilt.) Es ist eben (nach meiner Ansicht) der 
Schluss-Akt des Starstichs, das Herausziehen der Nadel. (Fig. 3.) 



Fig. 3. 




Im Beginn der Neuzeit hat G. Bartisch (§ 320) seinen 1583 ge- 
druckten Augendienst mit zahlreichen, selbst gefertigten Abbildungen 
versehen, von denen wir ja einige Proben wiedergegeben haben. So sehen 
wir aus seiner Abbildung des Star-Stichs (S. 63), dass er den Einstich in 
die Lederhaut etwa 3 mm schläfenwärts vom Hornhautrand verrichtet. 
Uebrigens enthält die Haupt-Figur (S. 62) einen merkwürdigen Fehler, da 
die zweite Hand des Operateurs nicht, wie es nach seiner eignen Be- 
schreibung sein sollte, das operierte Auge festhält, sondern oberhalb des 
andren Auges sich befindet. 

Hundert Jahre später, nämlich 1686, ist eine Neu-Ausgabe des Werkes 



Die Abbildung in der Augenheilkunde. 



75 



von Bartisch gedruckt worden. Angeblich sollten die Kupfertafeln darin 
besser sein, als in der ersten Ausgabe. Aber ich finde nur die Trachten 

Fig. 4. 




für die damalige Zeit modernisiert, sonst ist alles ebenso, auch jener 
Fehler des Star-Stichs. (Vgl. Fig. 4.) 



76 XXIII. Hirschberg. Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Auch auf dem 2. Titelblatt der Chirurgie von Guillemeaü^' (§ 319), 
mit der Jahreszahl 1595, vor der Darstellung der Augenkrankheiten, findet 
sich eine dürftige Abbildung des Star-Stichs mit dem gleichen Fehler: der 
Wundarzt, welcher mit seiner rechten Hand die Nadel in das linke Auge 
des Kranken hineinsticht, hat es verabsäumt, die Lider von dem zu operi- 
renden Auge abzuziehen, Uisst vielmehr seine linke Hand auf der linken 
Kopfseite des Kranken ruhig aufliegen. (Fig. 5.) 

Fig. 5. 




Hingegen ist die in allen Texten, seit den Griechen und Arabern, 
mitgetheilte Forderung, während der Operation das andre Auge, zur Ruhe- 
stellung, verbunden zu halten, auf diesem Bilde richtig dargestellt. 

Ein künstlerisch weit vollkommeneres Bild des Star-Stichs finden wir 
in der holländischen Uebersetzung von Guillemeaü's Augenkrankheiten, die 
Joo. Verbrugge (Amsterdam 1678, 8°) verüffenllicht hat. Der Wundarzt 
steht vor dem sitzenden Kranken, er sticht mit seiner Linken die Nadel 



i) Vgl. R. Greeff, Rembrandt"s Darstellung der Tobias -Heilung 1907, S. 25 
und 26. 



Die Abbildung in der Augenheilkunde. 



77 



in das rechte Auge und scheint mit seiner Linken wenigstens das Oberlid 

emporzuziehen. (Fig. G.) 

An einem niedrigen Tische streicht ein jugendlicher Gehilfe das Pflaster 

zum Augenverbande; auf dem Tischtuch steht der Titel des Werkes: 113 

Gebreeken en Genesinge der Oogen. Durch die offene Thür sieht man 

auf der Straße einen Blinden, der sich an einer Leine von seinem Hunde 

führen lässt. 

Fi?, i'i. 




Beiläufig will ich hier erwähnen, däss Prof. Richard Gkeeff') vor Kurzem 
in dem Bilde Rembrandt's, das in dem Schloss des Herzogs von Arenberg zu 



1) Rembrandt"s Darstellungen der Tobias-Heilung, nebst Beiträgen zur Gesch. 
des Star-Stichs. Eine kulturhistorische Studie von Prof. Dr. Richard Greeff, mit 
14 Taf. und 9 Text- Abbildungen, Stuttgart 1907, — eine liebenswürdige Gabe des 
^iunstliebenden Vfs. 



78 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Brüssel sich befindet und als »Heilung des Tobias von der Blindheit« bezeichnet 
wird, »die übeiTaschende Entdeckung gemacht, dass es sich um die ganz rea- 
listische Darstellung einer alten Star-Operation handelt«. Mit großer Sorgfalt 
wird geschildert, wie »der Künstler in richtiger Empfindung den Moment ge- 
wählt, wo der Star schon eben nach unten gedrückt ist, und das Innere des 
Auges schon wieder den ersten Lichtstrahl empfängt«. Denn der Stiel der 
Nadel ist um etwa 45 Grad gehoben. Auf den »Star« kam Renibrandt durch 
Luther's Uebersetzungsfehler '), der auch in die holländische Bibel übergegangen ist. 

»Augen-Operationen sind in der darstellenden Kunst so selten.« Ich glaube, 
weil sie eben nicht malerisch sind, ja überhaupt wenig und das nicht ein- 
mal bestimmt zeigen, so dass verschiedene Auffassungen möglich sind, nicht blos 
über Chodwiecki' Zeichnung von WenzeIs Star- Operation, welche Claude Du 
Bois-Reymonü am 17. Jan. 1907 in der Berliner ophth. Gesellschaft vorgewiesen 
und Prof. Greeff abgebildet hat und die wir später, bei der Besprechung des 
Baron v. Wenzel, noch repi'oduciren werden. (§ 440.) 

Ich gebe gern zu, dass das herrliche Bild von Rembrandt den Star-Stich 
darstellen soll, und zwar operirt der hinter dem kranken Tobias stehende Wund- 
arzt mit der rechten Hand das rechte Auge; aber auch hier sind die Lider 
nicht gehörig vom Augapfel abgezogen. 

Uebrigens hat G. Albertotti schon 1897 an dem Rembrandt'schen Tobias- 
Bilde zu Modena die gleiche Entdeckung, wie Greeff an dem zu Brüssel ge- 
macht und später ausführlich über die künstlerischen Darstellungen der Tobias- 
Sage (vor, wähi'end und nach der Operation) gehandelt. (l. Annali di Ottal- 
mologia 1897. 2. L'episodo biblico del riveggente Tobia nella scienza e nell' 
arte, XIX. Congresso dell' Associazione oftalm. Ital., Parma, Oct. 1907.) 

Die trefflichen und originalen Lehrbücher von MaItre Jan und von 
St. Yves aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts (1706, bezw. 1722) sind 
ganz ohne Abbildungen. Dagegen hat unser Landsmann L. Heister 
nicht blos seine berühmte Abhandlung vom Star (1713), sondern auch die 
genaue Darstellung der Augenheilkunde in seiner Chirurgie (von 1719 an) 
mit zahlreichen, wenn gleich etwas rohen Abbildungen sowohl der Augen- 
krankheiten, als auch der Augen-Instrumente und Operationen ausgestattet, 
auch des Star-Stichs. In der erstgenannten Abhandlung vom Jahre 1713 ist 
zum ersten Mal das nothwendige Abziehen der Lider richtig angedeutet. 
(S. Fig. 7.) Aber das Format der Abbildung ist klein. 

In natürlicher Grüße und ganz getreu ist der Star-Stich abgebildet in 
der Dissertation »De Suffusionis natura et curatione quam praeside J. Godofr. 
GüNTz defendet J. Phil. Schnitzlein, Pappenheimiensis, Lipsiae 26. Junii 
1750«. Hier erkennt man ganz genau die Fingerhaltung sowohl der ope- 
rirenden Hand als auch den anderen, welche die Lider offen und das Auge 
festhält, und die Stelle des Einstichs. Unsre Taf. I ist die getreue Wieder- 
gabe dieser Figur. 

Als der Star-Schnitt von Daviel entdeckt und beschrieben wurde, 
hat dieser in der Abbildung nur das Auge, die Instrumente und die ope- 



1) Es heißt ja xä >.£u-/.u)[j.oi-c/. im Buch Tobias. Vgl. unsren Bd. XII, S. 308. 



Graefe-Saemisch, Handhucli, 2. Aufl., II. Teil, XIV. Band, XXIII. I 




Verlao- von WilhelrJ 



Tafel I 

Zu Seite 7S 




^elmann in Leipzig. 



Die Abbildung in der Augenheilkunde. 



79 



rirende Hand abgebildet (XIII, Taf. V, S. 490), 



aber in einem genügend 
Doch sind in moder- 
nen Werken, z. B. in Haab's Atlas der Operations -Lehre, 1904, und in 



großen Format. Dies blieb weiterhin maßgebend 



Fis. 7. 




Terrien's Chir. de l'oeil, 1902, bei der Star-Operation, wieder Bilder des 
ganzen Kopfes, an dem operirt wird, zu finden. Die Photographie 
wird heutzutage auch zu Hilfe genommen. 

Nachdem J. P. Rathlauw, Chirurg zu Amsterdam, in seinem Traite 
de la Cataracte, A. 1751, eine Tafel mit farbigen Abbildungen von neun 



80 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Star-Formen und von der Chemosis verüCfenllicht, nachdem der irrende 
Ritter Taylor 1 TG6 seine mehr prahlerische als lehrreiche Nova Icono- 
graphia ophthalmica mit 231 Figuren der Welt geschenkt; stoßen wir 
im Jahre 1792 auf das erste Lehrbuch der Augenkrankheiten, 
welches mit einer größeren Anzahl von Bildern der krankhaften Zu- 
stände ausgestattet worden: es ist die Lehre von den Augenkrankheiten 
von Joseph G. Beer, Wien 1792, in zwei Bänden. Aber diese Bilder sind sehr 
schlecht getuscht, — vielleicht ohne Schuld des Verfassers, der ja auch auf 
diesem Gebiet ein großer Künstler gewesen! Vorzüglich sind die farbigen 
Abbildungen in seiner klassischen »Lehre von den Augenkr.«, Wien 1813 
bis 1817, IL B.: hier haben wir wohl zum ersten Male in der Ge- 
schichte unseres Faches Bilder von Augenkrankheiten, deren 
Deutung von der damaligen Beschreibung unabhängig ist, wie die 
eines Natur-Gegenstandes, der in einem Museum aufbewahrt wird, und noch 
heute von jedem Sachkundigen mit Erfolg unternommen werden kann. Einige 
gute Darstellungen von Augenkrankheiten enthält auch »the morbid anatomy 
of the human eye by James Wardrop, London 1808«. (See. ed. 1834.) 

Heutzutage ist fast jedes Lehr- und Handbuch der -.Vugen- 
heilkunde mit Bildern versehen. Wenn wir von den anatomischen, 
ophthalmoskopischen und operativen Schriften absehen, die wir ja noch 
später anzuführen haben, so kommen für das 19. und den Anfang des 
20. Jahrhunderts noch hauptsächlich die folgenden Bildwerke in Betracht: 

1 . Von Ammox, Klinische Darstellung der Krankheilen und Bildungsfehler 
des mensch). Auges. (4 Lief., Berlin 1838 — 1847.) 

2. K. H. Wkller, Icones ophthalmologicae s. selecla circa niorbos ocuii 
humani. Fase. I (unic.) Lips. 1825. 

3. Iconographie ophthalmologique ou description avec figures coloriees, des 
maladies de l'organe de la vue, comprenant l'anatomie path., la pathologie et 
la therapie medico-chir., par J. Sichel. Vol. I, Texte, Paris 18ü2 — 1809 (Fol. 
823 S.), Vol. II, Atlas, LXXX Planches. Die echt künstlerische Ausführung 
dieser farbigen Bilder ist nie wieder erreicht, geschweige denn übertroffen 
worden. Der Maler war Emil Beau. 

i, C. RuETE, Bildl. Darstellung der Krankh. des nicnschl. Auges. Leipzig 
1854—1860. 

5. Gelpi, Tratado iconografico de las enfermedades externas del organo 
de la Vision. Barcelona. (Farbige Original-Zeichnungen des Verf. aus der Klinik 
von Schüler, von Panas u. a.) 

6. Atlas der äußeren Erkrankungen des Auges nebst Grundriss ihrer Patho- 
logie und Therapie, mit 7G farbigen und G schwarzen Abbildungen von Prof. 
Dr. 0. Haab in Zürich. München 1899. (2. Aufl. 1901, 3. Aufl. 1906.) 

7. Atlas of the external diseases of the eye, 4 8 Plates with descriptive 
text, by A. Maitland Ramsay, Prof. of ophth., Glasgow. Glasgow 1898, 4". 

8. Stereoskopischer Atlas von Prof. Neisser: Ophthalmologie, von 
Prof. Uhthoff. 

9. Iconographie stereosc. oculaire par le Dr. A. Monthus, Paris I 908. (25Tafeln.) 



Die Abbildung augenärztlicher Instrumente. gl 

Zusatz. 

Die Abbildungen augonärztlicher Instrumente sind stets von der 
größten Wichtigkeit für die Praxis geworden. Sie finden sich, von der ara- 
bischen Zeit an, in zahlreichen Lehrbüchern der Augenheilkunde, wie bereits 
erwähnt, und auch in solchen der Chirurgie, von Abllqäsim und Ambroise Par^ an. 

Es giebt einige ältere Werke über die chirurgischen Instrumente, in 
denen auch die äugen ärztlichen abgebildet und beschrieben sind. 

Am berühmtesten war das erste von Jon. Scultetus: yzipa.Tzobr^v.r^ vel 
Armamentarium chirurgicum, XLIII Tabulis aeiü incisis exornatum, Ulm 1653 
(ibl.), 1655, Haag 1658 (8°), Venet. 1658 (8"], (K)65), Francofurt. 1666, 
Amstelod. 1663, 1669, 1672 (8"), Leidae 1741 (8°j, cura J. Chr. Sproegel. 
Französisch Lyon 1675, 1712, deutsch Frankfurt 1666, 1679, holländisch 
Dortrecht 1657, 1670, Leiden 1748. 

(Johann Schultes [1595 — 1645], aus Ulm, Schüler von Fabricius ab 
Aquapendente und Adriaan Spiegel zu Padua, prakticirte zu Padua und zu 
Venedig und wurde dann Stadtarzt zu Ulm. Sein Lebenswerk wurde nach 
seinem Tode von seinem gleichnamigen Neffen herausgegeben. Vgl. Biograph. 
Lexikon V, 2 98.) 

Jean Jaques Perret, l'art du Coutelier expert en Instruments de Chirurgie, 
Paris 1772, mit 122 großen Kupfertafeln und vorzüglichen Abbildungen. 

J. Alex. Brambilla, Instrumentarium chirurgicum militare austriacum, 
Viennae 1782, fol. 

JisTus Arxemann, Uebersicht der berühmtesten und gebräuchlichsten chirui- 
gischen Instrumente älterer und neuerer Zeit, Göttingen 1796. 8°. (276 S.) 

J. Leo, Instrumentarium chirurgicum, Berlin 1824. 

F. A. Ott, Lithographische Abbildung nebst Besclu-eibung der vorzüg- 
licheren älteren und neueren chirurgischen Werkzeug und Verbände, München 
1829. 

Fr. Ph. Ritterich, Die Lehre von den blutigen Augen-Operationen. Leipzig 
und Heidelberg 1859. (Giebt vorzügliche Abbildungen der um die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts gebräuchlichen Augen-Operationen und der dazu gehörigen 
Instrumente.) 

Ein neueres Werk von der Art, wie das von Ott, ist von Dr. F. Ravoth 
in Berlin, die wichtigsten chirm-gischen Instrumente, Leipzig 1869. (Enthält auch 
die Instrumente, die A. v. Gr.vefe in seiner ersten Zeit verwendet hat. — Die der 
österreichischen Schule findet man bei Pilz, Compend. d. operativen Augenheilk., 
Prag 1860.) Die heutzutage gebräuchlichen Augen -Instrumente sind in den 
(§ 3 81, Zusatz) genannten neueren Werken über Augen-Operationen dargestellt. 

§ 376. Louis Florentin Dehais-Gendron (28), 
Neffe des berühmten Wundarztes Claude Dehais-G. (1663 — 1750), des 
Verfassers von Recherches sur la natura et la guerison du Cancer 
(Paris 1700), worin als einziges Heilmittel die Ausrottung, als Beruhigungs- 
mittel Belladonna empfohlen wurden, studirte^) in Montpellier und ließ 
sich in Paris nieder, wo er von 1762 ab an der Ecole de Chirurgie 
die Stelle eines Professors und Demonstrators der Augenheilkunde 



1) Biogr. Lexikon, II, S. 520. 

Handbucli der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. 



82 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

bekleidete. Es ist wohl zum ersten Mal in der Neuzeit, dass 
dieses Amt und dieser Titel erscheint. 

Dieser Lehrthätigkeit von Dehais-Gendron verdanken wir sein Lehr- 
buch über Augenheilkunde. Seit dem Erscheinen der 2. Auflage des 
Traite von Maitre-Jan und dem des Nouveau Traite von St. Yves (1722) 
war fast ein halbes Jahrhundert vergangen, voll der merkwürdigsten Ent- 
deckungen, wie der Pupillen-Bildung und der Star-Ausziehung, aber ganz 
ohne neue französische Lehrbücher der gesamten Augenheilkunde, da das 
verheißene und sehnsüchtig erwartete von Daviel das Licht der Welt nicht 
erblickt hat. Somit genügte das Buch von Deqais-Gendron einem wirk- 
lichen Bedürfniss und galt auch am Anfang des XIX. Jahrb. noch nicht 
für veraltet. 

Sein Titel lautet: Traite des maladies des yeux et des moyens et 
Operations propres ä leur guerison. Par Louis Florent. Dehais Gendron, 
Prof. und Demonstr. Ro\'al pour les maladies des yeux aux Ecoles de 
Chir. et Adjoint de rAcad<§mie 11. de Chirurgie, Paris, 1 770. (2 Bände, 
389 und 438 S.) 

In der Vorrede erklärt der Verf, dass er einen Leitfaden für seine Schüler 
geschrieben, aus Alten und Neuen geschöpft und das beste gewählt, auf 
eigne 40jährige Praxis und auf die Lehren seines Oheims sich gestützt. 
Somit beginnt er mit einer Einleitung über Anatomie und Physiologie. 
Bei Haarkrankheit bedient er sich einer Art von Guillotine zur Abtragung 
des Haarbodens. Bei Thränensackleiden bevorzugt er das Verfahren von 
Petit. Bei Augen-Entzündung will er reines warmes Wasser den erweichen- 
den Mitteln vorziehen. Bei Verwundung des Auges träufelt er warmes 
Taubenblut ein ^). Bei Staphylom ist die Behandlung mit Compression 
schädlich. Vordere Verwachsung der Regenbogenhaut löst er durch Licht- 
wechsel! lieber Glaukom hat er unsichere Ansichten. Beim Star bevor- 
zugt er die Ausziehung und schildert deren Entwicklung von Daviel ab. 
Er benutzt Daviel's spitzige Lanze und erweitert den Schnitt nur durch 
die abgestumpften Lanzen. Den Schluss macht eine für die damalige Zeit 
ganz leidliche Abhandlung über die Brillen. 

Wie haben seine nächsten Zeitgenossen über das Werk geurtheilt? 
Haller, bibl. chir. II, 464, 1775, giebt nur eine kurze Uebersicht des 
Haupt-Inhalts. Adg. Gottlieb Richter (chir. Bibl. I, 4, S. 122—131, 1771) 
erklärt das Buch für »eine auf französische Manier, d. h. sehr flüchtig, ver- 
fertigte Compilation: Unbekümmert um alles, was etwa Ausländer denken und 
schreiben, liefert er nur das, was jetzt in Frankreich gangbar ist. Eigne 



1) Das ist ja alt genug! Vgl. unsern § 277, S. 130. 

Ferner Galen, Von d. einf. Heümitteln X, c. 3 (Bd. XII, S. 256) sowie die 
Augenheilk. des 'Ali b. Isä, S. 146. 



Dehais-Gendron. Pierre Guerin. 83 

Erfahrungen kommen selten vor.« Beer (Repert. I, S. 18 — 22, 1799) schließt 
sich dem vorigen an. Beide tadeln die Rückenlage bei der Star-Operation, 
die der Vf. übrigens erst nach Ausführung des Star-Schnitts einleitet. 

Richter und Beer wollten aus dem Buche Neues lernen und waren 
nicht befriedigt. Der Geschichtschreiber von heute ist es mehr, da das 
Lehrbuch damals seinem Zweck entsprach. 

§ 377. Pierre Gü£rin (29). 

Bereits ein Jahr vor dem eben beschriebenen Lehrbuch erschien ein 
andres: 

Traite sur les maladies des yeux dans lequel l'Auteur apües avoir 
expose les differentes methodes de faire l'operation de la Cataracte pro- 
pose un instrument nouveau qui lixe l'oeil tout a la fois et opere la section 
de la cornee, par M. P. Guerin, Gradue, de l'Acad. R. des Sciences de 
Montpellier, ancien Chirurgien en Chef du Grand Hotel-Dieu de Lyon & 
Demonstr. des Operations au College de Chir. de la meme ville. A Lyon 
1769, 8". (445 S. Deutsch, Frankfurt und Leipzig, 1773, 8", 468 S.) 

Pierre GufiuiN (1740 — 1827), Wundarzt zu Lyon und Demonstrator 
der Chirurgie, soll ein tüchtiger Augenarzt gewesen sein, war aber ein 
nur mäßig begabter, leichtgläubiger Schriftsteller. 

S. 7 erzählt er: »Die Tyrannen ließen den Verbrechern die Lider ab- 
schneiden. Die Unglücklichen, überwältigt von Müdigkeit, konnten nicht schlafen. 
Der Entdecker des Thee's, ein Chinese, ließ sich diese Operation machen, um 
besser über seine Schätze wachen zu können.« (Doch können wir Herrn P. G. 
verzeihen, wenn wh' berücksichtigen, dass der so hochgelehrte A. v. Haller 
folgendes [nach Kaempfer, Amoen. exot. p. 609] erzählt: (Apud^)) Chinenses aut 
Japonenses sanctum virum, nomine Darma, cum omnia frustra tentasset, resectis 
demum palpebris elfecisse legimus, ne somnus obrepens sublimes meditationes 
turbaret. [Elem. phjsiol. V, 315, 1758.] — Mir wurde in Japan diese Ge- 
schichte einfacher und natürlicher ei"zählt: Vor 1000 Jahren habe ein Priester 
den Thee nach Japan eingeführt, um durch Thee-Trinken bei dem nächt- 
lichen Studium seine Lider offen zu halten.) 

Guerin's Buch ist eine taube Nuss. Die ganze Darstellung der 
Augenkrankheiten nach anatomischer Anordnung bildet nur die Schale für 
den Kern, den der Verfasser als seine eigenste Erfindung preist, den 
aber schon seine nächsten Zeitgenossen 2) verworfen und als Spiel werk 
bezeichnet haben, wir nur für eine Verirrung halten können, — ich 
meine den Star- Schnepper , der einigermaßen dem Aderlass-Schnepper 
gleicht und nach dem Ansetzen an das Auge durch Federwirkung den 
Hornhaut-Schnitt vollenden soll, (Vgl. XIII, S. 518. Zur Abtragung des 



1) Dies Wort fehlt, scheint mir aber unentbehrhch. 

2) Richter, Chir. Bibl. I, 2, 114, II, 4, 148, VIU, 690; Beer, Repert. I, 18. 

6* 



84 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Staphyloms hat sich übrigens der Schnepper bis zur Mitte des 19. Jahr- 
hunderts erhalten. Vgl. Ritterich, die blutigen Augen-Operationen, 1859, 
Taf. 1 7, Fig. 3.) 

Haller (bibl. chir. II, 551) findet die Ordnung von GuiSrin's Buch nicht 
gut. Richter (chir. Bibl. I, 2, S. 107 — 114) erklärt dasselbe für eine Com- 
pilation, der es oft an Ordnung, Vollständigkeit und Gründlichkeit fehlt. 
Beer (Rep. I, 16 — 19) schUeßt sich Richter an, wie gewöhnlich. 

Nichtsdestoweniger finden sich doch einzelne nützliche Bemerkungen. 
GüERiN ist gegen die »Oculisten«, nach deren Star-Operation er sogar den 
Tod eintreten sah! Er will gute allgemeine Chirurgen für dies Fach, wie 
GuiLLEMEAu und Antoine gewesen. Jetzt werde es besser: »Petit, Le Cat, 
MßJAN, Laforeste, Louis, Bordenave, La Fate, Dayiel, Pouteau und viele 
andre wirken segensreich«. 

Seine Anatomie des Auges ist oberflächlich, er lobt hier Zinn und Le 
Cat. Die Ophthalmie beschreibt er noch nach den Alten. Als Allheilmittel 
empfiehlt er das GouLARü'sche Wasser (§ 370). Den rothen Präcipitat lobt 
er als gutes Mittel gegen die Flecken der Hornhaut. Das Trachom kennt 
er nur von Hören-Sagen, hat aber die schönen Namen »dasytes, fycosis, 
thylosis«. Ueberhaupt bringt er viel aus dem Alten, wohl durch die Ver- 
mittlung GuiLLEMEAü's. 

Die Star-Operation kann man immer unternehmen, wenn nicht eine 
Complication dabei ist. Er erwähnt sogar, dass Mangel der Licht- 
Empfindung der widernatürlichen Größe des Stars, seiner Verwachsung 
mit der Regenbogenhaut und der Verdunklung der Kapsel zuzuschreiben 
sei, und dass man in allen diesen Fällen die Operation dreist unternehmen 
könne! 

§378. Jean Janin (30, 1731—1799). 

Im Biogr. Lexikon (III, S. 38 4, 1886) fehlt die Haupt- Quelle: filoge de 
Jean Janin de Combe-BIanche, par Pointe, Lyon 1825, 8° (22 S.), die benutzt 
ist in Histoire de l'ophth. ä Montpellier (Trug & Pansier), 1907, S. 232 — 240. 

Jean Janin steht thurmhoch über seinen beiden Vorgängern. Geboren 
in Garcassonne, begann er seine Studien im Hospital seiner Vaterstadt, ging 
dann nach Montpellier, wo er sich besonders mit Augenheilkunde be- 
schäftigte, und ließ sich zuerst als Arzt zu Calmette bei Nimes nieder. Er- 
muthigt durch einige glückliche Erfolge, zog er 1757 nach Avignon und 
machte von hier aus die üblichen Geschäftsreisen, operirte mit Erfolg 
in Marseille, Lyon, sogar in Montpellier, gab jedoch 1761 den Süden auf, 
wohl wegen Pamard's Wettbewerb, und ließ sich in Lyon nieder, wo er 
Stadt-Augenarzt (Oculiste de ville)^* und Vorsitzender des wundärzthchen 



-1) Diesen Titel haben wir bisher noch nicht angetroffen, — wohl den eines 
Stadt- Wundarztes, Stadtarztes u. dgl. 



Janin. §5 

Collegs wurde und mehrere hervorragende Persönlichkeiten operirte, so 
den Cardinal von Rohan und 1777 den Herzog von Modena, der ihm einen 
lebenslänglichen Jahresgehalt von 2400 Francs gewährte, während die 
Universität zu Modena ihn zum Professor ernannte. Im Jahre 1787 wurde 
er geadelt und starb 1799. 

Bei diesen Erfolgen hätte man nun eine vornehme Lebensführung von 
Jamn erwarten sollen. Aber in seiner Brust wohnten zwei Seelen, die 
eines gelehrten Künstlers und die eines Charlatan. Sowie er nach Avignon 
zieht, lässt er durch den Courrier d'A. (vom 31. Aug. 175G) die folgende 
Reklame verbreiten: 

M. Jamx, medecin oculiste, anime de zele pour secourir les malades, vient 
de rendre la vue ä douze pauvi'es de rAumüne generale de cette ville, dont 
les uns avaient la Cataracta et les autres des taches qui les privaient nombre 
d'annees de voir les objets les plus distincts ; et ces guerisons ont ete operees 
par la vertu d'un Eau specifique de son invention qui fait l'admiration des 
connaisseurs. Cette heureuse decouverte, reservee au soins et aux veilles de 
M. Janix, lui fera honneiu* dans la posterite . . . (Gleichzeitig erbietet er sich, 
die Epilepsie brieflich zu heilen.) 

In demselben Blatt (v. 25. Oct. 1757) empfiehlt er sein specifisches Augen- 
wasser, welches den Star schmilzt, ganz »uneigennützig«, die Flasche zu 
6 Franken, und gleichzeitig Pillen, welche den Wahnsinn heilen. (Par la vertu 
de son Eau specifique, en fondant la cataracte et donnant la vue ä ceux qui 
avaient le malheur d'en etre prives depuis nombre (d'annees). . .) 

In demselben Blatt (vom 11. Jan. 1760) lässt er aus Montpellier melden, 
dass er die Ausführung der Star- Operation zum Gipfel der Vollendung ge- 
bracht. 

Von seinen Schriften, sind außer Arbeiten zur Hygiene, z. B. zur Be- 
kämpfung der schädlichen Boden -Ausdünstungen, die folgenden augenärzt- 
lichen zu erwähnen: 

1 . Observation sur une fistule laci'imale occasionnee par un coup de feu 
. . . Lyon 1765. 8^ 

2. Observ. sur plusieurs maladies de l'ffiil, Lyon 1768. 

3. Journ. de medecine, B. XXXIV, über Ausziebung eines niedergedrückten 
und später in die Vorderkammer vorgefallenen Stares. 

4. In demselben Journ., vom Jahre 1773, über eine mittelst der Elek- 
tricität geheilte Ei'blindung. 

5. Memoires et observations anatomiques, physiologiques et physiques sur 
l'ceil et les maladies qui affectent cet organe, avec un precis des opex-ations 
. . . Lyon & Paris 1772. (Dies sein Hauptwerk ist auch von Dr. C. G. Selle 
in's Deutsche übertragen worden, Berlin 1776; zweite Aufl. 1788, 416 S.) 

Mehrere andre Traktate, z. B. vom Gesicht, vom Bau der Krystall-Linse, 
hat J. noch versprochen, aber wohl nicht geliefert. 

Das Bepertorium augenärztlicher Heilformeln von Cabl Graefe (Berlin 1 8 I 7, 
S. 234) führt 14 Becepte von Janin auf, von denen das berühmteste sein 
Ungent. ophthalmicum sein dürfte. 



86 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Rp. Axung. porci Unc. sem. (= 15,0). 

Mercur. praecip. alb. Drachm, i (= 3,5). 
Tutiae praep. 

Bol. Armen, äa Drachm. ii {=^ 7,0). 
Gegen Blenorrhoe und chronische Augen -Entzündung, gegen HornhauL- 
Flecke und Geschwüre. 

Sein Hauptwerk (5) wird von Haller (bibl. chir. II, S. 509, 1775) als 
ausgezeichnet gerühmt; aber die kurze Inhaltsangabe, die H. hinzufügt, 
beweist, dass er die praktische Brauchbarkeit des Buches nicht vollkommen 
begriffen. Richter (chir. Bibl. II, 1, S. 90 — 134, 1772) lobt es ausneh- 
mend, da es über verschiedene Augenkrankheiten ein ganz neues Licht 
verbreitet, neue Kur-Verfahren vorschlägt und die Lehre von den Augen- 
krankheiten auf eine vorzügliche Art bereichert. Aber in dem ausführ- 
lichen und genauen Auszug, den er daraus liefert, hat er mehreres aus- 
gelassen, was uns besonders wichtig scheint. Beer (Repert. I, 49 — 54, 
1 799) giebt ihm einen ersten Platz und räth jedem Wundarzt, dieses treff- 
liche Werk zu studiren, wendet sich aber gegen einige » excentrische Ideen« 
des Vf's. 

In seiner Vorrede erklärt J., dass er es für nützlicher gehalten, eine 
Sammlung von Beobachtungen und Versuchen über das Werkzeug des 
Gesichts und über die Krankheiten, von denen es befallen wird, zu liefern, 
als einen Traktat über diesen Gegenstand zu schreiben, wo er das schon 
öfters gesagte hätte wiederholen müssen. 

Bei dem Abschnitt vom Bau des Auges und von der Nothwendigkeit 
der Beobachtung wollen wir uns nicht lange aufhalten. 

Die Hornhaut wird von einer Menge grader Kanäle durchbohrt, 
welche den Ueberfluss der wässrigen Feuchtigkeit abführen ; die Ver- 
stopfung der ausführenden Kanäle dieser^Haut veranlasst die Wassersucht 
des Augapfels. Beim Eiter -Auge will er durch Malven-Decoct die 
Poren der Hornhaut erweitern und so die Ausleerung des Eiters befürdern. 
(Dies gehurt nach Beer zu den excentrischen Ideen des Vf's.) 

Im Schlaf ist die Pupille eng, wie J. gesehen und Fontana (Gaz. 
salutaire, 17. Oct. 1767) veröffentlicht hat. 

J. setzt vor das rechte Auge ein rolhes, vor das linke ein blaues 
Glas; wenn er beide Augen offen hält, so ist die Kerzen-Flamme von 
einer hellen Violett-Farbe: das kann er nicht begreifen, obwohl ihm 
Hr. de LA PERRifeRE doch ganz richtig erklärt, dass die Vereinigung der 
beiden Farben in dem Ort der Vereinigung der beiden Sehnerven ge- 
schieht. 

In der Abhandlung von den Thränenwegen behauptet er, dass die 
Thränendrüse nicht ein Dritttheil der Thränen hervorbringt; die ausfüh- 
renden Kanäle der Hornhaut und Bindehaut liefern weit mehr. Die Feuch- 



Janin. 87 

tigkeit der Bindehaut stammt aus der Unzahl ihrer Drüsen. Legt man in 
das Auge eines lebenden Thieres einen Lidsperrer ein und trocknet die 
Hornhaut mit Leinwand ab, so wird man bald eine Menge von kleinen 
Tropfen bemerken, welche aus den Poren dieser Haut kommen. Die wäss- 
rige Feuchtigkeit erneuert sich aus der des Glaskörpers. Die Absondrung 
der Thränen in jedem Auge beträgt in 24 Stunden etwa zwei Unzen 
(= GO gj: man halte ein Weinglas 1/2 Stunde gegen ein Auge, so gewinnt 
man so viel Tropfen, dass sie das Gewicht von 20 — 25 Gran (= 1,25 "•) 
ausmachen. Ein Theil verdunstet, der andre dringt in die einsaugenden 
Thränen wege. 

Die Thränenpunkte ziehen sich bei Berührung mit einer Sonde zu- 
sammen, — wie zuerst St. Yves, dann Winslow gesehen, während andre 
es nicht beobachten konnten. (Beer hat es bestätigt.) Bei jedem BHnzeln 
werden die erweiterten Thränenpunkte vorgeschoben. Fehlt diese Be- 
weglichkeit (durch Narbenbildung im Sphinkter), so entsteht Thränenfluss. 

Im Thränensack verweilen die Thränen einige Zeit^ als ob auch 
dort ein Sphinkter wäre. Der Lidschluss treibt sie aus. Bei der Sektion 
eines Falles von Thränenfistel fand J. den Thränensack bis zur Mitte des 
Nasengangs stark ausgedehnt, mit verdünnten Wandungen, den Nasengang 
in der Mitte durch Faltung verengt, den oberen Theil des Thränensacks mit 
Drüschen besetzt. Vielleicht ist die üble BeschalTenheit der letzteren zu- 
weilen die einzige Ursache der Thränenfistel. Unsre Vorfahren sahen diese 
Krankheit als fressendes Geschwür an, welches in kurzer Zeit Zerstörung 
der benachbarten Knochen nach sich ziehen muss. Ihre Anwendung des 
Glüheisens war ebenso grausam, wie unbegründet. Unter der großen 
Zahl von Thränenfisteln sah J. nur einen Fall von Beinfraß, und dieser 
war durch das Glüheisen veranlasst. Man hat oft Thränenfistel genannt, 
was nur Thränenverhaltung gewesen. Compression und Einspritzung haben 
Heilung bewirkt. Petit verglich die Thränenwege mit einem Heber, Moli- 
isELLi mit Haarröhrchen, J. mit einer Wasserpumpe. (Den Abschnitt 
von den Thränenfisteln hat J. Beer weniger gelobt, weil J. »noch zu sorg- 
sam den Gedanken von der Verstopfung des Nasenganges in seinem Gehirn 
hegte und pflegte«. Nun, uns gefällt er deswegen um so besser.) 

In der Abhandlung von der Linsenkapsel erklärt J. : Die Grund- 
säule unsrer Kenntnisse in der Heilkunst ist eine genaue und durch Kritik 
befruchtete Zergliederung. Die Linsenkapsel ist nicht eine Fortsetzung der 
Haut des Glaskörpers oder der Netzhaut. Die vordere Kapsel ist flacher 
und dicker, als die hintere; beide vereinigen sich durch ihre Ränder, Bei 
einer alten Dame sprang nach dem Star-Schnitt die Linse heraus; sie war 
kugelrund, wie eine Wasserblase, und enthielt gelbliche, schleimige 3Iaterie 
und einen festen, dunklen Krystall. Ein Priester, der seit verschiedenen 
Jahren einen Star auf dem linken Auge hatte, erlebte Versenkung des Stars 



88 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

nach einem Fall; ein 14 jähr. Blindgeborener, den Niemand wegen seiner 
Ungelehrigkeit operiren wollte, stürzte von einem Baum und konnte sehen 
— und studiren mit einer Star-Brille. Natürlich wird man solche Versuche 
nicht wiederholen. Die Kapsel hatte nicht mehr ihre Verwachsung mit der 
Glashaut und den Strahlenfortsätzen gehabt. Die beweglichen Stare müssen 
nach dem Hornhautsehnitt mit einem Zänglein ausgezogen werden. 

Wenn ein 23 jähriger mit angeborenem Star seine Augenachsen gegen 
seine Füße richtete, — nur dann wurde das untere Drittel jeder Pupille 
frei. Hier haftete die Krystall-Haut nur oben noch am Glaskörper. Ope- 
ration erfolgreich. 

Die Ausziehung der zurückgebliebenen Kapsel-Trübung muss sehr 
behutsam geschehen, durch sanfte Bewegungen von rechts nach links u. s. w. 
Zu den Ursachen des Nachstars gehört die zu kleine Oeffnung der Kapsel. 

Folgt die Abhandlung von der Pupillen-Bildung. (Vgl. § 343.) 
Die Iris ist eine Art von Schleuse, die nur grade soviel Licht durchlässt, 
als zum vollkommenen Sehen erfordert wird. Wenn die Pupille nach Star- 
Operation sich verschließt, so ist die getrübte Vorderkapsel mit der Hinter- 
fläche der Iris verwachsen. Aber auch ohne Operation kann diese Kapsel 
sich trüben und mit der Iris verwachsen. Die angeborene Pupillen-Sperre 
durch Bildungsfehler hat J. niemals gesehen. In einem Falle von beider- 
seitiger Pupillen-Sperre nach Star-Ausziehung machte J. 6 Monate nach der 
letzteren Gheselden's Iris-Zerschneidung; aber die Oeffnung schloss sich 
wieder, ebenso in einem Fall von entzündlicher Pupillen-Sperre. In drei 
Fällen 1) von Star-Ausziehung brachte er, da die Kranken sich bewegten, der 
Iris mit der Schere eine Wunde von 2'/2 — 3'" Länge bei. Dies störte nicht 
die Wundheilung oder die Sehkraft. Aber der senkrechte Iris-Spalt blieb 
offen. Er erweiterte sich, wenn die natürliche Pupille, durch Licht-Einfall, 
sich verengerte. Wenn das Auge geschlossen ist und die Pupille sich ver- 
engt ^j, werden durch die Dehnung der strahligen Fasern der Iris die Ränder 
der Wunde gehindert, sich zu vereinigen. Aber der wagerechte Schnitt 
zwischen den strahligen Fasern in der Operation nach Gheselden ist wieder 
verwachsen. Bei einer Kranken, die er mit dem WENZEL'schen Messer 
operirt und mit trockner Gharpie^) verbunden, trat Pupillen-Sperre ein. 
Nach 45 Tagen öffnete er Y;j ^^r Hornhaut mit Wenzel's Messer, hielt 
mit einem Lößdchen mittelst der Linken den Lappen in die Höhe, führte 
eine krumme Schere ein, deren unterer Arm zugespitzt war, stieß die 
Spitze in die Iris 1 '" von ihrem unteren Rand und etwas gegen den großen 



1) Natürlich zu verschiedenen Zeiten. Wir erfahren aber hier, dass er im 
Hötel-Dieu zu Lyon einmal an 12 Personen hintereinander die Star- Operation 
verrichtete. 

2) Im Schlaf! 

3) Beides hält er für das beste. 



Janin. 89 

Winkel zu, richtete die Spitze von unten nach oben, ungefähr i/o" '^^^^^ 
alten Augenstern, und machte einen einzigen Schnitt. Dieser bildete eine 
Pupille von halbmondförmiger Gestalt, deren hohler Theil gegen die Nase 
zu gerichtet war, von '^^j-i'"- VoUkommner Erfolg, seit 4 Jahren beob- 
achtet. Diese künstliche Pupille hat einen festen Durchmesser, da die 
natürUche nicht mehr da ist. Die künstliche Pupille hat sich nicht ge- 
schlossen, da die strahligen Fasern durch die Pupillensperre gespannt ge- 
wesen. Ein zweiter Fall gelang ebenso. Aber bei beginnender Atrophie 
des Augapfels gelingt es nicht! Macht man den Schnitt schläfenwärts von 
der natürlichen Pupille, so tritt Doppeltsehen und Schielen ein i). Wenn 
die Linse gleichzeitig getrübt ist, wird sie sofort mit herausgezogen. Als 
einmal die Pupille zu groß gerathen war und Blendung verursachte, gab 
J. dem Kranken eine muschelförmige Brille aus Pappe mit einem Loch 
von der Grüße der natürlichen Pupille. Wollte man Cheselden's Operation 
auf die angeborene Pupillen-Sperre anwenden, so würde man sicher Ver- 
letzung-Star bewirken; denn so oft man die Krystall-Linse einschneidet, 
tritt Trübung derselben ein. Für den gedachten Fall passe auch nicht sein 
eignes Verfahren: es müsse ein neues erfunden werden, das den Kry- 
stall vor Verletzung bewahrt. 

Von den einfachen und complicirten Staren. Eine 22jährige 
Blindgeborene 2) mit Linsen- und Kapsel-Star konnte nur durch Geld zur 
Operation bewogen werden. Anfangs erkannte sie keinen Gegenstand mit 
dem neu gewonnenen Seh-Sinn. — Als ein knochenharter Star nach dem 
llornhautschnitt durchaus nicht durch die Pupille treten wollte, machte J. 
einen Einschnitt in den unteren Theil der Iris und holte den Star mit dem 
Löffel. Eine Dame, die früher nur bis 21/2" Entfernung hatte lesen können, 
wurde im 70. .Jahre starblind und konnte nach der Operation nur in lo 
bis 1 6" Entfernung lesen. Die Kurzsichtigkeit war von zu großer Aus- 
dehnung der gläsernen Feuchtigkeit bedingt gewesen. Nach der Operation des 
zweiten Auges bestand Doppeltsehen für einige Zeit. Einem 39jähngen war 
das rechte Auge um Y3 größer, als das linke und mit weißem Star behaftet. 
Nach Hornhautschnitt und Kapselöffnung floss milchige Flüssigkeit aus, der 
Star erschien gelblich und wurde herausbefördert, er war zusammen- 
gedrückt. Jetzt wurde das Starmesser durch den unteren Theil der Pu- 
pille in den Glaskörper gestochen^); und, als das Auge ein wenig kleiner, 



\) Das ist ein Irrthum, der noch bis zur Zeit A. v. Graefe's fortbestand. 
(A. f. 0. 11,2, 193, 1856.) 

2) J. hatte noch 12 andere Blindgeborene operirt. Wir operiren ja heute 
viel mehr, aber die meisten in zartem Lebensalter, da wir ja Betäubungsmittel 
besitzen. 

3) Also der erste Giaskörperstich nach Star-Operation, v. Hasner hat fast 
100 Jahre später dies zu einem regelmäßigen Verfahren ausgebildet. 



90 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

als das linke geworden, wurde es verbunden. Die Wahrnehmungen waren 
anfangs undeutlich, aber allmählich erlangte das Auge sein Gesicht. Hier 
habe man ein einfaches Mittel, eine Hydrophthalmie zu heilen. 

Der Star macht sich durch Erweiterung des Kapselstichs eine 
hinreichende Oeffnung. Nachstar kann von selbst verschwinden. Er ent- 
steht entweder durch Trübung der Kapsel oder vom zurückbleibenden 
Schleim der Krystall-Linse. Sorgfältiges Herausstreichen der Star-Reste ist 
erforderlich. 

Es genügt, die Vor der- Kapsel mit einer Pincette herauszunehmen. 
Besteht aber Verwachsung mit der Iris, so macht man mit einer krummen 
Schere ein Fenster in dieser Haut und nimmt den Ausschnitt heraus, wie 
J. bei einer 86jährigen mit Erfolg ausgeführt. Der seit 40 .Jahren bei einer 
70jährigen bestehende Star hatte ein brauneres Grün, er war groß und 
schwierig herauszunehmen und zeigte sich dann von schwarzer Farbe, 
der erste unter den 500 Staren, die J, extrahirt hatte. Der Star war ohne 
Kapsel, sehr groß, weit fester, als die gewöhnlichen, und hatte, gegen das 
Licht gehalten, in der Mitte eine dunkelrothe Farbe. 

Einem 63jährigen war ein Star mit Erfolg 1751 niedergedrückt worden. 
Im folgenden .Tahre bückte er sich einst und fand sich durch Aufsteigen 
des Stars sofort seines Gesichts beraubt. Die Niederdrückung wurde wieder- 
holt, mit Erfolg. Im Laufe von 1 Y2 Jahren kam der Star 2 Mal wieder 
in die Höhe und wurde wieder niedergelegt. Anfang März 1760, nach 
einem Fall vom Pferde, drang der Star in die Vorderkammer und wurde 
nun von .1. aus einem Ilornhautschnitt entbunden. Der Star war von der 
runzligen, aber ganzen Kapsel bedeckt, verkleinert, die vordere Seite nicht 
von der hinteren zu unterscheiden. Man kann also den Star in seiner 
Kapsel niederdrücken. Die Ausziehung verdient den Vorzug. 

Fünf Arten des Stars sind anzunehmen: Linsen-Star, Kapsel-Linsen-Star, 
Trübungen der vorderen Linsenschicht, Trübung der vorderen Glaskürper- 
haut, die ,1. nicht, wohl aber St. Yves gesehen, Trübung der Morgagni'- 
schen Feuchtigkeit. (Der beiden letzten Arten können wir entrathen.) 
Uebrigens trennt J. 2/3 der Hornhaut ab, zerschneidet die Krystallhaut gut 
und drückt das Auge gelind. Chemosis nach Star-Operation ist mit der 
Schere einzuschneiden. Vierzig Tage lang sollen die Star-Operirten das 
Zimmer hüten. [Diese Zahl finde ich auch bei dem besten Star-Stecher 
der Araber, bei ^\mmär (Arab. Augenärzte, II. Th. S. 125). Auch Haufa 
hat sie angenommen. Doch vermag ich keine Ueberlieferung von diesen 
zu Janin's Zeiten hin nachzuweisen.] 

Man hat behauptet, den vollendeten Star durch innere Mittel ge- 
heilt zu haben. Blindheit mag man geheilt haben, aber dieselbe beruhte nicht 
auf Star. Seit 21 Jahren hat J. mit allen Mitteln nie das Vergnügen ge- 
habt, die verdunkelte Krystall-Linse, welche Blindheit verursachte, wieder 



Janin. 91 

aufzuhellen. (Man sieht, hier, wo llr. J. ernsthaft spricht, hat er sein speci- 
fisches AVasser vom Jahre 1757, das die Stare einschmilzt, ganz vergessen!) 

Bei einem Kind waren alle vier Lider umgestülpt, aufgetrieben 
und mit Eiter bedeckt ij. Man wollte die Geschwülste abtragen. J. heilte sie 
mit Malven-Abkochung. Von Staphylomen beschreibt er das der Iris, 
das der Hornhaut allein und das der Lederhaut. Das letztere ist von 
violetter Farbe. Ein Iris-Staphylom, das '^3 <^6S Hornhautschnittes ein- 
nahm, öffnete er einfach in seinem ganzen Umfang mit der Lanzette, 
wonach die Iris zurücktrat und die Hornhaut die natürliche Wölbung er- 
hielt. In andren Fällen bediente er sich der Spießglanz-Butter, aber nur 
als Reiz-, nicht als Aetz-Mittel. 

Im Anschluss an IIoin's Beobachtung von der Iris-Ablösung (§ 371, 8) be- 
schreibt er einen Fall von Iris-Einheilung in die Hornhaut, mit Aufhebung 
der natürlichen Pupille, wo am oberen Umfang der Iris fünf verschiedene 
Pupillen sich bildeten, die einige Sehkraft verstatteten. Bei einem 1 0jährigen 
Knaben erfolgte nach einem Ruthenschlag auf das hnke Auge Pupillen-Er- 
weiterung, Linsentrübung und Ablösung der Iris am Schläfen -Rande. Die 
natürliche Pupille schloss sich durch Entzündung, die künstliche erweiterte 
sich. Der Vorschlag, aus letzterer den Star herauszunehmen, scheiterte 
an der Hartnäckigkeit des kleinen Kranken. 

Alle Physiologen und Naturforscher haben gesagt, es gebe drei Arien 
des Gesichts, das vollkommene, die Kurzsichtigkeit, die Fernsichtigkeit ; die 
beiden ersten sind natürlich, die letzte zufällig, da sie nur bei alten Leuten 
stattfindet. Abgesehen von den Star-Operirten, die zum Fern- wie zum 
Nah-Sehen eines sehr erhabenen Glases sich bedienen müssen, giebt es 
noch eine andre natürliche Art des Gesichts, die noch von keinem 
Schriftsteller erwähnt worden. Ein portugiesischer Jude, der zu Paris 
sich aufhielt, musste von Kindheit an alle Gegenstände sehr nahe bringen, 
schon im 12. Jahre der Gläser sich bedienen und fast alle 6 Jahre die- 
selben verstärken, so dass er im 30. Jahre, als J. ihn untersuchte, Gläser 
gebrauchte, die einem 80jährigen zu stark wären. Seine Augen waren groß., 
hervorragend, aber gesund. Hohle Gläser verschlechterten. Nur halbe 
Star-Linsen (9 D.) waren ihm dienlich. Waren seine Krystall-Linsen zu 
platt oder nicht vorhanden? 

Also für die Entdeckung der Ueber sichtigkeit, allerdings der starken, 
müssen wir Hrn. J. dankbar sein und gestehen, dass sein Werk, wenn es 
auch nicht so bahnbrechende Entdeckungen, wie die von Brisseau, Cbeselden, 
Daviel bringt, doch eine so große Fülle neuer und nützlicher Beobach- 
tungen und Regeln enthält, wie wenig andre Schriften zur Augenheilkunde 
aus dem 18. Jahrhundert. 



1) Seit Jahrzehnten habe ich diesen seltenen Zustand nicht mehr gesehen. 



92 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilitunde in der Neuzeit. 

§ 379. Jean Seneaux (31), 
geb. um 1750, Meister der Wundarzneikunst zu Montpellier, beschäftigte 
sich auch mit Augenheilkunde, war von 1788 bis 1792 Professor dieses 
Faches am wundärztlichen Golleg, wurde später Professor der Geburts- 
hilfe und starb 1830. 

In den Annales de la Soc. de Med. prat. de Montpellier, 1803, II, 
S. 147 — 155, verüffentlichte er: Amaurose ou goutte sereine guerie par le 
moyen de la glace en application. Es war eine innere Blutung nach Stein- 
wurf gewesen. (Trug & Pansier, a. a. 0., S. 272 und 273.) 

§ 380, GuiLLAUME Pellier de Qüengsy (32), 1751 — 1835. 

Hauptsächliche Quellen sind, außer den Werken von G. P. selber, 1 . Etudes sur 
l'histoire de la Chirurgie oculaire par le Dr. A. Tersox, Paris 1899 (47 S.). 
2. Histoire de l'opht. ä Montpellier par Trug & Pansier, 1907, S. 255 — 271. 
(»T. & P. «) 3. Avis au peuple sur la conservation de la vue et sur les moyens 
de la retablir. Memoire inedit de Pellier de Quengsy, avec une notice biogra- 
phique, par J. Coulomb, Doct. en med., Montpellier 1908. (246 S.) 

G. Pellier's Vater war Meister der Wundarzneikunst und Stadt- Augen- 
arzt zu Bar-le-Duc und Metz, Schüler von Daviel; sein älterer Bruder 
prakticirte lange Zeit zu Nancy und ging dann nach England, wo er wegen 
seiner glücklichen Augen-Operationen das Bürgerrecht in Aberdeen erhielt. 
GuiLLAUME erwarb den Doktor-Grad i) und erlernte die Augenheilkunde 
bei seinem Vater. Diesem Sonderfach, das er für den wichtigsten und 
schwierigsten Theil der Chirurgie erklärt, hat er sich ganz und gar ge- 
widmet. 

Seit 1772 prakticirt er selbständig, und zwar führt er dabei ein 
Wanderleben: 1772 ist er in Auxerre, 1773 in Langres, in Avallon und 
Thonon (Savoyen), 1774 im Januar zu Verdun, im Februar zu Varnes, zu 
St. Menehould, im Mai zu Angouleme, Valenciennes , im Juni zu Brüssel, 
im Juli zu Noyon, im August zu Beauvais, im September zu Ghartres, im 
November zu Evreux, dann zu Toulouse, wo er einige Zeit verweilt. Von dort 
macht er eine Rundfahrt nach Rheims und Poitiers, zurück nach Toulouse, 
mit Abstechern nach Ayen und Bordeaux. Endlich lässt er sich 1776 in 
Montpellier nieder, das er, abgesehen von den üblichen Kunst-Reisen, nicht 
wieder verlassen hat. In Folge der Revolution unterdrückt er in seinem 
Namen das de Quengsy. 

Im Jahre 1799 finden wir ihn unter den Begründern der ärztlichen 
Gesellschaft zu Montpellier, in ihren Listen steht er als Augenarzt (medecin 
oculiste). Im Jahre 1835 ist er, 84 Jahre alt, daselbst verstorben. 



-1) Darum schreibt er aber die Kunstausdrücke nicht richtiger, als die andren 
Wundärzte: phterigyon, eckantis statt encanthis, midriasis, phtisis, phtosis. 



Seneaux. Pellier. 93 

Im CouiTier d'Avignon vom 27. Juli 177 9 theilt er dem Publicum mit, 
dass Dr. Pellier de Quengsy fiJs, berühmt durch den Erfolg seiner Operationen 
in den bedeutendsten Städten , des Königreichs, der einzige ^j bestallte 
Augenarzt in der Stadt Montpellier ist . . . Er hat in dem Hause des Hrn. 
Lemoux ein Zimmer eingerichtet, das nur des Morgens geöffnet ist, für den 
Vei'kauf einer Salbe eigner Zusammensetzung, welche die Augen-Entzündungen 
radikal heilt; und eines Augenwassei's, welches die Flecke beseitigt und die 
Sehkraft stärkt. In demselben Blatt, vom 3 0. Aug. 1782, kündigt er an, dass 
er in Marseille eine große Zahl erfolgreicher Operationen verrichtet habe, in 
Arles, Nismes und Alais erwartet werde, aber von mehreren blinden Fremden 
in Montpellier zurückgehalten werde, und lädt zur Vorausbestellung seines Werkes 
über Augenkrankheiten ein. (Preis 4 livres, später 6.) Seine Unterschrift sieht so aus: 

Fig. 8. 



n^lh.c^.ß.^.i: 



~? 



Hr. Paxsier, der den Courrier d'Avignon auf's fleißigste nach den Anzeigen 
der damaligen Augenärzte durchforscht hat, versichert, dass dies die beiden 
einzigen Reklamen Pellier's seien. Aber eine dritte aus der wöchentlichen Zei- 
tung von Anjou (vom 24. Febr. 1775 No. 8) hat Pellier selber in seinem 
Buch wieder abgedruckt. Es ist eine neue Art, der Dank-Brief des Vaters 
und der von Star-Blindheit durch Operation geheilten Tochter. (S. 263.) 

P. Q. war ein fruchtbarer Schriftsteller. 

\. 2. Seine Arbeit über einen sonderbaren Star (J. de med. 1774, XLU, 
S. 7 4) und eine Abhandlung über den Star (Montpellier & Avignon 1777, 46 S.) 
sind in sein folgendes Hauptwerk aufgenommen. 

3. Recueil de memoires et d'observations tant sur les maladies qui atta- 
quent l'oeil et les parties qui l'environnent , que sur les moyens de les guerir, 
dans lequel l'Auteur, apres avoir donne un precis de la slructure de cet organe, 
expose un nouveau procede pour extraire la cataracte avec un Instrument de son 
invention, et refute l'efficacite pretendue de l'Abaissement . . Par M. G. Pellier 
DE QüENGSY fils, Docteur en Medecine & Chirurgien Oculiste des Villes de Toulouse et 
de Montpellier, Brevete du Roi etc. Sine visu, nihil. A Montpellier 1783. (549 S.) 

Eine deutsche Uebersetzung (444 S.) ist zu Leipzig 1789 erschienen. Sie 
ist nicht frei von Ungenauigkeiten. 

4. Precis ou cours d'operations sur les yeux puise dans le sein de la 
pratique et enrichi de Figures en Taille-douce qui representent les Instruments 
qui leur sont propres, avec des Observations de pratique tres interessantes par 
M. G. Pellier de Quexgsv fils, Docteur en Med., & Chirurgien Oculiste des 
Villes de Toulouse & de Montpellier, Brevete du Roi etc. (Oculorum vis nisi 
valet et constet, periculum minatur.) Paris & Montpellier 17 89 & 90, 2 Bände 
in 8°, 437 und 40 4 S. (Terson erkläi't, dass Pellier's Werke fast unauffind- 
bar geworden . . . und wieder an den Tag gebracht werden müssten. Nun, so 
selten sind diese Bücher nicht. Den Recueil besitze ich französisch und deutsch. 
Den Precis erhielt ich aus der königlichen Bibliothek zu Berlin.) 



1) Das ist gegen seinen Mitbewerber Gleize (§ 383) gerichtet. 



94 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

5. Observations sur I'utilite de rarteriotomie dans l'amaurosis ou goutte 
sereine provenant d'un engorgement sanguin, (J. de med. de Montp. 4 803, 
B. I, S. 283— !290.) 

6. Memoire sur la conservation de la vue. (Hist. & mem. de la societe 
de med. pratique ä Montpellier, 1806, S. 201 — 293.) 

7. Sur I'utilite du seton applique ä l'oeil affecte de maladies graves. (J. de 
med. d. Montp. XXXIl, S. 67 — 83, 1813.) 

Er zieht einen Faden senlcrecht durch die Vorderkammer, sticht ein und 
aus Y2'" ^om Rande der Hornhaut, lässt den Faden, den er mit Balsam tränkt 
und zuweilen hin und her zieht, 6 Wochen drin und heilt so Weißnarben. Ebenso 
wurde auch Hypopyon, 1788 und 1789, geheilt. — (Dies Verfahren ist 1906 
wieder ausgegraben worden. [Rollet et Moreau, Revue gen. d'Opht. Vgl. 
auch Rollet {Lyon} in »The Ophthalmoscope« , März 1907.] Nach Anlegung 
einer Punktions- und Contrapunktions-Oeffnung mittelst eines Starmessers wird 
ein Pferdehaar in die vordere Kammer durch das Hypopjon hindurch geführt. 
Dieser Drain bleibt etwa 48 Stunden liegen. Infolge von Capillaritäts -Wirkung 
entleert sich allmählich das Hypopyon. Das Verfahren hat sich bereits in einer 
Anzahl von Fällen bewährt. Berard hatte in 7 Fällen gute Erfolge mit Floren- 
tiner Seidenhaar. [Revue d'Hygiene et therap. oc. Jan. 1908.]) 

8. Einen »Versuch über die Sehkraft« und eine »Belehrung des Publikums 
über Einhaltung der Sehkraft« hat P. angekündigt, aber nicht herausgegeben. 
Der letztgenannten Arbeit letztes Drittel ist vom CoUegen Trug zu MontpeUier 
aufgefunden und zusammen mit einer Inhaltsangabe der ganzen Arbeit von 
Hrn. Coulomb in seiner Doktor-Schrift veröffentlicht worden. 

In No. 6 und 7 (also seit 18 06) nennt P. sich »ehemahger Prof. der 
Augenheilkunde« (ancien prof. des maladies des yeux): vielleicht hat die Facultät 
den Doctor Pellier dem Wundarzt Seneaux (§ 379) entgegenstellen wollen. 
Aber ich finde, dass P., nach der Vorrede zu seinem Precis (S. XIII), schon 
vorher private Kurse in den Augen-Operationen vor Studenten der Heilkunde 
und der Wundarzneikunst gehalten; und Histoire et memoires de la Societe de 
Med. pr. de Montpellier, 1806, enthalten die Ankündigung eines klinischen Kurses 
der Augenkrankheiten von Hrn. G. Pellier. 

P.'s Hauptw^erk (3) wird von Richter (chir. Bibl. 8, I, S. 5 — 40, 
1785) einer recht kritischen, und von Trug und Pansier (a. a. 0., S. i261 
bis 269) einer ausführlichen Besprechung unterzogen, während Beer (Report. 
I, S. 59) nur den Titel anführt. Aber Niemand hat angemerkt, dass F. de Q. 
außerordentlich viel, ja die wichtigsten Dinge, sogar Thier- Versuche , die 
trockne Wundbehandlung nach Star-Schnitt, die Pupillen-Bildung mit der 
Schere u. a. von Janin , ohne ihn zu nennen 1) , und in der Star- 



1) Um sich zu decken, erwähnt P. den Janin vier Mal, zuerst (S. 249) bei Gelegen- 
heit eines von Jugend auf Kurzsichtigen, der starblind und nach der Star-Operation 
weitsichtig geworden. (Aber dieser Fall war ja schon 1713 von Heister und von 
andren behandelt worden!) Zweitens S. 294 bei Gelegenheit des Glaskörperstichs. 
Ferner S. 344 darüber, dass die Iris nicht eine Fortsetzung der Aderhaut bildet; 
dies hätte er aber schon S. 20 thun sollen. Endlich S. 360: >Ich meinte der erste 
zu sein, der sich der Malven-Abkochung gegen Eiter-Auge bediente, aber im Werke 
von Janin sah ich das Gegentheil . . . darum lasse ich ihm das Verdienst dieser 
Entdeckung.« 



PeUier. 95 

Operation vielleicht auch manches von Wenzel hat. (Uebrigens für die 
gleichzeitig mit dem llornhautschnitt ausgeführte ErülTnung der Kapsel be- 
sitzt P. vor W. wenigstens die Priorität der Veröffentlichung, im J .1776.) 

P. verrichtet die Star-Operation mit einem Handgriff und für ge- 
wöhnlich mit einem Instrument binnen einer 3Iinute. (Auf sein Verfahren 
werden wir im folgenden Paragraphen genauer eingehen.) 

P. DE Q. hatte seine Abhandlung über Star-Ausziehung am 20. Juni 
1776 vor der Königl. Gesellsch. der Wissenschaften zu Montpellier gelesen. 
Der Ausschuss der letzteren (Cüsson und Broussonet) machte bei allem Lob 
immerhin einige Einwendungen, — dass sein Verfahren nicht besser sei, 
als die andren, und dass er zu sehr gegen die Niederdrückung eingenommen 
wäre. Hierauf wendet sich Vf. gegen Pott's Vertheidigung der Nieder- 
drückung: er erklärt, dass von seinen Kranken, die durch Star-Auszie- 
hung operirt worden, 31/2 Viertel [d. s. 87\-2/^j das Gesicht wieder er- 
halten haben 1). An der Leiche eines alten Mannes, dem man 14 Jahre 
zuvor den Star des einen Auges niedergedrückt, fand er denselben dichter 
und etwas breiter als den des andren, noch nicht operirten Auges. 

In der Abhandlung über den Missbrauch der weitläufigen Vorberei- 
tungen erklärt er, dass er sonst gesunde Star-Kranke Tags nach der Be- 
sichtigung operirt. Bei einem 84 jähr, war beiderseits der Stern nur steck- 
nadelkopfgroß, unbeweglich, der Star von der Farbe der schmutzigen Leinwand. 
Mit dem Starmesser schnitt P. auch die Pupille ein; und als dies noch 
nicht genügte, trennte er mit dem Messer die Fläche der Iris von der Linse : 
dann konnte der Star austreten. 

Der zweite Haupttheil enthält Beobachtungen, von denen, nach 
Richter's Urtheil, viele sehr lehrreich sind, andre aber beinahe unglaub- 
liche Wundergeschichten darstellen. 

Ein 78 jähriger, der durch Starblindheit seinen Verstand verloren, er- 
hielt ihn wieder durch glückliche Star-Operation. Bei dem Milchstar, der bei 
einer jungen Frau nach der Entbindung sich gebildet, verfährt er wie ge- 
wöhnlich, nur macht er einen weit kleineren Schnitt, von einem Viertel 
oder höchstens einem Drittel des Umfangs der Hornhaut. Bei einem 7jährigen, 
der einen angebornen Star hatte, wurde nach dem Einstich des Messers 
in die Hornhaut und dem Durchschneiden der Kapsel der Stern so klar, 
dass der weitere Hornhautschnitt unterbleiben konnte^). Ein 
3 jähriges Kind operirte er am angeborenen Star erfolgreich , indem er es 
vollständig einwickelte: dann verband er das andre .\uge, ließ Kopf und 



1) Si les trois quarts et demi d'aveugles n'ont pas recouvre la vue, je con- 
sens, qu'on rejette la nouvelle methode. (S. 96.) 

2) Bei der Operation waren nicht blos ein Doctor und ein Wundarzt, son- 
dern auch viele Neugierige aller Stände (une infinite de tous les ordres) zugegen. 
Die beiden ersten zieht der reisende Augenarzt gemeinhin aus Politik zu. 



96 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Oberlid von einem Augenarzt, seinem älteren Bruder, gut halten und 
machte einen kleinen Schnitt, mit bestem Erfolg. 

Diese drei wirklich praktischen Bemerkungen hat A. G. Ricdter 
nicht angemerkt. 

Bei Star mit Pupillen-Sperre sticht P. das Messer gleich durch Iris und 
Kapsel und schneidet somit sowohl von den graden wie von den kreis- 
förmigen Fasern einige durch, dann tritt der Star leicht aus. (Wir nennen 
dies heutzutage WENZELSche Operation.) 

Ein 30 jähr. Priester hatte eine braune Haut auf der Vorderkapsel'). 
Nach Hornhaut-Schnitt und Kapsel-Stich konnte P. die braune Haut mit der 
Pincette nicht herausholen und schnitt sie mittelst einer feinen Schere 
aus, wobei die Iris verletzt wurde und das Auge mit Blut sich füllte : Ver- 
band, Heilung. »Nach 36 Tagen konnte der Priester die Messe lesen«, — 
allerdings mit seinem andren Auge! (Die Kritik von Thomassin, Meister 
der Wundarzneikunst, vom J. 1776; die Antwort P.'s, die Bemerkungen 
von Richter und von Beer über diesen Fall können wir füglich heute über- 
gehen.) 

Bei einem T3 jährigen zog er den linken Star glatt heraus, den rechten 
mit Glaskörpervorfall. Aber mit dem r. sah der Operirte dann besser, 
als mit dem 1. ; was mit Richter's Erfahrung übereinstimmt. 

Ein Star-Operirter spürte am 2. Tage nach der Operation beim Stuhl- 
gang Schmerz. P. fand eine Hernie oder Staphylom durch Vorfall der 
Wasserhaut, wie eine Wasserblase; stach ein und bewirkte Heilung. In 
einem andern Fall nahm er eine krumme Schere, legte sie geöffnet gegen 
die Blase und schnitt die letztere mit einem Scherenschlage ab. Heilung. 
(Natürlich war es ein sekundärer Glaskörpervorfall. Der Einstich war 
sehr vernünftig. Aber nicht immer folgt danach die Heilung.) Bei einem 
am 3. Tage nach der Star- Operation erfolgten Iris- Vorfall neigte er den 
Kopf der Kranken nach hinten, öffnete die Hornhaut wieder und schob 
die Iris mit dem Löffel zurück. Heilung. Das Eiter-Auge nach Star- 
Operation sticht er auf; wenn die Kranken widersprechen, begnügt er sich 
mit warmen Umschlägen von Malven-Abkochung. Den Hornhautbruch 
sticht er an, Iris-Vorfall nach Hornhaut-Geschwür bringt er zurück durch 
Hornhautschnitt, bei herabhängendem Kopf. Iris-Vorfall nach Ver- 
letzung schneidet er quer durch. Bei einem weinbeergroßen setzte er einen 
Blutegel an denselben, angeblich mit Erfolg! 

Ein Holzsplitterchen in den Schichten der Hornhaut holte er mit 
einer Pincette heraus, nachdem er die oberilächlichen Schichten der Hornhaut 
mit seinem Messer durchschnitten und emporgehoben. Einen Abscess hinter 



i) Die beiden Brüder P. nennen dies Cataracte choroidale. Heutzutage 
heißt ja Choroidal-Star eine solche Linsentrübung, welche die Folge von Ver- 
änderungen des Augengrundes ist. 



Pellier's Operations-Kurs. 97 

dem Augapfel nach unten zu eröffnete er mit der Lanzette und spritzte 
laues Wasser ein. Einem 1 4 jährigen mit angeborener Vergrößerung der 
Augen und der Pupillen verordnete er eine Loch-Brille. 

Mit Darlegung seiner Augenheilmittel ist P. zurückhaltend, er giebt 
nur fünf an ; für das heilsame Augen-Opiat seines Vaters verschiebt er die 
Mittheilung der genauen Zusammensetzung auf ein späteres Werk. In dem 
»Bissen« gegen Sehschwäche, Nachtblindheit und schwarzen Star sind auch 
Kelle rw arm er enthalten. 

§381. Pellier's Operations-Kurs. 

Dies Werk ist in der Welt-Literatur die erste Sonderschrift 
über Augen-Operationen. 

Von den Griechen haben wir einen Abschnitt über Augen-Operationen 
in dem allgemeinen Werk des Celsüs (VII, vii, vgl. § 172 fgd.) und in dem 
VI. Buch des Lehrbuchs von Paulos, das in 122 Kapiteln von der Chirurgie 
handelt, dabei in den Kap. 8 — 21 von den Augen-Operationen. 

In den arabischen Lehrbüchern der Augenheilkunde sind die Augen- 
Operationen nicht abgesondert; nur bei dem Perser Zarrin-dast bilden sie 
ein besonderes Buch des ganzen Werkes. 

In den Schriften des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit, 
sei es über Chirurgie, sei es über Augenheilkunde, sind die Augen- 
Operationen gleichfalls nicht abgetrennt. Dies gilt auch von den Lehr- 
büchern der Augenheilkunde aus dem 18. Jahrhundert, die wir bisher 
betrachtet haben. 

Aber trotz dieser Sonderstellung hat P.'s Werk seltsamer Weise 
bis auf die allerneueste Zeit durchaus nicht die gebührende Beachtung ge- 
funden. Wieder Richter noch Beer hat es beurtheilt. H. Magnus (Gesch. 
des grauen Stares 1 876) erwähnt dasselbe gar nicht, obwohl es eine vor- 
zügliche Darstellung der Star-Ausziehung enthält. A. Hirsch kennt nur 
seinen Titel. Ebenso, in seiner Gesch. d. Augenheilk. 1905 (Handb. d. 
Gesch. d. Med.), C. IIorstmann, der »die meisten Daten aus A. Hirsch ent- 
nommen«. Dagegen hat 1899 A. Terson (in seinen Etudes sur Ihistoire 
de la Chirurgie oculaire) eine richtige Würdigung des Werkes geliefert; 
auch Trug und Pansier (1907) haben ihm ihre Aufmerksamkeit zugewendet. 
Sie meinen, es wäre eine vollständige Augenheilkunde. Aber dem wider- 
spricht der Vf. selber schon in der Vorrede, und jeder Leser stimmt dem 
Vf. bei. 

In der anatomischen Einleitung erwähnt P. sein Ophthalmometer. 
(Vgl. B. XIII, S. 417, Anm.) Wenn man seinen rohen Durchschnitt des 
Augapfels mit dem von Soemmering vergleicht; so sollte man kaum glauben, 
dass nur ein Jahrzehnt die beiden von einander trennt. 

HaiK^buch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. 7 



98 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

P.'s Definitionen sind z. Th. unklar. >: Ophthalmie ist eine Fülle, Aus- 
dehnung oder Aenderung des Inhalts der Blut- und Lymph-Gefäße in einigen 
oder allen Theilen der Albuginea und der Augapfelbindehaut, be- 
gleitet von der gleichen Veränderung in der Bindehaut der Lider 
und zuweilen auch des Augapfels und seiner Umgebung.« 

Gegen Bindehaut-Krankheiten gebraucht P. Scarification, Ausschneidung 
des Oedems, Blaustein, seine Augensalbe (aus Zinnober, Zink u. a.), 
Waschungen mit Mineralwasser. Der arzneilichen Behandlung wenig oder 
doch nicht lange zugethan, kratzt er Geschwüre aus, schneidet die Ecchymose 
auf, ja sogar das Staphylom der Lederhaut. Bei den Hornhaut-Ge- 
schwüren und Flecken empfiehlt er mit Begeisterung den Ilirschhorn-Geist 
und seine Augensalbe. Die ganz getrübte Hornhaut möchte er durch ein 
Glasfenster ersetzen, das außen erhaben, innen hohl ist, in einer Fassung 
von Silber sitzt, die durch einige Nähte an der Lederhaut befestigt wird. 
Die eingerosteten Eisensplitter entfernt er aus der Hornhaut mit der Star- 
Nadel, die frisch eingedrungenen mit einem magnetisirten Stahlstück 
oder Zänglein. 

Der beginnende Star kann wohl geheilt werden durch innerliche Mittel 
(Calomel, llyoscymus, China), aber nicht der ausgebildete. 

Die Niederdrückung des Stars hat er wohl geübt; aber diejenigen, 
welche noch heute für diese Operation sich begeistern, kennen oder können 
die Ausziehung nicht genügend. 

Die Ausziehung des Stars, 1707 von Mery empfohlen, blieb in der 
Dunkelheit, bis Dayiel sie 1748 an's Licht brachte. Sein Verfahren ist 
vereinfacht und verbessert worden. F. vollführt die Ausziehung mit einem 
Instrument und einem Handgriff. 

Sein Instrument, das er Ophtalmotome *) benennt, ist, nach Lach- 
mann's Dissertation, aui' unsrer Tafel VIII, 40 (XIII, S. 518) nicht i-ichtig wieder- 
gegeben. Deshalb entnehme ich die beistehende Figur 9 dem Werk von Pelliek 
selber, allerdings der deutschen Ausgabe vom Jahre 1789, wo die Zeichnung 
schärfer ist, als in der französischen. Man sieht, es ist ein spitzes Schmal- 
messer, leicht sichelförmig in der Fläche gekrümmt, mit der Schneide an der 
convexen Seite der Sichel. Die Schneide reicht von Ä bis i?, d. s. \" 3'"; 
die größte Breite beträgt iVa"- Nach dem Schnitt kann man das Messer 



1) So schreibt P., nicht Ophthalmotome mit zwei h. — Damals war seine 
Schreibweise unrichtig gewesen, heute ist sie richtig geworden, nach dem 
herrischen Gesetz der Academie Fran^aise vom Jahre 1884. (Dict. de TAcad. Fr. 
VII. Ed. 4 884, p. XVI: Dans les mots tires du grec, (l'Academie) supprime presque 
toujours une des lettres ötymologiques, quand cette lettre ne se prononce pas; 
eile ecrit: phtisie etc.) — Hr. Pansier macht den vergeblichen Versuch, diesem 
Edikt rückwirkende Kraft sogar für das Lateinische zu geben und schreibt be- 
harrlich, auch noch 4 908, Collectio ophtalmologica. Der hervorragende Arzt und 
Sprachforscher E. Littre hatte in seinem berühmten Dict. de la langue franc. III, 
4 889, noch Ophthalmologie mit zwei h geschrieben. 



Pellier's Üperations-Kurs. 



99 



mittelst eines Knopfes in den hohlen Stiel hineinschieben, wodurch gleichzeitig 
ein Löffelchen vorgeschoben wird. 



Fiff. 9. 



Instrument, tvelL^£s das Anß.eftMe^f.r(p^alm.zitome.^a£Ti£n/itw:rA 




Der Gehilfe hält das Oberlid empor. Der Operateur setzt (für das linke 
Auge und harten Star) den Mittelfinger der Linken in den großen Winkel, 
den Zeigefinger auf das Unterlid, ergreift das Ophtalmotom mit der 

7* 



100 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Rechten, wie eine Schreibfeder, und stößt die Spitze in die Hornhaut, 
Y2" von ihrem Schläfen-Rande, in einer einigermaßen senkrechten Rich- 
tung, schneidet dann erst gleich die Linsenkapsel ein, gewinnt den 
Ausstich und vollendet den Schnitt von 2/3 des Hornhaut-Umfangs, drückt 
auf den Augapfel einerseits mit der Flüche des Instruments (oben), andrer- 
seits mit dem Zeigefinger der Linken unten: der Star tritt aus. Das Oph- 
thalmotom birgt in der Höhlung des Stiels ein Lüffelchen, das hervor- 
geschoben werden kann, um Linsen-Reste herauszuholen, die Iris zurückzu- 
streifen, die etwa klaffende Wunde genau zu vereinigen. Verband. Für 
das rechte Auge wird das Messer mit der Linken geführt. 

Die bereits zwischen Einstich und Aussti ch, also vor Vollendung des 
Hornhautschnitts, ausgeführte Eröffnung der Linsen-Kapsel hat vielleicht 
zuerst Ten Haaf 1761 veröffentlicht. (J. de Vandermonde, Sept. S. 228.) Ob 
Baron Wenzel sie früher gemacht hat, steht dahin. Die regelmäßige Aus- 
fühi'ung hat zuerst Pellier de Quengsy 1776 in seiner Dissertation sur la Cata- 
racte veröffentlicht. Dann folgte die Veröffentlichung des jüngeren Wenzel (1784), 
die von Santarelli 1795 u. a. Dies Verfahren wurde von Richter und von 
Beer verworfen. Ersterer meinte, nachdem er Wenzel wiederholentlich hatte 
operiren sehen, dass dieser meist gar nicht das, was er vorgab, erreichte, nämlich 
während der Ausführung des Hornhautschnitts die Kapsel zu eröffnen. (Aus- 
ziehung d. grauen Stars, 1773, S. 71.) Beer (Rep. III, 174) tadelt, dass so 
die Kapselöffnung zu klein werde. 

(In unsrer Zeit ist das Verfahren wiederholentlich neu »erfunden« und 
wieder eingeführt worden, so von: Scriver, Macnamara, Gayet, Flarer, Gale- 
zowsKi, Spencer Watson, Sandrecky, Kazaurow, Barban, Wicherkiewjcz, Schmidt- 
RiMPLER, Pflüger, namentlich auch von Trousseau. Vgl. Czermak [augenärztl, 
Operat. 1893 — 1904, S. 1007], der die Nachtheile für überwiegend ansieht. 
Ich muss nach eigner Anschauung erklären, dass es in den Händen derjenigen 
Operateure, die, wie Trousseau, vollkommen darauf eingeübt sind, ganz ein- 
wandsfrei zu sein scheint.) 

Die Grundlinie von P.'s Schnitt liegt schräg von außen oben, nach 
innen unten, — nicht transversal. Seine Angaben sind nicht ganz genau. 
[Die Zeichnung bei Stöber (Fig. 1) passt nicht für seinen Schnitt.] 

Es heißt bei P. (S. 245 fgd.): »ma main droite armee de mon ophtal- 
motome a peu pres comme une plume ä ecrire, j'en porte la pointe ä une 
demiligne du plexus ciliaire sur la cornee transparente en ligne un peu 
perpendiculaire ... et je l'enfonce sans crainte jusque sur l'envelope 
cristalline . . . Une fois que j'y suis parvenu, je l'incise vers sa base au- 
tant qu'il m'est possible, en passant pour aller ä l'autre bord de la cornee, 
terminer la coupe qui lui convient ... La cornee pergee de part en part 
aux environs des deux tiers de son disque, je faits parcourir tout le trajet 
de ma larae comme en biaisant^)« . . . 



1) Die Beschreibung in seiner Dissertation vom Jahre 1776, wieder abgedruckt 
in s. Recueil vom Jahre 1783, S. 43 fgd., ist noch kürzer. 



Pellier's Operatious-Kurs. 101 

Bei dem Milchstar macht P. den Schnitt nur von Y4 — Vs ^^^ Horn- 
haut-Umfangs , bei einem weichen, käsigen von Y3 — Y2. Bei einem 
harten Star mit Trübung der Vorder kapsei zieht er die letztere, nach 
Entbindung der Linse, mit einer Pincette aus. 

Bei einem weichen oder flüssigen Star mit Kapseltrübung zieht er 
nach dem Hornhaut-Schnitt (von 1/2) ^rst die Kapsel aus, dann folgt 
die Linse leicht. Bei dem Milchstar genügt es übrigens, mit dem 
Messer einen Einstich in die Hornhaut und in die Kapsel zu machen, der 
Schnitt ist überflüssig. Bei dem harten Star mit Veränderung der 
MoRGAGNi'schen Feuchtigkeit (unsrem M. "sehen) trennt man ein wenig mehr, 
als die Hälfte des Hornhaut-Umfangs ab , üffnet dabei gleich die Linsen- 
kapsel, lässt die Linse austreten, indem man den Austritt durch einige 
Stöße mit der Spitze des Messers unterstützt und entfernt die Reste mit 
dem LölTel und durch leichte Reibungen auf die Hornhaut. Der schlei- 
mige Nach Star "^i (Star-Rest) tritt nach dem Hornhaut-Schnitt sofort aus, 
wenn man mit der Pincette die hintere Lefze zurückdrückt. Wenn der an- 
gewachsene Star nicht gleich austritt, so bringt man die Schneide des 
Messers zwischen Iris und Star, mehr gegen den letzteren, und trennt die 
Verwachsungen. (Bei dem Star mit Wassersucht des Auges und bei 
dem steinigen vergisst Vf., die Sehkraft anzumerken, — wohl weil keine 
erzielt wurde.) Ueber den Zitter-Star berichtet der Wundarzt Ghaussier 
in Dijon: zu ihm kam ein 25 jähriger mit Schmerz im rechten Auge und 
einem schwimmenden Star, der bald vor der Iris, bald hinter derselben 
lag. Nach dem Hornhautschnilt versank der Star hinter der Iris, flüssiger 
Glaskörper trat aus, der Augapfel sank ein. Verband. Der Schmerz hörte 
auf, kehrte aber am 2. Tage wieder. Der Augapfel war gefüllt, der Star 
zeigte sich am Hornhautschnitt. Gh. öffnete sanft die Lippen des letzteren, 
und ohne zu drücken, zog er den Star mit einem stumpfen Häkchen aus. 
Glatte Heilung, ein wenig Sehkraft kehrte wieder. 

P. macht in solchen Fällen den Halbbogenscbnitt der Hornhaut, ohne 
an den Star zu rühren. Derselbe folgt mitunter dem Rücken des Messers, 
oder tritt aus auf leichten Druck oder wird mit einer Pincette ausgezogen. 
Wenn der Star mit theilweiser Pupillen-Sperre verbunden ist, so stößt 
P. das Messer gleich in die Iris und Linse ein und weiter hin wieder aus, 
um gleichzeitig mit dem Hornhautschnitt einen genügend weiten Weg zum 
Austritt des Stares zu bahnen. Bei reinem Kapselstar öffnet er die 
Hornhaut mittelst Halbbogenschnitt und zieht die Kapsel mit einem Zäng- 
lein aus; findet er dann die Linse gesund, so lässt er sie drin! (Hier 
staunen wir, wenn wir nicht annehmen wollen, dass P. eine Pupillen-Haut, 



1) P. glaubt ihn entdeckt zu haben. (Wenzel hatte ihn 1786 als lympha- 
tischen Nachstar beschrieben.) 



102 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

z. B. nach Iritis, mit Kapsel-Star verwechselt habe.) Den weißen, gefal- 
teten, häutigen Nachstar (Gataracte secondaire) nach Niederdrückung 
zieht er mit der Pincette aus dem Hornhautschnitt heraus. Tertiären Star 
nennt P. die nach Star- Ausziehung zurückbleibende Trübung der hin- 
teren Kapsel, doch tiberzeugt er uns nicht von der Existenz dieser Form. 
Finden sich llornhautflecke nach unten, so macht man den Starschnitt 
nach oben. Es ist nicht schwieriger, das Oberlid übt danach einen sanften 
Druck aus. Er erwähnt eine solche Operation vom Jahre i 776 und schreibt 
sich die Priorität zu, gegenüber Wenzel. Nach der Star-Operation wird 
ein trockne r Verband angelegt und zwei Stunden später ein Aderlass am 
Fuß gemacht. 

Nunmehr folgt die Beschreibung von 16 Verfahren der Star-Aus- 
ziehung. Zuerst die von Daviel (I), dann die von la Faye (2) und Poyet (3). 
(Vgl. § 348, 349.) Ferner die von T£non (4), die eine leichte Aenderung 
von (2) darstellt. Die Brüder Grandjean (5) bedienen sich einer Lanze von 
der Form eines Pik-Ass und erweitern den Schnitt damit nach beiden 
Seiten (1/2 — Va)? und öffnen gleich damit auch die KapseP). P. der Vater (6) 
erfand einen Lidheber aus Draht für den Gehilfen; und für den Fall, 
dass er ohne solchen arbeiten muss, eine Stirnbinde, woran der Lidheber 
befestigt wird; und für heikle Fälle auch einen Senker des Unterlids, 
mit einem hängenden Zinn -Gewicht. Er schneidet die Hornhaut mit 
einem Instrument, das durch einen stumpfen Widerhaken den Augapfel 
fixiren kann. Das Kystitom hat er verbessert, indem er einen Haken statt 
einer Lanze einfügt. Berrenger^' (7) bediente sich eines Messers mit con- 
vexer Schneide, eines stumpfen Doppelhakens zur Erhebung des OberUds 
und eines scharfen Doppelhakens zum Fassen der Bindehaut. Auf Wenzels 
Verfahren (8) werden wir noch zurückkommen, das von Pamard (9) haben 
wir bereits kennen gelernt. (§ 367.) Der Starschnepper von Guerin in 
Lyon (10) ist nicht zu empfehlen. Guerin (11) in Bordeaux hat ein 
noch complicirteres Werkzeug. Pope (12) und Favier (13) in Troyes haben 
Nadel -Pincetten erfunden, mit denen die Hornhaut punktirt und dann 
fixirt wird. Durand (14), Meister der Wundarzneikunst zu Chartres, hat 
ein eignes Star-Messer für den llornhautschnitt ■^). — Es ist ein Schmal- 
Messer, in der hintern Hälfte nicht gehärtet, so dass es beliebig gebogen 
werden kann; der Einstich geschieht von der Nasenseite her, ein unterer 
Halbbogenschnitt wird gebildet. Das Keratom von Pellier, dem älteren 
Sohn (15), ist ähnlich dem Ophthalmotom ; er benutzt auch ein verbessertes 
Kystitom, einen Lüllel, einen Lidsenker. Demours d. S. hat einen Ophthal- 

i) Verbessert nach Grandjean's eigner Mittheilung, in le Blanc's Pröcis 
d'Operat., Paris -1775. 

2) Die Schreibung dieses Namens wechselt bei den verschiedenen Vfn. 
3i Precis dOperations par M. le Blanc, Orleans. 



Pellier's Operations-Kurs. 103 

mostat erfunden, eine Slahlschiene für den Zeigefinger, mit einer Spitze 
daran, welche \"' von dem Hornhaut- Rand an der Ausgtichsstelle ein- 
gebohrt wird. (Vgl. §374. — Aber in seinem Precis, 1821, S. 372 fgd., 
spricht Demours nicht mehr davon.) Zum Schluss kommt Sharp (16), — 
der einzige, der nicht französisch geschrieben, also der Renommir-Eng- 
länder unsres Vf's. 

P. erklärt, dass sein Verfahren das einfachste sei; gesteht aber 
zu, dass Andre mit andren Verfahren dieselben Erfolge erzielen können. Mit 
dieser gehaltreichen Darstellung der Star-Operation schließt der erste Band. 

Der zweite beginnt mit den Krankheiten des Glaskörpers. Die 
Au gen Wassersucht ist gekennzeichnet durch Erweiterung der Pupille, 
Starre derselben, Sehstörung, Schmerz. Die Punktion des Glaskörpers 
muss gemacht werden und nicht zu spät; 2'" unterhalb des unteren Ilorn- 
hautscheitels wird die Lanze bis zu ihren seitlichen Vorsprüngen in 
die Lederhaut -und den Glaskörper eingestoßen. (Hier haben wir den 
Lederhaut-Schnitt gegen Glaukom!) 

Von den Krankheiten der Netzhaut und der Sehnerven bildet eine 
den Gegenstand der Behandlung, die gutta serena, die von Lähmung der 
genannten Theile abhängt. Das Heilmittel ist die Elektricität. Mit 
größter Gründlichkeit wird die Art der Anwendung auseinandergesetzt. 

Bei starkem Blut-Erguss in's Auge kann die Punktion, bei Vorfall des 
Auges, wenn Gangrän droht, die Amputation in Frage kommen. Krebs 
in den vorderen Theilen erheischt die theilweise Abtragung des Augapfels ^), 
wobei man die Muskel- Ansätze schonen soll. Wenn der ganze Aug- 
apfel befallen ist, muss man den ganzen exstirpiren. P.'s »Verfahren« 
ist das von Louis (§ 369), nur dass der erstere zuvor den Augapfel punk- 
tirt, was ja fehlerhaft ist, und dann denselben mit einer federnden 
Haken-Zange fasst. Das künstliche Auge 2) bildet eine gebogene Platte, 
wenn ein Stumpf vorhanden ; aber eine Hohlkugel, wenn die Augenhöhle 
ganz leer ist. 

Die Chirurgie der Lidkrankheiten ist schwach, im Vergleich zur 
Star-Operation. P. kennt nicht die Verpflanzung des Haarbodens, die den 
alten Griechen bekannt gewesen. (§ 253.) Beim Milzbrand gebraucht er 
Sublimat in Malven-Abkochung (5ß:.5ii, d. h. 1,8 : 60), um der Gangrän 
Schranken zu setzen. 

Bei den Thränensackleiden gebraucht P. die Verfahren von Anel, 
MfiJAN, Petit, selten die Durchbohrung des Knochens und das Brennen, 
und verwirft Boscbe's Kauterisation der Thränenpunkte. 



4) Der beschriebene Fall ist wohl metastatische Vereiteritng des Augapfels 
im Wochenbett gewesen; auch der folgende war wohl kein Krebs. 

2) P. glaubt die Fabel, dass diese Erfindung von einem alten Affen stammt! 



104 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Pellier ist ein guter Beobachter, der auf Thatsachen Werth legt, 
ein sehr geschickter i) und entschlossner Wundarzt, der auch in schwie- 
rigen Fällen sofort das richtige findet und in's Werk setzt. Er hat eigene 
Gedanken, wenngleich er auch die seiner Nächsten sich zueignet. Ueber 
diesen literarischen Fehler, über seine Eitelkeit und Prahl-Sucht, die ihn 
hundert Mal wiederholen lässt, dass er sein Ophthalmotom ergreift, dass 
er in einer halben Minute fertig wird; über seine Reklamen, — Fehler 
seiner Zeit und seines Ortes, — wollen wir hinwegsehen und einerseits 
anerkennen, dass wir in ihm einen auf sein Fach stolzen Augenarzt vor 
uns sehen und andrerseits den Chronisten von Montpellier 2) zugestehen : 
c'est une des gloires oculistiques de notre ecole. 

Ueber P.'s volksthümliche Hygiene des Auges (Avis au peuple sur la 
conservation de la vue) hat uns Coulomb den Bericht des Bürgers Doussin 
DuBREuiL, Doctor der Medizin, an die akademische Gesellschaft der Wissen- 
schaften zu Paris, vom 12. Nivose des Jahres 10 (1802) njitgetheilt , aus 
dem wir folgendes erfahren: »Der Bürger Pellier nimmt den Menschen 
bei seiner Geburt und schreibt die Mittel vor, um die Sehkraft bis zum 
höchsten Alter zu bewahren . . . Man soll die unentwickelten Kinder nur 
sehr vorsichtig mit Arbeiten beschäftigen, welche eine zu starke oder zu 
fortgesetzte Anstrengung der Augen erfordern, namentlich Abends, bei 
künstlichem Licht. Er warnt die jungen Leute vor den Gefahren der Ex- 
cesse die in der Entwicklungs-Periode das Hirn und die Sehnerven schwächen. 
Die Rathschläge für das reifere Alter und für jeden Beruf liefern nicht 
minder interessante Einzelnheiten ... Er beschreibt die Arten des Sehens 
und ihre Fehler und die Mittel, ihnen zu begegnen mit Hilfe der Brillen, 
deren Theorie Niemand vor ihm gut entwickelt hatte; jeder Leser kann 
selbst die Brille wählen und ihre Brennweite messen. (Wir wissen nicht, 
ob der Bürger Pellier oder der Bürger Dubreuil diese Unwissenheit in der 
Geschichte der Optik verschuldet!) — Dies betrifft den erstenTheil des Werkes, 
der leider verloren gegangen. Die beiden folgenden Theile, die Hr. Coulomb 
abgedruckt hat, geben auf Grund einer 30 jähr. Erfahrung eine kurze Dar- 
stellung der Augenkrankheiten und ihrer Behandlung, die von der in 
P.'s beiden Hauptwerken nicht wesentlich abweicht. Er verweist selber auf 
diese. Seine Beschreibung ist noch oberflächlicher, als dort. Aber immer- 
hin findet man einige interessante Bemerkungen: so, was schon erwähnt 
ist, die Ausziehung eines Eisensplitterchens aus der Hornhaut mit Hilfe 
eines magnetischen Stahlstabs; den Vorschlag seiner künstlichen Horn- 
haut im Falle einer unheilbaren Trübung der ganzen Hornhaut; ferner die 
Anwendung der Lupe in dem Falle einer 15 jährigen, der wohl KeratoTritis 



1) »Wer nicht natürliche Geschicklichkeit besitzt, soll mit Augen-Operationen 
sich nicht befassen.« (Precis, I, S. 24.) 

2) Trug u. Pansier, a. a. 0., S. 271. 



Sonderschriften über Augen-Operationen. 105 

gewesen sein mag, von P. für Trockenheit der Hornhaut und Verstopfung 
ihrer Poren gehalten und mit Punktion und Üffenhaltung der Wunde glück- 
Uch behandelt wurde; die Unterscheidung der fliegenden Mücken von den 
Leiden des eigentlichen Seh-Organs durch den wahren Augenarzt. Beim 
Star tritt er dem Prof. Scarpa, der die Psiederdrückung predigt, freimüthig 
entgegen und will diese Operation nur für den Ausnahmefall des Lagophthalmos 
zulassen; aber er erzählt Fälle genug, die er im Beginn mit seinem CoUyr 
No. . . (die Zusammensetzung giebt er ebenso wenig an, wie die Zahl,) voll- 
ständig geheilt habe. Ebenso erhebt er sich mit Feuer gegen die Unheil- 
barkeit des schwarzen Stars (gutta serena) und preist für schlimme Fälle 
die Anwendung der Elektricität. 

Bibliographischer Zusatz. 

Sonderschriften über Augen-Operationen: 

Jüngken, Die Lehre von den Augen-Operationen, Berlin 1829. 

B. Travers and J. H. Green, Principles and practice of Ophthalmie surgery, 

London 1839. 
Liharzik, Augen-Operationen nach den Lehren der Wiener Schule, Wien 1834. 
Ritterich. Lehre von den blutigen Augen-Operationen, Leipzig u. Heidelberg 1858. 
Pilz, Compendium der operativen Augenheilkunde, Prag ISGO. 
Deval, Chirurgie oculaire (nach F.Jäger u. Rosas), Paris ■1844. 
E. Meyer, Traite des Operations qui se pratiquent sur Tceil, Paris 1870. 
L. de Wecker, Chirurgie oculaire. Paris 1879. 

Arlt, Augen-Operationen, -1874, in der ersten Aufl. dieses Handbuchs. 
Sn eilen sen., Augen-Operationen, in der 2. Aufl. desselben. 
W. Czermak, Die augenärztlichen Operationen, Wien 1893—1904. f12H6 S.l 
A. Elschnig. W. Czermaks augenärztliche Operationen, 2. Aufl., Berlin u. Wien 

1908. ;2 B.; 
Terrien, Chirurgie de l'oeil et de ses annexes, Paris 1902. ;Dies Werk ist in's 

Deutsche übersetzt.) 
Jo. Meiler, Ophthalmie surgery, Wien 1908. (Dies englische Werk eines Deutschen 

wird wohl bald in's Deutsche übersetzt werden.) 

In den Werken über Chirurgie und chirurgische Operationen des \8. Jahr- 
hunderts werden die Augen- Operationen schlecht und recht mit abgehandelt. 
Das letzte Beispiel dieser Vereinigung finden wir in Manuel de Medecine 
operatoire par J. F. Malgaigxe, Paris 186 1 (820 S.), das in III, c. i, S. .345 
bis 423 die Augen-Operationen abhandelt. Er ist für Niederlegung des Stars 
und glaubt nicht an F. Jäc.er's Ausziehungs-Erfolge! Malgaigxe war der ge- 
lehrteste Chirurg seiner Zeit, aber als Künstler unbedeutend. 

§ 382. Unter seinen Freunden und Gönnern nennt Pellier die beiden 
Professoren Bodrquenod zu Montpellier. Der Vater, Pierre B. , Prof. der 
Anatomie und Chirurgie (33), veröffentlichte 17751) einen Fall von schein- 
barem Au£;en-Man2;el bei einem Neu£;eborenen. Bei der Zergliederung fand 



1) Journ. de med. de Montpellier, avril 1775, vgl. P. u. T., S. 221; auch für 
das folgende. 



106 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

er eine fleischige Haut, welche die Lidspalte vollkommen schloss. Nach dem 
Einschneiden derselben entleerte sich ein Lüffel voll Flüssigkeit. Der Aug- 
apfel war anscheinend normal, obwohl ein wenig zurückgesunken. 

Der Sohn, Jean Pierre B. (3)1), Prof. der Anatomie am Colleg der Wund- 
ärzte im Jahre 1792, als dasselbe aufgehoben wurde, beschrieb 1810^) 
ein Brettchen für die Stuhl-Lehne , an welches der Star-Kranke seinen 
Kopf lehnen und der Operateur seinen Ellenbogen stützen könne. 

§383. Glefze (34)21, 

geb. zu Montpellier, betrieb als Meister- Wundarzt schon 1763 das Gewerbe 
des Augenarztes im Umherziehen , von Orleans aus, dann von Montpellier 
aus, wo er durch den selbstgewählten Titel »oculiste residant ä M.« 
die Eifersucht von Pamard erregte; schließlich, nachdem er den Titel eines 
Doctor der Medicin erworben, wieder in Orleans, bis 1811. Aus seinen 
Anzeigen in der Zeitung von Avignon (vom 25. Dez. 1778) ersehen wir, 
dass er Augensalben verkauft, das Tüpfchen zu 12 livres, und für jede 
Berathung 6 livres nimmt. Er zeigt seine glücklichen Operationen an, seine 
Bestallung als Augenarzt des Grafen von Artois und des Herzogs von 
Orleans, seine Reisen und Aufenthalte und hat 1783 den Preis der Be- 
rathung auf 12 livres erhöht. 

Sein Hauptwerk ist 

1 . Nouvelles Observations pi'atiques sur les maladies de loeil et leur Trai- 
tement. Par M. Gleize, Med. ocul. du Comte d' Artois etc. Paris 1786, 8". 
(23 8 S. — Eine zweite Auflage erschien zu Orleans, 18H.) Weitere Veröffent- 
lichungen folgten. 

2. Mem. sur l'ophthalniostat de Demours et sur une nouvelle maniere de 
s'en servir. J. de med., LXXV, S. 281—290, 1788. 

3. Mem. sur les avantages du seton ä la nuque dans les ophthalmies 
humides ou inveterees. Ebend. LXXVIII, S. 194 — 216, 1789. 

4. Des staphjlomes et de leurs funestes effets sur l'oeil et sur la vue. 
Ebend. LXXXI, S. 369—410, 1789. 

5. Reglement de vue ou comment on doit gouverner ceux qui sont affliges 
de faiblesse de la vue, avec les moyens de s'en preserver. Paris & Orleans, 
1787, 8°. (175 S.)^^ 

Von seinem Hauptwerk urtheilt Richter (Chir. Bibl. X, 1, S. 142 — 152, 
1790), dass es unerheblich, oberflächlich, höchst unvollständig sei. Aehn- 
lich urtheilt Beer (Repert. I, S. 59). G.'s Landsleute (Truc und Pansier, 



1) J. de Med. de Montpellier. 

2) Seinen Vornamen vermochte ich nirgends zu entdecken. 

Vgl. Biogr. Lexikon III, S. 1 76/7. L'opht. ä Montpellier, par Trug et Pansier, 
1907, S. 231—236. 

3) Die Liste der populären Werke über Erhaltung der Sehkraft werde ich 
später geben, bei Gelegenheit des hierher gehörigen Werkes von Joseph Beer. 



Die Bourquenod's. Gleize. Desmonceaux. 107 

a. a, 0. 1907, S. 236) finden in ihm einen Praktiker, hinter dem ein Ge- 
lehrter steckt (un praticien double d'un erudit): was allerdings andren 
Sterblichen zu entdecken nicht gelungen ist. Sein Fach- und Zeitgenosse 
Pellier, den er allerdings durch einen ungerechtfertigten Angriff gereizt 
halte, wirft ihm Ungeschicklichkeit, Unkenntniss und Mangel an Wahrheits- 
liebe vor. (Precis, I, S. 1 85.) Gleize lässt durch einen Lidheber das Ober- 
lid emporhalten, für die Star-Operation. Er räth, das eine Auge des 
Kranken der Niederdrückung, das zweite der Ausziehung zu unterwerfen! 
Allerdings hat er ein gewisses Verdienst um die Discission. Man darf 
ihn als Vorgänger Conradi's bezeichnen. (B. XIII, S. 522.) 

Das Jahr 1786 schließt die Reihe der französischen Lehrbücher der 
Augenheilkunde. Die Revolution pocht an die Thore. Der Krieg stellt 
andre Aufgaben. Erst nach 20 Jahren entstehen neue Werke. 

Aber die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigte eine veränderte 
Weltlage: Frankreich hat nicht mehr die hervorragende Stellung in der 
Augenheilkunde, die es im \S. Jahrhundert eingenommen. Deutschland 
tritt in den Vordergrund, England erhebt sich mit Macht, Italien zeigt, 
was es kann, 

§384. Desmonceaux (35, 1734—1806)1) und die Myopie-Operation. 

D. benutzte die Mußestunden, welche sein geistlicher Beruf ihm 
verstattete, um Heilkunde zu studiren, und beschäftigte sich hauptsäch- 
lich mit den Krankheiten der Augen. 

Was er aber als Ergebniss einer 25jährigen Erfahrung uns vorlegt, — 
Traite des maladies des yeux et des oreilles, considerees sous le rapport des 
quatre ages de la vie de Thomme, Paris 1786, 2 B. (280 und 498 S.), — ist so 
schwach und elend, dass man auf seine Bemerkung, »ein Geistlicher dürfe 
gar füglich auch ein Arzt sein«, frei nach Lessing erwidern möchte: 
»Gewiss, wenn er es gelernt hat.« Sehr milde lautet das Urtheil von 
Panas, dass der Abbe mehr Menschenfreund, als Augenarzt gewesen. 

Das einzige, was geschichtlichen Werth hat, ist sein Rath an die 
Kurzsichtigen, sich die Linse ausziehen zu lassen. Er selber hat nicht 
operirt. Die Operateure haben seinen Rath wohl in Erwägung gezogen, 
aber i. A. nicht befolgt. So ist denn die Menschheit des 1 8. Jahrhunderts 
von der Geißel der Myopie-Operation noch so ziemlich verschont geblieben, 

»Die Myopie-Operation durch Ausziehung der ungetrübten Krystall- 
Linse ist ein Jahrhundert alt und gehört einem Franzosen an, dem Abbe 
Desmonceaux; ihm gebührt die ganze Ehre . . .« »Ebenso wie die Aus- 
ziehung der Star- Linse das AVerk eines Franzosen ist, ist auch die Aus- 
ziehung der normalen Linse zur Heilung der äußersten Kurzsichtigkeit 



\) Biogr. Lexikon III, S, 1G5. Beer, Repert. I, S. 2i. 



108 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

das Werk eines Franzosen und muss Operation von Desmonceaux 
heißen« . . . »Ich beglückwünsche mich, dass ich zur Rehabilitation einer 
Operation französischen Ursprungs beigetragen, deren ganzes Verdienst dem 
Augenarzt Desmonceaux gebührt, der zuerst alle ihre Vort.heile angekündigt 
und sie regelmäßig seit 1776 ausgeübt hat.« Wer diese eindrucksvollen 
Worte gelesen, die Dr. L. Vacher aus Orleans im Jahre 1896 in den 
Annales d'Oculistique (CXVI, 1) mittheilt, möchte schon glauben, dass der- 
selbe Recht hat; — aber das wäre ein Irrthum. 

1. Desmonceaux hat sein Werk im Jahre 1786 veröffentlicht. Drei- 
undzwanzig Jahre vorher, im Jahre 1763, hat Albrecht von Haller in 
seinem berühmten, allgemein bekannten, während. des 18. Jahrhunderts 
fast von jedem Schriftsteller über Heilkunde citirten Werk »Elementa 
physiologiae « (V, S. 500)'^ den folgenden Satz niedergelegt: »Juvantur 
(myopes) etiam iis omnibus, quae oculum planiorem reddunt, eliam digito: 
potissimum vero extracta vel deposita lente crystallina, quo 
fit, ut vires jradios in oculo cogentes magna parte sui diminuantur.« 
Also, »den Kurzsichtigen wird geholfen . . . hauptsächlich durch Aus- 
ziehung oder Niederlegen der Kry stall- Linse, wodurch die Stärke der 
Strahlenvereinigung im Auge um einen großen Betrag verringert wird«. 

Haller citirt hierbei Woolhouse (de cat. &glauc.)2); aber dieser hat 
nur gesagt, dass »die von Geburt Kurzsichtigen, welche (vor dem 55. oder 
60. Jahre) die Star-Operation erleiden, der Lupen zum Sehen nicht be- 
dürfen«. Dies ist bereits vor ihm von Boerhaave 1708 ausgesprochen 3), 
1713 von Heister*) genau veröffentlicht, und nach ihm in verschiedenen 
Werken des 18. Jahrhunderts wiederholt worden, namentlich von Janin 
(1772). Letzterer beschreibt ausführlich den Fall einer alten Dame, die 
seit Kindheit so kurzsichtig gewesen, dass sie nur bis auf 2Y2" lesen 
konnte, im 70. Jahre vom Star befallen und 1769 von Janin extrahirt 
wurde und danach in die Ferne viel besser, als vor der Star-Bildung, sah 
und in der Entfernung von 15 — 16" ohne Brille zu lesen vermochte. 

Also den Gedanken der Myopie-Operation hat A. v. Haller 
schon 23 Jahre vor Desmonceaux — und klarer, richtiger, vollständiger, 
als der letztgenannte, — ausgesprochen. 

2. Dass dieser Gedanke bereits in die That umgesetzt worden, könnte 
man vermulhen nach desselben Haller's Bibl. chir. (II, S. 405, 1775): 



1) Diese wichtige Stelle scheint bisher noch keine Beachtung gefunden zu 
haben. 

2) >p. 64« ist wohl ein Irrthum. Es steht p. 58 der citirten lat. Ausgabe und 
p. 7 der franz. Ausgabe vom Jahre 1717. 

3) Lente suppressa focus in puncto a Cornea remotiori figitur, ut in retinam 
incidat, qui antea ante retinam colligebatur. 

4) Vgl. B. XIII, S. 428. 



Die Myopie-Operation. 109 

»Joseph Higgs, Chirurg. Birminghamensis, a Practica! Essay on the Cure 
of Venereal, Scorbutic, Arthritic, Leprous, Scrophulous and Cancerous Dis- 
orders. In a Method entirely new. London 1745. (4°) Myopiam de- 
pressa lente crystallina curavit.« Mit diesem Citat Haller's konnte 
ich mich nicht befriedigen. Doch war Higg's Buch in Deutschland nicht 
zu haben. Mein Freund E. Nettleship hatte die Güte, es in England zu 
suchen, (er fand es in the Library of the Royal Society of Medicine, London, 
»Tracts D. 7«,) und die entsprechende Stelle (p. 37) für mich abzuschreiben. 

»Some Years ago, I proposed to Dr. Desagvliers a Method for relieving near- 
sighted PersoDs, by depressing the Crystalline Humour, as in couching; inasmuch 
as, when that Medium is removed, one of a less density will succeed, which 
will supply the place of Glasses. But the Experiment I have never as yettried.« 

Somit hat der Engländer Higgs die Priorität des Gedankens vor 
Haller voraus; aber der letztere hat ihn, wie natürlich, klarer ausgedrückt. 
Wer Dr. Desaguliers war, kann ich nicht ermitteln. Der Abbe Desmon- 
CEAUX war jedenfalls zu dieser Zeit (1745) noch ein Kind gewesen. Das 
Buch von Higgs ist kurz (40 S.) und nicht sehr werthvoU, nach dem 
ürtheil von E. Nettleship, dem ich zu besonderem Danke verpflichtet 
bin, und nach der ausführlichen Abschrift des Kapitels von den Augen- 
leiden, die ich gleich folgen lasse. 

»Now I am speaking of External AppHcations, I will take notice of some 
for the Eyes. The Axungia Viperina, Ünguentum Tutiae, and Sir Hans Sloane's 
Ointment, I have found very successful in my Practice. Though in ill-condi- 
tioned Ulcers, and Tumours of the Eyes, and adjacent Parts, the Fume of 
Mercurius Dulcis and Myrrh, with an Application of the Ceratum Album, together 
with suitable Evacuations, answers mueh better. What will Tutty, a Lapis 
Calaminaris, do alone in dissolving the Obstructions formed in those Capillary 
Tubes, the last decreasing Series of Nervo-Lymphatics ? How many Disorders 
and surprising Phaenomena arise from Tumours too grossly secreted in the 
transparent Membrane of that noble Organ, the Eye! How many Accidents 
proceed from, and depend upon, the two great contractile and distractile State 
of the nervous System, where its Membranes are so variously vitiated! 

(Hierauf folgt der Satz über die Myopie-Operation.) Die »Neue Methode« 
besteht in der Anwendung von Quecksilber-Präparaten. 

3. Die Stelle von Desmonceaux, welche Düjardin (aus Lille) zuerst auf- 
gefunden, lautet folgendermaßen (H, S. 140): 

»Die Myopen von 2 — 3 Zoll Focus sind sehr unglückliche Personen, 
weil sie, was zu ihren Füßen liegt, nur sehr undeutlich sehen; sie sind 
folglich zur Arbeit wenig geeignet. Deshalb rathe ich, so lange sie noch 
jung sind, ihnen die Linse auszuziehen, was die Ausdehnung (extension) 
der Hornhaut verringern und das Bild der Gegenstände empfindlicher 
machen wird. Diese Operation ist, wie ich in einer kleinen Schrift 
vom Jahre 1776 angezeigt habe, weniger zu fürchten, als die des Stars, 



110 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

weil die Linse, die unverändert ist, nach der Eröffnung der Kapsel leicht 
austritt. Diese Hilfe für die Kurzsichtigen der ersten (höchsten) Klasse war 
weder bekannt noch ausführbar vor der Operation der Ausziehung und 
kann nur von großem Nutzen sein für die, welche arbeiten müssen.« 

In demselben Werk von Desmonceaux (I, S. 406) heißt es noch: »Der 
Star ist nicht die einzige Ursache, welche den Hornhaut-Schnitt nöthig 
macht. Der vollkommene Myop ist zuweilen in dieser Lage, wenn man 
annimmt, dass die Ursache dieser Krankheit in zu großem Volumen 
des Linsenkörpers besteht. Dann habe ich oft diese Operation 
mit Erfolg ausführen sehen, weil jede Linse, in welchem Zustand sie 
sich auch befindet, ausgezogen werden kann, und weil von dieser Opera- 
tion der vollkommene Myop einen wirklichen Vortheil zieht, einen Zustand, 
der die Wahrnehmung der Gegenstände erleichtert.« 

Also in theoretischer Hinsicht bleibt Desmonceaux zurück hinter 
seinem Vorgänger Albrecht von Haller und bringt zur Begründung der 
Operation zwei verschiedene Irrthümer, nämlich, dass die Kurz- 
sichtigkeit auf Ausdehnung der Hornhaut oder auf Vergrößerung der Linse 
beruhe. In praktischer Hinsicht giebt er an, verschiedene erfolgreiche 
Operationen gesehen zu haben. Wer hat diese ausgeführt? Meinem 
Freunde Pb. Panas ist es 1897 gelungen, das vorher erwähnte Schriftchen 
des Abbe wieder aufzufinden; es hat den Titel »Lettres et observations . . . 
sur la vue des enfants naissants, Paris 1775«, und enthält auf S. 5 das folgende : 
»Diese Operations-Art wird neu erscheinen, aber sie gelingt und wird fast 
immer gelingen in der geschickten Hand des Baron Wenzel, der davon 
mehrfach die Probe gemacht und der die Barmherzigkeit hat, die armen 
Kranken zu operiren, die an mein schwaches Licht sich wenden.« Ge- 
meint ist doch Wenzel der Vater, da der Sohn erst 1779 seine Doctor- 
Dissertation verfasst hat. 

Uebrigens hat der letztere in seinem bekannten Traile de la cata- 
racte (Paris 1786) und in seinem Manuel d'Oculistique (Paris 1808)^' 
keine Silbe darüber, woraus Panas schließen möchte, dass AVenzel ent- 
weder die Operation nicht gemacht oder nur Miss-Erfolge erlebt hat. (Doch 
schreibt Panas dem Vater die Bücher des Sohnes zu.) Dass der Abbe 
»als Diener der Religion« und »aus Mangel an Muth« nicht selber operirte, 
sondern seine Kranken, die der Operation bedurften, an denjenigen Augen- 
arzt sendete, den er für den erfahrensten hielt, wissen wir aus seinem 
Brief an Janin vom Jahre 1772 2); und werden uns nach dem vorher er- 
wähnten Satz über Wenzel nicht mehr wundern, dass Janin in seinem 
Werk nichts über Myopie -Operation bringt. 



1) Der Artikel über Myopie ist ungemein dürftig. 

2) Annal. d'Ocul. CXVI, S. 472, 4 896. 



Die Myopie-Operalion. 111 

Jedenfalls tlieilen sich also in den Ruhm der »französischen« Er- 
findung der Engländer Higgs und der Schweizer-Deutsche Albrecht 
VON Haller. 

Desmonceaüx machte wenig Eindruck auf die großen Wund- und Augen- 
ärzte seiner Zeit. A. G. Richter hat in seiner so genauen chirurgischen 
Bibliothek das Werk des Abbe überhaupt nicht einmal besprochen. Trotz- 
dem erwähnt er in seinen Anfangsgründen der Wundarzneikunst (1790, III, 
S. 489 — 498) die Myopie-Operation: »Das einzige Mittel dieser Art wäre 
die Ausziehung oder Niederdrückung der Linse, ein Mittel, das auch 
selbst in dem Fall der stärksten Kurzsichtigkeit, wo Palliativ-Mittel wenig 
nützen, kaum anwendbar ist, da es vielleicht den gänzlichen Verlust des Ge- 
sichts veranlassen kann« . . . :>ünd sollte man nicht im Falle einer äußersten 
Kurzsichtigkeit es versuchen dürfen, die Krystall-Linse niederzudrücken oder 
auszuziehen, um die Brechung der Licht-Strahlen zu mindern?« 

Joseph Beer verhält sich zuerst im Jahre 1799 ziemlich ablehnend 
(Repert. I, 24): :>Den Kurzsichtigen räth Desmonceaüx gar, sich die Linse 
ausziehen zu lassen.« Aber 1817 (Augenkr. II, S. 659) möchte er der 
Frage näher treten: »Ob man übrigens bei einem fast an wirkliche Blind- 
heit grenzenden Grade der Kurzsichtigkeit den Leidenden nicht etwa eine 
wahrhaft gründliche Hilfe durch Ausziehung der Linse leisten könnte? 
Dafür möchte schon der Erfolg der Star-Ausziehung bei solchen Starblinden 
laut sprechen, welche vor der Entstehung des Stars in einem sehr hohen 
Grade kurzsichtig waren ; denn kein anderer auch noch so glücklich ope- 
rirter Starblinder erfreut sich eines so trefflichen Gesichtes, von dem der 
Kurzsichtige niemals einen Begriff gehabt hat. Wer steht aber für den Er- 
folg dieser Operation überhaupt? zumal bei der Ausziehung einer durchsich- 
tigen Linse? wird der Kurzsichtige nicht vielmehr selbst, indem er die 
Annäherung eines jeden Instruments deutlich sieht, automatisch dem Operateur 
die größten Hindernisse in den Weg legen, und den Erfolg der Operation 
eben dadurch um soviel unsicherer machen, als es bei der gewöhnlichen 
Starausziehung der Fall ist? Wie schwer ist schon Extraction des Stars 
bei einer noch nicht vollkommen verdunkelten Linse ? Wer dieses nie ver- 
sucht hat, kann es auch unmöglich beurtheilen. Indessen lohnt es sich 
doch immer der Mühe, wenn sich ein solcher höchst Kurzsichtiger einmal 
wenigstens mit einem Auge zu einem solchen Heilversuch verstünde.« 

In den folgenden 40 Jahren des 19. Jahrhunderts scheint die Myopie- 
Operation nur wenig Beachtung, jedenfalls fast gar keine Ausführung ge- 
funden zu haben. 

Weller in Dresden sagt 18221): »Ich glaube indess kaum, dass sich 

<) So nach Hess. — Ich besitze allerdings nur die 4. Aufl. der Augenkr. von 
C. Weller, Wien 1831, woselbst S. 36-2 der erwähnte Satz steht. Die erste Aufl. 
erschien 1819. 



112 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Jemand zu einer solchen Kur entschließen wird, indem für das ganz sichere 
Gelingen der Operation doch Niemand einstehen kann.« 

Benedict in Breslau räth allerdings 1 825 zur Ausziehung der Linse 
in den höchsten Graden der Kurzsichtigkeit, aber nur unter günstigen Um- 
ständen und zunächst immer nur auf einem Auge; doch scheint er bis 
dahin die Operation nicht selber ausgeführt zu haben. (Augenkr. V, S. 242.) 

1834 meint Andreae in Magdeburg: »Nun, wo wenig zu verlieren . . . 
scheint die Operation der Linsen-Ausziehung nicht geradezu verwerflich.« 

1839 erklärt Radius in Leipzig, dass Beer's Vorschlag Beachtung ver- 
diene, doch sei an Stelle der Ausziehung vielmehr die Zerstückelung zu 
setzen. (Waltber u. Jäger's Handwörter-Arch. d. Chir. u. Augenh. IV, 627.) 

Die berühmten Lehrbücher, das englische von W. ÄIackenzie in Glasgow 
(1830, IV. Aufl. 1854) und das französische von Garron du Villards (1838), 
die klassischen Lehrbücher aus der Mitte des 19. Jahrb., von Desmarres 
(1847), von RuETE (1845), von F. Arlt (1852) enthalten keine Silbe mehr 
von der Operation, während Rognetta (Paris 1844, S, 178) »nicht zögern 
möchte, die Operation zu machen, wenn die andern Mittel unwirksam ge- 
blieben«. 

Wie dann 1858 A. Werer und Mooren erst schüchtern und darauf 
V. FuKALA 1889 mit Kühnheit die Myopie- Operation neu begründet, ja 
eigentlich erst geschaffen, soll an dieser Stelle noch nicht, sondern erst 
später ausgeführt werden. 

Bibliographie der Geschichte der Kurzsichtigkeits-Operation. 

■ V. Fukala, Heilung der Kurzsichtigkeit, Leipzig u. Wien ■isoe, S. 19 — 23. 

Derselbe, Zur Geschichte der Heilung hochgradiger Myopie durch Linsen-Entfernung. 
Wiener med. Presse No. 6. 

Derselbe, Beitrag zur Geschichte der operativen Behandlung der Myopie. Arch. 
f. Augenh. XXIX, S. 42—50, ■1894. Vgl. noch Arch. f. 0. XLV, S. 228—230, 1898. 

L. Vacher, Annales d'Ocul. CXVI, 1, S. 8 u. 19, 1896. (Vgl. ebendas. S. 472.) 

Beide haben um die Palme der Neu-Entdeckung der Myopie-Operation 
gerungen. Aber die Geschichte der ursprünglichen Entdeckung richtig 
und vollständig zu beschreiben ist keinem von beiden gelungen. 

F. Otto, Beobachtungen über hochgradige Kurzsichtigkeit und ihre operative Be- 
handlung, Arch. f. 0., XLIII, 2, S. 324—328; XLVII, 1, S. 242-248. 

Panas, Arch. d'opht. XVII, S. 66, 1897. 

C.Hess, in diesem Handbuch VIII, 2, S. 328— 329, 1903. (Enthält auch, auf 
S. 346—365, die Literatur der Myopie-Operation bis zum Jahre 1901.) 

W. Czermak, Die augenärzthchen Operationen, 1893—1904, S.1097— 1101. (S. 1098 
Anm. 5 lies Desmonceaux statt Wenzel.) 

Für die ältere Geschichte dieser Operation hat ein gewisser Desmoulins 
den Gelehrten unsrer Tage viel Kopfzerbrechen verursacht. »Einzig die Mittheilung 
von Desmoulins über diese Operation . . . bleibt aufzufinden«, sagt Pflüger 1900. 
(Die operative Beseitigung der durchsichtigen Linse, S. 1.) Otto bedauert, sich 
Desmoulins' Werk nicht verschaffen zu können. Hess sagt: »Desmoulins be- 
fürwortet den Eingriff.« 



Die Theoretiker. 113 

Nun dieser Desmoulixs existirt nicht; er beruht auf einer Verwechslung 
mit Desmonceaux, die Benedict 1825 begangen (prakt. Augenheilk. V, S. 242): 
»Ueber den schon von Desmoulins gemachten Vorschlag, welchem Beer im 
Ganzen nicht abhold zu sein scheint, einen hohen Grad von Kurzsichtigkeit 
durch die Ausziehung der Krystall-Linse zu vertilgen, sind zwar die Meinungen 
der Augenärzte bisher getheilt gewesen« ... 

§ 385. Theoretiker, welche über Augenheilkunde geschrieben haben, 
müssen der Vollständigkeit halber, wenn auch in aller Kürze, noch erwähnt 
werden. 

1. Antonius Fizes, Prof. in Montpellier, hat uns eine Schrift de Cataracta 
(Montp. 1731) hinterlassen, worin er mehr der neuen Ansicht zuneigt, ohne 
die alte aufzugeben, Gelehrsamkeit zeigt, aber weder Klarheit noch Erfahrung 
kundgiebt. (Haller, liibl. chir. II, S. 69; Truc & Pansier, Ophth. ä M., 
S. 202.) 

2. Henrici Hacuenot (<687 — 1775, Prof. in M.), de morbis capitis ex- 
ternis, Genevae 17 51. Enthält auch die Augenkrankheiten in kurzer und lehr- 
hafter Darstellung. (Haller, bibl. chir. H, S. 69, Trug & Pansier, S. 205.) 

3. Fran(;ois Boissier de Sauvages *) de la Croix (1706 — 1767, gleichfalls 
Prof. in Montpellier): Xosologia methodica sistens morborum classes, genera et 
species juxta Svdenham. & botanicorum ordinem, Lvon 1763, 5 Vol. 

Desselben, de morbis sensuum externorum, 1761. 

Desselben (von J. Dechevane vertheidigte Diss.), Synopsis morborum oculis 
insidentium genera et species exponens, Montp. 1751. 

S. verstand zwar nicht viel von der Augenheilkunde, war aber durch starke 
Kurzsichtigkeit seiner eignen Augen zum genaueren Studium der Optik geführt 
worden 2] und hatte merkwürdige Gedanken. Bei einem Kurzsichtigen, dessen 
Pupille durch ein örtliches Mittel des Arztes Lefevre stark erweitert war, wollte 
er die Netzhaut sehen. Vom Schielen unterscheidet er nicht weniger als 
12 Arten, von denen die letzte (wie bei Galen, § 208,) durch Verschiebung der 
Linse entstehen soll. Bei dem Star zieht er die Ausziehung vor. Bei der 
Sehschwäche versucht er den Grad der Kurz- und Fernsichtigkeit festzustellen, 
indem er das Optometer von La Hire (1696) benutzt, das aus zwei feinen, 
nahen Löchern in einem Kartenblatt besteht, also auf dem ScHEiNER'schen Ver- 
such (§ 310) beruht; doch kommt er schließlich nicht weiter als der Empiriker 
ÜAf A des Valles (1623, § 302), dass die Sammelgläser nicht vergrößern und 
die Zerstreuungsgläser nicht verkleinern dürfen. 

Den Sitz der fliegenden Mücken verlegt er in die Netzhaut. Nach eigner 
Selbstbeobachtung beschreibt er das Flimmer-Skotom. 

S. hat eigne, ausdrucksvolle Krankheitsnamen. Als Danae-Funkeln 
(Berlue de Danae) beschreibt er einen herabsteigenden Goldregen. 

Zusatz. Das 18. Jahrhundert hat noch andre »nosologische Sy- 
steme« hervorgebracht, die gelegentlich in augenärztlichen Schriften, z. B. in 
der Abhandlung über die Ophthalmien von Naval (§ 40 8), ausführlich erwähnt 
werden. 



1) Trug u. Pansier, S. 191. Haller, H, S. 320. 

2) Demours, Precis, 1824, S. 416. D. stützt sich in der Refraktions-Lehre auf 
Sauvage! 

Handbuch der Augenheilkunde. ?. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. 8 



114 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

JoHANX Baptist Michael Edler von Sahar i), i702 zu Poelland in Krain 
geboren, war in seiner Jugend Hirtenjunge, lebte als Student von Almosen, er- 
langte erst mit 50 Jahren die medizinische Doktor-Würde in Wien, wurde zum 
Physikus im Iglauer Kreise ernannt und machte sich vorzugsweise bekannt durch 
Svstema moi'borum symptomaticum secundum classes, ordines, genera 
et species, cum characteribus, difYerentiis et therapeiis. Filum Ariadnaeum 
ad lectulos aegrorum. (Wien 1776.) 1776 wurde er geadelt; 1788 ist er arm, 
wie er gelebt, gestorben. Nach J. F. C. Hecker war dies der beste nosologische 
Versuch des 1 8. Jahrhunderts. 

William Cullen'" (1712 —1790), erst Landarzt, dann Professor zu Glasgow 
und später in Edingburgh, schrieb 

Synopsis nosologiae methodicae (Leiden 1772, Edinb. 1777, 1782, 
178'), deutsch Leipzig 1786). 

4. Zu den Theoretikern gehört auch der so oft citirte Le Blaxc, Precis 
d'operations de Chirurgie, Paris 1775. Denn er spricht beider einzigen Augen- 
Operation, die er behandelt, bei der des Stars, »nur durch andrer Leute Mund«, 
d. h. er lässt Durand, Janin, Grandjean reden. Das Buch ist aber dadurch 
für uns bemerkenswerth, dass es eine seltne Abhandlung aus dem 18. Jahr- 
hundert uns bequemer zugänglich macht, nämUch Daviel's dreieckigen Horn- 
hautschnitt, aus dem französischen Merkur vom Juli 1762. (XIll, S. 515.) Ferner 
bildet er die Star-Lanze von Grandjean ab, die der Hohl-Lanze von A. Webek 
sehr ähnlich ist. 

Wichtiger für die Star-Operation war Raphael Bienvenu L. Sabatier's 
Medecine operatoire (3 B., Paris 1796, deutsch Berlin 1799), während DionIs' 
Kurs der wundärztlichen Operationen (1707) noch in der 8. Aufl. vom Jahre 1782 
auf dem veralteten Standpunkt der Star-Lehre verblieben ist. 

§ 386. Anhang. Frankreich's augenärztliche Dissertationen 
aus dem 18. Jahrhundert. 

Dissertationen haben manchmal einen wissenschaftlichen Werth, — 
wenn sie von Meistern, nicht von Schülern verfasst sind; immer aber be- 
sitzen sie eine psychologische Bedeutung, da sie die Strömungen kund- 
geben, welche gerade zur Zeit die Geister bewegen. Deshalb schließe ich 
diesen Abschnitt mit der Liste der Dissertationen Frankreichs aus dem 1 8. Jahr- 
hundert, nach der trefflichen Zusammenstellung in 

Catalogue general des theses francaises^) d'ophtalmologie, publie sous 
la direction du Dr. H. Trug, Prof. de clinique opht. ä l'Universite de Montpellier, 
par A. Jalabert et P. Chavernac, deuxieme edition, Montpellier 1904. (327 S.) 

I. Anatomie. 
4 761. Barth es, Montpellier, Num oculi structura infinitam conditoris ostendat 
scientiam? Inter praecipuas corporis animati partes oculus magni 
conditoris nostri sapientiam ostendit. These de professorat. 
Goste, Paris, An membranae oculi similem habeant, structuram? usum? 
These pro pastillaria. 



1) Biogr. Lexikon V, S. U7. 

2) Biogr. Lexikon II, S. 1 1'2, 

3) Es würde sich der Mühe lohnen, solche Kataloge auch für Deutschland 
u. die andren Länder anzufertigen. 



Dissertationen. 115 

IT. Physiologie. 

■1708. Le Moine, Paris, An praecipuum visionis instrumentum, retina? Choroides? 

These pro pastillaria. 
Le Francois, Paris, An impressae in retina imagines transmittantur ad 

cerebrum, continuata iibrarum nervi optici agitatione? spirituum un- 

dulante motu? These pro pastillaria. 
1741. Sawyer, Montpelliei', Dissertatio physiologica de visu. 
1743. La Sone ^de . Paris, An in oculo fere aequa sit humoris aquosi corporisque 

vitrei, densitas? vis refrangens? These pro pastillaria. 
1749. Grandclas, Paris, An choroides sit immediatum visionis Organum? These 

de baccalaureat. 
1732. Bernadac, Montpellier, De visione. 
1770. Roussille de Chamseru, Paris, An retina primarium visionis Organum? 

These de baccalaureat. 

1782. Fournier, Montpellier, A quo oculi vitio producatur gemina objectorum 

imago et arte curari possit? These de professorat. 

1783. Vigaroux, Montpellier, Tentamen physiologicum de visu, No. 28. 
178.^. Pinac, Montpellier, Tentamen de visione. 

Muscles (Anatomie. — Physiologie). 

1707. Le Francois, Paris, An obliqui oculorum musculi retinam a crystallino 

dimoveant? These de baccalaureat. 

1708. Le Camus, Paris, An obliqui oculorum musculi retinam a crystallino re- 

moveant? These de baccalaureat. 

Appareil Lacrymal Inflammations. — Dacryocystites. — Fistule et tumeur lacrymale). 

1728. Fremont, Paris, An fistulae lacrymali cauterium actuale? These de bac- 
calaureat. 

1738. F errein, Paris, An fistulae lacrymali cauterium actuale? These de bac- 
calaureat. 

1763. Magnabal, Montpellier, De morbis lacrymarum ac praecipui de fistula 
lachrymali. 

1776. Licht, J. F., Straßburg, De praecipuis viarum lacrymalium morbis. 

Operations. 

1770. Nollan, Paris, An impeditis lacrimarum viis artificiale iter, in cavum quod 
juxta majorem oculi canthum, inter superficiem internem palpebrae 
et oculi globum deprehenditur? Thöse de baccalaureat. 

VL Paupieres. (Inflammations.) 

1773. Becquet, L. J., Paris, De palpebrarum ulceribus. 

1787. Christophe, M., Straßburg, De morbis palpebrarum inflammatoriis. 

VII. Conjonctive. (Ophtalmies.) 

1731. Ferren, Montpellier, An ophtalmiae venae sectio saepius repetita? These 

de professorat. 1731 — 32. 
1779. Laroy de Lor, Montpellier, Tentamen medicum de Ophthalmia, No. 31. 
1783. Cogordan, Montpellier, Tentamen medico-chirurgicum de quibusdam oph- 

thalmiae speciebus, No. 32. 

VIII. Globe. (Operations.) 
1786. Girardeau, J., Paris, De oculo extirpando dissertatio anatomico chirurgica. 
1799. Martin, Montpellier, Cataracte. 



116 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

X. Cor nee. 
1766. Dubertroud, Paris, De staphylomate. 

XI. Cristallin. (Anatomie. — Physiologie.) 

1708. La Hire (de), Paris, Potestne stare visio absque crystallino? Th^se de 
baccalaureat. 

4743. Arcelin, Paris, Potestne stare visio absque crystallino? These de bacca- 
laureat. 

-1730. Mouguez, Paris, An oculi crystallinus humor, circulari motu donetur? ali- 
quid visioni conferat? These pro pastillaria. 

Cataractes en general. 
17'I8. Eymieu, Avignon, An Cataracta a vitio humoris aquei aut crystallino orietur? 

Gastaldy, Avignon, An Cataracta vitio lentis? 
4721. Boeder, Straßburg, Suffusio. 

Freytag, Straßburg, De Cataracta. 
1731. Fizes, Montpellier, De Cataracta. These de professorat. 
1 752. Junen, Montpellier, Quinam sunt praecipui, quo modo explicentur et curentur 
lentis crystallini morbi? Th^se de professorat. 

1757. Tenon, Paris, De Cataracta. 

1758. Descemet, Paris, An sola lens crystallina cataractae sedes? These de 

baccalaureat. 
1760. Guillemard, Montpellier, Dissertatio medica de suffusione. 
1766. Coutouly, Paris, De Cataracta. 

1776. Mejan, T., Montpellier, De Cataracta diss. med. chirurgica, No. 3. 
1780. Gaubert, Montpellier, Diss. med. chir. de suffusione, No. 17. 

Therapeutique mödico-chirurgicale. 

1730. Lehoc, Paris, An praecavendae cataractae oculi paracenthesis? These de 

baccalaureat. 

1731. Fesquet, Montpellier, An incipienti suffusioni millepedum pulvis, et uter 

oculorum humor in illa afficiatur? 
Mar cot, Montpellier, An incipienti suffusioni millepedium pulvis et uter 

oculorum humorum in illa afficiatur? These de professorat. 
1742. Vilars (de), Paris, An oculi punctio catharactam praecaveat? These de 

baccalaureat. 
1752. Gentil, Paris, Utrum in deprimenda Cataracta ipsius Capsula inferne et 

postice sit primum secanda? Thöse de baccalaureat. 
1737. Daviel, H. , Paris, Utrum cataractae tutior extractio forficum ope. 

1759. Martin, P.D., Paris, De variis cataractam extrahendis modis. 

1760. Schürer, L., Straßburg, Non in curatione suffusionis lentis crystallinae ex- 

tractio depositioni est praeferenda? 

1778. Caille, Paris, An depressioni cataractae sua laus? These de baccalaureat. 

1779. Lafisse, Paris, De extractione cataractae. 

1780. Wenzel (de), Paris, An ad perficiendam operationem cataractae instrumen- 

tum, unicum, multiplex? 

XII. Iris. (Anatomie. — Physiologie.) 

1781. Bolten, Straßburg, De iridis structura. 

XVII. Retine. 

1761. Boyrot de Joncheres, Paris, An retina primarium visionis Organum? 

These de baccalaureat. 

1782. Corvisart-Desmarets, Paris, An retina praecipuum visionis Organum? 

These quodlibetaire. 



Betrüger. 117 

XX. Amblyopie. — Amaurose. — Cecite. 
1754. Ernou, Straßburg, De amaurosi. 
1760. Bourdou, Montpellier, De amblyopia. 
1780. Bataille, Montpellier, Diss. med. de amaurosi seu de gutta serena, No. 6. 

XXI. Ametropies. 

1720. Brun, Avignon, An myopiae aquae thermales? 

1748. Lamure, Montpellier, Presbytiae theoriam et curam exponere. These de 

professorat. 1748—49. 
1760. Jadeion, Pont-ä-Mousson, Questio physico-medica, an visui myopum vitra 

concava. 

XXII. Maladies Generales. 

1720. Herminger, J., Straßburg, Dissertatio mathematico-medica exhibens quos- 

dam Visus imminuti affectus. 
1734. Didoux, J. P., Straßburg, De praecipuis oculorum affectionibus. 
1753. Dechavanne, Montpellier, Synopsis morborum oculis insidentium. 

XXIV. Semeiologie. 
1700. Thrichard, Paris, An oculi sint pathematum idola? These de baccalauröat. 

XXVI. Therapeutique medico-chirurgicale. 

1772. Dupetit, Paris, An ad debellandos oculorum morbos telai) ministret,chirurgia? 

medicina? 
1778. Lafisse, Paris, An ad visus conservationem cautelae? Thöse cardinale. 
1790. Herminger, Straßburg, Dissertatio inauguralis medica exhibens observa- 

tiones quasdam et cautelas circa oculorum curationem. 

XXVII. Instruments. 
1788. Maurice, Montpellier, Tentamen med. chir. de novo instrumento ophthal- 
mostat dicto, ad cataractae operationem, No. 22. 

§ 387. Einige Betrüger müssen noch kurz angeführt werden, um 
das Gesamt-ßild unsres Faches zu vervollständigen, während wir die irrenden 
Ritter der Augenheilkunde aus allen Nationen am Schluss dieses Ab- 
schnitts zusammen abhandeln werden. 

1. Von Andrieu^), der die verschiedensten Städte Frankreichs bereiste und 
1748 zu Paris sich als den berühmten Augen-Operateur von Lyon bezeichnet, 
wollen und können wir weiter nichts berichten. 

2. Fabre^) aus Avignon kündigt 1766 an, dass er den Star mit einem 
Instrument eigner Erfindung operirt und den beginnenden auflöst mit Hilfe 
seines Augenwassers, die Flasche zu 6 Livres. 

3. Galabert, ein ehemaliger Regiments -Wundarzt, der zu Montpellier 
1767 — 1774 prakticirte, kündigt an, dass er alle Augenleiden ohne Opera- 
tion heile^). 

4. Marchaxd^)^ ein Schüler von Janin, zu Nimes, kündigt 1778 an, dass 
er alle häufigeren Augenleiden durch eine Augensalbe heile; 1779, dass erden 
Star ohne Operation heile. Für seine Reklame hat er auch drei scheinbar 
wissenschaftliche Schriften drucken lassen. Es genügt, den Titel der letzten 



1) Im Original mobostela. 

2) T.U. P., S. 223. 3) T.U. P., S. 230. 4) T. U. P., S. 231. 5) T. U. P., S. 241. 



118 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

anzuführen: Memoire et observations sur un nouveau mojen de prevenir et 
eviter l'aveuglement qui a pour cause la cataracte, par M. Marchand, Oculiste 
de la ville des Nismes, et ancien chii'urgien de l'hopital royal et militaire de 
Rochefort. Nismes, 1784, 8° (24 S.). Sein Geheim-Mittel war ein Mydriaticum. 
In der Erzählung seiner Erfolge ist er nicht ehrlich. 

England. 

§ 388. England war im 17. Jahrhundert arm an Männern und 
Werken unsres Faches gewesen. (§ 319^ S. 330.) 

Eines berühmten Augenarztes aus diesem Jahrhundert, des Dawbency 
TuBERviLLE ZU Salisbury, möchte ich hier noch gedenken. Allerdings fehlt 
sein Name in dem biographischen Lexikon und in den üblichen Werken 
über Geschichte der Heilkunde sowie der Augenheilkunde. A. v. Haller 
berichtet (bibl. chir. 1, 472), dass Tüberville in den Philos. Transact. 
(No. 164) die Ausziehung eines Eisensplitters aus der Hornhaut mit Hilfe 
des Magneten veröffentlicht habe. Dieser Fall ist übrigens falsch aufge- 
fasst worden, als ob T. einen Splitter aus der Regenbogenhaut ausgezogen 
habe. Aber es heißt in den Phil. Transact. N. 146, vom Jahre 1664, in 
dem privaten Brief von T. an Hrn. W. Musgrave^), S. F. S.: 

Here was one in Sahsbury, Avho had a piece of Iron, or steel, stuck 
in the Iris of the Eye; the Person was in very great pain, came to me; 
I endeavor'd to push the Iron out with a small Spatula, but could not; 
I then applied a Loadstone to it, and immediately it jumpt out. 

Das Wort Iris bedeutet hier nicht die Regenbogenhaut; denn das 
ist erst 1721 durch Winslow eingeführt worden, wie ich (XIII, 418) ge- 
zeigt habe; sondern entw^eder, im Anschluss an Galen (§ 116), die Strahlen- 
kürper-Gegend, genauer im vorliegenden Fall die Randzone der Hornhaut; 
oder, in Anlehnung an Rufus, das Schwarze im Auge, d. h. die Hornhaut 
überhaupt. 

F. Camper (1766) citirt mehrere Beobachtungen T.'s, von denen einige 
allerdings etwas abenteuerlich klingen. 

WooLHOüSE lobt ihn mehrfach als Freund und Zeitgenossen seines 
Vaters und berichtet (dissert. ophth. , S. 66), dass T. mit Hilfe von 
hohlen Nadeln Stare aus dem Auge mit bestem Erfolge ausgezogen; dass 
er den Stich des wassersüchtigen Auges, nach chinesischer Art, 
geübt habe. 

Auch im 18. Jahrhundert hat England Männer, Entdeckungen, Werke 2) 
über Augenheilkunde nicht in solcher Zahl, wie Frankreich, hervorgebracht. 



1) 1657 — 1724, Arzt in London, Mitglied der R. Society, Vf. von Abhandlungen 
über die Gicht u. von archaeologischen Schriften. 

2) Einzelne waren nicht mehr auffindbar. Die englischen Fachgenossen 
könnten zur Ausfüllung dieser Lücken beitragen und mehr, als bisher geschehen, 
für die englische Sondergeschichte unsres Faches arbeiten. 



England. 119 

Von den beiden berühmtesten englischen Augenärzten dieses Jahrhunderts 
ist der eine, Tho. Woolhouse, bereits vollständig erledigt (§ 329); der andre, 
John Taylor, muss einem späteren Abschnitt, der von den irrenden Rittern 
handelt, vorbehalten bleiben. Merkwürdiger Weise finden wir, abgesehen 
von diesen beiden, kaum einen und den andren Autor in der englischen 
Fach-Literatur des 18. Jahrhunderts, den wir als reinen Augenarzt be- 
zeichnen können. Alle sind Chirurgen. Das originellste ist sogar von 
denjenigen großen Wundärzten geleistet worden, die gar nicht einmal vor- 
wiegend mit der Augenheilkunde sich beschäftigt haben, wie Cheselden 
und Sharp. 

Dass im Anfang des 1 8. Jahrhunderts in England Niemand gewesen, 
der den Star stechen konnte, ist eine jedenfalls irrige oder höchst über- 
triebene Aeußerung von Th. Woolhouse aus dem Jahre 1719. (XIII, S. 390.) 

Aber die Gharlatanerie hat während des 18. Jahrhunderts *) in 
England auf dem Gebiete der Augenheilkunde noch eine recht große Rolle 
gespielt. Nirgends gab es mehr marktschreierische Anpreisungen, als in 
England. London wimmelte von Charlatanen'^). Der Star-Stecher zeigte 
ein Diplom, dass er unter dem Kriegsvolk S. M. des Kaisers gedient 3] . 

Aber A. Hirsch (S. 322) irrt, wenn er angiebt: »Zur Charakte- 
ristik des sittlichen Standpunkts der augenärztlichen Pfuscher in England 
erzählt Duddel (Diseases of the horny coat, London 1729, Praef. p. VII), 
dass einer derselben, darüber befragt, wie er bei dem Mangel an ana- 
tomischen Kenntnissen mit seiner Kunst fertig werde, erklärt habe: 
»»that he undertook all; if bis Operation succeeded, so much the better, 
if not, the patients could be but blind or in danger of being so, as they 
were before.«« Duddel erklärt ganz im Gegen the 11, dass in London 
manche Chirurgen wären, die, weil sie für Anatomen gelten, sich für 
berechtigt halten, alle Augen-Operationen zu verrichten, ohne sie von be- 
fähigten Personen gelernt zu haben. Ein Freund von ihm fragte einen 
dieser beschränkten Anatomen, wie er die verschiedene Natur der Augen- 
krankheiten zu erkennen vermöchte, und erhielt die obige Antwort. 

Noch zwei Menschenalter später, um 1770, erklärt Rowley, die Krank- 
heiten des Seh-Organs seien deshalb noch so undeutlich und so unvoll- 
kommen beschrieben, weil sie noch immer den prahlenden und umher- 
ziehenden Augenärzten überlassen, hingegen von den gründlich belehrten 
Wundärzten vernachlässigt würden. 



1) Vom Ende des 17. Jahrhunderts haben wir ein Zeugniss in Briggs Oph- 
thalmographia (1686, S. 301) . . . ut ad Sciolum quendam se conferret exEmpiri- 
corum grege, qui ad perniciem humanam nati magno mortem et ignorantiam in 
hac urbe passim divendunt. 

2) A famous Vendor of Eye Water, at Half a Guinea a Bottle. (Duddel, 2, 
S. 135.) 

3) Fischer, Chir. vor 100 Jahren, 1876, S. 67. 



120 XXllI. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Und um 1 783 behauptet der berühmte Chirurg Benjamin Bell zu 
Edinburgh, die Ungewissheit, ob Niederdrückung, ob Ausziehung des Stars 
besser sei, komme daher, dass man bisher die Augen-Operationen meisten- 
theils herumreisenden empirischen Augenärzten überlassen habe, welche 
gemeinhin nur auf eine Art zu operiren angelernt seien; jetzt aber fange 
man an, sich zu überzeugen, dass auch die Augen-Operationen zum Wirkungs- 
kreis der Wundärzte gehören. 

Nun an guten Wundärzten hatte England im 18. Jahrhundert keinen 
Mangel. Sie sind theuer. Sie sind sesshafter, als ihre französischen Fach- 
genossen; die Kranken müssen zu ihnen kommen: das folgt aus den zahl- 
reichen Krankengeschichten, die ich durchgesehen. Doch ist auch von 
Operationen im Hause der Kranken oft genug die Rede, z. B. bei Duddel. 
Von ihm erfahren wir auch, dass damals arme Leute von auswärts, die 
nicht in London bleiben konnten, unoperirt abreisen mussten. 

Uebrigens hatten die mittelalterlichen Gilden in England sich lange 
erhalten. 1512 erließ Heinrich VHL eine Urkunde, welche in London nebst 
Umkreis die Ausübung der Wundarzneikunst allen verbot, die nicht Mit- 
glieder der Gesellschaft der Barbier- Chirurgen waren. 1540 wurde die 
Gilde der Barbiere von der der Chirurgen getrennt, aber doch nicht völlig. 
Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bestand zu London »The 
United Barbers and Surgeons Company«, in der die beiden Gilden, zur 
besseren Wahrung ihrer Stellung im Gemeinwesen und zur Abwehr der 
Pfuscher 1), sich vereinigt hatten. Um Wundarzt zu werden, musste der 
Lehrling 7 Jahre bei einem anerkannten Wundarzt in die Lehre gehen, 
Lehrgeld zahlen, dann die Prüfung bestehen, wieder zahlen und den Eid 
leisten. Unser hochberühmter W. Cheselden war 1711 Mitglied der Barber- 
Surgeons Company 2). Erst 1745 hat »An Act for making the surgeons 
and barbers of London two distinct and separate bodies« den mittelalter- 
lichen Beziehungen der Wundärzte zu den Barbieren ein Ende gesetzt. 
Das Colleg of Surgeons erhielt 1800 eine neue Urkunde (charter) und 
heißt seitdem königlich. (Royal C. of S.) 

Diese Vereinigung der Wundärzte sorgte wohl für einigen Unterricht, 
namentlich auch in der Anatomie. Aber erst 1783 wurde von dem aus- 
gezeichneten Wundarzt Blizard (§ 361) die erste, mit einem großen Kranken- 
haus verbundene Medizin-Schule zu London gegründet, woselbst ein ganz 
vollständiger Unterricht in der Chirurgie ertheilt werden konnte. Doch 
musste man viel zahlen, z. B. 25 Guineen jährlich, wer zu Pott's Zeiten 
im Bartholomew's Hospital den Operationen beiwohnte, und fünfzig, wer 
bei dem Verbinden selbst Hand anlegte. 



1) Vgl. XIII. S. 332. 

2) Vgl. XIII, S. 437. 



Coward. 121 

Ueber besondren Unterricht in der Augenheilkunde fehlt jede Nach- 
richt. Ebenso über Sonderkrankenhäuser für Augenleidende. Rowley stand 
um 1780 einem Krankenhaus vor, in dem hauptsächlich Augen-, Brust- 
und Knochen-Leiden behandelt wurden. 

Auch in Edinburgh und in Dublin entstanden Wundarzt -Genossen- 
schaften. (Alle drei Körperschaften haben sich bis heute erhalten. Die Hin- 
zufügung F. R. C. S. oder F. R. S. [Fellow of the Royal Colleg of Surgeons] 
hinter dem Namen gilt für eine große Ehre.) 

§ 389. Im Anfang des 18. Jahrhunderts erschienen kurz hintereinander 
vier Bücher über Augenheilkunde in England; offenbar vermochte 
der einzige englische Text über dieses Fach, das Buch von Banister aus 
dem Jahre 1622, dessen Inhalt aber auf das Werk von Guillemeau aus 
dem Jahre 1585 zurückging, dem Bedürfniss der Wissenschaft wie der 
Praxis in keiner Weise mehr zu genügen. (Vgl. XIII, S. 330.) 

1. William Cowahu'' (I), geb. 165 6 zu Winchester, wurde 168 7 zu Ox- 
ford Doctor der Medizin und ließ sich in London nieder, wo er durch theo- 
logische und metaphysische Schriften, die als ketzerisch öffentlich verbrannt 
wurden, die Aufmerksamkeit auf sich zog. Um 1718 prakticirt er in Ipswich, 
ist aber von 1723 ab in der Liste der dortigen Aerzte nicht mehr verzeichnet. 
Von seinen chemischen und pharmakologischen Schriften wollen wir absehen 
und uns seinem augenärztlichen Werk zuwenden. 

Ophthalmiatria, qua accurata et integra oculorum male affectorum 
instituitur medela, nova Methodo aphoristice concinnata. Authore Gul. Coward, 
Coli. med. Lond. M. D. London 1706. 188 S. 

Das ist die Schrift eines Charlatans, der dabei selber nur allzuoft von 
den Schwindlern (Agyrtae) spricht! Der, um diesen »nicht den richtigen 
Weg zu zeigen« entweder lateinisch schreibt (Praefat.) oder überhaupt seine 
Ansicht zurückhält (p. 175)-*, und mit Tinctura Basilica nostra schließt, deren 
Bereitungsweise er nicht angeben will, aber dabei doch vor dem Ankauf von 
Nachahmungen warnt. 

Der ganze Inhalt (Hornhaut- und Thränen-Leiden, Cataract, Amaurose) ist 
ungemein dürftig. Die Star-Operation wird mit einigen Zeilen abgemacht und 
für dieselbe Guil. Read empfohlen: was ja den hellen Zorn von Herrn Wool- 
HOUSE wachgerufen. (B. XHI, S. 3 89.) 

Zusatz 1. Nach Woolhouse (dissertationes ophthalmicae, 1719, S. 301) 
hat ScuLTETUS (1595 — 1645) vielleicht zuerst das Wort Ophth;ilmiatros gebildet, 
während die Alten o'iüa/.aiov latoo; (Herodot) oder o'iüaX'jLixo; (Galen) ge- 
brauchten. 

Zusatz 2. Das seltne, in der Bücherei der Ophth. Society of the 
United Kingdom nicht vorhandene Werk^) verdanke ich einem BerHner 



1) Biogr. Lexikon II, S. 9G. 

2) Quibus judicüs dignoscatur, an Cataracta acui depositoriae idonea sit, non 
adeo facüe liquet neque Ego regulas uUas hie in Agyrtarum solatium properiam, 
quibus in recto tramite ducantur. 

3) Dies will ich mit l bezeichnen. 



122 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheillcunde in der Neuzeit. 

Antiquar (Stargard!. Haller (bibl. chir. I, S. 575) hat nur: Valde spernitur a 
Woolhousio; Bekh (Rep. I, \%) wiederholt diese Worte. 

2. »Sir AVilll\m Read (2), englischer Augenarzt aus der ersten Hälfte des 
18. Jahrhunderts, schrieb den s. Z. sehr beliebten: Treatise ol' the eye containing 
;i short, but exact description of the structure, Situation . . . . as also the 
causes, syniptomes and eures of 1 30 diseases iucident to them. London 1706.« 
Soviel bringt das Biogr. Lexikon, IV, S. 6 8 3. Haller, bibl. chir. I, 575 hat nur 
den gekürzten Titel »diseases of the Eye, London 1706 «, den Beer, Rep. I, 
S. 12, übernommen. Beide dürften das Buch nicht gesehen haben. Dasselbe 
konnte ich weder in deutschen noch in englischen Bibliotheken auffinden ( ^ ]. 
Die Lebensumstände des Vfs. sind nicht bekannt geworden. 

3. »GriL. Crosse (3), a brief treatise on the eye, London 1708, 12°. Morbos 
eliam oculorum tractat suaque medicamenta laudat«. Haller, bibl. chir. I, 586. 
Beer, Rep. I, 13. Woolholse, Diss. s^av. S. 304, 1717. In deutschen Biblio- 
theken nicht zu finden, in der Bücherei der Ophth. Society nicht vorhanden. 

4. Peter Kennedy (4), Wundarzt zu London seit 1710, nachdem er aus- 
gedehnte Reisen durch Frankreich, Italien und Holland unternommen i). In der 
Vorrede zu seiner Hauptschrift theilt er uns mit, dass er in seiner Kindheit und 
.lugend viel an Lidrand -Katarrh (sore eyes) gelitten habe und dadurch am 
Studium vielfach behindert gewesen. Seinen Styl und seine Sprache entschul- 
digt ei* mit seiner langen Abwesenheit in fremden Gegenden. 

Seine Ophthalmographia wird 1717 von Woolhouse-) erwähnt und 
1719^) von demselben zwar für mittelmäßig erklärt, aber doch dem Buch von 
CuwARD bei weitem vorgezogen. 1775 bringt Haller (bibl. chir. II, 27) das 
folgende : 

a) »Peter Kennedy ophthalmographia or a treatise of the eye, London 
1713, 8". Ganz kurz bespricht er die Krankheiten des Auges, erst die der 
Lider, dann des Augapfels. Beim Star verficht er die neue Lehre. 

b) P. K. , Supplement to his ophthalmographia against Bracken, 
Porterfield, Cheseldex, JuRiN, Sharp, London 1739, 8". Keine neuen Er- 
findungen. « 

Die seltene Hauptschrift^' i^i:], welche von der Bücher-Sammlung 
der Kaiser Wilhelms-Akademie mir zur Verfügung gestellt m orden, ist dem 
berühmten Doctor Arbuthnot (-1670 — 1734:, dem Freund von Pope und 
Swift, gewidmet und eigentlich auf dessen Veranlassung erst zum Druck 
gegeben. 

In seiner Vorrede erklärt K., dass bisher noch kein erträgliches Buch 
über Augenkrankheiten in enghscher Sprache erschienen sei, und verheißt, 
dass in dem seinigen der Leser manches neue finden werde. K. macht 
einige rohe Versuche, z. B. dass ein einigermaßen zerkratztes Sammelglas 
in der Dunkelkammer doch ein Bild liefert. Die fliegenden Mücken können 

i) Biogr. Lexikon III, S. 453, 1886. 

2) Dissert. scav., S. 306; S. 336 nennt er die Abhandlung fade (fatuum trac- 
tatum) und verweist auf die Kritik in Ephemerid. Gallic. vom 28. Mai 1714. 

3) Dissertationes ophth., S. 303. 

4} Sie hat nur 95 Seiten, dazu einen kurzen Anhang über Ohrenkrankheiten. 



Read, Crosse, Kennedy, Cheselden, Sharp. 123 

nach den Gesetzen der Optik nicht von festeren Theilen im Kammer- 
wasser herrühren, sondern sollen nach dem Gelehrten Dr. Pitcairne nur auf 
Veränderungen der Netzhaut-Blutgefäße beruhen. Die Krankheitslehre K.'s 
ist recht dürftig. 34 Krankheiten der Lider und des Augapfels werden 
beschrieben, und zwar recht oberflächlich, nach Guillemeau-Banister, auch 
mit den griechischen Namen der Krankheiten. Unter den zu Kollyrien 
verwendeten Pulvern werden noch Troch. alb. Rhasis genannt, wie bei 
Banister ^). 

Es ist merkwürdig, die Sympathie zwischen Auge und Ohr zu beob- 
achten, besonders in der Ophthalmie. Bei den eingewurzelten Ophthal- 
mien von langer Dauer wird der Kranke gewöhnlich für einige Zeit von 
Schwerhörigkeit gestört. 

In der Star-Lehre nimmt K. die Ansicht von Brisseau und Antoine 
an, aber noch etwas zögernd. In der Beschreibung des Star-Stichs irrt er 
sich bezüglich der Theile, welche von der Nadel durchbohrt werden, und 
schließt mit drei Erfahrungen, die ihn im Anfang seiner Praxis belehrt haben. 

§ 390. Lehrreicher, als diese Bücher der Augenheilkunde, sind 
die kurzen Abhandlungen zur Augenheilkunde, welche Cheselden 
seiner Anatomie und Sharp seiner Chirurgie einverleibt hat. 

Ueber Cheselden (5) haben wir schon ausführlich gehandelt. (§ 341 , 342.) 
Mit Sharp (6) müssen wir uns beschäftigen. 

Ueber denselben sagt Halle«, bibl. chir. II, 22 0: Acris ingenü vir, simpli- 
cissimas ubique quaerit administrationes neque valde metuit a recepla via recedei'e. 
Ubique adeo novi quid adfert. Vgl. ferner Biogr, Lexikon V, S. 380, 1887. 

Die wichtigste Veröffentlichung, die ich reichlich benutzt habe, ist Samuel 
Sharp, The llrst surgeon to niake the corneal incision in cataract exti'action with 
a Single knife. A biographical and historical Sketch. By Alvin A. Hubbel, M. 
D., Ph. D., Clinical prof. of ophth., Univ. of Buffalo N. V. (Med. Library and 
histor. J., Oct. 190 4.) 

Um 1700 in Jamaica geboren kam Sh. 172 4 bei dem großen Cheselden 
in die Lehre; das Lehrgeld von 30 Pfund (für Verpflegung und Unterricht in 
7 Jahren) wurde für ihn gezahlt. 

Bei Cheselden lernte Sharp auch Morand aus Paris (§ 363, li) kennen und 
wurde mit ihm befreundet ; ebenso mit Voltaire, der 1726 — 1729 in der Ver- 
bannung zu London lebte. 

Im Jahre 1731 wurde Sharp »freigesprochen« und erhielt ein Jahr später 
das »große Diplom« als Meister der Chirurgie und Anatomie. Cheselden unter- 
stützte seinen Schüler und Freund auf jede Weise, auch in der Praxis, und 1733 
auch zur Erlangung der Wundarzt-Stelle in dem 172 5 begründeten Guy's Hospital. 
2 4 Jahi-e hat Sharp diese Stelle bekleidet, die ihm natürlich zu einer großen 
und einträglichen Praxis verhalf. Daneben gab er auch Privat-Kurse in der 
Anatomie, Chirurgie und Verbandlehre. 

1) Vgl. § 315, S. 318. 



124 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Im Jahre 17 49 wurde Sharp in die Königl. Gesellschaft zu London auf- 
genommen und in demselben Jahr, während seiner zweiteji Reise nach Paris, 
auch in die dortige Akademie der Wundarzneikunst. Seine Praxis nahm 
zu, aber ein asthmatisches Leiden veranlasste ihn, im Jahre 1757 seine 
Krankenhaus-Stellung aufzugeben, und 1765 sogar für ein Jahr nach Italien 
zu gehen. 

Im Jahr 1739 veröffenthchte er sein erstes großes Werk: A Treatise on the 
Operations of surgery, with a description and representation of the Instruments 
Used in Performing them: To which is prefixed an Introduction on the Natura 
and Treatment of Wounds, Abscesses and Ulcers. Dies Werk widmete er seinem 
Lehrer Cheselden. In der Einleitung hebt er hervor, »dass die englische Chi- 
rurgie Fortschritte gemacht, aber es gebe kein Buch darüber in englischer 
Sprache. Die Bücher der Fremden haben nicht diese Fortschritte und sind zu 
ausführlich und langweilig. Bei den Krankheiten beschreibe ich nur die wirk- 
lich unterscheidenden Merkmale. Mein Bestreben ist, diese Abhandlung kurz 
zu gestalten«. 

In der That, dies inhaltreiche Buch, das bis 1762 zehn englische Ausgaben 
erlebte, hat in der neunten, die ich benutzte, nur 274 Seiten. Eine französische 
Ausgabe erschien 1741, eine holländische 1751, eine spanische 1753. 

In dieser Chirurgie sind 3 Kapitel für uns von Wichtigkeit, erstlich 
das vom Star, worin aber auch 1769 noch die Ausziehung nur kurz an- 
gedeutet ist, — bei dem Star-Stich operirte er das rechte Auge mit der 
rechten, war also nicht ambidexter! i) — zweitens von der Iris-Zer- 
schneidung2), — 1759 {IV. Aufl.) operierte er noch nach Cheselden 
mittelst Lederhaut-Stichs, 1769 (IX. Aufl.) mittelst Hornhaut-Stichs in 
die vordere Kammer, so dass G. Heuermann (1756) die Priorität des Horn- 
haut-Stichs zukommt; — und drittens das von der Thränenfistel, worin 
er sich gegen Anel's Einspritzung, auch gegen die Durchbohrung des 
Knochens, aber für die Eröffnung des Thränensacks erklärt. 

Als Frucht seiner wissenschaftlichen Reisen erschien 1750 »A Critical In- 
quiry into the Present State of Surgery«. Auch dies Werk erlebte 4 englische 
Ausgaben, eine französische Uebersetzung 1751, eine spanische 1753, eine deutsche 
(Kritische Untersuchung u. s. w. Berlin 1756), eine italienische 1774. 

In der Königlichen Gesellschaft zu London las er am 12. April 1753 eine 
Abhandlung über eine neue Methode, die Hornhaut zur Star-Ausziehung zu öffnen, 
und am 22. Nov. 1753 eine zweile Abhandlung über denselben Gegenstand. 
(XIII, S. 518.) 

Im Jahre 1766 schrieb er seine Briefe über Italien, welche die Empfind- 
lichkeit der Italiener erregten; ein zweibändiges Werk von Baretti 1767 wurde 
gegen ihn geschrieben, worauf er 1768 mit Geschicklichkeit antwortete. 

Im Jahre 1767 zog er sich völlig von der Praxis zurück, ist aber erst 
1778 in hohem Alter gestorben. Sharp war auch als Augenarzt sehr geachtet 
und durch das Vertrauen der berühmtesten Zeitgenossen, z. B. des Dr. Samuel 
Johnson, ausgezeichnet. 



1) BiLLi, als Augen-Zeuge, in s. trattato IT, 120 (§ 406). 

2) B. Xm, S. 443. 



Sharp, Duddel. 125 

§ 391. Benedict Düddel (7), Schüler von WooLBOuse, einer der wenigen 
Engländer des 18. Jahrhunderts, welcher sich selbst als Augenarzt, 
und mit Recht, bezeichnet, wirkte im dritten und vierten Jahrzehnt dieses 
Jahrhunderts zu London i) und hat außer einer Prosodia chirurgica (1729) 
drei augenärztliche Schriften verfasst, die heutzutage sehr selten, z. ß. 
nicht in der Bücherei der Ophthalm. Soc. of the United Kingdom zu finden, 
aber doch in unsrer Künigl. Bibliothek (Km 7225 — 7227) vorhanden sind, 
so dass wir uns nicht auf den Auszug von A. v. Haller (bibl. chir. II, 
120 — 122) zu verlassen, noch seinem Urtheil blindlings zu folgen brauchen. 

1 . A Treatise of the diseases of the hornj-coat of the Eye and the vaiMous 
Kinds of cataracts. To which is prefix'd a Method, enlirely new, of scarifying 
the eyes for several disorders. With remarks on the practice of some oculists 
both at Home and Abroad. By Benedict Dlddel, Surgeon and Uculist. London, 
Printed for John Clark at the Royal Exchange, and sold by Roberts in Warwick- 
Lane. MDCCXXIX (8 », 232 S.). 

In der Vorrede berichtet D., dass seine unglückliche Behandlung eines 
armen Mannes, der die Sehkraft verlor, Veranlassung für ihn wurde, 1718 
nach Paris zu gehen und mehrere Kurse der Augenheilkunde bei einem 
sehr hervorragenden Augenarzt zu nehmen. (Es dürfte Woolhouse ge- 
wesen sein; S. 56 nennt er diesen als seinen Lehrer.) D. will aus seinen 
Errungenschaften kein Geheimniss machen. In London gäbe es Chirurgen, 
die, weil sie für Anatomen gelten, sich für berechtigt halten, alle Augen- 
Operationen zu unternehmen, — zum großen Schaden ihrer Kranken. 
Hierauf beginnt D. mit einer recht praktischen Anatomie des Auges. Sodann 
beschreibt er die Scarification (nach Woolhouse), mittelst einer kleinen 
Bürste aus 25 zusammengebundenen Gersten-Barten. (Vgl. § 77 u. § 329, 
S. 388. Später zieht er VVeizen-Bärte vor.) Verschiedene Fälle von Hornhaut- 
Abscess hat D. damit »geheilt«. Seine Beschreibungen sind unvollständig 
und unbestimmt. Besser ist die Behandlung von Augen-Verletzungen. Bei 
Eisensplittern in der Hornhaut muss man das Auge mit dem Speculum fest- 
stellen, mit dem einen Arm einer feinen Pincette den Splitter hervorheben, dann 
fassen und ausziehen. Iris- Vorfall nach Verletzung muss man durch Reiben 
mit dem Oberlid hineinbringen. Bei Zerreißung der Hornhaut sorgfältig 
verbinden und den Kranken platt hinlegen, »Ich sah mehrere, die 
beide Augen verloren haben, obwohl nur eines ursprünglich ver- 
letzt worden.« 

Bei Hypopyon übt er (nach Justüs § 215) das Schütteln des Kopfes, 
ferner Reiben der Hornhaut und Hochstellung des Kopfes. 



1) »Lebte vermuthljch zu London.« Biogr. Lex. VI, 719. D. selber sagt uns 
in S.Appendix, S. 4: »As I lived at Hammersmith.« H. ist ein Verwaltungs-Bezirk 
(metropolitan borough) im Westen Londons. 



126 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Hornhaut-Narben dürfen nicht abgeschält werden. Nach Newton ent- 
steht Undurchsichtigkeit durch zahllose Reflexionen, wie bei fein gepulvertem 
Glas. Oberflächliche Hornhaut-Narben bei Kindern hat er oft durch eine 
Salbe geheilt, aus 25 Gran Grünspan, 15 Alaun, 40 Zucker-Kant, alles fein 
gepulvert und gemischt mit einer Unze Butter. Die Punktion bei Hypopyon 
(er nennt es Iris-Abscess,) macht er am Schläfenrande der Hornhaut, um 
die Nadel besser zu beherrschen. Bei einem 24 jährigen Schuhmacher mit 
Hornhaut-Narben von 20 jähriger Dauer in beiden Augen versuchte er die 
Scarification der Bindehaut; war aber froh, den ursprünglichen Zustand 
schließlich zu erhalten, und räth, so alte Narben nicht anzurühren. Bei 
Haarkrankheit und den verschiedenen Arten der Staphyloma gebraucht D. 
die griechischen Namen, — nicht immer richtig. Einmal hat er Wool- 
house's Operation (Emboitement, Einlegen einer Hörn -Kapsel, nach der 
Abtragung,) verrichtet. Den Greisenbogen hat D. schon beobachtet. (Vgl. 
§413 No. 7.) 

Eiter-Absonderung aus den Thränenwegen sollte man nicht Fistel 
nennen, sie entsteht durch wiederkehrende Augen -Entzündung, durch 
Schnupfen, hängt ab von Erkrankung der Drüsen in den Thränenwegen 
und braucht nicht mit Garies des Nagelbeins verbunden zu sein; sie betrifft 
besonders diejenigen, welche die Krankheit (the evil)'* von Geburt, und die, 
welche eine flache Nase haben. Bei Erweiterung des Thränensacks übt man 
zunächst dieCompression; wenn diese nicht hilft, das Einschneiden desThränen- 
punkts bis in den Sack, unter Führung einer feinen Sonde, die in das obere 
Kanälchen eingeführt wird; danach soll man die Wunde genügend erweitern 
und örtliche Mittel einbringen. Ist der Sack sehr ausgedehnt und gefäß- 
reich, so hilft nur seine Exstirpation. Aber dabei besteht Gefahr starker 
Blutung; dann ist das Glüh-Eisen am Platz, wozu man 2 Trichter und 
einige Eisen gebraucht. Freilich giebt es wirkliche Fisteln, die sich zur 
Wange, ja in die Orbita erstrecken und das Auge gefährden. »Die (offene) 
Thränenfistel ist ein (vernarbtes) thränendes Geschwür, eng nach außen, 
breiter nach innen, mit einiger Gallosilät. « Es ist ein Missbrauch mit dem 
schrecklichen Namen der Thränenfistel so leichte, für Jahre ohne Schaden 
andauernde Zustände zu belegen, wo man nur 3 — 4 Mal täglich auf den 
Thränenwinkel zu drücken braucht. Bisweilen ist der Sack hauptsächlich 
mit Luft gefüllt, bisweilen mit Wasser; letzteren Zustand hat Anel irrig 
Hydrops genannt, wie wenn man die zu stark mit Urin gefüllte Blase als 
Hydrops der letzteren bezeichnen wollte. 

Die venerischen Erkrankungen des Thränensacks werden öfters als 
krebsig betrachtet, aber durch Quecksilber-Einreibung geheilt. Schließlich 
rühmt sich D., durch Einsetzen einer kleinen Bleiröhre in den durch das 



1) Nach Sprachgebrauch eher Scrofeln, nicht aber angeborene Lues. 



Duddel. 127 

Thränenbein gebohrten neuen Weg zuerst die Thränenfistel radikal geheilt 
zu haben. 

Cataract ist i. A. eine Trübung der Kapsel oder der Linse oder beider. 
(Die graue nennt er Glaukoma!) Bei Spiegel-Machern sollen sich Hg-Kügel- 
chen in der Vorderkammer finden, die nur durch Hornhautstich zu beseitigen 
seien (?). Sehr genau werden die Sehstürungen bei beginnendem Star ge- 
schildert, auch die Verdoppelung; und ein Loch im Kartenblatt empfohlen, 
damit der Kranke alle 3 Monat den Fortschritt beobachten kann. Der gelbe 
Star brauclit 15 — 20 Jahre, bevor er vollständig wird, ist schwer nieder- 
zulegen wegen seiner Härte und Größe; danach folgt öfters Entzündung 
und Stockblindheit. Woolhoüse beobachtete Star in 4 Generationen, von 
denen er 3 operirte, und hat an einem Nachmittag 5 Kinder der nämlichen 
Eltern wegen angeborenen Stars operirt. 

Die Zeichen des operablen Stars werden genau erörtert. Wenn man 
die geschlossenen Lider öffnet, verengt sich die Pupille, erweitert sich aber 
gleich danach um Y2 ^^^^ V4 ^^^ contrahirten Zustands. Frauen soll man 
nicht operiren 8 Tage vor oder einige Tage nach der monatlichen Reinigung. 
In der Wiedergabe seiner Star-Operationen (durch Niederlegung) ist D. ebenso 
genau wie aufrichtig. Seine Erfolge sind nicht immer günstig. Er weiß 
auch, dass die Niederlegung eines großen harten Stars Stockblindheit 
nach sich ziehen kann. Den alten, geschrumpften, fest angewachsenen Star 
eines Jünglings, den die Nadel nicht niederlegen konnte, durchbohrte er 
mit der letzteren und wiederholte dies, nach einem Monat, mit Erfolg. 
Er durchbohrte auch die Kapseltrübung bei dem Alter-Star. Mitunter sinkt 
der Star herab und der Kranke erlangt Sehkraft ohne Operation. D. fährt 
fort mit einer Beantwortung von Taylor's Fragen und erklärt hierbei, dass 
reiner Star auch nach 20 Jahren volle Zusammenziehung der Pupille 
durch Licht zulässt; am besten ist der Versuch mit Sonnenlicht. Die 
vom angeborenen Star Operirten sehen nicht viel. Sternförmige Trübung 
liegt immer in der Linse. Der Kapselstar ist immer glatt, wie ein Leinen- 
läppchen. 

D. ist Vorgänger von HoiN (XIII, 456) in der Lehre vom Nach-Star, 
indem er die 4. Frage von Taylor, ob nach dem Star-Stich bei einem 
jungen Subjekt je ein zweiter Star entstehen kann, abgesehen vom Auf- 
steigen des niedergelegten Stars, dahin beantwortet, dass allerdings, wenn 
der Star niedergelegt ist, und die Vorder-Kapsel (Arachnoides) durchsichtig, 
die letzten durch eine leichte Entzündung sich trüben und einen Nachstar 
(Second cataract) bilden könne. — Die gute Art des Stars beginnt mit 
hellblau und endigt in weißblau. Der gelbe giebt keinen Erfolg der Nadel- 
Operation. — Das Zittern des Kammerwassers, das Taylor nach der Nadel- 
Operation fand, ist Zittern der Iris und kommt auch nach Verletzung 
des Auges vor. 



128 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

D. beschreibt auch eine Operation ähnlich der Trans fixion von 
Fuchs ^), er nennt sie diacope hingegen diatasis der Iris 2) die Krankheit, 
die ja, wie wir wissen, in einer Vorwülbung der am Pupillen-Rand mit der 
Linsen-Kapsel verwachsenen Regenbogenhaut besteht. 

«Die Punktion wird gemacht, wie für den Star-Stich, und die Nadel 
in den Tumor gestoßen, der aus fleischigen Fasern der Iris-Musculatur 
besteht und schwammig ist und verdickt durch ausgetretenes Blut. Man 
muss es durch Zurücklehnen des Kopfes vom Kranken hinter die Iris zu 
bringen suchen.« 

Bei Pupillen- Verschluss (Synizesis)-'' muss man mit der Nadel die Bänd- 
chen zerschneiden, welche die Irisfasern festhalten, und sich Mühe geben, dass 
man nicht den Pupillen- Rand verwundet, sondern nur die kleinen wider- 
natürlichen Fäden trennt, die weißlich erscheinen. Ist der Pupillen- Verschluss 
mit Anwachsung an die Hornhaut (Symphysis) complicirt, so muss man die 
Nadel durch die Hornhaut von der Schläfenseite her einbringen und vor- 
stoßen bis zu dem Ort, wo man die Iris mit der Hornhaut verbunden sieht, 
und danach die Fäden trennen, welche die Pupille verschließen. Ist ein 
trockner angewachsener Star dabei vorhanden, so muss man in der Binde- 
haut einstechen, wie zur Niederlegung des Stars. 

Bei Hypopyon lässt man den Eiter heraus mit einer Lanze, die man 
unten in der Lederhaut am Hornhaut- Rande aussticht. Die Wunde soll 
nicht zu rasch heilen. Man kann auch eine Hohl-Nadel zur Entleerung 
der Materie anwenden. 

2. An appendix to the treatise of the horny coat of the Eye and the 
cataract. With an Answer to Mr. Cheselden's Appendix, relating to his new 
Operation upon the Iris of the Eye. By Benedict Duddel, Surgeon. London, 
Printed for E. Hovolatt, and sold at the Golden Ball in BuUin-Curt, near the 
new Exchange in the Strand. Price Two Shillings stitch'd. 1735. (8°, 136S.) 

Sein erstes Buch hat D. geschrieben, weil er in Taylor's Mechanism of 
the Eye (1727) schädliche Rathschläge gefunden, z. B. das Abschälen von Horn- 
haut-Trübungen. Dieses zweite hat er verfasst gegen Cheselden's Appendix 
zur 4. Ausgabe seiner Anatomie, 1730, betreffs der neuen Operation der 
Iris-Zerschneidung. 

D.'s herbe Kritik ist ungerecht, insofern er nicht berücksichtigt, dass 
Ch. hauptsächlich die Pupillen -Sperre nach misslungener Niederlegung 
des Stars in Angriff genommen; auch entdeckt man Spuren von Handwerks- 
Neid. Aber D. bespricht die Durchschneidung von Häutchen in der Pupille; 
ferner eine Operation, die unter dem Namen der Korelyse im 19. Jahr- 



1) Augenheilk. 1907, S. 894. Vgl. Meller, Ophth. Surgery 1908, S. 208. 

2) rjiav.o-i], das Zerschneiden, Zerbrechen, schon bei den Hipp, für Knochen- 
bruch u. a. oiätaat;, Anspannung. 

3) D. schreibt Synizizes und Symphisize. 



Duddel. 129 

hundert erneuert wurde, die Trennung von Anwachsungen des Pupillen- 
randes mit stumpfer Nadel, damit im Falle einer centralen Trübung der 
Vorderkapsel die Pupille nachgeben könne. Wenn die Vorderkapsel stark 
getrübt und die Linse durchsichtig, macht er mit der Nadel ein Loch in 
der Vorderkapsel und sucht durch dasselbe einige Stücke der zerschnittenen 
Linse in die Vorderkammer zu werfen. 

Aber das wichtigste in diesem Buch ist das folgende: Die Niederlegung 
des Stars (nach Petit) gelingt nicht, wenn derselbe weich, ganz oder theil- 
weise, oder wenn die Vorderkapsel zu fest ist. Deshalb schlägt D., nach- 
dem er an die Ausziehung aus der Vorderkammer und an RIerv's Vor- 
schlagt) erinnert hat, ein neues Verfahren zur Ausziehung vor. Ein 
Schmalmesser, 1" lang, 2'" breit, oben concav, unten convex, schneidend 
an jeder Seite bis 'IV2'" von der Spitze, — in einer silbernen Rühre 2), 
und ein für diese letztere passendes Häkchen sind erforderlich. Das Auge 
wird mit dem Speculum befestigt, aber nur bis der Einstich gemacht ist, 
entsprechend dem unteren Rand der Pupille; dann wird die Spitze des 
Messers in die Röhre zurückgezogen (um 2'"), hierauf der Pupillen-Rand 
niedergedrückt (um V2'")? endlich die Spitze wieder vorgeschoben und der 
entsprechende Theil der Vorderkapsel eingeschnitten. 

Ist in der Kapsel flüssige Substanz eingeschlossen, so tritt sie sofort 
in das Kammerwasser und kommt von dort mit letzterem zusammen heraus 
aus der Schnittwunde. Das Kammerwasser wird von der Natur rasch ersetzt. 

Kommt nichts, so erweitert man den Schnitt durch die Vorderkapsel, 
indem man die Schneiden nach rechts und nach links neigt. Dann zieht 
man vorsichtig das Messer aus der Röhre heraus, um den Haken einzuführen. 
Ist dieser bis zum Star vorgeschoben, so bringe man letzteren in die Bie- 
gung des ersteren. Ist der Star zusammenhängend, so zieht man ihn zum 
Hornhaut-Schnitt. Der Rücken des Hakens muss eine Rinne haben, in die 
man die Spitze des schneidenden Instruments bringt und die Oeffnung der 
Hornhaut erweitert, zu der Proportion des Stars. So wird man fähig sein, 
ihn leicht herauszuziehen. Auf diese Weise wird der pupillare Theil der 
Vorderkapsel geschont und durchsichtig erhalten, wie es ja auch Petit in 
seiner Operation gewollt hat. Wie schade, dass D. keine Silbe über wirk- 
liche Ausführung der von ihm vorgeschlagenen Operation hinzufügt! Jeden- 
falls muss man ihm den Gedanken der Linear-Ausziehung flüssiger und 
weicher Stare zugestehen, wenn gleich sein Plan noch an überflüssiger 
Complication leidet. Aber an Daviel's Ruhmes-Kranz hat er keinen Antheil! 

3. A Supplement to the treatise of the diseases of the hornv coat and 
ciitaract of the Eye, and its Appendix. By Benedict Duddel, Surgeon. London. 

1) XIII, S. 469. 

2) Vorläufer von la Faye's Kystitom. (XIII, S. 501.) 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. 9 



130 XXIII. Hirscliberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Pi'inted for J. Uoberls, near the Oxford Arms, in Warwick-Lane. 173 6. (8", 
80 S.) 

Nachdem D. mit Tavlor's Operationen und Verfahren sich gehörig aus- 
einander gesetzt, beschreibt er den Fall eines Knaben von \ 4 Jahren, der 
sehr vorragende Hornhäute hatte, wie abgestumpfte Kegel, Zittern der 
Augäpfel und rubinrothe Pupillen, wie (nach Woolhouse) die weißen 
Ratten, deren Aderhaut fleischroth ist, da sie kein Schwarz enthält. Seine 
Iris bestand aus weißen und röthlichen Bündeln. Er konnte bei Tage gut 
sehen, r. auf 5 ", 1. ein wenig weiter. 

Amblyopie mit Augenzittern geht allmählich über in Amaurose. (Die 
Beobachtung ist richtig, falsch die Deutung, dass der Krampf der Augen- 
muskeln den von ihnen umfassten Sehnerven schädigt.) 

DuüDEL ist ein sorgsamer und menschenfreundlicher Augenarzt, sehr 
ehrlich in der Wiedergabe seiner Operations-Erfolge, recht streitbar, nicht 
blos gegen Cheselden und namentlich gegen Taylor, dem er rohes und 
gewissenloses Operiren vorwirft, sondern auch gegen die Chirurgen von 
St. Bartholomew's, die ihn einem Kranken gegenüber tadelten und »die 
Ohren des Volkes mit unwissenden und eitlen Erzählungen füllten«; etwas 
gesprächig, so dass er in eine Geschichte noch zwei andre einschiebt, wie 
Scherezade, und seinem x\ugentraktat die ausführliche Besprechung der Mast- 
darmfistel und der männlichen Sterilität einfügt. Dies hat ihm von Seite 
des gelehrten A. v. Ha.ller den Tadel der Verworrenheit zugezogen. Auch 
ist seine Pathologie noch kindlich. Fast alle Krankheiten entstehen von 
Verstopfung (Obstruction) der Theile; die Krümmung (curvity) der Poren 
spielt eine große Rolle. Die Entartung der Gewebe entsteht durch Ver- 
flechtung ihrer fasrigen Häkchen. Aber D. hat Gedanken. Sein Einfluss 
auf die Zeitgenossen ist wohl bemerkbar (XIH, S. 469)^* und wäre wohl 
größer gewesen, wenn er besser geschrieben hätte. Noch in Weller's 
Uebersicht der augenäi'ztlichen Literatur (Augenkr. 1831, S. XVHj wird er 
erwähnt, ebenso bei Magnus (G. d. gr. Stars, 1876, S. 301). Aber von 
den neueren Geschichtsforschern hat Niemand Duddel genügend gewürdigt, 
der doch für die Linear-Extraclion und die Discission häutiger Stare ent- 
schiedene Verdienste sich erworben. 

Noch manche interessante Einzelbeobachtung findet sich in seinen 
Schriften. »Die Netzhaut ist das unmittelbare Organ des Sehens« (3, S. 52). 
»Ich habe mehrmals beobachtet, dass Einsetzen eines Glas-Auges über einen 
geschrumpften Augapfel Verlust des zweiten Auges bewirkt hat« (2, S. 22). 
S. 27 beschreibt er ziemlich gut das, was heutzutage Keratomalacie genannt 
wird, an einem kleinen Kinde, 2 Tage vor seinem Tode. 



1) Bertrandi (II, 111)) zählt ihn zu den besten Beurtheilern über die richtige 
Stelle des Star-Stichs. 



Sloane. 131 

2, 126 fgd. handelt er genau von dem Pferde-Auge, beschreibt so- 
wohl das normale Verhalten desselben, das blaue Feld in der Aderhaut, 
das sie befähigt, im Dunkeln besser zu sehen, als wir alle, so dass der 
Reiter Nachts dem Pferde freien Lauf lassen sollte, und ferner die Krank- 
heiten, sowohl die Hornhaut-Verletzungen als auch die Mondblindheit, 
eine Entzündung der Aderhaut mit Trübung des Glaskörpers und spontaner 
Verschiebung der getrübten Linse in die Vorderkammer. 

Die dauerhaften Bilder von Mücken, Fliegen, Ketten u. dgl. will D. von 
Bläschen in der Vorderkapsel ableiten — wie auch Aktoixe sie lieber in 
die Linse, als in den Glaskörper versetzt hat. Bei einem »venerischen« 
wurden sie durch Salivation verringert, aber nicht völlig beseitigt. (2, S. 69.) 

§ 392. Hans Sloane (8, 1660—1753), 

Arzt »aus Ueberzeugung«, wie er selbst sagt, berühmter Naturforscher, Begründer 
vom British Museum, Schriftleiter, später zweiter Vorsitzender der Royal Society, 
Generalarzt der Armee, Baronet, Vf. der Flora von Jamaica, hat es nicht ver- 
schmäht, in der Muße seines hohen Greisenalters eine kleine, aber viel geschätzte 
Schrift »on sore eyes« zu schreiben. 

Haller (bibl. chir. II, 278) giebt den vollen Titel: An account of a most 
efllcacious medicine for soreness, weakness and several other distempers of the 
eye, London, 1745, 8^. (Erlebte von Cantwell^^ melu-ere Auflagen, wurde 
auch 1746 ins Französische übersetzt [31 S.]; in demselben Jahre erschien 
auch eine »teutsche« Uebersetzung zu Dantzig. Diese wai* mir zugänglich, 
aus der Königl. Bibl. zu Berlin.) 

Das Buch preist eine Salbe aus Vipernfett, Zink-Oxyd (Tutia), Blut-Eisen- 
stein und Aloe. Stok schrieb zu Jena 175 2 eine Diss. über »die berühmte eng- 
lische Augensalbe«. (Vgl. § 428.) 

Die glücklichen Augen-Kuren des Doctor Luc Rugeley veranlassten S., nach 
dem Tode des Doktors sein Recept von seinem ehemaligen Gehilfen zu kaufen: 
Tutia I Unze, Blut-Eisenstein 2 Scrupel, Aloe I 2 Gran, Perlen 4 Gran, mit Vipern- 
fett zu einer Salbe verrieben: I — 2 Mal tägl. zu gebrauchen. In 500 Fällen 
war keine Fehl-Kur, — wenn nicht das syphilitische Gift die Ursache der Krank- 
heit bildete. Das Mittel wird mit einem Haar-Pinsel auf die halb geöffneten 
Lider angewendet. Es beseitigt Hornhautflecke, lindert Augenschraerz, so dass 
Laudanum überflüssig wird. Vipernfett statt Schweineschmalz hat S. selber in 
das Recept eingefügt, auf Grund der guten Erfahrungen des Doctor Stokemanx, 
Leibai'zt von William III. 

Ich hoffe, dass Sir Haxs für das kostbare Geheim niss nicht zu viel ge- 
zahlt! Das Mittel findet sich nämhch schon in der Pharmakopoe von Maverxe, 
London HO 3. Ja, ähnliche Recepte kann man sogar bereits bei den Griechen 
lesen, z. B. bei Galen XII, 733. 

Vipern-Fett in Augenmitteln hatte auch Galex schon überliefert (XII, 739), 
AüTius (VII, c. 99) übernommen und Ibn Sina (IV, c. 2 6) dem letzteren nach- 
geschrieben. Einen begeisterten Lobgesang auf Pinguedo viperina ophtbalmica 
überhefert uns G. V. Wedelius (1045 — 1721, Prof. in Jena,) in Theoph. Boneti 



il Vgl. XIII, S. 313. 



132 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Med. septentr. (1686, I, 256). Noch 1765 empfiehlt der nüchterne Heuermann 
Vipernfett mit Opium gegen Hornhautgeschwüre. (Bemerk, und Untersuch. I, 278.) 
Ja, selbst J. Beer mag es noch nicht entbehren. Im Anfang des 19. Jahr- 
hunderts war Vipernfett als Grundlage für Ung. ad lippitudinem am St. Thomas- 
Hospital zu London gebi-äuchlich. (Ware, Chir. op. 1805.) 

Es ist sehr merkwürdig, dass ein so großer Naturforscher, wie Sloane dieses 
Mittel so dringend zu empfehlen und ein so dürftiges Buch zu veröffentlichen sich 
entschließen konnte. Nach einem Menschen-Alter (1782) erklärte einer seiner 
größten Bewunderer und Nachfolger auf diesem Gebiet, Tho. Dawson, dass das 
berühmte Allheil- Mittel von Sir Hans den tausend Mitteln des alltäglichen Ge- 
brauchs kaum gleichkommt, geschweige ihnen überlegen ist. Noch weiter geht 
RowLEY (1790), dass nämlich die Salbe von Hans Sloane bei Augen-Ent- 
zündungen und Hornhaut- Fellen nicht nur keine heilende, sondern sogar eine 
schädliche Wirkung äußert. Allerdings hat Higgs schon in dem Jahr, wo Sloane 
sein Büchlein erscheinen ließ , die Salbe des letzteren in seiner Praxis sehr 
wirksam gefunden; ebenso hat der berühmte Prof. der Arzneimittel- Lehre zu 
Edinburg Francis Home im zehnten Abschnitt seiner clinical experiments (Edin- 
burgh 1780) ein voi-theilhaftes , durch viele Erfahrungen bestätigtes Urtheil ab- 
gegeben und der nicht weniger berühmte Georg Chandler in seiner Augen- 
heilkunde (c. 14) sich dem angeschlossen. 

Selbst unser vortrefflicher C. Graefe (Repert. augenärzthcher Heilformeln 
1817, S. 78) hat es noch gegen Verdunklung der Hornhaut und scrofulöse 
Augen-Entzündung empfohlen! Wenn man den langsamen Fortschritt der 
Wissenschaft verstehen will, darf man die Verirrungen nicht über- 
gehen. 

§ 393. Hill, Mead, Monro, Pott. 

A) The fabrick of the eye and the several disorders who^) obstruct 
the sight, London 1758. (Deutsch 1760, Hamburg.) Handelt von den 
Avigenkrankheiten, den Folgen blendenden Lichts, von verschiedenen Augen- 
Entzündungen, von den Resten der Pocken, vom Star und vom Glaukom. 
Es wird John Hill zugeschrieben. (Haller, bibl. chir. H, S. 448.) 

John Hill zu London (9, 1716 — 1775), tüchtiger Naturforscher, be- 
sonders Botaniker, aber ein problematischer Charakter, der durch Verkauf 
von Geheimmitteln ein Vermögen erwarb, verfasste eine Naturgeschichte 
und eine große Pflanzenkunde 2). 

B) Richard Mead (10, 1673 — 1754), Arzt des Königs Georg H. und am 
St. Thomas Hospital zu London, Vicepräsident der Royal Society, ein vor- 
nehmer, gelehrter und berühmter Praktiker, schrieb im 78. Jahre seines 
Lebens, gewissermaßen als Auszug seiner Gesamt-Erfahrungen, Monita et 
praecepta medica, Auetore Richardo Mead, Colleg. Medicor. Lond. et 
Edinburg. Socio, Reg. Societ. Sodali et Medico Regio, Londini 1751. 



1) Man könnte which erwarten. 

2) Biogr. Lexikon III, 206. 



Hill, Mead, Monro, Pott. 133 

(272 S.)^^ — ein Werk, das großen Ruf erlangte, Leiden 1758, Hamburg 
und Leipzig 1752, Venet. 1754, Paris 1757, Lips. 1759, englisch London 
1751, deutsch Frankfurt 1759 erschienen ist und auch in unsrer Fach- 
Literatur angeführt wird. (§ 433.) 

Das XL Kapitel handelt von Augenkrankheiten (S. 180 — 192). »Ueber 
diesen Gegenstand haben die Schriftsteller so genau gehandelt, dass es fast 
überflüssig ist, etwas hinzuzufügen (?): von dem Alten Celsus, von den 
Neueren Plempiüs; dazu über Optik Robert Smith und Porterfield.« 

Gutta serena (amaurosis) entsteht aus verschiedenen Ursachen, 
die allgemeinste ist Verstopfung der Netzhaut- Schlagadern; zuweilen auch 
Lähmung der diese Haut zusammenwebenden Nervenfasern; oder Druck auf 
den Sehnerven zwischen Seh -Hügel und Auge. Begleit- Erscheinung ist 
Pupillen-Erweiterung. Bei der Verstopfung passen Blut-Entziehungen, Ab- 
führungen, Quecksilber bis zum Speichelfluss. So hat M. als junger Arzt 
im Krankenhaus vielen Armen die Sehkraft wiedergegeben. Aus der Optik 
hat er gelernt, dass im Kammerwasser schwebende Körper die Ursache 
dieser Krankheit nicht abgeben können, da sie wegen der großen Nähe 
ihr Bild nicht im Augengrund zu zeichnen vermögen. 

Star ist Linsentrübung. Es giebt aber auch Häutchen. Thomas Lawrence 
hat ihm aus dem Auge eines Kindes ein solches Pupillen-Häutchen gezeigt, 
das von den injicirten Schlagadern durchzogen wurde. (Es war die Mem- 
brana pupillaris!) Die Heilung des Stars erfordert die Hand des ge- 
schicktesten Wundarztes. 

OberflächHche Hörn haut -Trübung hat M. oft durch Einblasen des 
feinsten Pulvers aus Glas und Zucker-Kant geheilt. 

G) Alexander Monro (11, 1697 — 1767)-', Prof. der Chirurgie in Edin- 
burg, der durch seine 40jährige Lehr-Thätigkeit mit am meisten zur 
Hebung der Edinburger Schule beigetragen, hat auch eine Arbeit über die 
Krankheiten der Thränenwege veröffentlicht. (Edinb. med. Essays HI, N. 1 5, 
1735, deutsch Altenburg 1751, S. 383.) 

Ist der Thränensack innen geschwürig oder schwammig, so schneidet 
er ihn auf, nachdem er vom Thränenpunkt eine Sonde eingeführt. Ist der 
Kanal durch Wucherung verschlossen, so durchbohrt er ihn mit einem 
Pfriemen und führt ein Ilaarseil durch. 

D) Percival Pott (12, 1713— 1788)'^), Wundarzt am St. Barthol. Hospital 
zu London von 1749 bis zu seinem freiwilligen Verzicht 1787, seit 1764 



1) Ich besitze das Werk. Mir ist es unerfindlich, wie das biograph. Lexikon 
(IV, 187) demselben drei Bände zuschreiben kann. (Vgl. auch Haller, bibl. med. 
pract. 1787, IV, S. 322 — 328.) 

2) Haller, bibl. chir. II, S. 162. Biogr. Lexikon IV, S. 267. 

3) Biogr. Lexikon IV, S. 618, 1886. Haller, bibl. chir. H, 237—240. Vgl. 
B. XIII, S. 520 u. 544. 



134 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

auch Mitglied der Royal Society, ein wundärztliches Genie, das Epoche 
gemacht in der Behandlung der Gelenk-Entzündungen, der Wirbel-Erkran- 
kungen (malum Pottii), der Hydrocele, der Hernien, der Thränen- und 
Mastdarm-Fisteln (P.'sche Messer), der Schädel-Verletzungen, hingegen auf 
unsrem Hauptgebiet, dem der Star-Operation, durch Vertheidigung 
der Niederdrückung gegen das Ausziehen nicht solche Lorbeern er- 
rungen, ja sogar eine schädliche Wirkung entfaltet hat, da er durch seinen 
großen Einfluss die Mehrzahl seiner Landsleute auf seine Seite brachte. 
Auch seine berühmte Abhandlung über die Thränenfistel ') bringt uns 
wenig Neues. Von Spritzchen, Sonden und Gompression hält er nicht viel. 
Ist Eiter im Sack gebildet, so muss der letztere geöffnet, der Nasengang 
frei gemacht und gehalten, fungüse Wucherung mit Hüllenstein geätzt werden. 
Ist der Gang völlig verödet, so muss man das Nasenbein durchbohren. 

§ 394. Joseph Warner 2) (13), 

geb. 1717 auf der Insel Antigoa (britisch Westindien), kam jung nach England, 
studirte Medizin und Chirurgie, besonders unter Samuel Sharp, und erlangte 17 45 
als Nachfolger desselben am Guy's Hospital die Stellung als erster Wundarzt, 
die er vierzig Jahre lang bekleidete. In seinen letzten Lebensjahren zog er sich 
nach seinem Landgut bei London zurück und starb, 84 Jahre alt, am 2 4. Juli 
1801. W\ war Mitglied der Königlichen Gesellschaft, Begründer einer wundärzt- 
lichen Lehranstalt in London und ein sehr tüchtiger Wundarzt, der 1775 die erste 
Unterbindung der Carotis communis ausführte. Für uns kommen zwei seiner 
Werke in Betracht: 

1 . Cases in surgery with introductions, Operations and remarks, London 
1754; 4** ed. 1784. (J. Warner, Chirurgische Vorfälle und Bemerkungen, aus 
dem Englischen nach der 4. viel vermehrten Ausgabe, Leipzig, 1787, 8'^, 268 S. 
Der Styl dieser Uebersetzung ist schlechter, als nöthig.) 

2. A description of the human eye and its adjacent parts; together with 
their principal diseases and the methods proposed for relieving them. By Joseph 
Warner, F. R. S. and Senior Surgeon to Guy's Hospital. London, printed for 
Davis, 1773, 8". (109 S.) 

Das für uns wichtigste aus der ersten Schrift ist die Erklärung, dass 
W. von Cheselden's Iris-Zerschneidung, so sinnreich diese Operation auch 
sein mag, noch nie einen Erfolg beobachtet habe. (Beer, Rep. III, 65 hat 
manches an dieser Schrift zu tadeln.) 

Die zweite Schrift ist bedeutender und hat die volle Beachtung von 
Richter (chir. Bibl. II, 3, 118, 1776) und von J. Beer (Rep. I, 54 — 55) 
gefunden. So kurz diese Augenheilkunde auch ist, so unerheblich ihr ana- 
tomischer Inhalt, — wir haben hier doch das erste brauchbare, weil 



'I) Observations of that disorder of the corner of the eye, commonly called 
fistula lacrimalis, London l7öS, 8°. (Auch in seinen Chirurgical observations, 17 75 
und 1783.) 

2) Biogr. Lexikon VI, 195, 1888. 



Warner, Chandler. I35 

auf Erfahrung beruhende Lehrbuch unsres Faches in englischer 
Sprache, von dem J. Beer am Ende des 1 8. Jahrhunderts gesteht, dass 
er es immer noch gerne lese, obwohl die Augenheilkunde bereits eine ganz 
andre Gestalt gewonnen. 

Beer erklärt, dass W. ihm bei der Thränenfistel am wenigsten ge- 
fällt, da er den Grund der Krankheit zu sehr in einer mechanischen Be- 
hinderung des Thränen-Abflusses suche; uns gefällt dies ja weit besser. 

Bei der Entzündung der Augen sind, nach dem Aderlass, Mercurial- 
Mittel allein, oder, wenn sie zu starke Durchfälle verursachen, mit Mohn- 
samen vermischt, von vorzüglichem Nutzen. 

Geringere Flornhautflecke beseitigt das Einblasen von Glas -Staubt) 
mit gleichen Theilen Zuckers vermischt. Oberflächliche kann man mittelst 
eines feinen Messers abnehmen. Durchdringende sind unheilbar. Cheselden's 
Pupillenbildung ist ihm nie gelungen. 

Bei der Ausziehung des Stars nimmt er die von Wenzel empfohlene 
Stellung ein, was Richter verwirft. Die Kapsel muss stets geöffnet 
werden, aber erst einige Minuten nach dem Hornhautschnitt. In (1) empfahl 
er übrigens, nach Vollendung des Halbbogenschnitts das Messer behutsam 
zurückzuziehen und mit dessen Spitze in die Pupille zu stechen, um da- 
durch zugleich die Kapsel zu öffnen. — Die Instrumente zur Befestigung 
des Auges verwirft er. Ein geringer Theil der gläsernen Feuchtigkeit kann 
ohne Schaden verloren gehen. Er empfiehlt auch die Rückenlage der 
Kranken, um Glaskörpervorfall zu vermeiden und um auch stets die rechte 
Hand gebrauchen zu können. 

§ 395. George Cbandler (14) 

wird im biogr. Lexikon (I, 701) als Augenarzt bezeichnet und als Verf. der 
folgenden beiden Schriften: 

1 . A Treatise of the Cataract, its Nature, Species, causes and sjmploms. 
With Copper plates. By George Chandler, Surgeon. London, pr. f. Cadell, 
1773, 8". (116 S.) 

2. A Treatise on the diseases of the Eye and their Remedies, to which is 
prefixed the anatomy of the Eye, the theory of vision and the several species oC 
imperfect sight. By G. Chandler, Surgeon. London I 780, 8^', pr. f. Cadell. (19 1 S.) 
(Georg Chandler's Abh. über die Kr. des Auges. Aus dem Englischen, mit 
2 Kupfern. Leipzig, Weigand'sche Buchh. 1782, 8*', 200 S. Diese Ausgabe 
konnte ich benutzen.) 

Ohne eigne Erfahrung und unvollständig: so lautete das Urtheil von 
Richter 1775 (chir. Bibl. III, S. 559) und von Beer 1792 (Lehre von den Augenkr. 
1792, Vorrede); so lautet das Urtheil des heutigen Lesers. 



1) Das ist ein uraltes Mittel, schon von Aetius und von Ibn Sina empfohlen. 
Vgl. § 263, S. 13, Anm. 6. 



136 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

§ 396. William Rowley i) (15), 

geh, 1743 bei London, promovirte in Oxford, machte als Marine- Arzt mehrere 
Feldzüge mit, wurde auch nach West-Indien gesendet und kehrte dann nach 
London zurück, wo er einem Hospital vorstand und 1806 gestorben ist. Er 
schrieb nicht nur über Augen-, sondern auch über Frauen- und Kinderheilkunde. 

1 . An Essay on the Ophthalmia or inflammation of the Eyes and the diseases 
of the transparent Cornea with improvements in the methods of eure. By 
William Rowley, Surgeon. London, pr. f. Newbery, IITI, 8°. (47 S.) 

A. Hirsch urlheilt, noch dazu nach den beiden Jugend schriften Rowley's, 
da ihm dessen Hauptwerk vom Jahre 1790 unbekannt geblieben: »Alle 
Schriften Rowley's zeugen von reicher Erfahrung und gesundem Urtheil. « Dies 
Urtheil kann der Fachmann nicht unterschreiben. Um 17 70 hat Rowley, nach 
eignem Gesländniss, seine Praxis begonnen. 

2. A treatise on the principal diseases of the Eyes; containing a critical 
and candid examination of the ancients and modern Methods of eure and of 
the present defective modes of practice with an account of new mild and success- 
fuU methods for the Cure of the diseases of this organ. By William Rowley, 
London, pr. f. Newbery, 1773, 8°. (159 S.) 

R. unterscheidet nur 4 Arten der Ophthalmie, die frische, die alte, die 
venerische, die scrofulöse. Die gonoi'rhoische und die syphilitische werden 
noch zusammengeworfen. R. bringt die richtige Beobachtung, dass in warmen 
Gegenden (West-Indien) die Lues weit leichter zu heilen ist, als in kalten. Den 
Hornhaut-Abscess öffnet er zeitig. Beim schwarzen Star hat ihm Elektricität nie 
geholfen. Den Schluss macht eine kleine Abhandlung von den Brillen. 

3. A Treatise on one hundred and eighteen principal diseases of the Eyes 
and eyelids, by William Rowley, M. D., London 1790, printed for Wingrave, 
8". (360 S.) 

(W. Rowley's Abh. über die vorzüglichsten Augenkrankheiten nebst ihren 
Kur-Arten. Aus dem Englischen übersetzt. Breslau und Hirschberg 1792. Diese 
Uebersetzung war mir zugänglich.) 

Angezeigt und beurtheilt von Richter (chir. Bibl. B. XII, S. 68 — 75, 1792) 
und von Beer (Repert. I, 25 — 30). Bei ersterem heißt es: »Die Namen aller 
vorzüglichen Augenkrankheiten — wie bei Sauvages — in Reihe und Gliedern, 
und insoweit vollständig. Ob aber von jeder Krankheit alles gesagt ist, was man 
davon mit Zuverlässigkeit weiß und was jeder praktische Arzt wissen muss, das 
ist eine andre Frage. Uebrigens scheint R. sich darum zu bekümmern, was die 
Ausländer davon wissen, und in diesem Betracht ist er vollständiger, als seine 
Landsleute sonst zu sein pflegen.« 

Wichtig erscheinen mir R.'s Ansichten über Augen-Tripper. Gegen 
die Augen-Entzündung, die, wenn gleich selten, »vom gestopften Tripper« 
verursacht wird, empfiehlt er Aderlass, entzündungswidrige Mittel und in- 
nerlich Sublimat. 

»Man weiß2), dass blos das zufällige Reiben der Augen mit 
dem Finger, mit welchem zuvor etwas von einem venerischen 



4) Biogr. Lexikon V, S. 105, 1887. 
2) Vgl. § 359. 



Rowley. 137 

Tripper-Stoff ausgedrückt worden ist, diese Art der Ophthalmie 
hervorgebracht hat.« Dieser bemerkenswerthe Satz Rowley's, der ja 
schon bei Astruc u. van Swieten gefunden wird, ist weder von Richter 
noch von Beer beachtet worden. Von der venerischen unterscheidet der 
Vf., jedoch noch undeutlich, die syphilitische Ophthalmie. Auch bei der 
venerischen Verdunklung der Hornhaut wirft er noch Gonorrhoe und Lues 
zusammen; doch erwähnt er Verdunklung der Hornhaut bei Kindern, deren 
Eltern von der Lustseuche angesteckt sind. Seine lotio ophthalmica 
penetrans besteht aus Sublimat 1 Gran, destiJlirtem Wasser 8 Unzen, also 
0,06: 240,0, d. h. ungefähr 1 : 5000 i). Gegen Hornhautflecke reibt R. seine 
lotio mit einem Schwämmchen ein. (Richter will sie einträufeln und mittelst 
der Lider einreiben^^) 

Die Exstirpation des Augapfels ist eine fürchterliche Operation, 
wonach Raserei, Convulsionen und Tod erfolgt ist. (Richter meint, dass 
dann die Operation wohl ungeschickt gemacht sei.) 

Der Star kann, wenn er nicht zu alt ist, häufiger, als man glaubt, 
geheilt werden, durch Sublimat innerlich und äußerlich. (Beer spottet über 
Rowley's Allheilmittel. In der That finde ich, dass alle von letzteren 
genauer mitgetheilten Fälle nur falsche Stare, Pupillen -Häutchen u. dgl. 
darstellen, die unter Sublimat-Gebrauch u. s. w. binnen 9 Monaten sich wohl 
bessern können.) Die Niederdrückung soll man machen, wenn der Kranke 
unruhig, das Auge tief liegt, die Vorderkammer eng ist, bei Kindern. 

Weder Richter noch Beer haben bemerkt, dass der Titel von Rowley's 
Hauptwerk ziemlich genau mit dem von Bamster's Bearbeitung von Guille- 
meau's Werk über Augenkrankheiten (XIII, S. 330) übereinstimmt. Also 1585 
waren es 1 13 Augenkrankheiten, 1790 erst H 8. Der Zuwachs wäre recht 
gering. Die Anordnung des Stoifes ist tabellarisch, der Styl des Verfassers 
dürr, sein Urtheil absprechend und rechthaberisch. 

In den Schluss-Betrachtungen über Brillen finde ich zwei erwähnens- 
werthe Bemerkungen: 1. An R. wandte sich eine Frau, deren Hornhaut 
wie die Spitze eines Zuckerhutes gebildet war, der aber keine Art von. 
Gläsern helfen konnte. 2. Den Brief von Benjamin Franklin an seinen 
Freund George Whatley, über eine besondere Art von Brillen, die wir 
ja heute noch FaANKLiN'sche nennen. 

»Ich besaß vormals zwei besondere Arten von Brillen, (eine zum 
Fernsehen, eine zum Lesen). Wenn ich reiste, wollte ich zuweilen lesen, 

1) Beer findet keinen großen Unterschied gegen aqua ophthalmica Gon- 
radi: Mercuru sublimati corros. grani Vr„ Land. liqu. Sydenham. Drachmam sem., 
Aq. Rosar. Unc. i. (Also 1:3000, mit Opium.) — Liquor Mercurii ophthal- 
micus (Pharmacop. paup. Prägens.) hat die Concentration 1:2400, Scarpa's 
Augenwasser die von 1 : 6000. 

2) Das ist also ein Verfahren, das vielen heutigen Fachgenossen für neu gilt. 



138 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

zuweilen Fernsicht üben. Da ich den Wechsel nicht bequem fand, so ließ 
ich die Gläser zerschneiden und die Hälfte von jeder Art in denselben 
Reif fassen, (das Fern-Glas oben, das Lese-Glas unten). Da ich nun meine 
Brille beständig trage, brauche ich nur meine Augen aufwärts (zur Fern- 
sicht) oder niederwärts (zum Lesen) zu richten: die gehörigen Gläser sind 
immer bereit.« 

(Die Brillen mit doppelter Brennweite [bifocals] sind ja eine ganz 
hübsche Erfindung für einen »Laien«. Aber dieser nordamerikanische 
Buchdrucker, Schriftsteller und Staatsmann (1706 — 1790) hat noch andre 
Erfindungen gemacht: Eripuit coelo fulmen, mox sceptra tyrannis.) 

A.William Blizard (16, 1743—1835) 

erhielt nur eine geringe Vorbildung, studirte im London-Hospital, bei Pott und 
den beiden Hunter, wurde dann Wundarzt am Magdalen- und 1780 am London- 
Hospital, gründete 1785 die erste Medizin-Schule zu London in Ver- 
bindung mit einem großen Krankenhaus, wurde Prof. der Anatomie, erst bei der 
alten Corporation der Chirurgen, später bei der neuen (Royal College of Sur- 
geons); 1803 erhielt er die Ritterwürde, 1827, im Alter von 8 4 Jahren, hat er 
zum letzten Mal öffentlich operirt. Bis zu seinem Tode erfreute er sich eines 
vortrefflichen Gedächtnisses, noch in den Jahren 1831 — 1833 hat er Aufsätze 
in Lancet veröffentlicht i). 

Zu seinen ersten Veröffentlichungen gehört A new method of treat- 
ing the fistula lachrymalis, Philos. Transact. Vol. 70, 1780; und auch 
besonders gedruckt. Er goss durch eine feine Röhre lebendiges Queck- 
silber in die Thränenpunkte und versicherte, dass dies durch seine Schwere 
und Geschmeidigkeit die Verstopfung im Nasenkanale weit gewisser hebe, 
als die wässrigen Einspritzungen Anel's. 

§ 397. Jonathan Wathen (17), 

ein tüchtiger Wundarzt in London, schrieb über Augen- und Ohren-Krankheiten, 
sowie über Syphilis 2j. 

Für uns kommen zwei Schriften in Betracht: 

1 . A new and easy method of applying a tube for the eure of the Fistula 
lacrymalis, by Jonathan Wathen, Surgeon, F.A.S., London, pr. f. Cadeil, 1781, 
4*^. (16 S.) 

2. A Dissertation on the Theory and Cure of Cataract, in which the Practice 
of extraction is supported and that Operation in its present improved state is 
particularly described by Jonathan Wathen, Surgeon, London, pr. f. Cadell, 1785, 
8°. (166 S.) 

In (1) erklärt W., dass das Verfahren von Blizard nur bei leichter 
und frischer Verstopfung helfen könne. Bei älterer und stärkerer soll man 
nach der Meinung aller jetzigen Wundärzte den Thränensack aufschneiden 



1) Biogr. Lexikon I, S. 486. 

2} Das ist die ganze Ausbeute des biogr. Lexikon, VI, 202, 1888. 



Blizard, Wathen. 139 

und durch eine Sonde den Nasengang öffnen. Aber der Gebrauch der 
Sonde, wenn er auch ein Paar Monate fortgesetzt wird, schützt laut Er- 
fahrung nicht vor einer neuen Verschließung. Um diese zuverlässig zu 
verhüten, legt W. in den Nasenkanal, nachdem derselbe hinreichend ge- 
öffnet ist, eine kleine goldene Röhre und erhält dadurch den Thränen 
einen beständig offenen Weg. Die Röhre ist konisch; man hat verschiedene, 
um sie jedesmal dem Kanal anzupassen. Sowie die Röhre eingelegt ist, 
spritzt man Flüssigkeit durch dieselbe in die Nase und schließt die äufere 
Wunde. 

Richter (chir. Bibl. VI, 498, 1783) wendet sich gegen das Verfahren. 
Nicht auf Verstopfung beruhe meistens die Thränenfistel, sondern auf fehler- 
hafter Absonderung des Schleimes und Verdickung der Schleimhaut in den 
Thränenwegen. Im Jahre 1792 lieferte Wathen eine neue Ausgabe seiner 
Abhandlung mit Beschreibung verbesserter Röhrchen, »so dass die Thränen- 
fistel beinahe in jedem Grade einer vollkommenen Heilung fähig sei«. 

Die zweite Schrift (2) enthält nach Richter (chir. Bibl. VIII, S. 549, 
1787) wenig eignes. Beer (Repert. II, 59) findet dieselbe wichtig, weil nun- 
mehr endlich gegen Pott, den leidenschaftlichen Verachter der Star-Aus- 
ziehung, dem die meisten englischen Wundärzte folgten, selbst unter den 
Engländern Hr. W. als eifriger Vertheidiger der Ausziehung aufgetreten ist. 

So lange der Kranke mit dem einen Auge noch gut sieht, soll man 
nicht zur Operation des andren schreiten. Die Ausziehung ist der Nieder- 
drückung bei weitem vorzuziehen. 

Das Auge befestigt er nur mit sanftem Fingerdruck. Da sein Messer 
nicht sehr breit ist, theilt er den Handgriff in zwei Theile, in die Punc- 
tation 1) und in die Vollendung des Schnitts; bei dem zweiten hört der 
Fingerdruck auf, da er unnöthig. Die Kapsel eröffnet er mit dem Kystitom, 
aber ein ordentlicher Schnitt mit demselben ist nothwendig. Den Austritt 
der Linse befördert er mit dem DAViEL'schen Löffel. Vorfall der gläsernen 
Feuchtigkeit ist immer sehr schädlich. (Richter und Beer wider- 
sprechen. Ob ganz mit Recht, ist fraglich.) Kapselstar wird ausgezogen, 
da er mit dem Kystitom sich nicht öffnen lässt. Ist die Linse durchsichtig, 
so könne man sie drin lassen. (Hier widersprechen Richter und Beer, — 
mit vollem Recht.) 

§ 398. James Ware (18), 

von dem das biographische Lexikon nur mittheilt, dass er ein tüchtiger Wund- 
und Augen- Arzt zu London gewesen 2] und 1816 daselbst gestorben sei; und 
die Titel seiner Schriften anführt: 



1) Was wir heutzutage Punktion und Contra-Punktion oder besser Einstich 
und Ausstich nennen. 

2) Aus der Vorrede zur 3. Auflage von 1. ersehe ich, dass W. anfangs (1780: 
Partner des Chirurgen Wathen gewesen. 



140 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

1 . Remai'ks on the ophthalmy, psorophthalmy and purulent E^'e, by James 
Ware. London 1780, 8°. (133 S.) Diese erste Ausgabe wird in Richter's chir. 
Bibl. VI, S. 21 — 33, 1782, angezeigt; die zweite (with additions, London 1787) 
von Beer (Rep. I, S. 58) genannt; die dritte (with alterations, notes and an 
appendix), London 1795 (179 S.) besitze ich selber. Eine deutsche Uebersetzung 
findet sich in der Sammlung der Abh. für prakt. Aerzte, 6 Band 2 Stück. 

Metastatisches Auftreten der venerischen Ophthalmie ist nicht anzu- 
nehmen. »Wenn etwas von der Materie aus der Urethra bei Gonorrhöe an's 
Auge gebracht wird, so soll es eine Augen-Entzündung mit der gleichen 
Absonderung, wie von der Urethra, hervorrufen. Die Thatsache ist schwer 
zu erhärten. Uebrigens haben variolöse und scrofulüse Materie eine ähn- 
liche Wirkung nach sich gezogen. Darum müssen Handtücher und 
Wäsche, die mit dem Auge des Kranken in Berührung gewesen, auf seinen 
eignen Gebrauch beschränkt werden, besonders in Familien mit Kindern.« 
Ueber Aderlass, Durchschneidung der Schläfen-Schlagader, Blutegel, Scarifica- 
tionen der Lider und der Bindehaut, Ausschneidungen aus der letzteren wollen 
wir hin wegziehen und nur hervorheben, dass Einträuflung der Tinctura 
Thebaica, obwohl sie Schmerzen macht, die Augen-Entzündung verringert, 
und bei der »venerischen« Form die Sublimat-Lüsung (1 Gran auf 4 Unzen 
destillirten Wassers, d. h. etwa 1 : 2400). 

Das wichtigste in der Schrift ist der Abschnitt von den eitrigen 
Augen der Neugeborenen i). Erkältung soll die Ursache abgeben, die 
Krankheit ist schwer, das Heilmittel eine styp tische Flüssigkeit, mittelst 
einer Spritze mit abgerundetem Ende wiederholt und regelmäßig (in den 
milden Fällen 1 — 2 Mal täglich, in den schlimmen 1 — 2 Mal stündlich) 
zwischen die Lider eingebracht. R. Vitriol. Roman. (= Cupr. sulfur.), Bol. 
Armen, äa .3 IV, Gamph. 5 L Mfp., de quo projice o I in aquae bullient. 
Ib. IV, amove ab igne et subsidant faeces. Eine Drachme hiervon, ver- 
mischt mit einer Unze kalten klaren Wassers, liefert die Flüssigkeit zur 
Einspritzung. Das Mittel stammt aus Bate's Pharmacopoea, London 1 688, 
und ist in C. Graefe's Repertor., § 309a, wieder abgedruckt; danach eine 
für den gleichen Zweck angegebene, weit stärkere Lösung, von Scakpa. 
Durch diese Einspritzungen wurde auch ein Fall von Augen -Entzündung, 
die auf Tripper folgte, wenigstens auf dem besseren Auge glücklich 
geheilt. Es ist keine Zeit zu verlieren! Für diese therapeutische 
Leistung können wir nicht umhin, dem Vf. imsre Anerkennung auszu- 
drücken. 

Die Umkehrung der Lider beim Schreien der Kinder, die auch gelegent- 
lich andauert, hat W. weit häufiger, als wir heutzutage, zu beobachten Ge- 
legenheit gehabt. 



<) Vgl. § 248 U. § 420. 



Ware. 141 

2. Chirurgical observations relative to the epiphora or watery eye, the scro- 
fulous and intermittent Ophthalmy, the extraction of the cataract etc. London, 
p. f. Billy, 1792, 8*^. (78 S.) 

3. An enquiry into the causes, wbich have most commonly prevented 
success in the Operation of extracting the cataract, by James Ware, Surgeon, 
London, p. f. Dilly, 1793, 8°. (172 S.) James Ware, über die vorzüglichsten 
Ursachen des Wisslingens der Ausziehung des grauen Stars. Aus d. Englischen 
übersetzt und mit Anm. begleitet von Dr. J. K. Fr. Leune. Leipzig 1799, 8*^. 
(150 S.) 

Das erste ist ein zu kleiner Schnitt; derselbe muss sofort mit der 
Schere erweitert werden, {^/^ß des Hornhaut-Umfangs sind nach W. er- 
forderlich.) Das zweite ist Verletzung der Regenbogenhaut: fließt die 
wässrige Feuchtigkeit zu früh aus, so fällt die Regenbogenhaut vor das 
Messer; man muss, nach Wenzel's Rath, die Hornhaut mit der Spitze des 
Fingers gelinde reiben: dann tritt die Regenbogenhaut zurück. Das dritte 
ist Vorfall der gläsernen Feuchtigkeit. Nach dem Schnitt muss der 
Operateur selber mit dem Finger der andren Hand das Oberlid aufheben. 
Das vierte betrifl't die Reinigung der Kapsel von den zurück- 
gebliebenen Resten 1). Es ist immer rathsam, den vorderen Theil des 
Augapfels bei geschlossenen Augenlidern mit geschlossenen Fingern gelinde 
zu reiben, um die seitwärts verborgenen Trübungen in die Mitte zu bringen 
und auszuziehen. Ist die Vorderkapsel getrübt, so muss man diese zuerst 
ausziehen: aber danach muss die Linse immer heraus genommen werden, 
sie mag verdunkelt sein oder nicht. 

Zur Auflösung solcher zurückgebliebenen Star-Reste träufelt Vf., am 
14. Tage nach der Operation, von Aether (zuerst mit 2 Theilen destillirten 
Wassers gemischt,) einige Tropfen in's Auge und wiederholte das jeden 
dritten, bezw. zweiten Tag. Das Mittel erregt zuerst heftigen Schmerz; 
aber in der 5. Woche v/ar die Pupille rein. 

Auf das Auge legt der Vf. ein Bäuschchen und befestigt es mit Blei- 
pflaster; täglich erneuert er den Verband, bis zum 5. Tage. Dann lässt er 
ihn fort, behütet aber das Auge noch vor Licht. Den Kranken lässt er 
am 4. Tag für 2 — 3 Stunden aufstehen; wenn er seit der Operation noch 
nicht offenen Leib gehabt, so verordne man ihm ein gelindes Abfuhr-Mittel. 
Die Bemerkungen über Heilung des grauen Stares durch Arzneimittel und 
des schwarzen durch Elektricität haben für uns jedes Interesse verloren. 

4. Im Jahre 1805 hat James Ware alle seine Veröffentlichungen zusammen- 
gefasst und neu herausgegeben: Chirurgical observations relative to the eye (with 
an appendix) by James Ware, Surgeon, F. R. S. In two Volumes. (527 u. 447 S.) 
Eine deutsche Uebersetzung von Dr. Johann Runde ist in Göttingen 1809 



i) Das sind auch heute noch die wichtigsten Dinge, nebst reinlicher u. 
schmerzloser Operation. 



142 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

erschienen; Prof. K. Himly hat dazu eine Einleitung geschrieben und hie und da 
Anmerkungen hinzugefügt. 

Der erste Band dieser Sammlung enthält N. ], N. 2, ferner die Be- 
merkungen über die Thränenfistel vom Jahre 1792 ... W. öffnet den 
Thränensack, sondirt den Thränen-Nasengang und bringt einen silbernen 
Griffel mit plattem schrägem Kopf hinein. Der Griffel wird wöchentlich 
2 — 3 Mal herausgenommen und nach Einspritzung von lauem Wasser wieder 
eingeführt. Das wird 6 — 8 Wochen und selbst erheblich länger fortgesetzt. 

Der zweite Band bringt Ware's Uebersetzung von VVenzel's Abhand- 
lung über den Star, mit Bemerkungen, ferner No. 3 und einige kleinere Ab- 
handlungen zur Augenheilkunde, so die über Heilung eines »blindgeborenen«, 
welche Helmholtz in seiner physiol. Optik ^) bekannter gemacht hat, als es 
durch die ursprüngliche Mitlheilung Ware's 2) allein geschehen wäre. Helm- 
holtz erklärt: »Ein siebenjähriger Knabe, der von Ware (an doppelseitigem 
Star) operirt worden, war von Anfang an viel geschickter, als Cheselden's 
Patient. Es ist sehr interessant, dass in dem beschriebenen Fall dennoch 
das Erlernen der Gesichts Wahrnehmung so deutlich hervortritt.« 

Allerdings, Cheselden's Kranker, mit stark getrübten Linsen geboren, 
w^urde erst im 1 3. Lebensjahr operirt. Ware's Kranker kam nicht blos 
jünger zur Operation, sondern er hatte auch zuerst noch etwas gesehen; 
im Alter von 6 Monaten erlitt er heftige »Zahnkrämpfe« und 6 Monate 
später bemerkte man, dass er nichts mehr sah. 

Ware macht aber noch gute praktische Bemerkungen: 1. Man soll 
die Operation des angeborenen Stares nicht bis zum i 4. Jahre aufschieben. 
2. Man solle mit der Nadel eine weite Oeffnung in der Vorderkapsel an- 
legen, um den immer weichen Star der Kinder zur Auflösung zu bringen. 

§ 399. Thomas Dawson (19), 

Arzt am Middlesex-Hosp., schrieb über Gicht und Rheumatismus (1774, 1776) 
und über Augen-Entzündung, und starb zu London 1782 3). 

An account of a safe and efficacious medicine in sore ejes and eye-lides 
by Thomas Dawson, M. D., London 1782, 8". (13 S.) 

Eine Verwandte, die in Folge von Pocken an Augen- und Lid-Ent- 
zündung litt, erklärte ihm, dass sie von keinem Mittel so großen Vortheil 
hatte, als von der gelben Salbe, die ihr Dr. Nettleton aus Halifax 
30 Jahre zuvor verschrieben: 

Rp. Butyri Unc. VHI, Mercurii Vivi äa. Unc. I, 

Aq. Fortist), Gamphor. Drachm. IL 

1) 1. Aufl. S. 588, 2. Aufl. S. 732. 

2) Philosoph. Transact. XCI, S. 382— 396, 1801, und in Chirurgical observ., 11,1805. 

3) Biogr. Lexikon II, S. 136. 

4) Scheidewasser, öOprocentige Salpetersäure. 



Dawson, Benjamin Bell. 143 

Butyro liquefacto et in coaguluni denuo tendenli injice Argent. viv. in 
Aqua forti solutum et Camphor. in Ol. Oliv. Unc. II solutam, diligenter 
agitans in mortario marmoreo, donec refrixerint, ut f. unguentum. (Wieder- 
holt bei G. Graefe, Repert. augenärztl. Heilformeln 1817, § 355.) 

(Der Name Yellow ointment ist geblieben bis zu unsren Tagen. 
Doch benutzen wir dazu rothes Quecksilberoxyd, das übrigens zu Augen- 
Salben schon von St. Yves, dann von A. Schmidt, Richter, Beer, Jüngken 
verwendet worden war. [G. Graefe hatte 1 9 Recepte zu Augensalben mit 
rothem Quecksilber -Oxyd.] Die 4. Ausgabe des Arzneibuches für das 
Deutsche Reich, vom Jahre 1900, enthält eine rothe Quecksilbersalbe (aus 
1 Th. Quecksilberoxyd und 9 Th. Paraffmsalbe), die ebenso verbesserungs- 
fähig wie bedürftig scheint. [Vgl. m. Einführung I, S. 18, 1892.] Gelb 
ist die Augensalbe eigentlich erst, seitdem der ältere Pagenstecber [klin. 
Beob. I, 1866, S. 12' gelbes, auf feuchtem Wege niedergeschlagenes Queck- 
silber-Oxyd zu dieser Salbe benutzt, über die in unsren Tagen eine kleine 
Bibliothek geschrieben worden ist.) 

§ 400. Benjamin Bell (20, 1747—1806), 

studirte in seiner Vaterstadt Edinburgh und wurde, nach wissenschaftlichen Reisen, 
daselbst Wundarzt am Königlichen Krankenhause. Sein Hauptwerk ist System 
of surgery, Edinb. 1783/7, 6 Bd.; 7. Aufl. in 7 Bänden, 1801. Das Werk 
wurde in's französische (1796) und mehrmals in's Deutsche übersetzt. Ich konnte 
die folgenden beiden Ausgaben benutzen: 

\ . Benjamin Bell's, Mitglieds des K. Collegium der Wundärzte zu Edinburg 
und Wundarzt des dasigen K. Hospitals, Lehrbegriff der Wundarzneikunst. 
Aus dem Englischen mit einigen Zusätzen und Anmerkungen, Leipzig bei Weid- 
mann's Erben und Reich, 1784 — 1790. (Die letzten 3 Bände sind von Dr. 
E. R. G. Hebenstreit [1753 — 1803], Prof. der Medizin zu Leipzig, der auch 
Zusätze zu dem Werk geliefert hat.) 

"2. Dritte vermehrte Ausgabe (nach der 7. englischen) . . . Leipzig, Weid- 
männ'sche Buchhdl., 1804 — 1810, in 7 B, (Von Hebenstreit begonnen, mit 
ausführlichen Zusätzen.) 

Das 27. Hauptstück handelt von den Augenkrankheiten, in (l) von 
S. 141 — 433, in (2) von S. 101 — 286. Da in den wichtigen Grundsätzen kein 
Unterschied zwischen (l) und (2) besteht, so wollen wir die letztere Ausgabe 
berücksichtigen. Allerdings, die Zusätze von Hebenstreit zur 2. Ausgabe [VI, 
S. 271 — 522] stellen eine ganz selbständige Arbeit nach deutschen Grundsätzen 
dar. Eine Recension dieses Abschnitts von den Augenkrankheiten hat Richter 
(chir. Bibl. 9, S. 295 — 3 52, 178 8) geliefert i). 

B. B. beginnt mit einer kurzen anatomischen Beschreibung des Aug- 
apfels. Die Darstellung der Augen-Entzündung ist sehr unvollständig, ja 



1) Viele Bemerkungen Richter's sind richtig, aber nicht alle. Manchmal ist 
er nörgelnd und dabei ungenau. > Durch die Niederdrückung wird die Linse unter 
die Regenbogenhaut gedrückt. (Da ist sie aber schon.)« Jedoch im Original steht: 
>. . . hinter der Regenbogenhaut abwärts gedrückt«. 



144 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

mit Fehlern behaftet. Bei heftiger Lichtscheu soll die Netzhaut mitleiden, 
während Richter richtig hervorhebt, dass bei Netzhaut-Entzündung keine 
Lichtscheu besteht. Die Ursachen werden sehr unvollkommen angegeben. 
Um Fremdkörper auszuspülen, bedient sich B. eines Gummiballons mit 
einer kurzen elfenbeinernen Rührei). Bei heftigen Entzündungen sind 
Aderlass, Abführen, Blutegel nothwendig, ferner Compressen mit wässriger 
Lösung des Bleizuckers, Scarificationen, örtlicher Gebrauch des Mohnsaftes 
oder des Laudanum. Gegen Verklebung und Randgeschwüre nützt gelbe 
Quecksilbersalbe 2). 

Bei den durchbohrenden Wunden des Auges werden nur entzündungs- 
widrige Mittel, äußerlich Bleizucker, innerlich Mohnsaft empfohlen, — nicht 
der Verband. 

Bei den Geschwülsten des Lides Jist nichts besonders zu verzeichnen. 
Einstülpung des Lides selber entsteht öfters durch Krampf, wogegen 
ein Schnitt von der Innenfläche des Lids bis zu dem Ringmuskel hin aur 
gerathen wird. Die eingestülpten Haare werden ausgerupft, und wenn sie 
wieder etwas zu wachsen angefangen haben, richtig angeklebt (?). Bei 
Haarkrankheit am Oberlid wird eine Hautfalte ausgeschnitten. (Ich finde 
bei Griechen wie bei Arabern bessere Darstellungen dieser Operationen.) 
Narbige Ausstülpung glaubt B. B. durch Trennung der Haut und Befestigung 
des Lids in der richtigen Lage heilen zu können. Nach der chirurgischen 
Abtrennung der Lid-Anwachsung wird Leinwand, mit Salbe bestrichen, auf 
das Auge gelegt. Unter fleischigen Auswüchsen der Hornhaut fasst B. 
Flügelfell und Fell (Pannus) zusammen, nicht eben in sehr klarer Weise. 
Zunächst gebrauche man zusammenziehende Mittel (Sublimat \ Gran auf 
4 Unzen Wasser, oder weißen Vitriol 1 Scrupel, oder ein halbes Quentchen 
Alaun — jedes auf 4 Unzen Wasser')), auch abwechselnd mit einem Stäub- 
chen von gebranntem Alaun oder weißem Vitriol mit Zucker, Wenn dies 
nicht hilft, muss man die einzelnen Gefäße mit wiederholten behutsamen 
Messerzügen durchschneiden. 

Mit dem Eiter-Auge wirft B. das Staphylom zusammen, meint auch, 
dass immer alle Feuchtigkeiten entleert werden müssen und Erblindung 
nothwendig folge. Als Augenwassersucht beschreibt B. eine Vergrößerung 
des Auges mit Erblindung und Schmerz. Die Operation soll schon vor 
der Erblindung gemacht werden, nämlich die Entleerung des Kammerwassers. 
Das ist gewiss ganz gut; aber schlecht ist der Rath, wenn Wiederholung 



1) Ein kräftiger Strahl von sterilisirter Cocain-Lösung aus moderner Spritze 
ist nach meinen Erfahrungen ein treffliches Mittel, um oberflächlich sitzende Fremd- 
körper aus der Hornhaut zu entfernen. 

2) Eine Unze Quecksilber, 2 Unzen Scheidewasser, < Pfund Schweineschmalz. 
(Pharm. Edinburgh.) 

3) Also Sublimat 1 : 2400. 



Benjamin Bell. 145 

nöthig, einen kleinen, feinen Troikar V'io" hinter der Iris in die Hinter- 
kammer zu stoßen. (Richter zieht mit Recht einen zweiten Stich in die 
Hornhaut vor.) Blute rguss in's Augeninnere erfolgt bei fauligen Krank- 
heiten, aber am häufigsten bei Verletzungen und muss, wenn die wässrige 
Feuchtigkeit dadurch ganz undurchsichtig geworden, durch Hornhautschnitt 
entleert werden. Bei Hornhautgeschwüren sollen die zu ihnen hin 
laufenden Blutgefäße durchschnitten werden, — was sicher nicht immer 
gut ist. Bei den Hornhaut-Flecken hält der Verf. nichts von den vielen 
Namen und merkwürdiger Weise auch gar nichts von äußerlichen Mitteln. 
Ist Vorfall des Augapfels durch Verletzung verursacht, so muss derselbe 
zurückgebracht werden; wenn aber eine in der Augenhöhle sitzende Ge- 
schwulst besteht, so muss letztere ausgerottet werden. Das ist meist 
ganz leicht. Auch die verhärtete Thränendrüse muss bisweilen ausgerottet 
werden. Bei Krebs des Augapfels muss dieser entfernt werden und zwar 
ganz. Die meisten Wundärzte sind hierbei zu furchtsam. Man muss sich 
nur hüten, mit dem Messer die dünnen Knochen zu durchstoßen. Die 
Blutung ist nicht arg, aber der Schmerz ist sehr stark. Ein künstliches 
Auge passt, wenn das natürliche geschrumpft; nicht aber, wenn es ganz 
fortgenommen ist. 

Das Kapitel vom Star ist theils undeutlich, theils unvollständig. »Da 
der Ausgang der Operation immer zweifelhaft ist, sollte man sie nie unter- 
nehmen, ehe der Kranke ganz blind ist.« (Zum Glück für die Mensch- 
heit ist dies heutzutage der Ausnahme-Fall.) 

Zur Vorbereitung der Niederdrückung macht B. B. Aderlass, giebt Ab- 
führungen. Der Operateur, der höher sitzt, stützt seinen Ellenbogen auf 
sein Knie oder einen Tisch; und Goldfinger und kleinen Finger auf Wange 
oder Schläfe des Kranken. B. braucht einen Augenspiegel (d. h. einen 
ringförmigen Lidheber) und senkt die Nadel i'io" hinter der Regenbogen- 
haut ein. 

Beim Star-Stich bedient er sich für das rechte Auge einer geknickten 
Nadel, die er über die Nase fort in den inneren Augenwinkel stößt. Auch 
bei dem Hornhautschnitt zur Star-Ausziehung bedient er sich des Augen- 
spiegels und für das rechte Auge eines geknickten Messers. 

Mängel der Ausziehung sind nach B. B. : Verdunkelung der Hornhaut, 
Vorfall der Glas-Feuchtigkeit, starke Dehnung der Pupille. 

»Man könnte den Schnitt nach oben verlegen, man könnte ihn ^ k," 
hinter der durchsichtigen Hornhaut durch die Lederhaut führen und die 
Linse mit einem Häkchen herausziehen. « (Ich finde, dass man mit Zurück- 
weisung dieser rein theoretischen Vorschläge Bell's Zeit und Mühe ver- 
loren hat.) 

>Die Niederdrückung ist eine ebenso sichere Operation, als die Aus- 
ziehung und dabei mit weniger Schmerz und Entzündung verknüpft. . . 

Handtuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIU. Kap. ^0 



146 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Sie gelingt öfters als die Ausziehung. Von den mit Niederdrückung Ope- 
rirten erhalten ungleich mehrere ihr Gesicht wieder, als von den mit der 
Ausziehung Operirten.« . . . »Von den durch Ausziehung anscheinend mit 
Erfolg Operirten sind viele nach etlichen Wochen oder Monaten nach und 
nach ganz blind geworden, weshalb auch Dr. Young in Edinburg seine 
Meinung ganz geändert hatte.« (XIII, 519, Anm. 3.) 

In der Behandlung der Thränen-Leiden schUeßt B. B. sich ziemlich 
eng an Pott an. 

Also die berühmten und genialen Chirurgen Percival Pott 
und Benjamin Bell haben auf unsrem Sondergebiet eher einen 
schädlichen Einfluss ausgeübt. Weit nützlicher wirkten die ein- 
fachen Wundärzte Jonathan Watben und Thomas Ware, von denen der 
letztere den Ehrentitel eines tüchtigen Augenarztes sich wohl verdient hat. 

Ein originales Werk über Augenheilkunde, wie das von Meister 
Antoine, von St. Yves, von Janin, von Pellier de Quengsy, ein päda- 
gogisches, wie das von Deshais Gendron, ist in der englischen Literatur 
des 1 8. Jahrhunderts nicht zu finden. 

Der Ruhm der englischen Augenheilkunde des 18. Jahr- 
hunderts beruht auf dem theoretischen Werk von Porterfield, auf das 
wir noch zurückkommen werden, und natürlich auf der Optik von Isaag 
Newton. 

Zusatz. Ein eigenartiges Werkchen ist Nomenclatura critica 
morborum ocularium or a critical index to the diseases of the eye, by 
J. H. Mauclerg, London 1 768. Das Büchlein ist aber nur eine Compilation 
ohne jede Berücksichtigung der Quellen. 

Einen Index latino-graecus et gallicus der Augenkrankheiten hat 
Joseph Beer 1792 in seiner Lehre der Augenkrankheiten geliefert, — mit 
zahllosen Fehlern. 

Mein Wörterbuch der Augenheilkunde vom Jahre 1887 gehtauf 
die Quellen zurück, namentlich auf die griechischen; beabsichtigt die vor- 
kommenden Kunstausdrücke der Augenheilkunde, die meistens griechisch 
sind oder dafür gelten, zu erklären, die nützlichen beizubehalten, die falschen 
und geschmacklosen zu verwerfen, alle überflüssigen, schädlichen und irr- 
thümlichen Fremdwörter durch deutsche zu ersetzen. 

Auch in dieser Geschichte habe ich stets die genaue Erklärung unsrer 
Kunstausdrücke zu geben versucht i). Ich finde, dass manche unsrer Lehr- 
buch-Verfasser, die doch bei der Beschreibung jeder Zelle und jedes Pilzes 
so genau sind, gegen Fehler auf diesem sprachlichen Gebiet ziemlich gleich- 
gültig zu sein scheinen. 



1) In dem Register werde ich eine brauchbare Zusammenstellung derselben 
liefern. 



Nomenklatur der Augenkrankheiten. — Italien. 147 

Italien i). 

§ 401. Italien, im 15. Jahrhundert die Wiege der neuen europäischen 
Bildung nach der Barbarei des Mittelalters, hat auch im 1 8. Jahrhundert be- 
deutendes in der Wissenschaft geleistet. 

Die hochberühmten Professoren der Heilkunde und Wundarzneikunst, 
wie HiERONYML's Mercurialis und Fabricius ab Aquapendeme hatten ihre 
gelehrten Bücher in formvollendetem Latein geschaffen, (§315 und 3i6.) 
Auf den alten Universitäten wurde immer weiter Unterricht in der ge- 
lehrten AVundarzneikunst ertheilt. Die italienische Chirurgie des 18. Jahr- 
hunderts, von BiLLROTB (i. s. Allg. Chir.) günstiger, als von Daremberg 
(Hist. d. scienc. med. II, S. 253) beurtheilt, war ein »italienischer Orga- 
nismus, der die französisch -englische Kultur sich aneignete, ohne seine 
eigne, Jahrhunderte alte Physiognomie zu verlieren 2). Aber die Heilung 
der Augenleidenden lag in den Händen der einfachen Wundärzte von 
Norcia, welche nunmehr im 18. Jahrhundert nicht blos die Ueberlieferung 
und Erhaltung der Kunst, sondern auch ihre Vervollkommnung und Lehre 
zu betreiben anfingen. (XHI, S. 287, 318.) 

Schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts war eine lange Reihe ita- 
lienischer Wundärzte hervorgetreten, welche nach ihrer Heimath, der Stadt 
Norcia am Meerbusen von Santa Eufemia in Calabrien und deren Um- 
gebung, namentlich dem Gaste llo und Contado delle Preci, den Namen 
Norciner oder Precianer führen. Hier in der Gegend des alten Kroton, 
wo bis auf unsre Zeit griechische Sprache und Sitte lebendig geblieben, 
waren seit langer Zeit mehr als 27 Familien ansässig, die sich vorzugs- 
weise mit Bruch-Operationen, Steinschnitt und Star-Stich beschäftigten, — 
also mit Operationen, welche die gelehrten, großentheils der Geistlichkeit 
angehürigen Aerzte des Mittelalters ablehnten oder ablehnen mussten. 
Die Kirche verbot den Geistlichen die Operationen, nicht blos, weil sie Blut 
scheut, sondern auch wegen der erheblichen Missstände 3), die sich dabei 
herausgestellt hatten. 

Allerdings waren wohl Viele von den Norcianern und Precianern un- 
wissende Handwerker; aber einige verschafften sich, in späterer Zeit, eine 
bessere Bildung. Mehrere wurden an fürstliche Höfe berufen ; viele lebten 
noch im 18. Jahrhundert, zum Theil als öffentlich angestellte Steinschneider 
und Augenärzte, in verschiedenen Städten von Italien. 



1] Gli scientati Italiani nell' oftalm. dell' etä moderna per il Prof. Fr. Falchi, 
Pavia 4 904. Eine wichtige Arbeit, doch werden den Italienern manche Ent- 
deckungen zugeschrieben, welche schon von Griechen und Arabern herrühren. 

2) M. DEL Gaizo (2, S. 8, § 4 07). 

3) Nach Pagel, Handb. d. G. d. Med. I, S. 630, ist wegen schmutziger Habsucht 
den Geistlichen die Heilkunde verboten worden. 

10* 



148 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

§ 402. Zu Norcia ist denn auch der berühmte Steinschneider und 
Augenarzt Antonio Benevoli^) (1, 1685 — 1756) geboren. 

Früh verwaist, fand er in seinem Verwandten, dem ausgezeichneten Wund- 
arzt GiROLAMO AccoRAMBONi ZU Florenz, einen zweiten Vater, der ihn studiren 
ließ. Schon mit 20 Jahren erhielt er die Stelle eines Augenarztes am 
Krankenhaus S. Maria nuova zu Florenz. Später -wurde ihm auch die 
Behandlung der chirurgischen Kranken übertragen; als erster Meister der Wund- 
arzneikunst an dem Hospital ist er 1756 gestorben. 

Wir haben den Antonio Benevoli bereits als einen rüstigen und erfolg- 
reichen Kämpfer für den richtigen Star-Sitz kennen gelernt (XIII, S. 208); 
und finden in seinen »dissertat. sopra Torigine della ernia .... sopra il 
leucoma , . . aggiuntivi qüarante osservazioni « (Firenze 1747, 4°) den 
richtigen Rath, bei Hornhautflecken nur milde Kollyrien anzuwenden. 
Benevoli's Schüler war Angelo Nannoni^) (2, 1715 — 1790).- 
Derselbe war 1715 zu Jussa bei Florenz geboren, studirte von 1731 — 1748 
im Hospital Santa 3Iaria Nuova, ging dann zu seiner Vervollkonmmung nach 
Frankreich, und zwar nach Paris und später nach Ronen zu Le Cat, wurde nach 
seiner Rückkehr Hauptwundarzt an dem genannten Krankenhaus und blieb es bis 
zu seinem 1790 erfolgten Tode. Er war zu seinerzeit der berühmteste Wund- 
arzt von Toscana. 

Für uns kommen zwei seiner Werke in Betracht: 

I. Dissertation! chirurgiche, 1. della fistola lacrimale, 2. della Cataracta, 
3. de medicamentis exsiccantibus, 4. de med. causticis. Parigi, 1748, 8°. 
(Die beiden lateinischen Abhandlungen sind Preis-Arbeiten für die Pariser 
Akademie der Wundarzneikunst.) 

N. ist gegen die Bahnung eines neuen Thränen-Wegs nach der Nase zu; 
der geöffnete Thränensack verwächst immer wieder. Er empfiehlt Verödung 
des Thränensacks durch das Glüh-Eisen. Das zurückbleibende Thränen 
ist erträglich. 

Zum Niederdrücken des Stars wählt er runde Nadeln, während die 
meisten Schriftsteller des 18, Jahrhunderts platte bevorzugen; er fordert 
Reife des Stars ; den in die vordere Kammer vorgefallenen hat er aus einem 
Hornhautschnitt ausgezogen. 

II. Trattato chirurgico . . , Firenze 1761. 

Er zieht die Niederdrückung des Stars vor und glaubt, dass von 
Daviel's Ausziehung Entzündungen entstehen. 

Bei dieser Gelegenheit mag doch erwähnt werden, dass der deutsche 
Wundarzt Jo. Frid. Reigbenbach 1762 zu Venedig den dortigen Wund- 
ärzten und Aerzten zuerst die Ausziehung des Stars gezeigt. (Vgl. 
dessen Tübinger Diss. vom Jahre 1767, § XXI, und Gazetta medica d'Oltre- 
monti, N. XV, 12, Agosto 1762.) 



1) Haller, Bibl. chir. II, S. 75. Biogr. Lexikon I, S. 393, 1884. Falghi, S. 15. 

2) Haller, Bibl. chir. II, S. 288—290. Biogr. Lexikon IV, S. 334. Falchi, S. 15. 



Benevoli, Nannoni, Pallucci. 149 

§ 403. Natalis Giuseppe Pallucci i) (3, 1719 — 1797). 

1719 zu Florenz geboren, studirte er Heilkunde und Wundarzneikunst auf 
italienischen Hochschulen, wurde am Hofe des Großherzogs von Toscana als 
Chirurg angestellt, studirte und prakticirte dann mehrere Jahre in Paris und 
erhielt endhch zu Wien die Stelle eines k. k. Chirurgen und starb daselbst 
1797. 

VAX SwiETEX veranlasste ihn, vor den Studenten der Medizin und der 
Chirm'gie im Dreifaltigkeits-Hospital zu Wien Star-Operationen auszuführen 2]. 
Haller nennt ihn erfindungsreich in neuen Instrumenten; doch meint Beer, 
dass man dieselben nicht gebrauchen könne. Daa-iel^) erklärt ihn für boshaft 
und unbegabt; Beer für ganz unfähig. Wenn man seine Starstich-Geschichten 
durchliest, muss man dieses Urtheil bestätigen. 

Die Ausziehung des Stars hat er verworfen, aber den Ruhmeskranz der 
Erfindung wollte er dem rechtmäßigen Eigenthümer nicht gönnen, sondern um 
die eignen Schläfe winden. 

P. hat hauptsächlich über Steinschnitt, Nasen-Polypen, Star- und Thränen- 
fistel-Operation geschrieben. Leber die beiden letzteren Operationen haben 
wir von ihm die folgenden Schriften : 

1 . Description d'un nouvel Instrument propre ä abaisser la cataracte avec 
tout le succes possible. Paris 1750, 12°. (Beschreibung eines neuen Instru- 
ments, den Star mit allem nur möghchen Erfolg niederzudrücken. Aus dem 
Franz. Leipzig 1752.) 

2. Histoire de l'operation de la cataracte faite ä six soldats invalides, Paris 
1750, 12°. 

3. Methode d'abbattre la cataracte, Paris 1752, 12°. 

4. Lettre a M. le McU*quis de . . sur les Operations de la cataracte faites 
par M. Pallucci, 1751, 12°. 

5. Descriptio novi instrumenti pro cura cataractae nuper inventi ac exhibiti. 
Wien 1763, 8°. 

6. Methodus curandae fistulae lacrimalis. Wien 1762, 8°. 

In (1) beschreibt er eine Star-Nadel in einem Stahl-Rührchen: mit der 
vorgeschobenen Nadel werden erst die Augenhäute durchbohrt, dann mit 
dem stumpfen Röhrchen der Star niedergedrückt. (Vgl. XIII, S. 481.) 

2. enthält die Ausziehung eines nach 2 maliger Niederdrückung wieder 
aufgestiegenen Linsen-Restes. — Schon von den Zeitgenossen herbe beur- 
theilt, (vgl. Vogel, med. Bibl. I, S. 115, 1751,J da die Erfolge weder für 
den Operateur noch für sein Werkzeug sprächen. 



1) Haller, Bibl. chir. II. S. 339— 342. Biogr. Lexikon IV, S. 470. Falchi, S. 16. 

2) Puschjiaxn, Gesch. d. med. Unterrichts, Leipzig -1889, S. 335. 

3) 7me Lettre de Daviel k Caque k Paris le 26e mai ITsa. ... Le sr Palluchi 
s'etait persuade quil avait fait la plus belle chose du monde en mettant un livre 
au jour, et encore un livre qui ne vaut absolument rien; ce n'est pas moi qui 
Tai condäne, c'est le public, vous en jugeres aisement lorsque vous l'aures lu, 
quoique ce n'est pas lui qui a fait ce livre , cependant il est sur son nom , c'est 
un enfant adoptif, il auroit beaucoup mieux fait de ne le pas faire paroitre; ce 
livre parle fort mal de ma methode . . , (Daviel ä Reims par H. Delacroix, 
1890, S. 59.) 



150 XXIIT. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

3. verwirft die Ausziehung, außer bei dem Zitter-Star. Zur Nieder- 
legung sticht er eine Nadel in's Auge, die dann durch Federdruck zurück- 
geht, um einem stumpfen Stäbchen die Niederdrückung zu überlassen. 

4. ist eine Reklame-Schrift, enthält günstige Zeugnisse über seine 
Operationen. 

In 5. hat er für die Ausziehung, der er übrigens nicht gewogen ist, 
ein Messer, das in eine Nadel sich fortsetzt, erfunden; und ferner eine 
Nadel mit einem gedeckten Messer daran, so dass er mit ersterer Ein- und 
Aus-Stich macht, dann das Messer vorschiebt und den Schnitt vollendet. 
Die Kapsel öffnet er mit einer kleinen Gabel. 

6. Mittelst eines sehr feinen, goldnen Rührchens, das er durch die 
Thränenrührchen bis in die Nase leitet, führt er einen goldnen Faden durch, 
bringt dann eine dünne goldne Saite an dessen Stelle und schließlich mit 
deren Hilfe eine dünne Wieke, die mit Salbe bestrichen ist, in den Thränen- 
sack. Bei schlimmeren Leiden schneidet er allerdings den Sack ein und 
führt so das Röhrchen zur Nase. In Wien sei die Krankheit häufig. Er 
habe viele geheilt. 

In seinen alten Tagen hat P. sich noch in recht zweifelhafte Geschäfte 
eingelassen. Nachdem er über den von Sauvage ^) zur Auflösung des Stars 
angegebenen innerlichen Gebrauch von Hyoscyamus-Auszug 1765 (in 5) 
weitere Mittheilungen versprochen; hat er 1780 in einem der unter dem 
Titel Avvisi alla saluta umana gedruckten Blättchen die Heilkraft dieses 
Mittels bestätigt^), 

§ 404. Nächst der Schule von Florenz kommt die von Bologna 
in Betracht. 

Der berühmte Antonio Maria Valsalva^) (4, 1666 — 1723), 
der Schüler Malpighi's, war nicht nur seit 1697 Prof. der Anatomie zu 
Bologna, sondern auch gleichzeitig Wundarzt am Hospital der Unheilbaren, 
wo er selbst Hand anzulegen pflegte und die feinsten chirurgischen Instru- 
mente besaß. Seine großen Verdienste um die neue Star-Lehre, seinen 
Antheil an der Sondirung der Thränenwege haben wir schon betrachtet. 
(§333, §361.) 

Des großen Yalsalva's größerer Schüler war F. B. Morgagni (5). Seine 
anatomischen Beiträge zur Lehre vom Star und von den Thränenfisteln 
haben wir auch schon erörtert. ' (§ 333, 360.) Sein großes Verdienst um 
die Anatomie und Pathologie des Auges werden wir noch später 
zu besprechen haben. 



1) Nosol. Method., Tome III, chap. VI. 

2) Tiio.iA, malattie degli occhi, 1780, S. 347. 

3) Biogr. Lexikon VI, S. 63. Haller, Bibl. chir. I, S. 366. 



Valsalva, Reghellini, Molinelli. 151 

Das berühmte Venedig liefert uns von Janus Reghellini (6): 

Lettera chirurgica sopra l'offesa della vista in una donna, con- 
sistente nel raddoppiamento degli oggetti, seguito doppo la depressione 
della cataratta, Venet. 1749. 

Vf. lässt den Haut-Star der Alten zu und bedient sich zu seiner Opera- 
tion einer lanzenfürmigen Nadel. — Rosalba, die bekannte Malerin, hatte 
einen Schuppen-Star, R. schob eine Schuppe nach der andren fort. Die 
Verletzung des Glaskörpers ist ohne Bedeutung. — Bei einer Frau, der R. 
einen Star niedergedrückt, entstand Doppeltsehen, durch ein Loch der 
Regenbogenhaut am inneren Augenwinkel. 

In seinen 
Osservazioni sopra alcuni casi rari medici e chirurgici, Venez. 1764, 
theilt R. mit, dass er eine nach der Niederdrückung in die Vorderkammer 
gelangte Linse bei liegendem Kranken zurückstieß. R. tadelt Daviel's Aus- 
ziehung wegen zahlreicher 3Iisserfolge. 

(Haller bibl. chir. H, 329: Beer, Repert. HI, 36.) 

§ 405. Pier Paolo Molinelli (7, 1702—1764)1» 

wurde, als 1742 in der Universität zu Bologna eine Professur der operativen 
Chirurgie begründet ward, ihr erster Vertreter. Bei seinem Aufenthalt in Paris 
zum correspondirenden Mitglied der Academie de chir. ernannt, veranlasste er 
den König Ludwig XV., dem Papst eine vollständige Sammlung von chirurgischen 
Instrumenten zu verehren. 

Für uns kommt in Betracht seine (in Comment. Acad. Bonon. Scient. 
& artium Tom. II, 1775 veröffentlichte) Arbeit de fistula lacrimali, 
worin er das PETix'sche Verfahren rühmt und noch verbessert, aber nicht 
in allen Fällen anwenden will. 

BoRDENAVE hat (Mcm. de l'Acad. R. de chir. II, S. 161 fgd.) eine Anti- 
kritik gegen Molinelli veröffentlicht. 

M. verfocht auch die falsche Ansicht, dass Zusammenziehung der vier 
graden Augenmuskeln Verkürzung des Augapfels und Fernpunkt-Einstellung 
bewirken. 

Noch berühmter war 

Ambrogio Bertrandi'-' (8), 

1723 zu Turin als Sohn eines einfachen und armen Wundarztes geboren. Schon 
als Student schrieb er 1745 eine Ophthalmographia, die zusammen mit 
einer Anatomie der Leber 1747 als Dissert. de hepate et de oculo zu Turin 



1) Haeser, Gesch. d. Med., III. A., II, S. 657; Biogr. Lexikon IV, 260. Haller, 
Bibl. chir. II, 140. Daremberg, II, S. 1251. FALcm, S.U. 

2) Biogr. Lexikon I, S. 434. Daremberg II, S. 1252. (D. meint, dass Louis in 
seinem Eloge B. etwas überschätzt habe.) Opere di A. Bertrandi, I, 1786, S. 14 
bis 96, raggionamente suUa vita di Ambrogio B. 



152 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

veröffentlicht wurde. 17 49 wurde er Mitglied des Collegs der Wundärzte, dann 
von der Regierung in's Ausland gesendet. Er verweilte längere Zeit in Paris, 
woselbst er zum Mitglied der Acad. de chir. gewählt wurde, auch ein Jahr in 
London. 1755 wurde er zum Prof. der Chirurgie und Leibarzt des Königs er- 
nannt. Er starb 1765. 

Sein Hauptwerk ist trattato delle operazioni di chirurgia (Nizza 
1763, 2 B., ferner Neapel 1769, Torino 1802. Auch in's Französische und, 
Wien 1770, in's Deutsche übersetzt). Enthält nicht viel bemerkenswerthes 
für unser Fach. 

In seinen gesammelten Werken, die auf Grund seiner Vorlesungs- 
hefte (1758 bis 176Ö) lange nach seinem Tode herausgegeben wurden, unter 
dem Titel: Opere anatomice e cerusiche di Ambrogio Bertrandi, Professore di 
chirurgia pratica nelle R. Universitä di Torino, membro deüa Reale Accademia 
di chir. di Parigi, della Societa R. di Torino, e primo Ghirurgo della S. 
R. M. del fu Re Carlo Emanuele, pubblicate, e accresciute di note, e di 
supplementi dei Chirurghi Gio. Antonio Penchienati e Giovanni Brugnone, 
Professori nella Regia Universita, e membri della R. Acc. della Scienze di 
Torino, Torino 1786—1802 (in 14 Bänden) findet sich (T. X u. XI) ein 
zweibändiger Trattato delle malattie degli occhi. (Torino 1796 u. 1798, 
300 u. 400 S.) 

In der Einleitung erklären die Herausgeber, nach einer kurzen, aber 
guten bibliographischen Anmerkung, dass sie den Traktat mit Hilfe der 
alten und neuen Augenärzte und nach eigner Erfahrung compilirt haben. 
(In der Vorrede zu dem gesammelten Werke, I, S. 14, haben sie angemerkt, 
dass für die Augenkrankheiten keine Handschrift ihres Lehrers vorgelegen 
hat. Also, die lateinische Anatomie des Auges vom Jahre 1745 [Ophthal- 
mographia, I, S. 17 — 66] ist von Bertrandi selber, sonst nur noch einzelne 
Kapitel.) 

Die Darstellung ist lebhaft und genau, aber wenig selbständig. Vielfach 
werden die Ansichten der Alten überliefert, seihst wenn sie schon veraltet 
sind; z. B. wird gleich im Anfang die Sehstörung nach Verwundung der 
Augenbraue von einer Verletzung des Stirn-Nerven abgeleitet. 

Die Ophthalmia, Entzündung der Bindehaut, wird nach der Ursache 
eingetheilt in violenta, wenn sie von einer äußeren Ursache abhängt; in 
sympathica, wenn von einem Mitleiden mit andren, selbst entfernten 
Theilen: in idiopathica, wenn die Ursache in dem Theil selber sitzt, in 
acrimoniosa, w^enn sie von der Metastase einer Schärfe nach dem Auge 
hin bedingt ist: wonach sie catarrhalisch, venerisch, gonorrhoisch, krebsig, 
scrofulös, pockenartig, arthritisch, fieberhaft sein kann. 

Bei der Augen-Entzündung der Neugebornen wird neben Erkältung 
auch Besudelung seitens des mütterlichen Weißflusses zugelassen, und das 
Campher- Wasser mit Vitriol »nach Ware's Erfahrung« gepriesen. 



Bertrandi. 153 

Die gonorrhoische Ophthalmie ist von Bertrandi selber (B. VI, S. 260 
bis 272) beschrieben; aber von eignen Beobachtungen wird nur die einer 
Amme angeführt, welche ein venerisches Kind gesäugt hat, wo er die Möglich- 
keit der Besudelung zugiebt, während er sonst der Lehre vom unterdrückten 
Tripper als Ursache dieser Ophthalmie getreulich anhängt. 

Zu der Ausziehung des Eisensplitters aus der Hornhaut mit Hilfe des 
Magneten (nach Hildanus, Tuberville, Morgagm, XHI, 2 \ ] wird hervorgehoben, 
dass zwar Hildanus gerathen, diejenige Seite des Magneten nicht an den 
Splitter heranzubringen, die das Eisen abstößt; dass aber die Physiker, 
wie schon Morgagni angemerkt, diese Eigenschaft dem Magneten absprechen, 
da sie nur bei der Wirkung zweier Magneten aufeinander vorkomme. 
(Nun, wir wissen, dass Stahl -Stückchen den Magnetismus bewahren 
können: hierdurch mag Hildanus [wie auch Mattioli, Gomment. z. Diosc. 
V c. 105] getäuscht worden sein, da sie nur mit schwachen natür- 
lichen Magneten arbeiteten. Bei unsren kräftigen Elektro-Magneten 
beobachten wir nur Anziehung, wenn wir ein kleines magnetisches 
Stahlstückchen erst mit dem einen und dann mit dem andren Pol an 
dasselbe Ende des großen Magneten heranbringen.) 

Die Star-Lehre ist gut abgehandelt, aber nur aus den Schriften andrer; 
die Star-Operation aber aus Bertrandi's Operations-Lehre vom Jahr 1 763 
entnommen. Die Ausziehung wird vorgezogen und Daviel's Verfahren für 
sicherer erklärt, als das von La Faye und Sharp. B. hat gesehen, wie 
letzterer einmal die ganze untere Hälfte der Iris mit ausschnitt. 

Die Instrumente zu den Augen-Operationen sind auf zahlreichen Tafeln 
abgebildet. 

So wenig eignes dieses Lehrbuch enthält, so gehört es doch zu den 
vollständigsten und brauchbarsten vom Schluss des 18. Jahrhunderts; nur 
das von Richter möchte ich ihm vorziehen. 

Außer diesem Werk von Bertrandi sind noch drei italienische 
Lehrbücher der Augenheilkunde zu erwähnen, von denen die bei- 
den ersten vor dem ebengenannten erschienen sind, während das dritte 
schon in den ersten Beginn des 19. Jahrhunderts hineinragt: 

a) Domenico Bilii (9), Breve trattato, 1479. 

b) Mich. Troja (10), Lezioni intorno alle malattie degli occhi, Napoli 
1780. 

c) Ant. Scarpa (1 1 ), saggio di osservazioni e d'esperienze nelle prin- 
cipali malattie degli occhi, Pavia 1801. Dieses grundlegende Werk 
werden wir in dem folgenden Abschnitt, bei dem Kanon der neuen 
Augenheilkunde, genau zu betrachten haben. 

(Wer noch ein viertes vollständiges Werk, nach der Literatur-Ueber- 
sicht von Weller, 1831, S. XII, annehmen wollte, möchte sich täuschen. 
Denn der Titel lautet, nach Haller, bibl. chir. I, 455: Giov. Baptista 



154 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Campiani, raggionamenti sopra dell' apoplessia e i veri medicamenti : rag- 
gion. sopra tutti i mali degli occhi descritti in un caso pratico, Genua 
1759.) 

§ 406. Breve trattato delle malatie degli occhi di Domenico Billi, 
Cerusico d'Ancona, dedicato a Sua Emin. II Sign. Cardinale AUessandro 
Albani . . . In Ancona 1749. (8", 224 S., mit einer Tafel.) 

Meinem Freund Prof. G. Albertotti in Padua verdanke ich dies seltene 
Buch, das in unsren Geschichtswerken noch niemals erörtert worden ist. 

Über das Leben von D. Billi konnte ich nichts ermitteln. Haller's bibl. 
chir. und das biogr. Lexikon, Haeser, Baas, A. Hirsch erwähnen nicht einmal 
seinen Namen; Falchi nur die Thatsache, dass B. eine Abb. über die Augen- 
krankheiten geschrieben: dies hat Pansier wiederholt. Billi selber sagt uns in 
der Einleitung seines Werkes, dass er durch Studien jenseits der Alpen und 
besonders in Paris bei Morand sich vorbereitet habe; und ferner im Text, dass 
er London besucht und von Cheselden mit einem Messer zur Iris-Zerschneidung 
beschenkt worden sei: er verstand also wohl französisch, englisch und, wie es 
scheint, lateinisch. 

In der Vorrede erklärt B., das Gute von seinen Vorgängern ent- 
nommen und nur wenige eigne Erfahrungen hinzugefügt zu haben. Aber 
es gebe bisher kein italienisches Werk dieser Art. Die italienischen 
Wundärzte verstehen weder französisch noch englisch noch deutsch. »Die 
armen Augenleidenden hier zu Lande müssen sich der blinden Leitung 
reisender Betrüger hingeben, welche in unsren Gegenden sich als voll- 
kommene Augenärzte rühmen und mit frecher Dreistigkeit sich vordrängen, 
um Hand anzulegen an kranke Augen, ohne jedoch zumeist nur die ge- 
ringste Kenntniss von seinem Bau zu besitzen.« Deshalb habe er die 
besten Lehren und Rathschläge der fremden Meister ins Italienische über- 
tragen. 

In seiner kurzen Abhandlung will B. sich nicht aufhalten mit des 
Ambr. PARß 200 Augen-Krankheiten und 50 Operationen und keine Zeit 
verlieren mit zusammengesetzten Instrumenten und geheimnissvollen Ein- 
griffen und fremden Namen. (Aber Anchylops und Aegilops, Rhoeas, 
Microphthalmia, Exophthalmia u. a. scheinen ihm doch ein zu prächtiger 
Schmuck, auf den ganz zu verzichten er nicht über sich gewinnt.) 

Im ersten Theil erörtert er die Krankheiten der Lider, im zweiten 
die der Häute und der Feuchtigkeiten, im dritten die des ganzen Augapfels, 
der Orbita und der Augenwinkel. 

Die gewöhnlichen Lidkrankheiten sind nach allgemeinen Grundsätzen 
zu behandeln. Die Bindehaut ist Hauptsitz der Entzündung. Die Behand- 
lung besteht im Aderlass, andren Entleerungen, Bähungen. Von den Kollyrien 
sind die schmerzstillenden die ersten, dann die auflösenden, endlich die zu- 
sammenziehenden. Verhältnissmäßig ausführlicher wird die Operation des 



I 



Billi. 155 

Flügelfells beschrieben, wo zahlreiche Verfahren und Instrumente von 
Paulus Aegineta bis Fabric. Hiluanus und bis zu seinen Tagen mitgetheilt 
werden. (Ein Doppelhaken heißt, nach dem Französischen, »Zampe diRagno« 
d. h. Spinnen-Fuß.) 

Von den Hornhautkrankheiten werden die Geschwüre recht kurz und 
einfach beschrieben, die Entleerung des Hypopyon aber ganz genau. 

Die Entzündung der Aderhaut kann man nur vermuthen, zum 
Unterschied von der Regenbogenhaut, deren Entzündung durch eine gut 
sichtbare Röthe sich kundgiebt. Den Irisvorfall will B. überhaupt selten 
und nur durch Abbinden operiren. 

Gegen Pupillen-Sperre lobt er Gheselden's Iris-Zerschneidung. 

Schwund der Netzhaut bedeutet Blindheit (Gutta serena). Vermehrung 
des Glaskörpers bewirkt Vergrößerung, Vortreibung, Härte des Augapfels, 
großen Schmerz und Verringerung des Sehvermögens. 

B. giebt eine gute Geschichte der neuen Star-Lehre. 

»Die Star-Operation ist nicht so geheimnissvoll und nicht so schwierig, 
wie sie noch heute von Einigen dargestellt wird, nach Beobachtung der 
Operationen des Völkchens der Empiriker, die von Stadt zu Stadt reisen, 
auf die Star-Jagd, ohne jede Kenntniss vom Bau des Auges. Es ist eine 
große Schande für die Wundärzte unsres Landes, zu erlauben, dass eine 
so schöne und feine Operation von so niedrem Volk verrichtet wird.« 

B. hält es für bequem, sich auf die zusammengebundenen Kniee des 
Operirten zu setzen i), sticht die platte Nadel 2'" schläfenwärts vom Horn- 
hautrand ein, bringt sie auf den Star und drückt diesen nieder. Fast alle 
Operirten brauchen Star-Gläser. 

Vergrößerung des Augapfels (occhio di Bue, Ochsen-Auge) ist 
zuweilen angeboren. Das Wasser-Auge, das die Sehkraft bedroht, kann 
mittelst Punktion behandelt werden. Vorfall des Auges in Folge von 
Verletzung muss sanft zurückgebracht werden. Geschwülste zwischen Aug- 
apfel und Orbita müssen entfernt, Eiter-Ansammlungen eröffnet werden. 
Das Total-Staphylom (welches von Morand und B. als Aneurysma be- 
zeichnet wird, da nach der Eröffnung heftige Blutung erfolgt,) kann ent- 
weder durch Abtragung der vorderen Hälfte oder durch Ausschneidung 
des ganzen Auges operirt werden. Im ersteren Fall bleibt das künstliche 
Auge beweglicher; die letztgenannte .Operation ist für Krebs die allein ge- 
eignete. 

Die Verkleinerung des Augapfels (microttalmia, occhio di Majale o Por- 
cino, d. h. Schweins-Auge) ist unheilbar. »Das Schielen ist nach Einigen 
durch falsche Stellung des Krystalls, oder der Hornhaut nach Maitre Jan, 



•1) lo pero credo maggior comodo di chi opera ch'ei si ponga a sedere sopra le 
unite insieme ginocchia del malato. 



156 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

oder nach allgemeinerer Annahme ein Fehler der Muskeln.« Die Thränen- 
leiden machen den Beschluss. 

B. citirt viele Autoren und zwar gern, reichlich und mit Lobes-Er- 
hebungen: Hippokrates, Celsus, Paulus, Albucasis, Ambroise Par^, Pierre 
Franco, Fabric. Hild. und Fabr. ab Aquapendente, Heister, Platner, 
Stahl (Stallio), Woolhouse, Brisseaü, Maitre Jan, St. Yves, Morand, Petit, 

DiONIS, GaRENGOT, LA PEYRONIE, MORGAGNI, BeNEVOLI U. A. 

Eignes enthält das Buch nicht, das übrigens klar und einfach ge- 
schrieben ist. Für die Entwicklung der italienischen Augenheilkunde 
ist es sicherlich von Werth gewesen: in der ausführlichen Augenheilkunde 
von Bertrandi wird es öfters angeführt. Für die allgemeine oder Welt- 
Literatur hat es keine Bedeutung. Mit folgenden Worten nimmt der Vf. 
von seinem Leser Abschied: 

Se questa mia Operetta non meritasse tutto il tuo gradimento, do- 
vrebbe pure meritarlo l'ottima mia intenzione. Su di tale fiducia io mi 
lusingo d'essere almeno da te compatito. Vivi felice. 

§ 407. Michele Troja, 

bei Haller (bibl. chir.), bei K. Sprengel und bei A. Hirsch überhaupt nicht erwähnt, 
bei Pagel (Einf. i. d. Gesch. d. M.) und bei Pansier eben genannt, bei Haeser 
(II, 658, 1881) mit wenigen Worten gepriesen; nach Albr. von Schönberg's 
Biographie (Erlangen 1828) im biographischen Lexikon (VI, 13 — 14) kurz be- 
handelt, hat T. erst neuerdings in seiner Heimath größere Beachtung gefunden: 

1 . Della vita e delle opere di Michele Troja. Memoria prima del Socio 
ord. Prof. Modestino del Gaizo. (Atti della R. Acc. Medico-chh*. di Napoli. 
Anno LH, 1898.) 

2. Michele Troja e le opere di lui essaminate in rapporto al movimento 
storico della fisiopat. delle osse. Memoi'ia seconda del s. o. Prof. Mod. del Gaizo. 
(Atti anno LIII, No. 4, 1900.) 

3. Della vita e delle opere di Michele Troja. Mem. terza del Prof. M. del 
Gaizo, s. o. (Atti No, II, 190 5.) Capito II: l'opera de) Troja nell' insegnamento 
della oftalmologia in Napoli (1779 — 18H). 

Geb. am 23. Juni 1747 zu Andria (Provinz Bari), studirte T. von 1765 an 
in Neapel, dann von 1774 an in Paris, wurde nach seiner Rückkehr in Neapel^) 
Lehrer der Augenheilkunde und der Krankheiten der Harn-Organe, erster 
Hospital-Arzt (an S. Giacomo und den Incurabili) und Leibarzt des Königs, mit 
dem er 1802 nach Palermo sich zurückzog und 1815 nach Neapel zurück- 
kehrte, woselbst er am 12. April 1828 gestorben ist. 

T. war ein bedeutender Forscher, namentlich auf dem Gebiet der Knochen- 
Neubildung, ErOnder des elastischen Katheters, Einführer der Pocken-Impfung 



I) Die Medizin-Schule zu Neapel wurde im 13. Jahrh. von Friedrich II. 
:i241) als Gegnerin der Salernitanischen begründet. — Im iS. Jahrh. begann eine 
zweite Blüthezeit, unter G. F. Ingrassia, A. Ferri und ß. Maranta. Eine Zeit des 
Verfalls bildet die 2. Hälfte des 16. Jahrh. — Im ts. Jahrh. folgte eine neue Blüthe 
unter N. Cirillo, F. Serao, D. Cotugno, M. Sarcone u. D. Cirillo sowie unter Troja. 



Troja. 157 

für das Königreich beider Sicilien, Begründer des Lehramtes der Augenheil- 
kunde zu Neapel und Vf. der Lezioni intorno alle nialattie degli 
occhi, ad uso della nuova Universitä eretta nel Regio Ospedale degli hicurabili, 
di MiCHELE Troja, pubblico Regio professore per le malattie sudette e quelle 
della vesica urinaria, Chirurgo ordinario de' Regi Spedali degl' Incurabili e di 
S. Giacomoco, e Corrispondente della Societä R. de Medicina di Parigi. Napoli, 
della Stamperia Sinaoniana, con licenza dei Superiori, 1780 (8*', 463 S. mit 
2 Tafeln). 

Das Werk, das in Deutschland nicht zu haben und auch in Italien selten 
geworden, erhielt ich durch die Güte meines Freundes G, Albertotti. 

Also 1780, ein Jahr nach seiner Ernennung zum Professor d. Augen- 
heilk., hat Troja seine Werke verfasst, nachdem er einmal den Kursus 
der Augenheilkunde vor den Studenten gehalten (p. IX), denen er liebens- 
würdig erklärt, nicht ihr Meister, sondern ihr Genosse bei den Uebungen 
sein zu wollen, (p. X.) 

Das Buch^) erschien 3 Jahre vor dem von Richter und füllt für 
Italien eine Lücke aus; noch 1816 wird es von Quadri gepriesen. 

T., der sich besonders auf die französische Schule stützt, Maitre Jan, 
St. Yves, Janin u. J. L. Petit, Hoin, ferner Boerhaave, Heister, Mau- 
chart, aber auch die Griechen 2) nebst Celsus reichlich anführt, sogar Guido 
V. Ghauliac erwähnt, beginnt mit den Worten: »Die Anatomie ist der un- 
fehlbare Compass für die Heilkunst« 3). 

Der erste Theil handelt vom Bau des Auges, von den Grundsätzen 
der Optik und vom Sehen. Im Anschluss an Janin's Beobachtung der 
Mischfarbe, wenn vor das eine Auge ein rothes, vor das andre ein blaues 
Glas gesetzt wird (§ 371), werden Versuche mitgetheilt über das Einfach- 
sehen eines Punktes, dessen Bilder in correspondirenden Punkten der bei- 
den Netzhäute sich abbilden. 

T. maß die Entfernung seines rechten Pupillen-Centrum von dem linken, 
gleich 28'"; brachte in solcher Entfernung 21 Lücher, annähernd von Pupillen- 
Größe, in einem Streifen Papier an, näherte dasselbe seinen Augen, blickte 
bei Tage nach einem fernen Gegenstand und sah zu seinem höchsten Er- 
staunen ein einziges Loch im Centrum des Horopters*), also in der 
Mitte zwischen den beiden wirkhchen Löchern. Aber die Löcher mussten 
genau in derselben wagerechten Grade liegen, die gleichlaufend ist mit der 
Verbindung der beiden Pupillen-Centren. 



4) Es enthält eine Widmung an den König und eine Genehmigung von Prof. 
D. Giovanni Vivenzio, >da es nichts gegen die Religion und die Rechte des Sou- 
verains enthält«. (!) 

2) »Es wäre vortheilhaft, die vielen griechischen Namen aufzugeben u. die 
einheimischen anzuwenden . . . Ich fühle mich verpflichtet, die Etymologie der 
ersteren zu besprechen.« (S. Hi.) 

3) La Notomia 6 la bussola infallibile dell' arte del medicare. 

4) § 313. 



158 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Zur Erklärung des Aufrechtsehens, trotz umgekehrtem Netzhautbilde, 
entlehnt T., hei Descartes,' das herühmte Bild von dem Blinden, der in 
seinen heiden Händen die Enden von zwei gekreuzten Stöcken hält und doch 
merkt, dass der in seiner rechten Hand hefindliche Stock nach links 
hinzeigt. 

Hierauf folgt ein kurzer Abschnitt über den Nutzen der verschiedenen 
Theile des Augapfels. Die Accommodation wird abgeleitet von der Wirkung 
des Ciliar-Muskels auf die Form der Krystall-Linse, oder von Verlängerung 
und Verkürzung des ganzen Augapfels durch die Wirkung der vier graden 
Augenmuskel. Die Netzhaut pflegt man, wie schon früher, so jetzt wie- 
der als Hauptorgan des Sehens zu betrachten. 

Der zweite Theil handelt von den Krankheiten der Umgebung des 
Auges, Anthrax der Lider ist eine sehr häufige Krankheit in einigen 
Theil en des Königreichs: tiefer Einschnitt wird empfohlen, vorsichtige 
Ätzung, damit dieselbe nicht in die Nachbarschaft sich verbreite, wovon 
T. ein böses Beispiel gesehen, und zertheilende aromatische Umschläge. 
Vom Trachom handelt er nur nach den Griechen, fügt aber nichts aus 
eigner Anschauung und Erfahrung hinzu. 

Bei der Behandlung der Thränen-Leiden scheidet Anel die alte Zeit von 
der neuen. J. L. Petit's wundärztliches Genie hat ein neues Verfahren 
geschaffen, das T. zu verbessern sucht durch Einführung eines Röhr- 
chens aus Silber oder Zinn, dessen Form und Größe er nach Wachs-Aus- 
füllung des Kanals an der Leiche festgestellt hatte. So heilte er zwei Fälle, 
die er nach Petit lange Zeit vergeblich behandelt hatte. (Wenn 1881 
Prof. Dom. de Luca zu Neapel seinem Landsmann Troja die Erfindung 
von Dupuytren's Röhrchen zuertheilt^), so weiß der Leser, aus § 361, 
dass diese Erfindung vor Dupuytren von Wathen, vor Wathen von Fou- 
CHART und LE Cat, vot diesen von Duddel 1729, und vor dem letzteren von 
WooLHOusE im Anfang des 1 8. Jahrhunderts gemacht ist. Chauvinistische 
Lorbeern lassen sich leicht gewinnen, aber schwer behaupten.) »Eisen- 
splitterchen, die in der Bindehaut oder Hornhaut festhaften, sind öfters mit 
dem Magneten ausgezogen worden.« Bei der Ophthalmie beginnt T. 
mit einer ausführlichen Auseinandersetzung der Hippokratischen 
Lehre (S. 263 — 275)2) ^^^ bringt dann die Lehre der Modernen: die 
14 Arten von St. Yves und die 24 von Sauvages lässt er auf sich be- 
ruhen und macht nur die Eintheilung in akute und in chronische 
Formen. 



1) Nota sulla cannula lagrimo-nasale o cannula di Dupuytren, Napoli <881, 
Rendiconti della R. Acc. Med. Gh. 

2) Vgl. unsre § 35—41. Damals (1899) war mir Troja's Werk noch unbe- 
kannt gewesen; doch hat es keine Stelle aus der hippokratischen Sammlung, die 
ich nicht selber gefunden u. berücksichtigt hätte. 



Troja. Ueber Blinden-Erziehung. 



159 



Fis. 10. 



Bei der ersteien preist er die Blut-Entziehungen aller Art und das 
Reiben mit Mauerkraut (parietaria), oder mit Woolhoüse's Besen, die Ab- 
führmittel, China mit Opium, Blasenpflaster und erst an fünfter Stelle die 
Augenmittel, z. B. das Bleiwasser von Goulard. Aber an der Darstellung 
der eitrigen Augen-Entzündung merkt man, dass dem Vf. größere eigene 
Erfahrung doch noch abgeht. 

Die Lehre vom Star und seiner Behandlung ist sehr ausführlich. T. 
zieht die Ausziehung vor, will aber die Niederlegung gewissen schwierigen 
Fällen vorbehalten. 

Ein merkwürdiger Abschnitt handelt von dem künstlichen Star 
zur Uebung der Anfänger i). Wenn man in eine Mischung von 1 // 
Wasser und 1 Drachme Salpeter- 
säure Augen von Leichen oder ganze 
Köpfe einlegt, so dass die Lider offen 
und nur die Orbitae eingetaucht sind, 
so bildet sich in 1 bis 12 Stunden 
der schönste Star. Das weiße lläut- 
chen von der Hornhaut wird abge- 
kratzt und das Auge mit Wasser ab- 
gewaschen. So hält es sich für viele 
Stunden. (Künstlichen Star an Lei- 
chen-Augen, zur Uebung, erzeugt man 
auch durch Sublimat-Einspritzung in die 
Linse, nach Lederhaut-Stich. Ritterich, 
die blutigen Augen-Op., S. 41, 1839.) 

Die Bemerkungen über Einstel- 
lungs-Fehler und über Sehstö- 
rung sind sehr kurz, aber für die 
damalige Zeit nicht unbrauchbar ger 
wesen. 

Das Werk von Troja hat einen 
guten und klaren Styl und ist reich 
an geschichtlichen Bemerkungen. 

Im Jahre 1818 wurde das Institut für Blinden-Erziehung in 
Neapel errichtet, wahrscheinlich unter ÄJitbetheiligung von Michael Troja. 
(Zu Paris, wo seit 1254 das Hospital des Quinze-Vingts ^j als Zufluchts- 
Stätte für 300 Blinde bestanden, wurde 1785 von Valentin Hauy die erste 
moderne Anstalt für Blinden-Erziehung begründet. Es folgte 1791 die 




1) Bereits 1777 in Rozier's J. de Physique gedruckt und 1779 italienisch, mit 
neuen Versuchen, veröffentlicht. 

2) Vgl. XIII, S. 259. Noch älter ist das angebhch von dem erblindeten Herzog 
Welf vi um 1178 gegründete Hospital zu Memmingen in Schwaben. 



160 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

zu Petersburg, 1792 die zu Edinburgh, 1799 die zu London, 1804 die zu 
Wien, 1806 die zu Berlin. 

Im Jahre 1900 gab es in Deutschland 81 Blinden-Anstalten , darunter 
36 öffentliche. Das gründlichste Werk, das dem Augenarzt über diese 
Verhältnisse Aufschluss giebt, ist das Encyklopaedische Handbuch des 
Blindenwesens, herausgegeben unter Mitwirkung vieler hervorragender 
Schul- und Fachmänner von Prof. Alex. Mell, K. K. Regierungsrath und 
Director des K. K. Blinden-Erziehungsinstituts in Wien. Mit 81 Portraits, 
135 andern Abbildungen und 2 Schrift-Tafeln. Wien und Leipzig 1900. 
[890 S.] 

Spanien!). 

§ 408. »Hr. GoDiN, einer der französischen Akademiker, welche zur 
Ausmessung eines Meridian-Grades nach Peru gereist waren, wurde, nach 
Spanien zurückgekehrt, daselbst vom Star auf beiden Augen befallen. Da 
er dort Niemanden traf, der fähig war, ihn zu operiren; so bildete 
er einen Wundarzt für diese Operation aus und, als er ihn für hinlänglich 
unterrichtet hielt, vertraute er sich demselben an. Man operirte durch 
Niederdrückung, das einzige Verfahren, das damals Herrn Godin bekannt 
war. Das eine Auge ging sogleich verloren, am andern erlangte er nur 
schwache Hilfe. Auf einer Reise nach Paris wünschte er, dass ich ihn 
über den Zustand dieses Auges aufklärte. Ich bemerkte folgendes: Hinter 
der Pupille eine Art von Vorhang, weißblau, wenig dick, von lockerem 
Gewebe, gegen den Pupillen-Rand zu mit einer dreieckigen Oeffnung, deren 
größter Durchmesser 1 '" maß ... Im hellen Tage sah er schlechter, als im 
Halbdunkel. « 

Wollte man diese Worte wörtUch nehmen, die, als Augenzeuge, der 
berühmte T£non, am 12. Fructidor des Jahres 12 (d. h. im Jahre 1804) im 
Institut zu Paris vorgetragen 2), so müsste man schließen, dass es in Spanien 
um die Mitte des 18. Jahrhunderts keinen einzigen Augenarzt ge- 
geben, — in demselben Spanien, welches zur arabischen Zeit während des 
11. und 12. Jahrhunderts u. Z. vier noch heute erhaltene Lehrbücher unsres 
Faches und dazu die mit allen Augen-Operationen ausgestattete Chirurgie 
des Abulqäsim geschaffen; welches die lateinische Uebersetzung eines »Buches 
vom Auge« des »Toledaner Christen« Alkoati aus dem Jahre 1159 her- 
vorgebracht 3) und nach der Besiegung und Austreibung der Araber noch 
zahlreiche in der arabischen Wissenschaft gebildete, jüdische Augenärzte^) 
besessen, — bis endlich auch die Juden vertrieben wurden. 



i) Weder Hirsch noch Pansier haben ein Wort über Spanien mitgetheilt. 

2) Vgl. Mömoires ... S. -124, 4816. 

3) § 271, § 276. 

4) Vgl. § 296, S. 260. (Z. 15 V. U. lies 4 432 statt U68.) 



Spanien. Rolando, Marin, Garcia. 161 

GoDix, der mit la Coxdamine und Bougüer 1735 von Rochelle aus- 
gesegelt war, kehrte aus Peru nach Spanien zurück, »wo er 1750 anlangte 
und auch, nach einem kurzen Aufenthalt in Frankreich, sich niederließ, 
indem er an der Seekadetten-Schule zu Cadix die Stelle eines Lehrers an- 
nahm. Er starb daselbst 1760, ohne eine Beschreibung seiner Reise her- 
ausgegeben zu haben« ^'. 

Somit ist die Zeit des von TtNOx beschriebenen Ereignisses zwischen 
1750 und 1760 fest begrenzt. 

Aber jetzt wollen wir dieselbe Geschichte vom spanischen Stand- 
punkt aus uns schildern lassen. (Tratado teörico-präctico de las Enferme- 
dades de los ojos . . . par Don Cayetano del Toro y Quartilliers. Edic. 
III. Tomo II, Cadiz 1903, enthält auf S. 589 — 622 eine Geschichte der 
Augenheilkunde in Spanien.) 

»Im Jahre 1755 hat der Marine-Arzt Lorenzo Rolando ein Instrument 
erfunden, das der modernen » ^ Serretelle«« gleicht, bei Gelegenheit eines 
Nachstars, den er bei Don Luis Godin, Director der Seekadetten-Schule 
zu Cadiz, zu operiren hatte.« 

Mit dieser Doppelnadel dürfte das Loch im Nachstar des Herrn Godin, 
welches T£non beobachtet hat, gemacht worden sein. (Eine genauere Be- 
schreibung der Operation werden wir gleich kennen lernen.) 

Die Behauptung Tfixox's. die sich lediglich auf die Worte des Nicht- 
arztes und Kranken Godin stützt, mag also wohl nicht ganz den That- 
sachen entsprochen haben. 

Immerhin ist es nur wenig, was wir aus der Geschichte der spani- 
schen Augenheilkunde im 18. Jahrhundert beizubringen vermögen, selbst 
wenn wir dem patriotischen Don Cayetano del Toro folgen. 

Im Jahre 1748 wurde das wundärztliche Colleg zu Cadiz begründet. 
Im Jahre 1754 sandte die Regierung sechs Züglinge desselben nach Paris 
zur Vervollkommnung ihrer Studien; zwei von ihnen sollten sich vornehmlich 
mit Augenkrankheiten und Hernien beschäftigen. 

Um diese Zeit widmete sich D. Francisco Marin, Arzt der Residenz- 
Krankenhäuser, den Augenkrankheiten mit bemerkenswerthem Erfolge und 
veröffentlichte auch eine treffliche Uebersetzung des Werkes von Dehais 
Gendron, vom Jahre 1770. (Vgl. § 376.) 

Im Jahre 1797 übersetzte Vidal, zweiter Vorsitzender des wundärzt- 
lichen Collegs zu Barcelona, auch Plenck's Büchlein über Augenheilkunde 
(§ 427) und fügte Anmerkungen hinzu, sowohl eigne wie solche aus Wenzel 
und Pellier. 

Zu gleicher Zeit wirkte auch Santiago Garcia, Arzt des K. Findelhauses 
zu Madrid, welcher Sublimat gegen Augen-Entzündungen anwendete. 



1; PoGGENDORF, Gesch. d. Physik. 1879, S. 761. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIIL Kap. -1 i 



162 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Außer diesen Uebersetzungen sind noch zwei Original-Werke über 
Augenheilkunde in spanischer Sprache während der letzten zwei 
Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts erschienen i). 

I. Tratado de las enfermedades de los ojos para instruccion 
de los alumnos del Real colegio de Cirugia de Barcelona, por el Licen- 
ciado Don Domingo Viüal, Bibliotecario y Maestro del mismo colegio. 
Con Licencia. Barcelona: En la Imprenta de Carlos Gibert y Tutö, Im- 
presör y Librero, 1785. (216 S.) 

»Der äußerste Zwang (la extrema necesidad) hat dies Werk veran- 
lasst. In Spanien besitzen wir über Augenkrankheiten nur die Chirurgie 
von Heister 2]. Aber er ist unvollständig und enthält nicht die neuen 
Entdeckungen.« 

Vf. giebt die wesentlichen Augenkrankheiten nach seiner Erfahrung 
und seinem Studium, stützt sich auf Maitre Jan, Saint Yves, Boerhaave, 
GuERiN, (Pott) und vor allen auf Dehais Gendron, den er in vielen Kapiteln, 
sei es wörtlich, sei es frei, übersetzt hat, da er ihm der genaueste und plan- 
mäßigste Schriftsteller zu sein schien. 

Das Werk hat dem Vf. »viele Mühen und schlaflose Nächte« gekostet. 

Die erste Abtheilung handelt von den Erkrankungen der Lider. 
Die zweite von denen der Augenwinkel. Die Thränenfistel wird nach 
Pott abgehandelt. (§ 393, D.) 

Einem Waffenschmied, dem ein Genosse eine Handvoll Eisenfeilspäne 
in die Augen geworfen, entfernte V. 1782 alle Theilchen mit dem Mag- 
neten, ohne das geringste zurück zu lassen. Die vierte Abtheilung 
handelt von den Krankheiten des ganzen .\ugapfels und zuerst von den 
Wunden. 

Bei Zerreißung der Augenhäute wird Taubenblut empfohlen. In 
der Ausrottung des Augapfels folgt er Louis. (§ 369.) 

Wenn das Hypopyon sehr mächtig, muss es entleert werden mit 
dem Hornhautschnitt, wie zur Star-Ausziehung (!). Bei der Myopie und 
Presbyopie wird bezüglich der Brillen auf Boerbaave verwiesen. (Nicht 
auf Daqa de Valles, aus Sevilla, 1623. Vgl. § 302.) In den Ursachen 
des Schielens ist V. recht unsicher. 

Der fünfte Abschnitt handelt von den Krankheiten der Häute, 
zunächst von der Ophthalmie. Die heftigste heilt durch Aderlass. Von 
örtlichen Mitteln ist am besten das Bleiwasser. Die narkotischen sind eher 
schädlich. 



1) Der Güte meines Freundes Dr. Menacho in Barcelona verdanke ich die 
Möglichkeit des Studiums derselben und verfehle nicht, ihm dafür an dieser Stelle 
meinen besten Dank auszusprechen. 

2) § 4H. Die spanische Übersetzung ist 1747 und 1748 erschienen. 



Vidal. Kaval. 163 

Bei den Hornhautgeschwüren finden sich noch die alten griechischen 
Namen, achlys, coeloma u. dgl. 

Der sechste Abschnitt von den Veränderungen der Augen-Feuchtig- 
keiten enthält natürlich ein Kapitel vom Star, eine wörtliche Ueber- 
setzung der Darstellung von Pott (§ 352 u. 393), die also recht einseitig 
ist. Von der Ausziehung ist keine Rede! 

Bei dem häutigen Star wird der von Don Lorenzo Roland, Hilfs- 
wundarzt der K. Flotte zu Cadiz, vor 30 Jahren erfundenen i) Doppel- 
nadel gedacht und dieselbe abgebildet. »Dieser geniale Wundarzt machte 
die Niederdrückung des Stars bei Don Luis Goom, Director des Seekorps; 
und da die Linse ganz aufgelöst war, gelangte diese Feuchtigkeit durch 
die Pupille und füllte die ganze Vjrderkammer und trübte das Kammer- 
wasser und die Hornhaut. Nach 2 Monaten, wie sich das Kammerwasser 
und die Hornhaut geklärt, beobachtete er, dass die Feuchtigkeit des Kry- 
stalls eine Art von Anbackung (Incrustation) gebildet, an der Innenfläche 
der Hornhaut, die sich allmählich löste, beginnend von unten, wie in 
solchen Fällen gewöhnlich. 

Als die ganze Anbackung geschwunden, beobachtete er, dass die 
Kapsel trüb geblieben, gleichsam eingefügt in die Pupille. Die Nothwendig- 
keit, die größte Lehrmeisterin, zwang ihn, das Instrument zu ersinnen, 
mit dem er leicht jene Haut auszog, obschon sie einigermaßen an den 
kreisförmigen Fasern der Pupille festsaß.« 

Der Star des Don Luis gehörte wohl zu den MoRGAGM'schen. 

Den Schluss macht der 7. Abschnitt von den Erkrankungen des Seh- 
nerven, bezw. der Amaurose. 

Das Werk von Vidal hat gewiss für sein Vaterland Wichtigkeit ge- 
habt; der Styl ist klar und einfach, die Form lehrhaft und für angehende 
Wundärzte wohl geeignet. Für den Fortschritt unsrer Wissenschaft war 
es ohne Bedeutung. 

2. Tratado de la ophtalmia y sus especies, escrito por Don Juan 
Naval, Medico de Familia de S. M. Parte primera. Con licencia. Madrid, 
en la imprenta Real. Aiio de 1796. (12o, 100 S.) Tratado de la gota 
serena. Parte segunda. (132 S.) Tratado de la catarata. Parte tercera. 
(121 S.) 

Nur die 3 häufigsten und bedenklichsten Augenkrankheiten will N. 
behandeln; seine Arbeit ist die »Frucht einiger Jahre der Praxis und des 
Nachdenkens«. Die Eintheilung der Ophthalmie ist wörtlich nach Vidal. 
Auch weiterhin entdeckt man weder eigne Beobachtungen noch Selbständig- 

1) Die Erfindung ist nicht groß. In Heister's Chirurgie, deren spanische 
Uebersetzung{l747) damals in den Händen aller spanischen Wundärzte sich be- 
fand, ist auf Taf. XVII Fig. i 1 eine ganz ähnliche Doppel-Nadel aus der berühmten 
Dissertation von Albinus (§ 345) abgebildet. 

1i* 



IG-i XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

keit des Vfs. Das »Trachom des Paulus von Aegina« wird besprochen, 
die Ophthalmia pustulosa des St. Yves, die Ophth. erysipelatosa des Sau- 
vages, die Ophthalmie der Neugebornen des Underwood i), die geheilt wird 
durch Warmhalten des Kindes und durch Waschen der Augen mit Rosen- 
wasser. (2 5, mit 2 Tropfen Blei-Extract.) Bei der gonorrhoischen 
Ophthalmie wird folgende Behandlung von Plenck (doctrina de morbis 
venereis, p. 88) angegeben. Sowie die Entzündung des Auges beginnt: 
1) Aderlass, Abführung; 2) jeden Tag 30 gran des Mercurius gummosus^), 
3) jede Stunde Auswaschen des Auges mit Quecksilber-Milch [Hg oj» Gummi 
3 [j, auf 8 .5 Kuh-Milch). So habe P. viele geheilt; aber auch viele blind 
werden sehen. Weiter könne man die Inoculation der Gonorrhoe ver- 
suchen. 

Nach Sagar (§ 385) wird auch die Ophthalmia onanistica er- 
wähnt, — beschrieben wird sie nicht. Den Schluss macht die Ophth. 
flatuosa von Nicolas Pisson. 

Die Abhandlung über die Gota serena wollen wir übergehen, da 
ihre Erörterung nur Zeitverlust bedeuten würde. Doch will ich hervor- 
heben, dass der fleißige Vf. auch Deutsche vielfach erwähnt, Richter, 
Plenck, Schmucker, Sagar u. A. 

Auch bei der dritten Abhandlung, vom Star, wollen wir nicht ver- 
weilen. Denn, wenn auch der Vf., über 80 Jahre nach dem Sieg der 
neuen Star-Lehre, den Star-Sitz richtig angiebt; so erörtert er bei der 
Heilung nur die empirische und die methodische, — nicht die opera- 
tive: da este no es mi animo de tratar. Somit ist seine Darstellung weniger 
brauchbar gewesen, als die der Araber, die 7 bis 8 Jahrhunderte vor ihm 
in seinem Vaterlande gewirkt haben. 

Um die Wende des Jahrhunderts war der größte Wundarzt Spaniens 
D. Antonio Gimbernat^), dessen Name mit dem von ihm erfundenen und in 
»Nuevo metodo de operar en la hernia crural« (Madrid 1793) beschriebenen 
Bande für immer verbunden bleibt; und dessen prachtvolle anatomische 
Präparate ich noch auf meiner spanischen Reise zu bewundern Gelegen- 
heit hatte. 

Geboren war A. G. zu Gambrils (Tarragona) 1734; er studirte zu 
Cadiz, wurde von der Regierung ins Ausland gesendet, war 1762 — 1774 
Prof. in Barcelona, lebte dann als Leib Wundarzt des Königs Karl IIL in 
Madrid, begründete (1787) und leitete das GoUeg der Wundärzte zu San 



1) Michael U., (1715 — 1790), Arzt an einer Entbindungs-Anstalt zu London, Vf. 
eines Treatise on the diseases of children, London 1784, frz. Paris 1790. 

2) Merc. gummös. Plenckii wird gewonnen durch Verreiben von 1 Th. Hg. 
mit 3 Th. Gummi arab. und etwas Wasser, bis das Quecksilber Pulverform erhalten 
hat. Es gilt für ein mildes Antisyphiliticum, ähnlich dem Calomel. 

3; Biogr. Lexikon II, S. 556. (Unvollständig. — Ergänzt aus del Toro.) 



Gimbernat. — Deutschland. 165 

Carlos und besuchte mit seinem Collegen Mariano Riyos die Schulen von 
Paris, London, Edinburgh. Zu Paris las G. 1800 in der medizinischen 
Gesellschaft eine Abhandlung über die Geschwüre der Hornhaut. Er 
theilte dieselben ein in oberflächliche, absondernde und tiefe, schmutzige. 
Die ersteren behandelte er mit einem Alaun -Kollyr, nach gelegentlicher 
Berührung mit dem Hüllenstein. Die letzteren bekämpfte er mit Allgemein- 
Mitteln und einem Kollyr aus kohlensaurer Pottasche (1 bis 6 gran auf die 
Unze d. h. 0,05 bis 0,3:30,0). Die Abhandlung erschien zu Madrid 1812. 
Er erfand auch einen löffelartigen Lidsperrer (anillo ocular) für die Star- 
Ausziehung, die er mit Hilfe dieses Instruments glücklich auf beiden Augen 
in zwei Minuten auszuführen pflegte. 

In der letzten Lebenszeit wurde G. selber vom Star heimgesucht und 
78jührig von Don Jose Rives, Prof. und zweitem Vorsitzenden des Collegs von 
San Carlos, glücklich operirt; aber da er in der darauffolgenden 
Nacht selber probirte, ob er auch gut auf beiden Augen sähe, verlor 
er das eine Auge vollständig und behielt nur ein Wenig Sehkraft auf dem 
andern 1). 

Wie man in San Carlos sich um die Augenheilkunde kümmerte, be- 
weist die Thatsache, dass 1789 für die lateinische Dissertation die Auf- 
gabe >de Cataracta« und für die castilianische »de la fistula lacrimal« 
vorgeschlagen wurde. 

Deutschland. 

§ 409. =»In Deutschland hat Heister (1683 — 1758), Prof. der Chirurgie 
zu Helmstädt, Mauchart (1658 — 1751), Prof. der Anatomie und Chirurgie zu 
Tübingen, Platner(1694 — 1747), Prof. der Chirurgie zu Leipzig, die Arbeiten 
der französischen Augenärzte bekannt gemacht. Richter (1742 — 1812), Prof. 
in Güttingen, hat in seiner Abhandlung über Chirurgie die Augenheilkunde 
ausführlich abgehandelt.« 

Diese Darstellung von P. Pansier aus dem Jahre 1903 2) kann nicht 
grade ausführlich genannt werden; aber, was schlimmer sein dürfte, sie 
ist ganz ungerecht und einerseits eine Folge seiner chauvinistisch-beschränk- 
ten Welt-Anschauung, andrerseits seiner ungenügenden Kenntniss der fran- 
zösischen Literatur des 18. Jahrhunderts, W' eiche die Arbeiten der vier 
genannten, und die eines Zlnn, Haller, Soemmering ganz anders eingeschätzt 
hat; noch viel weniger ist ihm bekannt geworden, dass gegen Ende des 
Zeitalters der Aufklärung bei uns ein neues Kultur- und Bildungs- 
Ideal den Sies errungen 3). 



1) Dass Ärzte schlechte Kranken sind, ist eine Erfahrung, die auch später 
oft gemacht worden. 

2) Hist. d'Opht., in Encycl. fran?. d'Opht. I, S. 40. 

3) Paulsex, Das deutsche Bildungswesen, 1906, S. 104. 



166 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

So bedeutend die Leistungen der französischen Augenheilkunde auch 
im \ 8. Jahrhundert gewesen und in unsrer Darstellung ja rückhaltlos anerkannt 
worden, — gegen Ende des Jahrhunderts, noch vor der Revolution, nimmt 
Deutschland eine führende Stellung ein und hat sie auch im 19. Jahrhun- 
dert behauptet. 

Wir haben zum Glück bessere und vollständigere Darstellungen der 
deutschen Leistungen, z. B. die Geschichte der medizinischen Wissenschaften 
in Deutschland von Dr. A. Hirsch i). Wir haben zum Glück die — Quellen, 
die uns bequem zugänglich sind und die w^ir natürlich genau berücksichtigen 
werden. 

Zunächst aber müssen wir einen Blick auf den Zustand der Wund- 
arzneikunst werfen , wie er während des achtzehnten Jahrhunderts in 
Deutschland geherrscht hat. 

Was für Verwüstungen der dreißigjährige Krieg in Deutsch- 
land angerichtet, ist dem heutigen Geschlecht längst aus dem Gedächt- 
niss geschwunden und nur noch in den geschichtlichen Darstellungen 
der Vergangenheit lebendig 2). Ganz langsam hob sich der Wohlstand; in 
dem neuen Bürgerthum entstand der Träger einer neuen Kultur. Schon 
die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts erlebte die Blülhe unsrer 
klassischen Dichtkunst und Philosophie. 

Von gelehrten Gesellschaften^), welche das wissenschaftliche Leben 
in Deutschland förderten, ist zunächst die 1 652 von Johann Lorenz Bansch 
in Wien begründete Academia^] naturae curiosorum zu nennen, welche 
-1672 in die Kaiserlich Leopoldinische Akademie der Aerzte und 
Naturforscher umgewandelt wurde und, wenn sie auch schon seit langer 
Zeit ihre frühere Vormachtstellung eingebüßt hat, doch bis auf unsre 
Tage gekommen ist. Im Jahre 1700 wurde die Akademie zu Berlin 
gestiftet, 1733 die Göttinger gelehrte Gesellschaft, 1755 die Akademie zu 
Mannheim, 1760 die zu München. 

Universitäten waren, dank der Kleinstaaterei, im 17. Jahrhundert 
über das Bedürfniss hinaus gegründet worden. Wer redet heute 
noch von denen zu Herborn, Bamberg, Mainz, Erfurt, Ingolstadt, Rinteln, 



1) München und Leipzig 1893. Die Augenheilk. wird auf S. 334—346 abge- 
handelt. Das verdienstliche Werk bildet den ii. Band der Geschichte der Wissen- 
schaften in Deutschland. 

2) Vgl. Gustav Freytag, Bilder aus deutscher Vergangenheit. Ges. Werke 
B. XX, S. -228 fgd. und B. XXI, S. 5, -1898. 

3) PüscHMANN, Gesch. d. med. Unterrichts, 1889, S. 320 fgd. 

4) Italien war voraufgegangen: Accademia dei Lincei (der Luchs-Augen) 16t)3, 
Acc. del cimento (des Versuch) 1657. In Paris wurde 1666 l'Acadömie Royale 
des sciences gegründet, die 1 793 in das Institut National umgewandelt worden. 
In London 1666 The Royal Society. In Schweden 1732 die Akademie der 
Wissenschaften. 



Deutschland. 167 

Altdorf, Bremen, Neustadt a. d. Haardt, Hanau, Lingen, Duisburg? Vier- 
zig Universitäten hat Deutschland im Jahre 1792 besessen. Größere 
Bedeutung erlangten die Hochschulen zu Halle und zu Göttingen. 

Die Universität zu Halle, 1694 errichtet, war der Wirkungskreis der 
berühmten Professoren Stahl (§ 361) und Hoffmann, wurde aber später 
von der 1734 errichteten Universität zu Göttingen überflügelt, die bessere 
Einrichtungen, auch ein Krankenhaus, erhielt: Haller, Zinn, Richter, 
Langenbeck sind auf unsrem Gebiet die Sterne erster Grüße, die dort er- 
strahlten. 

Die Zahl der Professoren der Medizin betrug in Gießen und selbst 
in Halle nur zwei, in Wien und in Heidelberg drei, erst gegen Ende des 
Jahrhunderts fünf in Heidelberg i). 

Die Zahl der Medizin-Studirenden an den deutschen Universi- 
täten war nur gering, in Wien 1723 nur 25, in Jena 1768 nur 17, in 
Göltingen um 1767 — 1778 allerdings oO — 80 jährlich, während Padua^) 
-1782 unter 2000 Studenten 200 Mediziner zählte. Strebsame Deutsche, 
die es ermöglichen konnten, pflegten ihre Studien in Holland (Leyden) und 
in Paris zu vervollständigen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 
übten auch die Londoner Hospitäler eine große Anziehungskraft aus. 

Die Vorbildung für das Medizin -Studium wurde im 1 8. Jahrhundert 
erheblich verbessert, da Dank der Bemühungen von Leibnitz, Seckendorf, 
Thomasius u. A. auf den gelehrten Schulen den Realien eine größere Be- 
achtung geschenkt wurde. 1785 wurde in Preußen die Reife-Prüfung an den 
Gymnasien eingeführt. Die Rohheit des Studenten-Lebens milderte sich in der 
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, namentlich in Göttingen, das keine 
imttelalterlichen Ueberlieferungen hatte, in Jena durch den Einfluss Goethe's, 
in Halle durch die Thatkraft der preußischen Regierung. 1784 bequemte 
sich P. Frank in Göttingen auf Wunsch der Studenten zur Muttersprache, 
1782 wurde in Oesterreich die deutsche Sprache für Vorlesungen und 
Doktor-Prüfung gesetzlich eingeführt, 1798 in Preußen. 

Von den Aerzten verlangte man soviel an chirurgischen Kenntnissen, 
dass sie äußerliche Schäden zu behandeln und bei den Operationen die 
ausführenden Wundärzte zu beaufsichtigen vermöchten. (Jo. Zach. Plat- 
neri Vita, in Opusc. 1, 1749.) 

An die Wundärzte stellte man geringere Ansprüche bezüglich der 
allgemeinen Vorbildung, verlangte aber Fach-Ausbildung. 

Die gewöhnlichen Wundärzte in Deutschland waren die zünftigen 
Barbiere. Nach einer 3jährigen Lehr-, nach einer 5 — 7jährigen Wander- 



4) H. Baas, Die Entwicklung des ärztlichen Standes und d. med. Wissensch. 
1896, S. 317 fgd. 

2) Padova, von Puschmann irrig mit Pavia übersetzt. 



168 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Zeit, während deren manche auch ein chirurgisches Collegium in Dresden 
oder in Wien besuchten, mussten sie die Meister-Prüfung ablegen. 

Es gab auch Wund- und Augen-Aerzte geradeso, wie zu den Zeiten 
von George Bartisch. Im Jahre 1700 besuchte der berühmte Wundarzt 
Eysenbarth aus Magdeburg die Oster- und die Herbst-Messe der freien 
Stadt Frankfurt und hatte eine reiche Ernte, da zu dieser Zeit fast keiner 
von den dortigen Aerzten und Chirurgen Bruch-, Stein-, Hasenscharten- 
und Star-Operationen zu verrichten pflegte. Heister, als Gymnasiast von 
17 Jahren, sah mit eigenen Augen, wie Eysenbarth auf öffentlichem Theater, 
bei der sogenannten Mehlwage, einem armen Blinden den Star stach, — 
ohne ihm zu helfen. Von den dreien, die er operirte, sah nur einer. 
1704 hat Eysenbarth zu Wetzlar auf seiner Bühne sogar Komödie spielen 
lassen und einen Seiltänzer bei sich gehabt, um das Volk anzulocken, was 
1716 in Preußen allgemein verboten wurde, ebenso wie das Operiren seitens 
Ungeprüfter! In demselben Jahre wurde E. vom König von Preußen nach Stolp 
geschickt, um den Augenschaden des Oberstleutnant von Gräbnitz zu kuriren. 

Da haben wir denn in der Stettiner Postzeitung (vom 21. Nov. 
1716) solche Reklamen, die dem Engländer Taylor und seinen Gesinnungs- 
genossen als Vorbilder gewiss gefallen hätten: »Es dienet zur Nachricht, 
dass der berühmte Medicus, Hr. Eysenbarth, den 8. Nov. am Rossmarkt 
im Mauerkrug eine Frau, welche auf beiden Augen Stock-blind gewesen, 
in Gegenwarth vieler Leute den Star operiret, dass sie auch sogleich alle 
Menschen und was ihr vorgehalten worden, erkennen können . . . Sein 
köstlicher Spiritus . . . wird insonderheit recommandiret, zumal selbige im 
. . . blöden Gesicht sonderbare Proben thut . . ., das Loth 12 Gr.« 

In seinen Reklame -Zetteln, mit denen er das Pommerland über- 
schwemmte, heißt es folgendermaßen : 

»Es ist zum Trost deren Patienten hier angelangt der hochberühmte 
Medicus Jon. Andreas Eysenbarth . . . Stock und Stahr-Blinde . . . hat er 
unzehlig zum Gesicht verholffen ; darunter verschiedene, die Stahr-blind 
von Mutter-Leibe gebohren . . . 

Setzt emailirte Augen in den KoptT, wo eines manqviret ... Er offeriret 
sich allen und jeden nach Vermögen aufrichtig zu dienen, auch denen gar 
armen Blinden und Gebrechlichen umb Gottes Willen zu helffen, wenn sie 
sich gleich anfangs melden . . .<' 

Johann Andreas Ey'senbarth, geb. 1661 in Bayern, gest. 1727 zu Hannö- 
verlsch-Münden, war im Leben besser, als im Lied. (Vgl. Eisenbart im Leben 
und im Liede, von Dr. A. Kopp, Zeitschr. f. Kullurgesch. von Dr. E. Stein- 
hausen, 3. Ergänz. Heft, Berlin* 1900, 66 S. Entgangen ist Kopp die Darstellung 
von Heister, med. chir. Wahrnehm., 1753, I, S. 2 — 8.) Auf seinem Leichen- 
stein wird E. als »Königl. Grosbrit. u. Kurfürstlich-Braunschweig. privilig. Landarzt 
wie auch Kgl. Preuß. Rath u. IIof-Ocuhst< bezeichnet. 



Deutschland. 169 

Noch andre 1) Augenärzte reisten, auch noch um die Mitte und selbst 
noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Joh. Georg Drenkler, 
Oculist, Stein- und Bruchschneider, geb. aus Hamm in Bayern, jetzt könig- 
licher Bürger in Bischheim (im Unter-Elsass), erUeß folgende Erklärung in 
den Orten, die er mit seiner Anwesenheit beglückte: 

»Ich curire alle Mängel der Augen; so ein Mensch das Gesicht 10, 
12 bis 15 Jahre verloren, den grauen und weißen Staar hat, denen helfe 
ich in wenig Minuten, dass sie den kleinsten Vogel auf dem Dache sehen 
können 2].« 

(Aber der Augenarzt Völckers aus Hannover, der gegen die Mitte des 
1 8. Jahrb. ganz Niedersachsen beherrschte und Niemand bei seinen Star- 
Operationen zusehen ließ, war — Doctor und Augenarzt S. M. des Königs 
von Groß-Britannien^)). 

Im Jahre 1749 erklärt Jo. Ja. Platner zu Leipzig: »Ich will nicht 
reden von den unwissenden Geschäfts-Reisenden und tollkühnen Gauklern, 
denen das so wichtige Fach der Heilkunst, die Augenheilkunde, als Beute 
zugefallen ist.« (Opusc. II, 191.) 

Im Jahre 1773 klagt G. A. Richter zu Götlingen: 

»Die Star-Operation ist bisher fast gänzlich aus der Chirurgie ver- 
bannt und den Händen umherziehender Augenärzte anvertraut gewesen. 
Die Marktschreier stellen den glücklichen Erfolg immer in sichre Aussicht.« 

Aber inzwischen waren doch die Grundlagen zu einer Besserung, 
ja zu einer wesentlichen Umgestaltung dieser Verhältnisse geschaffen worden, 
einerseits von den Regierungen, andrerseits von den Universitäten. 

In Preußen wurde 1713 zu Berlin das anatomische Theater be- 
gründet, und im Winter Anatomie und im Sommer Operations-Lehre für 
Wundärzte, namentlich für Feld Wundärzte, aber auch für Aerzte vor- 
getragen; das 1710 gegründete Charite-Krankenhaus war von Anfang 
an zur Ausbildung von Militär-Chirurgen bestimmt. 1725 wurde das 
Staats-Examen eingeführt, die zukünftigen höheren Civil- Wundärzte mussten 
zwei anatomische Demonstrationen und sechs Operationen ausführen. Im 
Jahre 1795 wurde die Pepiniere zur Ausbildung von Militär-Aerzten ein- 
gerichtet, welche noch heute als Kaiser Wilhelms-Akademie fort- 
beste ht^) und der Universität angegliedert ist. 



4) Internationale Geschäftsreisende der Art werden wir noch in dem Ab- 
schnitt von den irrenden Rittern kennen lernen. 

2) Chirurgie vor lOO Jahren v. Dr. Georg Fischer in Hannover, Leipzig 1876, 
S. 50. 

3) Henckel, v. grauen Staar, 1743, S. 84. 

4) Ihre großartige Büchersammlung, deren gedrucktes »Verzeichnisse, Berlin 
11106, 1055 S. umfasst, hat mir für meine Studien werthvolle Hilfe geleistet, was 
ich auch an dieser Stelle dankbar anerkenne. 



170 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

In Sachsen wurde 1748 ein Collegium medico- Chirurg, zu Dresden 
begründet und 1751 mit einer chirurgischen Klinik ausgestattet. 

In Dänemark, welches im 18. Jahrhundert enge Fühlung mit 
deutscher Wissenschaft unterhielt und auch die deutsche Sprache bevor- 
zugte^), wurde 1736 zu Kopenhagen das Theatrum anatomico-chirurgicum 
errichtet. 

In Wien gründete Joseph II. im Jahre 1785 das Josephinum und theilte 
ihm ein Spital von 1200 Betten zu. Es war den Universitäten an Rang 
gleich und durfte den Magister- (Chirurgen-) und Doctor-Grad ertheilen. 
Die Doctoren mussten 15 Jahre dienen, durften aber auch Privat-Praxis 
treiben. 

Die Hebung des Universitäts-Unterrichts in der Chirurgie 
begann Heister 1720 in Helmstädt. J. Z. Platner in Leipzig folgte und 
hielt am 23. Febr. 1721 eine Rede de chirurgia artis medicae parente. 
Noch berühmter war die Rede, mit welcher A. G. Richter am 6. Okt. 
1766 zu Güttingen sein Extra-Ordinariat eröffnete: de dignitate chirur- 
giae cum medicina conjungendae. In Würzburg wirkte Siebold für 
Gleichstellung der Chirurgie mit der innern Medizin. Um die Mitte des 1 8. Jahr- 
hunderts begannen in Deutschland schon Aerzte, die auf der Universität regel- 
recht ausgebildet worden, der Chirurgie sich ganz und gar zu wid- 
men: was sogar von französischen Wundärzten als ein Vorzug Deutschlands 
anerkannt wurde. (Le Cat, § 372.) Die Chirurgie wurde hoch- 
schulfähig. »Die deutsche Chirurgie blieb ein Handwerk, so lange sie 
in den Händen der bloßen Wundärzte weilte; sie wurde eine Wissenschaft 
und Kunst, als klassisch gebildete Aerzte sich ihrer annahmen 2).« 

Wenn auch die Augenheilkunde zunächst noch von den Profes- 
soren der Chirurgie verwaltet und gelehrt werden musste; so wurde 
doch Besserung des augenärztlichen Unterrichts angestrebt, in 
Tübingen, in Göttingen und in Wien. 

Die wissenschaftliche Augenheilkunde in Deutschland ist, wie 
bereits erwähnt, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts von drei Männern 
begründet worden, von Lorenz Heister, Burkard David Mauchart und Jo- 
hann Zacharias Platner. Nicht blos haben diese Universitäts-Professoren 
in Wort und Schrift die Augenheilkunde erläutert und verbessert, sondern 
auch ihre ganze Kraft dafür eingesetzt, sie den Pfuschern und roheren 
Wundärzten zu entreißen und gebildeten Wundärzten und Aerzten in die 
Hände zu geben. 

Alle drei hatten übrigens im Ausland (Holland, England, Frankreich) 
ihre ärzthchen Kenntnisse und ihren ganzen Gesichtskreis erweitert. 



i) Gordon Norrie, C. B1. f. A. •)890, S. 264. 
2) H. RoHLFS, chir. Klassiker I, S. 16, 1883. 



Heister. 171 

§ 410. Lorenz Heister" (1). 

Haller, bibl. cliir. 11, S. 5 — 12, giebt die vollständige Bibliographie. Strickeb, 
im biogr. Lexikon der Aerzte, III, S, 132, ISSG, liefert eine Darstellung, die recht 
gut, aber nicht frei von Ungenauigkeiten ist, wie ein Vergleich folgender Quelle 
lehrt: Ausführlicher Bericht von Leben und Schriften des durch gantz Europa 
berühmten Laurentii Heisteri, Allen, die von wahrer Gelehrsamkeit Profession 
machen , sonderlich denen Herren Medicis zum Dienst publiciret von Christian 
Polycarpo Leporin, D. Quedlinburg, druckts Job. Georg Sievert, An. 1725 
(70 S., 4°). — Leporin (1689 — 1747) war ein gelehrter Arzt zu Quedlinburg, 
der auch das Leben des Fabrigius von Hilden beschrieben. 

Geboren am 19. Sept. 1683, als Sohn eines Gastwirths und Wein- 
händlers zu Frankfurt a. M., erhielt Lorenz H. eine sehr gute Erziehung, 
besuchte das Gymnasium vom 9. bis zum 19. Jahre, lernte die alten 
Sprachen, (vom 17. — 19. Jahre hat er viele Gelegenheits-Gedichte in latei- 
nischer und deutscher Sprache verfasst,) ferner Logik, Geographie, Ge- 
schichte, — daneben noch Französisch, Italienisch, Zeichnen, Handfertig- 
keiten; studirte von 1702 ab Heilkunde in Gießen (bezw. in Wetzlar), woselbst 
er auch auf das eifrigste Arznei-, Pflanzen- und Bäder-Kunde praktisch 
betrieb; dann, von 1706, nach einer angenehmen und lehrreichen Reise 
den Rhein abwärts, in Amsterdam unter dem berühmten Anatomen RuYsce 
und dem Chirurgen Rau; half 1708 als Feldarzt bei den verbündeten 
(englisch-holländischen) Truppen mit Hand anlegen ; studirte darauf weiter 
zu Leyden unter Alblnus und namentlich unter Boerhaave, dessen Vor- 
lesung de visu et morbis oculorum er nicht nur hörte, sondern auch 
ganz sorgfältig nachschrieb; promovirte zu Harderwijk2) am 31. Mai 1709 
— auf besonderen Wunsch des berühmten Professoren Theodorus Jansoniüs 
VAN Almeloveen 3) j damals Dekan der med. Facultät und Rector an der 
genannten Universität, — und zwar mit einer Dissertation de tunica 
choroeidea, in welcher er allerdings, nach der Ansicht seines Gegners 
WooLHousE, nichts eigenes vorgebracht haben soll. 

Heister beschloss, in Amsterdam sich niederzulassen, begann auch 
schon ein anatomisches CoUeg französisch vor französischen Wundärzten 
und ein anatomisch-chirurgisches Colleg vor deutschen Studenten zu halten. 
Aber, da er einsah, dass er chirurgische Gewandheit nur durch eigne 
Thätigkeit, und zwar am raschesten im Felde, erwerben könnte; so packte 
er kurz entschlossen seine histrumente zusammen und reiste nach Dornick 



1) Sein Bild s. XIII, S. 399. 

2) Diese Universität in der holländischen Provinz Gelderland ward 1648 ge- 
stiftet, kam nie zu rechter Blüthe und wurde 1811 wieder aufgehoben. 

3) Lebte von 1651—1712, wurde 1697 als Prof. der Geschichte, Beredsamkeit 
und griechischen Sprache nach Harderwijk berufen und 1701, nach dem Tode de 
Graaf's, auch noch für den Unterricht in der Medizin angestellt. Verfasste Be- 
merkungen zum Caelius Aurelianus. (§87, XXI.) 



172 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

(Tournay), das von den Verbündeten belagert wurde. Er ward auch von 
den Holländern als Feldarzt angenommen und verrichtete in Audenarde 
zahlreiche größere Operationen. Nach der Eroberung von Dornick lernte er 
in dieser Stadt Brisseal's Schrift kennen, die einen so großen Einfluss auf 
seine wissenschaftliche Entwicklung gewonnen; ob auch den Verfasser, 
konnte ich nicht ermitteln. Nach der siegreichen, aber blutigen Schlacht 
bei Malplaquet hatten die Holländer 5000 Verwundete, die nach Brüssel 
gebracht wurden. Hier wirkte Heister als Vertreter des holländischen 
General- Wundarztes und hatte außerordentlich viel zu operiren. (Hier hatte 
er auch Gelegenheit einen mit Star behafteten Soldaten zu seciren und den 
Sitz in der getrübten Linse des Stars anatomisch nachzuweisen.) 

Als die Truppen in die Winterquartiere rückten, kehrte er nach 
Amsterdam zurück, hörte dort von einem Studenten aus Nürnberg, dass 
eine Professur zu Altdorf^) frei geworden, bewarb sich um dieselbe und 
erhielt die Bestallung für Anatomie und Chirurgie, im Frühjahr 1710. 

Er erbat sich und erhielt die Erlaubniss zu einer Studien-Reise 
nach England, wo er den Steinschneider Cyprian und den berühmten 
Hans Sloane (§ 392) kennen lernte, auch Instrumente und Bücher sam- 
melte. November 1710 traf er in Altdorf ein und entfaltete eine große 
Thätigkeit als Lehrer, Forscher, Wundarzt und Geburtshelfer. 

In der Vorrede zu seinen med., chir. und anat. Wahrnehmungen 
(1753) berichtet Heister, dass er dort die wichtigsten und schwersten 
Operationen regelmäßig ausgeführt, die vor ihm in diesem Jahrhundert 
kein deutscher ordentlicher Medicus oder Chirurgus sich zu unternehmen 
getraut, als Steinschnitt, Star-Stich, Thränenfistel- und Hasenscharten-Ope- 
ration, die alle sonst den Landstreichern überlassen geblieben wären. 
Ebenso hatte er das Vorurtheil bei der Geburtshilfe, bei der Anwendung 
der China-Rinde und der des Quecksilbers zu überwinden. 

»Bis nach Regensburg zu den Gesandten wurde er gefordert,« meldet 
uns sein Geschichtschreiber. 1720 wurde H. als Prof. der Anatomie und 
Chirurgie nach Helmstädt^) berufen und erhielt 1730 noch die Professur 
der Botanik dazu. Auch hier entfaltete er eine ungemein ausgedehnte 
Thätigkeit in Wissenschaft, Lehre und Praxis. Nach Rostock (zum Herzog 
von Mecklenburg-Schwerin), wo er aber auch viele andre chirurgische und 
Augen-Kranke untersuchte, sowie nach Berlin musste er ärztliche Reisen 
unternehmen. Aber Berufungen an die Akademie von St. Petersburg wie 



1) Die reichsfreie Stadt Nürnberg erhob 4 623 das Gymnasium ihrer Stadt 
Altdorf zur Hochschule, die bis zum Jahre 1809, wo Nürnberg an Bayern fiel, be- 
standen hat. 

2) Die Universität zu Helmstädt, einer Kreisstadt im Herzogthum Braunschweig, 
wurde 1576 gegründet, war im 17. Jahrhundert unter den protestantischen eine 
der bedeutendsten und wurde erst 1807 aufgehoben. 



Heister. 173 

an die Universität Würzburg hat er abgelehnt. Zu Helmstädt ist er am 
i8. April 1758 gestorben. Er hinterließ über 6000 Bücher, 470 chirur- 
gische Instrumente und ein großes Herbarium i). 

§411. L. Heister muss als Begründer der wissenschaft- 
lichen Chirurgie in Deutschland angesehen werden, und also auch 
der Augenheilkunde, welche damals ja nur einen Zweig der Chirur- 
gie darstellte. 

In seinem berühmten chirurgischen Hauptwerke, das er in deutscher 
Sprache verfasste, hat er alle bleibenden Errungenschaften gesammelt, 
selbständig beurtheilt, durch eigne Erfahrungen und Gedanken ergänzt und 
zu einem vollständigen System abgerundet, — dem ersten in 
der Welt-Literatur. Diese seine Chirurgie^), welche übrigens die 
Augenheilkunde als vollwerthigen Abschnitt mit imifasst, erschien unter 
dem Titel 

»D. Laurentii Heisters, Anat. Chir. ac Theor. Prof. Publ. in Academia 
Altorfina, der Kayserl. u. Künigl. Preuß. Societät Miglied, Chirurgie: Zu 
welcher alles, was zur Wundartzney gehöret, nach der neuesten u. besten 
Art abgehandelt und in vielen Kupfer- Tafeln die neu erfundenen und dien- 
lichsten Instrumenten, nebst denen bequemsten Handgriffen der Chirur- 
gischen Operationen und Bandagen deutlich vergestellet werden, 40, Nürn- 
berg 1719.« Ferner in Nürnberg 1724, 1731, 1742, 1747, 1763, 1779; 
lateinisch (in der FROBESi'schen Uebersetzung) 1739, 1750, 1759, englisch 
1748, 1750, 1761, spanisch 1747, 1748, italienisch 1765, holländisch 1741, 
1754, französisch 1770: also in 18 verschiedenen Ausgaben und in den 
Hauptsprachen Europa's. 

J. Daviel citirt H.'s Chirurgie 1752 in seiner berühmten Abhandlung 
von der Star-Ausziehung, und zwar zwei mal und nur sie allein. Ebenso 
spricht Doctor Petit 1 725 und Louis, der Schriftleiter der wundärztlichen 
Akademie, 1774 mit der grüßten Hochachtung von unserm Heister. Vidal 
aus Barcelona erklärt 1785, dass in Spanien z. Z. Heister's Chirurgie die 
einzige Belehrung über Augen-Krankheiten gewähre. (§ 408.) 

J. Beer sagt 1799 (Repert. I, 97), dass die Chirurgie Heister's wohl 
alt sei; aber welcher Augenarzt wird sie nicht noch heute mit wahrem 
Vergnügen lesen? Das neunzehnte Jahrhundert ist vergangen, aber Beer's 
Urtheil ist noch heute gültig. 

Benjamin Bell, Heister's wissenschaftlicher Nebenbuhler, urtheilt 1 783 
folgendermaßen: »Dies war das erste vollständige System der Wundarznei- 



\) Fabricius hat einer Polygala den Namen Heisteria gegeben. (Zusätze 
zu den Göttinger Ephemeriden, 1763, S. 447.) 

2) Die beiden letzten, vermehrten Ausgaben, die ich besitze, enthalten je 1078 
Seiten, 40. 



174 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

kunst, welches diesen Namen verdient, und ist bis jetzt noch immer das 
einzige seiner Art geblieben.« 

Charles DarembergI) erklärt »Heister's Werk für die umfassendste, 
vernünftigste, gelehrteste, vollständigste Darstellung der Chirurgie, die er- 
schienen ist — bis zum Ende des 18. Jahr., wo wir u. a. das Lehrgebäude 
der Wundarzneikunst von B. Bell und die Anfangsgründe der Wund- 
arzneikunst von Richter finden. Heister hat alles genommen, was 
gutes vor ihm geschrieben worden, aber fast immer hat er es ver- 
bessert nach den Ergebnissen seiner langen Erfahrung. Der Text ist von 
zahlreichen Figuren begleitet. Die Chirurgie ist ein zugleich dogmatisches 
und geschichtliches Werk; aber es giebt wenige, die ebenso lehrreich sind.« 

Heister's zweites Werk, sein lateinisches Compendium anatomi- 
cum (Altdorf 1717, 1719, 1727, 1732, Venedig 1730, Amsterdam 1730, 
in's Deutsche, Englische, Französische übersetzt), war eine Zeit lang in 
Deutschland, ja fast in ganz Europa das herrschende Lehrbuch der 
Anatomie. 

Haller giebt von Heister die folgende Charakteristik: »Zuerst Feldarzt, 
dann über 40 Jahre akademischer Lehrer, als Operateur hochberühmt, mit 
großer Begabung für Mechanik, so dass er Instrumente selber anfertigte 
und neue erfand, unter allen Wundärzten der fruchtbarste Schriftsteller.« 
In der That giebt er uns eine Liste von 85 Schriften. 

Heister's erste Schriften zur Star-Lehre und zur Thränenfistel- 
Operation haben wir schon kennen gelernt. (§ 331 und § 361.) 

Jetzt wollen wir einen Blick auf seine Chirurgie werfen. Natürlich, 
wir finden daselbst keine vollständige Augenheilkunde, sondern nur eine 
Darstellung der Operationen an den Augen und ihrer Umgebung. (II, ii, 
c. 42—64, S. 492-584.) 

Bei den Verwachsungen der Lider mit einander und mit dem Augapfel 
werden Ursachen angeführt, die wir bei den Alten (§ 257) nicht finden, 
z. Th. nicht finden können, wie Kindsblattern, Verbrennung der Augen durch 
Schießpulver, angeborene Zustände. Nach der sorgsamen Trennung soll 
man ein halbmondförmiges Stückchen feinstes Handschuh-Leder, mit Mandel- 
Oel befeuchtet, oder Goldschläger-Häutchen u. dgl. zwischen Lid und Aug- 
apfel einlegen. 

Bei der Ausstülpung des Unterlids (Ektropion) wird die durch Lähmig- 
keit des Orbicular-Muskels bei alten Leuten beschrieben. Beim Aderlassen 



^) Hist. des sciences mödicales, Paris 1870, II, S. 4 245. S. 1251 sagt er übrigens: 
»Oü qu'on Jette les yeux dans cette epoque (der ersten Hälfte des 18. Jahrb.), c'est 
Paris qui gouverne Europe.« Aber Heister's Historiograph Leporin hat schon 
1725 ausdrückhch hervorgehoben (S. 67), es sei ein Vorurtheil, welches die 
Franzosen und selbst viele Deutsche hegen, als ob keiner ein guter Chirurg sein 
könne, er habe denn die Chirurgie in Paris gelernet: dahin der Herr D. Heister 
niemals gekommen. 



Heister. 175 

und Schröpfen der Augen werden die Verfahren der Alten wie auch das 
neuere von Woolhouse genau auseinander gesetzt, das letztere nicht grade 
gelobt, die Instrumente abgebildet. 

(Zu der ausführlichen Darstellung der Thränen-Leiden vgl. § 361, für 
die der Star-Operation § 331.) 

»Der Star-Operation sollen die Chirurgen sich annehmen 
und sie nicht, wie bisher geschehen, den Marktschreiern und Quacksalbern 
überlassen, weil sie zu den vortrefflichsten und nützlichsten gehört und 
auch gar nicht übertrieben schwer ist. Aber, wer sie verrichten will, muss 
folgende Eigenschaften besitzen : 1 . Er muss den Bau des Auges wohl kennen. 

2. Er muss gesehen haben, wie geschickte Leute diese Operation ausführen. 

3. Er muss unerschrocken sein, nicht zittern, eine feste Hand und ein 
gutes Gesicht haben. 4, Er muss rechts und links sein. 5. Er muss die 
Operation vorher an Leichen und Thieren geübt haben.« 

Die Ausziehung des Stars wird auch in den späteren Ausgaben (1763, 
1779) nicht berücksichtigt, — kein Wunder, da diese alle nach der 4. vom 
Jahre 1742, also vor Daviel's Veröffentlichung, gearbeitet und nach Heister's 
Tode erschienen sind. Die Pupillen-Bildung wird nach Cheselden beschrie- 
ben; und erwähnt, dass letzterer die Nachbehandlung nicht angegeben. 
Hornhaut- und Flügelfell werden zusammengeworfen. Hornhaut-Flecken i) 
und Staphyloma enthalten nichts besondres. Beim Eiter-Auge bringt H. 
eine Bestätigung des Verfahrens von Justus: »Ein Mann mit einem Eyter- 
Auge, den ich in Kur hatte, musste eine nothwendige Reise auf einem 
Wagen vornehmen; nachdem aber selbiger wiedergekommen, war das 
Eyter alles weg, welches vornehmlich durch das Schuttern und Stoßen 
von dem Wagen hinter die Pupille getrieben worden.« Die Operation ge- 
hört zu den subtilislen. Wenn der Eiter sich wieder bildet, soll man mit 
einem Stilet die Wunde wieder eröffnen. 

Auch Blut, welches die ganze Vorderkammer erfüllt und nicht weichen 
will, wird durch Hornhautschnitt entleert. (Gandolph, Hist. de l'Acad. R. 
des Sciences, A. 1709.) 

Den Krebs des Auges hat H. zwei Mal ausgerottet und zwar mit 
einem graden Messer, und bringt die Abbildungen, die uns heutzutage nicht 
sonderlich befriedigen. 

Bei den Kunst-Augen, die auf den Stumpf gesetzt werden, erinnert H. 
daran, dass solche gelegentlich Flüsse verursachen und dadurch das zweite, 
noch gute Auge verderben. Wenn man solche Zufälle beobachtet, 
muss man das künstliche Auge bei Zeiten fortlassen. 



1) Hirsekorn-Bläschen auf der Hornhaut sollen Uritides genannt werden. Aber 
Warid ist das arabische Wort für Vene! Allerdings hat auch Kühn (Lex. med. II, 
S. 1505, 4 832): Uritides s. margaritae oculi sunt pustulae in Cornea ortae uren- 
tem dolorem excitantes. 



176 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

In 2 stattlichen Quartbänden (v. 1124 u. 924 S.) erschienen dann noch 
L. Heister's . . . Med., Chirurg, u. anatom. Wahrnehmungen; der erste 1753, 
der zweite erst 1770, nach Heister's Tode h. von Dr. med. W. F. Cappel, 
Prof. in Helmstädt. 

In diesem Werke wollte II. die wichtigen Fälle seiner über 50jährigen 
Erfahrung genauer, als in Lehrbüchern möglich, mittheilen. Der erste 
Band umfasst die Erfahrungen von 1709—1721, 680 Beobachtungen, dar- 
unter vieles, was noch heule merkwürdig. Der Vortrag ist klar, die Be- 
schreibung der Krankheit öfters zu kurz, die der Behandlung zu lang für 
unsren Geschmack. Die Namen der Kranken werden, wie in den gleich- 
zeitigen französischen Schriften, ganz unbefangen gedruckt i), fürstlicher 
oder gräflicher Stand immer hervorgehoben. Der Bürger war damals 
noch nicht zu freier Welt-Anschauung durchgedrungen. (Eine Gräfin 
schreibt an H. : »Älonsieur. Seinen Brief . . . habe erhalten.« H. antwor- 
tet: »Hochgeborene Frau, Gnädige Frau Gräfin. Aus Ew. Hochgräflich 
Excellenz gnädigem Schreiben habe . . . ersehen.«) 

Nur wenige Beobachtungen werde ich als Beispiele anführen. 

No. 5) schildert die Star-Operation, die der berühmte Wundarzt 
Eysenbarth auf der Frankfurter Messe 1700 ausgeführt, — ohne Erfolg. 
Diese reisenden >Star-Stecher heilen kaum 1 von 10. Auch Taylor, Mein- 
DERS , Hilmers , Gyrus hatten wenig Erfolge«. Heister selber hat viele 
gesehen, die Taylor operirt hatte und die zu der Blindheit noch die 
heftigsten Schmerzen hinzubekommen hatten. 

74) Von einem Schuss, der in einen Schlaf am Kopf über dem Joch- 
bein ein, und auf der andern Seite, an eben dem Orte des Schlafes wie- 
der herausgegangen, von welchem der Verwundete ohne besondere Zufälle 
zwar geheilet, und beym Leben erhalten worden, aber im Moment des 
Schusses blind geworden, und auch blind geblieben. Die Augen sahen gut 
aus, waren aber unbeweglich und starr, wie beim schwarzen Star. Der 
Mann sonst ganz munter. An einem Schädel überzeugte sich H. vom 
Gange der Kugel und schloss richtig, dass beide Sehnerven vom Ge- 
hirn abgetrennt waren. 

(Diese Schläfen-Schüsse sind uns heute leider geläufig, aus den Selbst- 
mord-Versuchen mit dem Revolver.) 

92) Uebrigens hat H. auch einen Ozaena-Kranken beobachtet, der sich 
Hasenschrot in die Schläfe schoss, um sich zu tödten, aber sich keinen 
Schaden zufügte. 

121) Von einer völligen Blindheit, die ein schwarzer Star war, durch 
die Salivation oder Speichel-Kur völlig gehoben. 

i] Eschenbach (Bericht über Taylor, Rostock, I, 152) hat dies als unerlaubt 
ganz aufgegeben. — Bei den Engländern finde ich den Namen der Kranken meist 
nicht angegeben, aber doch gelegentlich bei Duddel (§ 391), z. B. 2, S. 89. 



Heister. 177 

(Schon in H. 's Schrift de Catar., glauc. et amaurosi, 1713, mitgetheilt. 
Die Kur hat dem damals jungen und neuen Professor viel Ruhm gebracht. 
Die Kranke hat 15 Jahre lang, bis zu ihrem Tode, gut gesehen.) 

500) Ein Student hatte auf dem einen Auge einen Star mit enger und 
unbeweglicher Pupille, in Folge eines Rappier-Stoßes. II. rieth zur Opera- 
tion. Im günstigsten Fall würde er sehen, jedenfalls aber besser aussehen, 
so dass er »eine reiche glückliche Heurath einmal machen könnte«. Der 
Student starb aber einige Wochen später in Folge einer Verletzung. Bei 
der Zergliederung fand H. die Krystall-Linse getrübt. 

627) Ein Auge, so groß wie ein Hühner-Ei, durch Ausschneiden ope- 
rirt. Es war die Folge einer Verletzung. 

629) Von einem großen krebsigen Schwamm am linken Auge, durch 
Ausrottung operirt. Es wuchsen schwammige Wucherungen nach, die 
geätzt und abgeschnitten wurden. Die 58j. Frau hat bei leidlichen Um- 
ständen noch etliche Jahre , das Auge mit einem schwarzen Pflaster be- 
deckend, so gelebt. 

Im 2. Bande werden zunächst einige Rezepte mitgetheilt, die der sei. 
Heister mit seinem Namen belegt hat und die merkwürdiger Weise nicht 
in C. Graefe's Repert. augenärztlichen Heilformeln (1817) aufgenommen 
worden sind. Von diesen erwähne ich: 

Essentia ophth. H. : Essent. valerian., Essent. cubeb. ati part. aeq. 

Lapis ophth. H. (Ein Kupfer-Alaun). 

Trageae^) ophth. H. : Milleped. etc. 

Ung. nigr. H. : Merc. viv. Ibj.; Terebinth. Venet. q. s. ad solut. Merc; 
Axung. porc. Ibjj; M. opt. 

Ung. rubr. H. : Bol. Arm. .5 1 ß; Amalg. Saturn, et merc. .5 1; Ung. 
ros. q. s. 

19) Von einem schwarzen Star, der durch Speichelfluss geheilt wurde, 
bei einem Knecht, der etwas Venerisches an sich gehabt. 

52) Von einem besonderen Augenschmerz, Ophthalmoponia ge- 
nannt. (Das schöne Wort, gebildet von ocpOaXixo?, Auge, und ttovo;, Mühe, 
Leiden, Krankheit, findet sich nicht in meinem Wörterbuch, auch nicht in 
dem med. Lexikon von Gastelli, wohl aber in denen von Kühne und Kraus 
[Vgl. B. XII, S. 206] und scheint völlig entbehrlich.) 

77) Ein 5jähriger, der von Geburt an große Augen gehabt, kann nur 
noch hell von dunkel unterscheiden; es besteht Lichtscheu, Trübung der 
Hornhaut, die Augäpfel sind sehr weit und groß. 

(Hier haben wir mit die erste, einigermaßen genaue Beschreibung 
der angeborenen Drucksteigerung, Glaucoma congenitum, Hy- 
drophthalmos.) 



■I] Tragea, Dragöe, Zuckerkorn. (Wohl aus -od-ir^ij.'-x, Naschwerk, verdorben.) 

Handtuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. /[ 2 



178 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

329) Ein ISjähriger, dem mit Schrot in's linke Auge geschossen worden, 
befragt IL, um das gute Auge zu erhalten und weitere Schrumpfung des 
bösen zu verhüten. 

Man sieht, dass die Vorstellung einer sympathischen Erblindung schon 
geläufig war. 

341) Ein SlOjähriger, der schon vor etlichen Jahren das Gesicht am 
rechten Auge durch Verletzung verloren, hat vor 3 Jahren Entzündung und 
Sehschwäche auch am linken bekommen, das Sehloch ist zusammengezogen, 
klein und trübe, als ob Zäserchen oder Häutchen darin wären. 

755) Als er einem 19jährigen Mann, der in den Pocken seine Augen 
verloren, einen gelben Star niederdrückte, fand er ihn hart wie Stein; es 
gab ein Geräusch, als ob man an Glas oder Stein anstieße. (Vgl. B. XIII, 
S. 228, 4 und S. 516.) 

756) Eine blinde Frau mit schwarzem Star berichtet, dass sie den 
einen Tag alles weiß sehe, den andern alles roth, und zwar bei 
verschlossenen Augen sowohl als auch Nachts. Pünktlich Morgens um 
5 Uhr erfolgt der Umschlag. An den rothen Tagen habe sie Angst und 
Beklemmung, an den weißen sei sie aufgeweckt und munter. Seit vier 
Monaten bestand der Zufall, ohne Fieber. 

(So mancher Fachgenosse, der in dem Lehrbuch seiner Wahl gar keine 
Kunde oder Andeutung von solchen Zuständen gefunden, wird ungläubig 
lächeln oder die Sache für erlogen erklären. Aber er täuscht sich. Erst- 
lich finden sich doch mehr Beobachtungen der Art aus der älteren Zeit, 
wo man notbgedrungen auf die subjektiven Angaben der vom schwar- 
zen Star heimgesuchten mehr Werth gelegt hat, als leider heutzutage; 
zweitens habe ich selber im Laufe der Zeit eine ganze Reihe von ähnlichen 
Erfahrungen gemacht, ohne dass ich eine Erklärung zu geben vermöchte.) 

§ 412. BüRKARD David Maüchart (2, 1696—1751). 

1. Haller, bibl. chir. II, 78 — 80, enthält den Nachweis von M.'s Schi-iften. 

2. GuRLT im biogr. Lexikon IV, 169, 1886. (Dürftig.) 

3. BuRKARD David Mauchart von G. Scheich, Tübingen 1897, 4°, 74 S. 
(Ausgezeichnet, genau und zuverlässig, mit Benutzung bisher ungedruckter Quellen 
gearbeitet; für unsre Darstellung die wichtigste Vorarbeit.) 

Die Universität Tübingen ist 1477 gegründet. 

Am 19. April 1696 in dem würtembergischen Marbach, dem Ge- 
burts-Ort großer Männer, als Sohn des dortigen Arztes und Physikus Johainn 
David ÄIauciiart '* (1669 — 1720) geboren, erhielt B. D. M. eine sorgfältige 
Erziehung und Unterweisung nicht blos in den alten Sprachen, sondern 
auch in der Natur- und Arzneimittel-Lehre; ja der Knabe musste bereits 



1) Seine Schriften sind bei Haller, bibl. Chir. II, S. 20 — 21, verzeichnet. 



Oracfc-SaermscJi, Handbuch, 2. Aufl., II. Teil, XIV. Band, XXIII. Kap. Tafel II 

' ' Zu Seite 1 J3 




Burkard David Mauchart 



Verlag von Wilhelm Engelmann in Leipzig. 



Mauchart. 179 

von seinem 1 2. bis \ 5. Jahre bei einem bewährten Chirurgen in Marbach 
die Anfangsgründe der Wundarzneikunst erlernen. In den Jahren 171 1/12 
vervollkommnete er auf dem Gymnasium illustre zu Stuttgart seine Kennt- 
nisse in den alten Sprachen wie in der Mathematik und bezog dann 
IGjährig die Universität Tübingen, wo er ö Jahre lang, erst Philosophie, 
Naturlehre, Mathematik, dann Medizin studirte. 

Hierauf begab er sich auf Reisen, um die wohl erkannten Lücken 
seines Wissens auszufüllen. Zuerst nach Altdorf, wo er 1 Vj Jahre ver- 
blieb und sich eng an Heister anschloss, auch die Schrift de vera glan- 
dulae appellalione verülTentlichte. Nachdem er seinen erkrankten Vater 
in der Praxis erfolgreich veitreten, eilte er über Straßburg nach Paris, 
liier studirte er eifrig unter Jeax Louis Petit, du Veuney, Winslow, be- 
suchte täglich die Krankenhäuser Hutel-Dieu und Gharilr, durfte unter 
den Augen der dortigen Chirurgen wichtige Operationen ausfiihren und 
bestritt die Kosten des Aufenthalts durch ärztliche Praxis unter seinen 
Landsleuten. Vor allem aber besuchte er, zusammen mit J. Z. Platner, 
bei Woolhouse ein neunmonatliches CoUeg über Augenheilkunde, von dem 
er ein umfangreiches Manuscript mit nach Hause brachte und auch ge- 
legentlich bei seinen späteren A'erüfl'entlichungen verwerthete. (XIII, S. 387.) 

Man soll aber nicht glauben , dass Mauchart's Dissertationen etwa iden- 
tisch wären mit Woolhuuse's Diktaten. M. selber erklärt, nicht ohne Selbst- 
bewusstsein, in seiner Dissert. de paracentesi oculi, VI, q, 4 744, das folgende: 
Provocamus hie et in seqq. ad collegia dictata Woolhousii, quae in plurimorum 
versanlur manibus ipsiusque etiam Heistehi, Platnf.ri & c. (juos ideo ceu 
maxime idoneos provocamus Judices, quantum differant illa dictata, passim 
manca, confusa et intricata ä nostra, quam hactenus in ophthalmiatriam con- 
tulimus opera qualicumque, plurimis accessionibus et emendationibus aucta! Id 
quod praefiscini dixerimus. 

Nach zweijährigem Aufenthalt in Paris wollte M. noch nach Leyden, 
um BoERHAAVE, dcu gefeiertsten Lehrer der Zeit, zu hören ; aber wegen der 
in Südfrankreich wüthenden Pest (§ 346) waren die Grenzen gesperrt: so 
kehrte er im Herbst 1721 in die Heimath zurück, um nach der in Tübingen 
bestandenen Prüfung in Stuttgart der Praxis sich zu widmen, und führte 
auch Christine Beate, die Tochter seines Pathen, des Leibarztes Mögling, 
heim, die er leider schon im ersten Jahr seiner glücklichen Ehe wieder 
verlor. Im nächsten Jahr verheirathete er sich mit der Tochter des 
Tübinger Prof. Zeller. Glänzende Anerbietungen, nach Paris zu kommen, 
wies er zurück, erhielt am 18. Juli 1723 die Stelle eines Hofarztes mit drei- 
hundert Gulden Gehalt und 1725 die Anwartschaft auf eine Tübinger Pro- 
fessur; aber erst 1734 wurde er wirklich angestellt mit einem Gesamtgehalt 
von 1500 Gulden. Es war die büse Zeit des Herzog Carl Alexander 
(1733 — 1737), die uns ja aus Hauffs Novelle »JudSüß« wohl bekannt 
ist; die vornvundschaftliche Regierung kürzte ihm das Gehalt auf die Hälfte, 

12* 



180 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

trotzdem er den ehrenvollen und vortheilhaften Ruf nach Güttingen ab- 
gelehnt. Doch wurden ihm 1744, als Herzog Karl Eugen zur Regierung 
kam, die Abzüge nachbezahlt. 

Maüchart's Vorlesungen betrafen alle Theile der Heilkunde und noch 
mehr; er lehrte Botanik, Arzneimittel-Lehre, Institutiones medicae nach 
BoERHAAVE, Pathologie; mit Vorliebe aber und regelmäßig Anatomie und 
Chirurgie, Anatomie und Physiologie der Sinnes-Organe, Augenheilkunde 
und Geburtshilfe. Er war öfters Dekan und Rector und bewies in einem 
Fakultäts-Gutachten über die Frage, ob eine Krankheit durch Magie bei- 
gebracht sei, einen hohen Grad von Aufklärung. 

Im 55. Lebensjahr starb er am II. April 1751, in einem asthma- 
tischen Anfall. 

§ 413. Für seine Veröffentlichungen, welche alle Gebiete der Heil- 
kunde, besonders aber Anatomie und Chirurgie und in den letzten Jahren 
fast ausschließlich die Augenheilkunde betreffen, wählte M. die damals 
beliebte Form der Dissertationen. 

Ein Lehrbuch der Augenheilkunde zu schreiben, hatte er vor, ist 
aber an der Ausführung des Plans durch seinen frühen Tod gehindert 
worden. 

So kommen wir also zu Maüchart's berühmten augenärztlichen 
Dissertationen. 

Die meisten sind uns in Haller's disput. chir. select. (Lausanne 1750/51, 
V B.) zugänglich gemacht; einige wenige, die dort fehlen, finden wir in Dissert. 
med. select. Tübingens, ed. Chr. Fr. Reuss. (Tubingae 17 83/8 5, III B.) 

Haller sagt, dass M.'s Dissertationen den Schmuck seines 2. Bandes aus- 
machen. Reuss erklärt, dass sie mit Recht bei ihm die erste Stelle einnehmen. 
Beer urtheilt (Rep. II, 104, 1799), dass sie nach Jahrhunderten noch ihren 
Werth behalten, nicht antiquarischen, sondern augenblicklichen Werth. 

In der Diss. de ectropio (1733) erklärt M., dass er dieselbe ganz und 
gar verfasst habe. 

Malchart's Dissertationen vermählen die Lehren der Alten 
mit den Beobachtungen der Neueren; sie vereinigen große Belesen- 
heit mit gesundem Urtheil, besonderer Genauigkeit und einiger Erfahrung; 
sie tragen Bausteine zusammen zu einem neuen deutschen Lehrbuch der 
Augenheilkunde, das allerdings noch längere Zeit auf sich hat warten lassen. 

i . De 0<I>6AAM0HY^I nov-antiqua seu Woolhusiano-Hippocratica, 
quam praeside Bürg. David. Mauchart P. P. defendet Jo. Georg. Gmehn 
Tubing., Tubingae mense Julii anno 1726. 

Ueber die Sache vgl. § 74—77 und § 329, S. 388. 

2. Diss. med. de Ectropio, quam praeside Jüan. Zellero M. D. & P. P. P. 
pro Doctorato defendet Author Egidius Crato Keck, Heidenh., Tubingae die 
17. Oct. anno 1733. 



Mauchart. 181 

Wir lesen hier, dass angeblich Woolhouse zuerst genau die Aus- 
stülpung (Ectropion) des Lides von der Einstülpung (Entropion) unter- 
schieden habe. 

Das ist ja ganz falsch, wie wir bereits § 43, 4 gesehen haben. 
Die Alten kannten beide Zustände ganz gut und haben sie einwandsfrei 
beschrieben. (Vgl. § 255 und § 253.) Nur verstanden sie griechisch 
und nannten die Ausstülpung s/.Tpo-iov und die Einstülpung cpotAaY-fuai;. 
(Von cp7.XaY;, Reihe: ivroo-r, heißt — die Schaam.) Den falschen Namen 
Entropium verdanken wir Mauchart oder Woolhouse. 

[Beim Aetzen der Bindehaut, der Wucherung des Lids legt Woolhouse 
eine halbkuglige Kapsel aus Hörn auf die Hornhaut nebst Goldschläger- 
häutchen. (»Emboitement«, Einschachtelung, nennt er es.) In unsren 
Tagen sind ähnliche Kapseln aus decalcinirtem Knochen bei der Aetzung 
der Neugeborenen-Eiterung empfohlen worden.] 

3. De Hypopyo diss. med. chir., quam Praeside B. D. Mauchart P. P. 
defendebat Phil. Frid. Gmelin Tubing., Tubingae M. Martio a. 1742. 

Hypopjon (»Eyter-Aug«) ist Eiter in der vorderen Kammer zwischen 
Hörn- und Regenbogenhaut. (Der Name hat sich bis auf unsre Tage er- 
halten.) Die Krankheit hat ihre Ursache in der Hornhaut oder in der 
Regenbogenhaut. Die operative Entleerung des Eiters wird genau be- 
schrieben und durch 5 eigne Fälle erläutert, von denen 4 durch friedliche 
Behandlung, (einer auch durch gelindes Schütteln des Kopfes,) der letzte 
durch Punktion geheilt wurde. Es wird auch die Einführung eines Lüffelchens 
und das Einspritzen von lauem Wasser erwähnt. (Vgl. § 359, Anm. 3.) 

' Y-OTTuo; von uzo, unter, und -ijov, Eiter, wurde von den bes.seren Schrift- 
stellern der Griechen nur als Beiwort gebraucht und bedeutet »darunter eitrig«. 
(HipPOKR. Sammlung, von den Kopfwunden, c. 1.5, Littre III, S. 242, öaiiov 
uTTo'-'jov.) In der berühmten Stelle von Galenos (System der Heilkunst XIV, 
c. 1 8, B. X, S. 10 I 9) wird sowohl das Eiter-Auge als auch der damit behaftete 
Kranke u-ottuoc genannt. Ebenso bei Paul. Aeg. VI, c. XX, der den Galen 
ausschreibt. Bei späteren Aerzten kommt das Hauptwort Tito-uov vor, z. B. 
PsEUDAGAL. Med., B. XIV, S. 474. — ' Y-to-iov, von u-o, unter, und w'L, Ge- 
sicht, Auge, bedeutet 1. die Gegend unter dem Auge; 2. die Brausche. 

Wenn die berühmtesten Aerzte, Plenck, Beer, Mackenzie u. A., und viele 
noch in unsren Tagen, den Eiter in der Vorderkammer Hypopion nennen, so 
ist das eben fehlerhaft. Vgl. m. Wörterbuch d. Augenh., S. 46 und 47, 1887. 

4. De empyesi oculi seu pure in secunda oculi camera diss. m. eh., 
quam praes. B. D. Mauchart tuebatur G. Fr. Seiz, Schorndorfensis, Tub. 
10. Nov. 1742. 

Was gemeint ist, ergiebt sich aus der Ueberschrift. Was beschrieben 
wird, ist Abscess des Glaskörpers oder der Aderhaut. 

Die Hauptwörter six-UTjat?, £a-6r,(jLa, das Beiwort su-uo;, das Zeitwort 
itx-usoj (von £V in, und -uov Eiter) werden in den Hippok ratischen und 



182 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Galenischen Schriften allgemein von iler Eiterbildung und besonders von der in 
der Brusthöhle gebraucht. 

Mai'chart's Anwendung des Namens auf die hintere Augenkammer hat 
sich nicht erhallen. Wohl aber wird noch in unsren Tagen die Eiterbildung 
in der Stirnhöhle als Empyema sinus front, bezeichnet. M. hat aber in dieser 
Namengebung einen Vorgänger gehabt. »Eiter in der äußeren Kammer heißt 
Hypopyon, in der inneren bei Galen Empjosis und Diapyosis«, sagt Duudel 
1729 (horny coat. S. 101, § .391). Es beruht dies wohl auf einem Miss- 
vef-ständniss der Stelle bei Galen (von den Geschwülsten, c. 3): »einige 
gebrauchen das Wort Empyema nur dann, wenn in einem inneren Theil (iv 
o-laY/yoi] Eiter sich bildet.« Vgl. m. Wörterbuch d. A., S. 29. 

5. De ungue s. pure inter lamellas corneae, diss. m., quam praes. B. 
D. Mauchart defendet C. F. Bilger, Essling., Tubing. m. Jul. a. 1742. 

"Ovul, unguis (Nagel) ist Eiter (Abscess) zwischen den Schichten der 
Hornhaut. Wenn die friedliche Behandlung nicht zum Ziele führt, will 
M. den stockenden Eiter durch Stichelung der davor liegenden Schichten 
entfernen, mittelst eines (aus einer oder mehreren Nadeln zusammengesetzten) 
Werkzeugs. 

Er nennt es »zatavu-rpov a za-avu-Töiv, compungere«. Dies Wort fehlt 
leider dem griechischen Sprach-Schatz. Richtig ist zara-v!jTT3iv. 

6. D. de ulceribus corneae, quam praes. B. D. Mauchart defendet 
Chr. Fr. Gifftheil, Maj^bac, Tubing. m. Sept. a. 1742. 

Ulcus (iXzoc) ist Substanzverlust durch Anfressen. Die von den Griechen 
unterschiedenen Arten und Namen werden angeführt. (Vgl. § 241 u. XIII, 
S. 133. Erst im 18. Jahrhundert beginnt man, von achlys, nephelion, 
epicauma, bothrion, coeloma, enkauma sich frei zu machen!) 

Ursachen, Zeichen, Folgen werden angegeben. Die Behandlung hat 
das Geschwür zu reinigen, eine dünne Narbe herbeizuführen, Rückfälle zu 
verhüten. 

Die Entfernung von Fremdkörpern wird dabei ausführlich besprochen, 
auch der Magnet- Operation von Fabry aus Hilden gedacht. (§ 321. Beer 
[Rep. n, 106] meint, dass M. vom Magneten sich zuviel verspricht. »Die 
Eisensplitter sind in der Hornhaut meist so fest eingekeilt, dass es sogar 
schwer hält, sie mit lanzenförmiger Nadel auszuschneiden; lässt man von 
dem orangefarbenen Rest etwas zurück, so entsteht fast immer eine Eite- 
rung dieser Stelle . . .) 

7. D. m. de fistula corneae, quam pr. B. D. Mauchart tuebitur Matth. 
Abr. Marx. Geiger, Augustan., Tubing, m. Nov. a. 1742. 

Zunächst gräbt M. die altgriechischen Erklärungen der Fistel aus^) und 
fügt eine eigne hinzu. Dann theilt er die Hornhaut-Fistel ein in: 



1) Vgl. auch m. Wörterbuch, S. 32. (Gels. VI, 28, iä: (Fistulae) nomen est 
ulceri alto. augusto, callosa. »Röhre heißt ein in die Tiefe dringendes, enges, 
von schwieliger Wandung umgebenes Geschwür«.) 



Mauchart. 183 

I. unvollständige, a) nach außen blinde, b) nach innen blinde; 

II. vollständige d. h. durchgehende, a) grade, ['i] gewundene. 

Ist die Fistel ohne Schwiele, so heißt sie einfach; w^enn damit ver- 
bunden, complicirt. 

Die Schwiele sucht er (nach Woolhoise) durch Drehbewegung der 
vorsichtig eingeführten Nadel abzukratzen. (Wir werden heutzutnge den 
galvanisch glühenden Draht vorziehen.) 

7a. D. med. chir. de maculis corneae earumque operatione chirurgica, 
apothripsi'), quam praes. B. D. Mauchart defendet Jo. W. Bourcy, 
Ihringo-Marchicus. Tubing. d. 29. Apr. a. 1743. 

Zuerst quält sich Mauchart wieder mit den altgriechischen Namen der 
Hornhaut-Narben. (Vgl. § 45.) Aber neu ist, wie schon IIaller2) 1755 
richtig angemerkt hat, die Beschreibung des Greisen bog ens*). 

»Uebrig ist noch eine bemerkenswerthe Art von Hornhautflecken, 
welche bei Greisen ganz gewühnlich ist. Sie nimmt einen großen Theil 
des Hornhaut-Umkreises ein, oder den ganzen, in Gestalt eines Kreises oder 
Bogens, beginnt am Saum der Hornhaut und erstreckt sich etwa 1'" breit 
gegen die Fläche und den Mittelpunkt der Hornhaut hin, hat gewühnlich 
eine weiße Farbe, oder eine weißblaue, selten eine gelbliche oder dunkle. 
Dieser bogenförmige Fleck bleibt fast unverändert; nur ein wenig pflegt 
er mit den wachsenden Jahren des Greisenalters zu wachsen, sowohl in 
die Länge, als auch in die Breite, auch an Intensität der Färbung, jedoch 
ohne irgend einen Schaden oder Nachtheil oder Sehstörung. « 

Es ist wunderbar, dass von so vielen berühmten und luchsäugigen 
Augenärzten dieser Fleck übersehen worden ist, der ebenso hervorstechend, 
wie bei Greisen häufig ist. M. möchte eine Andeutung dieses Zustandes 
Hrn. Taylor zugestehen, der (Mechanismus des Auges, 1738, 88) das folgende 
angiebt : 

>»Es befindet sich zuweilen auf der einen Seite der Hornhaut, in Gestalt 
eines Bogens, eine kleine, gleiche Undurchsichtigkeit. Dieser Bogen wird von 
verschiedener Größe, seine Farbe aber allezeit gleich gelb befunden« «■*]. 

»Wenn wir nicht schon von der Menge secundärer Begriffe in der 
Augenheilkunde erdrückt würden, so könnte ein neuer Namen für diesen 
Greisenbogen gebildet werden, -'3f.ovTo;ov, arcus senilis.« 



1) 'AroTOfl/t:, das Abschaben, von ^-^-.^'{(^v.-i. Vgl. m. Wörterbuch d. A., S. 6. 

2) Disput, chir. select. 1, S. 605 »Imprimis propriam observationem habet 
maculae in (Cornea), quae senibus frequens etmolestaest«. Das letztgenannte 
Wort widerspricht allerdings der Erfahrung. 

3] Weder in der ersten Auflage unsres Handbuchs noch in der Encycl. Frangaise 
d'Opht. I, S. 991, 1906, wird die Entdeckung dieses Zustandes erörtert. 

4) Aber Duddel, finde ich, hat unzweifelhaft die Priorität [Dis. of the horny 
coat, 1729, S. 67]: »»After the sixtieth Year, the Tunica Cornea next to the Scle- 
rotis, generally speaking begins by degrees to grow opake.«« 



184 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

(Vgl. m. Wörterbuch S. 34. Von -^i^or^, Greis und to;ov, Flitzbogen. 
Also richtiger -'3povr&to;ov — oder -(r^rjrjzo^o'^, von Y^/pa:, Greisenalter. 
Der Name ist bis auf unsre Tage gekommen.) 

Zusatz. Uebersicht der weiteren Untersuchungen über den 
Greisenbogen. 

J. Beer (1817, II, S. 79) wollte den Zustand als Marasmus senilis 
corneae bezeichnen, da ihm eine Verwachsung der feinsten Gefäße am Rande 
der Hornhaut zu Grunde liegt , ähnlich den Verknöcherungen in den Arterien 
alter Leute. (Greeff hat 1906 diese Annahme wiederholt.) 

Schön (v. Ammün's Z. f. d. Ophth. 1831, I, 162) fand in der Verdunklung 
eine homogene, zuweilen speckartige Masse und giebt gute Abbildungen des 
Greisenbogens. 

Canton (On the arcus senilis, London 1850/51) fand fettige Entartung. 

R. ViRCHOW (in seinem Archiv, IV, 1852) und His (Beitr. z. norm. u. path. 
Anat. der Hornhaut, Basel 1856, S. 137) erklären es für fettige Entartung. 

J.' Arnold, Die Bindehaut der Hornhaut und der Greisenbogen, Heidelberg 
1861. (Der Greisenbogen beruht auf fettiger Entartung der Hornhautzellen.) 

E. Fuchs (1891, A. f. 0. XXXVII, 3 u. 1901, Arch. f. 0. LH, 2, 317) 
nimmt Hyalin- Ablagerung an. 

Th. Leber (18 9 9) erklärt es für Kalk-Ablagerung in hyaliner Entai'tung. 

Takayasu (1901, A. f. A. XLIII) und Parsons (1902, R. London Ophth. 
H. R. XV, 2) bestätigen die fettige Natur der in dem Greisenbogen abgelagerten 
Körner. Der letztere giebt in seiner Pathology of the eye (London 1904, I, 
S. 230 — 237) eine genaue Beschreibung. Ebenso Greeff, in s. pathol. Anat. 
d. Auges, 1902, S. 1 14 — 1 17. 

Von Kollyiien gegen Hornhautflecke erwähnt M. : Pulver aus Zucker, 
calcinirten Eierschalen u. a. ; Galle, gebranntes Kupfer u. a.; gelbe Quecksilber- 
Präcipitat-Salbe, mit Vorsicht. In chirurgischer Hinsicht empfiehlt er das 
Abschaben der Hornhaut-Narben, und verwirft das Schwarzfärben der 
Hornhaut-Weißflecke, wie die Alten es geübt. 

Dass er Amulete überhaupt erwähnt, (wenn schon nicht gebilligt,) 
ist ihm von Beer (Rep. II, S. 108) mit Recht verdacht worden. 

8. Tobiae leucomata, dissertatione medicä dilucidata, quam praes. 
B. D. Mauchart defendet C. Dav. Brecht, Thailfmgens., Tubing. 24 Maji anno 
1743. (VgL § 197.) 

9. Diss. m. eh. de setaceo nuchae, auricularum ipsiusque oculi, 
quam praes. B. D. Maucbart tuebatur Chr. D. Zeller, Tübingens., Tubing. 
10. Dec. a. 1742. 

Das Haarseil im Nacken, verworfen von Blancahd, Dionis, Garengot, 
gepriesen von Bartisch, beiden Fabricii , Heister U.A., gilt als »heiliger 
Anker in Augenentzündung«, als »Palladium« in zahllosen Augenleiden. 
(Noch im Jahre 1877 sah ich zu London, dass G. Critchett gegen langwierige, 
wiederkehrende Hornhaut-Entzündung der Kinder und jugendlichen Indi- 
viduen einen kleinen, haarseil-ähnlichen Faden in der Schläfengegend 
anwendete, welcher einige Monate getragen w^erden musste, und ihn so 



Mauchavt. 185 

befriedigte, dass er in seiner witzigen Art mir sagte: »An diesem kleinen 
Faden hängt mein Ruf.« J. Soelberg Wells, diseases of the eye, 1869, 
S. 114, hat das Verfahren genauer beschrieben.) 

Aus Ost-Asien stammt das Durchziehen eines Fadens durch 
den Augapfel, zum Zweck, die durch Stockung unreinen Säfte zu klären. 
In Europa ist diese Operation wenig bekannt. Woolhouse i) beschreibt sie 
folgendermaßen: »Ein Faden durch die hintere Augenkammer quer durch- 
gezogen zur Heilung der beginnenden Schwachsichtigkeit, Starbildung, 
Glaukoma u. a.« M. empfiehlt die Nadel 1'" entfernt vom Schläfenrand 
der Hornhaut einzustechen und entsprechend auszustechen. Am 2. oder 
3. Tage werde der lange Faden, der mit Eiweiß oder Balsam bestrichen 
worden, Morgens und Abends weiter durchgezogen, der unsaubere Theil 
abgeschnitten u. s. w. »Tollkühn und unvernünftig wird vielleicht Manchen 
dies Heilmittel erscheinen.« (Allerdings! Aber trotzdem hat Pellier de 
QuENGSv 1813, Rollet, Moreau, Berard 1906/8 die Drainage der Vorder- 
kammer gegen Eiter-Ansammlung wieder aufgenommen. — Das Haar- Seil 
quer durch den Augapfel hatte A. v. Graefe zur Verkleinerung eines unheil- 
bar entarteten und vergrößerten Augapfels, als Ersatz der Ausschälung, 
empfohlen; vorher schon Jüngken 18292). Vgl. J., Operations-Lehre 1829, 
S. 593. A. V. G., A. f. 0. VI, I, 125, 1860 und IX, 2, 105, 1863.) 

10. Dissert. Corneae, oculi tunicae, examen anatomico-physiologi- 
cum sistens. Ferd. Godefr. Georgii, Tubing. 24. Jun. 1743. 

11. De Hydrophthalmia diss. med., quam pr. B. D. Mauchart tue- 
batur Chr. P. Beger, Reutling., Tubing. 14. Feh. 1744. 

M. leitet das Wort ab von uoojp, Wasser, und 6cpi)aAjj.ia Augen-Enlzündung. 
Das ist unrichtig. Als zweiter Bestandtheil ist o'ilJaAad;, Auge, zu nennen. 
Es wird auch Hydro phthalmus geschrieben. Bei den Alten kommen diese 
Worte nicht vor; wohl aber uYpocpUaXjxoc, feucht-äugig, bei Aristot., von den 
Theilen der Thiere. M. fügt als zweite Benennung hinzu Hydrops oculi. 
( Yopo)'];, die Wassersucht, schon bei den Hippokrat. Nach einigen Gramma- 
tikern ist dies Wort von uoojo mit der Endigung -wb gebildet, nach andern von 
uduicj und oyl Gesicht.) 

Die Krankheit besteht in Ausdehnung aller Häute, besonders in dem vor- 
deren Abschnitt, nach allen Richtungen, in Folge von Vermehrung der wäss- 
rigen Feuchtigkeit. Dabei besteht Spannung, Vertiefung der Vorderkammer, 
neblige Hornhaut, Sehstürung, Kopfschmerz. Stauung in Folge von Verenge- 
rung oder Verschluss der abführenden Gefäße bei normaler oder über- 
mäßiger Absonderung seitens der zuführenden ist die Ursache. Das Heil- 
mittel ist Entleerung des Kammerwassers. Diese wird in der folgenden 
Abhandlung genauer geschildert, — wie schon Haller, diss. chir. I, S. 606, 



i) Dissert. scavantes, Einleitung, N. XXXIX. — Lat. Ausg., S. 350. 
2) Vgl. P. Camper, § 433, S. 277. 



186 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

richtig angemerkt hat, während Beer, Repert. III, S. 192, mit Unrecht 
die »magere Heilung« tadelt. 

12. De Paracentesi oculi in hydrophthalmia et amblyopia senum 
dissert. medico-chirurgica, quam pr. B. D. Mauchart tuebatur Theoph. Andr. 
Sarwey, Chaeropolit., Tubing. 28. Sept. 1744. 

Ilapcxiv-rja'.; der Seitenstich, von Trapa/cVTsTv, ;in der Seite durchstechen. 
(-apa daneben; xsvtsiv, Stechen.) — M. schreibt irrig -apaxivtöai;. In den 
lIippoKR. Schriften bedeutet 7:7p7.x£vrr,ou den Stich gegen Bauchwassersucht, 
an vielen Stellen. (Vgl. Foes. Oecon. Hippocr., S. 290.) 

Für den Star-Stich gebraucht Puniüs (1. 25, c 1 3) das Wort Paracentesis; 
Galen -ocpax£vtr,3ic,. -apazcvrslv. die Star-Nadel nennt er -apa-/£vrr,r/]piov, 
den Star-Stecher -apay.sv-rjTYjC. (Von dem Apologeten Theoi'Hilus, um 180 u. Z., 
wird 7:7.oa7.cVT£iv bildlich gebraucht, wie wir den entsprechenden Ausdruck 
»einem den Star stechen« noch heule anwenden.) 

Die Parakentese des Auges besteht in einem Einstich durch Leder- 
oder Hornhaut, mit Lanze, Nadel oder Troikar, zur Entleerung schädlicher 
Augenfeuchtigkeiten. Der Stich des Auges gegen Wassersucht desselben 
wird von den Alten nicht erwähnt i), wohl aber hat Rice. Bern. Valentini 
(1657 — 1729), Prof. d. Med. in Gießen 2), einen von dem Frankfurter Arzt 
AVesem glücklich operirten Fall mitgelheilt; ferner der berühmte Ant. Nuck^) 
(1650 — 1692), Prof. in Leyden, der mit zuerst die schnelle Wiederbildung 
des entleerten Kammerwassers erkannt hat, zwei von ihm selber, und 
zwar durch Hornhaut-Stich operirte Fälle; endlich L. Heister einen durch 
Lanzettenstich in der Lederhaut und Verband »in Ordnung gebrachten Fall« 
bei einem Studiosus ^j. 

WooLHOusE hat die Operation bereits 1696 5) angedeutet und 171 7 6) 
erklärt, dass er sie öfters ausgeführt; jedoch hat er sie niemals genauer 
beschrieben, wohl aber seinen Schülern mitgetheilt und hinzugefügt, dass 
TüBERviLLE, der Freund seines Vaters, die Operation von einem englischen 
Kapitän, der 15 Jahre in Pecking geweilt, erfahren und vor seinen Augen 
geübt habe, worauf er selber sie öfters in Irland und Frankreich ausge- 
führt habe. 

Die Haupt-Anzeige ist Augenwassersucht. Wenn man nicht genöthigt 
ist, eine umschriebene Ilervorragung des Augapfels anzustechen, soll der 
Stich 1'" schläfenwärts vom Hornhaut-Rande gemacht werden, — oder 
2"', wenn hauptsächlich der Glaskörper geschwollen ist. Woolhouse ge- 



il Natürhch, sie fürchteten ja den Abfluss des Kammerwassers! (§212.) 
2) Eph. Nat. Curios. Ann. VI, Observ. 69, 70. 

3; Sialographia et ductuum aquosorum anatome nova, Lugd. Batav. 1690, 
p. 120— 125. 

4) Chir., II, S. G2. 

5) Catalogue des Instruments, J. des S^avants 1696, p. 682, ed. Amstelod. 

6) Diss. sgav. § X, nach der Vorrede. 



Mauchait. 187 

bietet, die Wunde 3 Tage offen zu halten; sagt aber nicht, wie? 31. meint 
durch eine Wieke, was Beer mit Recht als ganz unbrauchbar verwirft. 
Bei Glaskörperschwellung ist nach Tuberville ein feiner Troikar anzuwenden; 
er will Wiederherstellung der Sehkraft für 8 Jahre beobachtet haben. 

Beer 1) erklärt, dass er immer, auch wenn der Glaskörper wider- 
natürlich vermehrt war, die Hornhaut mit dem Starmesser geöffnet hat: 
das ist gewiss für die damalige Zeit das beste gewesen. 

13. De Mydriasi^) seu p. n. dilatatione pupillae, diss. med., quam pr. 
B. D. Mal'chart tueb. Phil. Jag. Neuffer, Stuttgard., Tubing. 29. Mart. 1745. 

Kleinersehen, welches Griechen und Araber der Pupillen-Erweite- 
rung zuschrieben 3), hat M. nie dabei beobachtet. (Es ist ja auch recht 
selten und hängt nur von begleitender Accoramodations-Parese ab.) 

Die krankhafte Erweiterung der Pupille beruht auf Lähmung der 
Kreisfasern der Iris, die vom Oculomotorius versorgt werden. Das Seh- 
vermögen werde durch Lichtfülle beeinträchtigt; mitunter trete Erblindung 
hinzu. (Wir wissen lieute, dass die letztere auf einem Leiden der Seh- 
sinn-Substanz beruht und niemals von Lähmung des Oculomotorius bedingt 
wird. Immerhin ist hier schon eine Annäherung an die heutige Auf- 
fassung gegeben-*'). 

Unter den vier eignen Beobachtungen sind drei durch Verletzung (z. B. 
beim Ballspiel) hervorgerufen. 

14. Diss. m. ch, de pupillae phthisi-^) ac synizesi s. angustia p. n. 
et concretione, quam pr. B. D. Mauchart P. P. defendet Christ. Frid. Fraas, 
Kircho-Teccens., Tubing. 29. Dec. 1745. 

Ueber die von Woolhouse vielleicht erdachte und von Cheselden zu- 
erst ausgeführte Operation der Pupillen-Bildung durch Iris-Zer- 
schneidung vgl. § 336. 

15. De Synechia, s. praeternaturali adhaesione corneae cum iride 
diss., quam pr. B. D. Malchart P..P. defendet pro docloratu consequendo 
Phil. Tho. Beger, Reutling., Tubing. 26. Febr. a. 1748. 

Die Trennung der Verwachsung wird empfohlen. 

Bei den Alten (z. B. bei Galen) heißt aovs/sia allgemein der Zusammen- 
hang. Mauchart hat das Wort zuerst für Verwachsung der Iris mit der Horn- 
haut gebraucht. Bald wird S. anterior und posterior (a. mit Hornhaut, 
p. mit Linsenkapsel) unterschieden: so schon bei Beer 1792; so noch in den 
neueren ärztlichen Wörterbüchern und Lehrbüchern der Augenheilkunde. 



^) Rep. in, 195. 

2) Ueber dies Wort s. unseren § 242, S. 388 u. m. Wörterbuch S. 58. 

3) § 242, No. 32 U. § 277, S. 135. 

4) Um so merkwürdiger finde ich Beer's Urteil (Rep. II, 7), dass er »mit dieser 
M.'schen Abhandlung von allen am wenigsten zufrieden sei«. 

5) Vgl. §242, 33 u. 34; ferner m. Wörterbuch S. 82 u. 104. Das Wort 
c'jviCTjcit;, Zusammensinken, von cjviC^iv, hat Woolhouse vorgeschlagen, ebenso auch 
das Wort ot7.ips3i?, die (operative) Trennung. 



188 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

16. Conjunctivae et corneae vesiculae ac pustulae, Jon. God. 
Camerer, Uraco-Gesching. 6. Sept. 1748. 

Die Bläschen sind oberflächlich, mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt; 
Pusteln sind mit Eiter gefüllt, flacher und grüßer. 

17. Diss. de Staphylomate i) , quam pr. B. D. Mauchart P. P. pro 
doctoratu obtinendo tuebitur Phil. Fuid. Benj. Hoelder, Stuttgart., Tubing. 
18. Dec. a. 1748. 

M. geht die ganze Literatur durch und unterscheidet Staphylom der 
Hornhaut, der Lederhaut, totales, partielles, einzelnes, mehrfaches, traubiges 
(raceraosum), geschlossenes (allein von Dehnung der Hornhaut oder mit 
gleichzeitigem Verfall der Iris in jene Hervorragung hinein,) offenes, nach 
Durchbohrung der Hornhaut, kleines, mittleres, großes, vernarbtes, ein- 
faches und complicirtes, durchsichtiges und trübes, frisches, altes, gut- und 
bösartiges, mit Verringerung oder Vernichtung der Sehkraft. 

Außer der Unterbindung und Abtragung des Staphyloma empfiehlt 
er bei totalem, nach Woolhouse, den Kreuzschnitt und Entfernung aller 
Feuchtigkeiten und Häute, ohne eine Spur von Netz- und Aderhaut zurück- 
zulassen, — also, was heutzutage Exenteratio bulbi genannt wird. 

18. B. D. Mauchart, et resp. Philip, Adam Haug, diss. de oculo arti- 
ficiali, ecblepharo et hypoblepharo. Tubing. Mart. 1749. 

Erst wird vom Schünheitswerth des Auges gehandelt, von den bei 
Frauen üblichen Verschönerungen der Augengegend, von verschönernden Ope- 
rationen am Auge; dann vom künstlichen Auge, welches die Schrumpfung 
oder das Fehlen des natürlichen verdecken soll und entweder auf die 
Lider oder unter die Lider gesetzt wird. (Die entsprechenden Beiwörter 
ecblepharos und hypoblepharos — von ex, aus, u-o, unter, und 
ßXi'fapov, Lid — sollten, nach Woolhouse, schon von den alten Griechen 
gebraucht worden sein. Doch giebt Mauchart richtig an, dass er weder 
diese Worte noch die Lehre von dem eingesetzten Kunstauge bei jenen 
hat auffinden können.) Woolhouse behauptet zwar, dass solche künst- 
liche Augen schon zu den Zeiten des Ptolemaeus Philadelphus eingesetzt 
worden; aber wir finden sie doch zum ersten Male erst bei Amrrois. Pare 
erwähnt. (§ 317 am Ende.) 

Das natürliche Auge muss verkleinert und ausgeheilt sein. Aber Wool- 
house's Vater und sein Freund Tuberville warnen vor dem Tragen eines 
künstlichen Auges, da früher oder später die Sehkraft des gesunden ver- 
loren gehe 2). M. hat so üble Erfahrungen nicht gemacht. Das auf den 
Lidern getragene ist gefahrlos, aber unschön. 



i) Vgl. § 241, 25 U. § 238. 

2) Einmal habe ich auch einer alten Köchin das Tragen des künstlichen 
Auges, da der Stumpf fistelte, dringend widerrathen. Sie folgte nicht und erlitt 
eine sympathische Augenentzündung, die noch glücklich heilte. 



Geschichte und Literatur des künstlichen Auges. 189 

Zusatz. Geschichte und Literatur des künstlichen Augesi). 

Drei Thatsachen sind allgemein bekannt und auch anerkannt: 
i. A. Pake hat als erster, im Jahre 1561, das Einsetzen eines künst- 
lichen Auges (und zwar aus emailliertem Gold, mit den natürhchen Farben,) 
in die Augenhöhle eines lebenden Menschen, wenn das entsprechende Auge 
geschrumpft war, zur Verschönerung empfohlen. Er bildet auch das künst- 
liche Auge ab, welches den heute üblichen Formen ziemlich ähnlich ist; giebt 
sich aber nicht für den Erfinder desselben aus, erklärt auch nicht einmal, dass 
die Sache neu wäre 2). 

2. Viele Mumien-Umhüllungen der alten Aegypter tragen in der Gesichts- 
Maske künstliche Augen, welche unsren künstlichen Augen sehr ähnhch sind 3). 

3. Die alten Giiechen und Römer schmückten vielfach ihre Standbilder 
mit künstlichen Augen aus Metall oder Halb-Edelsteinen. Der Verfertiger 
solcher Kunst-Augen hieß bei den Römern faber oculariariu s, wohl zu 
unterscheiden vom Augenarzt, medicus ocularius. Bekannt ist ja auch 
das griechische Epigramm auf den Augenarzt Dion, der nicht blos seinen 
Kranken blind gemacht, sondern auch aus dessen Ehrenbildsäule die Augen 
herausgenommen ^) . 

Dass es bei den Griechen Puppen (Marionetten) gab, mit beweglichen 
Augen, folgt aus einer berühmten Stelle bei Aristoteles: 

V.. 6, SOS'', 16: ofiotto; ok y.ai oi vsupoa-aaTai jitav [jiTjpivDov s-ia-aaa- 
[xsvot Tcoio'jai /.cti au/iva -/iVilaüa!, xai /s^pa toGi ^moo xai tbjxov xai ö'iO^.A'j.dv, 
eoTt 0£ 0T£ Travza -a jj-ioTj [xsra rtvo? £upui}tAi7.;. »Aehnlich können auch 
die Marionetten-Spieler, indem sie einen Faden anziehen, den Hals und die 
Hand und die Schulter und das Auge der Figur bewegen, bisweilen auch alle 
Theile mit einer gewissen Regelmäßigkeit.« 

Aber das oft, auch schon von Morgagni^) angeführte Epigramm des 
Martial^) sollte man doch richtig auffassen. Dasselbe lautet: Dentibus atque 
comis, nee te pudet, uteris emptis. Quid facies oculo, Leha? Non emitur. 

Der Dichter sagt unzweideutig, dass die Kokette wohl künstliche Zähne 
und Haare besitzt, aber ein künstliches Auge nicht kaufen kann. 

Die vereinigten Bemühungen aller Forscher hatten vor A. Pare keine 
andre Erwähnung des Einsetzens eines künstlichen Auges in die Augenhöhle 
eines lebenden Menschen entdecken können, als eine immerhin eigenthümliche 
Stelle im jerusalemer Talmud, die Herr Dr. A. Kotelmann in Hamburg Herrn 
Prof. HoRNER in Zürich mitgetheilt und der letztere in seiner Schrift »Ueber 
Brillen«, Zürich, 1885, S. 9, angedeutet hat: »Im Talmud finden künstliche 
Augen Erwähnung.« 

Natm'lich ist mit diesen Worten unsre Wissbegier nicht befriedigt. Wir 
sind darum Herrn Dr. med. Preuss in Berhn zu Dank verpflichtet, dass er die 
Stelle uns ganz genau mitsretheilt hat, in seiner gründlichen Arbeit »Das Auge 



■I) Vgl. m. Mittheilung im Centralbl. f. prakt. Augenheilk., Dez. -1906. 

2) Vgl. unseren § 317, am Ende. 

3) Vgl. Ed. Pergens, 1. die Kunstaugen aus dem alten Aegypten, in Diergart, 
Beitr. aus d. Gesch. d. Chemie 1908; ferner 2. C. Bl. f. Aug. -1896, S. 421 — 122. 
3. in Coulomb, l'oeil artif. 1905, S. 13. 

4) Vgl. unsern § 181, S. 291, Anm. 4. 

5) Epist. anat. XIH, 51. 
6] Xn, 23. 



190 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

und seine Krankheiten nach Bibel und Talmud« (Wiener med. Wochenschrift. 
1896, No. 49 u. fgd.): ,Zum Schluss sei hier auch die allej'dings nicht ganz 
sichere Nachi'icht von einer Augen-Prothese erwähnt, einem goldnen Auge, 
j. Nedar. IX, 8, fol. 27 a: »Wenn jemand sich vei'schwört, eine Frau nicht zu 
heh'athen, weil sie hässlich sei, und es stellt sich heraus, dass sie schön ist;, 
so ist sie ihm doch gestattet, weil der Schwur irrthümlich war. Nach R. 
IsMAEi gilt das sogar, wenn sie erst (durch Schmuck u. s. w.) schön geworden 
ist. Er nahm in einem solchen Falle ein Mädchen in sein Haus, machte ihr 
ein Auge von Gold, einen Zahn *) von Gold und gab sie dann dem Manne zur 
Frau.« In b. Nedar. 66b fehlt das goldne Auge.' (j. bedeutet den jerusale- 
mischen Talmud, b. den babylonischen. Der erste entstand bekanntermaßen 
im 4. Jahrhundert, der letztere wurde etwa um 500 u. Z. abgeschlossen.) 

Aber Herr Privat-Dozent Dr. E. Mittwoch hat mir freundlichst mitgetheilt, 
dass hier eine Text -Verderbnis« vorliegt, und dass diese schon von M. Jasthow 
bemerkt und richtig gedeutet worden ist. (A diclionary of the Targumim, the 
Talmud Babli and Jerushalmi, 1903, Vol. II, s. v. ]^^.) 

Die Worte "j'^y »Auge« und "TU »Zahn« sind in der hebräischen Schrift 
sehr ähnlich. Ursprünglich stand nur »er machte ihr einen Zahn von Gold«. 
Ein Abschreiber schrieb dies zweimal (Dittographie), ein andrer veränderte zu- 
fällig oder absichtlich 2] das erste Wort für Zahn in das für Auge. So ent- 
stand der jetzige Text. Einige alte Erklärer hatten nur den abgekürzten Text 
»er machte ihr einen Zahn von Gold«, — gerade so wie im babylonischen 
Talmud. 

Somit ist durch philologischen Scharfsinn ein Irrtum^) aus der Geschichte 
der Heilkunde wieder ausgemerzt. Ob die falsche Lesart später eine prak- 
tische Anwendung veranlasst hat, ist unbekannt. 

Der neuesle Schriftsteller über diesen Gegenstand, Dr. Robert Coulomb, 
Oculariste'*) in Paris, hat in seinem trefflichen Werke l'oeil artificiel, Paris, 
190 4 (S. 46), den Satz ausgesprochen, dass wir die Augen-Prothese nicht über 
die Zeit des Talmud zurückschieben können. 

Nun, diese Stelle ist beseitigt. A. Pare bleibt vorläufig der erste 
Beschreiber. 

Sonderschriften über das künstliche Auge. 

Hazard Mirault, Traite pratique de l'oeü artificiel, Paris 18-18. Stützt sich 

vielfach auf Mauchart.) 
Boissonneau, Memoire sur la prothese oculaire, Paris 1840. 
Abbas, On the artificial eye, London 1844. 
Ritterich, das künstliche Auge, Dresden 1852. 



1) Die asyndetische Konstruktion (das Fehlen von i, >und«) spricht auch für 
Text-Verderbniss durch Doppelschreibung. 

2) In Erinnerung an das biblische »Aug' um Aug', Zahn um Zahn«. 

3) Kotelmann's haltlose Einwendungen gegen unsre Deutung sind von E. 
Mittwoch gründlich widerlegt worden. (Mitth. z. Gesch. d. Med. u. der Natur- 
wissensch. VI, 3 u. VI, 5, -1908.) 

4) Ein neues Wort, das noch nicht im Dictionnaire de L'Academie FranQaise, 

II, 1884, vorkommt, wohl aber in dem D. de la langue francaise par E. Littre (1889, 

III, 8.795): »Oculariste: Celui qui pröpare les piöces concernant la prothese 
oculaire.« Coulomb nimmt es in weiterem Sinne, für den Arzt, der sich genauer 
mit der Augen-Prothese beschäftigt. 



Sigwart. 191 

Klaunig, Leipzig 188;^, das künstliche Auge. 
P ansier, traite de l'oeil artiliciel, Paris l.sGö. 

Robert Coulomb, Oculariste, l'oeil artificiel, Paris 1904. (Das vollständigste 
und beste Werk über diesen Gegenstand.) 

19. Diss. m. eh. detumoribus palpebrarum cysticis et singulari 
steatomatico-scirrboso tumore e palp. sup. exciso, quam pr. B. D. Mauchart 
pro doct. consequ. defendet Chr. Theoph. AVeber, Miero-Bottw., Tubing. m. 
Nov. a. 1750. 

20. Oratio de fama meritisque Taylori. Tubing. 1750. 
(Auf diese Dissertation werden wir noch zurückkommen.) 

§ 414. Die übrigen Vertreter der Tübinger Schule. 
A) Georg Friedrich Sigwart (3). 

Geb. 1711 zu Groß -Bettungen in Würtemberg, studirte S. zuerst 
Theologie, machte 1734 das theologische Examen, war 4 Jahre Lehrer in 
Frankfurt a. M.; studirte danach Medizin in Ilajle und in Leipzig, bestand 
die medizinische Doktor-Prüfung mit der Diss. »de sanatione Ophthal- 
mia e sine ophthalmicis extern is, ut singulari speeie solidioris praxeos 
medicae, sine praeside defensa, Hai. Magd. 1742«; wirkte als Arzt in Stutt- 
gart und erhielt, nach Mauchart's Tode, 1751, die Professur der Anatomie 
und Physiologie zu Tübingen, musste aber noch erst eine Studienreise nach 
Paris unternehmen, woselbst er die berühmten Professoren Winslow, 
Ferrein, A. de JussiEu und Morand hörte, sowie auch den Augen-Operationen, 
namentlich den Star-Ausziehungen von Daviel und von Moreau im Hötel- 
Dieu, fleißig beiwohnte ; und kehrte nach einem Jahre, über Straßburg, mit 
einer kostbaren Sammlung chirurgischer Instrumente zurück in die Heimath. 

Seine öffentlichen und Privat-Vorlesungen erstreckten sich über das 
gesamte Gebiet der Anatomie und Chirurgie, auch über die ärztlichen 
Institutionen, Geschichte der Medizin und gerichtliche Medizin; auf Ver- 
langen hielt er auch ein Casual-Colleg über Augenkrankheiten. (Die 
Zahl der Medizin-Studirenden betrug 1760 in Tübingen 17, 1772/73 sank 
sie bis einen herab.) Im Jahre 1792 erhielt S. wegen hohen Alters einen 
Assistenten, den a. o. Prof. Clossius; im Jahre 1795 ist er hochbetagt 
gestorben. 

Gegen 77 Dissertationen und Programme hat er veröffentlicht. 

Seine wichtigste Veröffentlichung ist Novum problema chirurgicum 
de extractione cataractae ultra perficienda, Tubing. 1752. (Vgl. 
XIII, S. 505 und 5i1.) Hierdurch hat Siegwart zuerst Daviel's Star- Aus- 
ziehung in Deutschland eingeführt und ist der von B. D. Mauchart ihm 
überkommenen Aufgabe, der Pflege der Augenkrankheiten an der Universität 
zu Tübingen, gerecht geworden. 



192 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

In seiner oben genannten Doktor-Schrift erklärt er in seiner syllo- 
gistischen Art: Jede Ophthalmie ist eine Entzündung; jede Entzündung kann 
durch innere Mittel geheilt werden; folglich ist jede Ophthalmie durch 
innere Mittel heilbar. Aber er deutet auch auf ein Thermo skop hin, 
um die bei Augen-Entzündungen erhöhte Temperatur zu messen, — Be- 
strebungen, die erst in unsren Tagen wieder aufgenommen worden sind. 

In seiner Festrede »Vom Auge«, die er in Anwesenheit des Herzogs 
Karl Eugen zu Tübingen gehalten, giebt er eine Uebersicht über einzelne 
optisch-physiologische Fragen und schließt mit der eindringlichen Ermah- 
nung, das Studium der Augenheilkunde mehr, als bisher, zu pflegen. 

Die bereits von uns (XIII, S. 505 No. 43) erwähnte, unter Professor 
Schleich's Präsidium -1900 von F. Seppel ausgearbeitete Dissertation über 
G. F. SiGWART ist neben den genannten Schriften des letzteren als die 
wichtigste Quelle zu betrachten. 

B) Reichenbach (4). 

In Tübingen erschien auch die folgende wichtige Doktor- Schrift: 
Cautelae et observationes circa extractionem cataractae, novam 
methodum synizesin operandi sistentes, quas pro gradu doctoris 
medicinae et chirurgiae publice defendit Jo. Frid. Reichenbach, Seren. Ducis 
Wurtembergiae Chirurgus Ordinarius, Tubingae 2. Dec. 1767. (4°, 16 S. 
Vgl. XIII, S. 456, No. 27.) 

Ueber den Verf. versagen die gewöhnlichen Quellen. Aus der Schrift 
selber erfahren wir folgendes: 1. R. war Schüler von Mauchart. 2. Er 
war Leibwundarzt des Herzogs von Würtemberg und musste diesen be- 
gleiten. 3. Er hat in Straßburg wie in Paris sich vervollkommnet. In 
erster Stadt sah er den Augenarzt Leo mit einer einfachen runden Nadel, 
wie die Schneider sie gebrauchen, den Star niederlegen. In Paris sah er 
den preußischen Augenarzt Hilmer mit einer breiten und scharfen Nadel 
und mit Hilfe eines Augen-Speculum dieselbe Operation verrichten. 4. R. 
hat die Star-Ausziehung, und zwar nach La Faye (XIII, S. 500), geübt und 
1 762 in Venedig zuerst die Ausziehung den Aerzten und Wundärzten ge- 
zeigt. In 8 Jahren hat er 80 Operationen dieser Art verrichtet: 48 er- 
hielten gute Sehkraft, 12 mäßiges Licht, 20 unterzogen sich der Opera- 
tion ohne Erfolg, was allerdings nicht immer der Operation, sondern 
auch unheilbaren Gomplicationen im Auge zuzuschreiben war. 

In seiner Dissertation betont R., dass, wenn der Star mit Verwachsung 
der Pupille (Synizesis) complicirt ist, nicht die alte Nadel-Operation, son- 
dern nur der neue Halbbogenschnitt zum Ziele führt. 

1. Bei einer 40 j. Bäuerin zeigte das linke Auge Pupillen-Erweiterung 
und Amaurose, das rechte Synizese; Pupille stecknadelkopfgroß, woraus 
ein weißer Faden hervorragte. Lappenschnitt, Einführung des Häkchens 



Reichenbach. Camerarius, de ophth. venerea. 193 

vergeblich. Aber mit Daviel's Scheere gelang die Abtragung des erbsen- 
großen Gebildes. Danach wurde die Pupille weiter und klar, das Auge 
sah! Am 4. Tag kamen Besucher, die das Auge betrachten wollten, — 
und die Kranke wiederum jene. Danach trat Entzündung ein und Verlust 
des Auges. 

2. Ein 72 jähriger Geistlicher zeigte beiderseits Cataract mit Synizese; 
links kein Lichtschein. Nach dem Schnitt (der offenbar die Linsenkapsel 
mit eröffnet,) trat unter starkem Pressen des Kranken die MoRGAGNi'sche 
Feuchtigkeit aus, die Linse folgte, der Augapfel zeigte stärksten Collaps; 
aber es erfolgte Heilung: der Priester konnte wieder die Messe lesen. 

Der drilte Fall lernte sehen, der vierte nicht, da er mit Amaurose 
complicirt war. 

Die Synizese ist nach Cheselden's Verfahren selten geheilt worden. 
R.'s neue Methode besteht in folgendem: Zuerst wird ein halbmond- 
förmiger Schnitt am unteren Rande der Hornhaut verrichtet. Hierauf 
wird mit schneidender Nadel die Pupille geöffnet und die Linse ausgezogen. 
Wer die schneidende Nadel fürchtet, könnte ein Locheisen, wie es zum 
Riemen-Lochen benutzt wird, anwenden, um die Iris zu durchbohren. (Die 
Beschreibung des Verf. ist nicht ganz klar.) 

C) An diesem Orte wollen wir auch noch einer älteren Tübinger 
Dissertation gedenken, die im 18. Jahrhundert sehr oft citirt wurde, da 
sie unter den ersten ein wichtiges Kapitel unsres Faches behandelt hat: 

Alexandri Gamerarii et Julii Friderici Breyer diss. de Ophthalmia 
venerea et peculiari in illa operatione, Tubing. mense Junii i 734. (A. Haller, 
disp. ad morb. bist, f., I, S. 289—304, 1757.) 

Gewöhnlich wird Breyer als ihr Verf. angegeben, der aber doch da- 
mals Doctorand war (und später würtembergischer Leibarzt geworden). 
T. A. Camerarius (5, 1695 — 1736) stammte aus einer berühmten deutschen 
Arztfamilie ^^ (Kammermeister), war .Doctor der Medizin, Mitglied der Aka- 
demie der Naturforscher und Amts-Gehilfe seines Vaters Rudolf Jakob C., 
Prof. prim. der Medizin zu Tübingen, und hat die Irritabilität der Pflanzen 
entdeckt. 

Wir haben diese Diss. schon § 359, Anm. 2 erwähnt. >Die venerische 
Augen-Entzündung ist entweder symptomatisch oder metastatisch. 
Symtomatisch ist diejenige, welche von der venerischen Krankheit als ihrer 
Ursache hervorgerufen wird, jedoch so, dass die Krankheit selber und der 
Giftstoff nicht Ort und Sitz vertauschen. Diese symptomatische wird seltner 
beobachtet und, wenn sie zugegen ist, pflegt schon der zweite Grad der 
venerischen Seuche (die Allgemein -Infektion) den Kranken anzugreifen. 
Röthung und Schmerz steigern sich Nachts. Die Krankheit ist nicht so 



1) Biogr. Lexikon I, 6^48/9. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXUI. Kap. i| 3 



194 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

sehr gefährlich, sie weicht aber nicht den Augen -Mitteln, sondern nur 
denen gegen die Grundkrankheit, nämlich dem Mercur^).« (Hier ist Iritis 
syph. gemeint.) 

»Die metastatische Augen -Entzündung ist die Verlagerung (trans- 
positio) des Giftstoffes aus den Geschlechtstheilen in's Auge. Die Sammlung 
des Giftstoffes geschieht in dem Zellkürper zwischen Bindehaut und Muskel- 
sehnen des Augapfels und zwischen Innenhaut und Muskeln des Lids. Es 
entsteht gewaltige Anschwellung, so dass die Hornhaut I — 2'" tiefer steht. 
Ursache ist zu frühzeitiges Zurücktreiben der Gonorrhoe. Diese Krankheit 
ist sehr geftihrlich für das Auge. Die Behandlung besteht im Einschneiden 
der Chemosis, rings um die Hornhaut und in Längsschnitten der Lid- 
Innenfläche, damit das Gift sich entleere.« 

(Wir sehen, aus unrichtiger Theorie ist hier eine Behandlung gefolgert, 
die bei starrer Chemosis schon nützlich wirken kann.) 

Drei derartige (von B. mitbeobachtete) Fälle des Straßburger Wund- und 
Augenarztes Hellwing machen den Beschluss, von denen zwei, rechtzeitig ope- 
rirt, günstig endigten; während bei dem dritten, der erst nach Durchbohrung 
der Hornhaut in Behandlung gekommen, die Sehkraft nicht wiedergekehrt ist. 

D) Eine Dissertation von der aus Schiller's Leben besser als aus der 
Geschichte der Heilkunde uns bekannten Karls- Schule^) ist: 

Diss. med. inaug. continens annotationes quasdam circa ophthalmiam 
epidemicam autumno anni 1786 observatam, quam sub ausp. div., Rectore 

Academiae Stuttgardianae magnificent Domino Carolo, Duce Wirtem- 

berg ... ad diem^) . . Martii 1787 pro gradu med. doctoris publ. def. auctor 
Jo. Ant. Wilser Münzhemiensis. Stuttgard. Typ. Ac. (XXV S.) 

Oktober und November hat Verf. in Münzesheim*) und Umgebung eine 
Epidemie von Augen-Entzündung beobachtet, die mit katarrhalischem Fieber 
und Husten auftrat, erst trocken war, bald heilte; bei andren nach 10 bis 
1 4 Tagen feucht wurde und auch mit Hornhautgeschwüren sich complicirte. 
Die Gelegenheits-Ursache bildeten die nach sehr heißem Mittag eintretenden 
heftigen Winde mit ihrem Staub und den Regengüssen. 

Sydenhams flüssiges Laudanum, von J. Ware^) zuerst gegen Augen- 
Entzündung und Schmerz sowie Krampf empfohlen, hat sich außerordent- 
lich bewährt. 



4) Der allerdings weder in der Gonorrhoe noch im dritten Grade der vene- 
rischen Krankheit (unsrer tertiären Lues) helfe. 

2) -1770 von Herzog Karl Eugen begründet, 4 773 mit einer medizinischen Ab- 
teilung versehen, 4 781 durch Kaiser Joseph II. als »hohe Karlsschule« zur Uni- 
versität erhoben, nach des Herzogs Tode 1794 plötzlich aufgelöst. 

3) Das Datum sollte noch handschriftlieh hinzugefügt werden, fehlt aber in 
meinem Exemplar. 

4) Zwischen Bruchsal und Heilbronn belegen. 

5) Vgl. § 398. 



Wilser, ophth. epidem. Vater, über Halbblindheit. 195 

§ 415. Die AVittenbergeri) Schule hat uns mit einer ausgezeich- 
neten Schrift beschenkt: Abrahami Vater et J. Christiani Heinicke, 
Diss., qua Visus vitia duo rarissima, alterum duplicati, alterum dimidiati 
physiologice et pathologice exponuntur. Wittenberg 25. Maj. 1723. (Dis- 
put, ad morborum bist, et curat, facientes, quas. ed. Alb. Haller, I, Lau- 
sann. 1757, S. 307 — 319.) 

Heimcke war der Doctorand, über den nichts weiter bekannt ist; 
Abraham Vater-^ (Sohn von Christian Vater, 1651 — 1732, ord. Prof. in 
der Medizinischen Facultät zu Wittenberg,) geb. 1644 zu Wittenberg, er- 
warb 1706 die philosophische, 1710 auch die medizinische Doktor- 
würde, unternahm eine wissenschaftliche Reise durch Deutschland, Eng- 
land, Holland, habilitirte sich 1712, wurde 1719 zum a. o. Professor der 
Anatomie und Botanik ernannt, 1733 zum ord. Professor der Anatomie, 
1737 der Pathologie, 1746 der Therapie, die er bis zu seinem Tode (1751) 
verwaltete. Er war ein außerordentlich fruchtbarer Schriftsteller. (6.) 

In der genannten Dissertation werden zuerst vier Fälle ganz kurz be- 
richtet: I. Ein Geistlicher mittleren Alters, als er in der Hausthür stand, 
durch einen Blitz-Strahl und Schlag erschreckt, bemerkte 1 — 2 Stunden 
später Doppelt sehen, wobei Verdrehung der Augen und Verschiebung 
der Pupillen nach verschiedenen Seiten von seinen Leuten beobachtet wurde. 
Nach einigen Wochen trat Heilung ein. (Wohl Oculomotorius-Lähmung.) 
n. 1. Ein JüngUng merkte beim Miniatur-Malen plötzlich Verdunklung. Von 
allen Gegenständen, die er anblickte, war ihm nur die Hälfte sichtbar, 
mochte er mit beiden Augen, oder mit dem einen sie anschauen. Das 
dauerte etwa eine Stunde und schwand dann von selber. 2. Bei einer 
Frau dauerte dieselbe Halbblindheit sechs ganze Monate und schwand dann 
allmählich. 3. Eine vornehme Dame litt öfters, besonders während der 
Schwangerschaft, an vorübergehender Halbblindheit. 

Aus dieser (gleichseitigen) Halbblindheit hat Abraham Vater ganz 
richtig und scharfsinnig geschlossen, dass in der Vereinigung der beiden 
Sehnerven nolhwendig eine Halbkreuzung statthaben muss. 

Ich will, da diese wichtige Thatsache hier zum ersten Mal in der 
Weltliteratur vorgebracht worden, die eignen Worte des Vfs. anführen: 
. . evictum est, visus dimidiati fundamentum nullibi alias, quam in tunica 
retina utriusque oculi, quoad partem dimidiam paralysi temporariä seu, 
ut ita dicamus, hemiplegia laborante quaerendum esse. Quamobrem ex 
bis recte concludimus, nervös opticos (d. h. die Tractüs) non superficialiter 



1) Die Universität W. ist 1302 gegründet und wurde 1813 mit der in Halle 
vereinigt und dorthin verlegt. — Eine wichtige Leistung der Hallischen Schule, 
Stahl's Program de fistula lacrimali, haben wir bereits im § 361 kennen 
gelernt. 

2) Biograph. Lexikon VI, 74. 



13* 



196 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

tantum coire, sed in illo coalitu fibras suas ita decussare^) et unire, ut 
hoc ipso nervi, postea a se iterum recedentes, in duo segmenta aequalia, 
hemispheriis cerebri correspondentia dividantur, atque sie dextrum retinae 
latus, in utroque oculo, fibras e dextro, sinislrum vero e sinistro hemi- 
sphaerio accipiat, oculique adeo, ob fibrarum ex nervis opticis accedentium 
aequalem in tunicis retinis distributionem, in visionis actu, inter se con- 
sentiant. 

Zusatz 1, Abr. Vater hat, schon vor der anatomischen Beweis- 
führung, denselben geistreichen Schluss aus den klinischen Thatsachen 
gezogen, den A. v. Graefe 1856 (A. f. 0. II, 2, 286, 1856) genauer aus- 
führte und damit die klinische Lehre von der Halbblindheit be- 
gründete. 

Das physiologische Gegenstück hatte allerdings schon J. Newtox 
geschaffen. (Optice, lat. reddidit Clarke. Edit. II. Lond. 1719. S. 347 fgd. 
Sir Isaac Newton's Optik [1704]. Uebersetzt u. herausgegeben von William 
Abendroth [Dresden]. 2. Th., S. 105, Leipzig, W. Engelmann, 1898): 

»Frage 15. Vereinigen sich nicht die mit beiden Augen gesehenen 
Bilder von Objekten da, wo die Sehnerven vor ihrem Eintritte in das 
Gehirn zusammenstoßen, indem die Fasern auf der rechten Seite beider 
Nerven sich daselbst vereinigen und von da, zu einem auf der rechten 
Seite des Kopfes gelegenen Nerv vereinigt, nach dem Gehirn gehen, und 
ebenso an derselben Stelle die Fasern auf der linken Seite beider Nerven 
sich vereinigen und als ein auf der linken Seite des Kopfes liegender Nerv 
nach dem Gehirn gehen? Diese zwei Nerven treffen im Gehirn dergestalt 
zusammen, dass ihre Fasern nur ein einziges, ganzes Bild erzeugen, dessen 
eine Hälfte auf der rechten Seite des Empfindungsorganes von der rechten 
Seite beider Augen durch die rechte Seite beider Sehnerven zu der Stelle 
gelangt, wo die Nerven zusammentreffen, und von da nach der rechten 
Seite des Gehirns, und dessen andre Hälfte auf der linken Seite des Em- 
pfindungsorgans in gleicher Weise von der linken Seite beider Augen her- 
kommt. Denn die Sehnerven solcher Thiere, die mit beiden Augen nach 
derselben Richtung blicken, wie die der Menschen, Hunde, Schafe, 
Ochsen u. s. w., treffen vor ihrem Eintritte in das Gehirn zusammen; da- 
gegen vereinigen sich, wenn ich recht berichtet bin, die Sehnerven solcher 
Thiere, die, wie die Fische oder das Chamäleon, nicht mit beiden Augen 
nach derselben Seite blicken, gar nicht.« 

2. Darin hat A. Vater sich getäuscht, dass er das Phänomen der 
Halbblindheit an sich für vollkommen neu, unerhört und von keinem 
Autor erwähnt hielt. (Novum plane et inauditum visus phaenomenon, a 
nemine auctorum hactenus consignatum . . . visus rerum dimidiatus.) 



1; Kreuzen, in Form einer römischen X. 



Halbblindheit. Platner. 197 

Denn der geneigte Leser weiß ja schon, dass bereits in den hippo- 
kratischen Schriften das Halbsehen ausdrücklich erwähnt ist. (Vgl. § 50.) 
Somit verlohnt es auch nicht, auf die einzelnen Fälle von Halbblindheit bei 
den Neueren vor A. Vater genauer einzugehen. Das folgende mag genügen: 
1. Wepfer (1620—95, aus Schaafhausen, 100. Beobachtung). Ein fetter 
Mann wird 2 Jahre nach leichter links-seitiger Halblähmung des Körpers 
morgens plötzlich von Halb blindheit befallen, bald darauf von Krämpfen 
und Amnesie, die nie wieder aufhörte, bis er durch neue Apoplexie weg- 
gerafft wurde. 2. Marc. Donat (zu Mantua, in der 2. Hälfte des 16. Jahrb.) 
beobachtete Halbblindheit bei einer Frau mit Verdacht auf Lues. (Nach 
Tknka de Krzowitz, Hist. amauros.^ Vindob. 1781.) 

3. Ueber die Namen ist in demselben Paragraphen (50) gehandelt. Vater 
sagt noch visus djmidatus, er spricht auch von hemiplegia retinae. 
Hemiopia und Hemiopsia tauchen zuerst auf bei Plenck, 1777 (de 
morbis oculorum). In dem Inhaltsverzeichniss steht die erste Form, im 
Text die zweite. Ebenso in der deutschen Ausgabe vom Jahre 1778. 

§ 416. Die Leipziger Schule. 
Jobann Zacharias Platner (7, 1691 — 1747). 

1. Haller, bibl. chir. U, 6 5. (Vir eleganter doctus, qui chirurgiam peculiariter 
coluit et sua manu curavit.) 

2. Biogr. Lexicon IV, S. 587. (Dürftig!) 

3. Vita J. Z. PL, in desselben Opuscula, Leipzig 1749, I. Band. 

Geboren am 16. August 1694 zu Chemnitz, wurde P. von seinem 
Vater, einem Kaufmann und Stadtrath, zwar auch für das Geschäft be- 
stimmt, aber von frühester Jugend mit Hilfe der besten Lehrer auf das 
sorgfältigste unterrichtet, und dann durch den Freund seines Vaters, 
Dr. Chr. Fr. Garmann '), der Heilkunde zugeführt. So wurde er 1712 
in Leipzig immatrikulirt, studirte erst Philosophie und Physik, dann Medizin, 
ging hierauf nach Halle, wo er das Wohlwollen des berühmten Chr. 
TuoMASiüS sich erwarb, und vertheidigte 1716 die Dissertatiori de affecti- 
bus capitis ex Haemorrhagiis molientibus. Dann studirte er die 
Chemie der Metalle und erwarb am 11. Februar 1717 zu Leipzig den 
philosophischen Doctor mit der Diss. de generatione metallorum und 
am 25. Sept. d. J. zu Halle den medizinischen mit der Diss. »de medico 
Directore motuum vitalium«. 

Hierauf folgte er seinem Drange, durch Reisen seine Kenntnisse zu 
erweitern; ging erst nach Nürnberg, auch nach Altdorf zu Heister, und 
nach Straßburg zu Saltzmann. Von da begab er sich (über die Schweiz, 



1) Verf. der Schrift de miraculis mortuorum, 1670 und 1709. (Haller, 
Bibl. chir. I, 393.) 



198 XXIII. Tlirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Savoyen, Lyon) nach Paris. Hier studirte er besonders Chirurgie und 
Anatomie, legte selber Hand an, besuchte die Krankenhäuser und genoss 
den besonderen Unterricht von Th. Woolhouse in der Augenheilkunde. 

Nachdem er noch Boerhaave und Albinus in Holland besucht, kehrte 
er 1719 in die Heimath zurück, um die durch Verlust ihres Sohnes Lebe- 
recht betrübten Eltern zu trösten. In Chemnitz theilte er seine Zeit 
zwischen ärztlicher Praxis und Studium der Alten — Cicero, Livius, 
QuiNcrrLiANus, Aristophanes, PLuxARcnus werden als seine Lieblings-Schrift- 
steller genannt; — kehrte dann nach Leipzig zurück, begann die Praxis, 
besonders in der Augenheilkunde, mit glücklichem Erfolge und erhielt be- 
reits 1T21 eine außerordentliche Professur der Anatomie und Chirurgie, 
1724 das Ordinariat der Physiologie, 1734 das der Anatomie und Chirurgie 
und, nachdem er Berufungen nach Güttingen und nach Russland ausge- 
schlagen, 1737 den Lehrstuhl der Pathologie, 1747 den der Therapie. 
Er war auch Prof. primarius und immerwährender Dekan der Fakultiit. 
Am 19. Dez. 1747 hat er noch Kranke gesehen, Chirurgie gelehrt, 
Freunde besucht und ist dann plötzlich in einem asthmatischen Anfall ver- 
schieden. Er ist also ebenso wie Mauchart, und an derselben Krankheit, 
im besten Mannesalter verstorben. 

Platner war edel gesinnt, wahrheitsliebend, pflichtgetreu. Dass seine 
Institutiones chirurgicae zu Venedig neu aufgelegt worden, liat sein 
Sohn, der uns sein Leben beschrieben, als besonders ehrenvoll hervorgehoben. 
»Eine weitläufige Kenntniss derschönen Wissenschaften, ein gründlichesWissen 
desjenigen, was zum Bau des menschlichen Körpers, zur Erhaltung dessen 
gesunden Zustandes, und zur Heilung der Krankheiten erfordert wird; eine 
aus den Schriften der Alten und Erfindungen der neuen Aerzte gesammelte, 
und durch eignen Fleiß und Bemühung vermehrte Erfahrung; eine reife 
und richtige Beurtheilung wichtiger und zweifelhafter Fälle; eine Menge 
glücklicher Curen äußerlicher und innerlicher Krankheiten; ein treuer und 
lebhafter Vortrag im Lehren; eine Anzahl schöner und wohlgerathener 
Schriften; ein angenehmer Umgang; diese und andere Vollkommenheiten 
haben den seligen Herrn Hofrath nicht nur bei seinen Freunden, Schülern 
und Kranken, sondern auch bei vielen Erlauchten und hohen Standes- 
personen als einen der leutseligsten, klügsten, vernünftigsten und gelehrte- 
sten Aerzte unsrer Zeit bekannt gemacht.« 

So schrieb Plat.ner's Schüler Prof. 0. Jon. Benjamim Böhmer 1748 in 
der Vorrede zur deutschen Uebersetzung der »Einleitung in die Chirurgie«. 

Von Platner's Schriften gehören die folgenden zur Augenheilkunde: 

i. Diss. de fistula lacrimali, Lips, 172 4, 4". Deutsch von Winkler, Berlin 
1735, 8°. 

2. Üiss. de scarificatione oculorum. Lips. 1728, 4*^. Deutsch von Winkler, 
1735, 8". 



Platner. 199 

3. De chii'urgia 1) ocularia. Lips. 1735. 

4. De motu ligamenti ciliaris in oculOj Lips. 1738. 

5. De vulneribus superciliis illatis, cur caecitatem inferant, ad locum Ilippo- 
cratis proprium. Lips. I7il. 

6. De noxis ex cohibita suppuratione in nonnullis Oeulorum morbis, L. 1742. 

7. Diese und seine andren Abiiandlungen, von denen ich zu seiner Kenn- 
zeichnung nur noch zwei nennen will, de chirurgia artis medicae parenie, 
de crudeli misericordia medentium, finden sich vereinigt in Jo. Zach. 
Platneri Regi Pol. Elect. Sax. a Consiliis Aulae et in Acad. Lips. med. Prof. 
Primarii, ord. med. Decani perpetui. Opusc. T. 1, II, III, Lips. 174 9. (Heraus- 
gegeben von seinem Sohne Frid. P.) 

8. Jo. Zach. Platxeiu, D. et prüf. med. Lips. Institutiones chirurgicae 
rationalis tum medicae tum manualis in usus discenlium. Adjoctae sunt icones 
nonullorum ferramentorum aliarumque rerum, quae ad chirurgi offlcinam per- 
tinent. Lips. 1745, 8°. (lOfiSS.) Weitere Ausgaben Lips. 1757, Venet. 1747. 
Deutsch von Böhmer, 1748/49, »andere« Auflage 17ö7, dritte 1770. Hollän- 
disch, Amsterdam 1764. 

Gedächtnissreden über P. hielten Kapp, Prot, der Beredsamkeit, ferner 
Hebexstkeit, P.'s Nachfolger, endlich sein Schüler, der a. o. Prof. J. Bexj. 
Boehmer; seine kurze Lebensbeschreibung verdanken w-ir seinem Sohn Frid. P. 
Dieselbe ist in Leipzig 1749, 4" erschienen und auch am Anfang des ersten 
Bandes der Opuscula abgedruckt. (8 S., 4*'.) 

Schreiten wir nunmehr zu einer kurzen Prüfung seiner hauptsächlichsten 
Schriften. 

§ 417. 1. Kaum bei irgend einer andren Krankheit sind so viele Streitig- 
keiten entstanden, als bei der Theorie und der Heilung der Thränenfistel. 
Das kam von der Unkenntniss in der Anatomie und Physiologie der Thränen- 
wege. Hier hat die Schrift von Heister (§ 361) Wandel geschaffen, die 
auch das Verfahren von Anel genau geschildert. Aber das für die voll- 
ständigen Fisteln allein passende von Teo. Woolhoüse soll jetzt mit Er- 
laubniss des Urhebers mitgetheilt werden. 

Früher wurden alle Leiden der Thronen wege als Fisteln bezeichnet. 
Aber man muss von den Verstopfungen, Eiterungen, Anfüllungen die ver- 
narbten (callüsen) Geschwüre als wirkliche Fisteln abtrennen. 

Dem Anel lässt P. die volle Ehre und spendet seinem Verfahren 
größtes Lob, so lange es sich um einfache Verstopfung der Thrünenwege 
handelt, — ohne Narbe und Knochenfraß. Zur Einspritzung bedient er 
sich selber einer Lösung des Sedlitzer Salzes (1 : 4). Bei Erweiterung des 
Thränensacks sei die Compression^ hinzuzufügen, ferner der Einschnitt in 
den Thränensack, endlich in den schlimmen Fällen die Exstirpation des 
Thränensacks mit ^^'iederherstellung eines neuen und bleibenden AVeges für 



•1) Bei Haller steht irrthümlich medicina. 

2) Diese habe Fabricius ab Aquapendente erfunden. Aber bereits RÄzl hatte 
bei einem Knaben die Thränenfistel durch Ausdrücken und Verband geheilt. 
(B. XIII, S. 134.) 



■200 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

die Thränen, nach Woolhouse. Der Einschnitt bis auf den Knochen wird 
an der Nasenwurzel begonnen, convex gegen die Nase zu durch die Ge- 
schwulst geführt, und endigt an der Wurzel des Unterlids. Nun folgt, was 
alle früheren Chirurgen vernachlässigt haben, die Exstirpation des 
Thränensacks, zunächst der Kuppe, nachdem man eine Sonde in die 
Thränenkanälchen eingeführt. Danach wird das Nagelbein durchbohrt, mit 
einer scharfen Hohlsonde, die dann gedreht wird, um ein rundes Loch zu 
bewirken. Dies füllt man mit einer stärkeren Wieke. Wenn die Wunde 
dann sich gereinigt hat, wird ein kegelförmiges, metallisches Rührchen mit 
äußerem Saum (aus Gold, Silber, Blei) eingefügt und durch fleißige Ein- 
spritzungen in die Thränenkanälchen der Weg der Thränen nach diesem 
neuen Kanal hingeleilet. Hat man dies erreicht, so wird ein neues, klei- 
neres, genau passendes Röhrchen eingesetzt und darüber die äußere Wunde 
geschlossen. Dies neue Röhrchen lässt man einige Monate drin; mitunter 
fällt es von selbst in den Schlund. Aber es besteht keine Gefahr einer 
neuen Verstopfung, wenn nur der Thränensack ordentlich exstirpirt worden. 
Ist wirklich Knochenfraß am Nagelbein zugegen, so muss die Durchbohrung 
des letzteren vorsichtig mit dem Glüh-Eisen ausgeführt werden. 

Thränen entsteht auch mitunter durch Verschließung der Thränen- 
Punkte, zumal bei Feuer-Arbeitern. Alle Instrumente sind (wohl in natür- 
licher Größe) genau abgebildet. 

2. Weder die Alten noch die Neuen sind einseitig in den Himmel zu 
heben. Aber in den alten Aerzten, deren spärliche Reste nur verstümmelt auf 
uns gekommen und keineswegs von den Gelehrten ebenso sorg- 
fältig, wie die übrigen Schriften der Griechen, verbessert wor- 
den';, ist manches Gute verborgen. Hierher gehört die Skarification 
der Augen, in dem hippokratischen Buch von der Sehkraft. (Vgl. unsren 
§ 74 bis 79.) 

Woolhouse hat dies glücklich erneuert. Er bediente sich eines Grannen- 
Besens aus Roggen-Aehren. Von den Hülsen der Korn-Aehren bindet man 
iO — 13 Stück mit einem gewichsten Faden fest zusammen und beschneidet 
das hierdurch gefertigte Bürstchen an den äußersten Theilen. Der Nutzen 
zeigt sich bei Ophthalmie, Chemosis, — wenn nicht schwere Allgemein- 
leiden zu Grunde liegen — , bei Hornhaut-Geschwüren. 

4. Zur Einstellung des Auges (ad oculum componendumV-' dienen 
nach P. (wie nach Kepler und Plempiüs) die graden Augenmuskel, die 
das Auge verlängern und verkürzen können ; aber nicht immer sei diese 
starke Wirkung nöthig, es genügt schon die des Strahlenbandes, welche 
die Linse nach vorn schiebt. 



1) Hier zeigt sich philologische Einsicht des Verfassers. 

2) Doch gebraucht er auch schon das von Pe.mgerton (17 19) eingeführte Wort 
accommodari. 



Platner. 201 

Das Strahlenband ist theils muskulös, theils gefäßhaltig 
und die Ouelle der Augenfeuchtigkeit. 

5. Mit großer Gelehrsamkeit erläutert P. die berühmte Stelle aus den 
koischen Vorhersagungen der Hippokratis chen Sammlung (vgl. unsren 
§ 49, d,) und erläutert sehr genau die in die Orbita eintretenden Nerven, um 
dann zu erklären , dass eine Zerrung des Supraorbital-Nerven sich den Aesten 
des Oculomotorius mittheilen könne, so dass die Augenmuskel den von ihnen 
umgebenen Sehnerven schädigen. P. stützt sich hauptsächlich auf die berühmte 
Heilung des Valsalva (§ 334): Einer Frau wai" das eine Auge von einem indi- 
scheu Hahn mit dem Sporn verletzt worden. Wenig Blut floss, aber das Sehen 
war erloschen, blieb erloschen trotz verschiedener Mittel. Am S.Tage fand 
V. keine Wunde oder Narbe , drückte kräftig auf den Supraorbital-Nerven und 
— die Sehkraft war wieder hergestellt. Es verlohnt nicht , diesen unklaren 
Fall entwirren zu wollen. 

(Zu mir ist auch schon aus einer Nachbarstadt eine Frau gereist, die er- 
klärte, dass sie in Folge eines heftigen Stoßes auf einem Auge erblindet sei; 
und als ich genau nachsah, hatte sie volle Sehkraft.) 

Dass P.'s Auffassung sehr gesucht imd schon damals unwahrscheinlich 
gewesen, brauche ich nicht weiter auszuführen. Sie widerspricht auch dem 
Wortlaut des griechischen Satzes. Der würdige Fabrv aus Hilden hatte schon 
4 627 bei dieser einseitigen Erblindung nach Verwundung der Augenbraue rich- 
tiger eine gleichzeitige Verletzung des Sehnerven angenommen. Vgl. unsren 
§ 32 1, S. 353. Aber Demours d. S. *) hat noch 1821 erklärt, dass man bis- 
weilen Sehstörung nach Verletzung des Frontal-Nerven beobachte ! 

6. Diese Abhandlung steht auf dem Standpunkt der Hippok ratischen 
Kochung (-S'>.c) der Absondrungen und preist das Wort des Mercirialis (§ 3 4 5), 
im Anfang der Augen-Entzündung keine Kollyrien anzuwenden. Ein warmer, 
gebratener Apfel wird Nachts aufgelegt: in's Auge nur Eiweiß und Frauen- 
milch, mit etwas Safran, eingeträufelt. »Bei den Pocken werden die Augen 
von der vorsorglichen Natur behütet, da die Lider so mit einander verklebt 
sind, dass sie kaum geöffnet werden können.« Auch Hornhaut-Geschwüre dürfen 
nicht durch kräftigere Kollyrien verschlimmert werden. Blasenpflaster, Fonta- 
nellen, Haarseile im Nacken! Wenn man solche Geschwüre reinigen will, so 
passen milde Salben besser, als Pulver und wässrige Lösungen. 

(Ich habe diese sozusagen versteinerte Abhandlung sorgsam ausgezogen, 
um zu zeigen, wie weit selbst so aufgeklärte Köpfe um die Mitte des 18. Jahr- 
hunderts noch von unsrem Standpunkt entfernt, wie lang noch der Weg war, 
den die Heilkunde zu durchlaufen hatte , um zu gesunden Grundsätzen zu ge- 
langen. Schon für J. Beer waren 1799 [Rep. I, 99l, so sehr er Platxer lobt, 
viele von seinen Aeußerungen »nicht mehr brauchbar«.) 

8. Die Abhandlung vom Star in der lateinischen Ausgabe der Chi- 
rurgie zeichnet sich durch eine sehr genaue geschichtliche Einleitung 
aus. In der Beschreibung selber finde ich nichts besondres. Die Vor- 
bereitung zum Star-Stich macht P. gnädig. »Vor der Operation ist ein 
Klystier zu setzen, damit der Kranke nicht bald nach derselben nöthig habe. 



1) S. 224 seines Precis. 



202 XXIII. ITirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

7A1 Stuhl zu gehen.« Der Einstich geschieht 2'" schläfenwärts vom Horn- 
hautrand. Rosenwnsser und Eiweiß, das mit einem wenig Bleizucker 
und Alaun vermischt und auf einem Teller mit einem LüfTel geschlagen 
wnrd, dient zum Anfeuchten der Compressen, mit denen nachher das Auge 
verbunden wird. (3Ian sieht, wie wenig seit den Griechen hier geändert, 
bezw. hinzugekommen ist. Vgl. §259, S. 416.) Beim schw\irzen Star ist 
nichts besonderes zu bemerken. Schielen kann ererbt sein oder bei der 
Geburt erworben, wenn dabei das Auge verletzt worden^). 

Bei der Ophthalmie wird richtig bemerkt, dass sie sehr unterschieden 
ist nach den Theilen oder Häuten, welche sie befällt; hauptsächlich aber 
in der Bindehaut sitzt. Die Entzündung der Aderhaut wird hier Phleg- 
mone oculi genannt. Bei heftiger Augen-Entzündung werden Aderlass, 
Abführung und leidlich warme Umschläge empfohlen. Beim Blutfleck wird 
warmes Taubenblut eingeträufelt. (XHI, S. 287.) Bei Lid-Operationen wird 
eine convexe Hornplatte unter das Lid geschoben, um Verletzung des 
Auges zu verhüten. Bei durchbohrender Verletzung des Auges werden 
beide verbunden. Frischer Iris- Vorfall nach Verletzung soll mit der Sonde 
zurückgebracht werden , nöthigenfalls nach Erweiterung der Hornhaut- 
Wunde. Der Kranke soll liegen und öfters in starkes Licht sehen, damit 
die Pupille sich verenge! 

§ 418. Platiser hat selber Hand angelegt. Mehr ein gelehrter Theo- 
retiker war Chr. Gottlieb Ludwig (8, 1709 — 1773) 2', seit 1740 Professor 
in Leipzig, erst der Anatomie und Chirurgie, später der Pathologie und 
Therapie; er hat neben vielen andren Werken auch Institution es chi- 
rurgicae (Lips. 1764, 462 S.) verfasst, worin auf 62 Seiten (in 127 Para- 
graphen) auch die Augenkrankheiten kurz, aber elegant abgehandelt werden: 
es ist dies die erste, von einem Deutschen verfasste Chirurgie, in welcher 
die Aus Ziehung des Stars (und zwar mittelst Zweidrittel-Bogenschnitts) 
besprochen wird. Das Werk war seiner Zeit sehr berühmt. Ein A. G. 
RiCBTER hat im Beginn seiner Lehrthätigkeit nach Ludwig's Institutionen 
seine Vorlesungen eingerichtet. 

Uebrigens hat Goethe, als er in Leipzig studirte, bedeutenden Einfluss 
von Ludwig, bei dem er Mittagstisch nahm, erfahren. Christian Friedrich 
Ludwig (9, 1751 — 1823), Sohn des vorhergenannten, seit 1782 Professor in 
Leipzig-^), verfasste ein »Programma de suffusionis per acum curatione«, 
Lips. 1783. 



I 



-1) Vgl. Bruno Wolff, lieber Augenverletzungen des Kindes bei der Geburt, 
in den Beiträgen z. Augenheilk., Festschrift f. Julius Hirschberg, 1905, S. 311 
bis 356. 

2) Haller, Bibl. chir. 11. S. 4 09-411. Biogr. Lex. IV, 59. 
*.3) Biogr. Lex. IV, fiO. 



Ludwig. Günz. 203 

§419. JiiSTus GoTFRiED GüNz (10, 170G— 1769), 
hat auch in Leipzig gewirkt, ein tüchtiger Chirurg und Augenarzt, Leib- 
arzt und Professor der Anatomie und Chirurgie. Das biographische Lexikon 
giebt kurze Nachricht von ihm (III, 685) und rühmt auch seine Arbeiten 
in der Chirurgie, Geburtshilfe, Geschichte der Medizin. Er hinterließ eine 
prachtvolle Sammlung von Büchern und anatomischen Präparaten. A. v. 
Hali.er, den er angegriffen, spendet ihm ein etwas gewundenes Lob, hat 
aber zwei seiner Arbeiten wieder abgedruckt und uns zugänglich gemacht: 

I. Diss. de staphylomate, quam praeside D. Justo G. Günz, Anat. et chir. 
Prof. Publ. ord. facult. med., Assess. Ac. reg. sc. Paris, et Rothomag. Ac. 
scient. et art. socio . . . tueb. J. M. Barth, Schkeudiz., Lips., 1748. 

"2. De suffusionis natura et curatione . . . def. .1. Ph. Schnitz- 
lein, Pappenheimiensis, Lips. 1750. 

Die erste Abhandlung bringt neben einigem guten viel irrthümliches: 
niemals oder sehr selten falle die Uvea vor die Wunde der Hornhaut; 
Staphylom sei Vorfall oder Vorwölbung der Hornhaut. 

Die zweite Dissertation ist zu ihrer Zeit sehr bedeutungsvoll ge- 
wesen. Sie brachte, in natürlicher Grüße, das Bild des Star- Stichs 
mit genauer Darstellung der Fingerhaltung, sowohl zum Abziehen der Lider 
und zur Festigung des Augapfels, als auch zur Haltung der Nadel. (Vgl. 
§ 375, Taf. I.) Sein Verfahren ist ähnlich dem des Doctor Petit. (Vgl. 
XIII, S. 415.) 

§420. Samuel Theodor (Jlelmalz'' (II) und die Augen-Eiterung 
der Neugeborenen'-). 

Geb. 1696 zu Freiberg in Sachsen, studirte (). zu Leipzig, erwarb 
1723 die Doktor-Würde, 1726 die außerordentliche Professur der Anatomie 
und Chirurgie, 1737 die ordentliche der Anatomie, Physiologie, Chirurgie, 
der Pathologie und Therapie; wurde 1757 Dekan, starb aber schon 1758. 

Quelmalz gehört, wie der 1 00 Jahre später wirkende Semmelweiss, zu 
den Wohlthätern der Menschheit, die für wichtige Erkrankungen die 
Infektion als Ursache nachgewiesen, somit die Verhütung derselben an- 
gebahnt haben; aber, da sie ihrer Zeit weit voraus eilten, war es ihnen 
nicht mehr beschieden, mit eignen Augen den Triumph der edlen Sache 
noch zu schauen. 

In seinem Programm 3) 

»Facultatis medicae in Academia Lips. h. t. Procanc. Dr. Sam. Theo. 
OuBLMALz, Pathologiae P. P. 0., ... panegyrin med. die XIV Aug. A. 



1) Biogr. Lex. IV, 64S. 

2) Vgl. unsren § 24 s. 

3) 4°, 15 Seiten, von denen nur 12 diesem Gegenstand angehören. Wir 
haben hier wieder einmal eine wichtige Entdeckung, die in wenigen Zeilen dar- 
gestellt ist. — Titel der Schrift und Namen des Yfs. sind meist falsch citirt. 



204 XXni. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

MDCCL indicens De caecitate infantum fluoris albi materni ejus- 
que virulenti pedissequa disserit« 

hat QuELMALz, als erster in der Welt-Literatur, die Häufigkeit und 
Wichtigkeit des Eiterflusses der Neugeborenen hervorgehoben 
und als Ursache den eitrigen Scheidenfluss der Mutter (bezw. 
die ursprüngliche Gonorrhöe des Vaters) nachgewiesen. 

Die Haupstellen lauten: Triste est malum, ast frequens, quod aliena 
hominum culpa homines subinde patiuntur. Luunt posteri majorum de- 
licta . . . Scilicet obveniunt interdum recens per partum editi infantes fluxu 
oculorum materiae serosae , plus minus pituitosae et albescentis , correpti 
tantam eorum inflammationem comitante, ut vix unquam ob acerbissimos 
dolores ex lucis irruptione eos aperire queant ... In causam morbi curn- 
tius inquirens parentumque corporis constitutionem pervestigans, in parente 
frequenter \enerei quid subfuisse, frequentius vero matrem fluore albo eo- 
que satis virulento, et priusquam uterum gereret, et nisi graviditatis ipso 
tempore, quod in nonnullis per vices factum bene novi, tarnen post ex- 
clusionem foetus ipsoque lactationis tempore affectam fuisse, didici . . . 
Hanc ipsam a matre proficiscentem causam huius in infantibus recens natis 
quandoque obvii fluoris oculorum albi, in caecitatem perfectam desinenlis 
existere, a nemine, quantum ego novi, litteris consignatum 
reperi . . . Quae materia . . . toti coi"pori . . . communicat, ut, quod 
antea ex pudendis solum, id jam ex tota sanguinis materni ejusque 
seri massa promanet inque corpus foetus, per placentam atque venam um- 
bilicalem, circuli lege transeat. Principiis salutariter obstare liceat . . . 

Wenn Quelmalz also auch noch einer falschen Metastasen-Lehre 
huldigt, wie alle seine Zeitgenossen; so will er doch das Uebel an 
der Wurzel, d. h. bei der Mutter, angreifen. Obwohl ja Spuren der 
Kenntniss dieser Krankheit bei den alten Griechen und Indern von mir 
nachgewiesen sind, — der würdige Quelmalz hat vollgültigen Anspruch 
darauf, das Krankheitsbild der Augen-Eiterung bei Neugeborenen genauer 
umschrieben und zuerst die wahre Ursache festgestellt zu haben. Wie 
weit hier Quelmalz, trotz seiner falschen Metastasen-Lehre, seiner Zeit 
vorauf war, wird Jedem klar werden, der in dem von J. Beer nach 
der Jahrhundert -Wende festgestellten Kanon der Augenheilkunde des 
1 8. Jahrhunderts (II, S. 317, 1813) lesen muss, dass der verdorbene Luft- 
kreis, besonders in Gebär- und Findel-Anstalten, der unverantwortliche 
Leichtsinn, mit welchem man die Augen des Neugeborenen jedem Licht- 
grade Preis giebt, das derbe Waschen der Augen nach der Geburt mit 
rauhem Badeschwamm, das Begießen des stark transpirirenden Kopfes mit 
kaltem Wasser bei der Taufe die Ursache für die Augen-Eiterung der Neu- 
geborenen abgeben soll; der in dem Lehrbuch von Jüngken (Berlin 1836, 
S. 390) findet, dass »die Erkältung des Kindes als das wichtigste ursäch- 



Quelmalz und die Augen-Eiterung der Neugeborenen. 205 

liehe Moment dieses Augenübels zu betrachten sei« ^). Allerdings, wenn 
wir die Ergänzungen jenes Kanon berücksichtigen, so finden wir bei dem 
herrlichen Scarpa, wenigstens in der 4. Auflage seines Werkes, aus dem 
Jahre 1817, schon die richtige Ansicht, bei Travers (ISSi) eine Andeu- 
tung des richtigen, hingegen bei Desmohrs (1821) genau denselben Aber- 
glauben, wie bei Jüngken. 

Machen wir jetzt einen Siebenmeilenstiefel-Schritt bis zur Mitte des 
1 9. Jahrhunderts, so treffen wir in dem klassischen Lehrbuch von Arlt (I, Prag, 
1853, S. 41) den vollkommen richtigen Satz, dass »das blennorrhoische 
Sekret ansteckend ist, und zwar durch unmittelbare Uebertragung, durch 
Betastung« 2]; doch wird diese Wahrheit theilweise wieder verhüllt durch den 
unrichtigen Zusatz, »dass auch die Luft zum Träger des Contagiums werden 
kann« 3). Auch Rute (Ophth. 1845, S. 516) ist der Wahrheit schon näher 
gekommen. »Die Entzündung wird veranlasst durch materielle Uebertragung 
eines scharfen oder contagiüsen Schleimes während oder nach der Geburt; 
dann aber auch durch alles, was widernatürlich reizend auf das Auge des 
Neugeborenen einwirkt, z. B. Erkältung, reizende animalische Dünste« . . . 

Desmarres (1847) lässt neben der Contagion noch eine eigenthümliche 
Luft-Beschaffenheit und örtliche Schädlichkeiten zu. 

Auch Mackenzie (vierte Ausgabe, London 1854, S. 466; Paris 1856, I, 
S. 758) erkennt die Ansteckung von Seiten der mit Weißfluss behafteten 
Mutter nur als eine häufige, nicht als die einzige Ursache der Krankheit an. 

Seit der Reform der Augenheilkunde in der zweiten Hälfte des 
1 9. Jahrhunderts wird die Entdeckung unsres Olelmalz nicht mehr ernst- 
lich in Zweifel gezogen. 

Das Gebäude erhielt seine Krönung durch A. v. Graefe , der 1854*) 
die Heilung durch systematische Anwendung des Höllensteins gelehrt, 



i] »Gegenwärtig ist diese Augenkrankheit häufiger, weil man früher . . . 
den Kindern eine wärmere Kopfbekleidung zu geben pflegte.« — Noch packender 
pflegte J. in seinen Vorlesun gen sich auszudrücken. »Selbst die Tigresse wärmt 
ihr Neugeborenes<, hörte ich noch 18<)4 aus seinem Munde. 

2) Ich ziehe das Wort Besudln ng vor. 

a; Eine Stunde lang versuchte mein ehrwürdiger Freund einst zu Heidelberg 
räch dem Festessen, mich, der ich — wie schon der alte Pieringer die Blen- 
norrhoe am Menschenauge, Graetz, 1841) — das Luft-Contagium bestritten, von 
seiner Wesenheit durch eifriges Reden zu überzeugen. 

4) Arch. f. Ophth. 1,1, S. 199. Berlin 18.54. Die Priorität der Höllen- 
steinbehandlung hat der Geburtshelfer Prof. Busch in Berlin, der 1837 über 
88 Fälle von Neugeborenen-Augeneiterung berichtet, die höchst erfolgreich mit 
Einträufelung von Lösungen von 0,03 bis 0,13 (selten bis O.h) auf 30,0 behan- 
delt worden. (Die geburtshilfl. Klinik a. d. Univ. zu Berhn I, S. 209. Vgl. v. Ammon's 
Monatsschr. I, 1838, S. 191.1 <847 folgte Desmarres Lehrb., deutsch. Ausg., S. 169) 
mit Lösungen von 0.1 auf 12,0 oder mit dem Stift. Uebrigens hat schon 1827 
C. V. Graefe Einträuflungen von Argent. nitric. gr v : 51 (0,3 : 30,0) gegen Augen- 
Blennorrhöe gepriesen. (J. d. Chir. u. Augenh. X, S. 379.; 



206 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

durch NeisserI], der 1879 den Gonococcus fand, den unbestrittenen Er- 
reger des Trippers der Harnrühre und des Auges, auch der Neugeborenen, 
— wenngleich bei den letzteren ausnahmsweise auch andre Kleinpilze die 
Ansteckung vermitteln; und durch CREDfi^]^ welcher 1883 die Verhütung 
der Augen-Eiterung bei den Neugeborenen uns geschenkt hat, durch Ein- 
träuflung eines Tropfens der zweiprocentigen HüUenstein-Lüsung in das Auge 
des eben Geborenen. 

Da die ältere Literatur in den Darstellungen unsrer Tage gewöhnlich 
nicht berücksichtigt wird, so will ich dieselbe hier folgen lassen: 

1. So ran i gynaec. c. 26. (:2. Jahrh. u. Z.) 

2. Severus (vor Galen) bei Aet. VII c. 46. (Den Wortlaut von 1 und 2 siehe in 
unsrem § 248.) 

3. Susruta Samhita (6. Jahrh. vor u. Z., aber nur überliefert ni der Kashmir- 
Recension aus dem 2. Jahrh. nach u. Z.). Vgl. § 22 u. Jolly, Grundriss d. 
indoar. Altert, u. Phil., III, 10, S. G8 (Kukünaka). 

4. L. Riverius, The practice of Physick, London 1658,11, S. 3Mi: »A child new 
born was troubled with redness of the Eyes, and much filth which came 
from them like Quittor; the disease continued 3 months.« — Ich besitze nur 
die englische Ausgabe. — Laz. Riviere, 1589 zu Montpellier geboren, von 
1622 bis zu seinem Tode (1655) Prof. der Medizin daselbst, hat sein Haupt- 
werk Praxis medica Paris 1640 veröffentlicht. 

5. Dr. Albrecht beschrieb 1690 »milchige Thränen und chylösen Augenfluss« 
bei einem Neugeborenen am 7. Tag nach der Geburt, mit Ausgang in Hei- 
lung. (Ephem. Nat. Cur. Dec. II, Anno 9, Obs. 86, p. 148.) 

6. Jo. Storch, (Kinderkr. 1750,1, l;!4) leitet die Krankheit vom Zusammen- 
schnüren des inneren Muttermundes u. dgl. ab. 

7. Quelmalz giebt 1750 zuerst die wahre Ursache an. 

8. James Ware, Remarks on the ophthalmy, psorophthalmy and purulent eye, 
London 1780. (2. Ausg. 1787, 3. 1795.) Erste ausführliche Darstellung der 
Augen-Eiterung des Neugeborenen. (Vgl. auch Scarpa, § 449.) Aetiologie 
schwach, »Erkältung«. Behandlung gut, Einspritzung stypti scher Flüssigkeit. 

Sa.Dease, Von dem Eitertriefen der Neugeborenen. ^In s. Bemerk, über Entbin- 
dungskunst.) Aus d. Englischen von C. F. Michaelis, Zittau und Leipzig 

1788. 

9. Hofrat Dr. Schaff er in Regensburg, »von der Eiterung der Augendeckel- 
drüsen, als einer bisher noch wenig beschriebenen Krankheit neugeborener 
Kinder«. Med. chir. Zeitung, Salzburg 1791. (Die erste genauere Darstellung 
in deutscher Sprache. »Der geringste Grad dieses Uebels ist in unsrer Gegend 
unter dem Namen Flässchen am Auge bekannt.« — »Das unvorsichtige Aus- 
setzen der Neugeborenen in helle, erleuchtete Orte« ist ihm Hauptursache. 

10. J. Chr. Reil, Memorabil. I, iv, S. 105, Halae 1798. Ophthalmia neonatorum. 
(Die Beschreibung ist genau. Anfang etwa am 4. Tage, Ende nach 
4 Wochen. Die Ursachen seien äußere: grelles Licht, Abkühlung, Druck bei 
der Geburt u. s. w. Die Behandlung sei Anfangs reizmindernd.) 

11. J. Ad. Schmidt, Uphthalm. Bibl. von Himly u. Schmidt, III, 2, 107, 1806. 
(Ursache: Scheidenfluss, aber auch Erkältung und Belichtung. — Milde Ad- 
stringentien.) 



1) Centralbl. f. m. W., Berlin 1879, No. 28. 

2) Arch. f. Gynäk. XXI. 2; u. Verhütung der Augenentzündung der 
Neugeborenen. Berlin 1884. — Spuren der Prophylaxe bei den alten Griechen, 
§ 248; bei Scarpa, § 449. 



Die Augen-Eiterung der Neugeborenen. 207 

M. Ph. Fr. Walther, Abhandl. aus d. Gebiete d. prakt. Med. u. s. w. I. S. 4'.7. 
Landshut 1810. »Das Triefauge der Neugeborenen . . . hängt ab von dem Ueber- 
gewicht phlogistischer Stoffe, welches nach der Geburt entsteht, wenn die 
Placentar-Respiration aufgehört hat, und die Lungenrespiration noch nicht ge- 
hörig in Gang gebracht ist. Anders verhält sich die Krankheit, wenn ihr eine 
syphilitische Ursache zu Grunde liegt.< Noch 40 Jahre später hat v. Walther 
denselben Standpunkt vertreten. (Augenkr. von Ph. Fr. v. W., 'I84'.i.) Doch 
lässt er Ansteckung von Seiten eines Scheidentrippers zu. >Der Uebergang 
vom Fötus-Leben zum selbständigen Leben nach der Geburt ist besonders durch 
die neue Luft- und Lichteinwirkung auf den Körper i. A. und auf die Augen 
insbesondere ein höchst bedeutender.« 

13. Gibson. Edinb. med. and surg. J. 1807, räth Prophylaxe, Behandlung des 
Schleimflusses der Mutter und Reinigung. 

14. C. H. Dzondi, die einzig sichere Heilart d. contag. Augenentz. u. d. gefährl. 
Blennorrhagie d. Neugeb., Halle 1835. (Hat in mehreren 100 Fällen kein 
Auge verloren, verwirft die Blutegel gänzlich, ebenso die örtlichen Mittel, 
und preist die Schwitzbäder. Die schwächende Blutentziehung hindert 
nur den Organismus, des Entzündungsreizes Herr zu werden. »In 30 Jahren 
habe ich nicht einen Blutegel an die Augen logen lassen. < 

1.5. Der berühmte Geburtshelfer Gustaf Cederschiöld in Stockholm fand 183-2 
die Augen-Eiterung der Neugeborenen bei 20 Kindern auf 137, die von Müttern 
mit Scheidenfluss stammten; und bei lo auf 187 von Müttern ohne Scheiden- 
fluss; also 1 :7 gegen 1:18, so dass Scheidenfluss der Mutter als häufige, 
wenn auch nicht einzige Ursache zu betrachten sei. (Med. Gazette, XXVH, 
S. 382, London 1840.; 

Die Dissertationen bringen ja meist nichts neues; zeigen aber, in welchem 
Grade ein bestimmtes Kapitel den Geist der Medizin beschäftigt. 

1. Stratingh, de Ophthalmia neonator. •;. Groning. 1789. 

2. Job. God. Goetz, Diss. d. Ophthalmia infantum recens natorum, Jenae 1791. 

3. Wilh. Friedr. Dreyssig. Diss. i. de Ophthalmia neonatorum. Erfordiae, 

1793. 

4. Wilder, Diss. d. Ophthalmia neonatorum, Kiel 1797. 

3. Or ström Haartman), Diss. d. pyophthalmia neonator., Aboae 1801. 

6. C. Reimar-Guttwein, Diss. de blepharoblennorrhoea recens natorum. 
Francof. ad. Viadr. 1810. 

7. Chr. Jüngken, assumpto socio Chr. G. Heck er: nunquam lux clara ophthal- 
miae neonatorum causa est occasionalis. Berolin. 1817. 

8. De blepharophthalmia blennorrho'ica recens natorum. Diss. . . Jo. Chr. 
Metzsch, Suhlanus, Berlin 1821. (Enthält die ältere Literatur von No. 4 
ab. — Seine Aetiologie ist die Jüngkens.j 

Unter den neueren Dissertat. will ich die von Joh. Schirmer über blen- 
norrh. neon.. Greifswald 1889. rühmend erwähnen. 

Die Kapitel in den Lehrbüchern der Augenkrankheiten und in denen der Ge- 
burtshilfe und der Kinderheilkunde will ich übergehen, aber die erste Sonder- 
schrift über diesen Gegenstand hervorheben, die übrigens in den neueren Dar- 
stellungen öfters ganz unerwähnt bleibt: 

1. Die Augenkrankheit der Neugeborenen nach allen ihren Beziehungen, 
historisch, pathologisch-diagnostisch, therapeutisch und als Gegenstand der 
Staats- und Sanitätspolizei dargestellt von Dr. G. J. F. Sonnenmeyer, 
Leipzig, 1840. (674 S.) 



1) Das schlimme Wort ist also in 1 zuerst geschmiedet, in 3 und 3 aufge- 
nommen, kommt aber auch in 7 und 8 vor und seitdem in vielen Lehrbüchern. 
Vgl. XII, S. 398. 



208 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Andre Bücher über diese Krankheit sind noch: 

2. Die Bindehaut-Infektion der Neugeborenen von Dr. D. Haussm ann in Berlin, 
Stuttgart, 4 882. ,175 S.) 

3. De la oftalmia purulenta del recien nacido por el Dr. M. J. Oslo, Madrid 
4 886. (89 S.) 

4. Les ophthalmies du nouveau-ne par E. Valude, Paris 1895. (12°, 135 S.) 

5. Die Verbreitung und Verhütung der Augen-Eiterung der Neugeborenen von 
Prof. Dr. H. Cohn, Berlin 1896. (111 S.) 

6. De la oft. purulenta de los recien nacidos por Emilio Alvarado, Valladolid 
1901. 

7. Ophth. neonatorum by Sydney Stephenson, London 1907. (258 S.) 

Die neuere Literatur vgl. in V, 1, S. 290 dieses Handbuchs, bei der vor- 
trefflichen Abhandlung unsres Gegenstands v. Th. Saemisch. — Wem daran 
liegen sollte, »sämtliche Literatoren, die nach Riverius einzeln über diese Krank- 
heit geschrieben oder sie in toto oder nur einiges darauf bezügliclie in den 
verschiedenen Werken und Zeitschriften des In- und Auslandes abgehandelt 
haben«, kennen zu lernen, der lese die lange Liste bei Sonnenmeyer (I, S. 3- — 2 7) : 
nur muss er ihm (oder von Ammon) nicht glauben, dass wir Riveru s die erste 
Beschreibung zu danken haben. Eine genauere Analyse aller Mitlheilungen und 
Ansichten über diese Krankheiten findet sich bei Haissmann (l 88 2, S. 1 — 40]. 
A. HiR-cH belehrt uns, dass wir bei Rathlaüw (1752, d. h. 2 Jahre nach Qielmalz's 
Schrift) der ersten ausführlicheren Erörterung über diesen Gegenstand begegnen; 
doch ist dies eine ganz irrthümliche Angabe. Denn in Traite de la cata- 
racte etc. par J. P. Rathlaüw, Amsterdam 1751 steht nur das folgende: »Je 
parlerai de meme d'une Maladie encore peu connue, Savoir que des Enfans qui 
en naissant n'avaient pas aucun Mal dans les yeux, dans l'espace des 4 8 heui"es 
apres la Naissance recoivent une Inflammation si violente, que la Pupille se 
retrecit et devient si petite, qu'on ne la peut pas aueunenient trouver. II coule 
dans ce Mal une si grande quantite de pus de l'Oeil, quon croirait ä peu pres, 
que tout l'interieur soit suppurc, et douter fort si on pourrait retabhr la Vue. « 
R. hat 12 Fälle beobachtet und geheilt; sagt aber nicht, wie. — Die hollän- 
dische Uebersetzunar der Schrift ist 1732 gedruckt. 



§ 421. Jüng-Stilling (12). 

Eine sehr merkw^ürdige , aber nicht rein erfreuliche Erscheinung war 
JoH. Heinricb Jung, genannt Jung-Stilling (1740 — 1817). Geboren als 
Sohn ganz armer Eltern am 12. Sept. 1740 im Dorfe Grund (Fürstenthum 
Nassau-Siegen), war er zuerst auf dem Wege, Kohlenbrenner zu werden, 
ergriff dann aber das Schneiderhandvi'erk. Nachdem er sich nebenher von 
höheren Dingen selbst belehrt, trieb ihn sein lehrlustiger Sinn zu einer 
Schulmeisterstelle. Dieser Versuch misslang, er kehrte zum Handwerk 
zurück, wurde dann Hauslehrer und, indem er seine eigentliche Bildung 
einer frommen Gemeinschaft verdankte, bereitete er sich zum Studium der 
Heilkunde vor. Hierin wurde er von dem Pastor Molitor in Attendorn 
bestärkt, der in Augenheilkunde pfuschte und ihn mit seinen Heil- und 
Geheim- Mitteln beschenkte. Im Jahre 1770 bezog Jung die Universität 



Jung-Stilling. 209 

Straßburg und wurde hier mit Goethe, Herder u. a. bekannt, ja befreundet i). 
Schon 1772 ließ er sich in Elberfeld als Arzt nieder, beschäftigte sich be- 
sonders mit Augenheilkunde und erlangte einen großen , vielleicht über- 
triebenen Ruf als Star-Operateur, so dass er zur Star-Ausziehung bis nach 
Süddeutschland berufen wurde. Bereits im Jahre 1778 legte er die ärzt- 
liche Praxis nieder. Beer sagt (Rep. III, 180): »Schade, dass er seinen 
Wirkungskreis verließ . . . Jedoch wird er seine triftigen Gründe dafür 
haben.« 

GoETBE hat uns Gemüths-Stimmungen Jung's geschildert, die schon 
zu diesem Entschluss Veranlassung geben konnten; und Stilling selber 
sagt es ja ausdrücklich : »Jetzt (nach der misslungenen Kur des Hrn. 
von Lersner) fing er an zu zweifeln, dass Gott ihn zur Medicin berufen 
habe . . . Stilling's Praxis wurde sehr klein (1777). Das Gerücht läuft, 
er sei wahnsinnig geworden ... Die Praxis nahm noch mehr ab . . . 
Professor zu werden, war sein höchster Wunsch«*-). 

So nahm er einen Ruf an die Kameralschule zu Kaiserslautern an, 1787 
eine Professur der Oekonomie, Finanz- und Kameral- Wissenschaften an 
der Universität Marburg, — während er in Elberfeld seine eignen Finanzen 
nie hatte in Ordnung halten können! — und 1804 eine Professur der 
Staatswissenschaften in Heidelberg. Seine letzte Lebenszeit verbrachte er 
als badischer Geheimrath in Karlsruhe, woselbst er 1817 gestorben ist. 

Die Star -Operation hat er aber noch als Professor in Marburg 
weiter gepflegt, wie aus seiner ärztlichen Ilauptschrift sich ergiebt: 

.loH. Heinrich Jung's, der W. und A. Doktors, und ord. öff. Lehrers der 
Oek. , Finanz- und Camerals- Wissenschaften in Marburg, Methode den grauen 
Star auszuziehen und zu heilen. Nebst einem Anhang von verschiedenen andern 
Augenkrankheiten und der Cur- Art derselben. Mit Kupfern. Marburg 1791. 
(8°^ 132 S.) 

Seine zweite augenärztliche Schrift ist »Sendschreiben an Hrn. Stadtchirurgen 
Hellmann, dessen Urtheil die LoBSTEix'schen Starmesser betreffend, von Jon. 
Heinr. Jung, der Arznejgel. Doktor und ord. Arzt zu Elberfeld im Herzogthum 
Berg«. Frankfurt a. M., 1775. (Ein Bogen.) 

Sonst hat er noch pietistische Bomane geschrieben, seine ausführliche 
Lebensbeschreibung in 5 Bänden, mystische Schriften, wie seine »Theorie der 
Geisterkunde« (1808), unbedeutende Erzählungen und Gedichte. 



^) Goethe [Dichtung und Wahrheit, 11,9, Jubil., A., B. 23, 188) hat besser, als 
Conversations- u. biographisches Lexikon, die Wandlungen dieses merkwürdigen 
Mannes beschrieben. Vgl. auch Dr. Jo. Roman Sghäfer Remscheid;, »die Stellung 
des Dichters Jüng-Stilling in der Augenheilkunde seinerzeit«, Ophth. Klinik, 1904, 
No. 7 — 9. (Diese Darstellung ist eine Lobrede und giebt also der Kritik nur 
wenig Raum.) 

2) Johann Heinrich Jung's (genannt Stilling) Lebensgeschichte oder dessen 
Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft, Lehrjahre, häusliches Leben und Alter. Eine 
wahrhafte Geschichte von ihm selbst erzählt. Vgl. in der bequem zugänglichen 
Ausgabe von Ph. Reclam, Leipzig, S. 311, 321, 322, 326. 

Handtuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. ] 4 



210 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Ein Strahl aus Goetoe's Auge ist auf Junü-Stilling gefallen und hat 
ihn verklärt. Als Goethe in Straßburg studirte, gehörte Jung zu der Tisch- 
gesellschaft. »Wenn man ihn näher kennen lernte'), so fand man an ihm 
einen gesunden Menschenverstand, der auf dem Gemüth ruhte und sich 
deswegen von Neigungen und Leidenschaften bestimmen ließ, und aus eben 
diesem Gemüth entsprang ein Enthusiasmus für das Gute, Wahre, Rechte 
in möglichster Reinheit . . . Das Element seiner Energie war ein unver- 
wüstlicher Glaube an Gott und an eine unmittelbar von daher fließende Hilfe.« 

Aber fesselnder ist für uns, was Goethe von Jung's missglückter 
Star-Operation zu Frankfurt vom Jahre 1775 berichtet 2]. »Jung hatte seit 
einigen Jahren mit gutem Muth und frommer Dreistigkeit viele Star-Ope- 
rationen^) verrichtet und einen ausgebreiteten Ruf erworben . . . Jung 
kam nunmehr (zu dem alten^) Hrn. von Lersner nach Frankfurt a. M.), 
angelockt durch eine bedeutende Belohnung, deren er gewöhnlich bisher 
entbehrt hatte; er kam, seinen Ruf zu vermehren, getrost und freudig, 
und wir wünschten uns Glück zu einem so wackern und heiteren Tisch- 
genossen ^) . . . Gewöhnlich, und ich hatte selbst in Straßburg mehrmals 
zugesehen''), schien nichts leichter in der Welt zu sein; wie es denn auch 
Stillingen hundertmal) gelungen war. Nach vollbrachtem schmerzlosen 
Schnitt durch die unempfindliche Hornhaut sprang bei dem gelindesten 
Druck die trübe Linse von selbst heraus . . . Jung bekannte, dass es dies- 
mal so leicht und glücklich nicht hergegangen: die Linse sei nicht heraus- 
gesprungen, er habe sie holen und zwar, weil sie angewachsen, ablösen 
müssen; dies sei nicht ohne einige Gewalt gegangen. Nun machte er sich 
Vorwürfe, dass er auch das andre Auge operirt habe . . . Genug, die 
zweite Linse kam nicht von selbst, sie mussle auch mit Unslatten abge- 
löst und herausgeholt werden ... Es blieb kein Zweifel, dass die Kur 
misslungen sei. 

Der Zustand, in den unser Freund dadurch gerieth, lässt keine Schil- 
derung zu . . . Er wollte diesen Vorfall als Strafe bisheriger Fehler an- 
sehen; es schien ihm, als habe er die ihm zufällig überkommenen Augenmittel 



1) Dichtung und Wahrheit, a. a. 0., S. -187. 

2) Dichtung und Wahrh., IV, XVI; J. A., B. 25, S. 17—25. 

3) In Goethe's samt). Werken in 30 Bänden (Stuttgart, Cotta, 1858, B. XVII, 
S. 2 11; ebenso in der Cotta'schen sechsbändigen Ausgabe) steht noch Staarope- 
rationen. Ich freue mich, dass die von mir empfohlene Schreibweise Star 
jetzt von unsren Sprachgelehrten angenommen wird. 

4) R. M. Meyer macht ihn zu einem 4 0jährigen, aber gegen Stillin&'s aus- 
drückliche Angabe, der den Kranken als Greis bezeichnet. 

5) Goethe's Eltern hatten Jung das Quartier angeboten. 

6) Jedenfalls bei Lobstein. 

7) Das dürfte eine Ueberschätzung des Freundes sein, — wie sie ja auch 
sonst wohl vorkommt. 1778 war Stilling noch Anfänger, 1791 spricht er nach 
I6j ähriger Erfahrung von 237 Star-Blinden, die er bisher operiert habe. 



June-Stillinff. 



211 



frevelhaft als güttlichen Beruf zu diesem Geschäft betrachtet; er warf 
sich vor, dieses höchst wichtige Fach nicht durch und durch studirt, son- 
dern seine Kuren nur so obenhin auf gut Glück behandelt zu haben . . . 
Kränkend war für unsren guten Jung der Empfang der tausend Gulden, 
die, auf jeden Fall bedungen, von großmülhigen Menschen edel bezahlt 
wurden. Diese Barschaft sollte bei seiner Rückkehr einen Theil der Schul- 
den auslöschen« . . . 

»In Bezug auf den Verlauf der Operation selbst weicht Stilling's Be- 
richt stark ab« von der Darstellung Goethe's : so urtheilt R. M. Meyer in 
den Anmerkungen zu Goethe's Dichtung und Wahrheit '). — Aber Stilling hat 
für den Sachverständigen die Operation überhaupt nicht beschrieben; 
er sagt nur 2): »Alles gelang nach Wunsch, der Patient sah und erkannte 
nach der Operation Jedermann . . . Aber nun fing auf einmal Stilling's 
schrecklichste Lebensperiode an ... Der Herr von Lersner wurde, aller 
Mühe ungeachtet, nicht sehend: seine Augen fingen an sich zu entzünden 
Gegenüber diesen 
des Ohrenzeusen 



und zu eitern.« 
dienen Goethes, 
und Freundes-*), 



nichtssagenden Bemerkungen ver- 



t h a t s ä c h I i c h e 



Fiff. il. 




■"-i'Sv^^^ 



Bekundungen unser volles Vertrauen. 

Der Sachverständige braucht 
ja auch nur einen Blick auf Jung- 
Stilling's eigne Abbildung seines 
Star- Schnitts'*) zu werfen, um zu 
erkennen, dass dieser Schnitt im 
Allgemeinen und vollends für einen 
angewachsenen Allers-Star ganz un- 
zureichend gewesen! 

hl der Vorrede zu seiner »Me- 
thode den grauen Star auszuziehen« (1791) erklärt Jung, dass er in Straß- 
burg die Medizin studirt und später in Elberfeld 7 Jahre lang ausgeübt 
und 1773 seine erste und zwar, trotz schlechter Ausführung, erfolgreiche 
Star-Operation gemacht; nur das Bewusstsein, seinen armen, leidenden 
Mitmenschen eine wichtige Wohlthat erzeigen zu können, macht das für 
ihn in der That schwere Geschäft zur heiligsten Pflicht. 

».41s Arzt ließ ich mich . . . doch nur von den Wohlhabenden be- 
zahlen ^j . . . Das ungewöhnliche Glück, das mich in meinen Star-Curen 



1) B. 2ö d. Jub. A., S. -286. 

-2) Jung-Stilling's Lebensgesch., S. .307 u. S. 310. 

3) Als Stilliiig 1776 wegen rückständiger Miethe in äußerster Redrängniss war, 
sandte ihm Goethe ans Weimar loo Thir. als Honorar für »Stiihngs Jugend«, die 
er, ohne Wisesn des Vfs., hatte drucken lassen. 

4) Methode, den grauen Staar auszuziehen, Tab. IV, Fig. 3. 

5) Das ist ein wenig Heuchelei des frommen Mannes. Jeder Arzt macht es so. 

U* 



212 XXIII. llirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

allenthalben begleitete, bewog mich, dieses wohlthätige Geschäft lebenslang 
beizubehalten. Obwohl ich durch eine ununterbrochene 16 jährige Erfahrung 
überzeugt bin, dass meine Methode, den grauen Staar zu heilen, gut ist, 
indem mir von 237 Staarblinden, die ich bis dahin operirt habe, etwa nur 
der siebente misslungen ist^); so hätte ich doch nicht über meine Methode 
geschrieben, wenn ich nicht auch die Ueberzeugung gewonnen, dass man- 
cher edle junge Mann dadurch besser belehrt würde; wenn nicht Hofralh 
SüEMMERiNG in Maiuz mich dringend aufgefordert hätte; wenn nicht das 
Honorar für dieses Werk den armen Blinden zu gute käme, wie ich 
denn auch von den wohlhabenden Blinden » »willkührliche Beiträge« « 
für die armen erwarte.« 

Aus Jung's »Methode« wollen wir nur einige Sätze hervorheben. 
Die Starblind-Geborenen rollen die Augen hin und her, da sie zu fixiren 
gar nicht gelernt haben. Seine 5 Blindgeborenen hatten keine Linse, son- 
dern nur eine verdunkelte Kapsel. Bei unreifen Staren hatte er schlechte 
Erfolge. Wie noch in neuerer Zeit die Niederdrückung des Stars der Aus- 
ziehung vorgezogen werden kann, ist unbegreiflich, da bei dem zweiten 
Verfahren die Zufälle weit seltner sind. J. bedient sich des LoBSTEm'schen 
Starmessers, das er aber auf beiden Flächen ein wenig convex hatte 
machen lassen. Tags vor der Operation muss der Kranke abführen , mit 
dem Wiener Tränkchen. Die Operation geschieht des Morgens. Wenn 
die Lider krampfen, wird das obere mit einem Häkchen in die Kühe ge- 
zogen. Der Operateur steht vor dem sitzenden Kranken. (Den Schnitt 
haben wir schon abgebildet.) Zur Eröffnung der Kapsel dient, nach Lob- 
stein, die Star-Nadel, dann wird das Auge gelinde von oben herab und von 
unten herauf gedrückt, bis die Linse durch die Pupille und aus dem Auge 
heraustritt. Um Iris-Vorfall zu vermeiden, verbindet er nach der Operation 
beide Augen. Einmal hat er den Irisvorfall gespalten, mit gutem Er- 
folg. Jetzt bekümmert er sich um den Vorfall gar nicht mehr, setzt nur 
Verband und Rückenlage fort. Um Entzündung zu vermeiden, wird stets 
einige Stunden nach der Operation ein Aderlass gemacht. Eiterung der 
Hornhaut- Wunde ist sehr gefährlich. Brei-Umschläge sind schädlich. 3 Mal 
täglich wird das Auge verbunden, die Gompressen mit Bleiwasser befeuchtet, 
die Augen dabei sanft geöffnet 2). Am 9. Tage ist alles fertig. Vom 3. 
bis 5. hat man am meisten zu fürchten; zuweilen aber schon am i. Tag: 
je früher die Entzündung kommt , desto gefährhcher 3). Mittel gegen Ent- 
zündung sind Blasenpflaster, Aderlass, Abführung, kalte Umschläge. 

1) Also H^" Verluste. 

2) Wie man sieht, sind diese Grundsätze denen von A. G. Richter geradezu 
entgegengesetzt. 

3) Dies ist ja vollkommen richtig. Bemerkenswerth scheint mir, dass trotz 
der geringen Vorsichten von damals die primäre Wundvergiftung seltener, als die 
sekundäre war! 



Lobstein. Klauhold. 213 

Von dem Anhang will ich nur einen Salz hervorheben, der unsren 
Vf. kennzeichnet: »An die Thränen-Fistel habe ich mich nie gewagt.« 
Beer (Rep. III, 180) urtheilt über Jung, dass er sich in seiner Schrift als 
einen »acht praktischen Augenarzt« beweist. 

§ 422. Mit wenigen AVorten muss ich hier auf Jung's Lehrer 
Johann Fkiedrich Lobstein (13) 
eingehen. Denn, obgleich Straßburg damals zu Frankreich gehörte, so 
war doch die dortige Universität deutsch und Lobstein ein Deutscher. 

Geboren am 30. Mai 1736 zu Lampertsheim i. Elsass als Sohn eines 
Wundarztes, bezog er die Universität zu Straßburg, wurde 1760 Doktor, 
begab sich auf Reisen (nach Frankfurt, nach den Niederlanden, nach Paris), 
begann 1762 die Praxis, habilitirte sich, wurde 1764 Prosector, 1778 o. 
Prof. der Anatomie und Chirurgie. Er war ausgezeichnet in beiden Fächern, 
zog die fremden Studenten an (u. a. auch Goethe), war berühmt als Star- 
und Stein-Operateur, hat aber nur 4 lateinische Programm-Reden, als Rector, 
veröffentlicht, darunter eine über den Nach-Star (1779). »Hochgeachtet 
als Lehrer, Gelehrter und Arzt ist er am 11. Oct. 1784 gestorben.« (Vgl. 
d. biogr. Lexikon, IV, S. 16.) 

Für die Star-Ausziehung verwirft er Fixation , bedient sich des Mes- 
sers zum Hornhautschnitt, der Nadel zur Kapselspaltung. (Vgl. Jon. Chr. 
Andreas Meyer's Dissertation über Star-Ausziehung, Greifswald 1772.) 

An diesem Orte verdient Erwähnung die Straßburger Doktor-Schrift: 
J. J. Klaubold, disp. inaug. de visu duplicato, Argentorat. 13. April 17461), 
da das wichtige Kapitel vom Doppeltsehen hier zum ersten Mal gründ- 
licher besprochen wird. Der Vf. behandelt das Einfachsehen mit beiden 
Augen, das natürliche Doppeltsehen; dann das krankhafte, mit 20 Fällen 
aus der Literatur und einem eignen, der auf Verschiebung der Augen 
(wohl durch Geschwulst) beruhte, die Ursachen, die Vorhersage, die Be- 
handlung. Bei dem zweiäugigen Doppeltsehen liegt die nächste 
Ursache darin, dass das Bild des Gegenstandes in dem einen 
Auge auf einer andersbelegenen Netzhaut st eile, als in dem andren, 
abgebildet wird. Bei dem einäugigen Doppeltsehen liegt die 
nächste Ursache in einer Verdoppelung des Netzhaut-Bildes. 
(Dies ist das Ergebniss und die Frucht der fleißigen Arbeit.) 

Die Göttinger Schule. 
§ 423. August Gottlieb Richter (14, 1742 — 1812). 
i. Haller, bibl. chir. II, 520. 

2. Biogr. Lexikon V, S. 17 — 18, 1887. »August Gottlob« daselbst ist 
ungenau, ebenso wie schon bei Haeser (II, 682, 1881). 



1) Haller, Disp. ad morb. bist, et cur. fac. I, S. 323 — 356. 



214 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

3. Daremberg (II, 1249) ist dürftig. 

4. H. RoHLFS, Die chirurgischen Klassilcer Deutschlands, Leipzig 1883, I, 
S. 32 — 172. (Ein inhaltreiches, allerdings recht subjectives . Werk. Nächst 
Richter's Schriften unsre Haupt-Quelle.) 

Fig. 12. 




A. G. ÜICIITER. 



Am 13. April 1742 zu Zürbig in Sachsen als Sohn eines Pastors ge- 
boren, kam er 18 jährig, gut vorbereitet, nach Güttingen, um Heilkunde zu 
Studiren, wobei ihm sein Oheim, der Medizin -Professor Georg Gottlob 
Richter, als treuer Mentor zur Seite stand. Früh entwickelte sich seine 



A. G. Richter. 215 

Neigung zur Chirurgie; das umfangreiche Kriegs-Lazaret, das während des 
7jährigen Krieges in Güttingen errichtet wurde, gereichte ihm zu großem 
Vorlheil. Am 12. Sept. 1764 erhielt er die Doctor-Würde nach öffentlicher 
Vertheidigung der gelehrten Abhandlung »de prisca Roma in medicos suos 
haud iniqua«. 

Richter hatte bei aller seiner Wissenschaftlichkeit einen inneren Drang 
zum Praktischen. »Gui bono?«') und »nisi utile, quod agimus, vanum 
est« 2j waren seine Lieblings-Sätze, denen er sein ganzes Leben hindurch 
treu geblieben. 

Sowie er sich als Privatdocent habiJitirt, trat er, mit den nüthigen 
Mitteln von seinem Oheim reichlich versehen, eine längere wissenschaft- 
liche Reise an, nach Straßburg, nach Paris, wo er sich an J. L. Petit 
besonders anschloss, und nach London, wo er zu Percival Pott in nähere 
Beziehung trat, nach Oxford, Le^'den, Amsterdam und Groningen; 
und kehrte nach einer Abwesenheit von 1 '/o Jahren zurück nach Göttingen, 
wo er sofort zum a. o. Professor ernannt wurde. 

Mit der lateinischen Schrift über die verschiedenen Verfahren der Star- 
Ausziehung (I) lud er zu seiner am 8. Oct. 1766 abzuhaltenden Probe- Vor- 
lesung de dignitate chirurgiae cum medicina conjungendae ein. Als 
Lehrer, Schriftsteller, Arzt entfaltete er eine unvergleichliche Thätigkeit, 
Bereits im Sommersemester 1767 hielt er, neben Vorlesungen über alle 
Zweige der Medizin und Chirurgie, ein Publicum über Augenkrank- 
heiten, und wiederholte diese Vorlesung regelmäßig jedes 2. oder 3. 
Semester. Seine Schüler waren gefesselt und hingerissen. 

Bereits 1771, also mit 29 Jahren, wurde Richter ordentlicher Professor, 
1776 ordentliches Mitglied der Göttinger Societät der Wissenschaften, 1780 
Leibarzt, 1782 Ilofrath. Das glücklichste Familienleben wurde ihm zu 
Theil. Seine geliebte Frau war von blendender Schönheit, wie das von 
dem berühmten Maler Tischbei\ geschaffene Oel-Gemälde nachweist. Seine 
älteste Tochter heirathete den berühmten Chirurgen Loder, seinen Sohn 
Georg August ließ er, nach sorgfältiger Erziehung, in Berlin die ärztliche 
Staatsprüfung ablegen. In seinem Beruf und in seiner Familie suchte und 
fand er sein Glück. Nur zwei Mal hat er später noch Göttingen auf 
kurze Zeit verlassen; 1786 machte er eine Sommerreise nach Frankreich 
und der Schweiz und 1 802 nach Wien. Im ganzen erfreute er sich 
einer guten Gesundheit. Doch litt er an Podagra. Das zunehmende 
Alter zwang ihn, seine ärztliche, lehrende und schriftstellerische Thätig- 



1) Nicht von Cassianus, wie H. Rohlfs angiebt, sondern von dem strengen 
Richter L. Cassius Longinus Ravilla, um M3 v. Chr., der von der (grauen] Farbe 
seiner Augen seinen Beinamen R. trug. (Vgl. Pauly's Real. Encycl. d. Klass. Alter- 
thumswiss., h. von G. Wissowa, III. B., S. 1742, -1899.) 

2) Von Phaedrus oder Seneca. 



216 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

keit einzuschränken. In den letzten Jahren las er nur noch über specielle 
Pathologie und Therapie. Am 23. Juli 1812 ist er nach kurzer Krankheit 
verstorben. 

Richter war voll i»ersünlicher Liebenswürdigkeit. Goethe sagt in 
seinem Bericht über seine Badezeit zu Pyrmont im Jahre 1801 i): »Ilofrath 
Richter von Güttingen, in Begleitung des augenkranken Fürsten Sangusko, 
zeigte sich immer in den liebenswürdigsten Eigenheiten, heiler auf trockne 
Weise, neckisch und neckend, bald ironisch und paradox, bald gründlich 
und offen.« Streben nach Wahrheit, Offenheit, maßvolle Kritik, Einfach- 
heit, das sind die Eigenschaften, die uns in R.'s Schriften entgegentreten, 
deren Styl man sogar mit dem von Lessing verglichen hat. 

Aus seinem Haushaltungs-Buch ersehen wir, dass R. von 1780 ab 
jährlich eine Einnahme von 4000 bis 8000 Thlrn. hatte; dass er aber 
auch auszugeben verstand, z. B. 6855 Thlr. für die 5 jährige wissenschaft- 
liche Reise seines Sohnes und später noch 8050 Thlr. Zuschuss für den- 
selben. Als Professor erhielt er 800 Thlr. Gehalt, das Collegien-Geld erließ 
er ärmeren Studenten zur Hälfte oder ganz. Unter seinen ärztlichen Ein- 
nahmen stehen einmal 1 00 Thlr. pro cura pterygii. 

Richter's Hauptverdienst besteht darin, dass er die deutsche Chirurgie, 
welche durch Heister und Platner zu einer Wissenschaft erhoben worden, 
aber in ihrer Ausübung Handwerk geblieben, in eine Kunst umwandelte, 
indem er eine innige Wiedervereinigung der Chirurgie mit der Medizin 
herstellte. 

In der Augenheilkunde hat er nicht die Rolle eines Gründers 
gespielt, wie der Franzose Pariset will, wohl aber die eines Refor- 
mators. Als Vater der deutschen Augenheilkunde preist ihn 
1811 Conrad J. M. Langenbeck, Prof. der Anatomie und Chirurgie von 
Güttingen. 

»Richter war im eigentlichen Sinne ein internationaler Reformator der 
Augenheilkunde: er brachte die deutsche Augenheilkunde nicht blos zur 
wissenschaftlichen und künstlerischen Blüthe, sondern bewirkte, dass sie, 
die bisher noch in den wissenschaftlichen Windeln gelegen, die Augenheil- 
kunde aller übrigen Kultur-Völker überholte und von jetzt ab die Führung 
übernahm, die sie bis auf diesen Augenblick behauptet.« (Rohlfs, a. a 0., 
S. 121.) Er erkannte, dass die Augenheilkunde ebenso sehr mit der inneren 
Medizin als mit der Chirurgie zusammenhängt, errichtete ihr eine eigne 
KHnik und führte besonders Vorlesungen über Augenheilkunde ein. Immer 
übte er Kritik, seine Therapie ist einfach, die Indicationen bestimmt und 
alle Momente berücksichtigend; die grüßte Sorgfalt verwendet er auf die 
Aetiologie. 



1) Annalen, 1801. Jubiläums-Ausg. in 40 B.. B. 30, S. 77. 



A. G. Richter. 217 

A. G. Richter's Schriften : 

1 . Yarias cataractam extrahendi methodos exponit et ad orationem qua 
munus professoris med. extraord. clementissime sibi demandatum die YIII Oct. 
17 66 aditurus est . . . invitat D. Aug. Gottlieb Richter, Gotting. 1766, 4". 

2. Operationes ahquot, quibus cataractam extraxit, Gott. 1768, 4°. 

3. Observ. chir. fasciculus continens de cataractae extractione observationes, 
Gott. 1770, 8°. Genauer und verbessert im folgenden. 

4. D. August Gottlieb Richters d. Arzneigelahrheit ordentlichen Lehrers 
auf der Univ. zu Göttingen und der Königl. Gesellsch. der Wissensch. daselbst 
Mitglieds, Abhandlung von der Ausziehung des grauen Stars. Göttingen, im 
V. der Wittwe Vandexhoeck, 1773. (8°, 216 S.) (Ausführhches Referat, Haller, 
bibl. chir. II, 521. Beer [Rep. III, 159] enthält sich einer genauen Anzeige, 
da die Schriften eines Richter ohnehin in der Hand eines jeden Augenarztes 
sein müssen.) 

5. Observ. de fistula lacrymali, Comment. Soc. reg. scient. Göttingen I, 
1778. 

6. Anfangsgrimde der Wundarzneikunst, 8 Bände, 1782 — 1804. (Ehe 
das Werk fertig geworden, mussten schon von den ersten Bänden verschiedene 
neue Ausgaben gedruckt werden.) Die Augenheilkunde ist im Band 11, § 4G7 
bis 614, S. 386 — 514 und im ganzen Band III (528 S.) abgehandelt. 

7. Chirurg. Bibliothek, 15 Bände, 1771 — 1797. Liefert vollständige und 
genaue Auszüge aus den besten chirurgischen Schriften, sowohl den fremden 
wie den deutschen, von denen »die ersteren meistentheils noch lehrreicher und 
wichtiger«. »Selten wird geurtheilt, aber nie ohne Beweise.« (Es wäre sehr 
nützlich, wenn auch heutzutage eine solche Kraft sich mit Referaten beschäf- 
tigte!) Bis zum 13. Band war R. der alleinige Verfasser der chirurgischen 
Bibliothek. An den letzten zwei Bänden half Loder, dann hörte das segens- 
reiche Unternehmen auf. Diese Bibliothek bespricht auch zahlreiche Werke über 
Augenheilkunde. Wir haben sie bereits oft erwähnt. 

8. Nach R.'s Tode erschienen noch medizinische und chirurgische 
Bemerkungen und die specielle Therapie (in 12 B.), herausgegeben von 
seinem Sohn G. A. Richter, 1821 — 183 6. 

§ 424. Richter's »Abhandlung von der Ausziehung des grauen 
Stars« (4) hat für die neue Star-Operation, die Ausziehung, genau 
dieselbe Bedeutung gehabt, wie zwei Menschenalter vorher Heister's Schrift 
für die neue Lehre vom Star-Sitz. Man wolle übrigens wohl beachten, 
dass seine Abhandlung vom Jahre 1770(3), die das wesentliche der 
folgenden (4) vom Jahre 1773 schon enthält, vor den ausgezeichneten 
französischen Werken von Jamn, Pellier, Wenzel erschienen ist. 

Obschon in der kleinen Stadt Göttingen, die selbst heute nicht viel 
über 30 000 Einwohner zählt, und bei den damahgen Verkehrs-Verhältnissen 
Richter's Erfahrung in der Star-Operation, die er selber angiebt »sehr 
oft« verrichtet zu haben, eher wohl nach Dutzenden als nach Hunderten 
zählte, zumal die Göttinger Universitäts-Klinik noch nicht errichtet war'); 



1; 1780 wurde sie begründet und Richter unterstellt. 



218 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

so ist sein Werk doch viel gehalt- und lehrreicher, als einige neueste 
Bücher, deren Vf. sich vieler Tausende von Star-Operationen berühmen. 

Den Inhalt dieses Werkes wollen wir aber nicht besprechen , da wir 
bald eine von Richter zwanzig Jahre später verfasste Darstellung desselben 
Gegenstandes ausführlich zu erörtern haben. Nur aus der Einleitung sei 
sein Bekenntniss hervorgehoben, dass er viele Sätze, die er früher (3) für 
wahr hielt, jetzt nicht mehr dafür hält und verändert hat, da man jeden 
Tag zulernt. Seine Schrift soll die deutschen Wundärzte ermuntern, die 
Star-Operation auszuführen, welche bisher fast gänzlich aus der Chirurgie 
verbannt und den Händen umherziehender Augenärzte anvertraut gewesen ist. 

Richter's Darstellung der Augenkrankheiten, die er uns in 
seinen Anfangsgründen der Wundarzneikunst (6) geliefert, ist seit der arabi- 
schen Zeit die ausführlichste; aber, was wichtiger scheint, sie gehurt zu 
den gehaltreichsten, auch nach dem Urtheil seiner Zeitgenossen. Joseph 
Beer, der ihn übertreffen sollte, erklärt 1799 (Rep. I, 103): »Ein klassi- 
sches Werk . . . Alles, was ich dagegen zu erinnern hätte, ist dass der Vf. 
hie und da nicht bestimmt genug seine Meinung sogt.« — Derselbe sagt 
(Lehre v. d. Augenk. 1792, Vorrede): »Die gründlichste praktische Anlei- 
tung zur Erkenntniss und Heilung der Augenkrankheiten haben wir un- 
streitig dem Hrn. Prof. Richter zu verdanken.« 

Ich möchte noch besonders hervorheben, dass Richter die wichtigen 
Arbeiten seiner Vorgänger zwar sparsam, aber genau ausführt. 

An das zehnte Kapitel, von den Krankheiten der Stirnhöhlen, — wo 
wir vielleicht zum ersten Mal den Satz ausgesprochen finden, dass in 
den Stirnhöhlen oft die unentdeckte Ursache der einseitigen 
Erblindung verborgen liegt, einen Satz, der in der ruhmreichen Re- 
form-Zeit um die Mitte des 1 9. Jahrhunderts fast vergessen zu sein schien 
und erst gegen Ende desselben Jahrhunderts gewissermaßen wieder neu ent- 
deckt werden musste ^), — schließt sich das elfte, von der Thränenfistel, 
als Beginn der Lehre von den Krankheiten des Auges und seiner Umgebung. 

Die Einsaugung und Fortschaffung der Thränen in die Nase hinein 
geschieht durch Muskelkräfte, indem die Lider wechselsweise sich schließen 
und öffnen. Gehinderter Durchgang der Thränen durch die Thränenwege 
in die Nase ist die nächste Ursache der Thränenfistel. Es ist eine An- 
schwellung des Thränensacks, dessen Inhalt sich durch die Thränenpunkte 
ausdrücken lässt. Ursache ist Verstopfung des Nasengangs, aber nur in 
einigen Fällen. 



V] Im 18. Jahrhundert, als die Wundärzte auch die Operationen am Auge aus- 
führten, die meisten, welche sich als Augenärzte bezeichneten, aus der Chirurgie her- 
vorgegangen waren, lag keine Veranlassung vor, so wie es heute geschieht, den 
Augenärzten Uebung in der operativen Behandlung der Nebenhöhlen anzuempfeh- 
len. (Vgl. Prof. AxENFELD, Med. Klinik 1S08, No. 23.) 



A. G. Richter. 219 

Die zweite Gattung entsteht durch Metastase eines KrankheitsstofTes 
(eines scrofulüsen, venerischen, gichtischen) in die Thränenwege. Hierbei 
sind auch die Schleimdrüsen des Thränensacks mitbetheiligt. Die dritte 
Gattung entsteht von Schwäche und Ausdehnung des Thränensacks. 

Der erste Grad ist ohne Entzündung, der zweite mit Entzündung des 
Thränensacks, auch des Zellgewebes, das unmittelbar darauf liegt; der dritte 
mit einer Fistel-Oeffnung in der äußeren Haut. Nur der letzte Fall ver- 
dient eigentlich den Namen Thränenfistel. Gewühnlich erfolgt der Auf- 
bruch nach einer heftigen Entzündung. Im vierten Grad ist die Innenfläche 
des Thränensacks wirklich geschwürig, der Sack von schwammigem Fleisch 
erfüllt, das Nagelbein cariüs. Der Beinfraß kann sich verbreiten. 

Die erste Gattung, welche von Verstopfung des Nasenganges herrührt, 
erfordert eine Operation , wodurch der Nasengang wieder geöffnet wird. 
Die ANEL'sche Spritze wirkt wenig, mehr das Ausdrücken, das wiederholt 
werden muss. Verwerflich ist die ANEL'sche Sonde, wahrscheinlich macht 
man einen falschen Weg. Darum ist auch das Verfahren von M£jax, der 
ja auch zuerst eine ganz feine Sonde einführen will, nicht zu empfehlen. 
Das von Fgöest, von der Nase aus zu sondiren, ist öfters gar nicht aus- 
führbar. Am besten ist es, den Thränensack aufzuschneiden und die Sonde 
einzubringen, mit welcher der Nasengang durchstoßen wird. Das gelingt 
immer. (Das Verfahren wird auf das genaueste beschrieben.) Sowie der 
Nasengang geöffnet ist, führt man eine Darmsaite ein. Diese bleibt einige 
Tage liegen und wird dann immer durch eine dickere ersetzt: vier Wochen 
lang. Dann kommen trocknende Einspritzungen und die bleierne Sonde 
an die Reihe. Von Wathen's goldnen Röhrchen und von der Durchboh- 
rung des Nagelbeins hält R. nicht viel. 

Bei der zweiten Gattung kommt es darauf an, den Krankheits-Stoff 
zu vernichten oder abzuziehen, was auf Schwierigkeiten stößt. Die vene- 
rische Form erfordert Quecksilber, innerlich und örtlich. Einspritzungen 
in den Sack mit Hüllensteinlösung sind von Nutzen. 

Bei der Schwäche des Thränensacks kommt in den schlimmsten Fällen 
die Durchbohrung des Nagelbeins in Frage; sonst aber Ausdrücken, Ein- 
spritzung, Compressen. 

Bei dem ersten Grade thut man gut, sich mit der Palliativ- Kur zu 
begnügen, namentlich bei Kindern. Ist das Bersten des Sacks bevorste- 
hend, so muss man ihn aufschneiden. Die Fistel-Oeffnung muss erweitert 
werden, dann heilt sie gewöhnlich zu. Bei dem vierten Grade muss das 
Nagelbein durchstoßen werden, mit dem Poix'schen Troikar, zur Einlegung 
eines Röhrchens. Verschließung der Thränen-Punkte und Gänge sind 
schwer zu heilen. 

Das 12. Kapitel handelt von den Krankheiten der Augenlider. Gegen 
Lidrand-Entzündung hilft eine Salbe aus 4 Loth frischer, ungesalzener 



220 XXIII. Hirschberg. Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Butter und einem Quentchen Mercur. praecip. ruber. (Also etwa 1:10, 
ungefähr wie in der letzten Ausgabe des Deutschen Arzneibuches.) 

Die Neugeborenen-Eiterung wird seltsamer Weise hier und nur nach 
Ware und ohne Berücksichtigung der schon 1750 von Quelmalz i) fest- 
gestellten Aetiologie abgehandelt. Wunden der Lider, Verwachsung der- 
selben, Ausstülpung, Trichiasis, — »nur bei sehr aufmerksamer Unter- 
suchung entdeckt man als bisher unerkannte Ursache hartnäckiger Augen- 
Entzündung ein oder zwei einwärts gebogene Härchen«; — Ptosis, bei 
welcher der Krampf des Orbicularis richtig beschrieben ist, Hasen-Auge 
und Lidgeschwülste machen den Schluss des zweiten Bandes. 

Der dritte Band enthält die Krankheiten des Augapfels, zuerst die 
Augen-Entzündung. »Man theilt die Augen-Entzündungen in verschie- 
dene Gattungen ein und sieht bei dieser Eintheilung auf den verschiedenen 
Sitz, auf den verschiedenen Grad der Heftigkeit, auf die verschiedene 
Dauer, auf die verschiedenen äußeren Zufälle, vorzüglich aber auf die ver- 
schiedenen Ursachen der Entzündung. In Absicht des Sitzes ist zu be- 
merken , dass kein Theil im Auge ist, der nicht entzündet werden kann, 
und dass bei sehr heftigen Entzündungen zuletzt alle Theile des Auges 
wirklich entzündet sind.« Die wichtigste Kur-Anzeige gründet sich auf die 
Ursache der Entzündung, die zweite auf den Charakter derselben. 

Die einfache hitzige Augen-Entzündung (Chemosis, taraxis)^^ erfordert 
den Ad erlas s. Unter den örtlichen Aderlässen ist die Durch-(Aus-) 
Schneidung der Bindehaut das allervorzüglichste. Die Ophthalmoxysis 
ist eine alte verwerfliche Operation 3). Abführmittel können im Anfange 
nichts nützen. Zu den inneren entzündungswidrigen Mitteln gehört der 
Salpeter. Im chronischen Zustand giebt man Calomel, Spießglaswein, China, 
Tinct. Theb. Im hitzigen Zustand passen örtlich nur erweichende Mittel, 
ein lauwarmer Brei aus Malven, Althaea, Mohnköpfen. Danach verträgt 
das Auge am besten die Blei-Mittel, hierauf Einträuflung von Tinct. Theb. 
Gegen Verkleben hilft rothe Praecipitat-Salbe , gegen Brennen und Jucken 
Sublimat-Lösung (0,05 : 120, d. h. 1 : 2400). Fremdkörper, die Augen- 
Entzündung bewirken, müssen sogleich entfernt werden. Bei krampfhaftem 
Lidschluss ^) spritzt man erst lauwarme Milch ein. (Die Vogelfutter-Hülsen 
in der Hornhaut beschreibt R. ganz gut, hat aber ihre Natur noch nicht 
erkannt. Dies hat J. Beer^^ geleistet.) Die katarrhalische Augen-Entzün- 
dung ist oft epidemisch; sie ist auch wirklich zuweilen mit einem Brust- 



-1) Vgl. unsre § 248 und 420. 

2) Vgl. § 236, 2, 5. 

3) § 75—77; § 329, XIII, 388; § 413, -1 ; § 417, 2. 

4) Noch fast hundert Jahre musste die Menschheit auf den Segen des Cocain 
harren. 

3) »Halbe Hanfhülsen von den Vögeln unter die Augendeckel geschleudert.« 
(Augenkr. 1, 103. 1813.) 



A. G. Richter. 221 

Katarrh oder Schnupfen verbunden. Die Natur heilt sie, wie jeden ein- 
fachen Schnupfen, innerhalb 8 Tagen. 

Zuweilen bemerkt man in dem einen oder andren Augenwinkel im 
Weißen des Auges einen Büschel geschwollener Blutgefäße, die nach der 
Hornhaut hin oder in dieselbe hineingehen. Die Gefäße, welche über die 
durchsichtige Hornhaut hin laufen, sind zu beiden Seiten von einer nebligen 
Trübung umgeben. Alaun- oder Hüllenstein-Tupfung der Gefäße oder Durch- 
schneidung der letzteren ist angezeigt. Der Bluterguss im Weißen des 
Auges (nach Husten, Erbrechen, Stuhlzwang, Verletzung) verliert sich ge- 
meiniglich in wenig Tagen von selbst^). 

Die galligen Augen-Entzündungen erfordern Brechmittel; die von 
Verstopfung der monatlichen Reinigungen, die von plötzlicher Hemmung 
des güldnen Aderflusses geben mit der Diagnose die Therapie an. 

Was die venerische Augen-Entzündung anlangt, so hat man die 
von offener oder versteckter Lustseuche durch Quecksilber (innerlich) 
zu behandeln, die vom gestopften Tripper ist gemeiniglich sehr hitzig 
und gefährlich; selten, wenn sie nämlich erst einige Wochen oder Monate nach 
dem gestopften Tripperfluss entstanden, mehr chronisch. Uebrigens wirkt 
der venerische Weißfluss der A^'eibspersonen ebenso. Bisweilen wird die 
Augen-Entzündung auch durch Berührung eines Fingers, an welchem Tripper- 
materie beßndlich war, verursacht. Bei der akuten Tripper-Ophthalmie ist 
die Chemosis zu durchschneiden , Merc. gummös., eine Unze auf 1 Pfund 
Milch, örtlich anzuwenden, und innerlich Quecksilber; außerdem der ge- 
stopfte Tripperfluss wieder herzustellen (selbst durch Inoculation des Tripper- 
giftes in die Harnröhre). Sowie die Tripper-Ophthalmie chronisch ge- 
worden, wird rothe Präcipitat-Salbe auf das Auge angewendet. 

Bei der scrofulösen Augen-Entzündung muss die Mischung des Kör- 
pers verbessert, Tinct. Theb. in das Auge eingeträufelt werden. Metastasen 
nach dem Auge verhütet man bei den Blattern durch Beförderung der 
L^ibes-Oeffnung (Calomel), bei der Masernkrankheit durch Beförderung 
der Haut-Ausdünstung. Die gichtische Augen-Entzündung ist schwer zu 
erkennen, wenn der erste Gicht-Anfall sich gleich auf das Auge wirft. 
Die rheumatische Augen-Entzündung ist der gichtischen ähnlich. (Hier 
vermisst man noch sehr die Ausbildung der Lehre von der Iritis, die 
wir erst Ada.m Schmidt [1804] und J. Beer verdanken.) 

Zu den empirischen Mitteln gegen Augen -Entzündung gehört vor 
allem das Quecksilber. Dasselbe wird auch äußerlich angewendet (Subli- 
mat-Lösung 1:2000; rothe Präcipitatsalbe, V2 Quentchen zu S'/s Unzen, 
d. h. fast 1 : 100). Ferner die Tinct. Thebaica, das GouLARDSche Bleiwasser. 



4) Hier haben die Alten durch Vielgeschäftigkeit gesündigt. Vgl. § 237 und 
§ 277, XIII, S. -127, 130. 



222 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit 

Sehr genau ist die Beschreibung des Eiter-Auges. Eiter bildet sich 
an der Oberfläche der geschwürigen Hornhaut, oder unter der Vorder- 
schicht, oder zwischen den Schichten, oder in der vorderen oder in der 
hinteren Augenkammer. Die Operation verdient in den meisten Fällen den 
Vorzug. Findet man nach 24 Stunden den Eiter wiedergebildet, so ist 
die Wunde wieder zu eröffnen. Von der Schrumpfung des Augapfels 
und dem künstlichen Auge wollen wir nichts weiter anführen. 

Gegen Hornhautflecke helfen örtlich Zucker, Borax, lapis divinus, 
Salmiak, Lösung des weißen Vitriols (0,05 : 30,0), des Brechweinsteins, das 
Sublimat, Hirschhorn-Salz') und -Geist, Pulver aus Zucker, Aloe und Calo- 
mel, feinstes Glas-Pulver, Zinnfeile, Sepia, Vipern- und Aalquappen-Fett, 
Nuss-Oel, Ochsengalle 2) u. a. 

Flügel-Fell und Pannus werden zusammen abgehandelt, bei dem 
letzteren die Umschneidung (oder nur die Durchschneidung der zuführen- 
den Blutgefäße) vorgenommen 3). 

Die Lehre vom Staphylom hat R. nicht so erheblich gefördert, wie 
sein Lobredner Rohlfs es ihm nachrühmt. 

Dagegen verdient das Kapitel vom grauen Star (S. 169 — 362) noch 
heute studirt zu werden. Es zeigt auch, dass R. in den zwanzig 
Jahren von 1770 — 1790 selber viel zugelernt hat. 

Der echte Star sitzt im Krystall oder seiner Kapsel, der unechte 
davor oder dahinter. Zu dem letzteren gehört die Pupillen-Sperre, das 
Pigment auf der Vorderkapsel (Cataracta choriodalis)^', die Trübimg des 
Glaskörpers hinter der Linse (C. hj^aloTdea), die angeborene Pupillen- 
sperre ^): alles dies ist selten. 

Milchstar, der vollkommene, ferner der mit kleinem Kern und wenig 
Flüssigkeit, der kughge Balgstar, der Zitterslar, der zarte, bräunhche, der 
käsige Star wird beschrieben. Ferner der Kapsel-Star, der Nach-Star, der 
mit der Regenbogenhaut verwachsen ist. R. nimmt auch einen Star durch 
Verdunklung der MoRGAGNi'schen Feuchtigkeit an, wobei die Linse selber kfar 
bleibt. Die Weiche oder Härte hängt nicht von dem Alter des Stars, son- 
dern eher von den Ursachen desselben ab. Es giebt partielle Stare. 
Wichtig ist es, den complicirten richtig aufzufassen. Bezüglich der Ur- 
sachen hat man einen örtlichen Star zu unterscheiden, nach Verletzung 
oder in sonst vollkommen gesundem Körper entstanden ; und einen, der die 
Folge eines allgemeinen Fehlers der Säfte-Masse ist, von Arthritis u. s. w. 



-t) Ammonium carbonicum. 

2) Bei Hornhaut-Geschwüren mittlerer Ausdehnung soll (nach Morax) 
Kaninchengalle eingeträufelt werden. (1t<0 7, Nov., Annal. d'Oculist.) 

3) Hier sind die Araber eingehender. 

4) Vgl. § 380. 

5) »Cataracta pupillaris«, oder besser >synizesis congenita<. 



I 



A. G. Richter. 223 

Die Operation hat in dem letztren Falle selten den gewünschten Erfolg. 
Bei Bejahrten ist der Star häufiger und bei solchen, die vor dem Feuer 
arbeiten. Es giebt eine erbliche Anlage, es giebt einen angeborenen 
Star. Heilung ohne Operation ist meist ein Irrthum. (Quecksilber, 
Bilsenkraut-Auszug, Elektricität, Keller-Esel wurden gepriesen.) 

Die Operation bleibt meist das einzige Mittel. Nie sollte man 
dieselbe unternehmen, wenn das Auge noch etwas sieht, und meist nicht, 
wenn das andre Auge noch gut sieht. Nach der glücklichsten Operation 
braucht der Kranke eine Starbrille (von 4 — 6"). Längere Vorbereitungen 
sind schädlich. 

Die Star-Operation ist eine der feinsten in der Chirurgie. 
Es giebt zwei Operationen, die Niederdrückung, die Ausziehung. Die erste 
ist alt, die zweite neu. Jede derselben hat ihre Vorzüge und ihre Unvoll- 
kommenheiten. 

RicHTEK bevorzugt eine platte zweischneidige Nadel, sticht sie \"' vom 
Hornhaut-Rande, ^2" unter der Mittel-Ebene ein und drückt den Star nach 
unten und hinten. Wilburg's ümlegung des Stars (1785), so dass die 
vordere Fläche aufwärts schaut, scheint Vortheil zu haben. Das rechte 
Auge operirt der AVundarzt mit der linken Hand und muss diese üben. 

Die Niederdrückung soll angeblich nur eine Palliative-Operation sein. Aber 
die Gefahr einer neuen Erblindung ist nicht so groß. Allerdings löst sich die 
Linse nicht immer auf, namentlich nicht, wenn sie hart, wenn sie von der 
Kapsel umgeben war. Das FERREiN'sche Verfahren (§337, XHI, S. 415) 
verwirft R. Beim Nachstar soll man sich nicht übereilen. Zuweilen 
schwindet er von selber. AA'enn nicht, muss man ihn niederdrücken 
oder durchbohren. 

Bei milchigem und gallei tigern Star muss man die Kapsel weit Offnen. 
Die Trübigkeit verliert sich meistens bald (Pott)^'. A\'enn aber feste 
Ueberbleibsel bleiben, so ist es rathsam, dieselben durch eine Oeffnung 
der Hornhaut zu entleeren. Sieht man flüssigen Star voraus, so kann 
man die Nadel gleich durch die Hornhaut und Pupille in die Linse stoßen 
und die Kapsel w-eit eröffnen. Bei stärkerer Blutung eröffne man sogleich 
die Hornhaut. 

Bisweilen erfolgt schwarzer Star nach der Niederdrückung, 
durch Druck auf die Netzhaut. 

Die Ausziehung des Stars verdanken wir Da viel. Sie ist schwierig 
bei enger Lidspalte, tief liegendem Auge, enger Vorderkammer, unthunlich 
bei Kindern. Der harte Star ist für die Ausziehung der beste, der käsige 
zerbricht und muss stückweise geholt werden. Ist die Pupille eng und 
erweitert sich gar nicht, so kann man sie dreist durch einen Schnitt 
» 

^) XIII, s. 520. 



224 XXIIl. llirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

erweitern ^). Zur Befestigung des Auges ist Beranger's Haken , le Cat's 
Zänglein unzweckmäßig, besser Pamard's Spießt), der an der Innenseite 
angelegt wird, auch S förmig gekrümmt, oder an einem Ring oder Finger- 
hut befestigt wird. Meist sind diese Instrumente unbequem, jedenfalls 
entbehrlich. 

Das Licht muss dem Kranken schief über die Nase oder seitwärts 
über den äußeren Augenwinkel einfallen. Der Schnitt durch die Hornhaut 
sei ein unterer Halbkreis, in allen Punkten V4'" vom Weißen des Auges 
entfernt. Dieser Schnitt ist genügend. War er aber viel kleiner, so kommt 
bei Druck nicht die Linse, sondern der Glaskörper; der Star bleibt zurück, 
die Pupille schließt sich, der Kranke ist auf ewig blind, Daviel räth, 23 
der Hornhaut abzusondern 3). Das ist nutzlos und gefährlich, da man Vor- 
fall der gläsernen Feuchtigkeit und der Regenbogenhaut weit mehr zu 
fürchten hat. Wenzel's Schnitt am Schläfenrand der Hornhaut verhütet 
keineswegs den Vorfall des Glaskörpers und ist schwierig. Eher könnte 
man den Schnitt nach oben versuchen. 

Das Kammerwasser soll nicht ausfließen, ehe der Schnitt vollendet ist. 
Dazu muss das Starmesser von der Spitze nach dem Grifl' zu allmählich 
breiter und dicker werden, damit es beim Vordringen immer die Wunde 
der Hornhaut genau ausfüllt; und muss an dem Ort, wo es am brei- 
testen ist, so breit wie die Hälfte der Hornhaut, d. h. es muss 3 Linien 
breit sein. Man vollendet den Schnitt in einem Zuge, durch bloßes Vor- 
stoßen. Bei einem schmaleren Messer muss man dasselbe wieder zurück- 
ziehen, um den Schnitt zu vollenden; dabei fällt leicht die Regenbogen- 
haut unter die Schneide. Die Messer-Führung wird mit der größten Ge- 
nauigkeit geschildert: Senkrecht gegen die Hornhaut wird es einge- 
stochen, dann gegen den Ausstichspunkt hin gewendet, den Rücken ein 
wenig nach der Regenbogenhaut, und so durch Vorstoßen der ganze 
Schnitt vollendet. 

Nach dem Hornhaut-Schnitt ist Eröffnung der Kapsel unerlässlich, 
und zwar eine ausgiebige. Am besten ist dazu das Kystitom von La Faye. 
Andre benutzen dazu die Star-Nadel, oder gleich das Star-Messer, wozu 
sich besonders das SiEGERisx'sche Starnadel- Messer eignet. Sobald die 
Krystallhaut durchschnitten ist, drängt sich der Star in die Pupille und 



1) 20 Jahre vorher hatte R. gezeigt, dass auch er sterblich ist; er hatte ge- 
rathen, wenn nach dem Hornhau'. -Schnitt die Pupille sich heftig zusammenzieht 
und nicht nach kurzer Zeit sich freiwillig eröffnet, 8 — 13 Stunden das Auge mit 
einem lauwarmen Brei aus Safran, Kampher und gebratenen Aepfeln zu bedecken 
und dann erst die Ausziehung zu machen! (Ausziehung des grauen Staars, 1773, 
S. 81.) 1790 fügt er noch Bilsenkraut hinzu, und »allenfalls« für einige Stunden, 
ist aber mehr für chirurgische Erweiterung der Pupille, nach Daviel und Janin. 

2) § 367. ♦ 

3) Vgl. XIII, 498. 



A. G. Richter. 225 

tritt, bei gelindem Druck des Fingers auf den unteren Theil des Augapfels, 
durch die Pupille aus dem Auge. Bei diesem Theil der Operation schadet 
alle Eile. Danach ist gemeiniglich die Pupille eiförmig und nahe dem 
unteren Theil der Hornhautwunde. Das giebt sich meist gleich von selbst. 

Star- Reste entleert man mit dem DAViEi.'schen Löffel oder durch 
gelindes Streichen der Hornhaut. Dagegen seien Einspritzungen zu diesem 
Zwecke nicht räthlich. Man soll nicht zuviel thun, da mäßige Reste 
aufgelöst werden; aber auch nicht (wie Pott) auf die Zertheilung der zu- 
rückgebliebenen sich ganz verlassen. 

Der Glaskörper fällt vor, — seltner, als man fürchtet, — bei der 
Operation, wenn der Gehilfe oder der Wundarzt den Augapfel drückt; 
wenn der Schnitt zu klein ist, wenn bei der Kapsel-Oeffnung die 
Linse verschoben wird, beim Balgstar, bei widernatürlicher Auflösung 
des Glaskörpers. Aber auch nach der Operation, einige Stunden, ja einige 
Tage nach derselben, kann der Vorfall sich ereignen, durch unvorsichtigen 
Druck auf den Augapfel. Vorsicht bei der Operation und nach derselben 
ist nothwendig; das Auge soll man nicht in den ersten Tagen öffnen. 
Mäßiger Glaskörper- Vorfall ist unschädlich, ja diese Kranken erhalten ein 
schärferes Gesicht. R. ist gegen Daviel's Rath, den vorgefallenen Theil 
der gläsernen Feuchtigkeit sogleich mit der Scheere nahe an der Hornhaut 
abzuschneiden, weil dann mehr vorfällt. Am besten thut man, das Auge 
sofort zu schließen und zu verbinden. Die Vernarbung der Hornhautwunde 
schnürt den vorgefallenen Theil ab: am 6. Tage findet man die gläserne 
Feuchtigkeit gleich einem weißen Schleim an einem dünnen Stiel; meist 
wird man am 12. Tag keine Spur mehr von dem Vorfall finden. Dabei 
ist die Pupille meist länglich und herabgezogen. Gewöhnlich bleibt das, 
aber ohne Schaden. 

Kapselstar sollte vor der Linse herausgezogen werden, Nachstar 
lässt sich nicht immer ausziehen. Da die Verdunklung der Kapsel nach 
der Ausziehung nicht selten vorkommt und meistentheils schwer zu heben 
ist, so fragt es sich, ob man nicht am besten thäte, um diese zweite 
Blindheit zu verhüten, bei der Operation jederzeit die Linse sammt der 
Kapsel auszuziehen; indess, so leicht und glücklich dies Verfahren in 
einzelnen Fällen von Statten geht, meist ist es mit solchen Schwierigkeiten 
verbunden, dass es schwerlich in allgemeinen Gebrauch kommen wird^). 

Verletzung der Regenbogenhaut ist selten und ohne schädliche 
Folgen. — Nach der Operation werden die Lider durch schmale Heftpflaster- 
streifen geschlossen und eine Gompresse darüber gehängt. Andre bevor- 



1) Niemand wird leugnen, dass dieser Satz, den ich R.'s Darstellung fast 
wörtlich entnommen, eine großartige, noch heute giltige Kritik der Ausziehung 
der Linse in der Kapsel darstellt. Richter gesteht übrigens (chir. Bibl. V, 
S. 423, 1779), dass Janin ihn auf diesen Gedanken gebracht. 

Handbucli der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. i\ 5 



■226 XXIII. Tlirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

zugen den Verband mit einem ausgehöhlten Schwamm oder mit einem 
Leinwandsäckchen, das mit Baumwolle gefüllt ist. Aderlass, Salpeter, krampf- 
stillende Mittel, spanische Fliegen sind unnütz und schädlich. Am 8. Tag, aber 
auch nicht später, soll das Auge geöffnet werden. (Chir. Bibl. V, S. 424, 
zieht er es vor, vom 4. Tag an das Auge täglich ein Paar Mal zu öffnen.) 

Sobald die Ausziehung bekannt wurde, nahm man sie beinahe all- 
gemein an. Aber jede der beiden Methoden hat ihre Vorzüge und ihre 
Mängel. Die Niederdrückung verdient den Vorzug, wenn heftige Entzündung 
zu fürchten, wenn der Kranke sehr furchtsam und unruhig, wenn die Vorder- 
kammer sehr klein, wenn neben der Linse auch die Kapsel verdunkelt ist. 
In allen andren Fällen kann man der Ausziehung den Vorzug gestatten. 

Zum Vorfall der Regenbogenhaut gehören zwei Ursachen, erst- 
lich eine widernatürliche Oeffnung der Hornhaut, zweitens eine Gewalt, 
welche die Regenbogenhaut herausdrückt. Die Oeffnung wird veranlasst 
durch ein Geschwür oder (noch häufiger) durch eine Wunde. Den häu- 
figsten Anlass giebt die Star-Ausziehung: während derselben entsteht der 
Vorfall, (wo er leicht zurückzubringen ist,)^' oder nach derselben. Ist der 
A^orfall veraltet und nicht zurückzubringen, so kann man ihn ein- oder 
abschneiden oder mit Spießglanz -Butter berühren. Gegen die ver- 
schlossene Pupille verdient offenbar in den allermeisten Fällen die 
WENZEL'sche Operation den Vorzug vor der CuESELDEN'schen und der .Janin'- 
schen, weil die gemachte Oeffnung sichrer offen bleibt. 

Der einfache Schnitt durch die Iris muss wagerecht gemacht werden, 
wenn die Pupille nach auf- oder abwärts; und senkrecht, wenn sie nach 
der einen Seite verzogen ist. 

Eine Abhandlung über den schwarzen Star aus dem 18. Jahrb. 
(oder aus der ersten Hälfte des 19.) zu lesen, kostet den Fachgenossen von 
heute soviel Ueberwindung, dass sie selten über die ersten Seiten hinaus 
kommen. Aber einige Punkte muss ich doch hervorheben. Richter hat das 
amaurotische Katzen-Auge entdeckt und Beer demselben nur später den 
sonderbaren Namen gegeben. »Zuweilen erblickt man in einer großen 
Entfernung hinter der Pupille das Innere des Auges ganz weiß. Man sieht 
eine concave weiße Fläche, auf der man sogar ganz deutlich Blutgefäße 
unterscheidet. Diese weiße Ueberfläche erstreckt sich zuweilen durch den 
ganzen hinteren Theil des Auges, zuweilen aber nur durch die Hälfte oder 
einen kleinen Theil derselben. Man glaubt, die Retina selbst zu sehen. 
Und in der That scheint sie es wirklich zu sein. Es scheint, dass diese 
anfangs neblichte und trübe, zuletzt ganz weiße Farbe tief im Auge von 



4) »Danach schliesse man das Auge mit Heftpflasterstreifen und lässt dann 
und wann ein starkes Licht durch die Augenlider ins Auge fallen.« Hier zeigt 
sich die Hilflosigkeit und der Arzneimangel des 18. Jahrhunderts. Das ge- 
nannte Mittel ist ein zweischneidiges Schwert! 



Richter. 227 

der Retina herrührt, die in diesem Falle ihre natürliche Durchsichtigkeit 
(Haller, Eiern, physiol. T. V, p. 469) verliert und äußerlich sichtbar 
wird.« 

(Diese von Richter 1790 veröffentlichten Worte hat J. Beer 1792 
[Lehre von den Augenkr. 11, S. 30] ziemlich wörtlich nachgeschrieben i) 
und später [1817, Augenkr. II, 495] allerdings weiter ausgeführt und den 
berühmt gewordenen Namen hinzugefügt.) 

Entsprechend seiner allgemein-ärztlichen Bildung hat Richter auch die 
Seh Störungen genauer und besser, als seine Vorgänger, behandelt; — wenn- 
gleich er nicht, wie Rohlfs will, als Schöpfer der physiologischen Optik an- 
gesehen werden kann. Das Doppelt- (Mehrfach-) Sehen ist entweder ein- 
äugig und dann abhängig von Unebenheiten der Hornhaut, Theilung des 
Kry Stalls in mehrere gesonderte Flächen, Doppel-Pupille; oder zweiäugig, 
durch Verschiedenheit beider Augen (z. B. nach einseitiger Star-Operation), 
durch Abweichung der Seh-Achse des einen Auges. Beim gewöhnlichen 
Schielen besteht kein Doppeltsehen, da das eine Auge sehr schwach ist. 
Lähmung eines Augenmuskels macht Schielen und Doppeltsehen. Die Haupt- 
form des Halbsehens (Hemiopia) ist der halbe schwarze Star (Amau- 
rosis diraidiata)-'. Die Tagblindheit (Nyktalopie) '^^ hängt entweder von 
umschriebener Trübung der Pupillenmitte ab oder von reizbarer Empfind- 
lichkeit des Auges. Die Nachtblindheit (Hemeralopie) wird mit wenigen 
Sätzen behandelt. 

Kurzsichtigkeit besteht, wenn die von einem (mäßig fernen) Gegen- 
stand ausfahrenden Lichtstrahlen-Bündel im Auge bereits vor der Netzhaut 
sich vereinigen. Sie entsteht von zu starker Lichtbrechung oder von zu 
großer Länge des Augapfels oder von einem Fehler der Accommodation^). 
Die widernatürliche Vergrößerung des Augapfels ist dabei zuweilen sicht- 
bar und deutlich. Personen, die beständig nahe Gegenstände betrachten, werden 
kurzsichtig; dies kann man mit einer Ankylosis ex quiete vergleichen. Die 
Palliativ-Kur besteht in dem Gebrauch der Concav-Brillen, die aber pas- 
send gewählt werden müssen. Die Radikal-Kur ist schwierig. Aber 
»sollte man nicht im Falle einer äußersten Kurzsichtigkeit es versuchen 
dürfen, die Krystall-Linse niederzudrücken oder auszuziehen«? 

Weitsichtigkeit (Presbyopia) ist der entgegengesetzte Fehler. Der 
Brennpunkt der Lichtstrahlen würde hinter die Netzhaut fallen. Ursache 



1) Sogar mit dem unrichtigen Citat Haller's, denn an der genannten Stelle 
steht »die natürliche Durchsichtigkeit« nicht, sondern S. 385. 

2) Also besser Halbblindheit. 

3) Also nach Hippokr atischer Namengebung. Vgl. § 51—53. 

4) R. sagt (1790) »der Kraft, vermöge welcher das Auge abwechselnd der- 
gestalt verändert wird, dass es nahe sowohl als entfernte Gegenstände deutlich 
sehen kann«. Aber im §504 braucht er das Wort >accommodiren« , das übrigens 
von Pemberton (1719) eingeführt ist. 



228 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

ist entweder zu schwache Brechung im Auge, oder Kürze des Augapfels 
oder ein Fehler der Accommodation. 

Zusatz. Eine Richtigstellung zur Geschichte der Star-Aus- 
ziehung 1). 

In den »Documents servant ä l'histoire de l'extraction de la cata- 
racte, essai historique« par le Docteur D. E. Sulzer (Annales d'Oculist., 
nov. et dec. 1895) hat der Herr Verfasser aus dem bekannten Trait6 de 
la cataracte par M. de Wenzel, Paris 1786, den folgenden Satz abge- 
druckt und, da er kein Wort der Kritik hinzufügt, vielmehr »le fait de 
1' Usurpation commise par Richter« ausdrücklich hervorhebt, zu seinem 
eignen gemacht: 

»M. Richter, medecin qui voyageait, s'etant arrete ä Londres, se munit 
chez un homme Savigny, coutelier, qui travaille pour nous, d'une douzaine 
des Instruments qui nous etaient destines. De retour ä Goettingue, i! ne 
suit que l'intervalle de quelque mois entre son arrivee et la publication 
d'une petite brochure, oü il presente au public notre Instrument, dont il 
parait s'attribuer l'invention, quoique mon pere s'en servit plus de vingt 
ans auparavant.« Et en note: 

»Je crois pouvoir assurer que M. Richter donne cet Instrument comme 
de lui puisqu'il se sert tres souvent des expressions cultellus noster, 
cultellus quo utor, sans citer mon pere« (1. c. p. 32). 

Also der berühmte August Gottlieb Richter, von 1766 — 1812 Prof. 
der Heilkunde in Güttingen, der erste klassische Chirurg Deutschlands, le 
fondateur de l'ophthalmiatrie nach dem Urtheil des geistreichen Lands- 
manns von Sulzer, Herrn Pariset, — Richter, dessen edle und liebens- 
würdige Eigenschaften in der Geschichte verzeichnet sind und auch von 
Goethe gerühmt worden, wird auf die bloße Behauptung eines Mannes hin, 
der zuerst mit seinem Vater das Gewerbe eines Augenarztes im Umher- 
ziehen betrieb, wenn er auch später in Paris sich sesshaft machte, als 
Dieb bezeichnet! Kurz und gut, Wenzel's Behauptung ist eine Lüge 2) 
und ist als solche sofort im Jahre 1787 nachgewiesen worden, an einer 
Stelle, die einem Geschichtschreiber der Star-Ausziehung wichtig sein sollte, 
nämlich im 8. Bande von Richter's chirurgischer Bibliothek, wo dieser 
selbst einen ausführlichen, kritischen Bericht von Wenzel's oben genannter 
Schrift liefert. 

Ich kann es mir nicht versagen, diese Stelle wörtlich hierher zu 
setzen. Vielleicht nimmt Herr College Sulzer die Gelegenheit wahr, die- 



1) J. Hirschberg, im »Centralblatt für praktische Augenheilkunde«. -1907, 
Maiheft. 

2) Auch Beer hat in seinem Repert. (III, S. 173, 4 799) Wenzel's Behauptung 
spöttisch abgelehnt, nach meiner Ansicht nicht scharf genug. 



Richter's Star-Messer. 229 

selbe für seine Landsleute in den Annales d'Oculistique französisch zu 
übersetzen, getreu dem Grundsatz: 

Eyns mans redde eine halbe redde, 
man sal sie billich verhören bede. 

Dr. Aug. Gottlieb Richter . . . Chir. Bibl. des 8. Bandes 3. Stück, 
1787, S. 411: Geschichte der Ausziehung des grauen Stars. 

»Hier kündigt mir wider Vermuthen der Verf. eine Fehde an. Er be- 
schuldigt mich, dass das Starmesserchen, welches ich bei verschiedenen 
Gelegenheiten öffentlich beschrieben habe, und für das meinige ausgebe, 
seines Vaters Erfindung sei; dass, als ich in London gewesen, ich Messer, 
die für seinen Vater bestimmt waren, von dem Messerschmidt Savigny er- 
halten, und bald darauf nach meiner Rückkunft, sie A. 1770, als die mei- 
nigen beschrieben habe. Ich begreife nun wohl, dass es einem Manne, wie 
Herr Wenzel ist, sehr auf die Ehre der Erfindung eines Instruments an- 
kommen muss, das zu einer Operation angewendet wird, welche vielleicht 
des V. ganze Arzneykunst und Wundarzneykunst ausmacht. So nöthig 
habe ich nun diese Ehre nicht, und ich würde, da ich überhaupt kein 
Freund von Streitigkeiten bin, sie ihm gerne sogleich überlassen, wenn 
mich nicht die Art seiner Beschuldigung veranlasste, ihm zu antworten. 
Sonderbar ist es nun freilich, dass Herr W. den Raub erst nach 22 Jahren 
entdeckt; denn so lange ist es, dass ich mich meines Messerchens bediene, 
und dass ich dasselbe bereits öffentlich beschrieben habe. Herr W. be- 
schuldigt mich, dass ich von Herrn Savignv Messerchen, die ihm bestimmt 
waren, erhalten habe. Dies ist der ganzen Bedeutung des Wortes nach 
— eine Lüge. Ich habe Herrn S. nie in meinem Leben gesehen, ich bin 
nicht 1770, sondern 1765 in London gewesen, und habe damals nicht ein- 
mal den Namen S. nennen hören; weiß auch bis auf diesen Augenblick 
nicht, ob S. damals schon in London war. Ich habe bereits 1766, nicht 
erst 1770, mein Messerchen in einem Programm beschrieben und abge- 
bildet; anfangs immer mit Messern, die in Deutschland verfertigt waren, 
operirt, und erst im Jahre 1772 mir dui'ch einen meiner Schüler, der nach 
London reiste, Messer nach einem Muster, das ich ihm mitgab, in London 
verfertigen lassen. Ich weiß bis diese Stunde noch nicht, ob diese Messer 
S. verfertigt hat. VorzügUch gründet der Verf. seine Beschuldigung auf 
die große Aehnlichkeit meines Messers mit dem seinigen. Aber welcher 
Grund? Ich finde in der Abhandlung des Vf.'s vieles, sowohl von der 
Operation als der Behandlung des Kranken, gerade und genau so gesagt, 
wie ich es in meinem Programm und in meiner Abhandlung vom Star 
gesagt habe, und beschuldige dennoch Herrn W. nicht, dass er mich ab- 
geschrieben hat. Der Schnitt durch die Hornhaut ist so eine einfache 
Operation, die Regeln, nach welchen derselbe geschehen muss, sind so 



230 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

deutlich und offenbar, dass zur Erfindung eines bequemen Starmessers wirk- 
lich blos gesunder Menschenverstand und Kenntniss der Operation nöthig 
ist. Zehn Personen, die dies beides besitzen und den Auftrag hätten, be- 
queme Messerchen zu dieser Operation zu erfinden, würden gewiss Messer 
vorschlagen, die nicht allein meinem und dem WENZELschen, sondern auch 
sich untereinander ähnlich wären. Ich habe nicht allein ein Messer zur 
Operation vorgeschlagen, sondern auch die Eigenschaften, die dasselbe haben 
muss und die Regeln, die bei dem Gebrauch desselben zu beobachten sind, 
genau angezeigt. Dieses alles habe ich doch wohl nicht auch von Herrn 
Sayigny, auch wahrlich nicht von Herrn W. gehurt. Und nun dächte ich, 
wer die Eigenschaften eines guten Starmessers so genau kennt, kann sich 
ja wohl aucb ein Messer nach seiner Vorschrift verfertigen lassen. Ich 
habe das Messer des Herrn W. zum ersten Mal in meinem Leben vor 
einigen Monaten zu Paris bei Herrn Achard gesehen. Ich fand zu meiner 
großen Verwunderung, dass dasselbe wesentlich von dem meinigen unter- 
schieden ist^). Es kann beinahe nicht anders sein, als dass alle Starmesser 
einander mehr oder weniger ähnlich sehen ; aber auch die äußerliche Aehn- 
lichkeit, denn wahrscheinlich hat Herr W. mein Älesser nur in der Abbil- 
dung gesehen, zwischen dem WENZEL'schen Messer und dem meinigen ist 
bei weitem nicht so, dass sie Herrn W. zu der obigen Beschuldigug be- 
rechtigen können. Endlich versichere ich Herrn W., dass ich mit ihm 
gar nicht über eine Erfindung streite, die mir werth ist, und dass ich 
einige sehr glückliche Versuche mit dem SiEGRisi'schen Starnadelmesser 
gemacht habe und mich in der Folge dieses Instrumentes, welches große 
Vorzüge vor dem WENZEt'schen und dem meinigen hat, bedienen werde.« 
Uebrigens ist der Baron von Wenzel zwanzig Jahre später (im 
Jahre 1808) etwas weniger grob, wenngleich ebenso unwahr: »Jai fait 
mention dans mon traitc des raisons, pour lesquelles l'instrument de Richter 
et le nötre paraissant le meme. (Biet, ophthalmol. Paris 1808, I, S. 108.) 

§425. Die andren Mitglieder der Göttinger Schule. 
JusTus Arnemann 2 (15), 
1763 zu Lüneburg geboren, 1787 Prof. zu Göttingen, gründete 1769 ein 
Chirurg. Privat-Klinicum und 1797 »das Magazin für Wundarzneiwissen- 
schaft«, entfaltete eine sehr fruchtbare wissenschaftliche Thätigkeit, schrieb 
ein System der Chirurgie, in dem auch die Augenheilkunde abgehandelt wird ; 
musste aber Schulden halber 1803 flüchten, ging nach Hamburg, hatte 



4) Dies hatte schon lange vor Wenzel's <786 erschienener Schrift Andreas 
Meyer in seiner 1772 zu Greifswald erschienenen Dissert. über des alten Wenzel. 
Star-Operation ausdrücklich hervorgehoben: § 16. Multum differt ab antea de- 
scriptis cultellus Richterianus. 

2; Biogr. Lexikon 1, 1 97. 



Arnemann. — Die preußischen Schulen. 231 

auch hier Erfolge, machte aber in einem Anfall von Schwermuth am 
25. Juli 1806 im Wandsbecker Gehölz durch einen Pistolenschuss seinem 
Leben ein Ende. 

Seine »Uebersicht der berühmtesten und gebräuchlichsten chirurgischen 
Instrumente älterer und neuerer Zeiten«, Güttingen 1786 (236 S.) hat 
J. Beer's Zorn wachgerufen, da des letzteren Star-Messer darin herb getadelt 
wird. (Repert. I, 169.) 

In seinem Magazin (I, 3, S. 140) verüffentlicht A. einen schwierigen 
Fall von geschrumpftem Star, der in keiner Weise herausgezogen werden 
konnte, — bis er ihn mit einer Pinzette fasste und mit einer feinen Hohlschere 
von der Iris fortschnitt. Die Pupille war sofort rein. »Ein auffallender 
Beweis,« sagt Beer (Repert. III, 190), »wie viel man bey dieser Operation 
auch in den schwersten Fällen durch Gegenwart des Geistes , Gelassenheit 
und Muth ausrichten könne.« (Ich habe auf meinen Reisen mehr als ein- 
mal gesehen, wie eine derartige Operation vollkommen scheiterte, weil es 
dem Augenarzt an jenen Eigenschaften Arnemann's gebrach.) 

Dasselbe Magazin enthält im I. Band eine Arbeit von J. G. C. Con- 
rad! (16), Stadtphysicus in Norlheim^), über den Nutzen des Sublimats 
in der Augenheilkunde. Seine Formel ist: 

Sublimat gr Ve (0,01), 

Rosenwasser 51 (30,0), 

Laudan. Sydenham. 5ß ('i^). 

S. Aq. ophth. Mercurialis. 
Die Concentration ist also etwa 1 : 3000. In G. Graefe's Repert. augen- 
ärztl. Heilformeln (1817, §358) wird es als Aqua ophthalmica Conradi 
bezeichnet. 

Endlich finden wir im II. Band eine Arbeit von Dr. J. Beer in Wien 
über die Heilung des schwarzen Stars, worin eine Augendusche be- 
schrieben wird, nämlich ein hochgestellter Wasserbehälter, von Eis um- 
geben, von dem eine Röhre herabsteigt, sich umbiegt und an ihrem Ende 
einen kleinen Springbrunnen liefert. 

Zusatz. HiMLY und der ältere Langenbeck, deren Thätigkeit in 

den Anfang des 1 9. Jahrhunderts fällt, sollen später berücksichtigt werden. 

Ebenso die Wiener Schule, deren Hauptverdienst, die Trennung der 

Augenheilkunde von der Chirurgie , gleichfalls erst im 1 9. Jahrhundert 

hervorgetreten ist. 

§ 426. Die preußischen Schulen 

sind in dem Werk von A. Hirsch mit Stillschweigen übergangen. Dieses 
Unrecht möchte ich gut zu machen suchen. Unter den preußischen Uni- 



1) Bei Hildesheim. 



232 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

versiläten, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Studium der 
Heilkunde pflegten, kommt neben der von Halle, wo die epochemachende 
Dissertation von Stahl über die Thränenfistel (§ 361) und etliche von seinem 
großen Nebenbuhler Hofman\ (vgl. § 428) geschaffen wurden, noch die von 
Frankfurt!) a. d. Oder zu nennen, der wir — außer der (XHI, S. 467) 
schon besprochenen Dissertation des berühmten Albinus de Cataracta, 
vom Jahre 1695, — noch 

Caroli Aügusti a Bergen et Jo. Christ. Weise 

disput. de nyctalopia s. caecitate nocturna, Francof. ad Viadr. 3. Aug. 

1754, (Haller, disp. ad morb. h. fac. I, S. 361—374) 
zu verdanken haben. 

C, A. V. Bergen (17) war seit 1744 Prof. der Pathologie und Therapie 
zu Frankfurt a. 0. und Vf. der Elementa anatomiae experimentalis. 

Mir scheint es interessant, dass, während bei den Alten, die doch 
den Begriff der Nachtblindheit so scharf defmirten^), keine Einzel- 
fälle vorliegen, hier zum ersten Male solche gesammelt worden sind: 
1. Epifanio Ferdinand! 3) aus Terra di Otranto (1569 — 1638) hat in 
seinen Centum . . . casus medici (Venet. 1621, bist. 51, p. 156) den 
Fall eines Jünglings beschrieben , der an ausgeprägter Nachtblindheit 1 5 
Tage lang litt. Der Arzt schickte ihn in die Stadt, gab ihm Brot mit 
Anis und Fenchel sowie Holztrank. Er hat 8 Fälle beobachtet^ die alle inner- 
halb 40 Tagen geheilt wurden. 2. In den Philosoph. Transactions No. 159 
wird der Fall eines Jünglings mit Nachtblindheit beschrieben, — aber der Aus- 
gang nicht mitgetheilt. 3. D. G. E. Hermann 'i) hat (in seinen Primit. Phys. 
med. Pol., A^ol. I, Lesnae p. 236) eine Epidemie vorübergehender 
Nachtblindheit beschrieben. Gegen Ende des Juli, bei stärkster Sonnen- 
glut, waren im Gau von Popow viele Landleute beider Geschlechter und 
behebigen Alters, die Herden hüteten, das Land beackerten, die Ernte be- 
sorgten, kurz unter freiem Himmel sich aufhielten, welche bis 4 oder 5 Uhr 
Nachmittags gut und scharf sahen, dann aber schlechter, und schließlich 



1) Am 26. April I,j06 eröffnete Kurfürst Joachim I. die vom Papst Julius II. 
am 13. März errichtete Universität (Viadrina, von Viadrus, Oder,) die bald 430 
Studirende zählte, aber 1516 nach Cottbus verlegt und erst 1539 in Frankfurt 
wieder hergestellt und später unter dem großen Kurfürst erneut wurde. Im Jahre 
1811 wurde sie nach Breslau verlegt, bezw. mit der 170^2 begründeten Universität 
Breslau vereinigt. 

2) §244, § 51—55 (woselbst die Stelle des Aristoteles, nach meiner Augen- 
heilkunde des Ibn Sina, 1902, S. 139, richtig zu stellen ist). Vgl. ferner den 
arabischen Kanon, XIII, S. 141, woselbst der fortgesetzte Aufenthalt in der 
Sonne als Ursache der heilbaren Form der Nachtblindheit richtig angegeben wird. 

3) Biogr. Lexikon VI, 769. 

4) Ueber diesen vermochte ich nichts weiter zu ermitteln. Seine Beschreibung 
ist klassisch. 



C. A. V. Bergen, über Nachtblindheit. 233 

blind wurden, so dass sie, wenn sie nicht sogleich nach Hause eilten, ohne 
fremde Hilfe kaum den Weg fanden. Dieses Symptom der Erblindung 
dauerte die ganze Nacht hindurch und hörte nach dem Schlaf in der Däm- 
merung auf und machte dann voller Sehkraft Platz. Sonst war nichts am 
Auge und am Körper zu bemerken. Als gegen Ende des August die Sonnen- 
glut nachließ, hörte diese Nachtblindheit bei allen auf. Die meisten ge- 
nasen ohne Heilmittel. 

3. In den Lettres edifiantes der Jesuiten (Recueil 24, p. 434) hat 
V. P. d'Entrecolle berichtet, dass diese Krankheit in China gemeiner sei, 
als in Europa. Bei Tage sehen sie gut, Abends weniger, Nachts gar nichts). 
Der Chinesische Name ist ki mung yen, d. h. Augen, wie die der Hühner 
verdunkelt. Ein Chinese litt daran während eines Monats. Das Heilmittel 
ist das folgende: Man nimmt eine Hammel-Leber, bestreut sie mit Sal- 
peter, umhüllt sie mit einem Blatt der Teichrose, lässt sie langsam kochen, 
rührt um, während man das Haupt mit einem langen , bis zur Erde rei- 
chenden Leinwandtuch umhüllt hat, und nimmt den Dampf auf. 

4. Der Fall des Vf.'s ist von der andren Art. Ein 23 jähr. Jüngling 
leidet seit vier Jahren an Nachtblindheit. Bei Sonnen-Untergang fängt der 
Nebel an, eine halbe Stunde danach sieht der Kranke nichts mehr. Er sieht 
den Mond und eine brennende Kerze, nicht aber die von diesen beleuchteten 
Gegenstände, vollends nicht die Sterne. Die Krankheit wird im Laufe 
der Jahre hartnäckiger. Gebratene Ochsenleber habe er, auf den Rath 
einer alten Frau, gegessen und den Dampf mit den Augen aufgenommen; 
dies habe ihm früher genützt, jetzt nicht. Die Augen scheinen ganz 
gesund. 

Unter den Gelegenheits-Ursachen (für die erste Art) möchte der Verf. 
(wenngleich noch nicht so sicher, wie wir heutzutage,] mit Hermann die 
Sonnenglut anerkennen und die ungenügende Ernährung mit W. 
Hoefer2), der zur Zeit des Schweden - Krieges und seiner Hungersnoth 
viele Fälle bei Soldaten, wie bei Bürgern von Schwaben und Bayern beob- 
achtet hatte. Bezüglich des Heilmittels, der Leber, drückt der Vf. seine 
Verwunderung aus, dass Chinesen wie märkische Bauern dasselbe 
kennen, dass Hippokrates und Gelsus, Aegineta, Oribasils, Marcellls und 
ebenso die Neueren, wie Forest 3) und Antoine, davon sprechen. (Wir aber 



-1) Das ist die griechische Definition der Nachtblindheit. Vgl. § 244. 

2; Hercul. med., Vienn. Austriae 1657. — Wolfgang H., 1614 zu Freising in 
Oberbayern geboren, studirte in Ingolstadt, woselbst er, von einer Reise nach 
Italien und Frankreich zurückgekehrt, 1633 promovirte; prakticirte in Straubing. 
Linz, Raab, wurde endlich als K. K. Hofrath nach Wien berufen, woselbst er um 1 681 
gestorben ist. Sein einziges Werk ist das oben genannte. (Biogr. Lexikon III, 230.; 

3) PiETER VON Forest (-1523— 1597) aus Alkmaar, »der batavische Hippo- 
krates«, Vf. von Observ. et curat, med. libri XXXII, Leyd. 1587; Obs. et 
curat. Chirurg, libri XI, Leyd. 1610. 



234 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

möchten schließen mit der Bemerkung: »Es erben sich nicht blos Gesetz 
und Rechte, wie eine ew'ge Krankheit fort; sondern auch unwirksame und 
abergläubische Heihiiittel.«) 

Johann Caspar Hellmann (18), 
1736 zu Halle in Westphalen geboren, war Stadt-Wundarzt in Magdeburg, 
woselbst er 1 793 verstorben ist. 

In seinem Werke 
»der graue Star« und dessen Herausnahme, nebst einigen Beobach- 
tungen von Johann Caspar Hellmann, Stadt-Chirurgus zu Magdeburg, 
M. 1774 (8°, 368 S.) 

ist zwar die wissenschaftliche Definition mangelhaft — Verdunkelung 
zwischen Hornhaut und gläserner Feuchtigkeit i), — aber die praktische 
Behandlung lobenswerth. Beschrieben wird das Verfahren von Daviel, Thu- 
RANT, Garengot, Poyet, La Fave, Sigwart, Sharp, Warner, Young, Tenon, 
Acrel, Vogel in Lübeck, Beranger, Ten Haaf, Palucci, Heüermann, Grand- 
Jean, Wenzel, Richter, Lobstein, Guerin und sein eignes. Freimüthig be- 
kennt er seine anfänglichen Fehler. Er stützt die Hand, öffnet die Lider 
mit Zeigefinger und Daumen, womit er zugleich den Augapfel befestigt, 
macht den Schnitt mit dem WENZEL'schen oder RicHiER'schen Messer und 
öffnet die Linsen-Kapsel mit einer Star-Nadel. Unter 50 eignen Operations- 
Fällen, aus den Jahren 1767 — 1773, sahen 32 gut, 10 ziemlich, 8 gar 
nicht, — also 16^ A'erlust. Aber zwei von den Staren waren schon vor der 
Operation als schwer complicirt erkannt worden. H. hat in seiner eignen 
Wohnung um 9 Uhr Vormittags einen 60jährigen Invaliden extrahirt, dann 
um 4 Uhr Nachmittags denselben nach Hause gefahren, — mit bestem Erfolge. 
»Möchte doch,« sagt A'. G. Richter (Chir. Bibl. 3, S. 114, 1775), »mancher 
andre Wundarzt seinem Beispiel folgen, und Deutschland endlich der 
Marktschreier und Ausländer nicht mehr nüthig haben.« 

Hellmann nennt unter denen, die durch ihre Schriften seine Lehrer 
gewesen, auch 

JoACH. Friedr. Henckel (19, 1712 — 1779). Derselbe war Regiments- 
arzt und Prof. der Chir. an dem med. chir. Colleg zu Berlin. Auf Kosten 
des (so sparsamen) Königs Friedrich Wilhelm des I.-) war er zu seiner 
Ausbildung auf Reisen, auch nach Paris, gesendet und danach auch aus- 
wärtiges Mitglied der Academie de Chirurgie 3) geworden. Seine Schriften 
haben schon zu ihrer Zeit die heftigsten Angriffe erfahren. Doch hat er, nach 
dem milden Urtheil von A. G. Richter (Chir. Bibl. V, S. 520, 1779) »un- 



^] Vgl. XIII, S. 422, Anm. 2. 

2) Samml. med. u. chir. Erfahr., Vorrede. 

3) Mem. de l'Ac. R. de chir. II, S. xxviii. 



Hellmann. Schmucker. 235 

geachtet des Mangels einiger schriftstellerischer Talente sich um die deutsche 
Wundarzneykunst sehr verdient gemacht«. 

Seine Veröffentlichungen über Star und seine Operation (Diss. de 
cataract. 1744, Sammlung med. & chir. Erfahr. II, BerUn 1747, I, S. 42 
bis 93; Abh. der chir. Op., Berlin, 1770, II, 95 S.) wurden 1771 von 
Richter (Chir. Bibl. I, 2, 1 85) als flüchtig und unüberlegt, von Beer (Rep. 
III, 1 1 0) als unschmackhaftes Ragout herb getadelt, waren schon zu ihrer 
Zeit unbrauchbar und sind für den heutigen Leser ganz ungenießbar. Jeder, 
der diese Schriften heute in die Hand nimmt, wird Beer's Urtheil be- 
stätigen. 

In seinen med. und Chirurg. Beobachtungen, Berlin 1779 (8^, 
116) kommen einige anatomische Untersuchungen vor. Bei der Zerglie- 
derung eines Körpers, an dem man den grauen Star beobachtet hatte, 
fand man die Krystall-Linse von braunrother Farbe, obwohl der Star 
durch die Pupille hindurch weißgrau erschienen; die Kapsel war gleich- 
falls verdunkelt und enthielt, außer der Linse, noch eine trübe dicke 
Feuchtigkeit, w^elche . . . zum Theil aus der aufgelösten äußeren Ueber- 
fläche der Krystall-Linse zu bestehen schien. Bei der Zergliederung des 
Körpers von einem Mann, bei dem man zu seinen Lebzeiten die FERREm'sche 
Niederlegung des Stars i) mit glücklichem Erfolg verrichtet hatte, 
fand man die vordere und die hintere Kapsel durchsichtig, ihren Sack mit 
einiger Feuchtigkeit angefüllt und die Krystall-Linse in der gläsernen 
Feuchtigkeit sehr verkleinert. Als man Luft in die Kapsel blies, drang 
etwas davon in die gläserne Feuchtigkeit, zum Beweise, dass in der hin- 
teren Kapsel eine kleine Oeffnung übrig geblieben war. Unter allen Ope- 
rations-Methoden des grauen Stars gefällt dem Verf. die FERREiN'sche noch 
immer am besten. Dem Vorschlag, die Linse mitsammt der Kapsel aus- 
zuziehen, getraut er sich nicht, seinen völligen Beifall zu geben. 

Johann Leberecht Schmucker^} (20, 1712 — 1786), erhielt seine Aus- 
bildung bei dem Golleg. medico-chir. und in der Charite, wurde dann auf 
Kosten des Königs Friedrich Wilhelm I., als Pensionär-Chirurg, auf zwei 
Jahre nach Paris gesendet, wo er unter Petit, Morand, St. Yves, Huneauld, 
BuDDEAu, Andouille, Güerrin, Astruc und besonders unter le Dran 3) sich 
fortbildete. Als erster General-Chirurgus stand er später mit Bilguer und 
Theden an der Spitze des preußischen Sanitäts-Dienstes im 7 jährigen 
Kriege und hat elf Feldzüge mitgemacht. Stets hat er, wenn ein Kranker 
an einer verwickelten Krankheit gestorben, im Beisein seiner Untergebenen 
die Leichen-Oeffnung vorgenommen. Von allen wichtigen Kranken hat er 



<) XIII, 415. 

2) Biogr. Lexikon V, 250. 

3) So sagt S. selber in der Vorrede zu seinen Chirurg. Wahrnehm., Berlin 
u. Stettin 1774, S. 29 u. 33. 



236 - XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Tagebücher geführt, und auf Wunsch einsichtsvoller Freunde sich ent- 
schlossen, einige Beobachtungen bekannt zu machen. So entstanden die 

Chirurgischen Wahrnehmungen, Berlin und Stettin 1774, 2 Ende. 
(Neue Ausgabe, Frankenthal 1792 und 1793.) In dem ersten Bande, von den 
Verletzungen und Krankheiten des Haupts^ finden wir allerdings hauptsächlich 
Schuss-Verletzungen und Trepanationen, aber doch auch Bericht über einige 
Augenkrankheiten, die u. a. Jos. Beer 1792 für lesenswerth erklärt hat. 

1. Ein Husar wurde 1760 mit Fleck fi eher in's Lazaret gebracht. 
Er lag 13 Tage in anhaltendem Irresein, danach klagte er, dass er nicht 
mehr wohl sehen könnte. Nach 8 Tagen war er fast blind, die Pupillen 
außerordentlich erweitert und unbeweghch. Er bekam innerlich Brech- 
weinstein, ferner ein Blasenpflaster, endlich Kellerwürmer, tägl. 60 Stück 
gequetscht und in Bouillon gekocht, und war in 4 Wochen geheilt, so dass 
er zu seinem Regiment abgehen konnte. 

Zusatz. Schmucker war durchaus frei von Aberglauben. Sein Fall von 
Blindheits-Heilung durch Kellerwürmer wurde seiner Zeit viel besprochen. Die 
Kellerwürmer galten für ein wichtiges und brauchbares Heilmittel, auf das wir 
schon gelegentlich (z. B. XIII, S, 391) gestoßen sind und jetzt genauer be- 
sprechen wollen , um in dem Bilde des 1 8. Jahrhunderts keinen Zug zu 
übergehen. 

Millepedes. 

Dieser Quark ist ganz alt und ist auch bis heutigen Tages noch nicht aus 
der Menschen Angedenken getilgt. Es handelt sich um ein Thier von 
1 — 2 Ctm. Länge, das zu den Crustacea-Isopoda gehört und als Armadilla offi- 
cinarum oder Oniscus asellus (L.) bezeichnet wird, zu deutsch Keller-Assel oder 
Tausendfuß. Aus den hinteren Fußpaaren soll es einen scharfen, hautreizenden 
Stoff absondern. Dioscurides (II, 3 2) beschreibt die Art des Thieres, bei Be- 
rührung sich zusammenzurollen, ganz gut und erklärt, dass die Asseln (ovoi, 
bei Galen 6v 13x01, d. h. Eselchen), mit Wein getrunken, gegen Harnzwang und 
Gelbsucht, und mit Honig aufgestrichen den Bräune-Kranken nützen und auch 
gegen Ohrenschmerz brauchbar sind. Galen (von den örtl. Heilmitteln II, c. 2, 
B. XII, S. 565) fügt hinzu, dass sie, in Oel gekocht, (bei örtlicher Anwendung) 
den Kopfschmerz beseitigen, und beschreibt (von den einfachen Arzneien XII, 
c. 49, B. XII, S. 366) die Anwendungsweise noch genauer. 

Gorraeus, der getreue Diener der Alten, hat von den drei Stellen die erste 
und dritte ausgezogen. (Def. med. 1578, S. 336.) Wann und wo zuerst die 
Keller-Asseln innerlich gegen Sehstörung (schwarzen und auch grauen Star) 
empfohlen worden, habe ich nicht ermitteln können, ist wohl auch nicht so wichtig. 
Es genügt, dass im 1 8. Jahrb. Woolhouse auf das Mittel schwört und sein großer 
Gegner Heister gleichfalls dasselbe anwendet; dass Platner (Instit. chir. § 13H, 
1745) gegen Star, unter den harntreibenden Mitteln, besonders den Saft der 
Keller-Asseln empfiehlt; dass so gescheute Männer, wie Bovle, Pitcairn, Sloane 
und Camper 1) es gepriesen haben; dass nicht blos die Pharmakopoe A'on London 



1) Vgl. dessen handschriftliches Werk de oculorum fabrica et morbis 
1766, VI, c. 2, auf das wir in unsrem § 433 zurückkommen werden. 



Schmucker. — Millepedes. 237 

in dieser Zeit, sondern sogar noch 1817 C. Graefe's Repertorium augenärzthcher 
Heilformeln die Kellerasseln enthält. 

In der Onomatologia medica completa, zu der ein A. v. Haller die 
Vorrede geschrieben, steht (S. 149, 1772), dass die Keller-Esel auch gerühmt 
werden in solchen Fällen, wo die kleinsten Gefäße verstopft scheinen; »aus 
diesem Grunde macht man auch selbst in Augenzuständen so viel Wesens inner- 
lich davon.« 

In der Arzneimittel-Lehre von Clarus (1856) wird die Wirksamkeit der 
früher zum Harn- und Schweiß-Treiben benützten Tausendfüße (nach Wittstein) 
durch ihren Gehalt an Ameisen- Säure erklärt. 

Eülenburg's Real-Encyclopaedie, in der neuesten Auflage, B. XV, S. 3 6 2, 
1897, hat noch einen Artikel Millepedes und bespricht die frühere An- 
wendung. 

2. Bei der Chemosis (Blenorrhüe) empfiehlt Schmucker nicht die Wool- 
HOüSE'sche Ophthalmoxyse noch die St. YvEs'sche Ausschneidung, sondern 
eher das Ritzen mit der Lanzette, den Aderlass und namentlich die Blut- 
Egel, 6 — 8 an die Lider; zum äußeren Gebrauch kühlende, zertheilende 
und etwas zusammenziehende Mittel. (Er spricht auch von seinem ge- 
wöhnlichen Augenwasser gegen Schwäche und zurückbleibende Ver- 
dunklung der Hornhaut , verschweigt aber die Zusammensetzung des- 
selben.) 

Ein 22 jähriger, dem ein höchst akuter Tripper von einem Quack- 
salber binnen 4 Tagen mittelst Copaiva-Balsam und Terpentin-Pillen ge- 
stopft W'Orden, bekam am nächsten Morgen die heftigste Entzündung der 
Augen. Am Abend dieses Tages verordnete Scbmlcker einen Aderlass von 
i Pfund Blut, warme Umschläge auf das männliche Glied und mittelst eines 
feinen Schwammes, Auswaschen des Auges mit Althea- Wurzel- Abkochung. 
Am nächsten Tag folgte neuer Aderlass, Blutegel an die Lider, Auswaschen des 
Auges und alle Stunden Auflegen von Alaun-Augenwasser, innerlich Calomel. 
Am 7. Tage floss der Tripper wieder stärker, die Entzündung der Augen 
nahm ab . . . In 6 Wochen erlangte der Kranke seine gänzliche Gesund- 
heit wieder. 

Auch dieser Fall wird in der zeitgenössischen Literatur öfters er- 
w^ähnt. 

In seinen Vermischten chirurgischen Schriften (Berlin und 
Stettin 1785, I, 99) preist Schmucker den herrlichen Nutzen der Blutegel 
bei Augen-Entzündungen. 

Der zweite Theil enthält eine praktische Abhandlung über die 
Heilung des schwarzen Stars. Wie hoch diese zu ihrer Zeit geschätzt 
wurde, könnten wir heute kaum noch vermuthen, wenn wir nicht das Zeug- 
niss des Prof Trnka de Krzowitz hätten, dass er sich glücklich schätze, seine 
Historia amauroseos, die schon fertig war, nicht vor Schmucker's und 
Richter's Arbeiten veröffentlicht zu haben. (1782, Vorrede.) 



238 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Betreffs der Blutegel fand Schmucker einen Gegner, nämlich 

Marcus Elieser BlochI* (21, 1723—1799). 
Zu Ansbach geboren, kam er im Alter von 19 Jahren nach Hamburg 
zu einem jüdischen Wundarzt in die Lehre, studirte in Berlin, promovirte 
zu Frankfurt a. d. Oder und kehrte nach Berlin zurück, woselbst er Praxis 
und naturwissenschaftliche Studien trieb. Seine Werke über die Fische 
sichern ihm einen der ersten Plätze unter den deutschen Naturforschern. 
Für uns kommt in Betracht 
D. M. E. Bloch's Medizinische Bemerkungen. Nebst einer Abhand- 
lung über den Pyrmonter Augenbrunnen. Berlin 1774. (229 S.) 
1. Ueber länglichte Pupillen. Ein berliner Mechaniker, der kurz, 
aber sehr scharf sieht, hat von Geburt längliche Pupillen, von der Gestalt 
eines an beiden Enden abgerundeten Kegels, dessen Grundfläche nach oben 
gekehrt ist. Die Pupille verengt sich nicht auf Lichteinfall ; die hintere Fläche 
der Regenbogenhaut hat keine Schwärzung: beides, schließt Vf., ist also zum 
Scharfsehen nicht unerlässlich. Der Sohn hat dieselben länglichen Pupillen, 
zugleich auf jeder ein weißes Fleckchen. Eine Tochter hat die längliche 
Pupille auf einem Auge. Ein andres Kind hat zwar gewöhnliche Pupillen, 
aber weiße Fleckchen darauf. Außerdem sind noch sechs Kinder vor- 
handen, die alle nichts ungewöhnliches in der Bildung zeigen. Der Bruder 
des Mechanikers hatte weiße Punkte in den Augen; der Brudersohn eine 
längliche und eine runde Pupille: diesen Fehler nimmt man auch bei den 
Kindern des Brudersohns und der Schwestertochter wahr, von denen aber 
das eine zwei längliche Pupillen hat. 

Bei den Voreltern des Mechanikers sind länghche Pupillen nicht Mode 
gewesen, aber seine Mutter soll während der Schwangerschaft an einer 
Katze sich erschreckt haben. Dies ist entschieden abzulehnen, zumal seine 
Augen mit denen der Katze nichts gemein haben. 

Verf. giebt gute Abbildungen von den Augen des Mechanikers und 
seiner Kinder; aber es sind nicht die ersten vom Kolobom der Regen- 
bogenhaut. 

Zusatz. Kurze Geschichte des Kolobom der Iris. 

1. Die Alten kannten die angeborenen Spaltbildungen, z. B. der 
Lippen, und belegten sie mit dem Namen 7.oXoj3to|i,a (wörtlich Verstüm- 
melung, vom Beiwort xoXoc, xoXoßot;). 

Galen, von der Heil-Kunst, X c. 16, B. X, S. 1002): TTspi •/oÄoß(«[j.7.Ttov. 
ooTto; yap ovofJtaCouat xa v.axk -/zil-oc, y; Trrspuyiov pivo^ r^ ou; iWz'i-wzrt.. 

1) Biogr. Lexikon I, 4 86. — Seit dem Fachgenossen, der iölO zu Berlin glück- 
lich dem Verbrennungs-Tode entgangen (B. XIII, S. 261), ist Bloch der erste jüdische 
Augenarzt in der Mark Brandenburg, von dem die Geschichte meldet. 



Bloch. Das Kolobom der Iris. 239 

»Kolobom nennt man die Defekte an der Lippe oder dem Nasenflügel 
oder dem Ohr.« G. giebt auch die Heilung an, durch Anfrischung und 
Naht. Vgl. m. Wörterbuch d. Augenh. 1887, S. 20. — Celsus, VII, 9. Curta 
in auribus labrisque et naribus quomodo sarciri et curari possint. Paul. 
Aegin. vi, 26. -SGI xoÄoßojtxaTtov. (Nach Galen a. a. 0.) 

Vom Kolobom der Lider, vollends von dem der Regenbogenhaut, habe 
ich bei den Alten keine Erwähnung gefunden; auch nicht bei den Arabern. 
Erst bei GüiLLEMEAu (1583 u.Z.) finden wir: »Das Kolobom der Lider (die 
Lid-Scharte) ist Geburtsfehler, wie die Hasenscharte, und kann durch An- 
frischen und Vernähen geheilt werden.« (XIII, S. 329.) 

2. Der angeborene Iris-Spalt ist zuerst von Bartholinus (1673) be- 
schrieben, aber nicht abgebildet worden, in den Acta med. et philos. 
Hafniensia, und wieder abgedruckt in Medicina septentrionalis collatitia . . . 
Theoph. Boneti, Genevae 1686, S. 223: Scholarem quendam in Schola 
Hafnica J. L. attentis oculis vidi. Huic Pupilla sinistri oculi non rotunda, 
sed oblonga est (ima parte in acutum vergens, sine detrimento aut muta- 
lione Visus). A patre talem oculi fabricam accepit, cuius omnes sanguinei 
ita signati utroque oculo. Forsan dextrum a matre habet bene confor- 
matum, a Patre sinistrum. 

3. Die erste Abbildung des angeborenen Iris-Spaltes hat AlbinusI) 
geliefert. (Annot. Acad. lib. VI, Tab. II, fig. 3, Lugd. Batav. 1764.) 

4. Weitere Beschreibungen sind von Hagstrüm und Acrel in den Abb. 
d. schwed. Akademie der Wissensch. B. 36, S. 151 (auch referirt in Rich- 
ter's Chirurg. Bibl. VII, 104 und 103), von Bloch (s. oben), von Thode 
(Act. soc. med. Hafn. und Richter's chir. Bibl. IV, 230, 1777), von G. 
Chr. Conradi, dem Urheber der Discission (in s. Handb. der pathol. Ana- 
tomie 1796, S. 517), von Helling (in s. Handb. d. Augenkr. 1821, I, 
283) u. a.2). 

5. Die genauere Darstellung, die Zurückführung auf Bildungshemmung 
und der Name coloboma iridis rührt her von Ph. von Walther 
(C. V. Graefe und Ph. v. W., J. f. Chir. u. A. H, S. 398—613). Ph. v. W. 
hat 6 Fälle beobachtet und erklärt, dass vor ihm kein Schriftsteller von 
diesen Bildungsfehlern Meldung gethan, sogar Beer nicht in der neuen 
Auflage seines Lehrbuches. 

Gern gestehe ich dem genialen Ph. v. Walther das Verdienst der 
ersten genauen Beschreibung des angeborenen Iris-Spaltes zu. Aber 
in geschichtlicher Hinsicht hat er die Ausführungen seiner Vorgänger über- 
sehen und Joseph Beer bittres Unrecht angethan; denn dieser hat den 



<) Vgl. HiMLY, Kr. u. Missbild. d. Auges, 1843, II, S. 510. 

2) In diesen Citaten finde ich bei älteren und neueren Schriftstellern manche 
Fehler und Ungenauigkeiten. 



240 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

seltnen Geburtsfehler gekannt und abgebildet, 1813, in s. Schrift »das 
Auge«, S. 62. 

Gescheidt (Dissert. de colob. iridis 183!) versuchte, den Namen Irido- 
Schisma einzuführen. (Von a/iajxa, Spaltung.) Helling nannte sie Kometen- 
Pupille. 

M. .1. A. Schön hat (in seiner pathologischen Anatomie des mensch- 
lichen Auges, Hamburg 1828, S. 70 — 75) alle bis dahin verüfTentlichten 
Fälle gesammelt; und K. Behr hat sie in seiner Abhandlung über den an- 
geborenen theilweisen oder gänzlichen Mangel der Iris berücksichtigt. 
(Hecker's literarische Annalen, B. XIII, 1829.) 

V. Ammon entdeckte bei anatomischer Untersuchung eines Falles von 
Iris-Spalt das Kolobom der Ader- und Netzhaut und fand in dem 
letzteren die Ursache des ersteren. (Zeitschr. f. d. Ophthalm., Dresden 
1830, I, S. 55—63.) 

Die neuere Literatur finden wir in den beiden klassischen Dar- 
stellungen der angeborenen Bildungsfehler des menschlichen Auges, der 
von Manz in der ersten Auflage unsres Handbuchs, die von E. v. Hippel 
auch zur Grundlage für seine Neubearbeitung genommen ist, und der von 
D. V. DuYSE in der Encycl. frangaise d. Opht. II, 1905, S. 267 fgd. und 
S. 578 fgd. 

Der neueste Autor über die angeborenen Kolobome (Stabsarzt See- 
felder in Leipzig, A. f. 0. LXVIII, 2) kommt zu dem Schluss: Die typi- 
schen Kolobome des Auges entstehen infolge von Störungen des Verschlusses 
der fötalen Augenspalte durch zu lange bestehendes Mesoderm. 

Endlich hat Prof. A. Peters in seinem soeben erschienenen vortreff- 
lichen Werke 

Die angeborenen Fehler und Krankheiten des menschlichen Auges, Bonn 

1909 (262 S.), auf 15—45, 
die Kolobome des Augapfels gründlich abgehandelt, die neuere Literatur 
angeführt, bezüglich der Geschichte sich auf van Duyse gestützt. 

2. »Blutegel^] sind nicht im Stande, etwas von dem stockenden Blut 
aus dem Innern des Auges herauszuziehen. Denn das Blut wird den 
inneren Theilen des Auges durch eine Schlag-Ader zugeführt, welche im 
Innern des Gehirns aus der Carotis interna entspringt; und die Blut-Adern 
(des Auges) ergießen sich in die Sinus des Gehirns ... Da nun die Blut- 
egel auf keinerlei Weise sich diesen Gefäßen nähern können, so sind sie 
auch nicht im Stande, mehr zur Zertheilung der Augen-Entzündung bei- 
zutragen, als insofern sie die Menge des Blutes in etwas vermindern; 
und hierin kann uns eine geöffnete Ader eine weit geschwindere und 

t) A. a. 0. S. 58. 



Blutegel. Der Pyrmonter Augenbrunnen. Theden. Mursinna. 241 

sicherere Hilfe leisten«^). (Hier stoßen wir auf die erste, noch schüch- 
terne Bekämpfung des seit Jahrtausenden überlieferten Blut-Aberglau- 
bens. Vgl. meine Einführung I, S. 21, 1892.) 

3. »Vom Pyrmonter Augenbrunnen. Als man 1755 dem Abfluss 
des alten Badebrunnens eine andre Richtung gab ujid die alte Rinne 
schließen wollte, fand man eine reichliche Quelle darin, die gefasst wurde. 
Sie ist 60 Schuh von dem Trinkbrunnen entfernt, das Wasser quillt stark 
mit einem Geräusch von Luftblasen und setzt wie der Trinkbrunnen eine 
röthliche Erde an der Einfassung ab . . . Da der Trinkbrunnen nicht immer 
geöffnet und ferner durch den Zulauf der Trinker besetzt ist, so haben die 
Augenkranken sich nach dem neuen Brunnen gewendet. Gegen triefende, 
entzündete und schwache Augen wird der Brunnen folgendermaßen ge- 
braucht: man schöpft das Wasser in einen großen Krug mit engem Halse 
und bringt ihn geschwind an das Auge, damit dasselbe von dem noch 
brodelnden Wasser benetzt werde.« 

(Also der Aberglauben von den Augen-Quellen hat sich aus der 
römischen Zeit des Plinils^' bis zum 1 8. Jahrhundert hinübergerettet; — 
er ist ja auch heute noch nicht ausgestorben. — Die Kohlensäure des 
Pyrmonter Trinkbrunnens finden wir ja ganz bequem in jeder Flasche 
künstlichen Selterwassers.) 

Johann Christ. Anton Theden (22, 1714 — 1797), in der Barbierstube 
vorgebildet, 1737 als Escadron-Feldscheer in Danzig angestellt, 1758, im 
siebenjährigen Kriege, zum dritten General-Ghirurgus und 1786 zum ersten 
befördert, hat in seinem 

Unterricht für die Unterwundärzte 
bey Armeen, besonders bei dem Königlich Preußischen Artilleriecorps 
(Berlin 1774, 286 S.) auf 4 Seiten (210—213) die Fehler der Augen 
abgehandelt: es ist dies die kürzeste Augenheilkunde des 18. Jahrhunderts, 
auf die ich gestoßen bin und bei ihrer Kürze gar nicht so übel. 

Christian Ludwig Mursinna (23, 1744 — 1823), 
Sohn eines armen Tuchmachers zu Stolp in Pommern, erst Feld-Chirurg, 
zuletzt General-Chirurg und Professor in Berlin am CoUeg. medico-chir., 
sowie später an der Militär-Akademie, hat in 40 Jahren die Star-Aus- 
ziehung 908 Mal verrichtet, mit nur 41 gänzlichen Verlusten. (Das wären 
nur 4Y2^) die geringste Ziffer, die mir aus dem 18. Jahrhundert be- 
kannt geworden. Aber vielleicht hat er anders gerechnet als seine Vor- 
gänger, und verstand unter gänzlichen Verlusten nur die Vereiterungen.) 



1) Aehnlich bei Peter Camper, § 433, der aber noch auf die zahlreichen 
Anastomosen der Arterien und Venen, der äußeren wie der inneren, hinweist. 

2) Vgl. § 199. 

Handtuch, der Augenlieilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. ^ ß 



242 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Von BucEieoRx's Keratonyxis hielt er nicht viel: einmal musste er dabei 
einen 5 jährigen von 6 Chirurgen halten lassen und doch spritzte sofort 
nach dem Stich milchige Flüssigkeit aus dem Auge! 

Zu Ml'rsinna's Schülern gehörte auch 

Georg Leberecht Andreas Helling (24) i), 

1763 zu Groß-Salze bei Magdeburg geboren, 1785 Compagnie-Chirurg, 
1801 Doktor; erhielt 1804 die Berechtigung, Privat-Vorlesungen über 
Augenkrankheiten zu Berlin zu halten, wurde 1809 Stadtarmen-Augen- 
arzt^) und erwarb sich bedeutenden Ruf als Augen-Operateur. 

Im Jahre 1801 erklärte er, dass von fast 200 Fällen der Star-Auszie- 
hung, die er binnen 1 2 Jahren operirt, nur 1 2 das Gesicht nicht erhielten. 
Diese ausdrückliche und eindeutige Angabe von nur %% Verlust sichert 
ihm einen der ersten Plätze unter den Star-Operateuren des 18. Jahr- 
hunderts. (Nach-Star, ohne Operation geheilt, ÄIursinna' Journ. I, S. 139.) 

Wir haben von Helling ein praktisches Lehrbuch der Augenkr. 
in alphabetischer Ordnung (2 Bände, 1821, 1822) und mehrere Ab- 
handlungen: Merkwürdige Beobachtungen an einem mit grauem Staare 
Blindgeborenen (Hermbstädt's Bulletin II). — Beobachtungen über die im 
letzten Kriege 1 81 3 — 1 8 1 4 gleichsam epidemisch gewordenen Augenkr. (Berlin 
1815). Über die Augenkr. der preuß. Soldaten . . . des jetzigen 16. Inf.-Reg. 
(Ebendas. 1816). — Guter Rath über die Auswahl der Brillen. (Ebendas. 
1819). — Heilung der ümkehrung der Augenlider nach innen mit concen- 
trirter Schwefelsäure. (Hufeland's J. 1815.) — Heilung einer ungewöhnlich 
großen Exophthalmia fungosa. (Rust's Mag. 1817.) — Kadmium sulfur. 
gegen Hornhaut -Verdunklung. (Ebendas. 1820.) 

H. starb am 23. Nov. 1840. Durch eisernen Fleiß und redliches Streben, 
gesunden Verstand hat er den Mangel einer gründlichen Bildung überwunden. 

Bei der preußischen Schule möchte ich auch Jon. Gottlob Bernstein 
(25) unterbringen, da er von 1810 — 1820 in Berlin, von 1816 ab als a. o. Prof., 
gewirkt hat. 

Am 28. Juni 1747 zu Saalborn bei Berka im Weimarischen geboren, 
durchwanderte er als Barbiergeselle Oestreich und Deutschland, machte als 
Schiffs-Wundarzt von Hamburg aus eine 4Y2nionatliche Grönlands-Fahrt 
mit, prakticirte als Barbier und Chirurg 8 — 9 Jahre lang zu Ilmenau, wurde 
Berg-Chirurg, ging 1806 nach Jena und 1810 nach Berlin, starb 1835 bei 
seinem Sohn in Neuwied. 



1),Biogr. Lexikon III, S. 137. 

2) Zum ersten Male stoßen wir in Deutschland auf dieses Amt. — Eine be- 
sondere Augen- Abtheilung in einem städtischen Krankenhaus zu Berlin wurde erst 
1907 begründet. 



Helling. Bernstein. Deutsche Lehrbücher der Augenheilkunde. 243 

Schon 1783 hatte er ein chirurgisches Lexikon geschrieben, das, 
unter verschiedenen Titeln, mehrere Auflagen erlebte. Mir liegt das (alfa- 
betische) vierbändige praktische Handbuch für Wundärzte, 1T99 — 1800, 
vor, mit 88 Artikeln zur Augenheilkunde, von denen einige, wie Cataract 
und Ophthalmie, ziemlich ausführlich sind. Kein Wunder, dass das Werk 
seiner Zeit häufig cilirt wurde. (In der 5. Aufl. vom Jahre 1818 sind die 
augenärztlichen Artikel vom Privatdocent Dr. Cbr. Fr. Heinr. Busse zu Berlin.) 

Bernstein hat auch eine Geschichte der Chirurgie (Leipzig 1822, 
296 4- 608 S.) verfasst, die vieles für unser Fach wichtiges enthält. 

§ 427. Deutsche Lehrbücher der Augenheilkunde aus dem 

18. Jahrhundert 
giebt es nur wenige, und auch diese verdienen nur mäßiges Lob. 

In der ersten Hälfte dieses Jahi'hunderts mussten die betreffenden Kapitel 
der Chirurgie von Heister, von Platxer u. A. und allenfalls die von Haller 
herausgegebenen Vorlesungen von Boerhaave die Stelle von Lehrbüchern der 
Augenheilkunde in Deutschland vertreten, wozu einige Ueber Setzungen aus 
dem Französischen kamen, namentlich die des Buches von St. Yves. 

Nicht als Lehrbuch ist zu betrachten »der geschickte Augenarzt oder 
ausführliche Beschreibung des Starr- und Hirnfells . . . Aus eines berühmten 
Oculisten hinterlassenen Schrifften gesammlet und dem Nechsten zu Lieb heraus- 
gegeben von JoH. Michael Lichtmann, Nürnberg, 1725« (72 S. 4"). Denn das 
ist wörtlich aus des alten Georg Bartisch Augendienst vom Jahre 1583 ab- 
geschrieben. (Dies hat Haller, bibl. chir. II, 59, nicht gemerkt, der von 
demselben Vf. noch folgende zwei Schriften anführt: Beschreibung des Staars, 
Nürnbei'g 1720; und das alt verdunkelte und doch wieder sehende Auge, Nürn- 
berg 1720.) LiCHTiiAN'N erklärt in der Vorrede, dass er von klugen Leuten »um 
die Publicirung seines besitzenden Manuscripti ersucht worden«. Ich will gern 
zulassen, dass er nur ein Unwissender, nicht ein Betrüger gewesen. 

(Abschriften des Augendienstes finden sich übrigens auch sonstwo, 
z. B. eine aus dem Anfang des 18. Jahi'hunderts, in Folio, mit der Aufschrift 
Anonymi, von den Augenkrankheiten, in der Bibliothek zu Kopenhagen. 
Vgl. GoRDON Norrie, Nord. Med. Arkiv, 1893,7.) 

Ebenfalls, in den wichtigeren Theilen, z. B. vom Star, aus Bartisch ab- 
geschrieben ist »der sichere Augen- und Zahn-Arzt . . . von Valentin Kräuter- 
MANN, Med. Fr., Arnstadt und Leipzig 1737. Der Vf. giebt an, sein Werk »nach 
Anleitung Ettmüller's, Dolaei, Wedelii, Stahlii und andrer Medicorum . . . auf 
Ansuchen des Verlegers edirt« zu haben. Aber den Bartisch plündert er so, 
dass manche Verkürzungen nur dm-ch Vergleich des Originals verständlich werden. 
Das Wort Star leitet er nicht von dem Vogel, sondern vom Erstarren der Augen ab. 
Die Schrift war schon zur Zeit ihrer Abfassung veraltet und unbrauchbar ge- 
wesen. 

Gleichfalls für das Volk, namentlich für die Armen, auf dem Lande, ist 
geschrieben : 

»Der Augen-Doctor , welcher 1. das Auge in seiner künstlichen Zusam- 
mensetzung und Sehungs-Krafft ausführhch und zulänglich beschreibet, 2. die 

-16* 



244 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

vornehmsten Fehler, Schwachheiten und Gebrechen, welchen dasselbe unterworffen, 
. . entdecket, 3. viele durch die Erfahrung bewährte sichere und gewisse Medi- 
caniente und Hausmittel aufrichtig und deutlich offenbahret. Aus Liebe ohne Ge- 
winnsucht seinem Krancken und nohtleidenden Nächsten vorgestellet von Meninto. 
Hamburg, 1741. (4", 24 S.) — Dem praesidirenden Bürgermeister gewidmet 
von dem Vf., Christian Gottlieb Meinig, Phil. u. Med. Doctor. « 

Somit irrt Beer (L. v. d. Augenkr. 1792, S. 427), der zwei Bücher annimmt, 
eines von Meninto, eines von Meinig, beide 1741 zu Hamburg gedruckt; es irrt 
Haller (bibl. chir. II, 233), der den Meinig mit dem Marktschreier Heinrich 
Meiners, dem Vf. der lista delle operazioni (Torino, Parigi, Milano) identificirt. 
Unser Meinig, über den in den üblichen Quellen nichts zu finden, war z. Z. schon 
alt, unfähig zu prakticiren, arm, von den Aerzten verfolgt. (Er hatte bereits 
verfasst die »volksthümlichen Gespräche im Reiche der Krancken, 
Frankfurt 1738 — 1740«, worin er auch »von der Charlatanerie vieler gewinn- 
süchtiger und unwissender Medicorum« gehandelt, und verspricht noch zu 
schreiben den »Gehör-Doctor«.) 

Aus dem ersten Theil des Inhalts will ich das folgende anführen: 

»Die Augen sind so zu reden die Fenster unserer Seelen, durch welche sie 
sich alles, was sie außer sich hat und weiß, begreiflich und wissend machet. 
Sie stellen daher vielerlei Art Fenster vor, die Seele braucht sie als Kirchen- 
Fenster, weil sie durch solche in Beschauung der Welt und ihrer Geschöpfe zur 
natürlichen Erkenntniss Gottes gelanget, als ihre Küchen-Fenster, indem sie die- 
jenigen Nothwendigkeiten erwählet und gebrauchet, ihren Leib damit zu nähren 
und damit zu versorgen. Als ihre Garten-Fenster, durch welche sie die Geschöpfe 
in ihrem Wachsthum und Schönheit betrachtet, als ihre Schloss- Fenster, denn 
durch diese beschauet sie von oben das herrliche Schloss-Gebäude ihres Leibes, 
und weiß solches wohl zu beschützen ; als ihre Gefängniss-Fenster, indem sie 
sich in dem Gefängniss ihres Leibes eingeschlossen und gefangen siebet, auch 
nicht weiter sehen kann, als ihr der Schöpfer zulassen und vergönnen will, 
endlich als ihre Spiegel-Fenster, weil alle außer ihr schwebende Geschöpfe erst 
in dem Augapfel als Bilder erscheinen, und so dann allererst in der Seelen sich 
spiegeln können.« 

2. Die Augenkrankheiten sind: Entzündung, Fell, das blöde Auge, fließende 
Augen, Schielen, Staar. 3. Als Augenheilmittel bei Entzündung wird zuerst 
genannt: Rosen- und Fenchel-Wasser je ein Loth, sief album ohne opio Gran 15, 
weißen Vitriol gran. 3, Tutia gr. 10, weißen Zucker gr. 20. (Sapienti sat.) 

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. treten die chirurgischen Lehr- 
bücher von Heuermann, Ludwig, namentlich von A. G. Richter und auch 
von Bernstein an die Stelle der vorher genannten; die Uebersetzungen der 
französischen Werke, besonders von Janin und Pellier, bilden werthvoUe 
Ergänzungen: endlich kommt es zu wirklichen Lehrbüchern der Augen- 
heilkunde in deutscher Sprache. 

Joseph Jacob Plenck, geb. zu Wien 1738, 1771 Prof. der Chirurgie zu 
Tyrnau, später zu Ofen, seit 1783 an der medizinisch-chirurgischen Josephs- 
Akademie zu Wien, woselbst er 1804 verstorben ist, ein systematischer 
Kopf von großer Belesenheit, hat eine bedeutende Zahl von Lehrbüchern 



Plenck. Kortum. Ettmüller. 245 

der verschiedensten Fächer^) der Heilkunde verfasst, darunter auch 
doctrina de morbis oculorum, Vienna 1777. (219 S., 8". Zweite Auf- 
lage 1783.) Deutsch von F. v. Wasserberg: J. J. Plenk, d. Wundarzneikunst, 
Zergliederungskunst u. d. Geburtshilfe ü. Lehrer a. d. K. K. hohen Schule 
zu Ofen, Lehre von den Augenkr. , Wien 1778. (392 S., 8°; zweite Aufl. 
1788.) 

Richter (chir. Bibl. V, 1, 489) lobt das Buch ausnehmend. »Ich kenne 
keinen Schriftsteller, der diese Wissenschaft in einer so vollständigen 
und wohlgeordneten Kürze vorgetragen und dabei alles, was die Auf- 
merksamkeit der neueren beobachtet und entdeckt hat, so genutzt, als 
der Vf. Und in dieser Absicht ist das Buch nicht allein Anfängern sehr 
nützlich«. . . 

Beer (Repert. I, 27) nennt es eine bloße Compilation, für wienerische 
Candidaten der Medizin und Chirurgie vorzüglich brauchbar. 

Beide haben Recht. Das Buch ist ja recht kurz, aber es hat eine 
gute Terminologie, so dass ich es für mein Wörterbuch der Augenheilkunde 
wohl benutzen konnte, und zeigt gute anatomische Ordnung sowie klare 
Uebersicht. Es beschreibt 1 1 8 Augenkrankheiten und die nüthigen Ope- 
rationen, giebt allerdings der Niederdrückung den Vorzug vor der Aus- 
ziehung; jedenfalls war es s. Z. als Hilfsbuch bei dem klinischen Unterricht 
brauchbar. 

Wenig Beifall verdient das medizinisch-chirurgische Handbuch der 
Augenkrankheiten von C. Ge. Tbe. Kortum, Doct. der Arzney und Wund- 
arzneykunst, Lemgo 1791 — 1794, 2 Bände. Denn bei aller seiner Länge 
ist es unvollständig und jeder eignen Erfahrung haar und hat auch seiner 
Zeit nicht genügt. Beer hat es 1792 gelobt 2), 1799 3) herb getadelt und 
sich die Mühe genommen, die Irrthümer des Vfs., sein »Schreibpult- 
gewäsche« zu widerlegen: was heute nicht mehr zeitgemäß scheint. 

Der Vf. (1765—1847) war Stadt-Physikus in Aachen. 

Eine unselbständige Zusammenstoppelung ist auch die »Ab- 
handlung über die Krankheiten der Augen und der Augenlider 
nebst den dabei vorkommenden Operationen von Chr. Fried. Benedict 
Ettmüller, der Arzneigelahrtheit und Wundarzneiwissenschaft Doktor, Leipzig 
b. Ad. Fr. Böhme, 1799«. (400 S.) 

Der Vf., 1773 zu Altgersdorf bei Zittau geboren, 1796 in Wittenberg 
promovirt, war seit 1801 sächsischer Amts-^ Land- und Stadt-Physicus zu Jüter- 
bock, später preußischer Regiments-Arzt und Kreis-Physicus zu Delitzsch, wo- 
selbst er 1835 Ehrenbürger wurde und, von seinen Aemtern zurückgezogen, 



1) Seine doctrina de morbis venereis (1779) bespricht auch die Behand- 
lung der gonorrhöischen Augen -Entzündung. (Vgl. § 408.) 

2) Lehre d. Augenkr. II, 409. 

3) Repert. I, 30—42. 



246 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

am 2ö. April 1848 gestorben ist. Er hat viel geschrieben: Sammlung der 
besten und aus Erfahrung bestätigten Rezepte, vor 1799; über die Krankheiten 
der Zähne, 1798; Krankh. des Ohres, 1802; Miscellaneen medizinisch diätischen 
Inhalts, 1801; von den Mitteln die Gesundheit des Auges zu erhalten, Lübben 1800. 
(Biogr. Lex. VI, 755.) 

Das Buch über Augenkrankheiten schrieb er »zu seinem und an- 
gehender Aerzte und Wundärzte Gebrauch« und erklärt es »für kein sonder- 
liches Verdienst, aus mehreren Werken das zweckdienUche auszuziehen«. 
Fleiß kann man dem Vf. nicht absprechen. Bei den Operationen folgt 
er Bernstein 1), Richter, Sabatier und Schiferli. Er bringt auch die 
preußischen Militär-Aerzte (Schmucker und Theden u. a.) durch häufige 
Erwähnung zu Ehren; und empfiehlt, nach 3 eignen Erfahrungen, Hufe- 
land's Augensalbe 2) aus gleichen Theilen Mercur. praecip. rub., gelbem 
Wachs und Butter. 

Von der Augen-Entzündung beschreibt er 21 Arten. Bei der Augen- 
Entzündung der Neugeborenen unterscheidet er eine leichte durch Erkältung, 
die mit mild zusammenziehenden Mitteln leicht bekämpft wird, eine eitrige, 
wogegen er fleißiges Auswaschen mit verdünntem Bleiwasser, auch Ware's 
Einspritzung empfiehlt, und eine »venerische« mit Exanthemen, Geschwüren 
und Hornhauttrübung u. s. w., wogegen Calomel hilft, das bei ihnen nie 
auf die Speicheldrüsen wirkt. Ueberhaupt vertragen Kinder das 
Quecksilber besser, als Erwachsene. — 

Es ist jederzeit nur ein Auge schielend. — Im äußersten Grade der 
Kurzsichtigkeit könnte man die Niederdrückung oder Ausziehung der Kry- 
stall-Linse versuchen. Bei der Star-Operation bemerkt er, dass jede der 
beiden Älethoden, Niederdrückung wie Ausziehung, ihre Vorzüge, aber auch 
ihre Schwierigkeiten hat. 

Kurz wir haben hier die Arbeit eines verständigen, nüchternen Mannes, 
die für den Anfänger schon nützlich sein könnte. 

Ernst Anton Nicolai, K. Preuß. Hofraths, der Artzeneygelahrtheit 
Doctors und Professors auf der K. Preuß. Friedrichs-Univ. zu Halle Ab- 
handlung von den Fehlern des Gesichts, Berlin, 1754, (12°, 212 S.) 
ist natürUch kein Lehrbuch der Augenheilkunde, auch keine vollständige 
Darstellung der Fehler des Gesichts, da die Refractions-Fehler u. a. ganz 
fehlen; doch hat der Vf. 3), einer der gelehrtesten und bedeutendsten 
Schüler Hoffmann's, hier den Versuch gemacht, alle Zeichen und Erschei- 
nungen des grauen und des schwarzen Stars möglichst auf Anatomie und 
Physiologie zurückzuführen . 



Vj § 426. 

2> J. d. prakt. Heilk. u. Wundarzneikunst, Jena 1797. IV, 2, S. 363. 
3) 1722 — 1802; 1748 Prof. e. 0. in Halle, 1758 Prof. o. in Jena. (Biogr. Lex. 
IV, S. 366.) 



Nicolai. Beer. 247 

Ein sehr merkwürdiges Werk ist auch die Lehre der Augen- 
krankheiten von Joseph G. Beer, der Arzneywissenschaft Doktor und 
approb. Augenarzt, Wien 1792, 2 Th, (408 u. 497 S., »mit gemahlten und 
ungemahlten Kupfern«). 

Der Vf. selber giebt 1799 (Repert. I, S. 42 u. 43) zu, dass sein Werk in 
der neuen allg. Deutschen Bibl. (10, S. 182) sehr getadelt und in Usteri's 
Repert. d. medizinischen Literatur (1793, S. 363) nur bedingt gelobt wird, — 
nämlich dass es mitunter manches Eigene und Gutes enthalte. Merkwürdiger 
Weise hat Beer selber in seinem Lebenswerk (Lehre von den Augenkr., Wien 
1813 — 1817) mit keinem Worte von seiner Jugend-Arbeit aus dem Jahre 
1 792 gesprochen, — wie ja auch mancher Dichter und Tondichter seine 
ersten Leistungen verleugnet. Auch würde Beer, wenn er nicht das zweite 
Werk hätte folgen lassen, schwerlich seinen Ruhm gewonnen haben. Denn 
so mancher Satz des ersten ist aus andren Werken, namentlich aus dem 
von Richter, entnommen. 

Aber trotzdem hat dies genannte Erstlings-Werk eine fühlbare Lücke 
ausgefüllt, nicht blos für die deutsche, sondern sogar für die Welt-Literatur. 
Es war zu seiner Zeit brauchbarer, als die damaligen französischen und 
englischen Werke. 

Taf. I, Fig. 4 bringt die Abbildung des Trachoma [Sycosis]. (Hieraus 
hat 0. Becker geschlossen, dass nicht erst durch Bonaparte's Zug nach 
Aegypten die Krankheit nach Europa gebracht worden. Als ob es dieses Be- 
weises bedüi'fte! Jedenfalls hatte Beer weder 1792 noch 1799 eine richtige 
Anschauung von dem, was die Griechen Trachoma nannten und wir Körner- 
krankheit nennen. Das folgt klar aus seinen Repert. II, S. 2 4.) 

Im 21. Kap. von den Krankheiten der Obei'kinnbacken-Höhle heißt es: »Der 
Boden der Augenhöhle erhebt sich und drückt den Augapfel aus der Höhle. 
(§ 324.) — Das Kapitel vom grauen Star ist noch heute lesbar. — So sehr 
die Ausziehung der Star-Linse sammt ihrer Kapsel der Theorie nach das sicherste 
Mittel zur Verhütung eines Nachstars ist, so wenig kann man sie aus Erfahrung 
empfehlen. (II, § 157.) 

Die ganze Darstellung ist geordnet, bei aller Kürze vollständig, klar, 
auf dem damaligen Standpunkt des Wissens und anschaulich. 

Dazu kommt eine Sammlung von 55 Arznei-Formeln für Augenkrankheiten, 
eine kurze Chirurgie, ein Index der Namen, 93 Abbildungen von kranken Augen 
und 10 von Instrumenten sowie eine Literatur-Uebersicht i), der Vorläufer 
von Beer's 1799 erschienenen Repertorium. 

§ 428. Die äugen ärztlichen Dissertationen des 18. Jahr- 
hunderts aus deutschen Landen haben Bausteine für die Neubegründung 
der Augenheilkunde geliefert. Die wichtigsten sind in Haller's Sammelwerken: 



1) Vorher ist eine solche schon in Taylor's Mechanismus ;i750) erschienen. 
Nachher bei Weller. (1832), Carron du Villards (-1838) und, über die einzelnen 
Kapitel zerstreut, bei Himly (1843). 



248 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

1. Disput, chir. select., Amstelod. 1755 — 1756, 5 B., 

2. Disput, ad morb. bist, et curam facient., Lausann. 1757, 7 B., 

wieder abgedruckt. (Vgl. d. Katalog m. Bücher-Sammlung, 1901, § 66, und 
Beer's Lehre von den Augenkr. II, S. 406 fgd., 1792. — Einige lateinische 
Programme und Monographien habe ich hier gleich hinzugefügt.) 

Alberti, de visus obscur. a partu, Hallae 1732. 

Albini, de cataract., Francof. a. V. 1695. (XIII, 467.) 

Anisii, de Ophthalmia in genere ejusque specie venerea dicta, Leid. 1720. 

Badendyk, de ankyloblepharo, Jenae 1785. 

Behrens, de imaginario quodam miraculo in gravi oculorum morbo eademque 

spontanea et fortuita sanatione, Brunsviric. 1734. 
A. V. Bergen, de nyctalopia, Francof. a. V. 1754. (Vgl. § 426.) 
Berger, de macuhs, punctuHs, scintillis aliisque corpusculis visui obversantibus, 

Francof. 1747. 
Böse, de morbis corneae, Lips. 1767. 

Buchner, de Cataracta omni tempore deponenda, Halae 1753, 
Buddaei, disp. an cataractae depressio cum Capsula praeferenda extractioni, 

Jenae 1786. 
Burgmanni, epistola de singularum tunicarum utriusque oculi expansione, 

Rostock 1729. 
Busch, Diss. sistens quaedam de usu remediorum topicorum in oculorum mor- 
bis, Halae 1789. 
Camerer, de ophth. vener., Tub. 1734. 

Cartheuseri, Diss. de hydrophthalmia, Francof. a. V. 1762. 
Cartheuseri, Diss. de cataract. crystall. vera, Francof. 1762. 
Chapyzeau, de Cataracta, Leidae 1711. 
Coschwiz, de hypopyo, Halae 1728. 
Dachtier, de variis ocul. morbis, Leidae 1770. 
Delii, Diss. de phantasm. ante oculos volit.. Erlang. 1751. 
Dietrich, de Cataracta, Vesel. 1710. 
Eysel, de Ophthalmia, Erford. 1710. 
Feller, Diss. de methodis suffusionem ocul. curandi a Casaamata et Simone 

cultis, Lips. 1782. 
Fischer, de curandis praecip. ocul. morbis, Erford. 1723. 
Fischer, de ophth. venerea et peculiari in ea operatione, Erford 1734. (Einschnei- 

■ den der geschwollenen Bindehaut.) 
Foelsch, de corneae maculis, Halae 1791. 
Freytag, de Cataracta, Argent. 1721. (Vgl. XIII, 307.) 
Fürsten au, de praecip. ocul. morbis, Rintel. 1748. 
Füsli, de obstruct. et inflamm, tunicae adnat. Basil. 1741. 
Gackenholz, de visione per Cataractam impedita, Helmstadn 1713. 
Goetz, de ophth. infantum recens natorum, Jenae 1791. 
Gruhlmani, specimen medicum de novo contra oculor. caliginem remedio, 

Jenae 1706. 
Gryger, de hydrophthalmia, Pragae 1762. 
Gunzii, de suffusione, Lips. 1759. 
Gunzii, de staphyl., Lips. 1748. (Vgl. § 419.) 
Hampe, de scarificatione ocul. Hippocratica, Duisburg. 1721. 
Härder, de ectropio, entropio et trichiasi, Jenae 1785. 
Hartel, de oculo ut signo, Gotting. 1786. 
Heben streit, de oculo lacrymante, Lips. 1743. 

H eiste ri, de Cataracta, glaucomate, amaurosi, Altorf 1713. (Vgl. § 331.) 
Heister i, de fist lacr., Altorf 1716. (Vgl. § 361.) 
Heisteri, de trichiasi, Heimst. 1722. 



Die augenärztl. Dissertationen des 18. Jahrh. aus deutschen Landen. 249 

Hellmanni, de variis catar. extr. methodis, Gotting. 17G0. 

Heninger, observ. et cautelae circa ocul. curationes. Argent, 1720. 

Henkelii, de catar., Francof. 1744. (Vgl. § 426.) 

Hennings, comment. de ptosi. Gryphisw. 1789. 

Hildebrand, Diss. de emendatiore Cataractae deponendae methodo, Francof. 1784. 

Hoesle, Disp. de Staphylomate, Giess. 1746. 

Frid. Hoffmanni, Casus aegri Ophthalmia laborantis, Hallae 1714. 

Frid. Hoffmanni, Diss. de oculorum procidentia, Hallae 1722. 

Frid. Hoffmanni, Diss. de morbis oculorum praecipuis, Hallae 1728. 

Frid. Hoffmanni, Diss. de Cataracta, Hallae 1729. 

Frid. Hoffmanni, Diss. de variis visionis vitiis, Hallae 1736. 

Jacobi, Diss. de cataractae nova Pathologia, Erford. 1708. 

Jantke, Diss. de Ophthalmia, Altorf 1732. 

Jrka, de morbis oculi internis, Vienn. 1771. 

Juchii, disp. de suffusione, Erford. 1738. 

Jo. Henr. Jugler, Med. Doct., opuscula bina medico-Hteraria, alterum speciraen 
bibliothecae ophthalmicae primum, recensens auctores qui ad q. usque Sereni 
Sammonici aetatem in medicina ocularia unquam inclaruere: alterum de col- 
lyriis veterum variisque eorum differentiis. Lipsiae ac Dessaviae 1785. 

[104+52 s.; 

Jo. Jungkeri, Diss. de defensione alterius oculi, quando alter quocunque morbo 

visu j am privatus est. Hallae 1743. 
Jo. Jungkeri, Diss. de Ophthalmia, Hallae 1774. (J. war Prof., von Stahl's Sekte. 
Kaestner, in optica quaedam Boerhavii et Halleri comment., Lips. 1785. (44 S.) 
Kaltschmidt, de oculo ulcere cancroso laborante, feliciter exstirpato, .Tenae 1749. 
Kaltschmidt, programma de nervis opticis in cadavere latissimis inventis, a 

compressione per undas facta, causa ante mortem subsecutae guttae serenae, 

Jenae 1752. 
Kaltschmidt, Diss. de puero 12 annorum ankyloblepharo laborante curato, 

Jenae 1764. 
L ambrecht, Diss. de Ophthalmia, Arnstad. 1722. 
Lange, Diss. de affectibus oculorum in genere, Hallae 1702. 
Lange, Commentatio de Ophthalmia, Tyrnav. 1777. 
Licht, de praecipuis viarum lacrymalium morbis, Agent. 1776. 
Linz, Diss. de morbis oculi externis, Vindob. 1771. 
Ludwig, de suffusione per acum curanda, Lipsiae 1783. ;§ 418.) 
Luther, Disp. de inflammatione tunicarum oculi, Erford. 1753. 
Maucharti, Dissert. ophthalmolog., vgl. § 413. 
Metzger, curationum chirurgicarum,' quae ad fistulam lacrymalem hucusque 

fuerunt adhibita, historia critica, Monaster. 1772. 
Meyer, examen quarundam optimarum cataractam extrahendi methodorum, 

inprimis Wenzelianae, Gryphiswald. 1772. 
Notnagel, Diss. de amaurosi, Erlang. 1776. 
Ottinger, de lapsu palpebrae superioris, Tubing. 1771. 

Otto, spec. inaug. med. chir. in quo visus vitia contemplantur (?), Butzowii 1789. 
Overkamp, ... utriusque methodi suffusioni medendi . . . epicrisis, Gryphis- 

waldae 1789. 
Platneri, programmata et disp. (Vgl. § 417.) 
Praetorii, Diss. de scarificatione oculorum, Lips. 1729. 
Puswald, Diss. de Ophthalmia, Vien. 1769. 

Quelmalz, programma s. depositionis cataractae effectus. Lips. 1748. 
Quelmalz, de linctu oculorum collyrio, Lips. 1753. (Vgl. § 420.) 
Reichenbach, cautelae et observ. circa extractionem cataractae. (Vgl. § 414.) 
Roscii, Diss. de vera Cataracta lactea crystallina, Regiomont. 1718. 
Runge, Diss. de morbis praecipuis sinuum ossis frontis et maxillae superioris, 

Rintel. 1750. 



250 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Schacht, Diss. inaug. de Epiphora et Lippitudine, Hallae 1789. 

Schaperi, Diss. de hydrophthalmia intercepta, Rostok 1713. 

Scheid, Diss. de quibusdam visus imminuti vitiis, Argentor. 4 720. 

Schulze, Diss. de fistulam lacrymalem sanandi methodis, Argentor. 1780. 

Schur er. num in curatione suffusionis extractio depositioni sit praeferenda, 
Argentor. 1760. 

Sigwarti, Disput, et spec, vgl. § 414. 

Stahl, Disp. medic. de affectibus oculorum in genere, Hallae 1702. 

Stahl, Diss. de fist. lacrymali, Hallae 1707. (Vgl. § 361.) 

Stahl, Disp. de Ophthalmia, Erford. 1731. 

Störk, de usu medico pulsatillae nigricantis, Vindob. 1777. (Vf. glaubt, dass Pul- 
satilla eine specifische Wirkung auf die Augen besitzt, und Beer glaubte es 
auch 1792.) 

Stok, Diss. de famoso unguento ophthalmico anglico, Jenae 1757. 

Szen, de Cataracta ab effluviis aquae fontis nata, Jenae 1774. 

Taube, Diss. de oculorum inflammationibus, Gotting. 1773. 

Teichmeyer, Diss. de Ophthalmia, Jenae 1732. 

Triller, programma de scarificationis oculorum historia, antiquitate et origine, 
Wittenb. 1754. 

Wenc. Trnka de Krzowitz, S. R. J. equ., Med. Dr., in reg. Un. Theres. Budensi 
pathologiae professoris p. o., historia amauroseos omnis aevi observata 
medica continens. Vindobonae 1781. (II. T., 705 S.) 

Trnka de Krzowitz, historiae ophthalmiae omnis aevi observata medica 
continens. Vindob. 1784. [582 S. — Beer hat boshaft vor »continensc noch ein- 
gefügt: (non). Auf die eben genannten Werke werde ich noch zurückkommen.] 

Troschel, de Cataracta omni tempore deponenda, Hai. 1755. 

Vater ... de Myosi et Mydriasi, Wittenbg. 1706. 

Vater, de suffusione ocul., Wittenb. 1705. 

Vater, de trachomate, Wittenb. 1704. 

Vater, de duob. visus vitiis, altero duphcato, altero dimidiato, Wittenb. 1713. 

(Vgl. § 415 a.) 

Vogel, de fistula lachrymali. Gryphiswald. 1757. (Ed. alt, ebendaselbst 1757.) 

Vogler, de ocul. morbis, Gotting. 1778. 

Volger, de niaculis corneae, Gotting. 1778. 

Walch, sigill. med. ocular. Romani, Jenae 1763. (Vgl. § 194.) 

Walther, de lente crystallina oculi hum., Lips. 1712. (Zeigte die Veränderung der 

Linsenformel, wenn vor der Linse ein andres Medium, als hinter derselben.) 
Wedelii, Disp. de Cataracta, Jenae 1706. 

Weißenborn, de pupilla nimis coarctata vel clausa, Erford. 1773. 
Weißenborn, über die Blindheit, die durch eine kaum, oder öfters gar nicht 

bemerkte äußerliche Ursache und daher entstandene Augenentzündung oder 

Hornhautgeschwüre verursacht wird. Erfurt 1790. 
Weyland, de ozoena maxillari, cum ulcere fistuloso ad angulum internum oculi 

comphcata, Strasburg 1771. 
Witte, de fistula lacrim., Erford. 1779. 

§ 429. Von den nordischen Reichen berücksichtigen wir zunächst 

Dänemark, 
zumal der erste wissenschaftliche Augenarzt in diesem Lande nicht blos 
deutsch gelehrt und geschrieben i), sondern auch ein geborener Deut- 
scher war, 



1) Chir. Op. III, Vorrede: »die Schreibart ist, wie ich in meinen Collegiis zu 
reden gewonet.« 



Die nordischen Reiche. Heuermann. 251 

Georg Heuermann (1723 — 1768]. 

1. Haller, bibl. chir. II, S. 3 60 — 363, 629. 

2. Biogr. Lexikon III, 188. 

3. Gordon Norrie, C. B1. f. A. 1890, S. 2 61—26 6. 

4. Gordon Norrie, Georg Heuermann, Kebenhavn 1891. (198 S., Dänisch.) 

5. Gordon Norrie, Okulister og oftalmologer i gamle Dage, särligt i Dan- 
mark. (Nordisks med. Arkiv, 1893, No. 7. Dänisch, doch mit französischem 
Auszug.) 

6. OcuHsts in ancient times, especiallj in Scandinavia. By Dr. Gordon 
Norrie, Copenhague. Janus 1896, S. 227 — 242. (Enthält einen großen Theil 
von 5.) 

Gordon Norrie's Arbeiten sind unsre Hauptquellen, natürlich nach den 
folgenden 

Hauptschriften Heuermann's: 

1. Georg Heuermann's, der Arzney gelahrtheit Dociors und der Anatomie 
Prosectors bey der K. Acad. z. C., Physiologie. Copenhagen und Leipzig 1751 
bis 1755, 4 Th. Es ist die erste Physiologie in deutscher Sprache. Sie steht 
nach Zeit und Umfang in der Mitte zwischen Haller's primae lineae pbysiol. 
(1747 und später) und desselben Elementa physiologiae (1757). 

2. D. Georg Heuermann's Abhandlungen der vornemsten chirurgischen 
Operationen am menschlichen Cörper mit Abzeichnungen der hierzu erforder- 
Hchen nöthigen und neuen Instrumenten. Erster Band, Copenhagen u. Leipzig 
1754 (70 3 S.). Zweyter Band 1750 (684 S.). 3. Band 1757 (382 S.). 

3. Vermischte Bemerkungen und Untersuchungen der ausübenden Arznei- 
wissenschaft von Georg Heuermann, Doktor und Prof. der Arzneigelahrtheit zu 
Coppenhagen. C. u. Leipzig 1765/7. 2 Bände. — I, S. 256 — 284 handelt 
über Star-Operation und Hornhaut-Flecke. 

Georg Heüermann, »jetzt in Dänemark gänzlich, in Deutschland grüßten- 
theils vergessen«, wurde 1723 zu Oldesloe in Holstein i) als Sohn eines Raths- 
beamten geboren. Im Jahre 1743 kam er nach Kopenhagen und studirte 
Chirurgie auf dem (1736 errichteten) Theatrum anatomico-chirurgicum bis 
1746, wurde Doktor (mit der Schrift de lingua humana), 1750 Prosektor 
an der Universität und Hilfslehrer für Anatomie, Physiologie, Chirurgie; 
1758 — 1763 war er Arzt und Oberchirurg bei der mobilisirten Armee und 
hatte in den ihm unterstellten Hospitälern zu Fokebek, Kellenhausen und 
Fehrenbüttel über 5000 Kranke unter seiner Aufsicht ; 1760 wurde erzürn 
Professor medicinae designatus ernannt, kehrte aber erst 1 763 nach Kopen- 
hagen zurück, begann seine Vorlesungen und hatte als Chirurg eine aus- 
gedehnte Praxis, starb aber schon am 6. Dez. 1768, im blühenden Alter 
von 45 Jahren. 

Heuermann war ein ausgezeichneter Gelehrter und vorzüglicher Chirurg. 
Seine Vorlesungen hielt und verüffentlichte er in deutscher Sprache, 



1) Von 1773 bis 1867 gehörten die deutschen Herzogthümer Schleswig-Hol- 
stein zu Dänemark. 



252 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

welche um die Mitte des 1 8. Jahrhunderts unter den Gebildeten Dänemarks einer 
großen Verbreitung sich erfreute. In seiner Physiologie widmet er dem 
Bau und der Verrichtung des Seh-Organs über 200 Seiten (von 813 bis 1042) 



Fig. 13. 




und behandelt den Gegenstand nach dem damaligen Zustand des Wissens 
gelehrt und genau, gründlich und kritisch. 

hl seiner Chirurgie, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts sehr beliebt 
war, noch 1772 von Theden in Berhn den Wundärzten besonders empfohlen 



Heuermann. 253 

wurde und jedenfalls als das beste Werk zwischen dem von Heister und 
dem von Richter angesehen werden muss, widmet er der Augenheilkunde 
fast 300 Seiten, folgt vielfach noch den Alten, ferner Woolhouse, Mauchart, 
Daviel und Sharp, zeigt aber auch eignes Urtheil und Erfahrung und ge- 
legentlich selbständige Gedanken. 

In der Einleitung zum Abschnitt von den Augenkrankheiten schreibt er: 

»Mit den Kranckheiten des Augapfels, weil diese am merckwürdigsten 
und in Zeigung der Operationen bey einem todten Cürper am ersten ver- 
dienen verrichtet zu werden, mache also den Anfang und zeige hiebey ins 
besondere die Fehler der harten Hornhaut, des Regenbogens, der crystalle- 
nen und wässerigten Feuchtigkeiten; ferner die Kranckheiten der Nerven- 
und Aderhaut, der Augennerven und Musculn, wie auch dieienigen, welche 
auf die Verschwürung nach auszen um den Augapfel hervorgebracht werden 
können; worauf mich endlich zu den Schwachheiten der AugenUeder und 
Tränengänge wende, welche Teile alle in meiner Physiologie fast in eben 
der Ordnung beschrieben; dahero mich gegenwärtig derselben zu Nutze 
mache. 

»Obgleich nun hiezu eine besondere Geschicklichkeit, lange Erfahrung 
und genaue Erkenntnisz der Augen erfordert wird; so ist es doch zu be- 
dauren, dasz die meisten Chirurgi diese Operationes teils denen Marckt- 
schreyern, teils aber auch denen so genannten Oculisten, überlassen; da 
viele Arten derselben doch sehr leichte auszuüben. 

»In den ordinären Hörsälen allhie [d. i. Kopenhagen], werden sie auch 
ofte mit keinem einzigen Worte gedacht, vermuthlich, weil Garengeot 
und LE Dran, welchen man fast durchgängig zu folgen pfleget, diese 
Kranckheiten nicht beschreiben. 

»Alles dieses hat mich um so viel mehr angereitzet, mich hiebey der 
Gründlichkeit und Deutlichkeit zu befleiszigen.« 

Heuermann ist der vielleicht erste, der bei Cheselden's Iridotomie 
den Einstich durch die Hornhaut, statt durch die Lederhaut, zu machen 
vorschlug. 

Sharp sagt noch in der 4. Aufl. seiner Chirurgie (vom Jahre 1753, 
S. 166), genau nach Cheselden: then introducing the Knife in the same 
part of the Conjunctiva you wound in couching; während er allerdings 
in der 9. Aufl. vom Jahre 1769 1) ^jen Hornhaut-Stich anempfiehlt, 
was übrigens 1766 auch P. Camper schon gethan hat. 

Aber auch Heuermann's eigne Worte vermögen mich nicht davon zu 
überzeugen, dass er die Operation überhaupt (oder doch häufiger) aus- 
geführt hat. Es heißt bei ihm, § 594, H, S. 493: 



4) Die zwischen 17ü3 und 1769 liegenden Auflagen sind mir allerdings un- 
bekannt. 



254 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit, 

»Hülfe alles dieses aber nichts, so kann man endlich zu derjenigen 
Operation schreiten, wodurch ehemals schon Chesseldex einen Knaben i) 
curiret, der seit verschiedenen Jaren wegen Verwachsung des Augensterns 
gar nichts gesehen. 

Um diese aber wohl auszuüben, so muss man seinen Patienten, eben 
wie beim Star-Stechen, auf einen niedrigen Stuhl setzen, mit einer schmalen 
wohlzugespitzten und auf beiden Seiten schneidenden Lancette die Horn- 
haut und den verwachsenen Regenbogen in der Mitte durchstechen, zu 
beiden Seiten aber im Stern die Oeffnung ein wenig erweitern, und unge- 
fähr eine so große Oeffnung machen, wie die Pupilla gemeiniglich zu seyn 
pflegt. 

Man muss sich hüten, hierbei die crystallene Feuchtigkeit 
und die Nerven-Fiberchen des Regenbogens zu durchtrennen, 
die Oeffnung der durchsichtigen Hornhaut aber so weit, wie möglich, nach 
unten machen. — 

Nach dieser Operation muss man mit Ueberschlägen von den Weißen 
eines Eyes mit Tutia vermischt, ferner durch Aderlass und Warm- 
haltung des Auges den Patienten von der Entzündung nicht nur zu 
befreyen trachten, sondern auch das Geblüt heraus zu bringen suchen, 
welches sich hierbey zuweilen in die hinteren Augencammern anhäufet; im 
übrigen aber den Patienten, wie bei den AVunden der Hornhaut erwänet, 
curiren. « 

Was ich gesperrt drucke^ beweist denn doch, dass H. selten oder 
nie so operirt hat; denn es ist fast unmöglich, was er verlangt. 

Bezüglich der Star-Ausziehung erklärt H. selber (vgl. Bemerk, und 
Untersuch. I, 263): »Ich bin der erste, der diese Operation nach des 
Daviei-'s seiner Erfindung in Dänemark (1755) angestellet^ und ich wurde 
hiezu dadurch angetrieben, weil die allermeisten, welche der Herr Gyrus 
und der Herr Taylor 2) kurz vorher mit der Nadel operiret, wieder blind 
wurden, da sie doch beide sehr geschickte Operateurs, und auch die 
Niederdrückung des Stahrs mit der Nadel auf das beste verrichteten.« Er 
fügt aber hinzu (S. 273): »so ist leicht zu erachten, dass die neue Manier 
des Dayiel's nicht in allen Fällen einen Vorzug vor der Operation mit der 
Nadel habe.« 

Bei dem Eiter-Auge (Hypopyon) macht H. mit der myrtenförmigen 
Lanze Daviels »unten nächst dem Rande der durchsichtigen Hornhaut 



1) Das ist der gewöhnliche Irrthum. Vgl. XIII, S. 454,8. 

2) Chir. Op. II, 598, sagt H. : »Von mehr als 50 Personen, die Cyrus und Taylor 
allhier auf diese Art operiret, sind nicht sechse vollkommen geheilet worden, son- 
dern die meisten ebenso blind wie zuvor verblieben, weil der Star 4 oder 5 Wochen 
nachher wieder in die Höhe stieg oder auch die Augenfeuchtigkeiten verun- 
reinigte.« 



Heuermann. 255 

eine Oeffnung, die ungefähr eine Linie groß sein kann. Hierbei musz 
man sich nun wol hüten, dasz man den Regenbogen nicht verletze, und 
deswegen die Spitze ein wenig aufwärts richten. Wolte die Materie nun 
nicht gleich zum Vorschein kommen, so bauet man ihr nach den er- 
forderlichen Umständen einen Weg mit einem kleinen Stilet, das nach 
vorne mit einem Knöpfgen oder stumpfen Spitze versehen, oder hält 
auch die Lefzen der Oeffnung mit einer feinen Pincette ein wenig von 
einander. 

»Wenn die Materie nun ausgelaufen, so verbindet man das Auge, wie 
in diesen Fällen gewünlich, beuget der Entzündung vor, und lasset den 
Patienten nachhero die Augen nur sehr wenig gebrauchen. Doch musz 
man nicht, wie einige gewonet, die Augen einsprützen, um sie völlig zu 
reinigen, denn dieses irritiret zu sehr, und erfolget von selbsten, wenn 
man nur ein wenig Gedult giebet, und die Augen nach außen wol erwärmet 
und erweichet.« 

Gordon Norrie hat aber noch gefunden, dass Heuerm.4.nn die Opera- 
tion von Saemisch, den Querschnitt durch den Hornhaut-Abscess, bereits 
1765 ausgeführt. In H.'s »Vermischten Bemerkungen« u. s. w. Bd. I, 1765 
(S. 274 — 276) heißt es nämlich: »Ein hiesiger Kaufmann, mit Namen Steege, 
der auf Island zu handeln pflegte, war der erste, der mich wegen eines 
bekommenen Fleckes an der durchsichtigen Hornhaut des rechten Auges 
zu Rathe zog. 

»Er war von der Art, welche man nach ihrer Gestalt einen Nagel am 
Auge zu betiteln pflegt; er hatte schon den gröszten Theil der durchsich- 
tigen Hornhaut auf dem Auge eingenommen, und ihm das Gesichte hieran 
fast völlig geraubt. 

»Dieser Fleck war von selbsten entstanden, und er wuszte keine andre 
Ursache anzuführen, als eine Verkältung bei dem Aufenthalte in einer 
kalten und feuchten Luft; ich hesz demselben dahero gleich den andern 
Tag ein gelindes abführendes Mittel nehmen, und darauf jeden andern 
Abend eine Mercurialpille von zwei Gran aus dem versüszten Quecksilber 
gebrauchen. 

»Den vierten Tag ohngefähr, durchschnitt ihm diesen Flecken in die 
quer von dem einen Rande bis zu dem andern; die wässerichte 
Augenfeuchtigkeit flosz hiebei heraus, und die Hornhaut fiel ein wenig zu- 
sammen, dahero ich das Auge gleich verbinden, und nach auszen mit dem 
vorangepriesenen Augenwasser ^) jede zweite Stunde mit Bäuschlein ganz 
laulicht warm bedecken liesz. Weil nun nach vier und zwanzig Stunden 
sich keine Entzündung einstellete; so liesz in zwei Tagen hindurch dieses 



<) Aus Quittenkern-Schleim, Mohnsaft, Rosenwasser, Tutia und Safran-Tinctur 
zusammengesetzt. 



256 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Augenwasser nur drei bis viermal warm auflegen, und inzwischen einen 
Kräuterbeutel von den Speciebus pro Cucupha^) gebrauchen. 

»Am vierten Tage liesz dieses Augenwasser warm gemacht ins Auge 
tröpflen, und jedesmal fünf bis sechs Tropfen davon gebrauchen. 

»Im Essen und Trinken liesz ihn eine mäszige Diät beobachten, und 
fast nichts wie Theewasser und Hafersuppe trinken; dieses that nun die 
Wirkung, dasz der Fleck in der dritten Woche fast völlig vertheilet, und 
er mit dem Auge alles Geschriebene und Gedruckte deutlich wieder gewahr 
werden konnte, wie er doch vorhero nicht zu thun im Stande. 

»Nachhero habe noch vier solche Patienten gehabt, wobei diese Heil- 
art auch eine völlige Besserung verursachete. « 

Einen Satz H.'s über die Schiel-Operation werden wir später, bei 
der Erörterung von Ritter Taylor's Schriften, noch kennen lernen. 

In Schweden, 
dessen Akademie der Wissenschaften, wie wir gesehen, J. Daviel zu ihrem 
Mitglied erwählt und von ihm seinen Bericht über zwei angewachsene 
Stare empfangen und 1759 abgedruckt hatte, finden wir einen heftigen 
Streit über die Star-Operation zwischen Wahlbom und Acrel. 

JoHAN Gustaf Wahlbom (1724 — 1807), Arzt in Kalmar, ein aus- 
gezeichneter Operateur, veröffentlichte 1766 zu Stockholm 

Skriftwäxling om alla brukeliga Satt at operera starren, 
worin er sich für den Star- Stich nach Ferrein und gegen den nach St. Yves 
ausspricht. (Haller, bibl. chir. II, 430. Biogr. Lex. VI, 169.) 

Die entgegengesetzte Ansicht finden wir bei Olof Acrel (1717 — 1806), 
dem berühmten Professor der Chirurgie und Ober-Chirurg des Seraphimer- 
Lazarets zu Stockholm, der zu den ersten gehörte, die in Schweden mit 
operativer Augenheilkunde sich beschäftigten. (Haller, bibl. chir. II, 274; 
und Biogr. Lex. I, 50.) 

Zu dem vorher erwähnten Schriftwechsel hat A. einige Beiträge 
geliefert. Seine Hauptschrift ist 

Kirurgiska händelser anmärkt uti Kongl. Lazarettet. Stock- 
holm 1759. Deutsch von Vogel, Göttingen 1772. 



^) Die Kräutermütze, eine doppelwandige Kopfhaube, der schmale Hohl- 
raum ausgefüttert von Watte, die mit wohlriechenden Kräuterpulvern iraprägnirt 
ist. Das Wort erscheint (vielleicht zuerst) in Petri Morelli (Campani, medici 
Regii) »methodus praescribendi formulas remediorumc, Basil. 1630, II, 2, c. h. 
Cucupha wäre nach Kühn's (Lex. med. I, 466, 1832) aus dem Chaldäischen 
abgeleitet, [also mit dem arabischen Kubba, Kuppel, Wölbung verwandt]. Doch 
finde ich Diez (etym. Wörterb. der roman. Spr. I, U8, 1863) das folgende: Alt- 
hochdeutsch Kuppa, Kuppha heißt Mütze; daneben kuphja = dem neulat. 
cuphia = dem lat. cuppa, Gefäß. 



Wahlbom. Acre). Odhelius. 257 

Handelt von Haarkrankheit, harter Geschwulst der Augenhöhle, Krebs 
des Auges u. a. Pannus wurde durch Kreisschnitt durch die Binde- 
haut rings um die Hornhaut geheilt, — »eine Methode«, fügt Beer (1799, 
Repert. I, 113] hinzu, »der ich mich sehr oft mit dem glücklichsten Er- 
folg bediene«. Mit der Ausziehung des Stars kann A. sich nicht befreunden. 

Dagegen hat Johan Lorens Odhelius (1737—1816), Ober-Arzt des 
Serafimer-Lazarets und Mitglied des Colleg. med. zu Stockholm, 1775 in 
seiner Eintrittsrede Anmärkningar viel Starroperation, i. A. für 
Daviel's Ausziehung sich entschieden: wenn gleich er bei Kindern, bei 
eingesunkenen und reizbaren Augen die Niederdrückung vorzieht, und auch 
bei Leuten über 70 Jahre. Hiermit und mit seiner Nachbehandlung 
hat er Beer's Beifall (Repert. HI, 1 62) nicht gewinnen können. 

Im 29. Band der Abb. d. schwed. Ak. d. W. (deutsch von Kästner, 
Leipzig 1770) beschreibt er einen Fall, der durch Leukom auf beiden 
Augen ganz erblindet war, aber nach einiger Zeit auf dem linken ziemlich 
wieder sehen lernte: es hatte sich eine Oeffnung am oberen Rand der 
Regenbogenhaut gebildet. Bei Augen-Enlzündung verwirft er den Verband 
und die warmen Bähungen; in leichten Fällen thut er nichts weiter, als 
dass er das Auge oft mit kaltem Wasser befeuchtet. Beim Flügelfell, Leu- 
kom, Staphylom verwirft er die Operation: ein Augen wasser hat ihm mehr 
geleistet, dies ist aber — ein Geheimniss^j! (Päemminelser vid det bruke- 
liga Sättel at bota ogats sjukdomar. Stockholm 1772.) 

In Norwegen hat der Chirurg Wasmutu 1 763 bei Trondhjem eine 
Privat-Klinik, hauptsächlich für Augenleidende, begründet. 

§ 430. Ebenso wenig, wie Heuermann in Kopenhagen ein Däne, Plenck 
in Ofen ein Ungar, ist Joseph Jakob von Mohrenheim ein Russe, — Schüler 
von Barth, mit dem er sich aber nicht vertragen konnte, von großen 
Fähigkeiten, aber unbändigem Stolz 2), erst Wund- und Augenarzt in Wien, 
seit 1783 als Prof. der prakt. Chirurgie und Leiter der Hebeammen-Schule 

nach St. Petersburg in Russland 
berufen, woselbst ihm ein prächtiges Gebäude an der Newa errichtet und 
mit 40 Betten ausgestattet wurde. 

»Da die jungen Leute, die sich daselbst der Wundarzneikunst widmen, 
meistens Deutsche oder von deutschen Eltern geboren sind, so wird aller 
Unterricht deutsch gegeben.« 

M. hat auch in der Augenheilkunde recht Tüchtiges geleistet. 



1; Es ist merkwürdig, dass wir diese Geheimhaltung gepriesener Augen- 
wässer und Salben während des 18. Jahrhunderts in Frankreich, wie in England, 
in Deutschland wie in Schweden finden. 

2) Beer, Repert I, 116. Vgl. auch das biogr. Lexikon (IV, 256, das sehr 
dürftig. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. 4 7 



258 XXlIf. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

In »Jos. Mohrenheim's, der Wundarzneikunst, Geburtshilfe und Augen- 
krankheiten Meisters, der med. jDrakt. Lehrschule in Wien zweyten Wund- 
arztes, Beobachtungen verschiedner chirurgischer Zufälle, I. B. 
Wien 1780 (214 S.), II. B. 1783 (248 S.)« finden wir verschiedene be- 
merkenswerthe Mittheilungen ^). 

Der Star-Schnitt durch ein Auge mit sehr enger Vorderkammer musste, 
da die Regenbogenhaut vor der Schneide des Messers lag, quer durch 
die Hornhaut vollendet werden. 

Bei einem Star-Schnitt schob sich der Star zur Seite, die gläserne 
Feuchtigkeit drang heraus: der Star musste mit einem kleinen Haken vor- 
gezogen werden. ' 

Im Ganzen zieht M. die Niederdrückung vor: unter 50 Fällen steigt 
die Linse kaum einmal wieder empor, wenn sie mit der nüthigen Geschick- 
lichkeit niedergedrückt worden. Durch eine weiße, knorpelartige Geschwulst 
der Hornhaut zog M. einen Faden und schnitt sie ab. Ein Mann, dem 
beide Augen glücklich und leicht mit der Ausziehung operirt worden, be- 
kam am achten Tag eine heftige Entzündung des einen, worauf sich das 
Auge mit Eiter füllte. Jedoch verlor sich dies wieder und der Kranke er- 
hielt sein Gesicht wieder. 

Ausfluss wässrigen Glaskörpers wird gut vertragen. 

Nach Ausrottung eines linken krebshaften Auges (wobei ein jauchendes 
Fleischgewächs von der Größe einer wälschen Nuss zwischen den Lidern 
hervorragte,) ging die Frau geheilt nach Hause, kehrte aber nach 8 Wochen 
wieder mit Erbrechen und Kopfschmerzen. Bald trat Irre-Reden und der 
Tod ein. Im vordem Lappen der linken Halbkugel des Gehirns neben dem 
gestreiften Körper fand man die Marksubstanz in Größe einer wälschen 
Nuss aufgelöst in stinkende Jauche. Die Verderbniss ging durch den Seh- 
nerven. Dieser war an dem Sehloch fest angewachsen und in einen Schwamm 
von der Größe eines Groschens ausgewachsen. (Also gleichzeitig Infection 
und Recidiv!) 

Die >Wienerische Beiträge zur praktischen Arzneykunde, 
Wundarzneykunst und Geburtshilfe, h. von J. Mohrenheim, I, Wien 
1781 (436 S.) enthalten eine Abhandlung des Herausgebers vom grauen 
Star, worin er seine oben schon erwähnten Ansichten über die Operation 
mehr systematisch vorträgt. 

Holland. 

§ 431. De ooghelkunde in Nederland, Rede .... door Dr. F. D. 
A. C. Van Moll (Rotterdam op 12. Juni 1892) liefert uns nur geringe Aus- 
beute. Das gleiche gilt von der sogenannten Geschichte der Augenheilkunde 
des Holländers A. G. van Onsenoort (deutsch von Wutzer, Bonn 1838). 



I 



1) Richter's chir. Bibl. VII. 53 (Brief von M. an A. 



Älohrenheim. — Holland. 259 

Sehr wichtig, ja nnenlbehrlich, wenn gleich nicht ganz vollständig, ist 
»die Entwicklung der Ophthahnologie in den Niederlanden « von Prof. W. Koster 
Gzn, Leiden. (Zeitschriit 1'. Augenheilk. 11, S. 109 — 125, 1899.) 

Die Vorgeschichte der Augenheilkunde in den Niederlanden 

soll uns den Boden ebnen, auf dem wir die Geschichte des 18. Jahrhunderts 
aufbauen wollen. Jehax Ypermax, zu Ypern in Ostflandern geboren, unter 
Lanfranchi am College de St. Cüme zu Paris gebildet, von 130 4 — 132 9 Wund- 
arzt in seiner Vaterstadt, hat u. a. eine lateinische Chirurgie veröffentlicht, 
welche nach einer vlämischen Uebersetzung von Broeckx ^) veröffentlicht worden. 
(La Chirurgie de maitre J£uan Ypermax, Antwerpen 1859.) Darin wird natür- 
lich auch die Augenheilkunde besprochen. Bexevoud^] wird häufig citirt. Der 
Inhalt ist arabistisch. Eigenes wird vermisst. 

Im Jahre 4 497 wurde zu Amsterdam die erste »Ordonnantie« für die 
»Barbiers en Meesters chirurgijns« ausgefertigt und besondre Kenntnisse von 
diesen verlangt. 

Der große Axdreas Vesalius'' (1514 — 1564) hat zwar grade die Ana- 
tomie des Auges wenig gefördert; aber er soll in seiner »großen Chirurgie c 
verschiedene Anmerkungen über das Auge gebracht und durch seine Sonder- 
schrii't »Raadgeving onitrent hei deels bedorven, deels vernietigde gezicht« (Rath- 
schläge über die Iheilweise verdorbene, theilweise zerstörte Sehschärfe) sein leb- 
haftes Interesse für die Augenheilkunde bewiesen haben. Nun, die große 
Chirurgie ist nicht von Vesal, sondern von Prosper Borgarucciüs, bezw. 
von denen, aus welchen er ganze Kapitel abgeschrieben: die Urheberschaft der 
Rat h schlage soll noch erst bewiesen werden. 

Der Krieg mit Spanien, der 1568 entbrannte, machte eine Hochschule für 
die protestantischen Nord-Provinzen nothwendig, da ihre Studenten nach der 
(l 42 6 begründeten) Universität zu Leuven (Löwen) sich nicht wagen durften: 
1575 wurde die Universität zu Leiden eröff'net. Ihr erster Professor der 
Medizin, Pieter Foreest (1522 — 1597), als »Hyppokrates Baiavus« in seiner 
Grabschrift gepriesen, hatte einen offenen Bhck für die Augenkrankheiten, wie 
er in seinen Observ. et curat, med. libri XXXIl (Leid. 1587 — 16 10) und in 
seinen Observ. et curat, chir. libri XI (Leid. 1610) bewiesen. 

Wir haben bereits (§ 301] gesehen, dass er zu den ersten Aerzten gehörte, 
welche Kurzsichtigen Concav-Brillen verordneten. Foreest war ein großer 
Kliniker, aber ein kleiner Chirurg. Dem Star geht er mit inneren Mitteln zu 
Leibe, gelegentlich lässt er ihn von einem gescheidten Wundarzt niederdrücken. 
Das Ektropium heilt er durch Salben. Uebrigens klagt er über die »Unkunde 
der Augenmeister« und über die Unzahl von Blinden, die zu seiner Zeit in den 
Niederlanden gefunden wurden. 

Auch Reiubert Dodoexs (Dodonaeus, 1517 — 158 5) aus Mecheln, erst Leib- 
arzt der Kaiser Maximilian II. und Rudolf, war von 1582 bis zu seinem Tode 
Professor in Leiden und hat in seiner Praxis medica (Amsterdam 1616), 
welche dem Paulus vox Aegixa folgt und ihn zeitgemäß umändert, ein Kapitel 
von den Augenkrankheiten, allerdings ohne eigne Funde. 

Volcher Coiter (1534 — 1590), geboren zu Groningen, studirte in Rom, 
Bologna, Montpellier und wirkte in Nürnberg als Stadtarzt seit 156 9 und später 
als Militärarzt in der deutschen Armee unter Johaxx Casimir Palatinus. C. war 



1) Vgl. XHl, S. 370. 2) Vgl. § 291. 3] § 305. 



260 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

ein bedeutender Anatom (Osteolog), entdeckte den Musculus corrugator supercilii; 
und hat nachgewiesen, dass das Kammerwasser, wenn es abgeflossen, sehr bald 
sich wieder bildet. Die Furcht vor dem Abfhiss des Kammerwassers, die aus 
dem Alterthum stammte und auf Verwechselung mit Glaskörper- Verlust beruhte, 
hatte ja dem Fortschritt der Augen-Chirurgie lange Zeit hindurch erhebUche Hem- 
mung bereitet. 

Nach dem Befreiungskrieg, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, standen 
die Niederlande in höchster Macht und 151üthe; sie waren durch ihre 
Kolonien, durch Handel und Gewerbfleiß das reichste Land Europa's geworden. 
Es herrschte Freiheit des Glaubens, — obwohl ja 1619 der »Krjpto-Katholik« 
Oldenbarnevelt hingerichtet wurde, — der Wissenschaft, der Presse. Hoch- 
schulen erwuchsen in Menge, 1585 die Universität zu Franeker, 1614 die von 
Groningen, 1G36 die von Utrecht, 1648 die von Harderwijk; 1629 bekam 
s'Hertogenbusch eine hohe Schide mit medizinischem Unterricht, 1650 Middel- 
burg, 1630 Deventer, 1632 Amsterdam, 1646 Breda. Von den allgemeinen 
und theoretischen Fortschritten, die uns ein Huygens, Swammerdam, Buysch, 
Leeuwenhook erarbeitet haben, will ich hier nicht reden; sondern von denjenigen 
Männern, die unmittelbar die Augenheilkunde gefördert haben. 

Plempius , Blankaärd, Anton. Nuck, van Solingen sind ja schon von uns 
gelegentlich erwähnt worden. (§ 315; § 345, S. 467; § 324, S. 366; § 345, 
S. 466.) 

Dass aber Blankaärd die Extraction des Cataract ausgeführt, ist ein 
Irrthum Koster's. Er hat uns aber Blankaärd von einer neuen Seite kennen 
gelehrt, — nämlich dass er ein uneigennütziger Forscher nicht gewesen, 
sondern »viele seltne Verborgenheiten« für sich behielt und nur denjenigen mil- 
theilte, die »ihn cordial bezahlen« wollen. 

Von ausgezeichneten niederländischen Wundärzten, die um die Augenheil- 
kunde sich verdient gemacht, sind noch die folgenden anzuführen. 

NicoLAAS TuLP (1593 — 1674), zu Amsterdam, Lehrer der Anatomie der 
»Chirurgijns Gild« und als solcher durch Bembrandt's Bild verewigt, hat in 
seinen Observat. medic. 1. III (Amsterdam 1641, auch 1652, 1672 u. Leid. 
1739, holländisch Amsterdam 1650) über einen durch Geschwulst aus der Or- 
bita hervorgetriebenen Augapfel und über eine geheilte Hornhautwunde, wo mit 
Wiederbildung des Kammerwassers auch die Sehkraft wieder hergesLellt wui'de, 
berichtet. Sein Schüler Job Janszoon van ÄIeekren, Stadtchirurg in Amster- 
dam (f 1666), hat in seinen Heel- en geneeskonstige aanrnerkingen 
(Amsterdam 1668 und 1673, deutsch Nürnberg 1675, lat. Amsterdam 1682) 
eine konische Nadel zum Herauslassen des Hypopyon angegeben. Er hat auch, 
was damals noch selten geschah, eine Exstirpation des Augapfels, und 
zwar mit den Instrumenten von Bartisch, ausgeführt. 

Cornelius Stalpaart van der Wiel (1620 — 1687), Arzt und Wundarzt im 
Haag, hat in s. observat. rariores medicae, anatom. et chirurg. (Leid. 
16 87) über einen Fall berichtet, wo der große Theil eines Schwertes in die 
Orbita eingekeilt wurde, und der Kranke doch genas. 

Frederik Dekkers (1648 — 1720), Prof. in Leiden, hat in seinen merk- 
würdigen Exercitationes medicae practicae circa methodum medendi 
observationibus illustratae (Leid. 1673, 1694 und Neapoli 1 72 6) berichtet, 
dass er mittelst Blutegeln die Ophthalmie gehoben, die Blindheit durch Cauterisa- 
tion des Scheitels, sosrar bei einem Knaben. 



Boerhaave. 



261 



Von Lehrbüchern der Augenheilkunde in der Volks-Sprache sind 
zwei zu erwähnen; beide sind Ue her Setzungen aus dem Französischen: 

\. GuiLLEMEAu's Lehre von den 113 Augenkrankheiten (Paris 1585) wurde 
liolländisch zu Amsterdam 1678 von dem Wundarzt Jacob Verbrugge zu Middel- 
burg herausgegeben. (§ 375.) 

2. Maitre Jan's Augenheilkunde vom Jahre 1707 (§ 326, § 338, § 358) 
wurde von Palfitv (1650 — 1730), Professor in Gent, in's vlämischc übersetzt. 
(§ 32 9.) 

Die beiden größten Niederländer auf unsrem Gebiet waren Boerhaave im 
< 8. und DoNDERS im 19. Jahrhundert. 



§432. Hermann Boerbaave (1668 — 1738) hat in seinen 1708 ge- 
haltenen Vorlesungen über Augenheilkunde ein Werk geliefert, das im 
■18. Jahrhundert gewissermaßen als 



Fig. 4 4. 



wissenschaftliche Erläuterung der 
Abhandlungen über praktische 
Augenheilkunde hochberühmt ge- 
wesen. (Vgl. § 332 u. § 339 No. 34.) 
Es ist zwar kurz und nicht vollstän- 
dig, aber doch gehaltreich, leider nur 
nach mangelhaft nachgeschriebenen 
Collegien- Heften herausgegeben und 
somit ganz fehlerhaft überliefert. Man 
muss hier gelegentlich erst mit sprach- 
licher Kritik den richtigen Text wie- 
der herzustellen suchen. 

So ist es denn gekommen, dass, 
während Richter 1771 es noch als 
»ein kleines Werk von bekanntem 
Werth« bezeichnet und Beer 1799 
dasselbe »höchstens für den Literator 
noch von einigem Interesse« findet, 

von den neuen Geschichtsforschern nur Wenige die darin verborgenen 
Schätze auszugraben sich ernstlich bemüht haben. 

Am räthlichsten ist noch der Text der lateinischen Ausgabe, die 17öO 
nach des jungen Heister CoUegien-Heft von Haller zu Güttingen heraus- 
gegeben worden; die Uebersetzung des Dr. Clauder wimmelt von Fehlern 
und ist wegen des erbärmlichen Deutsch schwer lesbar, sowohl in 
der ersten Ausgabe, Nürnberg 1751, wie auch in der vierten vom 
Jahre 1771. 

Die Krankheiten werden nach anatomischer Ordnung vorgetragen und 
bei jeder die anatomisch-physiologische Begründung aufgesucht, daraus die 
Behandlung abgeleitet, und möglichst durch Erfahrung unterstützt. - 




262 XXin. Hirschberg. Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Von den äußeren Krankheiten wird zuerst das Gerstenkorn genannt. 
Dasselbe beruht auf entzündlicher Schwellung der Augenlid-Drüsen, deren 
Ausführungsgänge in der Lidfuge Jedem deutlich sichtbar sind, 
wenn er in einen Spiegel schaut. Die Behandlung besteht in warmen, er- 
weichenden Umschlägen, Betupfen mit Hüllenstein, schließlich im Zink- 
pflaster (emplastrum diapompholygos). Hierauf folgt die Abschilferung und 
die Verschwärung des Lidrandes. Das Herunterfallen des Oberlids hängt 
weniger von Lähmung ab, als von Erschlaffung der Fasern und wird 
mittelst der von den beiden Widersachern Rutsch und Rau^] verbesserten 
Lidklemme operirt. (Vgl. XHI, S. 346.) 

Bei der Thränen-Fistel wird ganz genau der Ort der Behinderung 
des Thränen-Abflusses unterschieden. An der Thränen-Drüse, deren 
Absonderung am Feuer nicht dick wird, giebt es Entzündung, Ab- 
scess, Scirrhus. 

Ophthalmie ist wahre Entzündung der Bindehaut und des die Horn- 
haut überziehenden dünnen Blättchens. Das Blut dringt dabei auch in die 
feinen Gefäße, jie normal keine Blutkörperchen enthalten. Betrachtet man 
die Bindehaut durch eine Lupe, so erscheint sie weiß; wird aber sofort 
roth, sowie die Halsbinde zugeschnürt worden. Solche Stockung entsteht 
auch durch innere oder äußere Schärfe, welche die Gefäße zusammen- 
krampft. Geheilt wird sie durch Zertheilung, entweder, wenn das stockende 
Geblüte aus den engen in die weiteren Pulsadern getrieben, oder wenn die 
Älaterie verdünnt wird. Wegen der Schwierigkeit wird die Kur der Oph- 
thalmie noch heute (gleichsam außer dem Zusammenhang mit den andren 
Theilen der Heilkunde) von besondern Oculisten behandelt. Insgemein 
meinen die Leute, die Krankheiten der Augen erfordern eine eigne Kunst 
zu heilen. Die erste Hilfe ist der reichliche und wiederholte Aderlass^ die 
zweite das Abführen, die dritte das Ableiten, z. B. durch Pflaster zwischen 
den Schultern. (Uebrigens sagt er »sunt dubii eventus«, was ich ihm 
zum Lobe anrechne.) Von innerlichen Mitteln sind die Keller-Esel zweifel- 
haft, von äußerlichen das Kraut Augentrost nutzlos. 

Von den örtlichen Mitteln sind die besten, die den Schmerz stillen. 
Dazu gehören die erweichenden, welche die Fasern erschlaffen, wie Oel 
die Saiten, z, B. warme Umschläge. Ferner warme Einträuflung von 2 Gran 
Bleizucker auf 2 5 Rosenwasser (0,1 : 30,0) sowie rothe Präcipitat-Salbe 
(I : 6)2). Bei Geschwüren an der Hornhaut kann man nicht, wie an andren 
Körpertheilen, Aetzmittel anwenden. Gegen Hornhaut-Flecke wird 
feinstes Pulver (aus Aloe 4 Gran, Calomel 3 Gran, weißestem Zucker 



-)) Chirurg, Prof. in Leiden, geb. 1668 zu Baden im schwäbischen Kreis, ge- 
storben 1719 zu Leiden. 

2) B.'s Formeln sind mehr zusammengesetzt. Bezüglich der Präcipitat-Salbe 
vgl. m. Einführung, I, S. I 6, 1892 und unsren § 399. 



Boerhaave. 263 

2 Quentchen) eingeblasen. Von Gewächsen und Fellen der Hörn- und 
Bindehaut und ihrer Operation werden nur wenige Worte gesagt. 

Bei den inneren Augenkrankheiten ist oft der leidende Theil 
strittig. Es giebt Bilder zwischen Auge und Gegenstand, welche die Deut- 
lichkeit des letzteren behindern und die in gleicher Entfernung, sowohl 
nach Höhe wie nach Breite, vom Fixir-Punkt verharren. Diese Flecke 
sind nicht, wie man bisher meistens angenommen, Schatten, welche von 
getrübten Stellen der durchsichtigen Theile des Auges auf die Netzhaut ge- 
worfen werden ; vielmehr beruhen sie auf unempfindlichen Stellen des Nervens 
selber, der allenthalben vom Licht getroffen wird. Willis hat zuerst das 
richtige erklärt, aber das falsche wird noch vielen geglaubt. B. macht 
folgende Versuche. Eine schwarze Nadel, dicht an der Hornhaut, wird 
gar nicht wahrgenommen. Ein Convexglas entwirft das umgekehrte Bild 
einer Lichtflamme auf einem Schirm; ebenfalls noch, wenn es z. Th. mit 
schwarzem Papier oder Pech überzogen wird, nur wird das Bild dann 
lichtschwächer. 

In der Netzhaut kann nun ein Theil fehlen, dann erscheinen die 
schwarzen Bilder; oder ein Theil kann weniger lichtempfindlich sein, dann 
erscheint eine Stelle weniger klar, als das übrige. Man lässt einen Buch- 
staben fixiren und prüft, auf welcher Seite und wie weit vom Fixir-Punkt 
der Fleck liegt und wie breit er ist. Je weiter der Abstand von der Seh- 
Achse, je weniger Gefahr. Wenn der Zufall lange gedauert und nicht zu- 
nimmt, hat man nicht viel zu befürchten. Die Aerzte behandeln dies 
irrig, mit reizenden KoUyrien. Besser ist kaltes Wasser, später Aderlass 
und Quecksilber. — Gutsehenden Augen erscheinen kleine leuchtende 
Bläschen, die sich bewegen, auf- und niedersteigen, während das Auge 
ruhig steht. Diese entstehen von dichteren Theilen, welche in der (wäss- 
rigen) Feuchtigkeit des Auges schweben. Verdünnende Lebensweise, Mineral- 
Wässer sind am Platz. Anders sind feurige Erscheinungen, welche 
geschwind entstehen und wieder vergehen, — wie beim Drücken des Auges. 
Entzündete und gepresste Puls-Adern der Netzhaut können diese Erschei- 
nungen bewirken. 

»Den schwarzen Star beschreiben die Aerzte als eine völlige Blind- 
heit, wobei äußerfich am Auge kein Fehler zu bemerken \) . . . Auch habe 
ich viele Kranke gesehen, welche daran, und zwar nur auf einem Auge, 
gelitten: bei diesen habe ich allezeit des leidenden Auges Pupille ohne Be- 
wegung getroffen, während das gesunde Auge bei Lichteinfall seine Pupille 
zusammenzog. Hieraus allein habe ich öfters die Erblindung des betroffenen 
Auges vorhergesagt, zum Staunen der Unwissenden. Der Sitz des Uebels 
kann sein in einem der vier Werkzeuge des Sehens. Zunächst in der 

■I) Vgl. § 24Ö. 



264 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Netzhaut. Ihre Farbe ist weißlich, nur in ihrer Mitte roth. Wenn sie 
ihre Farbe ändert, kann man es am Lebenden nicht sehen. Denn die 
Lichtstrahlen, welche in die Netzhaut einfallen und von ihr zurückprallen, 
werden von den schwarzen Körpern verschluckt, welche an den Seiten 
dieser Haut sich befinden i). Zweitens im Sehnerven. Drittens in dem 
Mark des Gehirns (Thalam. opt.). Viertens in demjenigen Theil der 
grauen Hirnrinde, aus dem die Fasern des Sehnerven her- 
vorgehen.« 

Dass B. den grauen Star richtig in die Krystall-Linse verlegt, haben wir 
bereits (in § 332) besprochen. Der Star entstand bei einem Kinde in kurzem, 
von der fallenden Sucht. Mitunter entsteht er langsam, mitunter geschwind. 
B. hat bemerkt, dass er in einer Nacht entstanden. Von innerlich wir- 
kenden Mitteln ist nicht viel zu halten, am ehesten noch von einem Nieß- 
pulver: Calomel 1 Gran, Zuckerkant \0 Gran, in 10 Theile getheilt, jeden 
Morgen 1 Theil zu gebrauchen. Die Operation habe schon Celsus so genau 
beschrieben, dass heute nichts hinzugefügt werden könne {!). B. hat wohl 
nie den Star operirt, er spricht hierbei immer von den Künstlern und 
Augenärzten. 

Nachtblindheit leitet er auch von zu enger Pupille ab und bemerkt, 
jeder kann vor dem Spiegel sehen, dass der Durchmesser der Pupille bei 
Tage 3 mal kleiner, als bei Nacht. Bei der Tagblindheit beschreibt er eine 
Art als Folge einer umschriebenen Trübung der Linsen-Mitte. Pferde und 
Katzen sehen in der Dunkelheit vielleicht besser, als Menschen, aber doch 
nicht deutlich, wie B.'s Versuche zeigten. — Augenwassersucht entsteht, 
wenn die wässrige Feuchtigkeit beständig zu-, aber nicht genugsam abgeführt 
wird. Den Schluss macht die Lehre von der Kurz- und Weitsichtigkeit. 

A. Hirsch (S. 339) hebt es rühmend hervor, dass »B. in dem mit 
großer Gründlichkeit und auf mathematischer Grundlage behandelten 
Kapitel abnorme Tiefen-Durchmesser des Augapfels oder abnorme Wölbung 
der Hornhaut als Ursache dieser Seh-Fehler« nachgewiesen. Richtig ist, 
dass hier zum ersten Mal in einem Lehrbuch der Augenheilkunde 
die Refractions-Fehler einigermaßen genau abgehandelt sind. Aber Kepler's^) 
Darstellung wird von B. nicht erwähnt, sondern nur Sennert^) wegen seiner 
Unkenntniss in der Mathematik getadelt und seinem Huygens alles Verdienst 
zugeschrieben. Kurzsichtigkeit entstehe durch allzugroße Länge oder durch 
allzugroße Convexität der Hornhaut; Weitsichtigkeit durch zu große An- 
näherung der Netzhaut an die Hornhaut. 



1) Dies hat erst Helmholtz 1851 widerlegt. 

2) § 308 a. E. 

3) Daniel S. aus Breslau, 1572 — 1632, von 1602 ab Prof. in Wittenberg, 
Ghemiatriker und Vf. von Institut, med., Wittenb. 1611 und später, bis 1667; 
Paris 1631. 



Musca, Scotoma. 265 

B.'s erstes Theorema'j, duss wir bei vollständig fixirtem Auge nur einen 
kleinsten physischen Punkt deutlich und lebhaft sehen, wird von Prof. 
Kaestner2)j und mit Recht, getadelt. Ja der Mathematik-Professor 
BuESCH^j zu Hamburg ging so weit, zu erklären, dass das Buch von den 
Augenkrankheiten des großen Mannes nicht würdig sei. Allerdings darf 
nicht vergessen werden, dass Haller, der Herausgeber des GoUegien-Heftes, 
grade den mathematischen Abschnitt besonders fehlerhaft gefunden hat. 

Zusatz. Musca, Scotoma. 

1. Die alten Griechen kannten einerseits die fliegenden Mücken, andrer- 
seits die umschriebenen Ausfälle im Gesichtsfeld, zumal in seiner Mitte. 
(§ 56, aus der hippokratischen, § 210 und 205 aus der galenischen 
Sammlung.) 

Da ihnen der Krystall das war, was uns die Netzhaut; so erklärten 
sie folgerichtig die fliegenden Mücken aus Trübungen im Kammerwasser, 
den Ausfall der Gesichtsfeldmitte durch einen kleinen Star in der Mitte 
der Pupille. 

»Das in der Mitte befindliche,« sagt Galen, »das nicht gesehen wird, 
scheint gewissermaßen herausgeschlagen zu sein.« Der »Araber« Ibn Sixa 
(HI, HI, IV, 8 fügt hinzu: »Die Bedeutung dieser (Thatsache) ist die, dass 
er nicht sieht, sondern Dunkelheit (an dieser Stelle) sich einbildet.« Im 
ganzen haben die Araber die Lehre der Griechen über die Gesichts- 
Erscheinungen (cpavTaai7.'. , arab. hajälät) in ihren Kanon hinüber- 
genommen. 

2. DieArabisten des europäischen Mittelalters wiederholten das, was 
sie in ihren aus dem Arabischen übersetzten Büchern gefunden. (§ 296, 
Guy von Chauliac.) 

3. Nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften, als Kepler die 
Linse von ihrem Thron gestoßen und die Netzhaut an ihre Stelle gesetzt 
und für das erste Werkzeug des Sehens erklärt, war die griechische 
Lehre unhaltbar geworden: eine neue musste an ihre Stelle treten: 
doch dauerte es noch lange, bis Klarheit auf diesem Gebiet geschaffen 
wurde. 

4. Plempius, der selber kurzsichtig war und an fliegenden Mücken litt, 
leitet die letzteren von der Zumischung einer fremden und dunkleren 
Materie zu den Augenfeuchtigkeiten ab. (Ophthalmogr. 1632, S. 241.) 

5. Der erste, welcher auf die Netzhaut-Veränderungen als Ursache 
solcher Gesichts -Erscheinungen hingewiesen, war der berühmte Thomas 



1) S. 152 d. Ausg. V. 1746. 

2) In optica quaedam Boerhavii et Halleri commentatur Albr. 
GoTTHELF Kaestner, math. et phys. P. P. Gotting., Lips. 1785. S. H. 

3) Tractat. duo optici argumenti, Hamburg 17 83, S. 88. 



266 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Willis'), der aber den großen Fehler beging, grade die fliegenden 
Mücken und nicht die unbeweglichen Flecke im Gesichtsfelde von Netz- 
hautveränderungen abzuleiten. Es heißt in Cerebri Anatome nervo- 
rumque descriptio et usus, studio Thomae Willis, M. D., Natural. 
Philosoph. Prof. Oxon. necnon Inclyti Gollegii Londini et Societ. Reg. Socii, 
Genev. 1676, p. 1 H : 

Quoties in affectibus ophthalmicis puncta nigricantia aut assulae con- 
catenatae ob oculos versantur, verisimile est, hanc apparitionem propterea 
fieri, quoniam nervi optici filamenta quaedam obturantur, quae, cum lux 
haud uti reliqua trajicere potest, tot quasi spatiola opaca in medio diaphano 
apparent. 

W. Briggs hat in s. Ophthalmographia (1686, S. 87) die Theorie von 
Willis angenommen und gepriesen: »Die Sehnervenfasern sind die 
Pfade der Innervation (der Geister): sind dieselben theilweise unterbrochen, 
so entstehen (nach Willis) die dunklen Punkte vor den Augen.« 

6. Sehr berühmt wurde Pitcairn's Theorie 2) (1692). 

Für eine Glaskugel in Wasser ist der Brennpunkt der parallel auf- 
fallenden Strahlen 31/2 Halbmesser hinter der hinteren Fläche 3). Der Abstand 
der Hornhaut von der Netzhaut ist viel zu klein, als dass Trübungen in 
derselben oder im Kammerwasser von dem Auge selber wahrgenommen 
werden künnten. Die Gesichtserscheinungen entstehen durch einen Fehler 
der Netzhaut, die in einem ihrer Theile verstopft oder zusammengedrückt 
ist. Sich selber und die Kranken täuschen die Aerzte, die hier mit Kollyrien 
arbeiten. 

(Die Ursache der beweglichen Trübungen wurde in das Kammer- 
wasser verlegt von Waldscbmidt [1644 — 1687], Prof. der Medizin und 
Physik in Marburg [Opusc. medico-pract. Francof. a. M. 1695, c. 26, S. 471] 
und von Friedrich Hoffman [1660 — 1742], Prof. in Halle [Fundam. path. 
spec, p. 538].) 



1) Thomas Willis, geb. -1622 in Great Bedurin (Wiltshire) , studirte zuerst 
Theologie, ging dann, wegen CromwelPs Verfolgungen der anglikanischen Kirche, 
zur Heilkunde über, wurde I66O Prof. der Naturphilosophie (Physik) zu Oxford, 
siedelte leee nach London über, wo er mit glänzendem Erfolg prakticirte, aber 
von Anfechtungen der Neider heimgesucht wurde und schon 1676 verstorben ist. 
Sein Name ist im Circulus Willi sii bis auf unsre Tage gekommen. Außer 
dem genannten Werke verfasste er noch: Pathologia cerebri ;Oxford 1666), de anima 
brutorum (Oxford 1672), Pharmaceutica rationalis [T. I Oxford 1672, II 1675) u. a. 
Gesamt-Ausgabe seiner Werke, Genf 1676. 

2) Archibaldi Pitcarnii Scoti Opusc. med., ed. tertia, Roterdami 171 4, p. 12 — 14, 
Theoria morborum oculi. (Diese Theorie hat er in seiner oratio qua 
ostenditur Medicinam ab omni Philosophorum secta esse liberam 
(1692), §14 — 17, als Beispiel vorgetragen. — A. P. geb. 1652 zu Edinburg, studirte 
daselbst Theologie und Jurisprudenz, dann Medizin in Montpellier und in Paris, 
wurde 1692 Prof. zu Leiden, bald zu Edinburg, wo er 1713 gestorben. 

3) Vgl. m. Einführung I, S. 223. 



Musca, Scotoma. 



267 



6a. Eine andre Ansicht, als Willis, aber ohne seiner zu gedenken, hat 
der berühmte Physiker Deschales') ausgesprochen: dass die fliegenden 
Mücken von kleinen Kürperchen herrühren, die im Glaskörper dicht vor 
der Netzhaut schwimmen und auf diese ihren Schatten werfen. Das 
ist ja richtig. Aber auch D. hielt sich von Irrlhum nicht frei, indem er 
die von kleinen Netzhaut-Defekten abhängigen schwarzen Flecken auf den 
Gegenständen für beweglich hielt und nicht scharf von den fliegenden 
Mücken zu trennen vermochte. 

Es ist immerhin interessant, seinen Erörterungen zu folgen: »Einst wohnte 
ich einer Consultation ziemlich erfahrener Aerzte über einen der unsrigen bei, . . . 
der fast immer ein schwarzes Zeichen sich vorschweben sah, wie eine schwe- 
bende Fliege, die auf jedem Sehgegenstand saß ... Die Aerzte erklärten, es 
sei die Spur eines Stars in der Pupille. Einer von ihnen, der scharfsichtiger 
war, wollte sogar das Zeichen inmitten der Pupille sehen. Ich lächelte schwei- 
gend ... Ich erkläre, ein ganz kleiner schwarzer Körper in der Pupille, die 
nicht dadurch verschlossen wird, würde von jedem Gegenstand einen Strahl ab- 
gefangen haben; und er kann nicht gesehen werden, weil er zu nahe dem 
Krvstall sich befindet, als dass die von ihm ausgebenden Strahlen in der Netz- 
haut sich vereinigen könnten. (Ganz anders steht es 
mit den Flecken, die das stark kurzsichtige Auge in dem 
undeutlichen Bild der sehr entfernten Lichtflamme wahr- 
nimmt!) 

Bei dem Versuch mit dem künstlichen Auge er- 
scheint der kleine Fleck der Pupille nicht auf der Netz- 
haut, wenn sie den richtigen Abstand hat; nur ist die 
Färbung des Bildes weniger intensiv. 

Das gleiche gilt ferner von dunklen Fleckchen in 
der Hornhaut. 

Zum dritten behaupte ich, dass jener dunkle Fleck 
wohl eine Blase (bulla) im Glaskörper, ziemlich nahe zur 
Netzhaut, sein kann, weil sie zu diesem Behuf, dass er 
an einem Sehgegenstand zu haften scheine, von einem 
bestimmten Gegenstand entweder alle Strahlen oder die 
meisten abschneiden muss. Ä und B seien Gegenstände, 
welche Strahlen in die Pupille C'I) senden, so dass die zu 

A gehörigen Strahlen in E sich vereinigen und die von B ausgesendeten in /'. 
Nehmen wir einen sehr kleinen dunklen Körper an, sei es in der Pupille CD 
oder im Krjstall GH oder auch in der dem Krvstall benachbarten Partie des 
Glaskörpers; so wird einer der Strahlen von ^-1 und auch von B abgefangen 
werden: somit besteht kein Grund, weshalb die Marke eher auf ^ als auf i? erscheint. 
Das gleiche gilt von der Hornhaut. Wenn aber ein dunkler Punkt im Glas- 




V, R. P. Claudii Francisci Mühet Deschales Cambriensis e societate Jesu 
Cursus s. mundus m athematicus, Lugduni 1674. Editio altera ex ]\Ianu- 
scriptis Authoris aucta et emendata, opera et studio R. P. Amati Varcin ejusdem 
Societatis. Das ungeheure Werk von fast 3000 Folio-Seiten enthält im 3. Bande, 
S. Aoa — 403, einen Abschnitt de oculorum suffus ionibus. muscis et aliis 
hujuscemodi. — Desc.hales (1(521— 1678^ Jesuit, war Prof. der Physik zu Mar- 
seille, dann zu Lyon, endlich Rector zu Chamböry. 



268 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

köi'per dicht vor E sich befände, so könnte er alle Strahlen des Punktes A 
abfangen und so könnte es scheinen, als ob in einem Gegenstand bei A etwas 
fehle; es könnte darauf ein dunkler Fleck erscheinen. 

Für wahrscheinlicher halte ich es, dass öfters in der Netzhaut ein 
solcher Defekt gefunden wird, indem sie in einigen Theilen 'sich verhärtet 
und keinen Eindruck von dem Gegenstand empfängt. Dann muss in dem Gegen- 
stand eine schwarze Marke erscheinen. Diese Marke wird aber nicht fest er- 
scheinen, sondern beweglich. Denn wir wenden nicht denselben Punkt der 
Netzhaut unbeweglich demselben Punkt des Gegenstandes zu , sondern wir be- 
trachten bald diesen, bald jenen Gegenstand. 

Solches stößt denjenigen zu, welche in die Sonne geschaut haben, welche 
deshalb in den einzelnen Gegenständen die Sonne sehen, weil die Netzhaut ver- 
wundet worden.« 

7. DE LA HiRE (1685) hat die beiden scheinbar einander entgegen- 
gesetzten Ansichten von Willis und von Deschales ganz richtig vereinigt, 
indem er erklärte, dass die im Sehfeld feststehenden Flecke von Fehlern 
in der Netzhaut herrühren, die beweglichen von kleinen in den Augen- 
Feuchtigkeiten schwimmenden Körpern abhängen. 

»Es giebt erstlich beharrliche (permanente) Flecken, die ihren Ort in 
Beziehung auf die Sehachse nicht ändern, zuweilen sogar am Fixir-Punkt sich 
befinden: sie erscheinen, wenn das Auge einen weißen Gegenstand betrachte), 
wie schwarze Flecke auf demselben. Es giebt zweitens bewegliche Figuren. 
Diese sehen eher aus, wie die Ast-Knoten in einer Tannenholz-Platte. Sie haben 
einen klaren Theil, der von dunklen Fäden umgeben wird und begleitet ist von 
mehreren unregelmäßigen schwarzen Fasern. Setzt man ein Stück noch nicht 
polirten Spiegelglases den Sonnenstrahlen aus, so kann man mitunter auf einem 
weißen Papier, das die durchtretenden Strahlen auffängt, ähnliche Figuren sehen. 

Im ersten Fall mag das Auge den auf einem weißen Papier geschriebenen 
Buchstaben A fixiren, dann sieht es daneben den Dunkelfleck, stets an demselben 
Ort zu A und in derselben Größe. Ein solcher Fleck kann während des ganzen 
Lebens andauern. Andre dauern nur einige Monate; dann hellt sich die Mitte 
auf, die helle Stelle dehnt sich gegen einen der Ränder der Flecke aus, es bleibt 
nur ein unregelmäßiger Halbmond; endlich schwindet auch dieser. 

Dieser Fleck kann nicht in durchsichtigen Theilen des Auges seinen Ur- 
sprung haben, denn die seitlich eindringenden Strahlen würden den scharfen 
Rand nicht gestatten. Die Ursache kann nur in der Netzhaut sitzen. Es 
kann ein Blutfleck sein; das Blut löst sich dann, und der Fleck schwindet. Im 
Fall des bleibenden Flecks handelt es sich um eine unheilbar veränderte Stelle 
der Netzhaut. 

Die zweite Art ist schwerer zu erklären. Wenn man Glas bcreitel, bleiben 
öfters Körner und Fäden von härterer Masse darin, die das Licht stärker brechen: 
so etwas kann es auch in den Augenfeuchtigkeiten geben; dann entsteht ein 
heller Punkt, umgeben von dunkleren Streifen. Diese Fleckchen und Fäserchcn 
ändern ihren Platz: sitzen sie in der Sehachse, so entfernen sie sich sogleich 
von derselben, wenn man das Auge zur Seite dreht. Hält man dann das Auge 
ruhig, gradeaus gerichtet, so steigen sie herab. Sie sitzen in einem flüssigen 
Mittel, also wohl im Kammerwasser. Aber sie müssten, wenn das Auge in 
Ruhe ist, emporsteigen und man sieht sie herabsteigen, w'Cgen der Umkehr des 



Musca, Scotoma. 269 

Bildes auf dei- Netzhaut. Sie behalten ihre Figur für lange Zeit. Das bemer- 
kenswerthe ist ihre Eigenbewegung. Sie können leichter sein, als Wasser, 
und doch stärker brechen, wenn sie fettiger Natur sind.« (Wie man sieht 
ist alles richtig, bis auf den Sitz im Karamerwasser. Dafür ist der hintere Theil 
des Glaskörpers zu setzen. A. Hirsch behauptet, dass de la Hire die fliegen- 
den Mücken in den Glaskörper versetzt habe; aber das ist ein Irrthum. de 
LA Hire sagt ausdrücklich: il faut que la maliere dans laquelle ils nagent ou 
flottent, soit fort liquide; c'est pourquoi ce ne peut etre que dans l'humour 
aqueuse. Vgl. de la Hire, sur les differens accidents de la vue , Paris 1689, 
4 694, 173 0. Ich habe die letztgenannte Ausgabe benutzt, die in den Abh. 
der Academie des Sciences erschienen ist.) 

Somit hätte die Lehre von den fliegenden Mücken und feststehenden 
Flecken im Gesichtsfeld schon mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts 
als ziemlich erledigt angesehen werden künnen. Aber das Richtige fand 
nicht so rasch allgemeine Anerkennung. 

8. Mit BoERHAAVE (1 708) künnen wir allerdings zufrieden sein. Der- 
selbe hat Willis' Theorie von den umschriebenen Ausfällen in der Netz- 
haut aufgenommen, aber diese richtiger auf die umschriebenen Ausfälle im 
Gesichtsfeld bezogen, die letzteren ihrer Lage und Ausdehnung nach zu 
messen gesucht, ganz und unvollkommen undurchsichtige Dunkelilecke unter- 
schieden und von ihnen die beweglichen Bläschen unterschieden, die von 
dichteren, in der (wässrigen) Feuchtigkeit schwebenden Theilen entstehen. 
Auch hat er den Versuch, dass eine dicht vor der Netzhaut stehende Nadel 
keinen wahrnehmbaren Schatten auf die Netzhaut wirft. (Somit sind bei 
ihm die Dunkelflecke richtig erklärt, die Mücken noch nicht völlig.) 

9. Einige der berühmtesten Forscher vom Ausgang des 17. und vom 
1 8. Jahrhundert haben sich mit dieser Frage beschäftigt, außer den ge- 
nannten Medizinern, Mathematikern und Physikern auch der große Anatom 
Morgagni. (§ 333.) Es heißt in s. Adversaria anatom. (Lugd. Bat. 1723, 
VI, 75, p. 94): »Die Worte von Willis und Briggs werden, wie ich finde, 
von den meisten Aerzten missbräuchlich verallgemeinert: da die letzteren 
solche Punkte, Späne und andre Gesichts-Erscheinungen ausnahmslos von 
einer Veränderung des Sehnerven oder der Netzhaut ableiten. Ich weiß sehr 
wohl, dass von Descuales und Pitcairne bewiesen wurde, dass von trüben 
Körpern im Kamincrwasser kein Bild auf der Netzhaut abgemalt wird und 
darum auch keine Empfmdimg derselben stattfinden könne. Zunächst 
möchte ich hervorheben, dass trübe Körper, welche in den hintersten 
Räumen des Glaskörpers sich befinden, von den Kranken wahrgenommen 
werden müssen. Aber, wenn die Netzhaut weiter vom Krystall absteht, 
können Trübung der Hornhaut, des Kammerwassers, der Linse ohne jeden 
Fehler der Netzhaut wahrgenommen werden; ja sogar Körper aus der 
Thriinenflüssigkeit, die das Auge bespült. Das folgt aus Versuchen mit der 
optischen Kammer. 



270 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Treffen wir nicht oll Menschen, die, wenn sie ihre Augen auf eine 
weiße Wand oder gegen den Himmel wenden, schwärzliche Punkte oder 
Spinngewebe oder längliche Ketten durchsichtiger Kügelchen u. dergl. vor 
sich sehen? Können wir glauben, dass bei diesen einige Nervenfasern 
verstopft sind? Aber diese Gesichtserscheinungen bewegen sich nicht nur, 
wenn die Augen still stehen, sondern ändern sich fortwährend, besonders 
bei den Lidbewegungen, welche jene unreine Thränenfeuchtigkeit vertheilen; 
sie verschwinden, sie kommen wieder, so dass uns klar wird, für diese 
unbestimmten und veränderlichen Bilder kann es eine bestimmte und dau- 
ernde, wie jene Verstopfung, nicht geben. Deshalb ist folgendes klar: 
»Wenn Punkte oder andre Gesichts-Erscheinungen den Augen vorschweben, 
muss man untersuchen, ob sie beweglich oder unbeweglich, veränderlich 
oder beharrUch, durchsichtig oder schwarz, seitlich oder in der Mitte, nah 
oder fern, ob mit vollkommener Sehkraft, oder mit welchem früheren oder 
jetzigen Leiden der Sehkraft u.s. w. sie erscheinen. Dann wird der vorsichtige 
Arzt zuweilen die Netzhaut und den Sehnerven anschuldigen, zuweilen sein 
Urtheil zurückhalten, zuweilen ganz andre Theile für erkrankt halten.« — In 
seinem großen Werke de sedibus et causis morborum (XIII, 14) kommt M. 
kurz auf die Ursachen der fliegenden Mücken und der Punkte zurück und 
erklärt, dass ihre Ursache im hintersten Theil des Glaskörpers oder aber 
in der Netzhaut und im Sehnerv sitzen könne. 

10. Auch ein berühmter Augenarzt tritt auf den Kampf- Platz: 
Pierre Demours (§ 373) erklärt 1789 (J. de Med., Chir., Pharm. B. 74), dass 
die beweglichen Fädchen und Fleckchen, die vor den Augen sich herum- 
zubewegen scheinen, nicht in der wässrigen Feuchtigkeit ihre Ursache haben 
können. Er hat den Leidenden die Hornhaut geöffnet, das Kammerwasser 
herausgelassen: die Fleckchen blieben wie zuvor. 

D. glaubt, dass sie auf Verdichtung einzelner Theile der MoRGAGNi'schen 
Feuchtigkeit (!) beruhen, überhaupt nicht sehr gefähdich sind und von den 
unbeweglichen Flecken zu unterscheiden, welche die Lähmung einzelner 
Stellen der Netzhaut — oder die Verdunklung einzelner Stellen der Krystall- 
Linse(!) — anzeigen. 

Wie man sieht, sind der im ganzen richtigen Anschauung immer noch 
einzelne Irrthümer beigemengt. Der Versuch Demours' war ja sehr radi- 
kal, aber jedenfalls schon damals nicht mehr nothwendig. 

11. In Beers Augenkr. (1817, II, 424) werden die umschriebenen Aus- 
fälle im Gesichtsfeld (visus interruptus) von dem Mückensehen (visus mus- 
carum) unterschieden, aber auch das letztere als Zeichen des beginnenden 
schwarzen Stars betrachtet, — was ja auch an sich ganz richtig ist, da 
z. B. die Erblindung durch Netzhaut-Ablösung so anfangen kann und häufig 
anfängt. Die wirkliche Aufklärung des Gegenstands konnte erst ein 
halbes Jahrhundert später gebracht werden, als die physiologische Optik 



I 



Musca, Scotoma. 271 

geschaffen worden, und der Augenspiegel das Dunkel des Augen-Innern 
dem Blick des Arztes erhellte. 

Die endgültige Klarstellung der beweglichen Erscheinungen verdanken 
wir vor allem Listing'), Helmholtz^] und Donders-'j; die der feststehen- 
den Gesichtsfeld-Ausfälle A. v. Graefe^). 

12. Natürlich haben im 18. Jahrhundert auch minder berühmte an den 
Erörterungen sich betheiligt. Der Gegenstand ist mehrfach in Dissertationen 
bearbeitet worden. 

Schacher (de Cataracta, Lips. 1701) hat an einem künstlichen Auge 
bewiesen, dass Trübungen des Kammerwassers auf der Netzhaut erscheinen 
können. 

In der Dissert. med. inaug. de maculis, punctulis scintillis 
aliisque corpusculis visui obversantibus quam . . . praeside C. A. 
ä Bergen ... J. H. Goedeken d. Francofurti ad A'iad. 1747 w'erden die ge- 
wöhnlichen Punkte und Fäden auf die Netzhaut bezogen. In der Diss. 
de maculis ante oculos volitantibus, quam praeside G. Chr. Beireisio^i 
Prof., Jg. Chr. Vogler Brunov. d., Helmstadii 1795, werden die beweglichen 
Erscheinungen gut beschrieben, aber falsch erklärt, nämlich durch 
Varicen der Netzhautgefäße. Nie werden diese Erscheinungen geheilt, nie 
führen sie zur Amaurose, nie zum Star. (Was übertrieben ist!) Um diese 
Angst zu beheben, hat Vf. seine Schrift verfasst. 

13. Die Namen^). 

A. Das Mücken- (bezw. FUegen-)Sehen hieß bei den Alten uuiosiotj opäv 
u. dgl. Im 18. Jahrb. (bei Plenck 1777"', A. G. Richter, III, 304, Uowley, 
J. Beer 1792, Augenkr. II, S. 467) tauchte das lächerliche Wort Myodeopsia 
auf, dessen Verbesserung in Myiode-opsia (Kraus) oder in Myiodopsia (Sichel) 
unthunlich, und das von den Vf. der ärztlichen Wörterbücher (Kraus, Kühn 
und von mir selber) verworfen wird. 



i] Beitrag zur physiologischen Optik, Göttingen 1845. 

2) Physiol. Optik H867, S. U9fgd. ;Schon <8ö6 gedruckt.) 

3) Andreas Doncan, Diss. de corporis vitrei structura, Trajecti ad Rhenum 
•1854. Onderzoekingen gedaan in het physiologisch Labor, d. Utrecht'sche Hoog- 
school. Jaar VI, 17). Anomalien d. Accomm. u. Refract. 1866, S. U7fgd. 

4) Die Untersuchung des Gesichtsfeldes bei amblyopischen Affectionen, A. f. 0. 
II, 2, 258 fgd., 1856. 

5) G. Chr. Beuieis [il30 — 1806, Vielwisser und gelehrter Sonderling. ■»759 
Prof. der Physik, 1762 der Medizin, 1768 der Chirurgie zu Helmstedt. L. Heister 
hatte ihn zu seinem Famulus gemacht und sogar während eigner Krankheit ihm 
seine Praxis übertragen. Goethe hat ihn 1805 in Helmstedt besucht. Vgl. Nach- 
richten über GoTTFR. Christoph Beireis, gesammelt von Carl von Heister. Berlin 
1860. (376 S.) 

6) Vgl. m. Wörterbuch d. Augenh., S. 60 u. 94. u. unsren s? 56. 

7) P. scheint der Urheber des Wortes zu sein. 



272 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit, 

Für uns liegt kein Bedürfniss vor, hier ein griechisches Wort zu ge- 
brauchen; wir können uns der Muttersprache bedienen grade wie die 
Franzosen, die den Ausdruck mouches volantes anzuwenden pflegen. 

B. Scotoma (axoTtufjia, Verfinsterung) bedeutet bei den alten Griechen 
den Schwindel'). Beer (1817, II, S. 425) hat missbräuchUch das Wort zur 
Bezeichnung der fliegenden Mücken verwendet. Sicbel^j übertrug ihm die 
Bedeutung des umschriebenen Gesichtsfeld-Ausfalls. A. v. Graefe bestätigte 
1856 diesen Gebrauch, der bald allgemein angenommen wurde^). 

C, Den Ausdruck entoptische Gesichts-Erscheinungen hat 
Listing 1845 eingeführt. (A. a. 0., S. 7.) Die alten Griechen hatten 
dafür das Wort cpcivtaaiai, das die Araber mit hajälät übersetzten. Die 
Arabisten des europäischen Mittelalters gebrauchten die Ausdrücke Fantasie 
und Imagination. 

§ 433. Ein Lehrbuch der Augenheilkunde, in lateinischer 
Sprache, hat auch noch einer der größten und umfassendsten Gelehrten 
des 1 8. Jahrh. geschrieben, aber nicht herausgegeben. 

Petrus Camper-*), 1722 zu Leiden geboren; promovirte daselbst 1746 
als Doctor der Philosophie und als Doctor der Medizin (mit der Dissertation 
de quibusdam oculi partibus), übte die Praxis in Leiden, ging auf 
Reisen, wurde 1749 Prof. in Franeker, 1755 in Amsterdam, 1763 in Gro- 
ningen; 1773 zog er sich auf sein Landgut zurück, um den Studien der 
vergleichenden Anatomie zu leben; 1784 wurde er auch Mitglied des Staats- 
raths und bald Vorsitzender desselben und starb 1 789. Sein Wahlspruch 
war »aut bene aut non«. 

Neben seinen großen Verdiensten in der vergleichenden Anatomie 
und den verschiedensten Gebieten menschlichen Wissens und Könnens 
müssen wir hier hervorheben, dass P. Camper 1764 eine chirurgische Poli- 
klinik begründete, dass er ein geschickter Chirurg war, auch den Star, so- 
wohl durch Stich wie durch Schnitt, operirt hat, und handschriftlich, außer 
andren Werken, das folgende hinterlassen : Petri Camperi de oculorum 
fabrica et morbis commentaria, 1766. Van Onsenoort (G. d. Augenkr. 
1838, S. 17) rühmte das Werk ausnehmend und schlug der Regierung 
vor, dasselbe auf Staatskosten drucken zu lassen. Das ist bis 1 884 nicht 
geschehen, wie aus der von Daniels verfassten Lebensbeschreibung Camper's 
hervorgeht; wird aber demnächst durch Herrn Collegen Prof. M. Straub 



1) Zu den von mir in meinem Wörterbuch angeführten Stellen füge ich noch 
die hippokratische Stelle (Hipp., Foes. S. 908 A, 2. 6), wo ausdrücklich das Dreh- 
Gefühl und die Verfinsterung beim Schwindel-Anfall auseinander gehalten werden, 

2) LiTTRE, Diction. de med. S. 1339; Sichel, Iconographie § 911, 1852 — 1859. 

3) A. f. 0. VI, I, 4 57 und a. a. 0. 

4) Biogr. Lexikon I, 631 (C. E. Daniels). 



Peter Camper. 273 

ausgeführt werden, der auch die große Güte gehabt, mir die in seinem Be- 
sitz befindliche Abschrift des Werkes (4", 336 S.) zu leihen, wofür ich ihm 
auch an dieser Stelle meinen verbindlichsten Dank aussprechen möchte. 

Somit bin ich in der Lage, über den Inhalt dieses merkwürdigen Lehr- 
buches zu berichten, wobei ich hauptsächlich C.'s eigne Ansichten und 
Beobachtungen berücksichtigen werde. (Die Schrift ist ziemlich lesbar; 
das Latein, wenn gleich nicht klassisch, so doch recht gewandt; der Text 
leidlich fehlerfrei.) Nach dem üblichen Lob des Sehsinns erklärt der Vf. : 
Um das Menschengeschlecht machen sich diejenigen verdient, welche die 
Augenkrankheiten durch bewährte Mittel zu heben versuchen. Aber an eine 
schwierige Aufgabe wagt sich der, welcher der Augenheilkunde sich be- 
ileißigt. Die Alten haben mehr Definitionen, als Beschreibungen 
geliefert; die Neueren folgten genau ihren Spuren und haben kaum eine 
vollständige Geschichte dieser Krankheiten hervorgebracht; viele Mittel, 
wenig bewährte mitgetheilt. »Daher habe ich es für zweckmäßig erachtet, 
in diesem Jahre die Augenkrankheiten üffentlich vorzutragen, zumal 
in unsrer Klinik Augenkrankheits-Fälle zahlreich vorkommen. Zuvor aber 
muss ich den Bau der Augen erläutern. Die Quellen, welche ich benutzt 
habe, sind die folgenden: Das dem Galen zugeschriebene Buch von den 
Augen 1). Galen, vom Nutzen der Theile, 10. Buch 2). Galen, von den 
Hausmitteln, K. o^). Ferner Aetius-^j, Paulus Aegineta-^j, Oribasius'^ . Aus 
diesen haben alle Schriftsteller des vergangenen und des jetzigen Jahr- 
hunderts geschöpft.« 

»Das Buch des G. Bartisch') vom Ende des 16. Jahrh. halte ich für 
eines der besten: seine Beschreibungen sind natürlich (?!, seine Figuren 
wahrhaftig und nützlich. PlempiP Ophthalmographia 1632, Fernelii'J) 
pathologia, V, c. 5. Antoine Maitre-Jean, Traite, 1704. St. Yves, Nou- 
A-eau Trailr, 1722, ist in der Physiologie genauer, sonst dem vorigen kaum 
vorzuziehen. Die Abhandlungen von Daviel, la Faye, Poyet in Frankreich, 
Cheselden, Sharp, Warner und Pott in England: ten Haaf in Holland. 



1: Vgl. § 225. Es ist von HuNAix, § 267.11. 

2) § 113. 

3; Ausg. v. Kühn, XIV, S. S. 339—352. Wir haben natürlich Galexs ort]. 
Mittel, IV, K. 3 (B. XII, 69G— 803 der genannten Ausgabe; vorgezogen. — Wie 
man sieht, fehlt vieles aus Galen I 

4) Vgl. Augenheilk. d. Aktius, 1899. ferner unsren § 2 48. 

5) Vgl. 236 fgd. 

6) § 229. 

7) § 320. 

8) § 315. 

9) 1342, Prof. in Paris. >Beste Ausgabe Köln 1G79«, nach C. Ich habe die 
Genfer vom J. 1643. B. I S. 303—308 handelt höchst gelehrt (mit griechischen 
Namen von den Zeichen und Ursachen der Augenkrankheiten. B. II an verschie- 
denen Stellen von ihrer Behandlung. 

Handbuch der Ang.nht-ilkundf. •>. Anfl. XIV. Bd. XXHI. Kap. 1 g 



274 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Ferner die (38) Dissert., welche Haller gesammelt hat. Der große Boer- 
HAAVE, dessen Vorlesungen Haller 1750 herausgegeben, scheint mehr phy- 
sikalisch, als ärztlich die Augenkrankheiten betrachtet zu haben. Sodann 
die Chirurgie von Heister, le Dran, Dionis u. A. Mangeti bibl. Chirurg., 
Genevae 1721. Porterfield vom Auge, Edinburg 1759. Perrault, traite 
de la mecanique des animaux^ Paris 1666. Halleri comment. in Boerhavii 
Method. Studii med. Hippocrates und Celsus werden nicht erst erwähnt, 
da sie allen bekannt sind«. Aus der Beschreibung des Augapfels und seiner 
Umgebung (I) sowie aus der Darstellung der äußeren Augenkrankheiten wollen 
wir nur einige Punkte hervorhebert. Die Wimpern sind bei Negern 
krauser, als bei Europäern. C. giebt interessante vergleichend anatomische 
Bemerkungen über Lider und Nick haut. Die Structur der Karunk el 
ist beim Menschen nur mit dem Mikroskop zu erkennen, beim Pferde vom 
Ijloßen Auge deutlich. Die Thränenrührchen ziehen die Thränen an, 
wohl nach Art der Capillar-Rührchen. Die beiden Orbital-Flächen des 
Sieb b eins sind parallel, die Orbital-Achsen convergirend, wie C. schon in 
seiner Dissertation nachgewiesen. Die Pupillenhaut des Foetus hat 
Albinus entdeckt. G. hat sie öfters noch bei Neugeborenen gesehen. Die 
kreis- und speichenförmigen Muskel- Fasern der Iris werden wegen 
der Bewegung der letzteren angenommen, sind aber nicht nachgewiesen. 

Aufrecht- und Einfach-Sehen beruht auf einem Urtheil des Geistes 
und erfordert vielleicht lange Einübung; die Hühnchen sehen allerdings 
ganz genau, sowie sie aus dem Ei schlüpfen. 

Von den Augenkrankheiten (II) werden zunächst die der Brauen, 
Lider und Wimpern besprochen. 

Den Anfang macht die Läusesucht, wo C. mit großer Gelehrsamkeit 
die Stellen der Alten über die vermeintHche allgemeine Phthiriasis i) und 
über die örtliche an den Lidern zusammenträgt; doch täuscht er sich über 
die Tragweite des Satzes bei Aktüarius^). C. empfiehlt als modernes Mittel 
Quecksilber-Salbe: wir wissen, dass sie bereits von den Arabern ange- 
wendet worden 3). Psorophthalmia (Blepharitis marginal, ulcerosa) wird 
mit Trachom zusammengeworfen; von eigner Beobachtung des letzteren 
finde ich keine Spur. Die Xerophthalmie hält C. für ein örtliches 
Leiden, das mit Adstringentien und abendlicher Einsalbung zu bekämpfen 



1) Nur vergisst er die wichtigste: Aristot., von den Thieren V, Sl. 

2) ort 08 ciihipiöjai toc ßXscpapct, -Arn t6 i^ a'jxdjv ratio? otao-r;ixaiv£t, cfi}£tp(aat; Iz- 
■,'6ij,£vo>;. 7.7.1 autai 0£ toTc dv.ptflö)? opwsi t^waai re y.ai -/ivO'jjjiEvod cf/ivovtai. »Patet,« 
sagt C, »non fuisse pediculos vulgares, sed insecta adeo exilia, ut nonnisi lynceis 
oculis conspici possent. Meadius etiam observat nonnisi microscopio armatis 
oculis detegi posse.« Mead (S. 210, -1731) spricht aber von Krätz-Milben. Aktu- 
ARius hingegen sagt ganz richtig, dass das Leben und die Bewegung der Lidläuse 
nur bei scharfem Zusehen erkannt wird. 

3) Xlll, S. 123, Anm. 2, und S. -112. 



1 

II 



Peter Camper. 275 

sei. Bei reiner Haarkrankheit hilft das Brennen der Haarwurzeln und 
die Empornähung der Alten. Bei Wassersüchtigen sah C. öfters Lid- 
Oedem, so dass die Haare den Augapfel reizten, und räth örtliche Dampf- 
Bäder an. Angeborene Ptosis sah er bei einer vornehmen Jungfrau, die 
bei einem Pariser Chirurgen Heilung suchte, jedoch vergebens. Bei einem 
70jährigen war plötzliche Ptosis Vorläufer der Apoplexie und des Todes. 
»Es ist merkwürdig, aber thatsächlich, dass der den Lidheber versorgende 
Ast des dritten Paares allein befallen werden kann« i). Das Ausschneiden 
der Lidhaut macht C. mit einem Scherenschlag: der Lidheber, der tief 
liegt, kann nicht verletzt werden; aber ein Stückchen vom Kreismuskel 
fortzunehmen ist ganz unschädlich. (A. v. Graefe erklärte es ja sogar für 
nützlich !) 

Bei dem Ectropium fügt er eine dritte Ursache hinzu, die den 
Allen unbekannt geblieben, eine tiefe Eiterung von Pocken im Lid. Bei 
der durch Wucherung der Schleimhaut erzeugten Art hilft Aetzung mit 
Höllenstein. »Bezüglich der Operation stimmen die Neuen mit den Alten über- 
ein.« Ebenso beim Lagophthalmus, den C. nur einmal, als Folge von 
Lähmung des Schließmuskels, gesehen. Auch nur einen Fall von Anwachsung 
des Lides an das Weiße des Auges. Diese Ankylosis hält C. für unheilbar, 
und tadelt die neueren Augenärzte, dass sie die Heilbarkeit behaupten. 

Zu den Hagelkörnern, die er mit der Schere öffnet und mit Höllen- 
stein ätzt, rechnet er richtig die Toaric^) und die -Xaoarjrjxr^c der Alten. 
(Letztere bezeichnet offenbar die aus vereiterten Hagelkörnern hervor- 
gewucherten Wundknöpfe.) Lithiasis ist verdorrtes Hagelkorn. Gersten- 
korn ist ein kleiner Abscess einer Talgdrüse. Die Lidkrebse will C. 
nicht anrühren. Orbital- Geschwülste müssen exstirpirt werden, damit 
das Auge nicht leide. 

An Thränen seines linken Auges leidet C. selber, seit der Jugend, be- 
sonders im Wind und während des Winters: alle Mittel waren vergeblich. 

Starke Ausdehnung des Thränensacks sah er in Folge von 
Nasen-Polypen. Die Compression nützt nichts. Anel's Verfahren gelingt 
öfters nicht, vollends nicht bei Kindern. Bei der Sondirung von der Nase 
aus (nach Forest) hat ein Kranker C.'s hundert Mal genießt, ehe die 
Einführung gelang. Nach Petit's Schnitt in den Thränensack konnte C. 
einmal mit der Sonde den obliterirten Kanal nicht eröffnen ; trotzdem trat 
Heilung ein. Anchylops ist Abscess des Sacks, Aegilops mit Aufbruch. 
[Hier ist C. etwas weniger genau, als sonst meistens.) Die Durchboh- 
rung des Nagelbeins versuchte C. vergeblich, obw^ohl er V2' tief eindrang; 
nach 3 — 4 Wochen kam das cariöse obere Siebbein heraus; die Thränen 



1) Wir verstehen die Kern-Lähmung. 

2) Vgl. § 256. 

18^ 



276 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

fanden einen neuen Weg nach der Nase, die Kranke war geheilt. Die 
Kauterisation des Knochens ist selten nüthig und meist verwerflich. Bei 
einem so behandelten Kranken sah C. eine durch großen Substanzverlust 
unheilbare Fistel, die der Kranke stets mit einem Pflaster zudecken musste, 
weil sonst die Luft mit solcher Gewalt hervordrang, dass seine Sprache be- 
hindert war. Encanthis und Rhoeas^} werden nach den Alten beschrieben. 

Eine Ophthalmie von 3 monatlicher Dauer bei einem Mädchen heilte 
C, indem er ein unter dem Oberlid von Schleimhaut- Wucherung theil weise 
überdecktes Strohhalm-Stückchen auszog. Fest haften auf der Hornhaut 
Fisch-Schuppen, in derselben Eisenspähne. 3Ian darf sich dreist der Nadel 
bedienen. Aber wenn sie zu tief sitzen, muss man die Aus-Eiterung be- 
fördern. »Die Anwendung des Magnets ist lächerlich.« (!) Die Pocken 
blenden häufig, besonders Kinder. Nachpocken^' (variolae serotinae) 
können die Hornhaut befallen und große Flecke hinterlassen; ja, wenn es 
zu innerer Eiterung gekommen, sogar Total -Staphylome. Aber auch 
während der zusammentheßenden Pocken kann am 8. oder 9. Tage eine 
heftige Augen-Entzündung entstehen. Auch die Pocken-Inoculation ist nach 
seiner Beobachtung nicht frei davon. Heftige Augenentzündung hat er auch 
nach Masern beobachtet. Die venerische (gonorrhoische) Ophthalmie 
wird nach St. Yves und Astruc geschildert. Die Operation gegen Chemosis 
solle in Scarification, nicht in Ausschneidung bestehen. C. sah, dass 
unreine Küsse Augen-Entzündung bewirkten; und Quecksilber, allgemein wie 
örtlich, sie heilte. 

G. sah auch ein Neugeborenes mit angeborener Lues, wo beiderseits die 
Linse austrat, und bald der Tod erfolgte. Chemosis und Oedem der 
Bindehaut wird nach den Alten und St. Yves abgehandelt. Das in die 
Bindehaut ergossene Blut wird von selbst aufgesogen, die Alten empfahlen 
viele Kollyrien dagegen. Pterygium brauchte C. nie zu operiren. Sarcom 
der Bindehaut sah er nach traumatischer Zerreißung der Bindehaut und 
des Abducens und ätzte es nieder: die anfänghche Diplopie hörte von 
selber auf. 

Schmutzige Hornhautgeschwüre hat er vorsichtig mit dem Höllen- 
steinstift berührt und rasch geheilt. Es können Aushöhlungen zurück- 
bleiben, ohne Schaden, wenn sie nicht grade die Pupille decken. Zu dem 
schmutzigen Geschwür der Hornhaut zieht öfters ein deutliches Blutgefäß 
hin. Dasselbe ernährt nicht das Geschwür und braucht nicht ausgeschnitten 



1) § 240. 

2) C. wirft St. Yves vor, diese nicht besprochen zu haben, aber mit Unrecht. 
(Vgl. § 359.) Denn es heißt bei jenem: Le quatri^me accident arrive d'ordinaire 
vingt jours aprös la petite veröle et quelquefois , aussi dans le fort de cette 
maladie. II est cause par un grain qui paroit dans le milieu de la cornee trans- 
parente entre les pellicules qui la composent. 



Peter Camper. 277 

zu werden. (Dass es den Substanz- Verlust ersetzen hilft, ist erst in 
unsren Tagen erkannt worden i'.) 

Uncomplicirte Wunden der Hornhaut heilen rasch, das Kammer- 
wasser ersetzt sich alsbald. C. sah seinen Hornhautschnitt bei der Star- 
Ausziehung stets in einigen Tagen gut heilen. Das Abbinden des Staphy- 
lo ms nach den Allen misslingt. Solle man nicht einfach durch ein Haar- 
seilchen^) Vereiterung des vergrößerten Augapfels bewirken? Zur Entleerung 
des Hypopyon empfiehlt er das Starmesser. Oberflächlicbe Geschwüre, 
ehe sie vernarben, heilen wunderbar durch Pulver, wie Zucker, Sepia, 
Krebs-Steine, Aloe, Myrrhe, Alaun, verkalkten Eisenvitriol, Zink, Opium u. dgl., 
in milden Mischungen. Leukome sind unheilbar. Abtragung von »Häut- 
chen« ist gefährlich. 

Von den inneren Augenkrankheiten werden zunächst die der Uvea 
abgehandelt; Mydriasis nach den Alten, auch nach Mauchart's Dissertation: 
bei Kindern ist sie öfters ein Zeichen der Eingeweidewürmer. Auch die Phthise 
der Pupille wird hauptsächlich nach den Alten besprochen. Cheselden's 
Operation der Pupillen-Sperre räth C. von der Hornhaut aus zu unter- 
nehmen. Der Fliegenkopf (Myiokephalon) erheischt zusammenziehende 
Mittel. Staphylo m erlebte C. bei seiner ersten Star- Ausziehung zu 
Franeken; es heilte aber unter zurücktreibenden Mitteln mit guter Sehkraft, 
jedoch mit Pupillen- Verzerrung. 

Nach Entzündung der Linsenkapsel bleibt ein Fleck derselben. Er hat 
keine Streifen oder Theilungen, wie der Star; und ist unheilbar(?) , weil 
jenseits der Macht des Arztes. Nach Pfriemen -Verletzung tritt solche 
Kapseltrübung ein, die Uvea verwächst mit der Linse, die Blindheit ist 
unheilbar(?). 

Ein besonderes Kapitel handelt von den Krankheiten der Linse und 
von ihrer Operation nach der Art der Alten. Die Ansicht der Alten wird 
verworfen, der Star ist Linsentrübung; doch wird die Möglichkeit einer 
Hautbildung in der Pupille nicht geleugnet. C. erinnert an seine Disser- 
tation über die Maceration der Linse: die menschliche zerfällt in sechs 
Segmente, es bilden sich strahlige Sterne, deren Centrum in der Achse liegt. 
Aehnliches kann durch Veränderung des Linsen-Saftes während des 
Lebens geschehen. Zuweilen werden die Linsen im Auge hart, zuweilen 
perlmutterglänzend, zuweilen dunkel oder verflüssigt. Die Stare sind voll- 
ständig oder unvollständig, beweglich oder unbeweglich, an die Uvea an- 
gewachsen oder nur von ihrer Kapsel umgeben, frisch oder veraltet, ^^'enn 
sie eine ganz gleichförmige Oberfläche und diffuse Färbung zeigen, so hängt 

1) Reparations-Pannus. Vgl. A. v. Graefe's klinische Vorträge über 
Augenheilkunde, 1871, S. 228. Uebrigens hatte Travers (§ 448, 1820) schon das 
richtige eingesehen. 

2) § 413, 9. 



278 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

dies von Veränderung der Flüssigkeit ab, in der die Linse sich befindet, 
und soll Glaucoma heißen. Galen's Prüfung der Stare (§ 259) lässt sich 
vereinfachen: man braucht nur an einem dunklen Ort plötzlich ein Licht 
dem Auge zu nähern^): die Zusammenziehung der Pupille beweist dann, 
dass die Uvea nicht angewachsen und Glaskörper wie Netzhaut gesund 
ist. Heilung des Stars durch innere Mittel ist nicht zu erhoffen, da die 
Linse so weit von der Lebensquelle entfernt und so zart ist. Doch werden 
Fälle angeführt, namentlich bei Lues, durch Quecksilber. C. selber sah im 
Sommer eine edle Jungfrau mit beginnendem Star (Theilung der Lamellen) 
auf beiden Augen, die geführt werden musste. Sie war sehr schwach und 
magenleidend, bekam Mittel gegen Säure und zur Stärkung. Als C. im 
Oktober von der Ferien-Reise zurückkehrte, fand er sie in bester Sehkraft 
ohne Spur von Star und schrieb die Heilung der Naturkraft zu. Die Kranke 
ist aber bald danach an andren Leiden verstorben. (Die Beschreibung ist 
so gut, wie sie 1766 sein konnte. Es war kein Star, da die Kranke sonst 
mehr hätte sehen müssen.) Celsus will die Greise von der Operation aus- 
schheßen, aber schon Bartisch hat 100jährige mit der Nadel geheilt. Nur 
Kinder können nicht erfolgreich operirt werden. Oefters hat C. im mensch- 
hchen Auge vollkommen bewegliche Stare beobachtet, zu seiner Verwun- 
derung, da er es wegen der vollkommenen Erfüllung des Augapfels mit 
Feuchtigkeiten kaum für möglich gehalten. 1760 fand er in der Leiche 
eines 59 jährigen beide Linsen beweglich und mit kleinen Trübungen zwischen 
Centrum und Rand. Erscheint die Bewegung durch die convexen Ober- 
flächen vergrößert? Mitunter zittert die Uvea mit dem Star. Dann 
ist sie mit der Kapsel verwachsen. (?) Die beweglichen Stare sind durch 
Niederdrückung nicht, wohl aber durch Ausziehung heilbar. 

Die Alten übten die Niederdrückung des Stars, welche bis zu 
unsren Tagen sich erhalten hat. C. erörtert den Einstichspunkt bei Alten 
und Neuen und erklärt, dass er Augenärzte, darunter eine hierin berühmte 
Frau Namens Schoüvermans gesehen, die so nahe wie möglich zum Schläfen- 
winkel eingingen. Die Nadeln, die Specula, die Operation werden genau 
geschildert. Ambidextrie wird verlangt. Die Zufälle und die Nach- 
behandlung werden beschrieben. Einmal sah er einige Jahre nach Ope- 
ration eines 70jährigen die Linse soweit wieder aufsteigen, dass noch ein 
halbmondförmiger freier Raum für den Lichteintritt übrig blieb; und giebt 
die Abbildung. 

Sodann folgt die Star-Operation durch Ausziehung und 
ihre verschiedenen Arten. Der Niederdrückung ist die Ausziehung 
vorzuziehen. Den Ruhm des Erfinders hat Daviel, nur Neider nannten 
ihn Wiederhersteller. 



1) So schon bei den'Arabern. (XIII, S. 156.) 



Peter Camper. 279 

Folgt eine ganz genaue Darstellung des Verfahrens von DavielI), von 
LA Faye, von Sharp, von Warner, von Berenger, der die drei Schwierig- 
keiten der Liderhebung, der Feststellung des Augapfels, des zu frühen 
Kammerwasser-Abflusses zu vermeiden suchte, und dessen 3 Instrumente 
(nach Sabatier's Diss., Paris 1759) von C. sorgfältig und elegant gezeichnet 
sind, und vom Baron Wenzel. Danach bespricht C. die Erfolge Daviel's 
und die üblen Folgen, z. B. Glaskörpervorfall. Die Behauptung Warner's, 
dass der verlorene Glaskörper sich wiederbilde, bezweifelt C. Doch sah 
er nach der Ausziehung einer verkleinerten Linse eine beträchtliche Menge 
dickerer Flüssigkeit austreten und doch gute Heilung erfolgen, woraus er 
schloss, dass es verdicktes Kammerwasser gewesen. 

Iris-Verletzung ist an sich unschädlich, wenn nicht Entzündung nach- 
folgt. Kapsel- Verdickung kann auch nach Nadel-Operation eintreten. Bevor 
C. am Menschen die Operation verrichtete, machte er sie an Ferkelchen, 
mit gutem Erfolg für die Sehkraft. Des geschlachteten Thieres Augen unter- 
suchend, fand er die Linsenkapsel eben in beiden Augen und mit einem 
leichten Fleck behaftet, der von ihrer Verwundung herrühren muss, was 
auch beim Menschen vorkommen mag. 

Staphylo m ist auch G. vorgekommen, aber, wenn gleich spät, unter 
Einträuflung von Wegerich-Wasser mit einigen Tropfen Weingeist geheilt 
worden. Die Pupille kann weit bleiben oder ihre Form verlieren. Dies 
ist C. auch begegnet; seltner sah er es bei den Kranken des Baron Wenzel, 
der immer sorgfältig, vor dem Verband, mit dem Löffelchen die Pupille 
wieder in Ordnung brachte. Ophthalmie kann nach gelungener Operation 
das Auge ganz zerstören. Das geschah bei einem Greise, dem C. den 
Star ganz glücklich ausgezogen; übrigens auch später auf dem zweiten Auge, 
das Wenzel operirte. 

»Wenn wir die Erfolge berücksichtigen, die Wenzel bei uns und in 
ganz Europa gehabt, so besteht kein Zweifel mehr, dass die Ausziehung 
der Niederlegung vorzuziehen sei«. 

Glaskörper-Leiden sind schwer erkennbar und dabei selten, da die 
seine Zellen erfüllende Flüssigkeit oft sich erneuert. Verdunklung desselben 
tritt ein oder wird wenigstens angenommen, wenn nach kunstgerechter 
Niederlegung oder Ausziehung des Stars Blindheit zurückbleibt. 

Bezüglich der Amblyopie und Amaurose gefällt ihm unter den 
Alten am besten die Definition des Aktuarics; er bespricht auch Aüt., Pacl., 
und leitet den z. Z. üblichen Ausdruck gutta serena von den Arabern 
her . . . (Doch stammt er von den Arabisten bezw. den Salernitanern^).) 
Nach den Alten hängt das Leiden vom Sehnerven ab''). Aber auch Glas- 



4) Vgl. § 348, 351 fgd. 

2) Vgl. unsren B. XIII, S. 252 u. 263. 

3) Doch waren die Araber hier systematischer und ausführlicher. 



280 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

kürper- Trübung kann Ursache sein; dann aber sollte man etwas 
durch die Pupille hindurch wahrnehmen. 

Häufig hängt die Amaurose von Veränderungen der Aderhaut, bezw. 
der inneren Augenhäute, ab. C. sah auch, nach Kopfschmerzen, die 
Pupille eng und unregelmäßig durch Vorwuchern einer braunen, runzlichen 
Haut, die Iris vorgewölbt, die Vorderkammer eng. Bei der im Sehnerven 
sitzenden Amaurose ist die Pupille weit und lichtstarr. Bei einseitigem 
Leiden muss man zur Prüfung das gesunde verbinden; denn wenn dies 
offen ist, wird bei Lichteinfall auch die Pupille des Kranken sich zusammen- 
ziehen. (C. selbst hat dieses nie genau beobachtet.) Die Prognose ist sehr 
ernst, aber nicht ganz so schlimm, wie Maitre Jan angegeben. Die Amau- 
rose der Schwangern heilt nach der Entbindung; geheilt wird .auch diejenige 
der Kolik von Poitou'). Auch die aus Lues soll geheilt sein. Die Alten 
empfahlen Blut-Entziehungen und Ableitung aller Art, Nießmittel; auch 
Kollyrien, doch die letzteren vergeblich. Die Neueren gebrauchten dieselben 
Mittel, auch Haarseile; Merkur, oft vergeblich; Keller-Esel. Im allgemei- 
nen hilft das Glück mehr, als die Heilmittel. Beachtung verdiene der Vor- 
schlag von St. Yves, das amaurotische Auge auszurotten, damit das andre 
gesund bleibe. 

Amblyopie ist der erste Grad der Amaurose. 

Zu den von den Alten angeführten Ursachen sei noch bei jüngeren 
Kranken die Masturbation hinzuzufügen. 

Bezüglich der Krankheiten der Netzhaut scheint es bemerkens- 
werth, dass die in der gesunden Netzhaut sichtbaren Blutgefäße keine 
Sehstörung verursachen. Die zu starke Reizbarkeit der Netzhaut bewirkt 
die Tagblindheit (Hemeralopia). Die zu schwache hingegen die Nacht- 
blindheit (Nyctalopia^i). Hippokrates hat Tagblindheit beobachtet. Die 
weißen Neger sind tagblind; auch bei uns diejenigen, die rothe Pupillen 
haben. Grüne Brillen Icönnen nützen. Etwas liäutiger ist Nachtblind- 
heit, schon von den Alten beschrieben, von den Neueren durch einzelne 
Fälle ergänzt. Ueber die Prognose kann C. nichts bestimmtes angeben. 

Die mangelnde Ausdauer beim Lesen wird durch St. Yves als 
Atrophie der Netzhaut gedeutet; C. meint, dass sie auch vom Bau des 
Auges abhängt, wenn nur mit großer Anstrengung oder Accommodation 
der Focus des Bildes in die Netzhaut gebracht werden kann. Deshalb sind 
Brillen, auch grüne Gläser, hierbei nützlich; sowie passende Lebensweise. 

Den erweiterten Blut- und Lymph-Gefäßen der Netzhaut schreibt 
C. die Flecken zu, die wir vor den Augen sehen, de la Hire versetzt die 
beharrlichen in die Netzhaut, die bewesrlichen in das Kammerwasser. 



1) Dieselbe beruht auf Blei-Vergiftung; gehört also doch zu den schweren. 

2) Vgl. §244. C. kennt aber die hippokratische Bedeutung von Nyctalopie 
= Tagblindheit. 



Peter Camper. 281 

PoRTERFiELD ähnlich. Es ist kaum zu unterscheiden, ob es in der Netzhaut, 
dem Glaskörper oder in der Linse sitzt. Vielleicht hängt es auch von den 
Nerven ab. »Ich selber sehe helle Flecke, Gefäße mit Verästelungen, 
schnell bewegt, besonders nach Indigestion oder nach Anstrengung der 
Augen; immer von Schwindel begleitet, und in Kopfschmerz ausgehend.« 

Die Schrumpfung des Augapfels ist unheilbar. Bisweilen ist dabei 
ein künstliches Auge nützlich. Die Vortreibung des Augapfels ist von 
seiner Vergrößerung zu unterscheiden. 

Schielen liegt vor, wenn die beiden Augen nicht in derselben Rich- 
tung auf den Gegenstand blicken. Oefters ist es mehr ein Schönheits- als 
ein Sehfehler. Von den Alten hat Aktuarius am besten darüber gehandelt'), 
ferner Aegineta, Oribasius; von den Neueren noch gründlicher Porterfield. 

Für gewöhnlich fehlt beim Schielen das Doppelt-Sehen, trotz der Ab- 
weichung der Achse des einen Auges. Aber bei plötzlich entstehendem 
(convulsivischem) Schielen wird doppelt gesehen. Somit wird das 
Schielen eingetheilt in das habituelle, accidentelle und nothwendige. 

Das erste ist das der Kinder. Die vorgeschlagenen Schiel -Masken 
u. dgl. sind unnütz; denn die Kinder sehen dabei nur mit einem Auge, 
wie G. selber nachgewiesen. Das zweite entsteht durch epileptische Krämpfe 
oder durch Säure in den ersten Wegen. Das dritte durch einseitige 
Amaurose. Das Schielen ist nothwendig, so oft der empfindlichste Theil 
der Netzhaut nicht der Seh-Achse gegenüberliegt. Alle Kinder im zarten 
Alter scheinen zu schielen, und zwar nach C. deshalb, weil die Nase noch 
nicht so hervorragt. 

Myopie und Presbyopie. Die menschlichen Augen sind für eine 
mittlere Entfernung eingestellt, besitzen aber ein Einrichtungs-Vermögen. 
Wer die Gegenstände nur aus größerer Nähe deutlich sieht, heißt Myops; 
wer aus größerer Ferne, Presbytes. Beide Uebel hängen ab entweder 
von angeborener Bildung oder von Angewöhnung. Die erstere Art ist un- 
heilbar. Die Accommodation liegt wohl in der Linse, zumal sie nach Pem- 
BERTON in den durch Niederdrückung der Linse star-operirten Augen voll- 
kommen fehlt. Der Arzt muss sich Kenntniss der ausgleichenden Glas- 
Linsen erwerben. 

Die Myopie ist bei den Alten (Aegineta, Oribasu^s, Aktuarius) be- 
schrieben. Die Neueren suchen sie zu erklären; de la Hire^j durch 
stärkere Erhabenheit der Hornhaut oder der Linse, Porterfield auch noch 
durch zu großen Abstand der Netzhaut von der Linse. Concavgläser 
bringen ihnen Hilfe; convexe den Presbyopen. Zu den letzteren gehören 
auch die, denen die Linse ausgezogen worden. 

■1) Vgl. unsren § fio u. ;? 246. 

2) Traitö des accidenls de la vue, Paris 1694. 



282 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Den Schluss macht ein Abschnitt über Augen heil mittel. Zuerst 
bespricht C. die der Alten. Von dünnem und scharfem Schleim, der die 
Augen bedroht, haben alle Alten und die Neueren die Mehrzahl der Augen- 
krankheiten abgeleitet und deshalb die ableitenden und anziehenden Mittel 
angewendet. Aber der Anatomie unkundig, haben erstere die auf dem Schädel 
liegenden Venen als ßringer des Schleimes angeschuldigt, wie aus Celsus 7,7 
u. a. hervorgeht. So suchten sie den Schleim abzuziehen nach dem Haupt, 
dem Nacken, nach dem Unterleib. Wir aber, die wir die Anatomie besser 
verstehen, beschuldigen die vermehrte Blutmenge und andre Ursachen, 
wenden aber dieselben Mittel an denselben Orten an und unter- 
scheiden uns von den Alten nur in unsren Begründungen. 

Die ableitenden oder anziehenden Mittel werden eingetheilt in äußer- 
liche und innerliche. Den ersten Platz (I) nehmen die Einschnitte ein, 
i) Periskythismus, Hypospathismus^), 2) Aderlässe u. dgl., Blutegel, Skari- 
ficationen, Schrüpfküpfe, 3) Haarseile, Blasenpflaster, Brennungen am Scheitel, 
den Schläfen, dem Hinterhaupt. H. Zum zweiten ziehen stark nach unten 
ab die Abführmittel, Brechmittel, Nießpulver. 

C. erklärt die Worte Periskythismus, Periskyphismus und Hypospathismus 
ganz richtig, erläutert alles nach Celsus, Aegineta, Aütius, auch durch sorg- 
fältige Figuren, und fügt hinzu: die Alten wollten die zum Auge fließenden 
Venen durchschneiden, was sie aber dadurch nicht geleistet haben, wie aus 
der heutigen Anatomie feststeht; 2) sie wollten auch den Knochen schaben 
und brennen und dadurch die scharfen Flüsse an einen andren Ort ziehen. 
Die Alten zerschnitten jene Venen und noch mehrere, die der Stirn und der 
Schläfen. (Angiologie bei Paulus Aegineta.) Aber alles dies kann nicht 
anders wirken, als ein beliebiger Aderlass, wenn wir die zahlreichen Ana- 
stomosen, der Venen wie der Arterien, der äußeren wie der inneren, in Be- 
tracht ziehen. Die Wirkung des Haarseils durch die Ohr-Läppchen und 
der Nießmittel auf das Auge leitet G. von Nerven-Verbindungen her. Er hat 
vom Quecksilber niemals Wirkung gesehen, wohl aber von Abführmitteln — 
bei solchen Entzündungen der Augen, die von dem Eindringen scharfer 
Stoffe herrühren. 

Sodann spricht C. über specifische Augenheilmittel, innere und 
äußere, bei Alten und Neuen. Hierher gehören aus dem Thierreich die 
Gallen, die Asseln, aus dem Pflanzenreich Chelidonium und Euphrasia, aus 
dem Mineralreich Kupfer, Blei, Antimon. 

Die Gallen hält er nach dem allgemeinen Beifall der Alten und Neuen 
für ein gutes Abwisch-Mittel, zieht aber Aloe vor. Von den Keller-Asseln 
glaubt er einmal guten Erfolg gegen beginnende Amaurose beobachtet zu 
haben. Chelidonium wird von den Alten gegen Trübungen vor der Pupille 

1) Vgl. § 252. 



Peter Camper. 283 

und auch von Neueren (Geoffroy, J G72 — 1731^', von Hildamjs u. a.) ge- 
priesen, Euphrasia von Arnaldus de Villa Nova, von Hildanus, Fuchs und 
Geoffroy. 

Von den Metallen, die auch bei den Alten angewendet wurden, haben 
wir einige Präparate, die jenen unbekannt gewesen, wie lapis in- 
fernalis, Mercurius sublimat. et praecipit. rub. Kupfer, Blei, namentlich Zink 
wurden von den Alten angewendet. Sie gebrauchten auch Opium, Cinamom. 
Myrrhe, Pfeffer u. a. 

Den Schluss macht eine bewährte Formel-Sammlung. 

1. Wenn Schleim die Augen befällt: 

R. aq. ros. 3 IV, Troch. alb. Rhasis 2) 51, Vitrioli albi gr. x. M. f. coUyr. . . 

2. Unguent. oculare ex Pharmacop. Amstel. et Leydensi. 

R. Lapid. calamit. 3) ^üi, Tutite ^i, Vitr. alb., Camphor. äa 3ii, 
Ung. rosat. Ib. i. 

3. Unguent. Nihili. 

R. Nihil albi, Tut. praep. äa ;-,i, corall. rubr., matris perlar. äa ,5ß, 

Camphor. ji; Pingued. porcinae mund. Ib. i. 
C. bemerkt, dass die Korallen und das Perlmutter hier ganz unnütz 

sind, da sie sich in der Salbe nicht lösen. 

4. Trockne Kollyrien, Pulver gegen Hornhautflecke. 

R. Sachari candidiss. 5ii alum. ust. ^ii; Vitrioli albi gr, x. 

Dies wird I — 3 mal täglich mittelst eines Rohres ins Auge geblasen. 
Aber Aetzmittel, z. B. aus Sublimat, sollen mit dem Pinsel sanft auf das 
Auge gebracht werden. Flüssige Kollyrien werden nach Bartisch aus einem 
angefeuchteten Schwamm, durch dessen Mitte ein Stäbchen oder Rohr geht, 
tropfenweise in's Auge geträufelt, oder auch mittelst eines Löffelchens ein- 
gebracht. Warme Umschläge werden mittelst Leinenläppchen oder Schwämm- 
chen angewendet. 

>Aus den mitgetheilten Quellen könnt Ihr noch mehr Mittel sammeln. 
Aber, da ich nicht eine vollständige Geschichte der Augenkrankheiten, son- 
dern nur eine Uebersicht vorlegen wollte, so glaube ich, dass dieses 
hinreicht.« 

Der große Peter Camper steht in diesem Werk mit einem Fuß auf 
den Alten, mit dem andren auf den Neuen, und lässt den Strom der Wissen- 
schaft durchfließen. Umfassende Gelehrsamkeit und Belesenheit, richtiges 
Urtheil, Ordnung, leidUche Vollständigkeit gestalten seine Augenheilkunde 
zu einer der besten seiner Zeit, wenngleich er an Fülle der eignen Beobach- 
tungen und auch der neu beschriebenen Krankheitszustände und Heilmittel 



1) Tractat. de mat. medica, Paris 1741; deutsch 1760— 65, auch frz. u. engl 

2) Aus Bleiweiß 8, Gummi 4, Opium u. Traganth je 1, mit Eiweiß. 

3) Galmei, Zinkspat; enthält Zink-Karbonat. 



284 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

mit einem St. Yves vom Jahre 1724, dem er doch nur mäßiges Lob 
spendet, oder mit einem Janin aus dem Jahre 1772 nicht wetteifern kann. 

Gewiss war diese Augenheilkunde für P. Camper nur eine kleine Neben- 
arbeit, gegenüber seinen andren großartigen Schöpfungen; aber der Blitz 
seines Geistes leuchtet doch auch hier an verschiedenen Stellen hervor. 

Uebrigens hat diese Darstellung unsres Faches, wenn sie auch bis zu 
unsren Tagen ungedruckt geblieben und vielleicht nur in spärlichen Ab- 
schriften verbreitet gewesen, doch als Lehrstoff von P. Camper's Vorlesungen 
Einfluss auf die weitere Forlbildung der Augenheilkunde gewonnen. 

§ 434. Aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind noch einige 
Holländer zu erwähnen, welche namentlich über die Operation des Stars 
geschrieben haben. 

1. JoH. Peter Rathlauw^), holländischer Wundarzt und Geburtshelfer, 
vervollständigte seine Studien in Paris (unter St. Yves und Ferrein) und in 
London. l\. war l)erühmt wegen seiner Streitschriften über das Geheimniss 
der Geburtszange und schrieb 1752: Verhandeling van de Cataracta, derzelve 
oorzaken, kentekenen en gevolgen, en inzonderheit de Manier der Operatie, 
Amsterdam 1752. (Dasselbe französisch schon 1751: Traite de la cata- 
racte dans lequel ses Causes, Caracteres et Effets, mais principalement 
La Methode de faire l'op6ration, se trouvent distinctement expliquees, 
confirmees par l'Experience et eclairees par des Desseins naturellement 
coulorez: Avec une preface sur la structure de l'Oeil, les Proprietez de 
la Vision, et les maladies de Tun et l'autre, par Jean Pjerre Rathlauw, 
Maitre Chirurgien et Acoucheur d' Aiusteldam et Amstelland. A Amsterdam, 
1751. [46 H- 54 S.]) 

U. widmet sein Buch Herrn Tho. Schwencke, Prof. der Anatomie und 
Chirurgie, der seiner »Unterdrückung« in der Geburtshilfe ein Ende ge- 
macht und ihm das Amt eines Wundarztes der Admiralität verschafft hat. 
Er erwähnt, dass er seit 13 Jahren prakticirt und alle Fälle aufgeschrieben, 
dass seine Neider ihn als Fremden behandelt, weil er in l'aris studirt habe, 
»auf fremde Kosten«; er gesteht gern seine Dankl)arkeit gegen den Erb- 
statthalter. 

Bei St. Yves hat er 1 3 Monate studirt und jeden Tag an der Kranken- 
behandlung theilgenommen und beim Abschied alle Recepte seines Lehrers 
erhalten; ferner auch in London und in Deutschland. Schon 1748 wollte 
er sein AVerk veröfTentlichen, als Hii.mer's und bald danach auch Tayi.or's 
Ankunft gemeldet wurde. Aber beide hal)en ihn enttäuscht! 

IL giebt eine Uebersicht des Baues und der Thätigkeit des Seh-Organs 
und ihrer StiU'ungen und handelt genauer vom Star. (Er verspricht später 



1) Biogr. Lexikon IV, 67'). Haller, bibl. chir. II, 298. Beer. Rep. III, 48. 



Rathlauw. Ten Haaf. De Witt. Van Wy. 285 

eine vollständige Augenheilkunde zu schreiben, hat aber wohl sein Ver- 
sprechen nicht gehalten.) Auf einer beigefügten Tafel hat er 9 Arten des 
Stars nach der Natur farbig gezeichnet und dazu die Chemosis und erklärt, 
dass dies die ersten derartigen Figuren seien. (Allerdings habe er die Bil- 
der von Taylor gesehen und gekauft.) Wackel-Star, Milch-Star, glauco- 
matöser Star sind gut abgebildet. Der gewöhnliche Star-Stich hat erheb- 
liche Nachtheile. Die Operation nach Ferrein ist weit sicherer. Wenn 
nxan die Linsenkapsel ein wenig öffnet, so spaltet sie sich weiter, da 
sie elastisch ist. Seine Star-Nadel ist dünn, abgestumpft und hat acht 
Flächen. Nach Niederlegung des Stars kann die getrübte Kapsel Blindheit 
verursachen und muss dann gespalten werden. 

Ueber seine Bemerkung zur Augen-Eiterung der Neugeborenen vgl. 
den Schluss von § 420. 

2. Gerhard ten Haaf (1720 — 1791), Arzt und Lehrer der Chirurgie 
zu Rotterdam, schiieb 1761 »Körte verhandeling nopens de nieuwe wyze 
om de Cataracta te genezen«. (Auch französisch, im J. de Vandermonde 
1761, Sept., S. 228.) Er öffnete mit dem Star-Messer die Kapsel 
zwischen Ein- und Ausstich. 

3. Gisbert de W^iTT, Arzt zu Amsterdam, veröffentlichte »Vergleichung 
der verschiedenen Methoden den Star auszuziehen, Gießen 1775«. (130 S.) 
Er befestigt das Auge mit le Cat's Augenspiegel, bedient sich eines Star- 
messers mit verlängerter Spitze und eines gekrümmten Cystitoms, operirt 
auch das rechte Auge mit der rechten Hand, über die Nase. Die Schrift 
ist unbedeutend. 

4. Gerrit Jan van Wy (1748—1810), Wundarzt und Lehrer der Ana- 
tomie und Chirurgie zu Arnheim, veröffentlichte »nieuwe manier van cata- 
ract of staarsnyding benolTens Heel en Vrädkundige Waarnemingen«. (Arnhem 
1792, 120 S.) Ist auch abgedruckt in der »Sammlung einiger wichtiger 
Wahrnehmungen aus der Wundarzneijkunst und Geburtshülfe. Aus dem 
Holl. übersetzt von Jo. Balth. Dericks, Stendal 1794«. 

Enthält die Beschreibung eines Starschneppers. 

Beer meint (Rep. HI, 185), dass es dem Vf. an Muth, Geschick, Er- 
fahrung und an dem gemeinsten Menschenverstand gefehlt habe. Koster 
hingegen ist der Ansicht, dass in einer Zeit, wo weder allgemeine noch 
örtliche Betäubung bekannt gewesen, ein solches Messer wesentlichen Vortheil 
geboten haben könne. Doch ist dies nicht begründet. Alle Wundärzte der 
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren darin einig, dass der Hornhaut- 
schnitt nicht wesentlich schmerzhaft sei. Es gab damals schon g.roße Künstler. 
Der Schnepper bedeutete einen Rückschritt. Uebrigens hat van Wy nur 
den Starschnepper von F. H. Grom zu Rotterdam, der die Construction 
seines Werkzeuges geheim hielt, verbessert. Der eigentliche Erfinder war 
Guerin. (§ 377.) 



286 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Die Schweiz. 

§ 435. Die Schweiz hat im Anfang des 18. Jahrhunderts die Erfindung 
der Star-Ausziehung für sich in Anspruch genommen, — jedoch ohne Erfolg. 
(B. XIII, S. 468, S. 397.) Am Ende desselhen Jahrhunderts hat Rudolf 
Abraham von Schiferli (1773 — 1837), der 1796 zu Jena mit der Disser- 
tation de Cataracta promovirte und 1805 Prof. der Chirurgie zu Bern 
wurde, die Niederlegung des Stars der Ausziehung vorgezogen. Um 
die Mitte des Jahrhunderts wirkte ihr größter Sohn, Albrecht Haller, 
dessen Verdienste auf dem Gebiet theoretischer Forschung einem späteren 
Abschnitt vorbehalten bleiben müssen. 

Die irrenden Ritter der Augenheilkunde. 

§ 436. Dass Augenärzte zur Ausübung ihres Gewerbes nicht blos 
von einem Ort ihres Vaterlandes zum andren zogen, wie Hausir er; son- 
dern sogar ferne Länder aufsuchten und die halbe Welt durchschweiften, 
wie die Vertreter einer Groß-Handlung: das haben wir schon an ein- 
zelnen Beispielen kennen gelernt, wie dem des Benevenuths GRAPHAErs. 
(§ 291.) Jedoch erst dem 18. Jahrhundert war es vorbehalten, diesen 
Betrieb der Augenheilkunde zu einer seltsamen Vollkommenheit auszuge- 
stalten, weshalb Eschenbach i) dasselbe als das Oculisten-Säculum hat 
bezeichnen wollen. Einerseits die längern Friedens-Zeiten im Herzen von 
Europa, geordnetere Staatsverhältnisse und größere Sicherheit, wachsende 
Vertrautheit mit Reisegelegenheiten, wie sie der immer mehr sich ent- 
wickelnde Handel angebahnt, andrerseits die beginnende Neubegründung 
der Augenheilkunde und bessere Ausbildung der Star-Operation, M'ährend 
doch die Zahl der ausübenden Augenärzte selbst in bedeutenderen Städten 
noch recht gering war, — alles dies wirkte zusammen, um eine Zalil 
von kühnen, unternehmenden, wohl auch geschickten und wenigstens prak- 
tisch 2] erfahrenen Männern anzustacheln, dass sie Europa nach allen 
Richtungen durchquerten, alle Mittel der Reklame in Bewegung setzten, um 
durch Behandlung und Operation von Augenleidenden Gold zusammen- 
zuraffen. Diese heimathlosen Gesellen wollte ich nicht ihren Geburts- 
ländern zuschreiben, sondern hier insgesamt einer kurzen Besprechung 
unterziehen. 



•1) § 437, No. 5. 

2) Aus der in Schweden 1691 vorgenommenen Prüfung des reisenden Augen- 
arztes JoH. HiNDRiCH ScHRADER erfahren wir, 1) dass er den Star-Stich von Lemjier 
in Brandenburg erlernt, 2) dass er nur die Kur mit der Nadel, nichts von andren 
Augenkrankheiten verstand, 3) dass er mit dieser Kur Bescheid wusste, 4) dass er 
gar keine Kenntnisse in der Anatomie des Auges besaß. (Gordon Norrie, § 429, 
No. 5.) 



Die Schweiz. — Die irrenden Ritter der Augenheilkunde. 287 

Aber übergangen dürfen sie nicht werden: sie gehören zur Signatur 
der Zeit, sie haben einen großen Theil der Augen-Operationen zu ihrer 
Zeit ausgeführt, einige von ihnen haben zur Verbesserung der Technik 
beigetragen, ja sogar an die höchsten Fragen unsres Fachs sich heran- 
gewagt. 

Es ist erstaunlich, wie groß das Aktions-Gebiet der reisenden Star- 
Stecher gewesen. Hilmer^), königl. Preußischer Oculist, stach den Star 
mit runder Nadel in Paris, in Dijon, in Lissabon, in Madrid, 1749 in Lyon, 
1756 in Montpellier, in Baden, in Lübeck, in Dänemark. Im Jahre 177i 
annoncirt er in der Gazette van Gendt, dass er die Blindheit in wenigen 
Augenblicken und ohne Schmerz beseitigt. Sehr übles berichtet von ihm 
G. Fischer 2). 

In den 40 er Jahren kam H. nach Lübeck. Er ließ die Blinden auf seine 
Stube kommen und operirle sie trotz Husten und Schnupfen. Seine runde, 
nicht sehr scharfe Nadel stieß er in's Auge, brachte sie an die Hinterfläche der 
Linse, löste diese oben ab, fuhr dann mit der Nadel um die Rundung der 
Linse mit großer Geschwindigkeit, so dass letztere auf den Boden des Glaskörpers 
versenkt wurde. Beim weichen Star drehte er die Nadel 5 — 6 mal in der Linse 
herum. Hilmer operirte mit verwegener Dreistigkeit und war so roh, dass er 
einer Frau, welche heftig schrie, eine derbe Ohrfeige gab, als die Nadel schon 
im Auge war. Nach dem Verband konnten die Opei'ii'ten nach Hause gehen, 
fahren oder reiten. Fast alle wurden wenige Tage nachher unheilbar Wind. 
Diese Zeit wartete indess Herr Hilmer nicht ab, steckte sein Geld ein und ver- 
schwand. Von 50 in der Lübecker Gegend Star-Operirten blieben nicht mehr 
als vier sehend. — Ich halte diese Schilderung doch für übertrieben, wohl aus 
der Feder eines Concurrenten hervorgegangen, weil sonst nicht zu verstehen 
ist, wie Hilmer so gute Praxis in Frankreich die Tochter des Herrn Simoneau) 
und in Deutschland (den Baron von Sickingen) hätte gewinnen können. 

Allerdings, von dem tüchtigen Wundarzt Rathlauw zu Amsterdam (§ 434, 
1752) wird er verworfen: »Hilmer verstand nichts, als mit dem Star zu 
spielen, und war übrigens nicht sehr subtil in der Operation. Seine Kennt- 
nisse der andi'en Krankheiten, des Auges wie des Körpers, waren nicht be- 
trächtlich.« 

Hilmer's Bedienter, der die Nachbehandlung der Star-Operirten zu leiten 
hatte, wurde später selber Star-Stecher. Ebenso machte es ein ehemaliger 
Diener von Taylor, namens Heinrich Meiners, der sogar nach Constantinopel 



i) Genaueres lässt sich heute über das Leben dieser Pfuscher aus der Mitte 
des ^8. Jahrhunderts nicht mehr ermitteln. Citirt finde ich ihn bei Diderot 
(Oeuvres, IV, H6, Londres 1773): »Le jour meme que le Prussien faisait l'operation 
de la cataracte ä la fille de Simoneau.« Ferner in den Mem. de l'Acad. R. de 
chir. II, 4-25 (Hoin): »Le sieur Hilmer, Oculiste Prussien, fit au mois de Juillet 1747, 
plusieurs Operations de la cataracte ä Dijon.« Im üourrier d'Avignon, 17 aoüt 1756, 
nennt er sich »conseiller et medecin du roi de Prusse, docteur et professeur, le 
Premier des oculistes de nos jours«. (Trug & Pansier, I'opht. k l'ecole de Mont- 
pellier, 1907, S. 236.) Vgl. auch die Schrift von Vermale aus dem Jahre 1751, in 
unsrem B. XIII, S. 502. 

2) G. Fischer, die Chir. vor 100 Jahren, 1876, S. 56. 



288 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

ging, aber, da die über das Ausbleilien der versprochenen Hille entrüstelen 
Türken sein Haus gestürmt, wieder nach Wien zurückkehrte. Später war er 
in Paris und in Italien i). 

Meiners ließ auch drucken! 

\ . Lista delle operazioni e sciolta delle piu singulari curazioni fatte in 
Turino sulle malattie degli occhi, Tnrino 1742. (Von der Niederlegung des 
Stars, von der Pupillen-Bildung.) 

'2. Lista delle operazioni fatte per la cataratta, gotla serena , glauconii, 
prunelle artificiali, Milano 1742. 

3. Lista delle operazioni fatte a cenlo dodeci persone per cataralta. Ent- 
hält die zu Paris ausgeführten Operationen. 

Haller (bibl. chir. H, 2 33) verwechselt ihn mit Müninto. (§ 427.) 

Beer (Augenkr. 1792, H, 427) sagt kurz und bündig: »Ein Marktschrever«. 

Größeres Lob gewann ein andrer Deutscher, Herr CvRrs^]. Am 23. Juli 
1750 kam er nach Kopenhagen. Bald stand in der Zeitung, dass er ausge- 
zeichnete Zeugnisse besitze und dass er die Armen umsonst behandle. Er operirte 
in Gegenwart von Mitgliedern der medizinischen Fakultät und des wundärztlichen 
CoUegs. Er zeigte sein Verfahren. Der unmittelbare Erfolg der Operation 
war ausgezeichnet. (Dass später die meisten Operirten, durch Wiederauf- 
steigen des Stars, wieder blind geworden, hat uns allei'dings IIeiermanx be- 
richtet; vgl. § 429.) 

C. blieb einen Monat in Kopenhagen, erhielt auch von dei' Stadt- 
Obrigkeit einen goldenen Ehrenbecher von 1 //( Gewicht und reiste dann nach 
Stockholm. Hier erhielt er von dem wundärzllichen Collegium das folgende 
Zeugniss: 

Christl\n Gottlieb Cyrls, chirurgus et ophthalmiater, natione Gei'inanus, 
peragratis Belgia, Anglia, Gallia, Helvetia, plurimisque Germania? regionibus, atque 
Dania, nostrum etiam conscendit solum, munitus egregiis, Collegiorinn medicorum 
et Facultatum, Virorumque, doctrina? atque experientiee laude maxime conspi- 
cuorum, testimoniis. Stockholmiam itaque, Metropolin Regni Sveciae, ingressus, 
haud diu est moratus, priusquam arlis, quam profitebatur, exercendfe veniam 
est adeptus. Manus operi admovit, ac in magna onmium ordinum spectatorum 
fi-equentia, operationeni suffusionis (lcprimenda>, repetitis vicibus, perfecit, maxi- 
maque ac vulgarem multis exsuperante parasangis dexteritate, se omnibus pro- 
bavit. Neque ei defuit bonus operationum successus, cum, ut in operando felix, 
ita etiam in diagnosi sagax atque prognosi cautus, non promiserit nisi quod 
pptuit pra^stare, atque in eo, a more XpTj3[j.oAOYa)v Dosonumque(?) Thrasonica 
sua arte vulgus seducentium, maxime alienus. Pra^terea plurimis etiam occa- 
sionibus luculenta pra^buit documenta, sanioris, qvam de oculo tenet , theoria;. 
Inde itaque permotimi Regium Collegium medicum non potuit testificationem 
petenti denegare, quin potius illum unicuique de meliori nota commendat, pr«- 
sertim cum in Jllo raram sane invenerit modestiam, ita ut verbis sese non ven- 
ditavit sesquipedalibus et simul inanibus. Huc etiam accedit, quod pauperibus 
benevolam ullro pra^stiterit opem eoque nos conviceril, se non lucelli cupidine 
illectum foeda, arte sua abuti peregregia. 

C. ging, auch nach Norwegen und kehrte dann nach Deutschland zurück. 



1) EscHEXBACH, TAYLOR, S. 176, 1752 ;§ 437, No. 5). — 1750 auch in Gent. 
(Van DuYSE.) 

2) GoRDON Norrie, § 429, No. 5. 



Taylor. 289 

§ 437. Der König dieser irrenden Ritter war unbestritten 

John Taylou. 

L it er atur-Ueb ersieht. 
A. (Von Zeit-Genossen.) 

1. A. Haller, Comercium liter. univ. 1734, p. 353; bibl. chir. II, 172. 

2. Besondere Nachricht wegen des im Frühjahr Anno 1735 in Holland so sehr 
gerühmten englischen Oculisten D. Taylors und seiner von ihm verrichteten 
sehr merckwürdigen, aber höchst unglücklichen Augen-Cur nebst andren 
Nachrichten von diesem Oculisten. Herausgegeben von Elias Friedrich 
Heister, M. C, Helmstädt. Bey Christ. Fr, Weygand 1736. (71 S.) H. ist der 
Sohn unsres L. Heister [§ 4lü], geb. 1715, also z. Z. der Abfassung dieser 
Streitschrift 21 Jahre alt, 1738 promovirt, 1740 auf einer Reise in Holland 
gestorben. — Antonelli [C, 16, S. 52,] schreibt die Streitschrift irrthümlich dem 
berühmten Vater zu. 

3. Jo. Zach. Platner, 1738, de motu ligamenti ciliaris. 

h. B. D. Mauchart, Orat. de fama meritisque Taylori, Tubing. 1750, (A. Halleri 
disp. chir. sei, II, xl, p. 195.) 

5. D. C. E. EscHENBAGHS gegründeter Bericht von dem Erfolg der Operationen 
des englischen Okulisten, Ritter Taylors, in verschiedenen Städten Teutsch- 
lands, besonders in Rostock. R. 17 52. (-223 S.) 

G. Lecat, Memoire pour servir ä Thistoire des fourberies des charlatans connus 
sous le nom d'operateurs et des moyens de les decouvrir, Precis analytique 
des travaux de l'Academie des sciences . . , de Ronen I, p, 110 (1743). — Von 
RiBAiL 1841 wieder aufgefunden und bei Antonelli (C, No, 15) wieder ab- 
gedruckt. 

B. (Taylor's Selbstlebensgeschichte.) 

7. The history and adventures of the Chevalier John Taylor, ophthalmiatros, 
wrilten by himself and adressed to bis only son. London 1761/2. — In den 
Bibliotheken (auch in denen von Paris und London) ist dies dreibändige Werk 
nicht zu finden. Doch verliert man wohl nichts daran, — nach den Lügen 
zu urtheilen, die uns der Ritter schon in seinen »wissenschaftlichen < Werken 
auftischt. 

8. Anecdotes de la vie du Chevalier de Taylor, extraites de ses voyages publies 
depuis peu . . , Imprime pour l'Auteur. 4° (16 S.), 

C, (Taylor's Beurtheilung durch neuere Forscher, hauptsächlich Augenärzte.) 

9. Stricker, Der Ritter Taylor. Ein Beitrag zur Geschichte d. Augenheilk. vor 
100 Jahren. Drei Bücher. J. f. Chir. u. Augenheilk. von Walther u. Ammon, 
B. 32, S. 263 U. 411, 1843. 

10. Vrolik, Etwas näheres über John Taylor. Ebendas. B. 33, S. 216 — 219. 

11. Ueber eine neue Reihe subcut. Operationen von Dr, W. Hennemann, (Schwerin), 
Rostock und Schwerin 1843. (193 S.) 

12. Edouard Meyer, du Slrabisme et de la strabotomie, Paris 1863, S, 13 u, 14. 

13. Ch, Deval, Chirurgie oculaire, Paris 1844, S, 6*9— 655, und Maladies des 
yeux, 1862. 

14. Die Schiel-Operation vor ihrer Erfindung durch Dieffenbach. Eine historische 
Studie von Dr. H. Schrön in Jena. Graefe's Arch. f. 0. XX, 1, 151 — 172, 1S74. 

15. Oculists in ancient times, especially in Scandinavia, by Dr. Gordon Norrie, 
Copenhagen. Janus 1896, S. 227 fgd. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIY. Bd. XXIII. Kap. i 9 



^290 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

■16. Un point d'histoire de l'operation du strabisme par le Dr. A. Antonelli. 

Archives d'opht. XXII, S. 45—68, igOS. 
4 7. Gazette med. de Paris, 24 Janv. 1891 und Annales d'Oculist. CV, S. 206, 1891, 

bringt einige Reklamen von Taylor aus dem Jahre 1765. 

18. Die Schiel- Operation vor A. v. Graefe. Eine historische Studie von Prof. 
Dr. L. Laqueür in Strassburg, A. f. Ü., LVIII, 3, 1908. 

19. Les Oculists ambulants h Gand au iseme Siede par le Dr. Van Duyse. Gand 
1908. (51 S. — Diese interessante Schrift ist erst nach der Drucklegung 
meiner Arbeit erschienen, aber noch von mir benutzt worden.) 



D. (Taylor's Schriften.) 

Prof. EscHEXBACH (A, 5) hat uns 1752 die folgende Liste der Schriften von 
Taylor überliefert: »Der von Taylor herausgegebenen Werke sind, laut eines 
im Ausgange des März-Monat 4 750 zu Leipzig in Oetav gedruckten Supplements, 
vierzehn Stück, nämlich 

1. Mechanismus des Auges. In Octav, englisch, 1727. 

2. Abhandlung von den Krankheiten des unmittelbaren Werkzeuges des Gesichts. 
In Octav, französisch. 

3. Abhandlung von den Krankheiten der kristallinischen Feuchtigkeit. In Octav, 
englisch, 1736. 

4. Abhandlung von dem Mechanismus des Augapfels. In Octav, französisch, 1737. 

5. Eben dasselbe in spanisch. In Octav, 1738. 

6. Versuch von der Bewegung der Muskeln, so zum Augapfel gehören. In Octav, 
portugiesisch, 1740. 

7. Abhandlung von der wahren Ursache des Schielens. In Octav, französisch, 1738. 

8. Abhandlung von der Augenkrankheit und Wiederherstellung des Gesichts des 
Don A. de Saldanie, Vice-König von Indien, welchen der Autor in Portugal 
kurirt hat. In Octav, portugiesisch, 1739. 

9. Kurzer Inhalt einer Abhandlung von der Anatomie und den Operationen u. s. w. 
In Octav, lateinisch, 1741. 

10. Abhandlung von dem wirklichen Sitz des unmittelbaren Werkzeuges des Ge- 
sichts. In Octav, englisch, 1743. 

11. Urtheile medizinischer Professoren in den vornehmsten Universitäten in Europa 
über die Operationen, und die Art, die Krankheiten des Auges zu heilen. In 
Octav, englisch, 1743. 

12. Abhandlung von den besonderen Augenkrankheiten des Ritter Sambroke. In 
Octav, englisch, 1743. 

13. Abhandlung von der Structur und Schönheit des Auges, mit vielen Kupfer- 
stichen. In Octav, englisch, 1744. 

'4. Genaue Beschreibung von 243 verschiedenen Krankheiten des Auges und seiner 
Bedeckungen, die der Autor durch eigene Untersuchung angemerkt, und durch 
die geschicktesten Künstler in Europa nach dem Leben abmalen lassen, mit 
einer Erzählung von mehr als 50 besonderen Operationen, die er mit Hülfe 
einer großen Anzahl von Instrumenten von seiner eigenen Erfindung macht. 
Fol., englisch, 17 49. 

Taylor's Werke belaufen sich aber in der Mitte des März-Monats 1751, 
folglich kaum ein Jahr darauf, vermöge des im oft bemeldeten Auszug von 
Urtheilen davon befindlichen Verzeichniss, schon auf zwanzig, maßen folgende 
sechs in dieser Zeit dazu gekommen sind. 

15. Abhandlung von der Augenkrankheit und der Wiederherstellung des Gesichts 
der Frau Gräfin von Windischgräz. In Octav, deutsch, Berlin 1750. 



Taylor. 291 

16. Eine neue Ausgabe von dem Mechanismus des Auges, und der Art, dessen 
verschiedene Krankheiten zu heilen : wie der Autor solche mehr als zwanzig Jahr 
an verschiedenen Europäischen Höfen und Universitäten beobachtet: mit Figuren 
und dem Bildniss des Autors geziert u. s. w. In Octav, deutsch, 1750. 

17. Kurzer Begriff einer anatomischen Abhandlung von den mancherlei Krank- 
heiten und Operationen am Augapfel und den damit verbundenen Theilen 
u. s.w. In Octav, deutsch, 1750. 

18. Eine Beschreibung von 243 verschiedenen Krankheiten des Auges, alle nach 
dem Leben abgeschildert, und nach der Ordnung, die der Autor in seinen 
öffentlichen Vorlesungen beobachtet u. s. w. In Octav, deutsch, 1730, 

19. Abhandlung von der gar besonderen Krankheit und der Wiederherstellung des 
Gesichts »Seiner Durchlaucht des Regierenden Hn. Herzogs von Meklenburg- 
Schwerin<, gegen das Ende des Monats Februar, 1731. 

20. Die Urtheile gekrönter Häupter, regierender Fürsten und Universitäten, in 
Europa, und letzlich im H. römischen Reich, über den wunder-glücklichen Fort- 
gang der Operationen des Hn. Ritters Taylor, und seiner Methode, die Krank- 
heiten des Auges und seiner Bedeckungen zu heilen. In Octav, deutsch, 1730. 

Stricker hat (bis 1766) 45 Nummern, von denen die letzte: Description 
exacte de 243 differentes nialadies auquel l'oeil, ses enveloppes et ses parties 
contigues sont exposes . . . Iniprime pour l'Auteur (ä Angers), 1766, 4°, XI 
und 44 S, Dies Werk soll die genaue Beschreibung von mehr als 50 Augen- 
Operationen, meist von der Erfindung des Vfs., enthalten, 

Taylor's Leben und Wirken. 

Von seinen berühmten Ahnen weiß der Ritter Taylor selber viel zu er- 
zählen. Geboren ist er zu Norwich in England am 13. Okt. 1708. (Vormittags 
elf Uhr, laut einer auf ihn geschlagenen Medaille. Eschenbach, S. 20. — Aber 
das Datum der National Biography [B. 55, S. 441] vom 16. Aug. 1703 ver- 
dient mehr Vertrauen. Schon 1727 hat T. als Chirurg zu Norwich The Mecha- 
nism drucken lassen. Im 19. Jahre seines Lebens? Er liebt es, mit seiner 
frühen Vollendung zu prahlen.) 

T. studirte 1725 in Leyden, zusammen mit Haller, ging dann nach Paris 
und begann früh seine Kunst- oder Geschäfts-Reisen. Im Jahre 173 4 reiste er 
nach Paris, worüber er nicht spricht, da er sich dort Dr. Petit's Star-Stich 
angeeignet; dann nach Marseille, woselbst er Daviel in die Augenheilkunde ein- 
geführt zu haben fälschlich vorgab ; wurde auch in demselben Jahre von der 
medizinischen Fakultät der Universität von Basel zum Mitglied ernannt; später, 
nachdem er in Bern gewesen und 1735 an den Rhein zurückkam, ward ihm 
dasselbe auch in Lüttich und in Köln zu Theil (am 20. April, bezw. 2. Mai 17 35). 
Das Jahr 173 6 brachte er in England zu und wurde Augenarzt des Königs 
Georg IL 173 8 finden wir ihn in Portugal, wo er seine größten Triumphe 
feiert. 1740 war er wohl in Wien, 1741 — 4 4 wieder in England. Im Jahre 
4 744 hat er zu Edinburgh Vorlesungen über Augenheilkunde gehalten und 
Augen-Operationen verrichtet. Sein Landsmann IIope, der ihm dort sechs Monate 
hindurch folgte, hat versichert, dass T. 100 Stare durch Niederdrücken operirte, 
aber keinen einzigen durch Ausziehen. (XIII, S. 470.) 

Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er auf Reisen. Mit einem großen 
Tross von Dienern, in einer mit Augen bemalten Kutsche, welche mit der näm- 
lichen Inschrift 

Qui dat videre dat vivere 

19* 



292 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

ijeschmiickt war, die auch seine zahh'eichen Schriften zierte, zog er durch alle 
ihm zugänglichen Länder und kramte seinen Titel eines päpstlichen, kaiserlichen, 
königlichen, kurfürstlichen, groß- und erbherzoglichen Hof-OcuHsten sowie Hun- 
derte auf Glas und Kupferplatten gemalte Darstellungen i) von Augenkrankheiten 
und seine kostbaren, in Gold und Silber prunkenden Instrumente aus; führte 
überall dieselbe Komödie auf, die Vornehmen sowie die maßgebenden Aerzte zu 
besuchen, dieselbe auswendig gelernte Vorlesung zu halten, Zettel zu seinem 
Ruhm und Preis zu vertheilen, die Zeitungen mit seinen Wunderkuren zu füllen, 
möglichst viele Kranke zur Behandlung und zur Operation zu ködern, möglichst 
viel Geld von ihnen zu erpressen vmd dann zu verschwinden, um in einem 
andren Ort dieselbe Rolle zu spielen. 173 4 war er, wie erwähnt, in Frank- 
reich, 1738 in Portugal, 1750 in der Mark Brandenburg. Aber Friedrich der 
Große ließ ihn ausweisen: sei es, dass er seine Unterthanen vor der Aus- 
plünderung Seitens des gewissenlosen Ritters schützen wollte; sei es, dass er 
ihn für einen Spion^) des englischen Ministerium hielt. Das letztere behauptet 
die Markgräfin von Anspach in ihren Memoiren (Paris 1828), die aber doch 
die folgenden Worte des großen Königs an Taylor anführt: »Wenn er sich 
untersteht, an das Auge eines meiner Unterthanen zu rühren, so lasse ich ihn 
aufhängen; denn ich liebe meine Unterthanen wie mich selbst.« 1752 finden 
wir ihn in Mecklenburg, 1753 in Dänemark, Schweden und Russland, dann in 
Italien, wo er drei Mal von Banditen auf der Landstraße angefallen wurde und 
1755 nur mit Mühe sein Leben rettete, 1757 in Belgien (Gent), danach im Orient, 
sogar in Persien, von wo er über Kaukasien und Russland 1762 zurückkehrte. 
Im Jahre 1767, den 19. Oktober, bringt die vlämische Gazette van Gen dt fast 
dieselbe Annonce über den Ritter , die sie 1 Jahre zuvor gedruckt hatte. 
Wiederum hat die große Zahl der Hilfesuchenden seine Abreise nach Brüssel 
hinausgeschoben. 

Vom Jahre 1765 besitzen wir seine Mauer-Anschläge zu Rheims und er- 
fahren aus seinen Reklamen, dass er jetzt den harten Star nach beiden Ver- 
fahren, der Niederdrückung wie der Ausziehung, mit gleichem Erfolg operirt, 
aber bei dem ganz oder theilweise flüssigen stets der Ausziehung nach ganz eigner 
Methode, sich bedient. Die letzten Jahre scheint er ziemlich vergessen, theils 
zu Paris, theils in England, zugebracht zu haben. Sein letztes Werk erschien 
1767; 1772 ist er verstorben. 

Sir John hat seinen Namensvetter, der mit den Steifleinenen gefochten, an 
Unverschämtheit weit übertroffen. 

Unverblümt erklärte er, dass er von der Vorsehung zum Schöpfer der 
Augenheilkunde bestimmt sei; druckte er, dass er vom Himmel gesandt sei, 
ließ er verbreiten, dass er durch göttliche Fügung zur Hebung der Blindheit 
auf die Erde gesandt sei. Also steht gedruckt Effigiem Taylor, tibi qui de- 
missus ab alto est, neben dem Titel seines Mechanismus, Frankfurt am 
Mayn 1750. Das Gedicht ist von Harcher in Basel 1734 verfasst. Vgl. unsi*e 
Fig. 16 auf S. 281. 



1) Mauchart spricht von Darstellungen der Augenkrankheiten in künst- 
lichen Glas-Augen, Eschenbagh von 200 Gemälden, die auf Holzplatten aufge- 
klebt waren. 

2) T. hat selber über die Ursachen seines abgekürzten Aufenthalts in Berlin 
geschrieben (1730) und sagt darin von sich selbst: il n'entre point dans les raisons 
secretes ni dans les myst^res des Cours(!). 



Taylor. 



293 



Bei QuELMALz, de caecitate infantum . . . Ups. 1750 lesen wir »quotquot 
famä de Taylore, quasi divinitus in terram ad visum caecis resti- 
tuendum misso, commoti ad eum ceu ad sacram ancoram huc se contu- 



Fig. 16. 




Johann Taylor, 

Ritter, Doctor der Arzeneykunst, Verschiedener 

Hohen Königl. und Hochfürstl. Höfe Hoch bestalter Augenarzt wie auch 
Mitglied vieler berühmter Akademien in Deutschland, Frankreich, Schweitz und Portugal. 
Qui Visum vitam dat. 



Effigiem Tatlok, tibi qui demissns ab alto est, 
Turba alias expers luminis, ecce vides. 
Hie maculas tollit, Cataractas deprimit omnes, 
Amissuin Splendens excitat ille jubar. 

Chevalier Klche, Rom» plnx. 



Mirandä praxi sublata Ophthalmia quaevis. 
Artifici Dextra gutta serena cadit. 
Ecce Vir um: Cujus cingantur tempora laura, 
Dignum, cui laudes Saecula longa canent. 

A. Kelnhardt sc. Francofurti KSO. 



294 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenlieilkunde in der Neuzeit. 

lerant«. Auf seiner Medaille heißt es: Qui caecis innumeris restituendo (visum) 
se totum bono pubhco consecrat. 

»Le Ciel par une faveur particuliore pour notre siecle et pour les suivans 
l'a fait naitre de nos jours pour cultiver et perfectioner ce grand Art.« . . So 
lässt T. den Hrn. Quingerus, Dekan zu Basel, am 26. Okt. 1734 schreiben. 
(Vorrede zu T.'s Werk über die Kr. des unmittelbaren Seh-Organs, 1755.) 

Sogar seine selbstverfas ste Grabschrift athmet alles andre, als Be- 
scheidenheit: 

»Hier ruhen in Frieden die Gebeine eines Mannes, der der ausgezeichnetste 
seines Jahrhunderts war dui'ch seine Kenntnisse in einer Kunst, welche die 
nützlichste ist für das Menschengeschlecht, und für deren Pfleger er nicht, 
nein für deren Schöpfer er von der Vorsehung bestimmt schien. Sein Ver- 
stand erhellte die Finsterniss, seine Hand drang in die innersten Geheimnisse 
und schien durch den Geist selbst geleitet zu sein, der den Bau des Körpers 
geschaffen i)« ... 

Den Schluss machte folgender Vers : 

»Dieux! Taylor git dans cette biere, Cet oculiste si fameux; 
Apres avoir donne tant de fois la lumiere, Devait-il done fermer les yeux.« 

Das zweite war seine Kunst der Reklame, woi'in er die Aerzte aller 
Zeiten und selbst die Erfinder der Nabob-Pickles und der Revalenta Arabica 
übertroffen. In Rostock ließ er 1752 Reklame-Zettel mit seinem Bildniss ver- 
theilen, von denen der minder schlimme (nach Eschenbach, 5) folgendermaßen 
lautete : 

»Das Bildniss des Ritters Taylor, entworfen von dem berühmten Prof. H. . . 
auf der Universität G. , . ., aus dem teutschen übersetzt. 

Es kann dem publico nicht unangenehm sein, wenn man es den Ritter 
Taylor näher kennen lehret, der soviele Jahre lang ganz Europa aufmerksam 
gemacht, und welcher jetz bei uns in allen Gesellschaften einen beständigen 
Vorwurf der Unterredung abgiebt, wegen der wunderswürdigen Folgen seiner 
Unternehmungen. 

Dieser so außerordentliche Mann, der überall soviel wunderkuren thut, dass 
man sie nicht genug bewundern noch glauben kann, wo man sie nicht selbst 
gesehen hat, ist nicht nur edel durch seine Wissenschaft, sondern auch durch 
seine Geburt. Dieses, wie auch seine vortreffliche Erziehung und die vollkom- 
menste Kenntniss der Welt, haben ihn bei allen Höfen, wo er durchgereist, die 
höflichste Aufnahme zuwege gebracht. 

Er ist ein Engländer ohne schmeichelhaftes Vorurtheil vor seiner Nation, 
ein Gelehrter ohne Großsprechen und der Einzige in seiner Art. — 

Er weiß zu leben. Dieses und seine allgemeine Nuzbarkeit in einer für 
das Wohl des menschlichen Geschlechts so wichtigen Wissenschaft, machen ihn 
der Sorgfalt aller Regenten, der Staaten und großer Leute so würdig, dass ein 
jeder sich strebet, mit kostbaren Geschenken und anderen höchst ausnehmenden 
Kennzeichen der Gewogenheit, ihm sein Wohlgefallen über so seltene Verdienste 
zu zeigen. 

Besonders aber bitten die Armen den Himmel mit sovieler Inbrunst um 
seine Erhaltung, weil sie sich schon betrüben, wenn sie nur bedenken, dass er 
unter die Zahl der Slerbliehen gehöre.« 



1) Nach der deutschen Uebersetzung von Guerin's Augenkr., Leipzig 1772, 

S. 256. 



Taylor. 295^ 

Im Frühjahr 4735 waren fast alle holländischen und französischen Zeitungen 
voll des Lobes der unerhörten Kuren des damals Holland beglückenden Ritters. 
November 1736 erschien sogar IIarcher's lateinisches Epigramm in den Hamburger 
Zeitungen. Aber I7i9 erließ der Professor der Chirurgie zu Amsterdam mit den 
hispelvtoren des Collegium medicum eine öffentliche Warnung, dass die 
Bekanntmachungen der Zeitungen der Wahrheit zuwider seien. . ., dass T.'s 
Behandlungen von Augenkranken sowohl in letztverflossener Zeit, als vor 15 Jahren 
entweder ohne Erfolg geblieben sind oder gar die jämmerlichsten Folgen gehabt 
haben. Hingegen hat Platner^) von guten Ergebnissen seines Star-Stichs (nach 
Petit) gehört. Nach Gordon Norrie haben auch die skandinavischen Aerzte 
besser über Taylor geurtheilt. Das größte Lob hat er aber in Portugal geerntet, 
— falls nicht die Zeugnisse gefälscht wai*en. Aus großen Hauptstädten, 
wie Paris, London, aus bedeutenden Universitäten, wie Lejden, hatte er 
keine Zeugnisse; wohl aber aus geistlichen Universitäten, wie Köln, Lüttich, 
U heims, und aus kleinen Republiken, wie Frankfurt, Basel, Zürich. 

Mit seinen Gegnern macht T. kurzen Prozess. Es sind nur Neider. Er 
möchte diese Würmer, so ihn anzischten, nicht treten, damit er sich mit ihrem 
Gift nicht besudle. 

Das dritte war die Gewissenlosigkeit, mit der T. jeden Fall sofort 
operirte, welcher ihm Gewinn versprach. 

C. Passavant, der neunjährige Sohn recht wohlhabender Eltern aus Frank- 
furt a. M., hatte das eine Auge durch Einschießen eines Bolzens verloren; als 
er im 17. Jahre in Marburg zu studiren angefangen, wurde er von heftiger 
Entzündung des andren Auges befallen und erblindete bis auf Lichtschein. 
Drei Jahre später, nachdem in Marburg und in Frankfurt verschiedene Kur- 
versuche gemacht worden, fand L. Heister das verletzte Auge ganz zerstört, das 
andre mit verengter, unbeweglicher Pupille, hinter der eine Trübung, wie ein 
unreifer Star, zu sehen war. Heister wollte die Behandlung gar nicht über- 
nehmen, ließ sich aber doch zu einer solchen bestimmen, um den Trübsinn des 
jungen Mannes zu lindern, und schlug ihm schließlich vor, den so berühmten Taylor 
zu befragen, indem er ihm eine genaue Krankengeschichte mitgab. Als Taylor 
diese in einem Brief empfangen, machte er dem Kranken sofort gute Hoffnung 
und trieb ihn zur Eile an, da er nur noch 3 Wochen in Holland bleibe; operirte 
ihn auch sofort, indem er das Auge mit dem Augenspiegel befestigte, mit der 
Lanzette einen Einschnitt machte und mit der Nadel den Star, beim dritten 
Versuch, herunterdrückte. Am folgenden Tag trat Entzündung ein, die am 
3. Tag bis zur stärksten Anschwellung vorschi'itt, so dass Incision der Augen- 
häute nöthig wurde, die noch einmal wiederholt werden musste. Der Ausgang 
war natürlich Schrumpfung des Augapfels mit völligem Verlust des Lichtscheins. 
(In diesem Fall von später Sympathie hat L. Heister nur den einen Fehler 
begangen, den Kranken an Taylor zu verweisen; letzterer aber so viele, dass 
CS an Raum gebricht, sie hier aufzuzählen.) 

T.'s mangelhafte Wahrheitsliebe steigert sich bis zur wirklichen Lüge. 
Er entblödet sich nicht zu erklären, dass er jederzeit den Erfolg seiner Ope- 
rationen nach Möglichkeit abgewartet. Er wagt zu behaupten, dass er von seinen 
Vorgängern nichts, als gewiss und sicher, hat brauchen können. Ja sogar zu wirk- 
licher Betrügerei soll der edle Ritter seine Zuflucht genommen haben: wenigstens 
berichtet der junge Heister, aus einem Brief, den ein Londoner Freund an seinen 



1) Chir. rat. -17 45, S. 881. 



296 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Vater gerichtet, dass T. die Personen zur Demonstration seiner Heilung des 
schwarzen Stars erkauft habe, und dass es zu Rotterdam, Amsterdam und 
dem Haag dieselben gewesen seien. L. Heister ist der Ansicht, dass T. die 
Operation, mit einer Nadel die verschobene Krjstall-Linse zurecht zu rücken, 
nur erheuchelt habe. 

GuERiN (1769) giebt an, dass Taylor nach seioer Operation gegen schwarzen 
Star das Auge verband, mit dem strengsten Befehl, es vor 5—6 Tagen nicht 
aufzumachen; er selber aber verschwand am 4. Tage mit dem Honorar. 

Mit der linken operirle er nicht gern. Eine Frau, die rechts Slar hatte, 
links noch ziemlich sehen konnte, zahlte 30 Dukaten, dass er das rechte operire; 
er operirte ihr das linke, so dass sie schlechter, als zuvor, sah. 

Seine Geldgier ist bekannt. »Von ganz mittelmäßigen Leuten hat er 
100 Reichsthaler, von Reicheren 100—300 Dukaten, von ganz Vornehmen 
1000 Dukaten; ja einmal für eine gewöhnliche Kur 50 Dukaten täglich gefor- 
dert« (Eschenbach). 

Einer 4 5jährigen Person, die an wiederkehrender Entzündung (wohl Iritis) 
gelitten und die T. befragen wollte, schneidet er sofort und unerbeten 
Blutgefäße aus dem Weißen des Auges, verschlechtert zunächst die Sehkraft 
und verlangt 30 Dukaten. 

Im Schauspielhaus zu Lübeck wurde er von einem vornehmen Herrn, dessen 
Mutter er in Rostock am Star unglücklich operirt und um vieles Geld geprellt 
hatte, öfTentlich beschimpft, so dass er schleunigst abreiste. 

Einem Apotheker nimmt er gleich die goldene Uhr ab und fordert 100 Du- 
katen für die Star-Operation, mit dem Versprechen, dass der Kranke feinste 
Schrift lesen werde. Dies tritt nicht ein, der Apotheker weigert die 100 Dukaten. 
T. zieht ihm einen seidnen Faden durch das Weiße des Auges. Der Apotheker 
befreit sich von dem Faden und reist ab; T. ihm nach und fordert 180 Dukaten, 
hat aber den Kranken nicht finden können. 

Dabei war er geizig. Er gab in Dresden in seinem Logis einen Ball, wech- 
selte am selbigen Abend 20 Mal Perücke und Hemd, unterrichtete die Damen 
im englischen Contre-Tanz und wollte zum Schluss den Schmaus nicht bezahlen. 

Trotz aller dieser Charakter-Fehler muss Taylor zugestanden werden, dass 
er durch Bildung und Kenntnisse, durch schriftstellerische Leistungen und 
Lehrthäligkeit seine gleichfalls reisenden Wettbewerber weit übertroffen hat: ob 
auch durch handliche Geschicklichkeit beim Operiren, ist eher fraglich. Wichtig 
für unser Urtheil muss das der sachverständigen Zeitgenossen von Taylor 
sein. Dasselbe ist sehr verschieden und seltsamer Weise im Anfang gar nicht 
so ungünstig. Im Jahre 1734 hat Albrecht Haller, der damals noch nicht 
die europäische Berühmtheit war, sondern vom jungen Heister als ein »bekannter 
habiler Medicus aus Bern« bezeichnet wird, im Nürnberger Commercium 
litterarium universale (S. 353) über Tayloh's Demonstrationen berichtet, 
die er persönlich gesehen. Derselbe unterscheide einen übergroßen Star, den 
man nicht niederlegen könne, sondern aus einem Hornhaut-Schnitt ausziehen 
müsse. Die Amaurose versuche er zu heilen durch Pi-ickelung des Muskels, 
der dann durch seine Zusammenziehung den Sehnerven drücke; die Unbeweg- 
lichkeit der Pupille behandle er durch Reiben des Auges mit einem gerieften 
LölTelchen. Aber bald danach schrieb derselbe Haller: »Verschwunden ist Taylor; 
wohin er seinen flüchtigen Schritt gewendet, ist mir unbekannt.« Uebrigens hat 
Taylor selbst gestanden, dass er in der Schweiz zuerst sich geübt, und »scherz- 
haft« hinzugefügt, dass er einige Hundert Schweizer bhnd gemacht. [Einen zwar 



Taylor. 297 

geschickten, aber zu viel versprechenden i\I<inn nennt ihn Haller dann 
später 'J. Somit brauchen wir uns nicht zu sehr zu verwundern, dass Taylor 
die versprochene Ausziehung nicht ausgeführt hat^*. Besprochen war sie 
ja schon seit 1707 3), d. h. vor Taylor's Geburt.] 

Die gute Meinung über Taylor hielt nicht lange vor. Schon in dem- 
selben Jahr 173 4 hat der junge Candid. med. Heister — gewiss nicht ohne 
Wissen und Zuthun seines Vaters, der allerdings an dem Aerger über 
seinen eignen Streit mit Woolhouse (§ 331) wohl genug hatte, — der Ge- 
schichte des so übel abgelaufenen Operalionsralles noch heftige Angriffe auf 
Taylor hinzugefügt. Der von Prof. Gesner zu Zürich am 9. Olctober 1734 
an D. Nie. Lange in Luzern geschriebene Brief, worin Taylor gerühmt werde, 
»er bringt weg und räumt gäntzlich aus dem Weg den Staar von allerley Art 
und ohne Gefahr und solches ohne alle Schmerzen«, sei wohl von Taylor er- 
dichtet. Sein Vater habe^ um Gewissheit über T.'s Kuren zu haben, an seine 
Freunde in Holland und England geschrieben und aus Anistei'dam die folgende 
Antwort erhalten: »Der berühmte D. Taylor hat hier nicht viel Ruhm eingelegt 
und viele bhnd gemacht . . . ich habe auch nicht gehört, dass ein einziger 
Blinder von ihm warhafftig wäre curiret worden.« Aus England heißt es, dass 
er öffentlich opcrirt, den grauen Star durch Niederdrückung, die Amaurose 
durch Friction des Auges mittelst einer silbernen Feile. Doch bekam man Er- 
folge nicht zu sehen, ebensowenig die versprochene Operation der Ausziehung 
des grauen Stars; Taylor reiste auf's Land, es erschienen Satiren über ihn, 
wie: »,Dr. Taylor couched of a cataract', und ,a Receipt of a ready compo- 
sition on Ihe diseases of the . . . eyes'«. 

L. Heister selber hat viele gesehen, die T. am Star operirt, und die zu der 
Blindheit noch die heftigsten Schmerzen hinzubekommen hatten. (Med. u. chir. 
Wahrnehm. 1, 1753, No. 5.) 

Benedict Düddel hat 1729 und 1736 sehr ungünstige Wahrnehmungen 
über Taylor veröffentlicht und zwei seiner Schriften ja eigentlich gegen diesen 
gerichtet. In der ersten (1729, S. 204) erklärte er, dass Taylor den Star 
operirt, auch wenn er darauf aufmerksam gemacht worden, dass kein Licht- 
schein vorhanden; nachher aber sich beklage, von seinen Fachgenossen beleidigt 
zu sein. In der zweiten (1736, S. 9 fgd. und S. 52fgd.) berichtet er, eingeladen 
zu einem Operations-Schauspiel, welches Taylor in seinem Hause gab, dass die 
beiden Star-Operationen in der grausamsten Weise ausgeführt wurden, — Leder- 
haut-Stich von 3'" Länge und Einführen einer dicken, stumpfen Nadel. Nach einigen 
Tagen wieder eingeladen, die Sehkraft der Operirten festzustellen, fand er die- 
selben fest verbunden. »The Athenians in their wise Republick, condemned a 
Child of four years of Age to Death for putting out Birds Eyes.« Seine Be- 
schreibung der Star-Operation stimme nicht mit seiner Ausführung. 

1736 schrieb B. Duddel ferner, dass Taylor, als er jüngst seine Kunst 
zur Schau gestellt, mit der Hand gezittert, dass Glaskörper ausgeflossen, als er 
mit der Lanzette das Auge geöffnet; auch nach seiner Operation steigen die 
Stare wieder auf, oft versuche er die Star-Operation ohne Erfolg. 

Der würdige Jo. Za. Platner in Leipzig urtheilt 1738 (Op. II, 114): 

Joannes Taylor, quem artis huius ostentatio et poiientosa scientiae vendi- 
tatio aeque ac inconsiderata in medendo temeritas in cordatiorum fcre con- 
temptionem adduxit. Und 1745 urtheilt derselbe Platner, in s. Instit. chirurg. 

1) 1755, Disput, chir. II, S. 603. 2) XHI, 470. 3) XIII, 469. 



298 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der ]\euzeit. 

rat., S. 881: temerarius ille et famosus Johannes Taylor, qui caeteroquin Om- 
nibus, quae Petitus, aliique, de oculorum natura morbisque proposuerunt, ludi- 
crae subtiHtatis affectatione et circulatoria jaclatione tenebras magis obduxit, 
quam lucem attulit. 

Der ti'effliche Mauchart (§ 413,20) hat sogar eine Rektorats-Rede benutzt, 
um den Ruf und die Verdienste Taylor's zu erörtern, — »mit Gereclitigkeit«, 
sagt A. V. Haller und müssen auch wir sagen. In den Rriefen von Gelehrten 
(Prof. König aus Basel und Prof. Gesner aus Zürich, 1735) werden ihm neue 
Erfindungen und Instrumente zugeschrieben; er wird gepriesen, dass er alle Stare 
beseitige, sogar die Amaurosen. In Amsterdam seien 1735 von 225 Hilfe- 
suchenden nur \ 5 von ihm ungeheilt entlassen worden. Ganz im Gegensatz 
dazu werfen ihm andre die ärgste Prahlerei vor; andre Betrug mit erkauften 
Kranken, welche erst Amaurose und nachher Heilung erheuchelten; andre die 
schlechtesten Ausgänge seiner Operationen ; andre haben seinen nur vorgegebenen 
Ei'finihmgen die Larve abgezogen. Er habe sich mit den vorausgezahlten hohen 
Honoraren heimlich flüchten müssen. 

M.'s eignes Urtheil fällt folgendermaaßen aus: T. ist in der Augen-Heil- 
kunde und Operation sehr geübt, reich an Erfahrung^), nicht ohne Begabung 
und Urtheil luid hat in seinen 3 Schriften manches tüchtige, wenn gleich nicht 
immer aus seinem Eignen vei'öffentlicht. Er möge seine Prahlereien und seinen 
Ilochmuth ablegen, mit den berühmten Augenärzten in Freundschaft leben, seine 
Beobachtungen sammeln und herausgeben, auch die unglücklichen Ausgänge 
nicht verschweigen. (M.'s Beschwörung hat 1750 auf T. ebenso wenig Eindruck 
gemacht, wie L. Heister's auf Woolhouse im Jahre 1720)^^^ Aber den Zorn 
der Gelehrten hat er erregt durch zwei Behauptungen: Erstlich, dass 
er jeden grauen Star ohne Schmerz und Gefahr beseitigt. Wenn nun der 
niedergedrückte Star den Strahlenkörper presst? Nun, dann solle man den 
Star wieder emporheben und, entweder ganz oder zerschnitten, nach vorn 
bringen und durch Hornhaut-Schnitt herausziehen. Das ist doch sehr gewagt 
und nicht einmal neu oder T. eigenthümlich. Ebenso ist die Art seines Star- 
Stichs von dem Doktor Petit entlehnt. Zweitens behauptet T. den bisher für 
unheilbar gehaltenen schwarzen Star (gutta serena) zu heilen. Zweiundvierzig 
Arten führt T. auf! Wie kann man vollkommene Entartung des Sehnerven 
heilen wollen, sei es durch Prickelung der Muskeln, sei es durch Reibung des 
Auges? Gelegentliche Heilungen sind lange bekannt, so der berühmte Fall 
von Valsalva^), der durch kräftige Reibung der Stelle, wo der Supraorbital-Nerv 
aus der Augenhöhle hervortritt, die vor 3 Tagen durch Verletzung dieser Gegend 
entstandene Blindheit eines Auges glücklich gehoben hat. 

Rathlauw in Amsterdam (§ 43 4) erklärte 1751, dass er zu Taylor nur 
mit vieler Mühe und vielen Kosten gelangte. Am ersten Tage waren 170 Augen- 
leidende da. Durch Empfehlung gewann R. sein Vertrauen, so dass er allen 
Operationen beiwohnen konnte und 2 1 Tage und Nächte mit Beobachten und 
Zeichnen zubrachte. Taylor sei ein erfahrener Augenarzt, aber seine Silber- 
Raspel gegen schwarzen Star sei ein Schwindel. Möchte er ebensoviel Kennt- 
niss zur Heilung der Augenkrankheiten besitzen, als er Erfahrung in den Augen- 



1) Taylor selber rühmt sich in 20 jähriger Kunst-Uebung jährlich 2—3 Tausen- 
den geholfen zu haben. 

2) Vgl. XIII, S. 401. 

3) Vgl. XII, S. 95 u. § 417,5 (Pl.\Tx\er), 



Taylor. 299 

fehlem hat, und möchte er sesshaft werden, dann wüi'den seine Misserfolge 
nicht so häufig sein. 

Die gründlichste Streitschrift wider Taylor ist die von Dr. Christian Ehrex- 
FRiED Eschenbach (1712 — <788, seit 1742 Prof. der Chirurgie^' in Rostock, 
Vf. einer Chirurgie, vom Jahre 1754). Derselbe beginnt mit einer sehr ge- 
nauen und packenden Schilderung des Treibens der reisenden Augenärzte und 
wendet sich dann zu Taylor, der wegen einer wiederkelu-enden Augen-Entzündung 
des Herzogs von Mecklenburg- Schwerin aus Wien nach Rostock berufen wurde, 
am 20. Februar 1751 eintraf und nach 9 wöchentlicher Behandlung, trotz aller 
Versprechungen gewisser Hilfe, ohne Nutzen gebracht zu haben, wieder abreiste. 

E. bemängelt T.'s Titel »Ritter« und »Prof. der Optik«, tadelt die vertheilten 
I>eklame-Blälter und bespöttelt die beträchtliche Zahl und das rasche Anwachsen 
seiner Werke, deren er zwanzig nenne und eigentlich nur eines geschrieben habe. 
In Rostock hat er, w^nn man einige Fälle von grauem Star und von mittel- 
mäßigen Augen-Entzündungen ausnimmt, Niemandem einen wahren Nutzen ge- 
schaffen. Bei andren verlief das Star-Stechen unglücklich. Ein schwarzer Star 
wurde nicht geheilt. 

Die ergötzlichste Schrift wider Taylor ist von dem geistreichen Legat. 
Der kluge und gewandte Ritter trat 1741 zu Ronen mit besonderem Pi'unk auf 
und war Gegenstand der allgemeinen Bewunderung. Le Cat, den er mit großer 
Zuvorkommenheit behandelte, war Zeuge seiner Operationen. 

»Den Star operirte T. wie alle Augenärzte, aber mit geringerem Erfolg. 
Die Entzündung der Bindehaut und die Hornhaut-Narben bürstete er mit dem 
Grannen-Besen, die mit schwarzem Star behafteten rieb er mit einer Feile. Dem 
schielenden Auge schnitt er eine mittelst eines Seidenfadens emporgehobene 
Falte der unteren Augapfelbindehaut fort, — angeblich um das gestörte 
Gleichgewicht der Muskeln wiederherzustellen, nämhch um den zu starken Muskel 
durch Abschneiden eines zu ihm tretenden Nervenfäserchens zu schwächen, und 
schloss das gesunde Auge mit einem Pflaster. « 

Le Cat bediente ihn, so schlau, wenn gleich so schlimm, wie Atreu s 
den Thyest, beim Nachtisch eines glänzenden Mittags-Essen mit einer zunächst 
verdeckten Schüssel, die einen — menschlichen Kopf enthielt, an dem die 
Nerven der Augen -Muskel präparirt waren, von denen natürlich keiner zu 
Taylor's Schnitt-Stelle geht. Der Charlatan war versteinert. In vier Tagen war 
sein Ruf geschwunden. Fast alle Star-Operirten waren wieder blind geworden. 
Die Schiel-Operirten, von ihrem Pflaster befreit, schielten wie zuvor. 

Das schärfste Urtheil über T. hat Beer gefällt (Repert. I, 135), im Jahre 
1799, d. h. 27 Jahre nach dem Tode des Beurtheilten: »T. war der 
größte Charlatan, der jemals unter den Augenärzten existirt hat. Alles Folie, 
nichts reiner Gehalt. Er hatte Gelegenheit, die Schwachheiten der Menschen 
von jeder Classe zu studiren; ihm war es leicht, den Aberglauben und die 
Dummheit des Pöbels, den immer kränkelnden Verstand und den Beutel der 
Großen, und die schwächlichen Augen und starken Zungen der Schönen (denn 
er war ein sehr wohlgebildeter Mann,) zu gleicher Zeit zu benützen. Er wusste 
aus dem kleinsten Zufalle Nahrung für seinen Ruhm zu ziehen, und brachte es 
bald soweit, dass misslungene Curen nicht mehr für Folgen seiner Unwissenheit 
gelten konnten.« 



1) Und andrer Fächer, 1756 auch der Mathematik. E. ist ein sehr klarer 
Schriftsteller in deutscher Sprache. Uebrigens schreibt er die meisten Hauptwörter 
mit kleinen Anfangs-Buclistaben. 



300 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

§ 438. Dem Mimen Taylor flicht die Nachwelt keine Kränze. Ihn 
zu beurtheilen hat sie seine Schriften. 

Ich finde ihren Inhalt dürftig, des Verfassers Selbstlob widerwärtig 
und ganz abscheulich sein Bestreben, dem Leser blauen Dunst vorzumachen. 

I. Traite sur les maladies de l'organe immediat de la vue, adress6 a 
Messieurs de l'Academie Royale des Sciences ä Paris par Jkan Taylor, 
Docteur en Medecine, Oculiste et membre de la Faculte de Med. de l'Univ. 
de Basle en Suisse, 3Iembre de l'Acad. imperiale de Med. dans l'Univ. de 
Cologne en Almagne, Membre du College de Medecine dans la principaute 
de Liege, Associe de l'Acad. de Med. de Rheims etc. etc. Qui dat videre 
dat vivere. CIG. Second edition'). A Amsterdam 1735. (50 S.) Den Aka- 
demikern wagt T. zu sagen, dass er England, Irland und Frankreich durch- 
streift, um ihnen Früchte vorzusetzen, dass er dereinst ihre Stimmen ver- 
diene. Der Verleger sagt, dass dies Büchlein nur einen kleinen Theil eines 
umfassenden Werkes über die Augenkrankheiten darstelle, welches T. bald 
englisch drucken werde; und unterbreitet dem Leser die lobpreisenden Briefe 
von König in Basel, Gessker in Zürich, Werden in Köln, Steinhaus in Köln, 
QuiNGERus in Basel und das folgende epigramma von Nie. Harcher, Ph. & 
Med. D. zu Basel: Taylorus promptam coecis afferre salutem Gnarus, quo 
vudet, luminis instar erit. At Basilea! tuis medicis nunc junctus; in aevum 
Omne, Choro Medico, sideris instar erit. 

Der Inhalt des Werkes ist recht schwach. Die Krankheit des unmittel- 
baren Werkzeugs des Sehorgans ist entweder vollständig oder unvollständig. 
»Die erste Art der vollständigen kommt aus innerer Ursache, die Pupille 
ist unbeweglich, um 1/3'" erweitert bei gewöhnlichem Licht. Ihr Fortschritt 
geschieht in G Monaten unter leichtem Schmerz im Grunde des Auges und 
der Nachbarschaft.« So folgen 28 Arten. »Die 28. betrifft nur ein Auge. 
Man erkennt sie nur, wenn man das gesunde Auge schließt: dann erweitert 
sich die Pupille des Kranken auf das doppelte, aber zieht sich zusammen 
auf das Maaß der des gesunden Auges, so wie man das letztere öffnet.« 
Das ist ja ganz gut beobachtet und beschrieben, — aber BoERnAAVE hat es 
schon seit 1708 gelehrt und T. war dessen Schüler 1725. 

Die unvollständige Krankheit des unmittelbaren Seh- Organs Iheilt T. in 
2 Klassen, in die wahre und in die falsche. 

Die wahren unvollständigen haben 28 Arten, es sind die der ersten 
Klasse, ehe sie vollständig geworden. Die falschen unvollständigen »nehmen 
dem Auge nicht den Gebrauch des Lichtes, aber vermindern seinen Ein- 
druck«. Unter den 14 Klassen finden wir als zweite die Blendung nach 
dem längeren Lesen feiner Schrift. Bei der vierten werden große Gegen- 
stände gesehen, feine erscheinen wie schwarze Flecke. Die 13. ist Nycla- 



1) Die erste Ausgabe ist aus demselben Jahre, zu Paris gedruckt. 



Taylor, über das Seli-Organ, über Cataract und Glaucoma. 301 

lopie (Tagblindheit), die 14. Hemeralopie (Nachtblindheit). Bei jeder giebt 
T. an, ob die Pupille um 1/5 oder ^/g vergrößert ist; bei den meisten giebt 
er genau an, ob sie in 3 (oder in 6) Monaten fortschreitet. 

Die Ursachen liegen 1. im Gehirn, 2. in den Kammern des Sehnerven, 
die wir Thalami nervorum opticorum nennen, 3. in den Nerven und ihrer 
Umgebung. Das Hauptgewicht legt T. auf Schwellung der Arterien in der 
unnachgiebigen Scheide der Sehnerven. Die fliegenden Mücken (mouches 
volantes) entstehen durch geringe Anschwellung der Netzhaut- Schlag- 
adern. 

Wenn ölige Theile im Kammerwasser sich befinden, erscheinen vor dem 
Auge kleine kuglige Körper, mit einander verschmolzen: wenn sie dem 
Kranken zu sinken und zu verschwinden scheinen; steigen sie empor, wie 
aus den Regeln der Optik folgt. Es giebt auch Erscheinungen von Trübung 
des Krystalls, die zunehmen; von Trübung des Glaskörpers, welche constant 
bleiben während des ganzen Lebens. Die verschiedenen Veränderungen in 
dem Durchmesser und der Lage der Pupille sind stets begleitet von einer 
gleichen Veränderung in den nervösen Theilen des wirklichen Seh-Organs. 

Man kann nicht leugnen, dass T. einige Beobachtungen gemacht, einiges 
richtige geahnt. Aber mit seinen 42 (oder 70) Formen der Sehstörung, über 
deren Zahl und Eintheilung schon der gelehrte Mauchart seine Bedenken 
geäußert, hat er doch einen wirklichen Fortschritt nicht eingeleitet. 
Uebrigens hat späterhin (1738, im Mechanismus, K. 19) T. selber diese 
Abhandlung für ein Jugendwerk erklärt, dem es noch an gehöriger Erfahrung 
ermangele. 

H. Cataract and Glaucoma, London 173G. (66 S. — Den vollen Titel 
s. § 339, No. 35.) 

Aus der höchst servilen Widmung an die Königin hebe ich nur folgen- 
den Satz hervor: »Nichts von dieser Art ist in unsrer Sprache bisher er- 
schienen, das nur die geringste Aufmerksamkeit verdiente. « In der Vorrede 
an die Aerzte London's heißt es: »In 8 jähriger Arbeit bin ich mit solchen 
Aufklärungen versehen worden, die mich befähigten, eine sichrere und aus- 
gedehntere Theorie zu bilden, als meine Vorgänger behaupten oder meine 
Zeitgenossen sich rühmen können.« 

Er habe entdeckt, den peinvollen .\ufschub der Star-Operation zu ver- 
meiden, die verschiedenen Star-Arten mit geringerer Gefahr zu beseitigen, 
mehrere Arten von schwarzem Star heilbar gefunden. Er wolle nicht, wie 
die Okulisten, das Geheimniss hüten (!). 

Er kenne unter ihnen keine Feinde, außer denen, die dem Älammon 
mehr opfern, als der Vernunft. — Oefters ist die Ueberschrift eines Kapitels 
länger, als der Text; da er sich den Schein giebt, etwas zu lehren, was er 
nicht will oder nicht kann. Sein Star-Stich ist so: 1 Y2'" vom Hornhaut- 
Rand macht er einen Lanzenstich von W"; mit einer Ye" dicken, plankon- 



302 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

vexen Nadel eröfi'net er hinten die Linsenkapsel, geht dann mit der Nadel 
nach vorn und drückt den Star nieder. 

Die Beschreibung der Operation umfasst neun Seiten (S. 33 — 41) und 
ist ein wirklicher Wortschwall, der den Leser betäuben soll. Schon Heister 
fand (in seiner Chirurgie) diese Beschreibung fast unverständlich. Neu ist 
nichts an dem Verfahren, weder der voraufgeschickte Lanzen - Stich i), noch 
die Eröffnung der hinteren Kapsel 2): in den damals so bekannten Disser- 
tationen von Albinus und Ferrein, in Heister's Chirurgie, in Dr. Petit's 
Veröffentlichungen (1725 — 1732) war dies ja alles zu finden. 

Seine Beschreibung des Glaucoma ist nicht übel. (Vgl. § 335, XIII, 
S. 412.) 

III. Mechanismus. Die erste Ausgabe führt den Titel: An account 
of the Mechanism of the eye. Wherein its Power of Refracting the Rays 
of Light and causing them to Converge at the Retina, is Consider'd: With 
an Endeavour to ascertain the true Place of a Cataract, and to shcw the 
good er ill Consequences of a judicious or injudicious Removal of it. By 
John Taylor, Surgeon in Norwich, Norwich 1727. 

Das Büchlein ist Gheselden gewidmet, enthält einen Abriss über die 
Anatomie des Auges, über den Star und seine Niederdrückung, wie Antonelli 
(§ 437, C. 15) mittheilt. Ich selber habe die spätere, deutsche Ausgabe 
desselben Werkes: 

JoHAN Taylor's, Ritlers, Doctors der Arzneykunst, S. Großbrit. Maj. 
und verschiedener andren Durchlauchtigsten Fürsten hochbestalllen Augen- 
arztes; wie auch Mitgliedes vieler Europäischen berühmten Academien der 
Wissenschaften . . . Mechanismus oder Abhandlung von der künstlichen 
Zusammensetzung des menschlichen Auges und den besonderen Nuzen des- 
selben, sowohl vor sich, als in Absicht der vorliegenden Theile, nebst 
Seiner Art, dessen Krankheiten zu heilen, wie Er solche bey einer 
mehr als zwanzigjährigen 3) Erfahrung seiner durch Europa glüklich gethanen 
Augeneuren bewährt gefunden. Mit den dazu gehörigen Kupfertafeln. 
Unter königlich -Pohlnisch- und Chur-Sächsischer allergnädigster Freyheit, 
und ausdrüklichen Bewilligung des Verfassers in's Deutsche übersetzt. Qui 
dat videre dat vivere. Frankfurt am Mayn, bey Stoks seel. Erben und Schil- 
ling, 1750 4). 

Erst kommt eine anatomische Beschreibung des Augapfels mit fleißigen 
Anleihen bei neueren Schriftstellern, z. B. Dr. Petit u. a. Von Winslow 
entnimmt er, dass die Pupille mehr nach der Nase zu liegt. (§ 44; vgl. XIII, 



I 



i) Vgl. XIII, S. 481. 

2) Vgl. XIII, S. 415, 421, 487. 

3) Das Original dieses zweiten Abschnittes ist 1743 gedruckt. Danach wäre 
er bereits 1723 ausgefahren. Er that es aber erst 1734! 

4) Unsre Tafel auf S. 281 stellt das Titelbild dieses Buches dar. 



Taylor's Mechanismus. 303 

S. 419, Anm.) Hierauf folgt eine Optik und Dioptrik, wie sie jawohl 
schon in Lehrbüchern der Optik, z. B. von R. Smith 1738, aber damals 
meist noch nicht in Lehrbüchern der Augenheilkunde zu finden gewesen, 
mit Ausnahme der Vorlesungen von Boerhaave (1708, verüiTentiicht 1744), 
deren entsprechendes Kapitel zwar weniger handhch ist, aber doch von 
Stricker hätte berücksichtigt werden sollen. 

Accommodation für die Nähe geschehe durch Verlängerung des Aug- 
apfels, nicht durch Wirkung des Strahlenbändchens auf die Form oder die 
Lage des Krystalls. Dunkle Flecken (im Gesichtsfeld), die bei den Be- 
wegungen der Augen sich zu bewegen, bei stäter Richtung der Sehachse 
stät zu sein scheinen, — T. nennt sie merkwürdiger AVeise mouches vo- 
lantes, — haben ihre Ursache in entsprechenden unempfindlichen Stellen 
des unmittelbaren Sehwerkzeuges. Die excentrischen scheinen sich zu 
bewegen, da die Sehachse nach ihnen zu blicken strebt. Sitzt der unem- 
pfindfiche Fleck genau in der Mitte, so scheint er stät zu sein. Dass die 
Accommodation für die Nähe auf Verlängerung der Seh-Achse beruht, be- 
weist die Thatsache, dass ein star-operirtes (linsenloses) Auge die in ver- 
schiedener Entfernung stehenden Gegenstände empfinden könne: es wird 
also ein unrichtiger Schluss aus einer unrichtigen Thatsache i) gezogen. 

Das gute Gesicht ist auf 1' eingestellt und reicht von 2' bis 6": für 
die ferneren Gegenstände wird der Augapfel verkürzt, für die näheren ver- 
längert. Der Lese-Abstand der Kurzsichtigen heißt Focus und wird in 
3 Grade getheilt, bis 1 1/2'", bis 3", bis 6". Die Kurzsichtigkeit beruht auf 
zu starker Rundung der Hornhaut (oder des Krystalls). Entgegengesetzt 
ist die Fernsichtigkeit. Die Wirkung der concaven und convexen Gläser 
auf das Auge wird durch je eine Figur erläutert. 

Jetzt wiederholt T. den ganzen Inhalt seiner Schrift vom Star und 
behauptet, dass nach seiner Art des Star-Slichs die unverletzte Vorder- 
Kapsel durch den nachdrängenden Glaskörper in normaler vermehrter 
Wölbung gehalten wird, so dass die Strahlenbrechung fast wie im normalen 
Auge erfolge (?). Das Aufrecht und das Einfach -Sehen wird populär und 
ziemlich richtig erklärt. Die entsprechenden Sehnervenfasern beider 
Augen vereinigen sich im Sehstrang. Wenn Jemand das Gesicht auf einem 
Auge verliert, kann er zunächst von den Abständen der Gegenstände nicht 
urtheilen; allmählich aber lernt er es immer besser. 

Hierauf folgen die wichtigen Bemerkungen über das Schielen, auf die 
wir sehr bald eingehen werden, und dann das 25. Kapitel über die Be- 
wegungen der Regenbogenhaut. Die Bewegungen der Pupille sind unwill- 



1) Das richtige hatte Pemberton schon 1719 nachgewiesen. Da Haller (Elem. 
physiol. V, S. 514) es nicht annahm, so fehlt das Verdienst Pemberton's bei Donders 
wie bei Helmholtz. 



304 XXIII. Hii'schberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

kührlich. T. kennt aber Personen, die willkührlich durch Einbildung eines 
nahen Gegenstands die Pupille verengen, durch solche eines fernen dieselbe, 
wiewohl nicht ohne Mühe, erweitern können ij. 

Kaltblütig behauptet T., die Operation der Pupillen-Bildung er- 
funden zu haben. Seine Worte lauten: »Für diese Art der Krankheit nun 
habe ich eine besondere Operation erfunden: nehmlich ich mache in den 
Regenbogen oder in das traubenfürmige Iläutchen eine OelTnung, zuweilen 
an dem Orte selbst, wo der Stern war; wenn ich aber durch die vorhergehen- 
den Kennzeichen versichert bin, dass sich in dem Crystalle eine Verdickung 
befindet, und ich denselben bereits an seinen Ort außer der Axe gebracht 
habe, oder aber, wenn ich durch die vorhergehenden Kennzeichen von der 
Durchsichtigkeit des Crystalls überführt bin: so mache ich diese Oeffnung 
allezeit seitwärts nach dem Schlafe zu. Diese Operation habe ich allezeit 
mit einem so guten Erfolg gethnn, dass ungeachtet dieser künstliche Stern 
(das ist das in den Regenbogen oder traubenfürmige Iläutchen gemachte 
Loch,) natürlicher Weise unbeweglich sein muss, die Kranken dennoch in 
verschiedenen Abständen haben sehen und sogar mit dem operirten Auge 
wieder lesen können.« 

Hieraus folgt, dass Laqueur (G, 18, S. 462) irrt, wenn er dem Taylor 
zuschreibt, »die künstliche Pupillen-Bildung durch Iridectomie mit virtuoser 
Geschicklichkeit ausgeführt zu haben«. Weit richtiger hat ihn Jo. Frid. 
Reichenbach 1767 (in s. Dissertation über Star-Ausziehung und Pupillen- 
bildung) beurlheilt: Novam methodum promisit, sed non misit. 

T. verspricht auch, seine Operation zur Heilung des schwarzen Stars 
gegen Schluss des W^erkes umständlich zu beschreiben, ohne sein Ver- 
sprechen zu halten. 

Die hundert Fragen, aus denen man schließen soll, dass das Ader- 
häutchen das unmittelbare Werkzeug des Gesichts sei, können wir füglich 
übergehen. Den Schluss macht die Liste seiner 263 Augenkrankheiten. 
Mit den Namen der Alten will er das Gedächtniss nicht beschweren, da sie 
heutzutage nicht mehr gut passen, wo über ihre wahre Ursache und ihren 
Umfang neuerdings so zahlreiche Entdeckungen gemacht seien. (Aber darin 
bleibt er sich selber nicht getreu und folgerecht, wie wir gleich sehen 
werden!) Die Literatur- üebersicht enthält 52 Nummern über Bau und Ver- 
richtung des Auges und 85 über Augenkrankheiten, ist nicht fehlerfrei, weil 
z. Th. nach sekundären Quellen bearbeitet, aber für die damalige Zeit schon 
bemerkenswerlh. 

IV. Ausführlicheren Nachweis verdient nicht sein »kurzer Bericht einer 
anatomischen Anhandlung von den Gebrechen und Heilungs -Arten des 



1) Die genaue Beschreibung eines späteren Falles, von Dr. P. M. Royet, s. in 
Travers, Diseases of the Eye, 1824, S. 7-2. 



Taylor's nosographia ophthalmica. 305 

menschlichen Auges und dessen naheliegenden Theilen, beschrieben von 
Johann Taylor . . . Mit dessen ausdrücklicher Genehmhaltung nach der 
Lateinisch- und Englischen Ausgabe in's Deutsche übersetzt . . . Frankfurt 
und Leipzig 1750«. 

Nach einer ebenso unverschämten, wie durch zahllose lateinische 
Verse geschmacklos verzierten Vorrede folgen nur die Cadres von Vor- 
lesungen über Bau und Verrichtung des Sehorgans und die kurze Aufzäh- 
lung von jetzt 243 Augenkrankheiten, diesmal mit griechisch-lateinischen 
Namen, die theils aus den bekannten übernommen oder verändert, theils mit 
unerhörter Keckheit neu gebildet sind, wie z. B. Antoniadula, Araibdis u. a, 

V. Denn, um die Krankheits-Lehre des Ritters endlich kennen zu 
lernen, wollen wir uns an die vollständigste und mit zahlreichen Bildern 

verzierte Ausgabe halten: Johannis Taylor, Equ nova nosographia 

ophthalmica h. e. accurata recensio Ducentorum et quadraginta trium 
affectuum qui oculum humanum partesque vicinas ullo modo laedere aut 
ipsum Visum adimere possunt, iconibus artificiosissime sculptis et coloribus ') 
ad vivum expressis incredibili accuratione illustrata, Hamburgi et Lipsiae, 
Impensis haeredum Grund & Holl 1761. (Lat. u. deutsch, 4°, 66 S. mit 
231 Einzel-Abbildungen.) 

Kapitel I, Krankheiten der Thränengänge, enthält nichts besonderes, als 
eine vielfache Eintheilung in Unterarten und einen unverständlichen Namen 
»Apeplys«, für diejenige Krankheit, welche von der gewöhnlichen Art, die 
Thränen fisteln zu schneiden, ihren Ursprung nimmt (a-sTrXor, unbekleidet). 

Das Schielen unterscheidet T., je nachdem die Achse des betroffenen 
Auges nach einwärts, nach auswärts, nach aufwärts gerichtet ist. Von der 
Ophthalmie werden 13 Arten unterschieden, wobei die Namen Koiras^) 
und Sevila auftauchen; die Beschreibung ist ungenau und unklar. Von der 
Verkleinerung des Krystalls unterscheidet T. 1 Arten^ darunter Aichitinos 
und Biapiasis. Vergrößerung des Krystalls heißt Glaucoma, drei Arten des- 
selben werden angedeutet. 

Es ist ja ganz richtig, was v. Ammon hervorhebt und Stricker wiederholt, 
dass Taylor das sogenannte Symblepharon, unter dem Namen Enothes^) 
und die kegelförmige Verbildung der Hornhaut^) gekannt, letztere 

1) Mein Exemplar ist nicht kolorirt. 

2) Offenbar für yotpac, scrofula, wie er auch Traueoma für Tpa-/o3>j.a schreibt, 
und dgl. viel. 

3) EvoT-f]:. Dies Wort bedeutet aber bei denjenigen, die griechisch verstehen, 
wie bei Aristoteles und bei Plutarch, die Einheit. Besser wäre schon evojgi:, 
Vereinigung. (Vgl. m. Wörterbuch, S. 1 3 b.) 

4) Kurzer Begriff ... N. 90. Nosographia, XC: Mutatio figurae corneae 
in formam coni, cujus apex obtusus est, ac basis diametro corneae aequalis, salva 
ipsius pelluciditate. Vocatur hie morbus Ochlodes. — Die Priorität der Be- 
schreibung hat DuDDEL, 1736. Vgl. § 39i,:s. Eine gute Beschreibung lieferte 
schon Travers, 1820. (§448.) ('O/Xtuor,; = lästig.) 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. 20 



306 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

auch einigermaßen erkennbar abgebildet hat. Aber diese Forscher hätten 
doch hinzufügen müssen, dass wenigstens der erstgenannte Zustand schon 
von den alten Griechen ganz zutreffend beschrieben und benannt worden. 
Für die letztgenannte Krankheit hat Taylor die Priorität, die ihm in der 
ersten Auflage unsres Handbuchs sowohl von Saemisch als auch von Hirsch 
zugestanden wird, während die französische Enkyklopädie der Augenheil- 
kunde (1904, V, S. 1009) nicht über den Anfang des XIX. Jahrh. hinausgeht. 
Uebrigens wird hier das große Verdienst von J. Sichel um diese Krankheit 
nicht genügend gewürdigt. (Bulletin generale de therapeutique, 1842. 
Deutsch von Bever, J. f. Chir. u. Augenheilk. v. Walther u. Ammon, B. 33, 
S. 76 fgd., 1844.) 

Stricker's Urtheil lautet folgendermaßen: »Wohl selten war so viel 
wissenschaftliche Tüchtigkeit mit der unverschämtesten Charlatanerie in 
einem und demselben Manne verbunden. Nur in Frankreich gab es damals 
mehrere, in Deutschland wenige Männer, die mehr von Augenheilkunde 
wussten, als er: in den nördlichsten und südlichsten Ländern Europas wurde 
er geradezu als Apostel der Augenheilkunde behandelt.« — Ich halte dies 
Urtheil eher noch für zu günstig. 

§439. Taylor und die Erfindung der Schiel-Operation^). Dass 
der Ritter Taylor auf dem Gebiet der Star -Operation und der Pupillen- 
Bildung nichts neues geschaffen, ist sonnenklar. Fraglich ist sein Verdienst 
um die Schiel-Operation. Seine Zeitgenossen haben es ihm abgesprochen; 
aber diese konnten die weitere Entwicklung dieses Eingriffs nicht vorher- 
ahnen; von unsren Zeitgenossen hat, um von Hennemann zu schweigen, 
Schrün2) ihm zuviel und Antonelli zu wenig zugebilligt. 

A. Dass Schielen im wesentlichen ein Muskel-Leiden sei, 
wussten schon die alten Griechen, was allerdings den Geschichts-Schrei- 
bern unsrer Tage ziemlich unbekannt zu sein scheint: weshalb ihre Dar- 
stellungen so wenig befriedigen. 

1 . Tj 8s l'AXcuatc oTts xaXoujxEvoi oTpaßiajxot xoiv xata lobc, öcp öaXfxouc 
(fjLoÄv o7rc.o[xoi). »Die Verdrehung der Augen und die sogenannten Schiel- 
(Arten) sind Krämpfe der Augen-Muskeln.« Galen, von den Ursachen der 
Symptome II, 2, Bd. VII, S. 150. Dass zum Spasmos auch die Contractur 



1) Die Geschichte der Schiel-Operation ist weder bei Czermak, noch 
bei Terrien abgehandelt. Freihch versagten ja auch die gewöhnlichen Quellen, 
da die Lehrbücher von Jijngken u. a. vor der Einführung der Schiel-Operation 
abgefasst sind. 

Einen Versuch hat Deval 4 844 veröffentlicht. 

2) ScHRÖN irrt gewaltig, wenn er an Taylor rühmt, sechs Augen- Muskeln, 
statt der sieben bei Galen, anzuführen. Die Ausmerzung des thierischen Retractor 
bulbi verdanken wir Gabrielle Falloppia (1523—^562). Vgl. § 305, XUI, S. 291; 
und ferner § 199. 



Taylor. Geschichte des Schielens. 307 

gehört, folgt sowohl aus der Wurzel des Wortes, die Spannen bedeutet, 
als auch aus der Definition Galen's [VII, S. 639]: »Entsteht ein Leiden, 
das die Muskeln zur Spannung bringt und folgt Bewegung, ähnlich der 
natürlichen, aber ungewollt; so heißt dies Leiden Spasmo s.« 

2. Lähmung und Krampf der einzelnen Augenmuskeln wird ganz 
richtig und genau erörtert, mit den Folgen für die Stellung des Augapfels. 
Galen, von den örtlichen Leiden, IV, c. 2; B. VIII, S. 218. Vgl. unsren 
§ 206. 

3. Das angeborene Schielen beruht auf einem Bildungsfehler der 
Natur, das im vorschreitenden Lebensalter entstehende auf krampfhaftem 
Gegenzug der die Augen bewegenden Muskel. Aktuariüs II, 448. Vgl. 
unsren § 246. 

4. Die Verschiebung des Krystalls nach der Nasen- oder Schläfen-Seite 
bewirkt keinen erheblichen Schaden, aber die nach oben oder nach unten 
macht Doppeltsehen. Galen, von den Urs. d. Symptome, I, c. 2, B. VII 
S. 87. Vgl. unsren § 208. Dieser doctrinäre Irrthum ist uns verständlich: 
die Linse war den Griechen, was uns die Netzhaut. 

5. Von einer chirurgischen Behandlung des Schielens finden wir nichts 
bei den Griechen, wohl aber wird die orthopädische bei Oribasius und 
Paulus erwähnt, mit Schiel-Masken, gradeaus gestelltem Licht, mit rothen, 
an die Schläfe geklebten Wollflocken, für das noch fortdauernde Einwärts- 
schielen. (Vgl. §246: 5iopi)(T)3i tou; dcpöaAtJLouc.) 

B. Der Kanon der Araber folgt auf diesem Gebiet dem der Griechen 
ganz vollständig. Nur ist der 4. Satz dahin vervollständigt, dass das Schielen 
der Kinder auf seitlicher Verschiebung des Krystalls, nach rechts oder nach 
links hin, beruhe. (Vgl. Augenheilkunde d. 'Ali b. 'Isä, III, 3 und 20; ferner 
unsren § 277, XIII, S. 140 und 143.) 

Auch die Araber kennen nur die orthopädische Behandlung des 
Schielens, namentlich durch einen, schwarzen Lappen, der vor das nicht 
schielende Auge gehängt wird. 

C. Nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften wird das 
Schielen weiter als Leiden der die Augen bewegenden Muskeln behandelt, 
so z. B. von GüillemeauI) (§319; XIII, S. 328), Plempius (1632, ophthalmo- 
graph. V, c. 4), Willis (de visu, 1676, S. 121)2). 

Die Schiel-Maske des Paulus und Schielbrillen aus Hörn mit einem 
mittleren Loch in jeder der beiden Kapseln hat A. Par£ abgebildet (§ 317); 
und G. Bartisch Hauptkappen mit Löchern, die entsprechend — in der 
Mitte oder schlafen- oder nasenwärts — angeordnet sind. (§ 320, S. 338.) 

1) III c. 1: Strabismos c'est une distortion contrainte avec inegalite de la 
veue QU convulsion des muscles . . . ou resolutioa de certains muscles de roeil. 

2) Propter musculi cujusdam singularis praepollentiam, sive a morbo, a natura, 
aut mala consuetudine ita contingat, quod homines strabones fiunt. 

20* 



308 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

D. Die Wiedergeburt der Augenheilkunde im Anfang des 18. Jahr- 
hunderts brachte einen bedeutenden Fortschritt bei St. Yves (1722), der 
bei dem gewöhnlichen Schielen Nichtübereinstimmung der Bewegung 
in einem der graden Augenmuskel (une discordance de mouvement 
dans un des muscles droits de Toeil) durch Versuche feststellte. Er sagt 
mit größter Bestimmtheit: »Einige behaupten, dass die Ursache dieser Ent- 
stellung auf einem Fehler der Hornhaut beruht, die zu sehr gewölbt oder 
schief gestellt ist; andre wollen, dass es ein Fehler der Linse sei: alle 
(beide) täuschen sich, denn das Schielen hängt nur von einem Fehler der 
Muskeln ab.« 

Somit irrt sich Schrön ^] gewaltig, w^enn er es als feststehend ansieht, 
dass Taylor zuerst das Wesen des Schielens richtig erkannt habe. Unser 
Ritter hatte sich die Sache sehr leicht gemacht und, ohne St. Yves, dessen 
Buch ihm doch sicher bekannt war, auch nur zu erwähnen, die »drei damals 
beliebtesten« Ansichten kritisirt und widerlegt — die von Antoine (1707)2i^ 
dass Schielen auf seitlicher Lage der Hornhautwölbung beruhe; die von 
Ferrein (1733)^^ dass Schielen von Schiefstellung der Krystall- Linse 
herrühre, dass die davon betroffenen zur Vermeidung des Doppeltsehens 
das Schielen sich angewöhnen, dass das Doppeltsehen in Folge von 
Augenmuskel-Lähmung einen ganz andren Fall darstelle; und endlich 
die Meinung von Porterfield ^), dass außer den beiden eben genannten 
Ursachen des Schielens noch die seitliche Lage des Netzhaut-Mittelpunktes 
in Betracht käme. 

Allerdings sind die eignen Bemerkungen von Taylor gar nicht so übel. 
»Das Schielen kann keine andre Ursache haben, als die Veränderung der 
natürlichen Lage der Augenachse in Ansehung des Gegenstandes, welches 
entweder aus schlechter Angewöhnung (bei kleinen Kindern) oder aus einem 
Fehler einiger Mäuslein des Augapfels entsteht. . . . Schielend ist derjenige, 
welcher auf einen Gegenstand, in der Absicht, ihn zu besehen, die Achse 
des einen Auges richtet, während zu gleicher Zeit die Achse des andren 
Auges nach einer andren Seite gekehrt ist. . . Schielende sehen nicht dop- 
pelt; wohl aber diejenigen, denen man durch Druck auf den Augapfel die 
Lage der Augen-Achse in derselben Weise verändert. . . . Obgleich Bilder 
der Gegenstände auch in dem Schiel- Auge entstehen, sind die Eindrücke 
der Strahlen so schwach, dass das vollkommene Gesicht des andren Auge5 
nicht gehindert wird. ... Ein Mann sah doppelt nach Verletzung einiger 
Mäuslein des einen Auges, und musste beim Treppensteigen ein Auge schließen : 
allmähUch lernte er einfach sehen, ohne dass die Richtung der Achse des 



1) S. 156, Arch. f. 0., XX, 1. 

2) § 358. 

3) J. des Spavants 1733, Mai. 

4) Med. Essays of Edimbourg. Vol. III, obs. 12 u. IV, obs. U, 1737. 



Taylor und die Erfindung der Schiel-Operation. 309 

kranken Auges gerade wurde. Jeder kann lernen, durch ein Fernrohr zu 
sehen, und dabei das andre Auge offen zu halten.« 

Uebrigens finde ich noch besser, was Taylor Hrn. Legat mündlich mit- 
getheilt hat: »das Auge schielt nur, weil das Gleichgewicht zwischen seinen 
Muskeln gestört ist. (Un oeil n'etait louche que parceque l'equilibre entre 
ses muscles etait detruit.)« 

Jedenfalls gestehen wir gerne zu, dass T. eine richtige Anschauung 
vom Schielen gehabt. Wir wissen ferner, dass er sehr häufig, sowohl 
mündlich, als auch in seinen Schriften, und zwar schon 1737^) sich dessen 
gerühmt hat, »das Schielen ohne Mühe und Gefahr, auch mit unfehlbarem 
glücklichem Ausgang, in kurzer Zeit zu heilen«. Er rechnet dies, nebst 
der Behandlung des schwarzen Stars und der Pupillen-Bildung, zu seinen 
drei Haupt-Entdeckungen. Aber er selber hat den Schleier von seinen 
kostbaren Geheimnissen nicht weggezogen. Wir sind auf das angewiesen, 
was Andre von ihm gehört oder gesehen haben. 

Da ergiebt sich denn, dass er zwei verschiedene Verfahren gegen 
Schielen ersonnen. Dies ist sowohl Hexnemann wie auch Antonelli nicht 
klar geworden. Das erste ist der Schwindel, den Legat 1741 zu Ronen 
entlarvte, das Ausschneiden eines Stückes der Augapfel-Bindehaut unterhalb 
der Hornhaut, um angeblich den Nerven zu entfernen, der zu dem über- 
stark wirkenden Muskel zieht, — natürlich unter gleichzeitiger Bepflasterung 
des andren gesunden Auges, so dass das »operirte« sich grade stellt. 
Dieses soll, nach Antonelli, Taylor von Buffon^] entlehnt haben. 
Aber B. hat es 1743, T. schon 1738 veröffentlicht; es findet sich auch 
schon ganz eindeutig bei St. Yves 3], im Jahre 1722, ja andeutungsweise 
schon bei den Arabern. 

Einige Jahre später hat aber Taylor von einem zweiten Verfahren 
wenigstens gesprochen, nämlich das Schielen durch völlige oder theil- 
weise Querdurchschneidung des schuldigen Muskels zu heilen. 

Es heißt in Esghenbagh's Bericht über Taylor (Rostock 1752, S. 138 
— 139): »Das Schielen entsteht entweder blos aus einer üblen Gewohnheit, 
da z. e. Kinder sich angewöhnen die Augen zu verdrehen: und kann so- 
dann durch nichts anderes, als durch Ablassung von dieser unartigen Ver- 
drehung des Augapfels kuriert werden, welches denn geschwinder oder 
langsam gelingt, je nachdem die Gewohnheit mehr oder weniger alt ist: 
nimmt aber auch überall keine Heilung weiter an, wenn sie gar zu lange 
gedauert. — Oder rührt von einer unrechten Proportion der Theile des 



1) Mercure de France, Juni 1737. 

2) Möm. de l'Acad. R. des Sciences 1743. B. nimmt Verschiedenheit beider 
Augen als Ursache des Schielens an und empfiehlt Sonder-Uebung des schwächeren. 

3) Traitö, S. 138. Lorsqu'on ferme TOeil qui ne louche point, celuy qui louche 
se redresse. 



310 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Auges her: und ist alsdann überall nicht zu helfen. Oder ist die Folge 
einer anderen im Körper vorhandenen Krankheit: und erfordert zu ihrer 
Heilung, dass die Ursache, von der es herstammet, ausgerottet werde; ist 
aher auch in diesem Fall gar zu oft, zumahl wenn es sehr alt geworden, 
nicht weiter zu zwingen. Es träumet wohl einmal einen oder anderen 
Okulisten, dass es möglich sei, denjenigen von den geradenen 3Iuskeln des 
Augapfels, an dem etwa die Schuld hauptsächlich liegt, ganz oder zum Theil, 
quer über zu zerschneiden, und durch solche Operation das Schielen zu 
heben: oder durch Herymdrehen den Augapfel in seine natürliche Lage zu 
bringen: außerdem aber dass sich dergleichen etwas nur solchen vorsagen 
lasset, die sich mit der Chirurgie nicht bemengen, so wird man auch nicht 
leicht einen einzigen 3Ienschen antreffen, der auf diese Art geholfen worden. 
Wenigsten erhellet aus dem Angeführten zur Genüge, wie weit es mit der 
Wahrheit einstimmig sei, wenn Taylor sich rühmet ,das Schielen, ohne 
Mühe und Gefahr, auch mit ohnfehlbarem glücklichem Ausgang, in kurzer 
Zeit zu curiren'.« 

In demselben Bericht (S. III) heißt es: »Hier (in Rostock) sind keine 
Exempel vorhanden, dass .... schielende Augen von Taylorn wären, um 
sie zu heilen, angenommen worden, ungeachtet sonderlich von den letz- 
teren verschiedene Kranke bei ihm sich eingefunden.« 

Derselbe Prof. Eschenbach äußert sich in seiner 2 Jahre später (1754) 
erschienenen Chirurgie: »Augenärzte haben sich eingebildet, das Schielen 
sei heilbar durch die Durchschneidung des einen oder andren Augenmuskels. 
Taylor hat sie in Rostock nicht gemacht.« 

Ein wenig anders, aber doch in ähnlichem Sinne äußert sich Heüer- 
MANN zu Kopenhagen in s. Chirurgie (1756, II, S. 538, § 622). 

»Taylor hat auch vorgegeben, das Schielen durch die Zerschneidung 
der Flachse von dem oberen schrägen Augenmuscul zu heilen: Allein da 
das Schielen nicht allemal von der Zusammenziehung dieses Musculs hervor- 
gebracht wird, überdem aber der untere schräge Augenmuscul bei Zer- 
schneidung des oberen den Augapfel nach der entgegengesetzten Seite drehet, 
und dadurch eine neue Art vom Schielen erreget; die geraden Augenmusculn, 
die doch oft zum Schielen Gelegenheit geben, wegen ihrer Lage auch nicht 
wohl zerschnitten werden können, so siebet man, dass diese Operation die 
wenigste Zeit nützlich sein kann, überdem aber wenige Patienten eine solche 
Operation bei sich anstellen lassen werden, weil das Schielen eben nicht 
so beschwerlich, und die Operation mit großen Schmerzen, und einem 
ungewiss guten Erfolg verknüpfet ist.« 

So sicher es also ist, dass Taylor, und zwar zuerst in der Ge- 
schichte unsres Faches, von Muskel-Zerschneidung zur Heilung des Schielens 
gesprochen; — ausgeführt hat er sie nicht. Wenigstens ist kein Fall 
bekannt. Hennemann hat es behauptet, ist aber den Beweis schuldig 



Taylor und die Erfindung der Schiel-Operation. 311 

geblieben. Schröx meint, dass Taylor durch einen Fall von Schrumpfung 
des Augapfels nach zufälliger Verletzung des äußeren geraden Augapfels 
abgeschreckt worden sei. Aber diese Meinung beweist nur, wie wenig 
genau die beurtheilten Schriften gelesen werden: denn an einem andren 
Orten (Mechanismus, § 220) hat Taylor die Folge der Augenmuskel-Ver- 
letzung ganz richtig geschildert: »Schielen und Doppeltsehen, von denen 
das letztere allmählich wieder schwindet. « Taylor's unbedingt richtiger 
Gedanke über die Schiel-Operation ist leider, wegen der üblen 
Eigenschaften des Urhebers, vollständig der Vergessenheit anheim 
gefallen. 

Erst 1838 wurde der Gedanke, das Schielen durch Muskeldurchschnei- 
dung zu heilen, neu entdeckt und der Wissenschaft einverleibt durch Lolis 
Stromeyer, z. Z. in Hannover, der in seinen berühmten Beiträgen zur 
operativen Orthopädie, nicht blos hervorgehoben, dass er sich einen 
glänzenden Erfolg von der Muskeldurchschneidung bei schielenden Augen 
verspricht, — eine Operation, die für den geübten Augenarzt keine Schwie- 
rigkeit haben kann, — sondern auch, nach Versuchen an Leichen, die 
genaueste Angabe über die Operation des gewöhnlichen (spastischen) Ein- 
wärtsschielens gemacht und auch die Nachbehandlung erörtert hat. Die 
erste Schiel-Operation am Lebenden hat J. F. Dieffenbach zu Berlin am 
26. Okt. 1839 ausgeführt und in der medizinischen Zeitung, VIII, No. 46, 
Berlin den 13. Nov. 1839, veröffentlicht. 

Es ist ein kläglicher, ungeschichtlicher Chauvinismus, die Priorität 
Herrn Florent Cunier zu geben, der am 29. Okt. zuerst diese Ope- 
ration ausgeführt habe, was erst 1840, in den Annales d'Oculistique, 
III, S. 96, gedruckt ist, — mit der falschen Hinzufügung, dass Dieffex- 
BACB erst im Dezember 1839 angefangen habe, Schiel -Operationen zu 
machen. 

Weder Conier, noch Testelin-Warlomont in ihrer französischen Aus- 
gabe von Mackenzie's Augenheilkunde (I, 540, 1856), noch Parinaud (in 
seiner histoire du strabisme, Paris 1896, S. 4), noch endlich Antonelli 
(Arch. d'opht. 1902, S. 62) durfte sich der Ehrenpflicht entziehen, die 
Berliner Zeitschrift einzusehen und das Datum festzustellen. 

Im Jahre 1844 hat die Academie des Sciences zu Paris sowohl an 
Stromeyer als'auch an Dieffenbach den Monthyon-Preis (von 6000 Francs) 
verliehen, Ȋ 31. Stromeyer pour avoir le premier institue et execute sur le 
cadavre l'operation du strabisme, ä M. Dieffenbach pour avoir le premier 
pratique avec succes cette Operation sur l'homme vivant«. Auch der aus- 
gezeichnete Bonnet erklärt gegenüber der Behauptung, dass Gensoul schon 
1837 und 1838 von der Möglichkeit der Schiel-Operation durch Muskel- 
zerschneidung gesprochen, sein Bedauern, »dass derselbe nicht seinem 
Yaterlande die Ehre einer Entdeckung gesichert, in welcher die Geschichte, 



312 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

die sich nur an veröffentlichte Thatsachen hält, anerkennen muss, dass 
die deutsche Chirurgie den Vortritt vor der französischen gehabt hat«. 

Ueber die andren, die in den Jahren 1840 und 1841 die Priorität 
des Gedankens sich zuschreiben wollten, können wir einfach zur Tages- 
ordnung übergehen, nachdem wir die Stellen aus den Werken von Eschen- 
bach und Heuermann aus den Jahren 1752 — 1756 kennen gelernt haben. 

Im Jahre 1842 hat dann Dieffenbach seine berühmte Sonderschrift 
»Ueber das Schielen und die Heilung desselben durch die Ope- 
ration« auf Grund von 1200 eignen Operationen, veröffentlicht. Von 
Berlin aus hat die Schiel-Operation ihren Triumph -Zug durch die ganze 
civilisirte Welt unternommen. In Berlin sind die Arbeiten über die Schiel- 
Operation von L. Böhm, A. v. Graefe, Schweigger erschienen, die neben 
der von Bonnet zu den wichtigsten gehören. Erst, nachdem die Wissen- 
schaft von der Neu-Entdeckung Kenntniss genommen, gewannen 
die alten Gedanken und Handlungen Taylor's aus der Mitte des 
18. Jahrh. ein neues Interesse. Im Jahre 1841 hat Ribail den Artikel des 
Dr. Legat (vom Jahre 1743 über den Charlatan T.) wieder ausgegraben 
und Velpeau denselben am 14. Sept. 1841 in der Pariser Akademie der 
Medizin vorgetragen und hinzugefügt, die Mittheilung könnte dazu führen, 
einem Franzosen (!) die Erfindung der Schiel-Operation zu sichern. Im 
Jahre 1842 (Schmidt's Jahrb. XXX, S. 134) findet sich eine Bemerkung von 
Pfotenhauer, dass Taylor vielleicht vor 100 Jahren schon die Schiel- 
Operation geübt habe. Dann folgen die Erwähnungen von Deval (1844), 
von Haeser (1845, Geschichte d. Med., S. 765), von Ed. Meyer (1863), von 
Zehender (Handb. 1869, H, 941), von Schrön (1874), von Antonelli (1902), 
von Laqüeür (1908). Hieran schließt sich unsre eigene Erörterung. 

Man möge es mir nicht verargen, dass ich der gerechten Würdigung 
eines Charlatans soviel Raum gewährt habe. Denn es handelt sich doch 
um eine Operation, die zu den Großthaten des 19. Jahrhunderts gehört, 
deren genaue und ganz vollständige Vorgeschichte aber bisher noch 
niemals geschrieben worden. 

Die Hauptgeschichte der Schiel-Operation gehört in den Abschnitt 
von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 

§ 440. Den reisenden Star-Stechern folgten in der zweiten Hälfte 
des 18. Jahrhunderts die reisenden Star-Schneider. Denn die Kultur, 
die alle Welt beleckt, hat auf die Fahrenden sich erstreckt. 

Der größte aus dieser zweiten Gruppe war der in Deutschland geborene 
MICHAELI) Baron von Wenzel, der mit seinem Sohn Jakob die Welt durch- 



i) Die richtigen Vornamen des Vaters wie des Sohnes finde ich ledigUch in 
der Dissertation des letzteren. 



Michael von Wenzel. 



313 



streifte 1), später in Paris sich sesshaft machte, allerdings Kunstreisen nach 
London unternahm, und dort 1790 gestorben ist. Im Jahre 1779 wird ihm 
(in der Dissertation seines Sohnes) der Titel eines Augenarztes der Königin 
von Ungarn und des Königs von Großbritannien beigelegt. Von seinem 
Leben und seinen Schicksalen finden wir nichts weiter in den üblichen 
Quellen, z. B. im biographischen Lexikon und in Haeser's Gesch. d. Med. 
und selbst in Callisen's med. Schriftsteller-Lexikon. Das große, so voll- 
ständige Dict. de med. von Dechambre hat nicht einmal den Namen. 

Immerhin gelingt es, aus Darstellungen, Beobachtungen und Urtheilen 
von Zeitgenossen einiges über den Hrn. Baron, den Vater, zu erkunden. 

Fig. 1 7. 




Der berühmte Daniel Chodowiecki^J (1726 — 1801, seit 1764 Rektor 
der Akademie der bildenden Künste zu Berlin), hat am 4. Febr. 1772 den 
Baron Wenzel zu Berlin im Waisenhaus der französischen Kolonie operiren 
sehen, wie wir aus seinem eignen Tagebuch wissen; den Akt sogleich mit 
dem Bleistift gezeichnet und später in Lavater's plysiognomischen Studien 
(1775 — 1778) mit eignen Zuthaten als Kupferstich veröffentlicht. (Vgl. 



1) In der Annonce, welche er am 31. Oktober 1776 in der Gazette von 
Gendt veröffentlicht hat, spricht er von »dem sicheren Erfolg seiner Operationen. 
Die Leichtigkeit und Sicherheit, womit er sie ausführt, erwecken nur Staunen«. 
(Van Duyse.) 

2) Vgl. auch Rembrandt's Darstell, d. Tobias-Heilung v. R. Greeff, 1907, S. 68. 



314 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

unsre Figur 17.) So reizvoll auch die weiblichen Gestalten, so charakte- 
ristisch auch die Gesichter und die Haltungen der männlichen Zuschauer, 
— die Darstellung der Operation seitens des reahstischen Künstlers wider- 
spricht allen Angaben, die wir über das Operationsverfahren des Barons 
aus der Feder seines Sohnes besitzen. Der Operateur, ein schöner Mann 
mit hoher Stirn, mit dem Schopf und dem Zopf und in der gewählten 
Kleidung seiner Zeit, sitzt wohl ein wenig höher, als der Kranke, aber^) 
er hält das dreieckige Messer nicht wie eine Schreibfeder, auch wird ihm 
nicht das Oberlid von dem Gehilfen, der den Kopf festhält, emporgezogen. 
(Prof. Greeff hält das Instrument für eine Nadel. Es soll aber wohl das 
dreieckige Starmesser Wenzel's darstellen. Der Baron hat 1772 den Star 
nur durch Schnitt operirt.) 

Dr. Andreas Meyer 2) hat den Baron in Berlin operiren sehen; er fand 
ihn geschickt und schnell, — zu schnell. Wenn nöthig, verwendet er Lid- 
heber und Gabel. Er sitzt höher, so dass sein Fuß auf dem Stuhl des 
Kranken ruht und er seinen Ellenbogen auf sein Knie stützt. Während 
des Hornhautschnilts schneidet er gleichzeitig mit dem Star- Messer die 
Kapsel ein; doch im Nothfall, namentlich beim angewachsenen Star, bedient 
er sich der Nadel zur Kapsel-Spaltung, und auch des Häkchens zur Aus- 
ziehung. Einmal hat er das Messer verkehrt eingeführt und nun nach oben 
geschnitten, — dies Auge ging verloren. 

In seiner Geschichte des grauen Staares, Regensburg 1765, — 
einem Büchlein, das nicht dasjenige hält, was der Titel verspricht, — er- 
zählt der Wundarzt Schäffer, derselbe, von dem wir eine genauere Be- 
schreibung der Augen-Eiterung des Neugeborenen besitzen, uns die folgende 
hübsche Geschichte: Es war am 16. Mai 1761, als der Kaiserliche Hof- 
Oculist Michael Johann Baptist von Wenzel allhier in Regensburg ankam 
und sogleich seine Ankunft durch einen gedruckten Zettel den meisten 
hiesigen praktischen Aerzten mittheilte. Scbäffer gelang es, für seine 
Kranke, eine Bürgers-Frau, das anfangs geforderte Honorar von 400 Louis- 
dor auf 50 Ducaten herunter zu handeln. Die Operation war glatt, der 
untere Halbbogen der Hornhaut wurde mit einem Star- Messer, das dem 
von La Faye glich, abgetrennt. Am 23. Mai war die Operation, am 1. Juni 
reiste der Baron ab. Der Erfolg war befriedigend. Scn. schließt mit dem 
frommen Wunsch: »Endlich möchte es zur Verbesserung des Star-Schnitts 
dienen, wenn in unsrem Deutschland die wahren und echten Wundärzte 
diese Operation fleißiger ausübten und mehr Menschenliebe bezeigten, als 
diese fremden, herumreisenden, öfters ganz unechten Wundärzte, welche 



1) Wenzel, Abh. v. Staar, S. 75 fgd. 

2) Examen quarundam optimorum cataractam extrahendi methodorum in- 
primis We n z e 1 i a n a e , Praeside Jon. Chr. Andreas Meyer Dr., respondente H. Alex. 
Rosenthal, Gryphiswald. 1772. 



Jacob von Wenzel. 315 

nur ihr Augenmerk auf das Geld der Kranken haben, ob sie viele hundert 
Louisd'or oder Dukaten geben können ; und wenn sie solche erhalten haben, 
davon reisen, die Patienten verlassen und an andren Orten neue aufsuchen.« 
1766 schrieb Baron Wenzel an P. Camper, dass er das Gystitom nicht 
mehr gebraucht, sondern gleich während des Schnittes mit dem Star-Messer 
die Kapsel öffnet; und spcäter, dass er eines mehr senkrechten Schnittes 
sich bediene, was Gamper billigt. »Wenn wir die Erfolge berücksichtigen, 
die Wenzel in unsrer Gegend und in ganz Europa gehabt, so bleibt kein 
Zweifel, dass die Ausziehung des Stars der Niederlegung vorzuziehen sei.« 
(P. Gamper, De oculi fahr, et morbis. Vgl. § 433.) 

G. A. Ricbter (1766^') sah v. W. in Paris, London, Amsterdam ope- 
riren und bemerkt ausdrücklich, dass er des Gystitoms sich bediente und 
bildet den unteren Halbbogenschnitt ab. Später (17732)) berichtet derselbe: 
»Wenzel giebt vor, mit seinem graden Messer zwischen Einstich- und Aus- 
stich gleich die Kapsel zu öffnen; ich habe ihn mit Aufmerksamkeit beim 
Operiren beobachtet und bin fast überzeugt, dass er meistentheils die 
Kapsel gar nicht ölTnet« (?). 

Nach Hellmann 3) in Magdeburg hatte v. W. 1772 in Magdeburg schon 
sein eignes Messer und nicht mehr das Gystitom verwendet; auch ein ge- 
bogenes Blech als Lidhalter, ähnlich dem von Tenhaaf, benutzt. Der Baron 
war damals, wie er sagte, in Frankreich wohnhaft, reiste aber alle Jahre 
nach England; und habe selber nichts veröffentlicht. 

Das letztere hat Baron Jakob v. Wenzel, sein Sohn, Gehilfe und Nach- 
folger besorgt, der in Paris sich niederließ, 1808 Augenarzt des kaiserlichen 
Hauses geworden war, und folgende Schriften herausgab: 

1) Dissert. med. ... 23. Mart. 1779, M. Claudio Lafisse, Doctore Medico 
praeside, de extractione cataractae. 

2) Traite de la cataracte, avec des observations qui prouvent la necessite 
d'inciser la cornee transparente et la capsule du crystallin d'une maniere diverse, 
Selon les differentes especes de cataraetes. Par M. de Wenzel, fds, Baron du 
S. Empire, medecin de la faculte de Nancy et Docteur- Regent de la faculte de 
Medecine de l'Universite de Paris. A Paris 178 6. — Eine neue Ausgabe ist 
1806 erschienen. Eine deutsche Uebersetzung, Nürnberg 1788. (202 S. — 
Diese besitze und citire ich.) Eine englische unter dem Titel »A treatise on 
the cataract . . . translated from the french, with many addilional remarks«, 
by .James Ware, London 1793. (230 S.) 

3) Manuel de l'oculiste ou dictionnaire ophthalmologique, con- 
tenant une description anatomique de Toeil,. une definilion des maladies qui 
l'afTectent, des observations particulieres sur les medicaments et les Operations 
qui peuvent les guerir; enfin une notice des auteurs qu'il convient de consulter. 



1) Varias cataractam extrahendi metbodos succincte exponit . . Gottingae 17 66. 
Antrittsrede des außerordentlichen Professors.) 

2) Ausziehung des grauen Staars, S. 71. 

3) Der graue Staar, 1774. 



316 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Ouvrage utile aux personnes du monde et ä Celles qui se livrent ä l'etude de 
celte branche de la Medicine, dedie ä Sa Majeste l'Empereur et roi, par 
M. DE Wenzel, Medecin de l'ancienne Faculte de Nancy, Docteur-Regent de l'an- 
cienne Faculte de Medecine de Paris, et Medecin Oculiste ordinaire de la Maison 
de S. M. l'Empereur et Roi. Orne de 24 planches. Paris 1808. (2 Bände, 
522 + 287 S.) 

Die Dissertation (1), die weder von Aelteren (wie Richter und Beer) 
noch von Neueren (Magnus, Hirsch) berücksichtigt worden, die aber für 
die Entscheidung von einigen Prioritäts-Fragen mir wichtig erscheint, ist 
mir in einer typographischen Abschrift, die ich der Güte meines hoch- 
verehrten Freundes de Lapersonne zu Paris verdanke, zugänglich ge- 
worden ; denn in deutschen Bibliotheken ist sie nicht zu finden. Es ist eine 
mittelmäßige Arbeit; der Sohn schildert darin, neben einigen eignen Er- 
fahrungen, das Star-Operationsverfahren des Vaters. Das Star-Messer des 
letzteren sei dem von la Faye nicht ähnlich, vielmehr grade, sowohl am 
Rücken, wie in der Fläche, und nur eines für beide Augen nüthig. Nur 
der Finger der andern Hand festigt den Augapfel. Das Messer dringt 1'" 
von der Lederhaut in die Hornhaut ein, eröffnet in der Pupille sogleich 
die Kapsel, macht die Gegenüffnung und vollendet den nach unten gerich- 
teten (horizontalen) Halbbogenschnitt. Bei liefliegendem Auge wird ein 
schräger Halbbogen-Schnitt nach der Schläfe zu vorgezogen. Rinden-Reste 
werden durch leichte Reibungen mit dem Löffel auf die Hornhaut zur Pu- 
pille gebracht; Kapseltrübungen mit der Pincette, ein verschobener Star aber 
mit dem Häkchen ausgezogen. 

Beim Balgstar, wo in der verdickten Kapsel eiter-ähnliche Flüssigkeit 
und darin der Kern sich findet, ist der Schnitt sehr langsam und etwas 
kleiner zu machen; die Linse tritt von selber aus, Vorfall des Glaskörpers 
muss möglichst vermieden werden. 

Die Hauptschrift vom Jahre 1786 (2) ist ein inhaltreiches Werk, 
— wie wir erfahren, die Frucht einer 40jährigen Erfahrung des Vaters, 
der also danach 1746 seine Thätigkeit begonnen haben muss, während der 
Sohn seit 12 Jahren, also seit 1774, hauptsächlich mit der Star-Operation 
sich beschäftigt hat. Das Star-Messer sei vor ungefähr 35 Jahren erfunden: 
das ist nun wohl sicher eine Uebertreibung, denn 1751 hatte Daviel noch 
nicht einmal sein Verfahren mitgetheilt! 

W. verwirft die Niederdrückung gänzlich und widerlegt die wider die 
Ausziehung erhobenen Einwürfe, 

In seiner Geschichte der Star-Ausziehung hat er Daviel's Verdienst 
ebenso ungebührlich verkleinert i) wie das seines Vaters vergrößert, indem 
er den folgenden Satz aus des thörichten Brambilla instrumentar. mili- 
tare Chirurg. Austriac. (1782, p. 71) hervorhebt: »Omnium primus Frey- 



4) 20 Jahre später, in s. Dictionnaire ophth., ist er gerechter. 



Jacob von Wenzel, vom Star. 317 

tagius erat, qui cataractae extrahendae opus aggressus est sub finem sae- 
culi proxime elapsi. Post Freytagium cataractam extrahebat*) Lotterius 
Taurinensis. Hanc postea methodum Daviel typo a se datam cum publico 
communicavit. Tandem Wenzelii industria effectum est, ut eam hodie per- 
fectam habeamus.« 

Mit Hand und Fuß sträubt der Baron sich dagegen, dass das WENZEL'sche 
Star-Messer dem von la Faye ähnlich sei, obwohl jeder gerechte Richter 
dem letzteren die Priorität geben muss, und behauptet gar, dass Richter 
ihr Star-Messer gestohlen habe, was wir schon (§ 424) gebührend zurück- 
gewiesen haben. 

Alle Fixations- Instrumente verwirft W., sowohl die Häkchen von 
Beranger, wie den Spieß von Pamard, auch wenn derselbe an dem Fingerhut 
von Rumpelt befestigt ist, die Augenüffner von Petit, le Cat u. A. Wenn 
die Iris sich um das Messer legt, reibe man die Hornhaut mit dem Zeige- 
finger der andren Hand, während der Mittelfinger das untere Lid nieder- 
hält: die Iris zieht sich zusammen und verlässt das Messer. Bei sehr un- 
ruhigen Kranken wird zuerst nur die Hornhaut durchtrennt, die Kapsel 
mit einer goldnen Nadel gespalten und das Oberlid in dem Maße her- 
untergelassen, als die Krystall-Linse hervortritt. 

Der Hornhautschnitt soll 1/4'" vom Rande der Lederhaut abstehen, 
von außen2)-oben nach innen unten zu den Hornhaut- Rand umkreisen 
und durch Vorstoßen des dreieckigen Messers vollendet werden, das, 
so wie es zur Pupille gelangte, gleich die Kapsel mit eröffnet hat. 
Liegt das Auge aber tief, so sei der Schnitt mehr wagerecht. Ist die 
vordere Linsenkapsel verdickt, so macht man nur erst den Hornhautschnitt 
allein, nimmt dann die verdickte Kapsel mit einer Pincette heraus und lässt 
den Star austreten. Bei gleichzeitiger Operation beider Augen, wird erst 
der Hornhautschnitt auf beiden Augen gemacht, dann die Ausziehung der 
Stare. Nicht gleich beim Hornhautschnitt öffne man auch die Kapsel bei 
enger Pupille, krampfhafter Bewegung des Augapfels, tiefliegendem Star. 
Feste Verwachsungen des Stars mit der Iris müssen erst mit der Nadel 
gelöst werden, was 15 Minuten dauern kann. Erbrechen bei der Star- 
Operation ist weniger schlimm, wenn die Linse noch im Auge, weil sie 
den andren Theilen des Auges gewissermaßen als Gegenpunkt dient. Senkt 



V, Wenn Brambilla Latein verstand, ist es mit dem Verdienst des Hrn. 
LoTTERi, seit 1738 Prof. der Chirurg. Institutionen zu Turin, nicht weit her: >extra- 
bebat», heißt doch wohl, er wollte ausziehen. (Das hatte Mery schon 1707 ver- 
öffentlicht!) Beer, der Hrn. Lotteri noch persönlich gekannt, hat diesen Aus- 
spruch Brambilla's »nicht ernst genommen«. (Repert. I, 166, 1 799.) Dass Freytag 
keinen Star, sondern nur Nachstare ausgezogen, haben wir schon festgestellt. 

2) Dass Bourgeois 1901 den lateralen Starschnitt wieder empfohlen, aber 
nur für complicirte Fälle, sei kurz erwähnt. Complicirt ist auch seui Verfahren. 
Ann. dOcul. B. 126, S. 10. 



318 XXIII. Ilirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

sich der Star nach dem Schnitt in den Glaskörper hinab, so muss er mit 
einem Häkchen ausgezogen werden. 

Bei dem mit varikösen Gefäßen der Netz- und Aderhaut i) verbundenen 
Star kann nach dem (auf besondre Bitten des Kranken unternommenem) Star- 
schnitt Blutfluss eintreten und 10 Stunden dauern: das Auge sieht natür- 
hch danach nichts, aber es bleibt weicher. 

Nach oben (d. h. nach innen-oben) wird der Star-Schnitt angelegt, 
wenn die Hornhaut in ihrem unteren oder Seitentheil mit Narben be- 
haftet, oder wenn sie sehr klein ist, oder wenn es sich um einen Balgstar 
handelt. 

Sehr selten entsteht beim Austreiben des Stars eine Ablösung der Iris, 
der Star tritt durch deren Oeffnung aus. In den gewöhnlichen Fällen dauert 
die Star-Operation eine halbe Minute. Die meisten Kranken genesen 
ohne Vorbereitung und ohne Nachbehandlung. Tritt heftige Ent- 
zündung nach dem Star-Schnitt ein, mit Anschwellung der Bindehaut, Ab- 
sonderung scharfer Materie, Trübung der Hornhaut, innerer Eiterung; so 
ist das Auge verloren. Man kann das Auge ohne Gefahr früher, als am 
9. Tag nach dem Starschnitt öffnen. Den Iris-Vorfall kann man der Natur 
überlassen. 

W.'s Bemerkungen über den MoRGAGNi'schen Star und über die Pupillen- 
Bildung haben wir bereits erörtert. (§ 334 und § 343.) 

Immerhin handelt es sich um ein ernstes und gehaltreiches 
Werk. Richter (chir. Bibl., Vlll, S. 404 — 461) hat ihm eine ganz aus- 
führhche Besprechung gewidmet, manches mit Recht bestritten, vor Allem 
die Vortheile von W.'s Schnitt-Lage; aber manches auch mit Unrecht, 
z. B. die Bemerkung W.'s, dass Feuerarbeiter dem Star häufig unter- 
worfen sind. 

Beer (Rep. III, '167 — 176), der den älteren Wenzel als herumziehenden 
Star-Schneider, den Sohn als tüchtigen Augenarzt bezeichnet, hat ebenfalls 
eine gründliche, trotz einzelner Einwendungen recht anerkennende Würdi- 
gung der Schrift geliefert, in der auch erfahrene Männer noch manches 
Lehrreiche fänden. Dies gilt noch für den heutigen Tag. 

Tadeln wir auch die Prahlereien mit Herzögen, Gräfinnen, Ministern 
als Patienten, mit dem Aktions-Radius, der sich über Deutschland, Ungarn, 
Holland, Frankreich, England 2] erstreckt, die Verhöhnung seiner lieben Con- 
currenten Janin und Pellier, die Verläumdung von A. G. Richter; die Ueber- 
Ireibung mit L. Euler's Heilung, der ja doch bekanntlich auch nach Wen- 
zel's Operation nur ungemein wenig gesehen, die pharisäischen Aussprüche, 



1) D. i. mit Glaukom. 

2) Quam multis ab hinc annis in Europa tanta cum laude perficis opera- 
tionem! (Vorrede der Dissert.) — Mon pere, qui a joui dans toute l'Europe pen- 
dant plus de 45 ans d'une röputation meritöe. (Vorrede zum Dictionnaire.) 



Jacob von Wenzel's augenärztliches Wörterbuch. 319 

dass bei ihren Operationen die schlimmsten Fälle gemeinhin die zu be- 
fürchtenden traurigen Folgen nicht gehabt, — denn zu einer offenen 
Statistik, wie Daviel sie geliefert, kann der Baron sich nicht entschließen ; — 
die Unwissenheit, dass der wässrigen Feuchtigkeit eine geistige und flüch- 
tige Natur 1) angedichtet wird, um das Zusammenziehen der Pupille zu 
begünstigen, dass Synizesis pupillae den alten Griechen zugeschrieben 
wird: ganz lobenswerth ist die sorgsame, redliche Darstellung der Opera- 
tionen und ihrer Anzeigen, die Beschreibung zahlreicher wichtiger Einzel- 
fälle, und guter Handgriffe, z. B. des Reibens oberhalb der Iris, um ver- 
borgene Rindenreste erst in die Pupille hinein- und dann aus dem Schnitt 
herauszuschieben, die Beobachtung des oscillirenden Pupillen-Spiels, die 
richtige Kennzeichnung der Hirsekorn-Schale aus dem Vogelfutter, die Horn- 
haut-Pustel bewirkt und deren Natur sogar einem A. G. Richter entgangen 
war, der richtige Satz, dass Unbeweglichkeit der Pupille die Star-Operation 
nicht ausschließt, wenn die sonstigen Zeichen, namentlich die Licht-Empfin- 
dung günstig ist 2). Thurmhoch steht das Buch von Wenzel über dem 
seines Vorgängers Tatlor vom Star. 

§ 441. 3) Nach 20jähriger Unterbrechung, die auf die Wirren der 
Revolution zurückzuführen ist, erschien 1808 wieder einmal ein französisches 
Lehrbuch der Augenheilkunde, dessen Vorrede und Widmung an Napoleon 
aber beweist, dass in dem neu errichteten Kaiserthum der Byzantinismus 
rasch und kräftig emporgeblüht war. — Dies augenärztliche Wörter- 
buch von J. de Wenzel ist das erste in der gesamten Welt-Literatur, 
welches die Haupt-Kapitel unsres Faches in alphabetischer Reihenfolge ab- 
handelt. 

Freilich alphabetische Ordnung in ärztlichen Schriften ist weit älter. 
Sie fand sich schon in dem Kräuterbuch des Kratevas, aus der Zeit des Pom- 
pejus. Des Dioscurides Arzneimittel- Lehre wurde von Galen^) griechisch und 
später in salernitanischer Zeit lateinisch nach alphabetischer Ordnung umgear- 
beitet. Die Araber hatten nach ihrem Alphabet die Heilmittel geordnet, sowohl 
in dem betreffenden Abschnitt (Akrabadin , Antidotarium) der Lehrbücher über 
die gesamte Medizin, wie z. B. in dem Kanon des Ibn Sina, als auch in den 
Sonderschriften über Arzneimittel, z. B. von Abu Manzur und Ibn al Bajtar. 
Das unfruchtbare Mittelalter bot die ganze Heilkunde in dürftigen Schriften nach 
alphabetischer Ordnung, wie in der Clavis sanationis des Simon von Genua 
um 1300 u. A. Von augenärztlichem in alphabetischer Ordnung haben wir 
die Aufzählung der Augenheilmittel in dem Erinnerungsbuch für Augenärzte des 
*Ali b. 'Isä kennen gelernt. (Vgl. Band XIII, S. 14 4.) 



1) Vgl. § 1 17. (Galen.) 

2) Ich habe bei reflektorischer Pupillen -Starre, ja bei wirklicher schmerz- 
hafter Tabes dorsalis die Star-Ausziehung mit Erfolg ausgeführt. 

3) Ueber die Mischung und Kraft der einfachen Heilmittel. Galen , B. XII, 
S. 789fgd. 



320 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

V. W. hat sein Wörterbuch für seinen Sohn verfasst, es aber für 
Laien bestimmt und klar geschrieben. Es war auch für seine Zeit gewiss 
brauchbar, aber sicher nicht vollständig; die deutsche Literatur ist gar 
nicht berücksichtigt, und diese war doch um 1 808 schon ganz beträchtlich. 
Ueberhaupt sind die Literatur-Nachweise nur Blender. Zugelernt hat der 
Vf. in den letzten 20 Jahren nicht viel: weder über Iritis noch über ver- 
nünftige Behandlung der Augen-Eiterung des Neugeborenen kann man sich 
bei ihm Rath erholen. Aber seine eignen Verfahren des Star-Schnitts 
und der Pupillen-Bildung beschreibt er gut und klar, fügt noch als neu 
hinzu die Brücke, die er inmitten des Hornhautschnitts bei weichem Star, 
um Iris- Vorfall zu vermeiden, stehen lässt, um sie nüth igen falls sofort 
mit einem Scherenschnitt zu durchtrennen; und erläutert die Operationen 
durch Abbildung der Augen und Instrumente. Im Urtheil ist er etwas 
reifer und zurückhaltender geworden. 

Nach V. W.'s Vorgang sind weiterhin verschiedene Bücher über Augenheil- 
kunde in alphabetischer Ordnung verfasst worden: 

1. Praktisches Lehrbuch der Augenkrankheiten in alphabetischer Ordnung von 
Georg Leberecht Andreas Helling, Stadtarmen- Augenarzt zu Berlin, 1821/2, 
2 Bände. 

2. Handwörterbuch der augenärztlichen Therapie z. Gebrauch f. prakt. Aerzte. 
Von S. R. Dr. Ed. Michaelis in Berlin. Leipzig 1883. (252 S.) 

3. Augenkr. , mit Beiträgen von Asmus . . . und Zander, red. von Dr. Julius 
Weiss, Wien-Leipzig 1898. (758 S.) — In Drasche's Bibl. d. med. Wissens. 

4. Encyclopädie der Augenheilkunde. Herausgegeben von Prof. Dr. 0. Schwarz 
in Leipzig. Bearbeitet von Prof. Dr. Axenfeld . . . Dr. Zimmermann in Görlitz. 
Leipzig 1907. (Zur Zeit noch nicht ganz fertig.) 

Wichtig sind auch für unser Sonderfach die allgemeineren Enkyklopädien 
der Chirurgie und der Medizin, von denen ich nur die folgenden nenne: 

5. Handwörterbuch der Chirurgie, einschließlich der Augenheilkunde von Joh. 
Nep. Rust. Berlin 1830—1836, 18. B. nebst Register. 

6. Handwörterbuch der Chirurgie und Augenheilkunde von Walther, Jäger, 
Radius. Leipzig 1836 — 1840. 

7. Encyclopädisches Wörterbuch der med. Wissensch. , herausgegeben von der 
Berliner med. Facultät. 1829 — 1845. 

8. Eulenburg, Real-Encyclopädie der gesamten Heilkunde. I. Aufl. 1880—1883. 
II. Aufl. 1885—1890, 22 Bände. (Für diese beiden habe ich selber einige mo- 
nographische Beiträge gehefert.) III. Aufl. 1894 — 1901, 26 Bände. Die vierte 
Auflage ist im Erscheinen begriffen. 

9 Villaret, Handwörterbuch der gesamten Medizin. I. Aufl. Stuttgart 1888/89. 
I. Aufl. 1899 u. 1901. 2 Bände. 

10. Dechambre, Dict. encycl. des sciences medicales, Paris 1868 — 1882. 100 B. 

11. Jaccoud, Dictionnaire de möd. et de chir. pratiques. Paris 1864 — 1868, 20 B. 

Für Augenärzte sind noch besonders wichtig: 

12. Physikalisches Wörterbuch von Gehler, Leipzig 1825— is42, 25 B. mit Register 
und Atlas. 

13. Handwörterbuch der Physiologie, herausgegeben von R. Wagner, 1843 — 1859, 
5 Bände. 



Alphabetische Schriften z. Augenheilkunde. — Casaamata. Simon. Tadini. 321 

§ 442. Ueber den reisenden Italiener Casaamata, der zu Dresden Hof- 
Augenarzt wurde, ist es schwer genaueres zu erfahren. Wir wissen nur 
durch eine Leipziger Dissertation — Christ. Gottbold Feller, de methodis 
suffusionem oculorum curandi a Casaamata et Simone cultis, Lips. 1783, 
82 S., — dass er 1779 in Leipzig 40 Star-Kranke operirte; aber wir er- 
fahren nicht, wie viele davon das Gesicht wieder erhielten i). Hr. C. saß 
auf einem Tisch, vor dem 3 Stühle standen, die beiden seitlichen für seine 
Beine, der mittlere für den Kranken. Das obere Lid wurde mittelst eines 
stumpfen Hakens von einem Gehilfen empor-, das untere durch einen 
kleinen, mit einem Gewicht beschwerten Haken herabgezogen. Der Ope- 
rateur fixirte das Auge mit einem Pamard-Spieß, dessen Stiel allerdings 
wie ein römisches S gekrümmt war; bediente sich eines breiten, dem 
Beranger's ähnlichen Messer und zur Kapsel-Eröffnung einer zweischneidigen 
Nadel. Dass Casaamata sich brüstete, mittelst einer ganz kleinen Segatura^) 
das Schielen zu heilen, erfahren wir von Hennemann. (S. 25, § 431, No. 11.) 

Hr. Simon, ein Franzose, soll in Leipzig nur einen Bauer, aber so 
schlecht operirt haben, dass er sich aus dem Staube machen musste. Er 
bediente sich eines dem SHARp'schen ähnlichen Starmessers. 

Nach einer Annonce, welche in der Gazette van Gent vom 22. Juni 
177 7 abgedruckt ist, besaß er »eine außergewöhnliche Geschicldichkeit und be- 
folgte ein Verfahren , welches die Bewunderung der anwesenden Ärzte hervor- 
rief: er beginnt und endigt mit nur einem Instrument«. (Van Duyse.) 

Der Ritter »Tadini, Italiener von Geburt, päpstlicher Graf, Augenarzt des 
französischen Hofes«, kündigt sich 1788 und 1791 in der Gazette van 
Gent an, empfiehlt sich zur Operation, — Honorar nach den Verhältnissen 
der Kranken; er pi'eist sein Augenwasser (Liqueur ophthalmique) zur Stärkung 
der Sehkraft, seine künstlichen Augen und seine Röhren für die schielenden 
Kinder. Arme behandelt er umsonst. Für Leute von Distinction nennt er keine 
Taxe, die andren zahlen 2 4 Sous für die Berathung. Er habe 17 66 die Schwester 
des Sultan Mustapha in Konstantinopel operirt. Am 3 0. Floreal des 8. Jahres 
der französischen Republik ('20. Mai 1800) bezeichnet er sich einfach als Bürger 
Tadini, der in ganz Europa, das er durchwandert habe, bekannt sei, und er- 
klärt, dass seine Star-Operation nur eine Minute dauere, schmerzlos sei und nach 
5 Tagen dem Kranken das Umhergehen im Zimmer gestatte. (Van Duyse.) 
Tadini's Star-Messer haben wir schon kennen gelernt. (B. XIII, S. 518, Taf. VIII, 
Fig. 62.) 

Auch der berühmte Pellier de Quengsy (§ 380) dehnte 1789 seine Kunst- 
reisen bis nach Brügge und Gent aus^ empfiehlt sein Augen-Wasser, seine Star- 
Operation mit eignen Instrumenten und seine Heilung der Thränen-Fistel. 

Und Joseph Forlenze 3) aus Picerno bei Neapel, Oculist des Hotel Dieu zu 
Paris, der edle Mann, der es bedauert, dass die Augenkrankheiten den Charla- 
tanen ausgehefert seien, annoncirt am 23. Nov. 1798 zu Gent, dass er in jedem 



1) Vgl. Richter, chir. Bibl. VI, S. 330. Beer, Report. HI. 176. 

2) Segatura, Sägerei; legatura, Bindung! 

3) Vgl. Xin, S. 446 und 457. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. 21 



322 XXIII. Hifschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Jahre nach den Niederlanden kommen imd die Armen umsonst behandeln wolle. 
Er hat sein Wort gehalten und auch schon im Jahre 1798 den Brief eines 
vom Star geheilten in die Genter Zeitung einrücken lassen. 

Wie populär noch im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts der irrende 
Ritter der Augenheilkunde gewesen sein muss, lehrt die folgende Satire des 
Schriftstellers Ludwig Boerne, die zuerst in den »Zeitschwingen« vom 21. August 
1819 erschienen und in den gesammelten Schriften (11, S. 399 — 401, 1862) 
wieder abgedruckt ist. 

»LVII. 

Kuhschnappel, den 20. August. 

(Eingesandt.) 

Der durch amerikanische, asiatische, afrikanische, europäische und austra- 
lische, sowohl unter Censur als censurfrei geschriebene, ministerielle, Oppositions- 
und indepedente Blätter rühmlichst bekannte Augenarzt Sr. Maj. des Königs von 
Hayti, Eigenthümer und Direktor der Königl. Dispensai'j zu Gap Henrj, Herr 
Dr. BoASTER, ist in hiesiger Stadt angelangt, und wird sich, ehe er nach Karls- 
bad geht, wohin er sich aus Menschlichkeit begibt, einige Monate hier aufhalten. 
Die Ankunft desselben wird den vielen Augenkranken hiesiger Stadt und Um- 
gegend zum großen Tröste gereichen. Die Fülle seiner gelungenen Kuren, selbst 
bei solchen Personen, welche unheilbar waren, sind zu häufig, als dass sie ohne 
ungeheuere Inseratgebühren hier alle angeführt werden könnten. Der Kaiser 
von Marokko hat dem Herrn Boaster wegen seiner unzähligen Kuren den Titel 
eines Kurfürsten ertheilt. Derselbe heilt die hartnäckigsten Augenkrankheiten, 
indem er den Leidenden einen feinen von ihm erfundenen Sand in die Augen 
streut; auch wendet er mit vielem Glücke einen blauen Patentdunst an. Er 
heilt die dazu geeigneten Blinden durch den thierischen Magnetismus und macht 
sie hellsehend; jedoch müssen Personen, die auf solche Weise behandelt sein 
wollen, zuvor all ihr Metall ausliefern, sonst hilft es nichts. Auch hat Herr 
Boaster einen Zauberspiegel, der Blindgeborenen auf der Stelle das Gesicht 
wiedergibt, wenn sie sich darin sehen. Viele Personen, die nach Sonnenunter- 
gang Nichts deutlich unterscheiden konnten, heilte er gründlich dui'ch Anzündung 
eines elektrischen Talglichtes. Der Aufenthalt des Herrn Boaster in hiesiger 
Sladt ist zu kurz, als dass er allen Kranken vollendete Heilung zusagen könnte, 
doch können die Blinden, die sich ihm anvertrauen, versichert sein, dass ihnen 
bald nach seiner Abreise die Augen aufgehen werden. Herr Boaster ist wegen 
seiner Verdienste, die Auszeichnung widerfahren, dass er in hiesiger Stadt prak- 
tizieren und seine topischen Mittel anwenden darf, ungeachtet nach § 55 und 62 
der kuhschappel'schen Medicinalordnung, 1. kein Arzt Arzeneien bereiten und 
Arcana verkaufen soll, und "2. auswärtige Ärzte, welche von dortigen Kranken 
consultirt werden, durch einen dort recipirlen Arzt, zur Verhütung aller Miss- 
bräuche, die Rezepte unterzeichnen lassen müssen. Herr Boaster behandelt alle 
Armen ohne Nutzen. Auch verfertigt derselbe verschiedene Arten künstlicher 
Augen, als: schmachtende für verliebte Mädchen, thränende für junge Wittwen, . . . 
und andere mehr. Herr Boaster wohnt in der Henkerstraße No. 8, II.« 

Auch die folgende Bemerkung L. Boerne's kann hier noch angeführt werden: 
>Französischer Kunstfleiß. Unter den Erzeugnissen der französischen In- 
dustrie, die gegenwärtig öffentlich in Paris ausgestellt sind, sieht man die folgen- 
den Stücke: 



L. Boerne's Satire. Lusardi. Christiaen. 323 

[\'i] Eine Luftpumpe zur Ausleerung der Windbeutel. Das Otto GuERiKE'sche 
Experiment zeigt die Wirksamkeit dieser Maschine aufs Schönste. Der Künstler 
ließ am Kopfe und den Füßen eines englischen Augenarztes zwölf Pferde spannen 
und diese nach entgegengesetzter Richtung ziehen, ohne dass sie vermochten, 
den leeren Windbeutel auseinander zu reißen.« (Ebendaselbst S. 403 und i05.) 

Allmählich und in dem Maße, als die sesshaften Chirurgen der Star-Ope- 
ration sich bemeisterlen, wurden die irrenden Ritter überflüssiger und seltner; 
aber wir müssen noch zwei hervorheben, die sogar in das neunzehnte Jahr- 
hundert hineinragen. 

Den Italiener Lusardi haben wir schon (XIII, S. 5 2 3) kennen gelernt, der 
Italien, Spanien, Frankreich durchreiste, dann in Lille, schließlich in Paris sich 
niederließ und 1827 sich berühmte, 50:U Stare, hauptsächlich durch Recli- 
nation, mit nur 15^ Verlusten, ofierirt zu haben. Er hat also den Umschlag 
von der Ausziehung zur Verschiebung mitgemacht. 

Dr. der Heilkunde von Duisburg und von Montpellier'), Ehren -Augenarzt 
der Herzogin von Parma, bewies er in seinen Schriften allerdings große Erfah- 
rung, aber noch größere Unverschämtheit. 

\. Sein Memoire sur la cataracte congeniale (Montpellier 1823, 
3. Ausg., Paris 1827), »zu haben bei dem Vf.« 2]^ dessen Wohnung und 
Sprechstunden abgedruckt sind, enthält die obengenannten Zahlen und seine 
physiologischen und pliiiosophischen Beobachtungen an 2 00 von ihm wegen an- 
geborenen Stares Operirten. »Les doigls des aveugles ne verront jamais.« 

2. Traile de l'alteration du crjstallin . . . sur la pupille artifi- 
cielle, Paris 1819 und 18 23. 

3. Essai physiologique sur l'iris, la retine et les nerfs optiques, 
Paris 1 8 :i 1 . 

4. De l'ophthalmie contagieuse, 1S31. 

5. Hygiene oculaire. Fluide philoptique contre la faiblesse de la vue, 
1832. (Philargjrique wäre passender.) 

6. Prejuges sur l'operation de la cataracte, Paris 1839. Dies ist 
eine unverschämte Schmähschrift, in welcher er, mit Namensnennung des Kranken, 
seinen Fachgenossen Julius Sichel wegen falscher Behandlung und Geldgier an- 
greift, aber — sich selber verurtheilt, mit dem Vers: »Vous etes orfevre, Mr. 
Josse.« Er eifert gegen die »Keratonyxis der Deutschen« und vergisst nicht hin- 
zuzufügen: »Consult. tous les jours de 9—1 apres midi, mai'di et le jeudi gratis, 
Boulevard St. Denis, 9.« 

7. Memoire sur le fongus hematode et medullaire de l'oeil, Mont- 
pellier 1^46, avec 4 planches. Immerhin hat dieser Charlafan auch literarische 
Verdienste. 

Noch im Jahre IS 40 hat der Herzog von Modena den reisenden Star- Stecher 
Jean Chiiistiaen (aus Rotterdam) kommen lassen, der dann in einer Art von 
Hospital operirte. Dieser — ehrliche Mann beschrieb sein Verfahren der Star- 
Ausziehung ohne Kapsel-Spaltung (Annal d'Oc. XIII, S. I 8 t — I 8 i, 1 84 5] und 
erklärte, dass er nie Glaskör[ier- Vorfall gehabt, nie den Schnitt mit der Schere 
zu erweitern brauchte. Das war vielleicht der letzte irrende Ritter. Diese 
Don-Quichoterie hat aufgehört, ehe sie ihren Cervantes gefunden; sie 



1) Biogr. Lexikon IV, 67. 

2) Dasselbe lese ich in einem Pariser augenäiztlichen Buch vom Jahre 1902. 

21* 



324 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

ist unterdrückt dui'ch die Ausbildung der Augenheilkunde und die wachsende 
Zahl der sesshaften Augen-Operateure. 

Unruhige Geister hat es auch noch in der zweiten Hälfte des 1 9. Jahrhunderts 
gegeben, — Fachgenossen, die bald im Herzen von Europa, bald im Morgenland; 
andre, die erst in Amerika, dann in Australien, endlich in Afrika prakticirten. 
Es gab noch Operateure, die in den Ferien ihre Thätigkeit von der verödeten 
Hauptstadt des Landes in die Mode-Bäder verlegten, die sogar Erholungsreisen 
zu Operationen und zum Geldgewinn ausnützten. Endlich hat Warlomont noch 
in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in seinem Dossier des am- 
bulants^) seinem Aerger über diejenigen Fachgenossen Luft gemacht, die durch 
zu häufige Kunstreisen in sein Gebiet ihm zu scharfen Wettbewerb machten. 

Natürlich, Consultations-Reisen fordern noch heute die Reichen unter 
den Kranken und leisten gelegentlich die Großen unter den Fachgenossen: das Reisen 
ist ja heutzutage bequem und schnell zu machen. Andrerseits können nicht blos Be- 
mittelte, sondern auch die weniger Begüterten heutzutage weite Reisen 
zu dem von ihnen gewählten Augenarzt unternehmen. Während zu Galen nach 
Rom vornehme Leute aus Asien und Thrakien Briefe 2) wegen ihrer Augen- 
beschwerden sandten, kommt heute der deutsche Schmiedegeselle aus Chicago 
nach Berlin , mit Rückfahrkarte , um seinen alten Augenarzt bezüglich des ihm 
drüben gegebenen Rathes, das früher verletzte Auge entfernen zu lassen, per- 
sönlich zu befragen; kommt der Eisenarbeiter aus Wilna nach Berlin, um 
den frisch in die Sehnerven-Scheibe eingedrungenen Eisensplitter mit dem Magnet 
heraus ziehen zu lassen. Im Ganzen prakticirt der Augenarzt jetzt zu Hause 
und operirt in wohlgeordneter Anstalt. 

Die Ethik ist eine feinere, als vor 100 und 150 Jahren. Gesetz und 
Sitte würden reisende Augenärzte in den Kultur-Ländern heute nicht mehr zu- 
lassen. 



Fünfter Abschnitt. 

Der neue Kanon der Augenheilkunde um die Jahrhundert-Wende. 

§ 443. Mit hochgespannten Erwartungen hat die Menschheit dem 
Beginn des neunzehnten Jahrhunderts entgegengesehen. Da erhebt sich 
für uns die Frage: Welches Erbe hat das so merkwürdige acht- 
zehnte Jahrhundert dem neunzehnten überliefert? Können wir, 
wie einen griechischen, einen arabischen, so auch einen Kanon der Augen- 
heilkunde des achtzehnten Jahrhunderts nachweisen, welcher die 
Grundlage für den weiteren Auf- und Ausbau unsrer Fachwissenschaft im 
neunzehnten Jahrhundert abgegeben hat? 

Die letzte Frage können wir nicht einfach mit ja beantworten. Der 
kritische Geist des achtzehnten Jahrhunderts hat eine so strenge und all- 
gemein giltige Feststellung der Krankheits-Begriffe, Heil- und Operations- 
Regeln nicht zugelassen. Die Entwicklung der verschiedenen Schulen erfolgte 



i) Annales d'Oculist. Manchmal kam er an den Unrechten. Vgl. B. 179, S. 96. 
2) Galen, von den leidenden Theilen IV, 2, B. VIII, S. 224. 



Der neue Kanon der Augenheilkunde. 325 

nicht ganz gleichartig und, wenn sie sich auch gegenseitig beeinflussten 
und von einander lernten, so handelte es sich doch noch um verschie- 
dene Strömungen, die ungefähr nach dem gleichen Zielpunkt 
sich hinbewegten, die sich aber noch nicht vereinigt hatten und deren 
Richtung übrigens erst im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts 
klarer hervorgetreten ist. 

Die mächtigste war die Wiener Schule. In Wien stand die Wiege 
der Augenheilkunde des neunzehnten Jahrhunderts. Wenn auch in Frank- 
reich während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein kurzer Versuch 
gemacht wurde, innerhalb des wundärztlichen Unterrichts eine besondere 
Professur der Augenheilkunde zu begründen, wenn auch in Deutschland 
verschiedene Professoren der Chirurgie, wie Mauchart, Platner, Richter, 
sich bemühten, Sonder-Vorlesungen über Augenheilkunde regel- 
mäßig vor den Studenten der Heilkunde zu halten, — erst in Wien 
wird unser Fach von der Chirurgie abgetrennt, zu einem selbständigen, 
den übrigen gleichwertigen Theil des medizinischen Unterrichts ausgestaltet 
und einem ordentlichen Professor und Leiter der Universitäts-Augenklinik 
übergeben. 

§ 444. Somit wollen wir zunächst das Lebenswerk des Wiener Prof. 
Joseph Beer, die Lehre von den Augenkrankheiten^), welche in zwei 
starken Bänden (638 u. 680 S.) 1813 — 1817 erschienen ist, unsrer Betrach- 
tung zu Grunde legen. Der Titel des Werkes lautet: 

Lehre von den Augenkrankheiten als Leitfaden zu seinen öffentlichen 
Vorlesungen entworfen von G. Joseph Beer, öffentlichem Prof. der prak- 
tischen Augenheilk. an der hohen Schule zu Wien ; wirklichem Mitglied der 
medizinischen Facultät, . . . k. k. Stadtarmen-Augenarzt daselbst; auswär- 
tigem aktiven Mitglied der physik. med. Societät zu Erlangen, corresp. 
Mitglied der Königl. Gesellsch. d. Wiss. zu Guttingen ... (So 1817; 1813 
war er noch öffentlicher außerordentlicher Professor.) 

Nur selten wird heutzutage Jemand es über sich gewinnen, das AVerk 
von Anfang bis zu Ende durchzustudiren. Anfängern ist es auch nicht 
anzurathen. Aber, wer schon etwas weiß, kann viel daraus 
lernen. Er findet darin eine Unzahl feiner Beobachtungen und zahlreiche 
— Entdeckungen unsrer Tage. 



-1) Vgl. die Beuitheilung dieses Werkes, welche ich in m. Arbeit über >die 
Entwicklung der Augenheilkunde im neunzehnten Jahrhundert«; iBerl. klin. W. 1900 
und Deutsche Medizin, Berlin 1901) geliefert habe. Um zu zeigen, wie weit die 
chauvinistische Geschichtsbetrachtung von der Wahrheit abirrt, erwähne ich 
das folgende Urtheil, welches Tschernixg in einer Betrachtung über die Fort- 
schritte der Augenheilkunde gefällt hat: »perfectionnement des instruments chi- 
rurgicaux, du ä Beer et plus tard ä Desmarres«. (Oeuvres opht. d. Thomas Young. 
Paris 1894, S. 5.) 



326 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Während damals die Augenheilkunde meistens noch als ein Theil der 
Wundarzneikunst behandelt wurde, spricht hier der erste Professor der 
Augenheilkunde in dem AVerk, in welchem er sein Sonderfach, immer im 
Zusammenhang mit der allgemeinen Medizin und Chirurgie, auf Grund seiner 
eignen 30jährigen Erfahrung^), sowohl in der Praxis wie in der Lehr- 
thätigkeit, gründlich auseinander setzt, von dem praktischen Augen- 
arzt, der nicht blos Star- 
Stecher ist; oder, entspre- 
chend seiner eignen, echt- 
künstlerischen^j Begabung, 
vom Augenheilkünstler : 
mit besonderer Vorliebe stellt 
er seinen ätiologischen 
Standpunkt dem rein noso- 
logischen einer mehr ober- 
flächlichen Betrachtungsweise 
wiederholenllich gegenüber. 

Da J. Beer eine »reine 
Natur -Philosophie, so lange 
sie sich von Poesie frei hält, 
immer wahrhaft verehrt« hat; 
so können wir uns nicht wun- 
dern, in seiner überaus ein- 
gehenden Darstellung die fol- 
gende Begriffs-Erklärung 
anzutreffen: »Die Augen-Ent- 
zündung ist ein durch ge- 
mischte, positiv wirkende 
Schädlichkeiten erzeugter Vernichtungs-Process des Auges oder seiner ein- 
zelnen Gebilde« 3). 

Aber er giebt doch auch eine ganz genaue Erörterung der uralten 
Zeichen der Entzündung, — Rüthe, Geschwulst, Hitze, Schmerz, — soweit 




J. Beer. 



4) Kein Mensch kann die Heilkunde von Grund auf neu aufbauen. Beer 
stützt sich durchaus auf eigne Erfahrung, aber er kann seine Vorgänger nicht 
entbehren. Mitunter schimmert sogar noch in seiner Darstellung, wie in einem 
Palimpsest, die uralte Auffassung der Griechen oder Araber durch. 

2) Mit Bewundrung erfüllten mich die Originale seiner farbigen Abbildungen 
der verschiedensten Augenkrankheiten, die auf den Tafeln seines Lehrbuchs doch 
nur mittelmäßig wiedergegeben sind, und die mir sein Enkel, E. v. Jäger, auch 
ein begnadeter I\ünstler, 1871 in Wien gezeigt hat. 

3) Nichts ist leichter, als in sogenannten geschichtlichen Darstellungen solche 
Aussprüche lächerlich zu machen. Schwieriger ist es schon, in dem Spreu die 
verborgenen Weizenkörner richtiger Thatsachen und Verfahrungsweisen aufzu- 
suchen. 



Joseph Beer. 327 

sie am Seh -Werkzeug Ihalsächlich zur Beobachtung gelangen. Es ist 
übrigens nicht wunderbar, wenn er, nach den damaligen Anschauungen, 
die Augen -Entzündung ziemlich regelmäßig in ein Allgemein -Leiden, das 
Entzündungs-Fieber, übergehen lässt. 

Sehr umfassend ist die Darstellung der Aetiologie der Augen-Ent- 
zündungen. Zuerst wird der Einfluss der umgebenden Luft erörtert: kein 
erfahrener Augenarzt werde die Star-Ausziehung zu einer Zeit vornehmen, 
wo grade ein Gewitter am Himmel steht, oder auch nur anzurücken 
droht 1). 

Dann kommt der Einfluss zu grellen Lichts, nach B.'s Ansicht »eines 
der wichtigsten Causalmomente der Ophthalmia neonatorum«, die Thätig- 
keit der Augenbäder, der Arznei-Mittel, besonders der specifisch auf das 
Auge wirkenden. 

Bei den Verletzungen wird die extensive Grüße von der intensiven 
genau unterschieden. Durch reine Stich- oder Schnitt- Wunden wird keine 
Entzündung verursacht, wohl aber durch Quetschung. Jede chemische 
Verletzung bereitet Entzündung vor. (Das sind doch bedeutende Sätze, 
wenn gleich sie aus einem Wust von allgemeinen Erörterungen heraus- 
geschält werden müssen.) 

Die Heil-Regeln zur Beseitigung der auf Verletzung folgenden Augen- 
Entzündung sind, zum ersten Mal in der Wissenschaft, äußerst ein- 
gehend und auf Grund eigner Erfahrung auseinander gesetzt. Dessen ist 
sich der Vf. auch vollkommen bewusst. »Wehe dem Auge, an das sich 
der Arzt heranwagt ohne nähere Unterweisung, als er sie in den bisher 
erschienenen augenärztlichen Lehrbüchern findet.« Positive Schädlich- 
keiten sind zu beseitigen. Bei Fremdkörpern in der Binde- oder Horn- 
haut ist größte Vorsicht und Sorgfalt nothwendig, um den Lid-Krampf 
zu überwinden. Aber, außer psychischen Mitteln, kennt er nur warme 
Brei-Umschläge aus Semmelkrume mit Laudanum und Hyoscyamus! (Heut- 
zutage haben wir allerdings das Cocain. Aber leider ist diese Offenbarung 
noch nicht allen ausübenden Aerzten zu Theil geworden.) Locker sitzende 
Fremdkörper werden mittelst feiner Spritze fortgespült; die in der Horn- 
haut festsitzenden mit der Star- Nadel ausgegraben. Das Rostbett des 
Stahlsplitters muss gleichfalls entfernt werden. Auf keinen Fall darf man 
gefahrdrohende Fremdkörper, die ausziehbar sind, zurücklassen 2). Bröckel 
von Aetz-Kalk und Mörtel sollen mittelst eines in Butter oder Oel getauchten 
Pinsels entfernt werden. Unreine Wunden sind sofort in reine zu 



1) Bestätigt C. BI. f. A. 1886, S. 267. 

2) Diese männliche und fruchtbare Kühnheit muthet uns ganz anders an, 
als die Zaghaftigkeit des berühmten Tübinger Prof Autenrieth, der einen Stahl- 
funken in seiner Hornhaut — herauseitern heß: allerdings fand sich Niemand, der 
ihn herausziehen konnte! (18C2, Himly-Schmidt's ophth. Bibl. II, 1, S. 72—87.) 



328 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

verwandeln. Mit behutsamer Kühnheit hat man das, was schädigt, sogleich 
fortzunehmen. Immer muss man die erste Vereinigung anstreben. (Seine 
Vorgänger liebten »milde Eiterung« zu fördern!) Die Wunden der Augen- 
brauen-Gegend i) sowie die der Lider werden mit größter Genauigkeit ab- 
gehandelt. Bei der Naht der Li dspalte (Kolobom) ist das erste Heft so 
nahe, wie möglich, an dem Rand des Augenlids anzubringen. Die Vereinigung 
der Wunden wird begünstigt durch Verband, Heftpflaster, Naht. Ausge- 
zeichnete Krankengeschichten (Pfeifenrohr zwischen Augapfel und Orbita, 
Verschwinden der ganzen Regenbogenhaut nach Kuhhornstoß) erläutern 
diesen Abschnitt. 

Die intensiv großen Verletzungen der Augengrube sind die gefahr- 
vollsten, da sie meistens niclit blos den Bestand des Auges, sondern mit- 
unter selbst das Leben des Verletzten in größte Gefahr setzen. Indessen, 
wer oft Augenzeuge in solchen Fällen gewesen , kann lernen, wie viel die 
heilende Natur vermag, wenn man ihr nur nicht unbesonnen vorgreift. 
In den schlimmsten Fällen folgt Tod des Verletzten, Vernichtung des Aug- 
apfels; in den weniger schlimmen Schiefstehen des Augapfels, Amblyopie 
oder Amaurose, Vorfall des Augapfels, Trockenheit desselben. 

Nach den augenärztlichen Lehrbüchern soll man den vorgefallenen 
Augapfel augenblicklich zurückbringen. Aber das ist oft unausführbar und 
selbst gefährlich. Sind es Reste des verletzenden Werkzeugs oder Knochen- 
splitter, die den Augapfel verdrängen; so müssen dieselben zuerst beseitigt 
werden: dann wird der Augapfel von selbst zurücktreten. Ist es ein ge- 
waltiger Blut-Austritt, so muss man die Wunde erweitern und dem Blut 
Ausgang verschaffen. Ist bereits Entzündungsgeschwulst zugegen, so soll 
man abwarten, unter zweckmäßigem Verband. Liegt der Augapfel auf der 
Wange, blind, gequetscht, zerrissen; so muss er sogleich abgeschnitten 
werden. War er aber unbeschädigt, so kann er lange außerhalb der Augen- 
grube hegen und doch wieder Sehvermögen erlangen. 

Bei durchbohrenden AVunden der Hornhaut muss man alles 
aufbieten, um erste Vereinigung zu erhalten: hier passt. die Nach- 
behandlung des Star-Schnitts. Nach 36 — 48 Stunden sind die Augenkammern 
wieder vollgefüllt. Bleibt die Narbe zu lange undurchsichtig, so passt der 
göttliche Stein von St. Yves 2). Iris-Vorfall nach größeren Wunden am 
Hornhaut-Rande ist sofort zurück zu bringen, und zwar durch gelindes 
Reiben mit dem Lid und durch plötzlichen Einfall starken Lichtes ■'). 

V) Vgl. § 49d und § 417, 5. 

2) B. nimmt Grünspan, statt Vitriol, zu seiner Herstellung, löst 10 Gramm des 
göttlichen Steins in einer halben Unze destillierten Wassers (0,5 : 1 «,0), liltrirt, 
setzt 1 Scrupel (1,2) Laud. Liq. Sydenh. und 4 Unzen (120,0) Rosen- oder Pfeffer- 
minzwasser hinzu. Vgl. Graefe's Repert. augenärztl. Heilformeln 1817, § 297 
bis 300. 

3) Pupillen-verengernde Arzneimittel sind noch gänzlich unbekannt! 



Joseph Beer. 329 

Die Iris kann Zerschneidungen, ja auch Zerreißungen gut vertragen, 
wie die Operationen beweisen; aber nicht Quetschungen. Ein nach 
Verletzung aus der Hornhautwunde heraushängender Iris- Fetzen 
muss sogleich mit der Schere nahe der Hornhaut-Wunde abgeschnitten 
werden. 

Durch Erschütterung der vordersten Gegend des Augapfels entsteht 
Abreißung der Iris von ihrem Giliar-Rande. Peitschen-Hiebe, stumpfe 
Stöße bilden die Ursache. Wenn beide Pupillen des verletzten Auges offen 
bleiben, kann Doppeltsehen entstehen. 

Verletzung durch die Lederhaut bis in die Iris bewirken innere Blutung. 
Meist kann man das Blut dem Aufsaugungsprocess überlassen. 

Ist aber das Auge gespannt und härtlich durch die innere Blutung, 
so muss man die Hornhaut unten auf den achten Theil [= 41/2 Mm.] er- 
öffnen, um dem Blut Ablluss zu verschaffen. Quetschung und Zerreißung 
des Strahlenkörpers ist höchst gefährlich, 

Verletzung der Linse bedingt Trübung derselben, die nur bei sehr 
jungen Menschen gelegentlich sich aufsaugt. Jede heftige Erschütterung 
des Augapfels vermag die Kapsel zu zerreißen. Schon ein Nähnadelstich 
kann Star bewirken. Die Verletzungs-Stare sind öfters schwimmend oder 
zitternd. Erfolgt Verlust des Glaskörpers durch grobe Gewalt, z. B. durch 
Stoß eines Kuh-Horns; so ist das Auge meistens verloren. Fließt bei 
der Star- Ausziehung weniger, als Y3 des Glaskörpers, aus; so bleibt 
die Sehkraft meist erhalten. Starke Verletzung der Markhaut bedingt 
Amaurose. Heftiges Erbrechen erfolgt nach unvorsichtiger Niederlegung 
des Stars, mit Pupillen -Erweiterung; Opiate können heilend wirken. 
Zwei Mal wurde nach Verletzung des Augapfels durch eine Nähnadel 
Trismus ^) beobachtet, von etw a 2 tägiger Dauer, aber mit glücklichem 
Ausgang. 

Leichte, umschriebene Verätzungen der Augapfel-Oberfläche, auch der 
Hornhaut, kann man, unter lauwarmen Umschlägen oder Waschungen, der 
Natur-Heilung überlassen. 

Bei ausgedehnten Verätzungen der Bindehaut der Lider und des Aug- 
apfels kann durch zwischen gelegte Fremdkörper die Verwachsung zwischen 
Lid und Augapfel nicht verhütet werden. Ungelöschter Kalk wirkt ver- 
derblicher, als Mineralsäure. Der in der Haut des Oberlids stecken bleibende 
Bienen Stachel'^) hat in zwei Fällen binnen zwei Tagen ausgebildeten Brand 
bewirkt und den Verletzten an den Rand des Grabes gebracht: die Stachel 
müssen augenblicklich herausgeschnitten werden. 



1) Vgl. über diesen seltnen Ausgang Praun's Sonderschrift, die Verletzungen 
des Auges, 1899, S. 176. 

2) Diese Verletzung wird von Praun nur erwähnt, nicht beschrieben (S. 496). 
Ich selber kann mich nicht besinnen, einen Fall der Art beobachtet zu haben. 



330 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Die Thatsache, dass zuweilen die kleinsten Verletzungen sogar den 
Verlust des Auges durch Vereiterung nach sich ziehen, wird durch eine 
besondere Vulnerabilität^) erklärt. 

Bei stärkeren Augen-Entzündungen passen, — nach Beseitigung 
der Schädlichkeiten, zu denen Aufregungen, Unruhe, häufige Kranken- 
besuche, sehr nahrhafte, gewürzreiche Kost, Tabakrauch, Gebrauch des 
Auges, Einwirkung grellen Lichts, gerechnet werden, — kalte Umschläge, 
Blutegel, ferner Abführmittel, Aderlass, innerlicher Gebrauch des Salpeter. 
Ist aber bereits Eiterung eingetreten, so passen warme Umschläge, Ein- 
träuflung von lauwarmer Lösung des lapis divinus, von Tnct. opii. aq., 
Kräftigung des Organismus. 

Als erste Gattung der idiopathischen Augen-Entzündung wird 
die Augenlid-Entzündung (Blepharophthalmitis) betrachtet. Die be- 
sonderen Arten derselben sind die erysipelatöse oder cutane, die glandu- 
läre, die furunkulöse (Hordeolum). Unter der zweiten Art versteht Beer 
diejenigen Formen der Bindehaut-Entzündung, welche Schleim oder Eiter 
absondern 2] ; a) die katarrhalische, b) die blennorrhoische. Bei der ersteren 
werden im Anfang kalte Umschläge angewendet, auf der Hübe mit Subli- 
mat-Lösung (1 : 4000), Auflösung von Blei-Extract, Lapis divinus; im Nach- 
stadium noch die jANiN'sche Salbe: R. Mercurii praecipitati albi (Queck- 
silber-Ammonium-Chlorid) grana quindecim, Boli albi scrup. unum, Butiri 
recentis insulsi unciam dimidiam (0,75 : 1,25 : 15,0). 

Die Bindehaut-Eiterung der Neugeborenen wird folgender- 
maßen beschrieben: 

»Anfangs ist der Schleim weißlich und dünn; sobald aber Eiterung ein- 
tritt, wird er gelblich und dick; er quillt bei jedem Versuch die Augenlid- 
Spalte zu öffnen, mit Gewalt hervor . . . ; in schlimmen Fällen fließt wohl 

eine dem Fleischwasser ähnliche, dünne Jauche aus Die Bindehaut 

des Augapfels erhebt sich . . . allenthalben um die Hornhaut . . . Hört 
die Eiterung auf, so bleibt wieder reine Schleimabsonderung .... mit 
reinem Thränenfluss endigt die Krankheit.« Auch die Eiterung der Horn- 
haut, Staphylom-Bildung, Schwund des Augapfels wird gut geschildert. — 
Die von Beer (wie von Jamn und Ricbter) als sehr häufig beschriebene 
Umstülpung der »sarcomatös geschwollenen« Lider wird wohl heutzutage 
in unsren Gegenden nur noch überaus selten zur Beobachtung gelangen. 



1) Die Wundvergiftung ist erst im letzten Drittel des 1 9. Jahrhunderts 
klargelegt worden. Aber auch heute noch muss die individuelle Wehrkraft 
gegen Wundvergiftung in Rechnung gezogen werden. 

2) »Bei keiner Augenentzündungsform herrscht in den ophthalmologischen 
Lehrbüchern eine solche babylonische Verwirrung, als bei dieser . . . Alles, was 
man über Eitertriefen, Lippitudo, Blepharoblennorrhoe, gonorrhoische, rheuma- 
tische und katarrhalische Ophthalmie, über die Ophthalmie der Neugeborenen 
liest, gehört hierher.« . . . 



Joseph Beer. 331 

So genau B. die Bindehaut-Eiterung der Neugeborenen be- 
schreibt, bis in alle Einzelheiten (z. B. die gelegentliche Mitbetheiligung 
der Nasenschleimhaut, die Mancher von uns neu entdeckt zu haben glaubte,) 
und bis zu den letzten Ausgängen; so seltsam muthet es uns heute an, in 
der durch der Mütter Wochenfluss, besonders in Gebär-Anstalten, so ver- 
dorbenen Luft, in dem heftigen Lichtreiz und in der kalten Uebergießung 
des Kopfes, bei der Taufe, die Ursache des Eiterflusses finden zu sollen. 
Oertlich empfiehlt Beer systematische Beinigung der Augen und Einträuf- 
lung von Opium-Tinctur, später das Einstreichen von zusammenziehenden 
Salben. Die schlimme Prognose dieser Krankheit bei Beer muss 
man genau studiren, um heutzutage so recht zu verstehen, 
welchen Segen die 40 Jahre nach Beer, besonders von unsrem 
A. V. Graefe, eingeführte Behandlung des Eiterflusses mit dem 
Silbernitrat und die Verhütung der Krankheit, die wir C. S. F. 
Cred£ (1884) verdanken, über die Welt gebracht hat. 

Die zweite Gattung ist die Augenhöhlen-EntzünduiTg, wozu auch die 
der Thränendrüse, des Thränensacks u. s. w. gerechnet werden. Die dritte 
Gattung ist die Entzündung des Augapfels, Ophthalmitis. Ihre Ab- 
arten sind die äußere (Taraxis, Chemosis, wo nöthigenfalls Scarificationen, 
ferner Auflösungen des Lapis divinus angewendet werden,) und die innere. 
Die letztere wird wiederum eingetheilt in die eigentliche (von der Ader- 
und Mark-Haut ausgehende), und in die Begenbogenhaut-Entzündung, 
Iritis. 

Mit vollster Klarheit werden alle vom bloßen Auge oder mittelst der 
Lupe, deren Anwendung auf das lebende Auge in diesem Werke zum ersten 
Male deutlich hervortritt, sichtbaren Erscheinungen der Iritis, sowie auch 
die subjektiven Empfindungen des Kranken, geschildert. Die Pupille büßt 
ihre Schwärze ein und wird enger; die graue oder blaue Iris wird grünlich, 
die braune rüthlich. Die Hornhaut verliert ihren Glanz und ist von einem 
rosigen Gürtel umgeben. Heftige Schmerzen treten auf, hintere Verwach- 
sung, Verschluss der Pupille, gelegentlich ein echtes Hypopyon. Der ganze 
antiphlogistische Heil- Apparat wird in Bewegung gesetzt; innerlich Merkur 
gegeben, namentlich Calomel mit Opium; in die Augenbrauengegend graue 
Salbe mit Opium eingerieben. 

Auch hier bemerken wir eine klaffende Lücke in dem Heilver- 
fahren. Obwohl man derzeit die pupillen-erweiternde Kraft des Bilsen- 
kraut-Auszugs kannte i) und auch diagnostisch verwandte, z. B. bei Star, bei 



1) Schon die alten Griechen kannten, mindestens 200O Jahre vor Beer, ört- 
liche Augenmittel aus Hyoseyamus, Opium, Mandragora; kein geringerer, als 
Erasistratus hat die gegen sie erhobenen Vorwürfe durch Erfahrung wider- 
legt. Vgl. XII, S. 219. Und bei der Keratonyxis spricht Beer selber von der künst- 
lichen Erweiterung der Pupille. 



332 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

hinterer Verwachsung; — die segensreiche Behandlung der Regenbogen- 
haut-Entzündung mittelst der planmäßigen Einträuflung pupillen-erweitern- 
der Mittel gehört erst dem zweiten Drittel des XIX. Jahrhunderts an. 
(Die moderne Behandlung der Iritis, wie die der Blennorrhoe, verdanken 
wir hauptsächlich Albrecht von Graefe.) 

Nach den idiopathischen Augen-Entzündungen folgen die sympto- 
matischen, d. h. diejenigen, welche bei krankem Organismus entstehen i). 

Die variolüse^) Augen-Entzündung kann in jedem Stadium der Pocken 
sich entwickeln. Die variolüse Lid -Entzündung zeigt sich gleich mit 
dem Ausbruch der Blattern: die geschwollenen Lider, vorzüglich die Ränder,, 
strotzen von den sich erhebenden Blattern; die Geschwulst schwindet mit 
dem Abtrocknen der Pocken. Unheilbare rothe Flecken an den Lid-Rändern 
und Verlust der Wimpern bleibt zurück. Gelegentlich kommt es auch zum. 
Eiterfluss mit seinen gefährlichen Folgen, selbst Trauben- Staphylom. 
Auch kann Eiterfluss des Thränensacks zurückbleiben, vielleicht hatten sich 
in der Schleimhaut desselben wirkliche Blattern ausgebildet. Bei nicht 
vollkommen ausgebildeten Pocken entsteht erst im Eiterungs- oder Ab- 
trocknungs-Stadium der Hornhaut-Abscess, die Nachpocke. Auch diese 
soll, mit der Star-Nadel, geöffnet werden. Im II. Theil (S. 66, 1817) er- 
wähnt Beer, dass die variolüse Entzündung durch die Kuhpocken- 
Impfung sehr selten geworden. 

Die morbillösen und scarlatinüsen Augen -Entzündungen gehen 
in der Regel schon dem Ausbruch des Ausschlags gewissermaßen vorauf^); 
es sind wässrige Augen-Entzündungen, mit Wasser-Bläschen (Phlyktaenen), 
gelegentlich auch mit stärkerer Betheiligung der Hornhaut. Warme Bäder 
sind anzuwenden, auf das Auge eine Auflösung des Lapis divinus; inner- 
lich Antimon-Präparate. 

Von venerischen Augen-Entzündungen sind zu unterscheiden 1. die 
gonorrhoische, der Augen-Tripper, und 2. die syphilitische Iritis. Die 
erstere ist selten. »Der aus dem Auge fließende Schleim ist ebenso wahr- 
haft ansteckend, als der bei einem venerischen Tripper aus der Harnröhre 
ausfließende Schleim.« Beer hat sie nur nach Unterdrückung des Harn- 



1) Hier scheint Beer einen Irrthum, wenigstens im Ausdruck, begangen zu 
haben, indem er als Miasma die Besudlung von Mensch zu Mensch (z. B. durch 
Syphihs oder Krätze), als Contagium die Ansteckung durch das Mittel der atmo- 
sphärischen Luft (z. B. bei Pocken, Scharlach, Masern) bezeichnet. 

2) Diese Beschreibung der variolösen Augenentzündung ist ja nicht die erste,. 
(vgl. St. Yves, §359). Sie gehört aber zu den besten, wie ich schon 1871 in 
meiner eignen Arbeit über diesen Gegenstand {Berliner klin. W. 1871, No. 24) 
hervorgehoben habe. 

3) Mehr als einmal habe ich bei kleinen Kindern, die mit heftigem Binde- 
hautfluss mir gebracht wurden und dabei hohes Fieber zeigten, den Ausbruch 
der Masern vorhergesagt. 



Joseph Beer. 333 

rühren-Trippers beobachtet und sucht in dem Wiedererwecken des letz- 
teren das ganze Heil des Kranken! (Das war ja der Zeit die allgemeine 
Lehre.) Sogleich lässt er aber in seiner Erörterung die syphilitisch- 
skorbutische Ophthalmoblennorrhoe folgen, die, ohne dass Gonorrhöe 
voraufgegangen, oder, wenn wirklich ein habitueller Tripper zugegen ist, 
ohne dass er auf irgend eine Art unterdrückt worden, mit ungeheurer Ge- 
walt ausbricht und in der Regel beide Augen zerstört. Die Ansteckung 
mittelst eines mit fremdem oder eigenem Trippergift besudelten Tuchs oder 
Fingers soll nur leichtere Entzündungsformen liefern. (Es lässt sich nicht 
leugnen, dass hier eine schwache Stelle besteht: die Unklarheit in der 
Aetiologie, der Mangel einer wirksamen Therapie sollte erst durch spätere 
Forschungen ausgeglichen werden.) 

Die syphilitische Iritis wirft ihren Reflex rasch auf den ganzen 
Augapfel. In der Lederhaut bemerkt man eine Röthe, die einen Ring um 
die Hornhaut bildet, aber gegen die Peripherie des Augapfek hin sich ver- 
wischt. Allmählich röthet sich auch die Bindehaut des Augapfels in der 
Form eines sehr zarten Gefäßnetzes, das sich ebenfalls am Rande der Horn- 
haut mehr zusammendrängt, dichter wird, und an der Peripherie des Aug- 
apfels allmählich verschwindet; die schwach rosenrothe Lederhaut blickt 
durch. Die Hornhaut wird matt, aber nicht undurchsichtig, (durch An- 
sammlung einer nicht ganz reinen Lymphe zwischen den Lamellen); die 
Pupille weniger beweglich, verengt, winklig, die Iris geschwollen. Dabei 
besteht Thränenschuss und Kopfschmerz, besonders Nachts. Vom Rande 
der verengten Pupille bilden sich Fäden gegen die Vorderkapsel hin. Am 
Pupillen- oder Ciliar-Rand, oder an beiden zugleich, treten rothbraune 
Knötchen auf, Kondylome. Dazu tritt sogar nicht selten Pupillen-Sperre 
oder Erblindung durch Betheiligung der tieferen Gebilde, Glaskörper und 
Markhaut. Zur Heilung gehört natürlich Merkur. »So habe ich in jener 
heillosen Epoche, in der man die Syphilis durchaus ohne Merkur, blos 
durch die oxygenirte Salzsäure und Pomade heilen zu können glaubte, 
sehr viele mit heftiger, gefahrvoller, syphilitischer Augen-Entzündung Be- 
haftete übernommen, bei welchen sich wenige Tage nach vermeintlicher 
Heilung der Syphilis eine Blindheit drohende reine syphilitische Iritis ein- 
gestellt hatte.« Aber auch die Schmerz-Anfälle müssen bekämpft werden, 
durch Einreibung von grauer Salbe mit Opium in die Augenbrauen-Gegend 
und durch warme Compressen. 

(So bedeutend auch der Fortschritt gegenüber St. Yves, Heister, ja 
A. G. Richter in der Genauigkeit der Krankheitsbeschreibung, — in dem 
Heilverfahren bemerken wir die bereits erwähnte Lücke: der örtlichen An- 
wendung betäubender Mittel auf das Auge wird mit keiner Silbe gedacht.) 

Die seltene, nur bei der niedrigsten, unreinlichsten Volks-Klasse beob- 
achtete psorische Augen-Entzündung, bei welcher J. Beer »Besudelung 



334 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

des Auges mit einem durch psorisches Miasma verunreinigten Finger oder 
Tuch« wenigstens zulässt, hesteht aus Lidrand-Geschwüren und Rauhigkeit 
der Lid-Bindehaut (Trachomaj'^ und endigt in Haarkrankheit und Lid- 
Einstülpung. 

(Wir sehen also, dass hier die Krätze der Griechen mit der der Araber 
zusammengeworfen wird, was wir schon öfters, z. B. bei dem mittelalter- 
lichen Benevenutus [§ 291] gefunden haben. Bei den Griechen bedeutete 
^}^u)pa, <];(opocp{)aX[xiot, scabri oculi bei Celsus, die geschwürige Lidrand- 
Entzündung [§ 166]; bei den Arabern bedeutete garab, Scabies ocu- 
lorum ihrer lateinischen Uebersetzer, die Kürnerkrankheit, das Trachom 
der Griechen. [§ 277, S. 124 u. § 280, S. 169.]) 

So undeutlich die Beschreibung, Beeu scheint die Kürnerkrankheit 
wirklich, wenn auch selten, beobachtet zu haben. In der ersten 
Ausgabe seines Lehrbuchs (1792) hat er auf Fig. 4 der ersten Tafel eine 
allerdings recht unvollkommene Abbildung der Augenlider-Krätze (palpebra 
ficosa) geliefert. 

Von den kachektischen Augen-Entzündungen ist die erste Gattung 
die gichtige (0. arthritica). Zu deren Arten gehurt: 1. die gichlische 
Blennorrhoe, die Beer nach unterdrückter Podagra beobachtet, für außer- 
ordentlich gefährlich erklärt und nur durch Wiederherstellung der alten 
krankhaften Thätigkeit an den Füßen (Senfteige von den Knücheln bis zu 
den Waden) zu heilen im Stande war. 

(Das stimmt doch nicht ganz mit derjenigen Form, die als blennorrha- 
gische Augen -Entzündung bei gonorrhoischem Gelenk- Rheumatismus ja 
heutzutage wieder allgemein anerkannt wird.) 2. die gichtische Iritis um- 
fasst bei Beer zwei verschiedene Krankheilen, einmal eine wirkliche Iritis, 
die zum Pupillen- Verschluss führt, sodann unser entzündliches Glaukom 
mit Pupillen-Erweiterung und Ausbildung eines grünen Stars. »Vari- 
cosität der Blutgefäße der Augapfelbindehaut, eine schon mit freiem, noch 
besser mit bewaffnetem Auge sichtbare Varicosität der Blutgefäße der 
Regenbogenhaut, Erweiterung und Unbeweglichkeit der Pupille, Verschwin- 
den des kleinen Kreises der Iris, eine meergrüne Trübung in der Tiefe, 
matte, glanzlose Hornhaut, wie beim Kadaver, Schmerz, Aufhebung des 
Sehvermügens bis auf die kleinste Licht-Empfindung von außen, später 
gleiche Erkrankung des zweiten Auges,« — man muss gestehen, dass die 
Krankheit zum ersten Mal so vollständig und genau geschildert worden, 
wie es vor der Erfindung des Augenspiegels müglich gewesen. Natürlich 
war der grüne Star derzeit gänzlich unheilbar. Jeder davon Befallene 
wurde stockblind. 



-1) Beer, dessen Stärke nicht in der Sprachkenntniss liegt, schreibt Drachoma, 
Dassyma, Siccosis, Palpebra ficcosa; — so viele Namen, so viele Fehler. 



Joseph Beer. 335 

Die scrofulöse Augen- Entzündung, unter allen Ophthalmien die 
häufigste, hat als Arten die Lidrand-Entzündung, das Gerstenkorn, das 
Thränensackleiden, die äußere Ophthalmie. »Am Ende jedes Blutgefäß- 
Bündels erhebt sich ein Bläschen, welches bald berstet und sich in ein 
offenes Geschwür verwandelt, das, wenn nicht sorgfällig behandelt, eine 
völlig undurchsichtige Narbe zurücklässt, die dann nicht selten das Gesicht 
zeitlebens beschränkt oder gar aufhebt.« Dies wird heutzutage als phlyk- 
taenuläre Entzündung der Binde- und Horn-Haut bezeichnet. 

Die skorbutische Augen -Entzündung ^l macht den Beschluss des 
ersten Bandes. »Es ist übrigens begreiflich, dass die geringfügigsten posi- 
tiven Schädlichkeiten schon hinreichend sind, um bei dem geringen Reiz- 
Vertrag eines vollkommen Skorbutischen eine buchst verderbliche Augen- 
Entzündung zu setzen.« Violette Rüthung der Lederhaut, Glanzlosigkeit 
der Hornhaut, Irisgefäße, Blutungen in der Augapfelbindehaut, in die Vorder- 
kammer, Verlust des Sehvermüges, Wülste in der Lederhaut, — das ist 
das traurige Bild unheilbarer Veränderungen, das Beer beschreibt, das ich 
aber in 40 jähriger Beobachtung, so viel ich mich erinnere, nie gesehen 
habe. 

§ 445. Im II. Bande werden von den Nachkrankheiten^) der 
Augen-Entzündung zunächst die mehr dynamischen abgehandelt, welche 
unter Pflege und einfachen Reizmitteln zu heilen sind: Erschlaffung und 
Hautwassersucht der Lider, Mangel der Wimpern, Schielen mit Lähmung 
(Luscitas), Doppeltsehen; Gesichls-Schwäche, die häufiger symptomatisch, 
z. B. durch Hornhautflecke bedingt, als nervös ist; Thränenträufeln, Thränen- 
fluss, Trockenheit des Auges. 

Durch fehlerhafte Mischung sind bedingt und mischungsändernde 
Arzneien erheischen: Lidrand-Schwiele, Verwachsung der Traubenhaut mit 
der vorderen Linsenkapsel, Hornhaut-Bruch und Iris-Vorfall, Hornhaut- 
Staphylom^), Hornhaut-Flecken. 

Die Behandlung der letzteren wird sehr sorgsam erörtert. Zu den 
vorbereitenden Mitteln gehören Vipern-Fett, Wallnuss-Oel. Zu den mischungs- 
ändernden: I . ranzige Fette, 2. Metall-Präparate (Mercurii praecip. rubri 



i) Vgl. in unsrem Handbuch XI, 1, S. 323— :'25. 

2) »Doch muss ich bemerken, dass ich nicht alle jene Nachkrankheiten der 
Augenentzündung, die ich hier noch als unheilbar aufzustellen mich gezwungen 
sehe, für wirklich absolut unheilbar halte « Diesen allgemeinen Satz Beer's, der 
die kritische Weisheit seines Urhebers bezeugt, möchte ich gerade an dieser 
Stelle einfügen, wo jedem Fachgenossen von heute die Richtigkeit handgreiflich 
wird. 

31 »In einem Missverhältnis zwischen Sekretion und Resorption der wäss- 
rigen Feuchtigkeit liegt die letzte und wichtigste Bedingung der Ausbildung eines 
Hornhaut-Staphyloms. « 



336 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

gr. VIII, Butyri dr. ii, also 0,5:7 oder 1:14, mithin ein wenig schwächer, als 
Ung. Hydr. rubr. des Arzneibuches f. d. deutsche Reich, IV, 1900, = 1:9). 
Die Salbe wird eingestrichen und mittelst des Oberlids eingerieben. 
(Massiren ist nur ein neues Wort.) 3. Salzlösungen, wie Sal tart. 
gr. ii, Aq. dest. q \. 4. Pulver, wie Zucker, Borax, Sepia-Knochen, Bim- 
stein. 5. Aetzmittel, wie Höllenstein (gr. ii, aq. dest. 3 ß, also 0,1:15 
oder 1 : 150). 

»Rothe Präcipitatsalbe, die allgemeine Panacee der sogenannten 
Augenärzte, der Nicht- Augenärzte und der alten Weiber.« »Nur in dieser 
Unwissenheit und Indolenz mancher Augenärzte liegt es, dass nicht selten 
Quacksalber, welche eine kräftig wirkende, mischungsändernde Augensalbe, 
oder ein ähnliches Mittel in Pulverform als ein Arcanum verwahren, (das 
übrigens auch von einsichtsvollen und fleißigen Augenärzten mit dem glück- 
lichsten Erfolge gebraucht wird,) solche als unheilbar erklärte Augenkranke 
(mit Hornhaut-Narben) blindlings heilen, wodurch sie sich denn natürlich 
sowohl bei dem adelichen als unadelichen Pübel einen gewissen Ruf be- 
gründen, dem zuweilen selbst die wachsamste medizinische Polizei keinen 
Abbruch zu thun im Stande ist.« (Auch ein Albrecht von Graefe konnte 
die Bestrafung des Sattlers Müller nicht erzielen, der mit rother Präcipitat- 
Salbe zahlreiche Augen zu Grunde gerichtet.) 

Durch zweckwidrige Form sind bedingt und erheischen neben 
andrem auch die Operation: Ptosis, Haarkrankheit, Verwachsung der 
Lidränder, Verwachsung des Augapfels mit den Lidern, Ectropium sar- 
comatosum, Hagelkorn, Krebs der Lider, Bruch und Wassersucht des 
Thränensacks u. A. B. bevorzugt das Durchziehen von Darmsaiten 
(nach Eröffnung des Thränensacks) und verwirft Anel's Einspritzung in die 
Thränenröhrchen. »Durch eine so rohe Behandlung wird das Leben dieser 
zarten Gebilde sicher auf immer vernichtet.« 

Die allgemeine Varicosität des Augapfels, eine Folge der arthrilischen 
Entzündung; wobei derselbe wie ein eiförmiger Kieselstein anzufühlen, ist 
ein Noli me tangere. 

Das Glaukom (Trübung des Glaskörpers) und der grüne Star gehören 
als Folgekrankheil zur arthritischen Augen-Entzündung, entwickeln sich 
aber zuweilen ohne vorhergegangene Entzündung des Auges, nur bei 
wirklichen Gichtkranken. Das Glaukom kann geraume Zeit bestehen, 
ohne dass die Linse einen merklichen Antheil nimmt; nie aber tritt erst 
die eigenartige Trübung der Linse und dann das Glaukom auf. Glau- 
kom und grüner Star müssen zu den unheilbaren Krankheiten gezählt 
werden. 

Gegen die Pupillensperre kommt hauptsächlich die (von Beer selber 
erfundene) Ausschneidung der Regenbogenhaut in Betracht. 
(§ 343,2.) 



Joseph Beer. 337 

Zu den unheilbaren Nachkrankheiten wird nicht blos Schrumpfung 
der Hornhaut, Schrumpfung des Augapfels, der ausgebildete grüne und 
schwarze Star gerechnet, sondern auch die durch Substanzverlust begrün- 
dete Lid-Ausstülpung und das Hasen-Auge. Natürlich, die plastische Wund- 
arznei-Kunst der Inder war damals noch nicht nach Europa verpflanzt, 
oder doch noch nicht genügend bekannt geworden. (Vgl. § 23.) 

Der zweite Hauptabschnitt, die Lehre vom grauen Star, ist so voll- 
kommen ausgearbeitet, dass sie, wenn einige wenige xVuswüchse fortge- 
schnitten werden, noch heute ihre volle Giltigkeit behauptet. Dabei ist 
sie voll der feinsten Beobachtungen, z. B. dass der Pigmentsaum der Iris 
auf dem grauen Star so deutlich gesehen wird; dass die Star-Kranken die 
Kerzenflamme in einem weißlichen Dunstkreis gehüllt sehen, während 
Amaurotiker (Glaukom-Kranke) sie vollkommen regenbogenartig sehen ; dass 
in dem unechten Star, d. h. an der von Regenbogenhaut-Entzündung zu- 
rückbleibenden Haut in der Pupille, Blutgefäße mit der Lupe sichtbar sind. 
Der echte graue Star liegt »inner den Grenzen der Linsenkapsel«. Man 
unterscheidet Linsen-Star, Kapsel-Star (wobei zu bemerken, dass Beer's 
vorderer Kapsel-Star = vorderem Rinden-Star, sein hinterer Kapsel-Star = 
hinterem Rinden-Star), MoRC.^GNi'schen Star, Kapsel-Linsen-Star i); harten, 
weichen, flüssigen, reinen und complicirten. Reif ist der Star, sobald er 
keiner weiteren Ausbildung mehr fähig ist. »Die Aetiologie des Stars liegt 
leider noch immer in der Wiege.« Hohes Alter ist ein ursächlicher Um- 
stand. Starke und langwierige Einwirkung der Sonnenstrahlen erklären 
den (frühzeitigen) Star der Landarbeiter. Aehnlich zu erklären ist auch 
der Star der Glasbläser. 

Das Kapitel von der Star-Operation ist meisterhaft und für jeden 
ernsthaften Fachgenossen noch heute lesenswerth. 

Unter den 6 Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um den Erfolg der 
Star-Operation mit größter Wahrscheinlichkeit sehr günstig zu gestalten, 
verlangt B. als 4., dass der Operateur nicht nur alle erforderlichen 
medizinisch-chirurgischen Kenntnisse überhaupt, sondern noch besonders 
die Einsicht besitze, die wahrscheinlich zweckmäßigste Operations-Methode 
für die vorUegende Art des Stares auszuwählen; und dass er außerdem 
noch, theils von der Mutter Natur, theils durch seine specielle Bildung auch 
die anderweitigen geistigen und körperlichen Eigenschaften eines trelflichen 
Augen-Operateurs erhalten hat: nämlich ein scharfes Gesicht, eine feste 
aber leichte, zu mechanischen Künsteleien überhaupt geeignete Hand, lange, 
geschmeidige Finger, einen zarten Tastsinn und ein gewisses Zartgefühl in 
der technischen Behandlung dieses höchst individualisirlen Oreans, voll- 



-1) Den vorderen Scheitel-Star (mit Kurzsichtigkeit,, den Axial- und den Py- 
ramiden-Star beschreibt Beer schon ziemlich genau, ferner den trocken -hül- 
sigen u. a. 

Handbuch der Augonbeilkiinde. 2. Aufl. XIV. Bd. XXIII. Kap. 22 



338 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

kommene Furchtlosigkeit, unerschütterliche Gegenwart des Geistes und ge- 
hörige Umsicht 1). 

»Der Augenarzt soll die Unruhe und ängstliche Besorgnis des Star- 
Blinden — so viel, als möglich zu mäßigen trachten; die einmal von 
dem Kranken beschlossene Operation nicht lange aufschieben, 
denn die Aengstlichkeit wächst mit jedem Tage, ja mit jeder 
Stunde.« (Von dieser zweiten Regel hat uns zum Glück das neunzehnte 
Jahrhundert, das den Schmerz tüdlete, erlöst und uns größere Freiheit ge- 
geben.) 

Die früher üblicheVorbereitung (durch Aderlass, Schröpfen, Abführen, 
Fasten, Kräuter- und Molkenkur) ist eher schädlich. Den rein örtlichen 
Star kann man zu jeder Jahreszeit glücklich operiren, wie 1460 Star- 
Operationen gelehrt haben 2). Für sehr Fettleibige ist der Winter die taug- 
lichste Jahreszeit, für solche, die zu katarrhalischen und rheumatischen 
Beschwerden geneigt sind, der trockne, warme Sommer oder der strengste 
trockenste Winter. (Dass hierin viel beherzigenswerthes liegt, wird kein 
Erfahrener leugnen, namentlich w^enn er auch chronische, fast unheilbare 
Bindehaut- und Lidrand-Katarrhe mit in Betracht zieht. Aber die neueren 
Darstellungen, auch die ausführlichsten, beobachten hierüber ein beredtes 
Schweigen.) 

Es giebt drei Arten der Star-Operation: i) die Verschiebung (Nieder- 
drückung oder Umlegungi, 2) die Ausziehung, 3) die Zerstücklung durch 
den Hornhaut-Stich (Kerato-nyxis). Jede dieser Star-Operationen hat in 
bestimmten Fällen offenbare A^orzüge vor den beiden andren. 

Der Starblinde wird schief gegen ein Fenster gesetzt, so dass das 
Licht zwar hinlänglich, aber schief auf beide Augen einfällt und kein 
hinderlicher Licht-Reflex auf der Hornhaut erzeugt wird. Der Operateur 
sitzt vor dem Blinden, aber höher, so dass des ersteren Kopf grade seiner 
Brust gegenüber steht. Der Gehilfe, der das Oberlid erhebt, steht hinter 
dem Kranken. (Es wäre ein Gewinn, den Gehilfen entbehren zu können.) 
Alle Feststellungs-Instrumente taugen nichts 3). Das rechte Auge muss mit 
der linken, das linke mit der rechten operirt werden; wer sich nicht gleiche 
Kunstfertigkeit beider Hände aneignen kann, bleibt ewig ein Stümper^). 



4) In kulturgeschichtlicher Hinsicht ist es recht anziehend, damit zu 
vergleichen des Celsus Anforderungen an den Wundarzt (§ )7l), die Bemerkungen 
des 'Ali b.'Isä (§ i68, S. 46), die Anforderungen 'Ammär's an den Augenarzt (§ 269, 
S. 55), die von Guy de Chauliag i'§ 296), G. Bartisch's Anforderungen an den 
rechten Oculisten (§ 320, S. 338), Heister's an den Star-Operateur (§ 411). 

2) Das ist je gewiss genug, in 30 Jahren; ich selber hatte in meiner Privat- 
Anstalt in nahezu 32 Jahren (bis 1901) 1645 Kernstarausziehungen verrichtet. 
(Berliner Kl. W. 1901, No. 3-2.) 

3) D. h. die damaligen! 

4) Vgl. § 70, § 180, § 259. Ferner Einführung i. d. Augenheilk. I, S. 68. 



Joseph Beer. 339 

Unter günstigen Verhältnissen kann man beide Augen in derselben Sitzung 
operiren. Sieht das zweite Auge noch etwas, so soll es während der 
Operation des Starblinden nicht verbunden werden. 

Bei der Niederdrückung wird der Star mit der Nadel fast senkrecht 
unter die Pupille so weit herab und etwas in den Glaskörper gedrückt, 
dass er dem Gesicht nicht mehr hinderlich sein kann. Bei der Umlegung 
fasst man die Vorderfläche des Stars mit der Nadel und legt ihn nach 
außen-unten in den Glaskörper nieder, so dass seine vordere Fläche jetzt 
zur oberen wird. 

Jede Verschiebung eines ganz oder theilweise harten, eines Balg- oder 
häutigen, zähen Stars ist nur eine Palliativ- Kur. Denn jeder dieser Stare 
bleibt im Auge als ein unorganischer, fremder Körper liegen, der dem 
Operirten das Gesicht zum Theil oder völlig rauben kann. »Ich habe bis 
jetzt keine Gelegenheit versäumt, solche Augen nach dem Tode auf das 
sorgfältigste zu untersuchen, in welchen beim Leben die Depression oder 
Reclination des Stares vorgenommen worden war, und unter diesen be- 
fanden sich solche, die man schon vor 20 und mehr Jahren operirt hatte; 
aber beinahe bei allen fand ich die feste, unauflösbare, meistens merklich 
verkleinerte Linse mit und ohne Kapsel.« 

Also könnte Depression und Reclination nur dann angezeigt sein, wenn 
Ausziehung des Stars entweder unausführbar oder ein zu großes Wage- 
stück wäre : hierher gehören sehr flache Hornhaut, sehr tief liegende Augen 
mit sehr eng gespaltenen Lidern, bedeutende Verengerung der Pupille, Un- 
folgsamkeit der Kranken wegen kindlichen Alters, angeborener Stupidität 
u. dergl. 

Bei der Ausziehung muss der Hornhautschnitt hinlänglich groß sein, 
d. h. er muss die Hälfte der Hornhaut so nahe, als möglich, an ihrem 
Rande öffnen. Die Spitze des (dreieckigen) Starmessers wird im äußeren 
Augenwinkel auf die Hornhaut gesetzt, Yg'" von ihrem Rande entfernt, 
Y4'" oberhalb ihres Querdurchmessers, schief gegen die Regenbogenhaut 
und die Schneide abwärts; sowie die Spitze des Messers eingedrungen, 
wird es zum Ausstichs-Punkt hin, dann unter Senkung des Heftes vor- 
geschoben, bis der Schnitt vollendet ist. Die letzte Vollendung des 
Schnitts geschieht langsam. Jetzt lässl man das Oberlid fallen und giebt 
dem Operirten einige Secunden Ruhe. Hierauf wird die Kapsel mit der 
Star-Lanze zerschnitten und der Austritt der Linse befördert. 

Beim Glotzauge macht man den Schnitt nach außen-unten. Bei dem 
Linsenstar mittlerer Consistenz kann mau den Versuch machen, den Star 
samt seiner Kapsel aus dem Auge zu schaffen i) : nach dem Schnitt stößt 



i) Vgl. Beer, Methode, den grauen Star samt der Kapsel auszuziehen. Wien 
099. 

22* 



34:0 XXUI. liirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

man die Star-Lanze so in den Mittelpunkt des Stares ein, dass eine ihrer 
Flächen aufwärts sieht, und bewegt sie schnell in kurzen, senkrechten 
Schwingungen, dreht sie, dass eine ihrer Flächen nasenwärts sieht, und 
wiederholt die Schwingungen in wagerechter Richtung, und zieht dann 
schnell die Lanze aus, der dann meist der Star samt seiner Kapsel von 
selbst nachfolgt. Wenn nicht, zerschneidet man wie gewöhnlich, die Kapsel. 
Bei ganz hartem Star kann die Star-Lanze nicht eindringen. 

Der Balg-Star muss, wenn er nach dem Schnitt nicht von selbst aus- 
tritt, samt Kapsel mit dem Haken ausgezogen werden. Ebenso der trocken- 
hülsige. Bleibt nach Entleerung des flüssigen Stars verdickte Kapsel zurück, 
so wird sie mit der Pincette ausgezogen. 

Zum Verband lässt man den Operirten nach oben blicken, während 
man das untere Lid abzieht und erst los lässt, wenn er das Auge ge- 
schlossen; klebt einen schmalen Streifen englischen Heftpflasters senkrecht 
über die Augenlidspalte und legt eine doppelte feine Leinencompresse dar- 
über, die man nur auf der Stirn mit einer gewöhnlichen Stirnbinde be- 
festigt. Beide Augen werden so verbunden. Der Operirte liegt auf dem 
Rücken zu Bett, mit dem Kopf nicht zu niedrig, in einer nicht zu sehr 
verfinsterten Stube, wenigstens so lange, bis die Wunde sich wirklich ge- 
schlossen hat. Da die Gompressen durch die immer ausfließende wässrige 
Feuchtigkeit in den ersten zwei Tagen öfters durchnässt werden, so muss 
man sie einige Male des Tages mit trocknen und etwas erwärmten ver- 
tauschen. Am 5. oder 6. Tage wird das Auge vorsichtig geöffnet, am 
8. — 10. lässt man es offen, mit Schirm in halbdunkler Stube. 

Fällt die Iris vor das Messer, so muss man den Zeigefinger der andren 
Hand sanft gegen die Hornhaut drücken. Ist der Schnitt zu klein, so muss 
er mit der Schere erweitert werden. Bleibt die Pupille zu eng, so muss 
man ein wenig w' arten, bis wieder etwas Kammerwasser sich angesammelt 
hat, und dann bei mäßiger Beleuchtung die Opei^ation vollenden. Zögert 
nach regelrechter Kapsel-Zerschneidung und sanftem Druck auf den Aug- 
apfel der Linsen-Austritt, so muss man in dem Augenblick, wo der 
unterste Rand des Stars zum Vorschein kommt und ein schwarzer halb- 
mondförmiger Zwischenraum zwischen ihm und dem unteren Pupillar-Rand 
erscheint, den DAViEL'schen Löffel einschieben und den Star durch sanften 
Zug aus dem Auge schleifen, wobei allerdings fast immer ein sehr kleiner 
Theil der Glasfeuchtigkeit verloren geht, aber unvergleichlich viel- weniger, 
als wenn man durch den vorgefallenen Glaskörper erst mit dem Löffel ein- 
gehen und die Star-Linse herausholen müsste. Legt sich etwa nach dem 
Austritt des Stars die Regenbogenhaut zwischen die Wundlippen der Horn- 
haut, so niuss sie sogleich zurückgebracht werden : man reibt das obere 
Augenlid schnell, aber gelinde mit dem Daumen und lässt dann plötzlich 
das Auiie öffnen. Star-Reste werden durch ähnliches Reiben und mit dem 



Joseph Beer. 341 

ÜAViEL'schen Löffel herausbefördert. Verdunkelung der vorderen Linsen- 
kapsel wird mit der gezähnelten Pincelte ausgezogen. Zeigt sich die hin- 
tere Kapsel verdunkelt, so zerschneidet man mittelst des Häkchens dieselbe 
nebst der Glashaut in der tellerförmigen Grube'), was ohne kleinen Ver- 
lust der Glasfeuchtigkeit niemals geschehen kann. Drückt im letzten Augen- 
blick der Wundarzt oder der Gehilfe oder der Operirte zu stark, so tritt 
hinter dem Star ein Theil des Glaskörpers hervor. Am sichersten ist es, 
wenn man die vorgefallene Partie des Glaskörpers sich selber überlässt. 
Die Wunde verheilt zwar langsam und mit sichtbarer Narbe, die Pupille 
bleibt nach der Wunde verzogen, Regenbogen- und Glas-Haut verwachsen 
mit den Wundlippen der Hornhaut: aber das Sehvermögen leidet nur wenig, 
wenn etwa nur * /g oder Y4 des Glaskörpers verloren gegangen. 

Der geübte, vorsichtige Augen-Operateur wird nach der Ausziehung 
nicht häufiger, als nach den andren Verfahren, Entzündung beobachten. 
Welcher gebildete und unbefangene Augenarzt wird also nicht die Opera- 
tionsmethode vorziehen, durch die er seinen Kranken eine radikale Hilfe 
zu leisten im Stande ist? 

3) Die Zerstücklung des Stars und seiner Kapsel ist keine neue Er- 
findung. Nur das Einführen des Instruments durch die Hornhaut und 
durch die künstlich erweiterte Pupille gehört der gegenwärtigen Zeit an. 
Da die Linse sich auflösen soll, muss der Star weich, flüssig oder sulzig 
sein. Bei Kindern und sehr jugendlichen Individuen passt dieses Verfahren; 
übrigens dauert es einige Wochen oder Monate bis die Pupille rein wird. 

Die Star-Brillen dienen zum Ersatz der Linse. 

Zwei Monate nach der Operation soll man warten, — bis kein Zunehmen 
der Sehkraft mehr bemerkbar wird. (Die Regel, welche Beer zur Wahl 
der Star-Brille giebt, verstehe ich nicht. Der Operirte soll ermitteln, ob 
er einen großen Buchstaben [in einem Titelblatt] ohne Bewaffnung deutlich 
erkennen kann; dann Entfernung des Auges und Größe des Buchstaben 
mit einem Faden messen und dies doppelte Äfaß einsenden: danach wird 
ein verständiger Optiker ihm die richtige Brille anfertigen. Die Brillon- 
lehre ist Beer's schwache Seite. Ein wenig ist er auf G. Bartisch's 
Standpunkt verblieben.) 

So berühmt das dritte Hauptslück, vom schw^^rzen Star, bis zur 
Mitte unsres Jahrhunderts gewesen, so viel Werth Beer selber darauf legte, 
so interessante Einzelbeobachtungen auch darin vorkommen, wie von der 
Amaurose in der Schwangerschaft, der durch Bleivergiftung, von der Heilung 
einseitiger Amaurose durch Anbohren der krankhaft erweiterten Sliriihöhle, 
— als ganzes ist diese Darstellung durch IlELMnoLTz's Erfindung hin- 
fällig geworden und soll uns hier nicht weiter lieschäffigen. Die Darstellung 

1) Vorläufer von Hasner's Glaskörperstich. 



342 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

der Irrthüraer darf nicht einen zu breiten Raum in der Geschichte der 
Wissenschaft einnehmen. Uebrigens hat Beer selber nach 30 jähriger Er- 
fahrung erklärt, dass, obwohl er arme Amaurotische Jahre lang aus seinem 
Eignen mit den nüthigen Lebensbedürfnissen versorgt, um sie genau und 
lange beobachten zu können und endlich zu reinen Resultaten in der Dia- 
gnose zu kommen, er doch erst seit dem Jahre 1810 die Lehre von der 
Amaurose in seinen Unterricht aufgenommen, aber wegen des herannahen- 
den Alters darauf Verzicht leisten müsse, mit der Erkenntniss der Amau- 
rose in's Reine zu kommen. 

Als schwarzen Star bezeichnet B. eine Beschränkung oder Aufhebung 
des Sehvermögens, welcher zunächst ein krankhafter Zustand des Seh- 
nervengebildes (von der Netzhaut bis zum Gehirn) zu Grunde liegt. 

Dass Beer den Kurz- und Weitsichtigen die Wahl der Brille überlässt, 
indem er ihnen einen guten Rath mit auf den Weg giebt; dass er das 
Schielen nicht operativ heilen kann, beides möchte ich zum Schluss nur 
einfach erwähnen. 

Berühmt ist neuerdings die Stelle geworden (II, 659): »Ob man übrigens 
bei einem fast an wirkliche Blindheit grenzenden Grade der Kurzsichtig- 
keit dem Leidenden nicht etwa eine wahrhaft gründliche Hilfe durch Aus- 
ziehung der Linse bieten könnte?« (Vgl. § 384.) 

Jeder, der Beer's Werk in die Hand nimmt, wird auch aus den natur- 
getreuen und künstlerisch vollendeten Abbildungen verschiedener krank- 
hafter Zustände des Auges noch heute Belehrung zu schöpfen im Stande sein. 

§ 446. Es ist zweifellos, dass keine Augenheilkunde des 18. Jahr- 
hunderts an Inhalt oder Gehalt, eigner Erfahrung, feinsten Beobachtungen, 
neuen Thatsachen, trefflichsten Heil-Regeln diesem Leitfaden auch nur an- 
nähernd gleichkommt. Auch die Form ist vollendet, lästig allerdings die 
Umhüllung mit allgemeinen Erörterungen. 

So bedeutsam auch das Wirken und Fortwirken dieses Werkes that- 
sächlich gewesen, so kann man doch nicht behaupten, dass es, etwa wie 
einst das Werk des Demosthenes für die Griechen oder das des ^Ali b. Isä 
für die Araber, den widerspruchslos angenommenen Kanon der 
Augenheilkunde dargestellt hätte: das war eben nicht der Fall, nicht 
einmal für die Deutschen, geschweige denn für die Ausländer. 

In der Vorrede zu der französischen Ausgabe der Augenheilkunde 
von ScARPA (Paris 1821) heißt es: »Die deutschen Aerzte haben die Arten 
der Ophthalmie so sehr vervielfältigt, ihre Eintheilungen sind so kleinlich 
(minutieuses), ihre Lehre so verschieden von der unsrigen, dass 
wir uns nicht in eine Erörterung einlassen möchten, die nach unsrer Em- 
pfindung keinen praktischen Nutzen haben kann. Indessen haben wir 
nicht dasselbe Stillschweigen über alle ihre Arbeiten beobachtet. So haben 



Nationale Strebungen. 343 

wir die Zeichen aufgezählt, mitlelst deren sie die verschiedenen Slar-Aiten 
a priori zu erkennen vorgeben; wir haben ihre Gedanken und die der 
Engländer bezüglich der Pupillen-Bildung auseinandergesetzt und auch die 
besonderen Ansichten einiger französischer Aerzte mitgetheilt. « (Wir werden 
gleich sehen, dass die Franzosen d. Z. gar keine Ursache hatten, ihre Dar- 
stellung der Ophthalmie für so viel besser zu halten und hochmüthig auf 
die der Deutschen herabzublicken.j 

Noch deutlicher ist Travehs in London (1824): »Das sorgfältig durch- 
gearbeitete Werk von Prof. Beer in Wien, eine Lebens-Arbeit, soll nach 
dem Urtheil derjenigen unsrer Landsleute, die Deutsch lesen und zuständig 
sind, sein Verdienst zu würdigen, eine Vertrautheit mit den Augenkrank- 
heiten an den Tag legen, eine Reichhaltigkeit des Stoffs, eine Tiefe und 
Genauigkeit der Beobachtung, eine Sicherheit und Treue der Diagnose, die 
in keinem andern Gebiet der Krankheitslehre erreicht wird. Walther in 
Landshut, Schmidt in Wien, Himlt und Langenbeck in Göttingen u. a. haben 
sich in demselben Untersuchungsgebiet ausgezeichnet. 

Ich hege die feurige Hoffnung, dass dies Beispiel deutschen Fleißes 
als Anreiz für unsre Bestrebungen wirken möge; und, wenn es sich so be- 
weist, so will ich, ohne die Ausdehnung oder den Werth ihrer Forschungen 
in der Augenheilkunde in Frage zu ziehen, meine Ueberzeugung ausdrücken, 
dass wir ihnen zu größtem Dank verpflichtet sind. 

Nationen, wie Individuen, sind unterschieden, welchen Ursachen man 
es auch zuschreiben mag, durch einen besonderen Charakter, der klar 
hervortritt in ihrer Sonder-Art der Beobachtung, Ueberlegung, Handlung . . . 
Es würde mir leid thun, den nüchternen Sinn meiner Landsleute verdorben 
zu sehen durch Geschmack an mäkelnden (fastidious) Eintheilungen. Ein- 
fachheit ist das charakteristische Merkmal der englischen Wundarznei- 
kunst.« 

Uebrigens hat Beer es, w^enigstens den Franzosen, zurück- oder 
vor- gegeben (Rep. I, 39, 1799): »Ich erkenne mit wahrer Verehrung alle 
die großen Verdienste, welche sich die französischen Wundärzte um das 
Fach der Augenkrankheiten erworben haben: der Deutsche bessert und 
vereinfacht nun freylich soviel daran, dass die Erfinder kaum ihre Er- 
findungen hie und da mehr erkennen dürften; aber doch kann ich nicht 
umhin, zu Zeilen zu lächeln, mich auch wohl mitunter zu ärgern, wenn 
ich wirklich gute und nützliche Gedanken so unkenntlich unter französischen 
Tändeleyen verkappt finde ; der Franzose kann platterdings nichts ohne 
Lärm, ohne Aufsehen zu erregen, unternehmen; — da, wo der Deutsche 
ein Instrument gebraucht, muss der Franzose wenigstens 2 oder 3 bey der 
Hand haben; und er erschwert dadurch muthwillig die Operation, um nur 
zu glänzen, um nur bewundert zu werden; der Kranke kommt hier gar 
nicht in Rechnunsr. < 



344 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Einen wissenschaftlich universellen Standpunkt hat Prof. K. Himly zu 
Güttingen 1809 verfochten'). »Die kräftige Behandlung der englischen 
Aerzte muss die Aufmerksamkeit erregen. Die französische hat den 
Werth, dass man die Krankheit wie unvorbehandelt betrachten kann. Die 
deutsche Nation sollte keinen Gemeingeist haben, als eben diesen, keinen 
zu haben. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen soll man keinen Nalional- 
Geist haben, sondern den universellen.« 

(Heutzutage werden, obwohl in den 100 Jahren allenthalben das 
National-Gefühl so mächtig erstarkt ist, in wissenschaftlichen Schriften, 
namentlich auch unsres Faches, derartig allgemeine und unrichtige Ur- 
theile kaum noch angetroffen. — hi unsrer deutschen Geschichte der 
Augenheilkunde sind die Verdienste der Franzosen und der Engländer und 
aller andren genau ebenso gewürdigt worden, wie die unsrer Landsleute'-'.) 

Um also zu einer vollständigeren Einsicht dessen zu gelangen, 
was nach der Jahrhundertwende den Kanon der Augenheilkunde vertritt, 
scheint es mir gerathen, der Erörterung des deutschen Hauptwerks noch 
die des vorzüglichsten französischen, englischen, italienischen aus ungefähr 
derselben Zeit folgen zu lassen: wobei wir allen diesen noch einen Vor- 
sprung von 3 — 8 Jahren gewähren und somit den Vortheil, ein solches 
Werk, wie das von Beer, benutzen zu können. 

§ 447. 2) Precis theorique et pratique sur les maladies des yeux par 
A. P. Demours, Docteur en med., med.-oculiste du roi . . . A Paris, chez 
l'auteur, rue de l'Univ. No. 19. 1821. (598 S.) Auf der Rückseite des 
Titelblatts steht: Les exemplaires qui ne seront pas signös de la main de 
Tauteur seront contrefaits. 

In der Vorrede weist D. hin auf die Unterscheidung der verschiedenen 
Gewebe durch Pinel und Bichat, auf die Unmöglichkeit einer genauen und 
regelrechten Eintheilung der Krankheiten, auf die Ueberflüssigkeit solcher 
Namen wie Psorophthalmie und Scleriasis, Trachoma, wobei er das letzlere 
ganz irrig als »Rauhigkeit der Lidränder« erklärt. 

Die Ophthalmie ist Entzündung einer oder mehrerer der das Auge 
zusammensetzenden Häute. Am häufigsten befällt sie die Bindehaut. (Die 
örtliche Reizung, welche Durchdringung der Haargefäße mit Blut bewirkt, 
ist für D. — nach Bichat — das Wesentliche der Entzündung.) 



1) Einleitung zu Runde's Uebersetzung von Ware's Chirurg, observations. 
Himly's Standpunkt wäre zu loben, wenn er nicht auf dem damaligen Tiefstand 
des deutschen Nationalgefühls beruhte. 

2) LuKiAN, wie man Geschichte schreiben soll, c. 41: ^isot iv toT; ßtßXiot; v.a 
a-oXi;. Ich meine, der gewöhnliche Schriftsteller unsres Faches sei immerhin 
cftXo-ocrpt:, nur werde er nicht d-/8p6;£voc. 



Demours. 345 

Im Anfang bethoiligt die Entzündung vornehmlich 1) die Bindehaut, 
oder 2) das Gewebe darunter, 3) die Lederhaut, 4) die Hornhaut, 5) die 
seröse Haut an deren Innenfläche, 6) und 7) vielleicht auch die Iris und 
Aderhaut, und selbst die Netzhaut. Die Entzündung geht öfters sympa- 
thisch von einem Auge zum andren über. (Die Beispiele enthalten nichts 
von dem, was wir sympathische Augen-Entzündung nennen.) 

Die Ursachen der Ophthalmie sind äußere oder innere. Zu den 
letzteren gehören die Blut-Ueberfüllung, die Leiden des Lymphsystems, 
wie die scrofulöse, syphilitische, arthritische, flechtige und krebsige Dia- 
thcsc . . ., die Leiden gewisser Eingeweide, die mit dem Auge sym- 
pathisiren . . . , die Unterdrückung des habituellen Fußschweißes, eines 
Durchfalls, eines akuten oder chronischen Eiterflusscs, die Unterlassung 
eines Aderlasses oder einer Abführung . . . Hierher gehören auch die 
Metastasen nach dem Auge: die Reizung der Glieder, welche das Fieber 
verursacht, hat aufgehört, und das Auge ist Sitz derselben geworden. 

D. leugnet die Vererbung der Ophthalmie und die Ansteckungsfähig- 
keit derselben. Die Ophthalmie ist trocken oder feucht, selbst eitrig, sie 
ist akut oder chronisch. 

Die akute tritt auf in milder oder schwerer Form. Bei der letzteren 
ist die Absonderung erst wässrig, dann schleimig, hierauf eitrig; die 
Schmerzen werden unerträglich, die Schwellung der Bindehaut steigert sich 
auf's höchste, bis zur Chemosis: nur der Aderlass bewirkt Erleichterung 
des Kranken und Rettung des Auges. 

Bei der Behandlung ist die Eigenart des Kranken zu berücksichtigen. 
Die Lebensweise ist von Wichtigkeit, beim Nachlass der Heftigkeit wirkt 
frische Luft sehr günstig. Bei sehr akuter Entzündung muss die Diät 
sehr streng sein, — sagt IIippocuates^). Die entscheidenden Heilmittel der 
akuten heftigen Augen-Entzündung sind die entzündungswidrigen Gelränke, 
die örtlichen und allgemeinen Blut-Entziehungen, bisweilen die Brechmittel, 
häufiger die .Abführungen, fast immer die Abhäulungen (Blasenpflaster, 
Ilaarseil, Moxen, Brennungen entfernter Theile). 

Man sieht, im wesentlichen ist es die alte Leier, die einst Hippokrates 
vorgespielt hat; nur dass dem Franzosen »die Bäder weniger direkt nütz- 
lich scheinen«, und dass er vom Weintrinken dieser Kranken nichts hält. 
Blutegel setzt D. auch an die Innenfläche des Lids. Bei Säuglingen muss 
man vorsichtig sein; sie können daran sich verbluten. Bei der Chemosis 
setzt D. lieber, als 20 Blutegel auf einmal, dieselbe Zahl, einen nach 
dem andren, den ganzen Tag hindurch. Auch wirkt Ausschneiden einer 



1) Diese Citate sind so häulig bei Demours, wie in Paillerons Lustspiel »le 
monde oü Ion s'ennuie«, und ihre Komik ebenso groß, obwohl nicht beabsichtigt. 
D. citirt auch Neuere, hauptsächlich Franzosen, aber auch einige Ausländer, 
wie ScARPA und IIimly. 



346 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

oder zweier Fallen der geschwollenen Bindehaut recht günstig. Der Missbrauch 
der Kollyrien stürzt täglich Augen in Zerstörung. Dem Kranken soll man 
die Wahl lassen zwischen den Pflanzen-Aufgüssen und dem reinen Wasser. 

Obwohl die Ophthalmie stets von derselben Natura), so zeigt sie doch 
mitunter Eigenthümlichkeiten in Bezug auf die Ursachen, den Grad, 
den besonders betroffenen Theil des Auges. Es giebt eine 0., die von den 
atmosphärischen Veränderungen abhängt. Hier wird natürlich »Hippo- 
cuATEs« citirt^), ohne Berücksichtigung der Thatsache, dass Thasos und 
Thrakien ein andres Klima gehabt, als Paris. Bei der Ophthalmie durch 
Diathesen kommt zunächst die Blut-Ueberfüllung in Betracht; als 
Ursache wird Verminderung des Hämorrhoidalflusses erwähnt. Die Oph- 
thalmie während der ersten Zeit der Schwangerschaft entsteht durch den 
Ueberschuss des Menstrualblutes, das nicht zumWachsthum des Fötus Ver- 
wendung findet. Oertlicher Blutüberschuss kommt auch in Betracht, durch 
Nachtwachen, Leidenschaften, Hautabkühlung, Missbrauch in venere, im 
Alkohol, in der Nahrungsaufnahme, in der übertriebenen Nah-Arbeit, be- 
sonders der Kurzsichligen. Die scroful ose Ophthalmie geht fast immer in 
den chronischen Zustand über. Sie geht von dem einen Auge zum andren 
über und zeigt einen periodischen, unregelmäßigen Typus, befällt die 
MEiBOM'schen Drüsen und bewirkt häufig Hornhaut-Geschwüre. Außer der 
Bekämpfung der Scrofulose passen Blasenpflaster oder Kauterisation am 
Arm, scharfe Nasenmittel : denn das Auge bessert sich bei den Scrofulösen, 
sowie die Oberlippe und die Nasenschleimhaut befallen wird. Die hart- 
näckige Lichtscheu bei Kindern mit scrofulöser Hornhaut-Entzündung wird 
recht naturgetreu beschrieben. 

Bei der scorbutischen Ophthalmie sind die Mittel gegen die Grund- 
krankheit angezeigt, dagegen keine Blut-Entziehungen, — höchstens einige 
Blutegel oder blutige Schröpfküpfe; keine Blasenpflaster, höchstens Seidel- 
bast! Die arthritische Ophthalmie ist entweder blennorrhagisch, mit 
oberflächlichen Geschwüren der Hornhaut, mitunter auch mit tiefen, zer- 
störenden; oder chronisch und wechselt mit arthritischen Anfällen in andren 
Theilen. Gegen den Schmerz helfen Blut-Egel (bis zu 30). Durch Senfteige 
auf die Füße sucht man die Arthritis dorthin zu ziehen. Milch-Diät, wenn 
durchführbar, ist nülzfich. 

Die syphilitische Ophthalmie ist von der blennorrhagischen zu unter- 
scheiden. »Bisweilen ist das Hornhaut-Geschwür ein wahrer Schanker, bisweilen 
wird unter dem Einfluss der syphilitischen Ursache ein Hornhaut-Geschwür 
beobachtet, das nicht die Natur des Schankers hat. « Die seltnen Geschwüre 
der Lider sind im Anfang leichter zu beurtheilen. Wenn die Syphilis das 



1) Das blieb eine Zeit lang Signatur der französischen Schule. 

2) Vgl. unsren § 36. 



Demours. 347 

Innere des Auges befällt, so zeigt sich Iritis. Zuerst soll man die Ent- 
zündung bekämpfen (durch Ilaarseil); dann erst Merkur geben, aber nicht, 
wie in England, mit Galomel Missbrauch treiben. Sublimat soll nur mit 
äußerster Vorsicht angewendet werden. 

Die blennorrhagische Ophthalmie ist nicht in ihrem Wesen von der 
schweren akuten Ophthalmie aus andrer Ursache verschieden ; sie ist ähnlich 
der Neugeborenen-Eiterung, »gewöhnlich (!) bei Männern, außerordentlich 
selten bei Frauen«. 

»Sei es, dass der Kranke seine Augen berührt hat mit den Fingern, 
die besudelt waren mit dem Eiter eines Harnrühren -Ausflusses, woraus 
eine Art von Inoculation erfolgt ist; sei es, dass durch die sympa- 
thische Verbindung zwischen der Schleimhaut der Harnrühre und der 
des Auges die letztere plützlich Sitz einer Reizung geworden, die anfäng- 
lich in der ersteren sich festgesetzt hatte, — plützlich erhebt sich die 
Bindehaut in Wülsten um die Hornhaut.« D. hat bei einem Mädchen 
einen die beiden Augen zerstörenden Eiterfluss beobachtet, der aufgeklärt 
wurde durch abschilfernde Auswüchse an der Vulva, die seit 9 Monaten, 
in Folge eines frevelhaften »abus«, bestanden hatten. 

>Um die Hornhaut-Zerstürung zu vermeiden, muss man rasch und 
richtig zuschlagen.« Aderlass ohne Schonung, Blutegel am Damm (nicht 
am Auge), Aus- oder Einschneiden der Chemosis, Blasenpflaster zwischen 
die Schultern, alle halbe Stunden den Eiter aus dem Auge mit Hilfe eines 
feinen Schwamms entfernen, eine Kerze in die Harnrühre einführen. Vor- 
eiliger Gebrauch des Quecksilbers, innerlich oder mittelst der Einreibungen, 
hat, nach Demours, auf die schweren eitrigen Ophtlialmien einen verderb- 
lichen Einfluss gehabt und ist erst dann erlaubt, wenn die Entzündung ihre 
Kraft verloren. 

Aehnlich ist die eitrige Augen-Entzündung der Neugeborenen. 
Gewöhnlich befällt sie beide Augen, fast gleichzeitig, wenige Tage nach der 
Geburt; sie ist sehr gefährlich. Die gewühnliche Ursache ist die Unvor- 
sichtigkeit, mit der die Neugeborenen einer feuchten und kalten .Vtmosphäre 
ausgesetzt werden. Die Behandlung besteht in Blutegeln, Seidelbast-Salbe 
hinter die Ohren, Abführen, (indem die Amme Senna nimmt,) Reinigung des 
Auges mittelst eines in warmen Fliederthee getauchten Schwammes, ohne 
irgend etwas zwischen die Lider zu spritzen. (Diese Behandlung 
ist entgegengesetzt der englischen und italienischen und abweichend von 
der deutschen.) 

Die metastatische Augen-Entzündung wird gelegentlich auch schon 
»durch plötzliche Unterdrückung der Läuse bei den Kindern« hervorgerufen. 
(Wir sind heule der Ansicht, dass die Gegenwart von Kopfläusen zu 
den Veranlassungen von .\ugen-Enlzündungen l)ci Kindern gehiirt.) Bei 
der sympathischen 0. erfahren wir nichts von dem, was wir darunter 



348 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

verstehen, sondern nur den lateinischen Hinweis auf das Hippokra- 
tische Hüppoia [J.i7., ;'j[x-voia \v.a, ;o[j.-ai)ia rrzvia^). 

Die innere Entzündung befällt entweder die Regenbogenhaut und hat 
dann den Namen Iritis erhalten oder die serösen Häute im Augen-Innern. 
Flecke, die in Beziehung auf die Seh-Achse fest sind, sitzen in der Glas- 
kürperhaut oder in den Gefäßen der Netz- oder Aderhaut. 

Die Iritis führt zu Verwachsungen (adherences) mit der Vorderkapsel. 
Bisweilen sieht man mit der Lupe auch Blutgefäße auf der letzteren. Die 
wirkliche Iritis ist selten. Die Ophthalmie, durch welche sie veranlasst wird, 
steht häufig, aber nicht immer unter dem Einfluss einer syphilitischen Ur- 
sache. Bisweilen bilden sich »Abscesse« am R,ande der Pupille. Mitunter 
bleibt die Krankheit 20 Jahre stationär. Gelegentlich entsteht Hervorragung 
der Iris, ein gefährlicher Zustand. 

Die Iritis wird oft verkannt, namentlich von solchen Praktikern, deren 
Sehkraft nicht vollkommen. »Eine gut verkorkte Flasche, die einige 
Drachmen enthält einer Lösung von Belladonna-Auszug (18 Gran auf 
M'2 Dr.), die ihre Kraft ein Jahr und länger bewahrt, ist einem Arzt mit 
Augen-Praxis unerlässlich. Eine Stunde nach der Einträuflung prüft man 
leicht den Zustand der Linse durch die erweiterte Pupille, die Lupe giebt 
größere Sicherheit. Man muss mit dem Mittel vorsichtig sein, wenn die 
Krankheit im Zunehmen begrifTen.« Die Einträuflung wird immer nach 
4 Tagen wiederholt, das Haarseil ist fast immer angezeigt. 

Unter den Lidkrankheiten wird die chronische Entzündung 
der MEiBO-ii'schen Drüsen (Entzündung des Lidrandes) beschrieben und 
dagegen ein Blutegel an der Innenfläche des Lides empfohlen, ferner die 
Anwendung von angefeuchteter Brodkrume, von rohem Apfelbrei in Lein- 
wand während der Nacht, auch rothe Salbe (Butter 1 Drachme, Blei- 
Acetat und rothes Quecksilber-Oxyd dazu je 5 Gran, also 3,5:0,25). 

Die Geschwüre des Lindrandes sind fast immer eine Folge der 
Pocken. Wiederholte Anwendung des Höllensteinstiftes verringert die 
Röthe dieser Geschwüre; einige aber spotten der Wirkung des Aetzmittels. 
Ausstülpung entsteht durch Wucherung der Schleimhaut oder durch 
Narbenbildung in der Haut, selten und zwar hauptsächlich bei Greisen 
durch Lähmung der unleren Hälfte des Schließmuskels. Die erste Art 
wird durch Ausschneidung der Wucherung geheilt, die zweite ist immer(!), 
die dritte meistens unheilbar. Einstülpung, Haarkrankheit, An- und 
Verwachsung der Lider, Lidgeschwülste bieten nichts besonderes. 

Die Nasenschleimhaut gebt ununterbrochen über in die des Thränen- 
gangs, daher erstrecken sich die Krankheiten der ersleren zu der letz- 
teren. Der Gang verengt sich, aber verwächst fast niemals. Thränen, 



4) Von der Nahrung § 22, Littre B. 9, S. loe. 



Demours. 349 

Vergrößerung des Thränensacks, Entzündung, Aufbruch desselben, — das 
sind die 4 Stufen einer und derselben Krankheit. Bei der ersten und 
zweiten genügen Einspritzungen und Sondirungen nach Anel-M£jan. Führt 
dies nicht zum Ziel, so kommt die Eröffnung des Sacks, (der vorher durch 
Einspritzung von Wasser gefüllt worden,) und die Sondirung des Thränen- 
nascngangs, nach Petit, in Betracht, mit Dauersonden aus feinem Draht 
und Einspritzungen. Die von Foubert erfundene, von Duflytreji verbesserte 
Dauer- Kanüle wird sehr gelobt. 

Das Nagelbein ist kaum einmal in 100 Fällen entblößt, und auch in 
20 Fällen der Entblößung ist kaum einmal Knochenfraß vorhanden. Selbst 
dann kommt man mit milderen Mitteln, als dem Brennen und der Durch- 
bohrung, nämlich mit Einspritzungen u. dgl. zum Ziele. Die Durchbohrung 
des Thränenbeins mittelst des Glüheisens ist ebenso wenig werth, als die 
mittelst des Dreikants. 

Bei der Entzündung der Hornhaut dringt das Blut in die lympha- 
tischen Haargefäße, dieselben erweiternd, oder gar zerreißend. Noch häufiger 
entfaltet eine akute oder chronische Reizung die Bündel der Hornhaut und 
veranlasst sie zur Vereiterung, Verschwärung, Verhärtung, Entartung. Die 
Pusteln der Hornhaut werden bekämpft durch warme Umschläge. D. 
möchte sie wohl öffnen, wenn das Auge still hielte. Das Geschwür ist ge- 
wöhnlich die Folge der Pustel, die sich öfTnct ;>den unerträglichen Schmerz 
zu endigen, der in diesem Augenblick nur darum einen plötzlichen Zuwachs 
zu erleiden scheint, weil die Natur örtlich die Thätigkeit der Lebenskräfte 
steigert, um die schädliche Materie auszutreiben ':. Kleine, große, rand- 
sländige, centrale, schmutzige und durchsichtige Geschwüre sind zu unter- 
scheiden. Nur die verursachende Ophthalmie ist zu bekämpfen, alle ört- 
lichen Mittel aber zu meiden, außer etwa Fliederthee u. dgl. 

Hypopyon ist Erguss von Eiter oder gerinnbarer Lymphe Im 
ersten Fall ist die Materie das Erzeugniss eines nach innen zu eröffneten 
Abscesses der Hornhaut; im zweiten ist sie als Ausschwitzung von der 
serösen Haut geliefert, welche die concave Innenfläche der Hornhaut be- 
deckt und wahrscheinlich die beiden Kammern der wässrigen Feuchtigkeit 
bekleidet. Durch Aderlass am Fuß soll man während der Steigerung der 
Ophthalmie die Bildung des Hypopyon zu verhüten suchen. Den Schnitt 
soll man nur machen, wenn zuerst Hypopyon, dann Schmerz erfolgt ist, 
und zwar gleich zwei Dritteln des Starschnitts. War aber der Erguss erst 
die Krise des Schmerzes, dann wird der Schnitt unterlassen oder ver- 
Siholjen: dann passt der Ad(^rlass am Fuß, an der Drossel-Blutader, Blasen- 
pflaster, Abführmittel, Darm-Ausspülungen, strenge Lebensweise. 

Von den Fisteln der Hornhaut werden die blinden als selten vor- 
kommend beschrieben; in der Praxis IrilTi mui nur die durchbohrenden. 
Sie können intennittiren. 



350 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Wenn sie heilen, pflegt die Iris als Pfropf zu dienen. Diesen darf 
man also nicht ätzen. Die Haupt-Ursache der Fistel ist die Anwendung 
von örtlichen Mitteln gegen den Hornhaut-Abscess. Um die Heilung der 
Fistel zu erzielen, muss man das Auge frei lassen. 

In Bezug auf das Flügelfell scheint Scarpa's Erklärung die am wenig- 
sten mangelhafte, aber auch diese befriedigt nicht. 

Staphylom ist die vollständige oder theilweise Hervorragung, sei 
es der Hornhaut, sei es der Lederhaut. (Iris-Vorfall verdiene nicht diesen 
Namen.) Wenn man die Blase eines Thieres mit Wasser füllt, die OefTnung 
verbindet, in einem Bezirk eine Lage der Häute fortnimmt und nun drückt, 
so sieht man an dem Orte der Verdünnung eine Hervorragung. Hat also 
die Hornhaut durch Abscess, Verwundung o. dgl. einen Verlust ihrer Spann- 
kraft an einer oder mehreren Stellen erfahren, so ist eine der Bedingungen 
für die Staphylom-Bildung vorhanden. Eine zweite Ursache ist Störung 
des Gleichgewichts zwischen den die durchsichtige Feuchtigkeit liefernden 
und aufsaugenden Gefäßen. Können die Lider den vergrößerten Augapfel 
nicht mehr bedecken, so besteht wahre Wassersucht des Auges. Es giebt 
eine angeborene Vergrößerung des Augapfels. Einige Sehkraft kann sich 
dabei erhalten. Eine Neunjährige zeigte einen Hornhautdurchmesser von 
7"'; sie sah etwas mit dem linken Auge. Die Hornhaut kann durchsichtig 
bleiben, bei der Erhebung, und ziemliche Sehkraft zulassen: von der Seite 
betrachtet, ähnelt sie einer Ellipse (oder einem Kegel); nicht, wie in der 
Norm, einem Kreise. Das gewöhnliche Staphylom der Hörn- und der 
Lederhaut hat eine Neigung sich zu vergrößern; aber nur sehr selten 
endigt es in Krebs. Eine spontane Zerreißung kann die erwünschte 
Schrumpfung des Augapfels herbeiführen. Mit der Operation soll man 
sich nicht beeilen. 

Die Verfahren sind die folgenden: 

Ein Einschnitt an der Stelle der größten Hervorragung, ein Querschnitt 
(2'" vom äußeren Hornhautrand bis 2''' vom inneren) mit Entleerung der 
Augenfeuchtigkeiten ; die Abtragung der ganzen Hornhaut mit einem daran 
haftenden Streifen der Lederhaut von \ '" Breite, wozu ein vergrößerter 
Star-Schnepper von Gü£rin-Dumont bequem scheint. Im letzteren Fall 
sitzt ein künstliches Auge gut und ist beweglich. 

Die durchsichtigen Staphylome der Hornhaut sind unheilbar. Die- 
jenigen undurchsichtigen, welche nur Entstellung verursachen, können mit 
Abwarten behandelt werden. Die schmerzhaften erheischen Verkleinerung 
des Augapfels. 

Der Weiß fleck der Hornhaut ist gewöhnlich Folge von Abscess oder 
Pustel. Bisweilen entsteht er ohne Entzündung, in Folge der zweiten 
Zahnung, z. B. bei einem 7jährigen Mädchen; selten bei Erwachsenen. 
(Natürlich war das eine reizlose Form der Hornhaut- Entzündung bei 



Demours. 352 

angeborener Lues.) Bei frischem Weißfleck soll man nichts naachen, bei altem 
verwirft D. zwar nicht ganz die banalen Mittel, wie die gelbe Salbe und 
Pulver aus Zucker, Zink-Oxyd und Calomel; aber er verlüsst sich mehr 
auf die folgenden Mittel: Augenbad, llitzungen der unteren Lidbindehaut, 
Ausschneidung einiger Gefäße, die zur Hornhaut ziehen, Ritzungen des 
Weißflecks. Das Leukom ist eine Narbe der Hornhaut und also unheilbar. 

Den Vorfall der Iris soll man weder forlschneiden noch wegätzen, 
sondern der Natur überlassen. Die Iritis wird nur erwähnt, nicht be- 
schrieben, da sie von der Choroiditis, der inneren Ophthalmie, nicht zu 
trennen sei. 

Die Erweiterung der Pupille ist (nach Demours d. Vater] entweder 
idiopathisch oder symptomatisch , d. h. eine Folge der Abstumpfung der 
Netzhaut. Die erslere. bei welcher in gewissen Fällen kleiner, immer ver- 
worren gesehen wird, hängt ab von einer Lähmung der Ciliar-Nerven. 
Doppelseitige Mydriasis hat D. nicht gesehen noch von ihr erfahren. Mit- 
unter folgt auf Mydriasis, sogar nach ihrer Heilung, die Amaurose. Die 
spontane Mydriasis heilte von selber in 7 von 9 Fällen, die traumatische sehr 
selten. Zur Behandlung muss man erforschen, ob der Sitz des Leidens 
in der Schädelhühle, sei es im Ursprung oder im Verlauf der Nervenfasern, 
oder in der Orbita, oder im Augapfel selber, hu letzteren Falle empfiehlt 
D. die Elektricität und Einträuflung einer scharfen Flüssigkeit, z. B. des 
Tabaks-Aufgusses. 

Die Verengerung der Pupille ist Folge einer Entzündung der Iris. 
Es besteht Gefahr der Verschlimmerung. Das beste Mittel ist Einträuflung 
einer Lösung von Belladonna-Auszug. Mitunter ist die Verengerung der 
Pupille Symptom einer Neurose des Sehnerven. Ueber Demourss Pu- 
pillenbildung vgl. §338, No. 26. »Diese Operation übertrifft an Zart- 
heit und Schwierigkeit alle andren am Auge und kann nur von sehr ge- 
übter Hand ausgeführt werden.« 

Die flatternden Fäden und Wolken sind sehr gewöhnlich, sie 
finden sich bei der Hälfte aller Menschen, sind unveränderlich und bleiben 
während des ganzen Lebens: sie dürfen nicht verwechselt werden mit den 
in Beziehung zur Sehachse festen Flecken, welche von tlieilwcisen Ver- 
änderungen des Sehnerven und der Netzhaut abhängen und Vorläufer der 
Amaurose darstellen. Sie sitzen in der MoR(;.\GM'schen Feuchtigkeit (!). 
Ablassen des Kammerwassers bewirkt nicht die mindeste Aenderung der- 
selben. Nichts ist erfiirderlich, als Berubigung der Kranken. 

Star ist verursacht durch L'nterbrecbung der Linsen-Ernährung. Der 
Beginn des Stars ist schwer zu unterscheiden von dem der Amaurose. 
Einträuflung von Belladonna-Lösung erleichtert die Diagnose. Man operire, 
sowie das zweite Auge ergriffen wird. Man operire nicht beide Augen 
gleichzeitig. Es ist vortheilhafl, wenn nur ein Auge operirt ist, den 



352 XXIII. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Kranken auf die andre Seile zu lagern, — damit die Thränen des ope- 
rirlen leichter abfließen. Ist die Reclination misslungen auf einem Auge, 
so macht D. auf dem andren die Extraction, und umgekehrt. Die Kerato- 
nyxis kommt nur bei Kindern in Betracht. Aderlass 1 — 2 Tage vor der 
Operation, Diät für 8 Tage mit mäßigen Abführungen dienen zur Vor- 
bereitung. 

Zur Ausziehung sticht D. sein (verbessertes LAFA-VESches) Messer Ys " 
von der Lederhaut entfernt^ 1 — 2'" oberhalb des wagerechten Durchmessers 
der Hornhaut in die letztere und geht grade durch zum gegenüberliegenden 
Ende jenes Durchmessers, so dass die (untere) Hälfte der Hornhaut abge- 
trennt wird. Der Schnitt liegt also ein wenig schräg. Hierauf folgt die 
Kapsel-Zerschneidung mit dem Häkchen und der Austritt der Linse. D. 
verbindet so leicht, dass der Kranke das Auge öffnen könnte, wenn er 
wollte. Einige Stunden nach der Operation wird ein Aderlass am Fuß 
verrichtet, wenn keine Gegenanzeige besteht. Die Diät sei streng. Seit 
der Verbesserung der Depression (durch Scarpa) macht D. diese Opera- 
tion häufiger, bei tief liegendem Auge, kleiner Hornhaut, früheren Ent- 
zündungen des Auges, auf Wunsch des Kranken, bei Kindern. Oefters 
macht er auf dem einen Auge die Niederdrückung, auf dem andren die 
Ausziehung. Aber im Ganzen zieht er die letztere vor. 

Seine Erörterungen über Myopie hat D. großentheils den an seinen 
Vater gerichteten Briefen des kurzsichtigen Prof. Sauvage (§ 385) entnommen. 
(Ich möchte nicht rasch entscheiden, ob die Fehler Herrn S. oder Herrn D. 
angehören, z. B. »l'angle de refraction est toujours egale ä l'angle de